Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 50 (10.12.1926)
- Date
- 1926-12-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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<m. Die Studenten demonstrierten in den Straßen, ver» anstalteten, unterstützt vom OrtspöLel. ein Steiwbom-ardemetft gegen jüdische Wohnungen und jüdische GeschäftSläden. Unzählige Fensterscheiben gingen in Trümmer. Wohnungseinrichtungen und Warenlager wurden stark beschädigt. In den Straßen wurde jeder jüdische Passant. der den HuliganS begegnete, schwer verprügelt: zahlreiche erheblich verletzte Juden wußte« in- Krankenhaus geschafft werden. Eine Abordnung -er jüdischen Bevölkerung wandte sich an den Armeekowwan-anteu in Kischinew um Hilfe. Dieser ließ die Straßen mit einem Regiment Infanterie und einem Regiment Kavallerie besetzen, so daß für kurze Zeit Ruhe eintrat. Nach dem Bankett bei dem Bischof Gnrie wiederholten die Studenten ihre antijüidlschen Kundgebungen, dabei kam es zu Zusammenstößen zwischen den Demonstranten und dem Militär. Bier Studenten und eine Studentin wurden von den Hufen der Kavallerie verletzt und mnßten ins Spital geschafft werden. Auch in Kalamsch kam es Mt schweren Ausschreitungen gegen die Juden, die von einer anderen Gruppe aus Iaffn .zurückkehrender Studenten-Telegierter veranstaltet wnrdm. Dort wurden fast alle Fensterscheiben -er jüdischen Wohnungen und Geschäftsläden zertrümmert, mehrere Inden wurden blntia geschlagen. Kischinew. 5. Dezember. (ITA.) Ueüer die pvgromartigen Geschehnisse in Kischinew ist noch zn melden: Die Zahl der antisemitischen Studenten, die als Gäste -eS Erzbischofs Gurie vom Iaffyer Stndenteugougreß hier eintrafen, betrug mehr als 300. Nachdem diese Studentengruppe während des ganzen Reiseweges von Jassy nach Kischinew die jüdischen Mitreisenden und die Iudenschaft auf den Eisenbahnstationen schweren.Peinigungen nnter- -oa und mehrere Inden ans dein Zuge hinauswarf, begann sie gleich nach dem Einzug iu Kischinew mit einem unerhörten Terror gegen die jüdische Bevölkerung. In den Haupt- , straßen wurden alle jüdischen Passanten artgehalten. beschimpft und mißhandelt. Polizisten und Soldaten nahmen die Studenten in Schutz gegen Juden, die sich ihrer erwehren wollten. Die Radauscene steigerte sich immer mehr, so daß in der Mittagszeit in der ganzen Stadt eine wahre Pogromstimmnng herrschte. Die indischen Geschäftsinhaber schloffen die Läden, die Iudenschaft vermied es. die Straßen zn betreten. Nun begann die Studentenschaft mit einem Angriff aus die jüdischen Wohnungen nnd Geschäftsläden. Planmäßig wurde in den hauptsächlich von Inden bewohnten Gaffen ein Steinbourbatdernent gegen die Wohnungen und Gcschäftsläden durchgeführt. Tie Einwohnerschaft mußte zum großen Teil in die Keller flüchten. Besonders sahen es die Hnliaans aus die Synagogen ab. Einige Synagogen wurden erheblich beschädigt, so u. a. die Haber-Synagoge, die Heker-Synagoge und die Synagoge „Beth lechem". Einzelne jüdische Passanten, deren die Studentenschaft habhaft werden konnten, wurden gepeinigt und meist erheblich verletzt. Die Polizei verhielt sich die ganze Zeit passiv. Mehrere Juden, die Anstalten trafen, sich der Huliaans zu erwehren, wurden von der Polizei verhaftet. Erst als eine Abordnung der Iudenschaft sich zum Stadtkommandanten begab und um Schutz bat. wurde Militär in die Stadt gelegt. liegen 4 Ulk nachmittags begaben sich die Studenten, von Militär begleitet, zur Rückreise ans den Bahnhof. Aus Bonder traf gerade ein Zug mit mehreren jüdischen Reifenden ein. Diese wurden von den Studenten umzingelt und unbarmherzig verprügelt. Die >'^ahl der jüdischen Verletzten in Kischinew ist sehr groß: im Spital wurden etwa 20 Schwerverletzte ausgenommen. Gegenwärtig herrscht in Kischinew Friedhofsruhe. Tie von Juden bewohnten Straßen bieten ein Bild der Zerstörung. keine Fensterscheibe blieb ganz. Die Stimmung ist ein« verzweifelte. In jüdischen Kreisen wird jetzt darüber beraten, da« man eine siebentägige öffentliche Trauer anordnen solle: der Kaufmännische Verband erwägt eine eintägige Schließung , sämtlicher jüdischer Geschäfte zum Zeichen des Protestes. Bukarest 5. Dezember (ITA.) An der Bahnstation Kalarasch zwischen Jassy und Kischinew erzwangen, die Studenten ein längeres Halten des Zuges. Sic begaben siai ins Städtchen, wo sie eine sehr große Zahl indischer Einwohner schwer verprügelten und fast sämtliche Fensterscheiben zertrümmerten. Man zählt mehrere Schwerverletzte unter der jüdischen Einwohnerschaft. „Mtminetza„ meldet: 'Die vom Iaflyer Studentenkonareß znrückkelirenden Studenten veranstalteten in Fokschani. Buzen. Plveschti und in anderen Städten antisemitische Exzesse. wobei zahlreiche jüdische Passagiere auden stchrendeu Zügen geworfen wurden und i« de» Städten selbst die Indewschaft terrorisiert und schwer mißhandelt wurde. Besonderturbulent« Seenen spielten sich in dem Zug zwischen Kischinew und Ungent ab. Auf der Station KraSna wurden die jüdischen Paffagtere Fetwel Wechsler. Emil Tscherner und andere blutig geschlagen und ihrer Barschaft beraubt. Bei Waslui wurden der Jude Rosenberg und der Richtjud« Popovici. den man für einen Inden hielt, grausam verprügelt. » In Jassy selbst spielten sich sehr häßliche Seeneu ab. Zahlreiche jüdische Baffanten wurden beschimpft, bespien und schwer verprügelt. In jüdischen Wohnungen wurden zahlreiche Fensterscheiben eingeschlagen. In Bukarest selbst veranstalteten die aus Iaffy zurückkehrenden Studenten in der Calea Grivizei schwere Exceffe. Beim Kolleg Leo Professors des Zivilrechtes Plastara im Carl-Institut wurden die jüdischen Studenten von den christlichen Kollegen überfallen und mißhandelt. Fünf schwerverletzte jüdische Studenten mußten mit Rettungswagen ins Krankenharrs gebracht werden. Auch an der Handelshochschule fanden mehrere Ausschreitungen gegen die jüdischen Studierenden statt. Zu den in Kischinew schwer verletzten Juden gehören u. a. die angesehenen Bürger Advokat Tr. Anerbach, Moses Paslar. der Führer der Zionisten-Revisionisten Iachinson, der Advokat Tr. Galowski, Gorodischtianu n. a. m. Siegfried Hacobsohir Boir Doris W i t t n e r. Die Berliner Publizistik hat eine „bataiUe" verloren. Aber mehr als das: mit ihr und in ihr Len Feldherrn, der den Marschallsstab seit seinen frühsten Knabenjahren im Tornister trug. Ein F r ü h g c r e i f t e r, und nun. zu Schmerz nnd Trauer nicht nur seiner Freunde nnd Mitarbeiter, sondern eigentlich auch aller geistig Bewegten und Beweglichen: ein F r ü y v o l l e n d e t e r. Siegfried Jaevbsohn, geboren am 28. Januar 1881 zu Berlin, körperlich bis zur Wesenlosigkeit unscheinbar, von jener makabren Zerbrechlichkeit, die wohl das Produkt einer vieltansendjährigen Rasse von müdem, durch Leid nnd Erfahrnnflen anämisch gewordenem Blute war, hatte dennoch nichts von dieser häufig wahrnehmbaren Erschöpfung fernes Stammes. Oder vielmehr: diese Erschöpfung hatte ihn nur körperlich gezeichnet, seinem Geiste dafür aber jenes Feuer verliehen, das sich an seiner eigenen Glut verzehrt. Iacobsohn war wie eine Kerze, die. an zwei Enden angesteckt. sich selbst eilends verbrennt. Jeder, der ihn kannte, wußte, daß dieser kleine, grazile, schemenhafte Mann, den ein Windhauch umblasen zn können schien, diese moribunde Leiblichkeit, an der inan eigentlich immer nur zwei große, dunkel lodernde, das Leben förmlich fressende Augen gewahrte, eitel Fieber nnd Feuer mar. So grotesk es angesichts seines Aentzeren klingen mochte, konnte doch kaum jemand mit mehr Fug von sich sagen „Ich bin die Flam me" und auch „Ich bin daS Schwert". Denn eben aus der Flamme, die von zartester Kindheit <m in ihm schwelte, hat er sich das Schwert geschmiedet, womit er zuvörderst nur für Kunst und Schönheit, kurz, für alle Imperative eines „höheren Lebens", späterhin aber für Wahrheit und Geistesfreiheit seine erbitterten Kämpfe anstrug. Erbitterte und erbitternde. Denn, ein nicht zn unterschätzender Gegner in jeder Fehde, die nm der „Menschheit große Gegenstände" ging, kannte er kein Erbarmen. Pardon ward von ihm nicht gegeben. Vorsicht, Rücksicht, Nachsicht: alles Leisetreterische schlechthin war seinem Wesen fremd. Er war gleichsam immer ein Besessener — besoffen vom Geiste des Streiters — und gehörte darum zn jenen Märtyrern der Idee, die ihre Bahn rasend vollenden muffen und. Amokläufern gleich, ans eben diesem wilden Pfade durchs Leben alles niodermetzeln, was feindlich oder auch nur hinderlich an ihrem Wege steht. Fürwahr: auf ihn traf das Bibelwort zn: „Heiß sollst Du sein oder kalt: die Lauen aber AronPak. Eine Lebensgeschichte. Bearbeitet von Dr. B. Schidlos. Ich. Aron, Sohn Jsak EisikS seligen Andenkens, bin in Treuenbrietzen, acht Meilen von Berlin, in der Provinz Brandenburg, geboren. Da ich der heiligen Sprache (beloschaun hakaudesch) nicht genügend mächtig bin. so schreibe ich in der Umgartgssprache. Ich habe leider Gottes keine Kinder. deshalb soll diese Schrift nach meinem Tode meiner Verwandtschaft ein Andenken sein. Ich Lin tmn, am 8. Tischri 55621) nach der Wcltschöpfung, cinundsiebzig Jahre alt geworden. Mein Vater, er ruhe in Frieden, war ein tvohlhabender Mann gewesen: leider wirr de er mit sechzig Jahren sehr krank, wurde gelähmt und mußte ständig im Bette liegen, so daß er keine Messen mehr bereisen konnte. Er besaß ein schönes Warenlager von all den Artikeln, die man in einem Laden nkftig hatte. Da er jedoch nicht reisen konnte, um neue Waren dazu zu kaufen, so wurde das Geschäft immer kleiner. Er war übrigens der einzige Jude, der das Wohnnngsrecht besaß. Run ging der Abstieg von einem Jahr zum andern. Ungefähr zwei Jahre vor seinem Tode sprach er mit meinem ältesten Bruder Abraham: „Du List ein erwachsener Bursch. Du siehst, wie unser Laden von Tag zu Tag leerer wird. Man müßte doch wenigstens etwas von den Waren, die jeden Tag verlangt werden, nachkaufen, da wir sonst werden Hunger sterben müssen. Ich bin zwar keinem Menschen auf der Welt etwas schuldig, <ä>er doch wirst du fragen: .Wir haben kein Geld, wovon können wir kaufen?' — Geh' zu unserem Einnehmer. Herrn Michelmann, grüße ihn von mir. Dieser Einnehmer hat mir, wenn ich nach Leipzig oder nach Frankfurt zur Messe gefahren bin. jedeömal. wenn ich Geld gebraucht habe. 1500 Reichstaler, und auch mehr, gegeben, und er hat niemals einen Wechsel verlangt. Schildere ihm offen unsere Verhältnisse und sage ihm. ün wollest nach Leipzig reisen, um Ware einznkaufen." Mein Bruder tat das. ging zu dem Einnehmer und stellte ihm alle Umstände vor. Der Einnehmer war voll Mitleid, lieh ihm 500 Reichstaler utti sagte: „Du bist noch ein junger Buvsch und List noch nie auf einer Messe gewesen. Wenn du dich aber gut aufführen und so ehrlich bezahlen wirst wie dein Vater, so sollst du mehr Kredit bekommen." Mit dom Geld und der Sdachricht kam mein Bruder nach Hause. Mer das Kapital tvar zu klein, nm zur Meffe zu reisen, denn die Unkosten waren doch schr groß. Mein Vater sagte daher: ,LAir haben doch Silber und etwas Gold, nimm es nnd Verpfände es, so kannst einige hundert Täler darauf ge- ) 12. September 1801. liehen bekommen. Wintim meine Meffebücher mit nach Leipzig, da kannst du alle die Kaufleuie aufsuchen. mit Lenen ich gchatrdelt haLe. Ich habe nie-wals von ihnen Kredit beansprucht, immer in barem Gelbe bezahlt, denn so kaust man auch mn einige Prozente billiger. Wenn man das aber nicht kann, dann darf man oben einige Prozente nicht ansehen. Diese Kanflente kennen mich, sie werden dir einen kleinen Kredit nicht versagen." Mein Bruder reiste also nach Leipzig, das nur dreizehn Meilen von Treuenbrietzen entfernt ist, und kamt glücklich mit seiner Ware wieder nach.Hause. Ich war damals vierzehn Jahre alt. Ich sah mobil ein, das, dieser kleine Handel keinen Reichtum bringen konnte, und daß mein Bruder eine große Last auf sich hatte. Wir waren zehn Geschwister, die mein Vater. Friede sei mit ihm, hinterlicß. Der jmtgfte Bruder war erst drei Jahre alt. Als mein Vater seligen Angedenkens starb, war er trenn Jahre gelähmt gewesen. Ich ging aufs Sand, nahm von meinem Bruder für einige Reichstaler Waren und hausierte damit bei den Bauern. Ich ernährte mich selbst, aber es war mir schr sauer, doch hatte ich keine Aussicht, wie ich mir helfen fvlltc. Von Kindheit an hatte ich Lust znm Zeichnen und zum Malen, allein in Treuenbrietzen war keine Gelegenheit, bei jemandem zu lernen. Es wohnte allerdings ein Maler da. aber soviel Geld hatte ich nicht, was er von vnr verlangte. Ich zeichnete allerlei Sachen, was ich so vor mir sah. Ich war sehr bekannt ntit dein Kannengicßer itnd seinen Söhnen, und ich sah immer zu, wenn sic in Zimt Namen stachen: für drei Buchstaben stochen bekamen sie einen Schilling. Mir schien es. als wäre so cm Schilling schnell verdient. Ich lies, mir einen Grabstichel machen und lernte selbst Buchstaben in Zinn zu stechen. Das ging aeschtvind, daß ich es erlernt hatte. Da ich nun immer im Zeichnen geübt hatte, so lernte ich auch. Figuren in Zinn zu stechen. Ich war »ehr cisrig im Zinnstechen, und ich bekam non unserem Nachbar, einem Bierschenkcr, ein Dutzend Krugdeckel zu stechen, seinen Nanten und eine Nummer. Airs Dessau kaut einer von unseren Leuten zugereist, ein junger Kerl. ungefähr zwanzig Jahre alt. Er hieß Salomon FladirI, war Graveur und sah. wie fleißig ich war. Er fragte mich, wo ich das gelernt habe. Ich sagte, von mir alleine, nnd er wunderte sich sehr dorüker. Er sagte dann zu mir: .,Ihr seid doch in der Stadt bekannt. Wollt Ihr herumgehen und mir Arbeit verschaffen, so will ich Euch von Z Kamt auch für Folder oder Falber gelesen werden. Aehnlich verhält es sich mit dem später vorkommenden Namen .„Kaser" und noch einigen anderen Personennamen, deren genaue Wiedergabe «egen der vokallosen hebräischen Schreibweise nicht immer möglich ist. wivd ver yerr auSspeien aus feinem Munde." Ru» wohl, dieser Borwurs ziemte chm nicht, er hat zu keiner Periode keines LeSenS zu den Lauen im Lande gehört. Sondern im Gegenteil. wo er ihnen begegnete, hat er sie in der schönen Trunkenheit seine- Hirnes und Herzens leidenschaftlicher angegriffen und gezüchtigt, als sie vielleicht zuweilen verdienten. Denn: er hatte auch die Fehler seiner Tugenden, und dazu gehörte, daß er. selbst häufig hingerissen, sich noch häufiger htnreißen ließ und dann weit über das Ztel hinauSschotz. Erscheinungen überwertend, Menschen verletzend, offenbar ohne die innere Bremse einer letzten Objektivität, die auch die Möglichkeit unterstellt, daß sogar der Gegner einmal recht haben könne. Siegfried Jacoblohn war subjektiv bis in die feinsten Nervenspitzen. In seinem Subjektivismus lagen die Wurzeln seiner Kraft. Er hat sich dadurch oft ins Extreme verrannt und hat — an der Bahre dieses mutigen Bekenners dürfen letzte Wahrheiten auch nicht verschwiegen wevüen — durch die Hemmungslosigkeit seiner Kampftnethoben mancher Sache, die er zu fördern wünschte, unheilbaren »Schaden zugefügt, und sich selbst, obwohl e r moralisch im Rechte war. in den Schein des Unrechts gesetzt. Siegfried Jacobsohn, dessen vrosundes Wissen nahezu enzyklopadistisch wirkte, war ein Antodydakt in des Wortes buchstäblichstem Sinn. Er hat schon ans Unter- und Oberprima das Gymnasium verlassen, nie ein Abitnrium gemacht (was wieder einmal die Belanglosigkeit und Ueberflüsfigkeit offizieller Prüfungen beweist): aber dafür erglühte auf der Schulbank schon sein Wesen in Sehnsucht itttb tatkräftiger Hingebung an die große Liebe seines Lebens: das Theater. In der Schule bereits hat er die ersten Theaterkritiken versaßt ttud, kaum dem lästigen Schulzwang entronnen, trat er — scheinbar ein Nichts, ein Niemand — unerschrocken in die Arena der Z ü u f t i n c u. Ein David unter vielen Goliaths. Aber er meisterte die Schleuder, und wenn er zuerst mit spitzen Kieseln Riesen fällte, so bediente er sich alsbald des Köchers, aus dem jeder Pfeil ins Herzblatt von Diitgen und Menschen traf. Er hatte das zweite Jahrzehnt noch längst nicht vollendet, da war er in der menschenfresserischen Millionenstadt schon „Auch Einer". Und zwar „Auch Einer", dessen Wort Widerhall fand unter allen Wesentlichen, nnd dessen Paraden gefürchtet waren innerhalb und außerhalb der Gilde. Er war und blieb durch mehr denn zwei Jahrzehnte hindurch einer der gatrz Wenigen, die über Theater schreiben und — trotzdem daran glauben, an das Theater als Knltnrsendung glauben. Es war wohl das: seine inörünsiige Seele, die immer ans einer Jakobsleiter mit seinem Gotte rang und den nicht ließ, es sei denn, er segnete ihn: diese inbrünstige Seele konnte niefjt streiten, wo sie nicht glaubte. Und glauben hieß bei ihm allzeit, sich selbst verbrennen, sich selbst ausblnten. Für oder wider: Er ging immer ins Exzessive, unter Umständen tödlich Verwundende. Um einer Sache willen, die ihm heilig schien, konnte er Personen, die dieser gleichen Sache in milderen, temperierteren Formen dienten, als Schädlinge erbarmungslos verfolgen und anpraugern. Feuriger Hasser aller Mittelmäßigkeit mtt> Mittelmäßigen, erntete er frühzeitig Feindschaften fürs Leben. Die Freunde, die ihm über den Tod hinaus bleiben werden, sollten sich erst späterhin finden. Eine Persönlichkeit wie er. körperlich atrophiert, geistig h y p e r trophiert. mußte selbstverständlich auch ihren eigenen Entwicklungsgang rascher durchlaufen, als Norm es gebietet. Dieser Mensch, an dem alles Tempo. Temperatur und Temperament war. war nicht nur körperlich, sondern auch geistig vorzeitig auf «dem Wege des Bollendens. Wie er allgemach seine große Jugendliebe, die T h e a t e r w e l t, mit der Liebes des Mannesalters, dem W e l t t h e a t e r, vertauschte und sein ganzes Ich nicht mehr ausschließlich an ästhetische Werte, sondern vielmehr an die starken Realitäten der Geistesfreiheit, der Republik, der L^ölkerversöhnung und der Demokratie setzte, so hatte er atrch zeitiger als andere den eigenen Mangel der Schrankenlosigkeit mtd die Wahrheit, daß in der „Beschränkung allein der Meister liegt" Vegriffetr. Offenbar: die Kerze wollte zu Ende brennen. Nun ist sie erloschen, und wir vermögen uns schwer mit der Tatsache avzufinden. Wir wissen: er ist mitten aus einem erfüllten Leben — also vielleicht schon votn Gipfel — geschioden. Sein Lebenswerk zeugt für ihn. Die »Zeitschrift, der er die Passion seines Schicksals (in zwiefachem Sinne) jedem Taler zwölf Schilling geben, was Ihr mir Arbeit schafft." Ich war damit sehr zufrieden. Er gab mir eine Drucktabelle, einige silberne und messingene Petschafte, und in einer Zeit von drei Wochen brachte ich ihm für 24 Reichstaler Verdienst zu. Ich hafte aber keine große Ehre von seiner Arbeit. Einige Offiziere, die ihre Wappen hatten gravieren lassen, sagten mir, daß sie, wenn ich es nicht wäre, die Petschafte gar nicht abgenommen hätten. Ich dachte aber, in drei Wochen sechs Reichstaler zu verdienen, wäre ganz schön, und außerdem glaubte ich. von ihm etwas ablernen zu kömten. Da nun hier nichts mehr zu tun war. so wollte er von hier aüreisen. Er kam in unser Haus und fragte, ob ich mit ihm reisen wolle. Unter denselben Bedingungen. fiir jeden Taler Arbeit, die ich ihm verschaffen würde, sollte ich zwölf Schillinge bekommen. Er war so ein ganz kommoder Bursch. Wer war also vergnügter als ich? 9iicht wegen des Verdienstes, sondern meine Gedanketr waren darauf gerichtet, etwas zn lernen. Ich reiste also mit ihm in den mnttegenden Städten umher. Es rvar kein großer Verdienst, aber ich war sehr fleißig und sparsam und erübrigte doch in drei Monaten zehn Reichstaler. Wenn dieser Salomon wegging. so machte ich mich mit seinern Werkzeug an einen messingenen, gegossenen Knopf heran itnd stach darauf. Er mußte das aber bemerkt haben, denn er wurde ganz falfch.zu mir. Sogar wenn er arbeitete, suchte er Gelegenheit, mich fortzuschicken. Er wußte, daß ich wir einige Taler gesammelt. während er sein Geld verbraucht hatte. Er wollte mein Geld von mir geliehen haben, ich hätte es vielleicht mein Leben nicht wioderbekommen. Ich dachte, es sei nun Zeit, von ihm wogzugehen. Ich reiste also toicder nach Hause, nach Treuenbrietzen, und ließ meinen guten Salomon sitzen. In Treuenbrietzen hat kein Graveur gewohnt. Aber es lebte früher da ein Bildhauer mit Namen Kaser, der sich auch mft Gravierarbciten abgegeben hatte. Ich selbst habe ihn aber tticht gekannt, auch nichts von ihm gehört. Allein, mein Stiefbruder Ehaim. er rulie in Frieden, wohnte bei der Witwe in ihrem Haus. Er hörte von mir. daß ich so Lust zur Graveurarbeit hatte, und ich hatte ihm auch von Salomon Fladir erzählt, wie sich der zuletzt so ungünstig zu mir gezeigt habe. Mein Bruder Ebaim sagte mir nun, seine Wirtin habe noch von ihrem Manne her dessen Werkzeug zmn Gravieren stehen. Ihr Mann sei schon lange tot und das für sie wertlose Zeug könnte ich für eine Kleinigkeit bekommen. Ich ging nrit meinem Bruder zu ihr. Mein Bruder sagte ihr. sie habe doch vott ihrem Dianue noch das ganze Werkzeug. Ich wollte das Petschierstcchcn lernen und würde ihr gern das Werkzeug abkaufen. Sic war gern dazu bereit und holte etwa ein Dutzend verrostete Grabsticheln, ein paar Alphabete >tnh eine Schachtel ntit Punzen, alles ganz verrostet. Sie sab selbst daß alles verdorben war, aber sie verlangte doch fünf Retchsickler. Ich