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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-12-10 · 50 (10.12.1926) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
50 (10.12.1926)
Date
1926-12-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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<**«■ y , V'1 VW^'V»W’ *'" rr*:? ■:■1 .jv- ■»"-’ *ifp^i¥>f.»!ry?^v 4 ” hat Eeitten Wert, in die Vergangenheit zu Sltckeu und es scheint mir richtig, in Anerkenuuua der hohen Dev-iemr«. die Herr Dr. FreuuL sich erworben hat. den Mantel jüdischer 'Liebe über hinter unS liegende Dinge zu breite«, nachdem wir gehört haben, daß Herr Dr. Freund sein Amt alb Geffchäftsführer im Rahmen der seither hierfür festgeleaten Linien nicht weiterführen wird. Wir nehmen davon Akt. Würde diese Erklärung nicht vorliegen. so müßten wir fest« stellen, daß wir schwerste Bedenken gegen die Weiterführung -er Geschäfte durch Herrn Dr. Freund haben und daß wir mit ihm nicht zufrieden sind. -Die Wahl deS Geschäftsführers ist nicht unsere Sacke, wir erblicken aber die Möglichkeit einer gedeihlichen Arbeit dann nicht, wenn Herr Dr. Freund Geschäftsführer im seitherigen Umfange bleibt. Dieser Feststellung sind nur nun überhoben. Der Rat wird die Stelle eines Geschäftsführers auszuschreiben haben, denn der Verband muß einen Geschäftsführer haben und er kann nicht nur auf die Arbeit der Dezernenten angewiesen sein. Wir wollen hoffen, haß der geeignete Mann gefunden wird, der die Arbeit so fördert, daß bei der nächsten Tagung konstatiert werden kann daß der Verband ohne Hemmungen arbeitet und daß die Dinge, die nnalle am Herzen liegen, fachgemäß erledigt werden. Die Arbeit ist ohnehin nicht leicht, und zwar schon im Hinblick ans die Kompliziertheit deS Apparats Wir müssen dazu kommen, die Organisation zu verbessern. Demokratie ist nicht identisch mir Zahlenwut.- wenn ich mir aber vvrstelle, daß zur Besorgung der Angelegenheiten von etwa 500000 preußischen Juden nahezu 200 Männer und Frauen aus dem VerbaudStag und dem Rat zusammeusitreu, und wenn ich mir vergegenwärtige, welches Heer auftreteu müßte, wenn etwa die evangelische Kirche in Preußen in gleicher Weise verfahren wolle, iv ist Nar. daß bei unS deS Guten etwas zuviel ge» schi-ebt und daß wir sehen müssen, mit einer geringeren Zahl von Personen auszukommen, billiger zu wirtschaften, und lieber die dadurch frei werdenden Gelder für Zwecke der Wohlfahrt, für die notleidenden Lehrer und andere Zwecke anfzuwenden. Dann wird es auch leichter sein, iördcrtiche Arbeit in der Sache zit leisten, und dann besteht die .Hoffnung,, daß wir in der Sorge für unsere sachlichen Interessen den Weg zu gemeinschaftlicher friedlicher Arbeit finden. Damit hätte ich zu ihrer Freude meine Ausführungen schließen wollen und können, zumal ich kein Freund großer Reden und tönender Schlagworte bin. wenn nicht die Ausführuuge-r, die Herr Ministerialdirektor Dr Badt gestern gemacht hat. mich zu einer Erwiderung zwängen. Er Hat die SotMzerfleischiulg und die Zersplitterung der deutschen Judc/l beklagt, die selbst ihre größten Feinde seien, und er l)ä.t als Beispiel dafür fernen 1 ^jährigen Kampf um feine ^neunung als Ministerialdirektor und all die Briese anfgcführt. in denen jüdische Leute sich gegenüber dem Minister gegen diese Ernennung ausgesprochen haben. Mir scheint das alles etwas egozentrisch zu sein. Ich bin ein bescheidener Mann aus der Provinz, ich gehöre keiner politischen Partei au, mir ist nicht bekannt, was in der Politik vorgeht, und ich bin, wenn >-ric wollen, auf politischem Gebiet ein richtiger Am Hoarez Ich wußte mit keinem Wort etwas non der beabüchligten Ernennung des Herrn Dr. Badt und ich kann versichern, daß weder itft noch einer meiner Freunde Briefe an den Minister gerichtet haben, die sich -gegen Sie anssprechen. Ich habe auch gar kein Verständnis für die Einstellung von Leuten, die glauben, mit ihren Briefen den Minister von der Beförderung eines feiner Partei ailgchöreuden bewährten hohen Beamten abbringen zu können Wenn -es solche törichten Leute gibt, w haben wir nichts mit innen zu tun. Es ist auch nicht richtig, daß wir uns dagegen wehren, daß Angehörige der VolkSpartei Lu. hervorragende Beamtenstellungen kommen. Ick lnrbe vax nichts gegen die Ernennung des Herrn Dr. Badt zum Ministerialdirektor, ist spreche chm meinen Glückwunsch anS iM'ckd ich treue mich über sie neidlos, um lo mehr, als eS doch den Aufche'n hat als ob die Ministersessel in Jerusalem doch nicht in io naher Aussicht zu stehen scheinen und daß auch die Zweifel an der Erfüllung der nationalen Träume »gerechtfertigt sind. Wir haben gar nichts dagegen, wenn nichtige und charaktervolle Männer und Frauen jüdischen Glaubens auch ans der VolkSpart-ci, im Staatsdienst vorwärts kommen. vorausgesetzt. daß sie dabei den nötigen Takt und die erforderliche Zurückhaltung bewahren, denn nur dann dienen sie der iüdischen Gesamtheit. Diese Zurückhaltung habe ich allerdings vermißt, als -Herr Dr. Badt sich gestern mit den Berliner Wahlvorkommnisseu und der Art der Proteste gegen sie beschäftigt und sich darüber erregt hat. Ich habe nichts gegen das von ihm angeregte Wahlprüiungsge eicht, aber so lange es noch nicht besteht, können wir doch nicht jeden Wahlschwindel decken und wir müssen dagegen den durch die Gesetze vorgeschriebenen Weg gehen. Gerade die Art aber, in der Herr Dr. Badt sich gestern mit den Einzelheiten der Wahlproteste befaßt hat. weckt doch erheblich Zweifel an seiner Objektivität, und ich nehme an, daß er sich nach dieser Feststellung jeder Mitwirkung bei Erledigung der Berliner Wahlproteste enthalten wird. Ich habe diese Dinge nur ungern angeschnitten, es ist für mich keine Freude, sic zu erörtern, aber Herr Dr. Badt hat mich dazu gezwungen. Herr Dr Badt hat dann davon gesprochen, daß es eine Parole gäbe: ..Für Deutschtum gegen Zionismus". Zum Beleg dafür hat er eine ganze Reihe von Zeitungsausschnitten verlesen, in denen scharfe Angriffe gegen Mitglieder der VolkSpartei enthalten feien. Ich sammle keine ZcitungSausschuitte und habe mir keine mitgebracht. Ich könnte mir aber vorstellen, daß es, wenn ich mich damit abgeben wurde, nicht schwer wäre, aus dem zionistischen Blätterwald und den unzähligen Versammlungen zionistische Redewendungen vorzubringen. die nicht immer die sanftesten sind. Ich könnte mir denken, daß eine solche Blkitenlcse eine Fülle von Entrüstungen Hervorrufen würde. Ich sehe aber davon ab, weil ich dem ,Frieden dienen will, und weil wir hier die gemeinsame Arbeit fördern wollen. Heißsvorne gibt es auf allen Seiten. Ebensowenig wie die Zionisten dos Judentum für sich allein gepachtet haben, ebenso wenig werden sie leugnen können, daß cs vor dein Zionismus andere Richtungen gegeben hat und geben wird. Man soll darum die Friedenstörer nicht nur außerhalb der eigenen Mauern suchen und soll auch hier nickt das tfind mit dem Bad ausfchütt-en. Herr Dr. Badt hat dann auch von der Selbstzcrfleischung des Judentums gesprochen und er bat erklärt, daß die Juden in der Politik damit denselben Fehler begingen wie die Deutschen in der Politik. Ick akzeptiere dies Zeugnis für den Gedanken, den man sonst Assimilation nennt und als ein Beweis dafür, daß wir Inden doch nickt so ganz unabhängig von unserer Umwelt sind, wie das manchmal dargcstellt wird. Ich kann aber auch den Pessimismus des Herrn Dr. Badt nickt teilen. Die Juden sind mm viel zu ausgeprägte Persönlichkeiten. als daß mau sie unter eine Marke bringen könnte. Wir müssen untereinander Toleranz üben und uns damit absinden. daß daS Judentum aroß genug ist, verschiedene Richtungen in seiner Mitte zu dulden, wie cs solche innerhalb seiner Geschichte immer gegeben hat. Herr Dr. Badt hat dann schließlich eine Geschichte erzählt und er bat. weil ein Vertrauensmann des Centralvereins in Palästina alles herrlick gefunden habe — ich wollte von Herzen, es wäre und bliebe dort alles herrlieh — die Hoffnung ansgesprochen, daß er einmal 0» Prozent der Juden im Lager der Vollspartei sehen werde. Ick bin bescheiden und kein Prophet. Den Aufbau von Palästina berühr auch ich, soweit er sich nicht auf nationalistischer Grundlage ab spielt, aber ich habe die Hoffnung, dah schließlich das religiöse Judentum die Suprematie über nationalistische Ideen davon tragen und daß innerhalb diesereligiösen Judentumdie liberale Idee de- Fortschritt- und der Entwtckluna stark und mächtig bleiben, daß sie sich durchsetze» wird, und daß sie von sich wird sagen köiuren Io omus ki ecbje, ich werde nicht sterben, nein, ich hoffe zu leben. Ferner sei unserem Berichs noch nachgetragen, daß solgender liberaler Antrag einstimmig angenommen wurde: „ES hat sich gezeigt, daß dt« seelsorgerische Betreuung der in Irrenanstalten und anderen öffentlichen Anstalten aus dem Lande untergebrackten GlanbenSgenosten eine unzureichende ist. Zum Teil ist nicht einmal für die Bestattung in derartigen Anstalten verstorbener Juden auf einem jüdischen Friedhof gesorgt. Der Rat wolle Feststellungen darüber treffen, in welchen derartigen Anstalten regelmäßig Juden untergebracht sind und Vorkehrungen für die Seelsorge und Bestattung derselben herbeizuführen." Nach der Verlesung der von uns bereits veröffentlichten Dankresolution der liberalen Fraktion schloß der Pröfident des Berbandstages, Justizrat Sonnenfeld, die Tagung mit folgenden Dforten: Ick danke den verehrten Damen und Herren, die hinter dieser Resolution stehen. Wir sind am Schlüsse unserer Taguna an gelangt. Sie gestatten mir. Ihre Geduld noch für ein kurzes Wort in Anspruch zu nehmen. Ost dachte ich au das Pialmistenwort: „Das Schweigen ist Dir Ruhm." Aber für mich mar eS Pflicht, eine bittere Pflicht. Es ist mir unendlich sauer geworden, bei den Auseinandersetzungen, die sich um meine Person drehten, auch gegenüber unzntreffen bunden mit her Bedeutung des ChanuttasesteS. Allen Mitwirkenden und unserem treuen Freunde Ludwig Freund sei auch an dieser Stelle für dt« Hingabe und alle Mühen herzlichst gedankt. Bevor der Tanz an seine Rechte kgm, fand Alfred Berger unter lebhafter Zustimmung Worte des Danke-, die in dem Wunsche ausklongen, daß für alle, die mit uns schaffen und wirken, di« Liebe und di« Treue Eckpfeiler in ihrer Betätigung bleiben mögen. Während des Tanzewußten noch die Herren Kantor Wartenberger durch Gesang, und Jacobomtdurch humoristische Vorträge, die Zuhörer mit sich fvrtznreißen. Die mitternächtige Stunde war längst verstrichen, als das harmonisch verlaufene Fest sein Ende erreichte. Stettin. Am Dienstag, den 20. November 1036. fand in der hiesigen Ortsgruppe der „Vereinigung für das liberale Judentum E. B." ein Vortragsabend statt, in dem der Generalsekretär der Bereinigung, Herr George Goetz, über da- Thema „Liberales Judentum und Zeitgeist" sprach. Nach einleitenden Worten durch den 1. Vorsitzenden, Dr. Meye r, der der alten, mit dem unvergeßlichen Namen -es Rabbiners Tr. Heinemcnm-Vogelstein verbundenen Tradition der Stettiner Gemeinde gedachte, führte der Redner etwa folgendes aus: Die Formen des Judentums waren nach dem jeweiligen Zeitgeist gestaltet. Im Altertum-Opferkultus, in späterer Zeit-Gebetkultus, der sich dann allmählich wandelte und tu der Zeit der Emanzipattou, von der bis dahin im Ghetto unbekannten Kunst befruchtet und entfaltet wurde. Alle diese Form ist — wie überhaupt jeder Wandel — naturgegeben, und einer solchen Entwickelung kann sich auf die Dauer auch keine noch so konservativ gesonnene Richtung entziehen. Letzten Endes kommt es aber für dar religiöse ’ 1 '■ ftnvm«» So«< f}A den TatbestaridSdarlegungen völliges Stillschweigen zu eiu-ncy«;». —--- -- -- - . wahren. Ich habe es dennoch getan, weil es meine Pflicht Bewußtsein nicht an am den Wandel der vormen. der sich war. die ans der Geschäftsordnung floß. Aber eS sei nicht Wandel des teweils herrschenden Zeitgeistes vollverhehlt, daß die Tatsachen, denen gegenüber ich zum Schweigen genötigt mar. eine Erregung bei mir zeitigten, die vielleicht äußerlich nicht erkennbar wurde, aber innerlich an meinem Marke nagt. Und wenn mich etwas aufrecht erhielt, so war es das Nietzsche-Wort: „Will ich mein Glück- Nein, ich will mein Werk." Deshalb war ich der Meinuna. daß ich nickt öerechtigt sei. solange die Fraktion anders darüber dachte, mein Amt niederzulegen und mich dadurch allen Anfeindungen zu entziehen. Wenn ich mich nun frage, wie es in Zukunft sein werde _ ohne Rücksicht darauf, ob ich dann noch der Präsident sein werde —. so habe ich zu sagen, daß ich in dieser Beziehung daö besondere Vertrauen zu unseren Frauen habe, die ia fetzt unsere Kameraden sind, die anS der Vergangenheit als Rüstzeug mitgebrackt haben das Streben nach Frieden, das Streben, durch die eigene Friedfertigkeit das Beispiel für die Anderen zu geben. Fragen Sie. meine Damen und Herren, nun weiter, welchen Eriola ich mir von dieser Mühewaltung, von dieser Kulturaufgabe unserer Frauen verspreche, so möchte ich mit einem Prophetenmort antwor.ten: Auf die Frage an den Wächter der Nackt: ..Was wird aus dieser Nacht?" kam die Antwort: „Es wird folgen der Morgen itn> cö wird fvlae.it wieder eine Nacht." Ich habe die Zuversicht, ^r* CetiffillttfiMi nvd Zerdaß gegenüber den gegenwärtigen Zerfleischnngen und Zerreißungen im Judentum ein Morgen kommen wird. Allerdings bin ich dessen sicher, daß Rückschläge, eine neue Nacht, nicht ausbleiben werden. Da müßte an der Zukunft, am Erdenleben verzweifeln, wer den Messiasglauven verloren frai. Mich aber läßt der Messias glauben, felsenfest daraus bauen, daß dereinst das Gute und das Recht zum Siege gelangen werden. Nun. meine verehrten Damen und Herren, danke ich Ihnen für Ihre Mitarbeit und spreche die Hoffnung ans, senden darf, daß wir alle ihm gute und schnelle Genesung wünschen. Damit heiße ich den Berbanöötag für geschlossen. **********************************3 *************** ^*^J**^ Aus der Bewegung Berlin. (Lrberaler Sunagogenverein Nor - d e n.) Der liberale Snnagogenverein Norden bot dnreh eine Chanukah-Morgenfeier am Sonntag, den 3. d. M., denjenigen Glaubensgenossen, die ihre Erwerbötätigkeit an der Teilnahme am Sabbat-Bormittags-Gotresdienst hindert, Gelegenheit» in einer Stunde weihevoller Andacht der Feier der Festwoche gerecht zu werden, und anderen Besuchern, die Bestrebungen des Vereins um die Gestaltung eines in zeitgemäßer Form gehaltenen Gottesdienstes kennenzulernen und Freunde des Vereins zu werden. Der zahlreiche Besuch beweist die Notwendigkeit und das Praktische, den Anlaß der Festwochen zu Pestack. SukkauS und Chanukah zur Veranstaltung von sonntäglichen Morgenfeiern wahrzunehmen, um in solchen Freizetten berufstätigen Glaubensgenossen außer dem Freitag, abendgottesdienst Gelegenheit zu gottesdienstlicher Erbauung zu geben. — Den Mittelpunkt der unter Mitwirkung des Vorbeters und des Synagogenchores anSgcführtcil Andacht, der die verkürzte. Gebe.tv'-dmmg für die Wochentage zugrunde gelegt mar. bildete die Thoravorlrsnng und die Predigt. Herr Professor Friedländer hacke die Funktion des Balkore über-' ttommett; vor der hebräischen Vorlesung gab er in deutscher Sprache eine Erklärung des Schriftabschnittes. der non dem religiös-geistigen Dcrhältnis Mojes zu seinem Verwandten Jethro handelt Diesen Text legte in Ausdeutung auf daS Chanukahfest Herr Rabbiner Dr. Salomonski seiner Predigt zugrunde. An dem Satze der Heiligen Schrift „Kümo adonaj wejosuzn auswccho", „Erhebe Dich. Ewiger, zerstreue Deine Widersacher", den wir jedesmal beim Ausheben der Thora beten, legte er dar. daß unsere Vorfahren zu der Makkabäer Zeiten keinen Kamps aus Macktgelüsten zur Erreichung von Land geführt haben, sondern einen AÜwehrkamps zur Befreiung nicht von der Herrschaft deS SyrerkönigS, nur zur Wahrung der geistigen und religiösen Fr-eiheit des Judentums und ferner Bekenner. Die Verräter befanden sich in den eigenen Reihen: solche gibt cs heutzutage auck in unserer Mitte. Wie Jethro sich von der Glaubensgemeinschaft absonderte, so tun eS in unserer Zeit viele. Es gilt, sie dem Judentum zurückzugeminnen dadurch, daß der Gottesdienst ihnen in verständlicher Form öargcboten wird. Breslau. iJ ü d i sch -liberaler Jugendverein Abraham G e ig e r , BreSlau.) Eine stattliche Anzahl Mitglieder und Freunde unserer Bewegung vereinigte sich am l. Dezember zu unserem diesjährigen Chanukahfeste in dem festlich geschmückten Saale des Hotels .„König von Ungarn". In stimmungsvoller Weise vollzog unser verehrter Herr Kantor Wartenvertp-r die Ltchterweihe. In treffenden Worten ließ Herr Rabbiner Dr. Halpersohn Sinn. Bedeutuna und Wert des Festes, insbesondere für unS liberale Juden, vor unserem geistigen Auge vorüberziehen. Nach dem gemeinsamen Gcsgng des Chanukkaliedes folgten in buntem Wechsel Ge'angsvorträge. in bekannter?Ncisterschaft zum Bortraa gebracht von den Herren Kantor Wartenbergcr und Albert Wesel, ein Klaviervortrag von Frau Landsberger, Rezitation von Ruth Pvllack; zur Flöte betätigte sich Bruno FuchS unter Begleitung seines Bruders Alfred FuckS am Klavier. Sine Revue, verfaßt von Herrn Walter Alerander, zeichnete in sieben abwechslungsreichen Bildern Leben, Treiben, Licht und Schatten im Jli, vernach dem Wandel des jeweils herrschenden , zieht, sondern auf den Wandel der Herzen, und auf die Empfindungen und Gedanken zum Bewußtsein der Ewig-< kett und der Religipit. Wir dürfen uns nickt leiten lasten von )der orthodoxen Anffassuug, nach der Gott die einzelnen Formen mrd Bräuche angevrduet hat und ihrer Betätigung durch die Menschen bedarf. Für uns ist die Zeremonialhandlung ein Symbol und enthält alls solches die Antriebskraft zur Erweckung unseres religiösen Bewußtseins. Solche echt liberale Auffassung führt dazu, daß wir einerseits die Formen nach unserm Geschmack, unserer Kultur und unserem Zeitstil nmgestalteu, aber andrerseits führt sie auch dazu, daß wir deit Anschluß an die Tradition suchen. Liberales Judentum ist nach einem Worte Seeligmanns getragen vom „Willen rum Judentum". Dieser Wille müsse uns bei unserer Einstellung zum Gottesdienste leiten. Im Anschluß an die tiefempfundenen Worte des Redners fand eine lebhafte Distllssion statt, die sich bis in die Nachtstunden auSdeyute. Pariser Brief. Die jüdische Bcoölkernng in Marokko. P a r t s, im Dezember 1Ü26. Dos jüdische Element ist bekanntlich in Marokko (wie überhaupt in ganz Nordasrika) ziemlich stark vertreten und spielt dort auch eine bedeutende Rolle. Seiner Herkmrft nach setzt es sich aus zwei Teilen zusammen: jenen Juden, welche in sehr alten Zeiten, vielleicht zur Römerzeit, vielleicht sogar bereits in der Phönizierzeit aus Palästina ins Berberlanü kamen und sich dort ansieüelten, und den aus Spanien nach der Reeonquista vertriebenen Juden. Die beiden Elemente, welche mehr oder weniger miteinander vermischt sind, erhielten seit der Etablierung des französischen Protektorats bedeutende Verstärkungen aus den Balkanländeru. aus der Levante und selbst ans Algerien und Tunis. Die Zahl der gegenwärtig in Marokko lebenden Juden wird auf rund 100 000 geschätzt. Sie sind über das ganz« Land verbreitet, weniger zahlreich auf dem Laude als in den Städten, wo sic einen bedeutenden, oft überwiegenden Teil der Bevölkerung bilden. Sie bewohnen gewöhnlich besondere Quartiere, die „Mellahs". wo sie früher eine strenge und schikanöse Gesetzgebung in Ghettogesangenschaft hielt. .. . .. In den größeren Städten Marokkos und d«e Juden znsernmäßig wie folgt vertreten Casablanea Marrakesch Fez . - - Mogador Meknes Mazagau ... 17 500 , . . 12 500 , . . 9000 , . 0 000 , . . 6000 etwa 3000 Ungefähr die gleiche Anzahl in Rabat, Saft imid Sesru. Salö .. ..über 2 000 Dernnat . . . ... . . >. . über 1000 eben so Udschda und Settal. Die Lage der Juden mar unter der ehemaligen fcherrfi» schen Herrschaft höchst beklagenswert. Erst Forscher unspäter Touristen berichtetcir reichlich über ihr unbeschreibliches Elend und ihren erbärmlichen psnsiologischen Zustand. Trotzdem bewiesen die Juden Marokkos die unverwüstliche jüdische Lebenskraft. Sie wußten, allen Entbehrungen und Mißhandlungen trotzend, sich ihr eigenes Gesicht zu bewahren. Et» altes Sprichwort stellt den marokkanischen Inden an die letzte Stelle unter den Juden, aber diese oft selbst von ihren Glaltbensgenossen verachtete Gemeinschaft hielt mit Meisterschaft verschiedene Industrien in Händen, wie -um Beispiel die Bijouterie und auch einen großen Teil des Handels, mit Ausnahme in der Gegend von Fez, wo das muselmanische Element vorherrscht. Hierzu ist übrigens zu bemerken, daß nicht wenige dieser muselmanischen Familien jüdischen Ursprungs sind. Die Etablierung des französischen Protektorats brachte den marokkanischen Juden viele Erleichterungen Besckützt von den französischen Truppen und Gesetzen, konnten sie ihrer Aktivität freien Lauf lassem Jetzt erst konnten die Inden so recht ihren bewundernswerten Geschäftssinn entfalten: sie dienen heute in zahlreichen Gegenden des Landes als unentbehrliche Vermittler zwischen Europäern und Eingeborenen. Das Pariser Blatt ,.I.a D6p£che Coloniale" gibt von diese Entwicklung eine Schilderung und ist mit ihr durchaus einverstanden, fügt jedoch zum Schlüße hinzu: „Hierbei werfen sich jedoch einige Probleme auf, welche wir nicht die Anmaßung besitzen, lösen zu wollen, doch muß ihnen viel Aufmerksamkeit zugewandt werden. Diese sehr rasche, vielleicht zu ralche Befreiung der Juden, welche durch das Aufgeven -er „Mellahs" symbolisiert ist, kann einige Unannehmlichkeiten mit sich bringen. Diese Juden passen sich leicht an, aber in Wirklichkeit adoptieren sie nur einige oberflächliche Merkmale unserer Zivilisation. Diese selbst scheinbare Assimilierung ist nicht ohne Gefahr. Man kennt die Wirkung des Dekretes CrLmieux in Algerien. Mehr als eine Generation wird nötig sein, um die intellektuellen und physiologischen Gebrechen zu heilen, welche die „Mellahs" charakterisieren, und aus allen Juden Mitarbeiter zu machen, auf welche man zählen kann. Im übrige« ist eine allzuenge Annäherung zu befürchten. Die muselmanifcken Eingeborenen, welche gerne den „Rumi" (christliche» Europäer) geringschätzen, verachte» «och mehr

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