Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 50 (10.12.1926)
- Date
- 1926-12-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IMchÄeraleZMmg Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle y4 jährlich M. 2.50 Einzelnummer 0.20 Bei freier Zusendung i. Inland 0.25 Tür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: tm Mitglisdsbeitrage enthalten. :: u :: Verantwort!. Redakteur- Bruno Doyda. vis „lavIfch-Udsrols Zsttung» erscheint jeden Srettag. Nedaktlon u. Ssfchattsstslle: verlln SW, Wilhelmstr. 147. fernruf: vafsnhelds 3358, 3359 Poftfd)ecM'onto: Berlin nwi nr.137009 (Vereinigung für das liberale Judentum Nad)Dru<fc fämtlidjer Origlnal-BeltrAge nur mit vorheriger Senehrnigung der Redalttlon gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonpareillezeile 0,45 Goldmark, die Nrklamezeile 3.00 Goldmard, bei r: :: :: Wiederholungen Rabatt. :: :: y Anzeigenannahme: ..Jüdisch - liberale Zeitung- Inseratenabteilung: Berlin ED 48. Dilhelmstratze 147 (Hasenheide: 3358—59), sowie sämtl. Annoncen-Exped. WBsmsmBmmm Nr. 50 Berlin, 10. Dezember 1926 6. Jahrgang i Haus und heim im Menium. Formen und Bräuche. Bon Rabbiner Dr. Wilde, Magdeburg. Das Haus. Jede Wohnung verrät die Eigenart der Familie. Man sieht auf den ersten Blick dort alte Kultur, hier jungen Aufstieg. Dort ernste Bildung, hier flüchtigen Schern. Dort abnehmenden Wohlstand, hier wachsenden Reichtum. Die Wohnung ist das Gesicht der Familie. Selten gelingt es nur, soviel Mühe sich auch mancher gibt, den Kundigen zu täuschen. Gelehrte und Künstler, schnell Reichgewordene und Erben alten Besitzes sind an ihren Wohnungen ebensogut zu erkennen, wie an ihren Gesichtern. Alter Aäel und alte Kultur zeigen sich in den Wohnungen, ob sie groß oder klein, reich oder selbst ärmlich sind. Wir Juden sind Erben einer alten Kultur, Nachkommen stolzer Ahnen. Erkennt man es noch an unseren Häusern? Einst war das Haus als Stätte alten Glaubens und alter Kultur kenntlich. Am Eingang war die Mesusoh. Auf zusammengerollten Perackrnentstreifen stand in hebräischen Buchstaben das Glaubensbekenntnis der Inden: Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig. Daun weiter die Worte aus dem 3. Buch Mosis Kap. 6: „Liebe den Ewigen, deinen Gott, mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Kraft. Trage die Worte, die ich dir heute gebiete, in deinem Herzen. Schärfe sie deinen Kindern ein, rede davon, wenn du in deinem Hause sitzest, wenn du auf dem Wege gehst, wenn du dich nieöMegsr und wenn du aufstehst. Binde sie als Wahrzeichen an deine Hand, lege sie als Stirnschnmck zwischen deine Augen. Schreibe sie auf die Pfosten deines Hauses und an deine Tore." Dann noch ein zweiter Abschnitt aus dem 5. Buch Kap. 11, Anschauungen und Verhältnissen früherer Zeiten Rechnung tragend: Frühregen und Spätregen wird das Land fruchtbar machen, wenn ihr Gottes Geboten folgt. Regenlosigkeit wird das Land verdorren lassen, wenn ihr fremden Göttern dient. — In der Wohnstube hing an der Wand ein Bild, Misrach — Osten — genannt, um die Richtung anzuzeigen, nach der hingewendet man zu Hause betete. Auf dem Bilde Darstellungen aus der biblischen Geschichte: Jeremias auf den Trümmern Jerusalems; Moses, Wasser aus dem Felsen schlagend; Salomo auf dem Richterstuhl, den Streit der beiden Frauen entscheidend; die Opferung Jsaks; Jakob, seine Kinder segnend. Darüber die Tafel mit d«-n zehn Geboten. Ueber den Bildern die hebräische Inschrift: „Ich wohne inmitten der Kinder Israel." Unter den Bildern die Worte: „Bon Sonnenaufgang bis zum -Untergang fei Gottes Name gepriesen." Bei dem einfachen Mann sah man Gebetbücher und den Pentateuch. Bei dem Gebildeten standen Bibelkommentare von Raschi bis Mendelssohn, die Mischna, vielleicht auch der Talmud. Bei dem Gelehrten sah man noch religionsphilosophische Werke von Mainronides und Anderen. Den Wohlstand und Kunstsinn der alten Familie zeigten die ererbten kunstvollen Leuchter, die Gewürzbüchsen für die Feier am Sabbatausgang, die Sederschüssel für das Passahfest. die Becher, die Schüssel für die religiöse Waschung. Auch kunstvoll gemalte Hagaöas für das Passahfest und Peraamentrollen mit dem Buche Esther für das Purimfest, j Aber auch der Aermste besaß dies alles, wenn auch nur in schlichtester Form. Sabbate und Feiertage | gaben jedem Haus ein festliches Gesicht von besonderer Prägung. Jüdische Religion und jüdische Kultur verliehen dem Haus seine Eigenart. Diese Eigenart ist fast verloren gegangen. Welchen Wert besitzt sie? Können wir sie unserem Hause wiedergeben, wollen wir sie unserem Hause wieder verleiben? Unsere Religion ist Familienreligion. Nie hat man davon soviel gesprochen wie in unseren Tagen. In Büchern und Bildern, auf der Bühne und auf der Leinewanö der Lichtbildtheater zeigt man die Feiern des Freitagabend und des Sederabend. Versöhnungstag und Laubhüttenfest, segnende Eltern und gesegnete Kinder. Ein Zeichen erwachenden religiösen Lebens? Fast fürchte ich das Gegenteil. Erstorbenes Leben, das sich in rührselige billige Poesie verwandelt hat; stark genug, um vorübergehende Stimmung zu wecken, viel Az schwach, um gewohntes Leben wieder umzugestalten. Das christliche Kind kann vielleicht im Hause der christlichen Religion, der christlichen Kultur entbehren. Denn ringsum ragen die Kirchen und Dome, überall sind Zeugnisse christlicher Kultur, drs jahrhundertelang dre einzige Kultur war, christliche Sonntage und Feiertage " geln das Leben. Das jüdi^'e Kind aber hat keine Umwelt, um das jüdische Kind mühen sich nicht mehr die Eltern, sondern nur noch Vereine und Organisationen. Könnten sie religiöses Leben schaffen, so wäre es um uns gut bestellt. Aber Vereinsreligion ist nur schwächlicher Ersatz für Familienreligion. Vereinsreligion gibt wohl Wissen von Leu Dingen, aber macht sie nur bei ganz wenigen besonders Empfänglichen zu einer Herzenssache. Die Nüchternheit des Elternhauses verwischt wieder schnell den . Eindruck. Organisationen täuschen nur starkes Leben vor, sie gleichen oft kulturhistorischen Vereinen. die schnell noch vom sterbenden Stamm alle interessanten Reste für das Museum sammeln. Grundlage religiösen Lebens sind nur die Eindrücke erster Kinderjahre im Elternhaus. Alles andere schafft nur politisches, oder wenn es hochkommt, philosophisches und ethisches Judentum. Ohne den Willen, ein Haus zu haben, das jüdisch-religiöses Leben widerspiegelt, stirbt das Judentum an seinem Todesengel: der Mischehe. Die Welt des Kindes in den ersten Jahren ist das Haus. Was es hier sieht und hört, drückt dem weichen Gehirn tiefe unverwischbare Linien ein. Je später Eindrücke kommen, desto mehr müssen sie sich begnügen, die schon beschriebene Gehirntafel undeutlich zu überschreiben. Die ersten Eindrücke sind eingegraben, die spät -M, ur wie mit Tinte geschrieben, die Eindrücke des Alters nur noch mit schlechtem Bleistift überzeichnet. Die Angen führen viel früher als die Ohren dem Gehirn des Kindes die ersten seelischen Eindrücke zu. Darum mutz das Kind zuerst Religion sehen. An der Tür die Mesusoh. Wer diese Zeilen liest und keine Mesusoh hat, der bestelle sie sofort bei der nächsten jüdischen Buchhandlung. Wer wissen will, wie man sie anmacht, dem sei die überlieferte Vorschrift hier angegeben: Au der Außenseite der zusammeugerollten Mesusoh ist in der Hülle wie durch ein Fenster der Gottesmann Echaddäe deutlich sichtbar. An dem beim Eintritt rechtsstehenden Türpfosten, in dem dritten Teil nach oben, wenigstens eine Handbreit von außen entfernt, in schräger Richtung, wird sie angebracht. — B i l ö e r an den Wänden ziehen früh die Aufmerksamkeit des Kindes auf sich. Es fehle darum nirgends ein Bild mit einer biblischen oder sonst jüdisch-religiösen Darstellung. Jeder kann hier nach seinem Geschmack und seinen Mitteln einen guten Nachdruck eines Bildes etwa von Revibrand oder ein Original oder Nachdruck von einem moLernen jüdischen Maler nehmen. Basen. Kristalle, Gläser, Silberschalen lenken mit ihrem glitzernden Schein die Blicke des Kindes auf sich. Statt dieser vielen überflüssigen Rumsteyer soll das Kind Sabbatleuchter. Chanukahleuchter, Silberbecher, Sederschüsseln. Gewürzbüchsen sehen. Am stärksten aber wirkt auf das kleine Kind brennendes Licht. Nicht früh genug kann es Feiertagslichter, Ehanukahlichter und das still brennende kleine Jahrzeitslicht sehen. Sowie dem Kinde sich nach dieser Welt des Schauens die Welt des Geistes erschließt, ihm vorgelesen wird oder es selbst schon liest, müssen jüdische Bücher zur Hand sein. Weihnachtsmärchen dürfen nicht die erste geistige Nahrung jüdischer Kinder sein. Wir haben jüdische Märchen wie die von der Großloge herausgegebene Sammlung preisgekrönter Märchen und Sagen. Jüdische Sagen und Legenden, wie die sechs Bändchen von Kuttuer: Erzählungen wie Mose von Frieda Weitzmann (auch zum Borlesen am Sederabend für kleinere Kinder geeignet!). Größere Kinder müssen sür ihr Lesebedürfnis jüdische Bücher in der Bücherei der Eltern finden, etwa Jüdische Geschichte in Charakterbildern von S. Müller-Beermann, aber auch geeignete gute Erzählungen. Es würde den Rahmen dieses Aufsatzes weit übersteigen, wollte ich stier ein Verzeichnis geeigneter Bücher anaeben. Falls, wie beabsichtigt, diese Aufsätze sväter gesammelt erscheinen, wurde ich in meinem Anhang eine größere Anzahl Bücher nennen. Bis hierher sind die Anforderungen an die Eltern, ihre Wohnung jüdisch zu gestalten, leicht zu erfüllen. Biel schwerer aber ist die Frage der religiösen F e i e r u i m H a u ö, wenn sic neu eingefüyrt werden sollen, wenn die Eltern sie von ihrer eigenen Kindheit her nicht kennen; und doch ist dies der entscheidende Punkt für die religiöse Gestaltung der Kindererziehuug. Niemand wird den seelischen Wert und die Schönheit des Brauches bezweifeln, daß die Mutter an Feiertag- und Freitagabenden Lichter mit einem 'segensspruch auzüudet, daß der Vater einen Segen über Feiertag und Sabbat, über Brot und Wein spricht, daß Vater und Mutter ihre Kinder segnen. Auch die Unkenntnis scheint mir nicht das Haupthindernis zu sein. Wieviel Väter und Mütter erlernen noch mit ihren Kindern eine neue Sprache, arbeiten unbekannte Lehrbücher durch, nur um ihren Kindern bei den Schularbeiten helfen zu können, um möglichst lange an ihrer geistigen Entwicklung teilzunehmeu. Wievieh geringer die Mühe, einige hebräische Sätze richtig lesen, immer wiederkehrende Formen richtig ausüben zu können. Das Haupthindernis ist die seelische Ein« stellung. Offenherzige Eltern werden, sagen: Wir kämen uns komisch vor. wenn wir die Hände auf den .Kopf unseres Kindes legen und einen Segensspruch sprechen sollen. Entschuldigend setzen sie vielleicht hinzu: aber wir sind die guten Kameraden unserer Kinder. Gute Kameraden können aber gleichaltrige Freunde und Freundinnen ebenso gut und oft nöch besser, innerlich ungehemmter, sein. Eltern sollen ihren Kindern mehr sein. Eltern sollen ihren Kindern gegenüber Würde und Weihe haben. Das erreichen sie nicht durch ihr Wissen; denn das Schulwissen, auch die sogenannte Bildung, kann bald bei den Kindern größer sein als bei den Eltern; das erreichen sie nicht durch ihre Teilnahme am Wandern nndd Spielen,, im Turnsaal und Tanzjaal; das erreichen Eltern nicht, wenn sie sich auf eine Stnfe mit ihren Kindern stellen; das erreichen aber auch die schlichtesten Eltern, rvenu die Kinder das Haupt beugen, um den Segen von Vater und Mutter zu empfangen. Unsere jüdischen Eltern müssen sich selbst mehr Würde geben, sie müssen sich selbst ernst nehmen. Ich will im nächsten Aufsatz für diejenigen, denen die Gebräuche unbekannt sind oder die sie vergessen lraben, Schilderung und Anweisung sür religiöse Feiern im Haus geben. Treffen sie unter den Lesern auf Menschen, die Gefühl und Willenskraft haben, die wissen, waS seelisches Leben für ihre Kinder bedeutet, dann werden sie nicht umsonst geschrieben sein. Vielleicht treffen sie auch auf junge Menschen, die stark genug sind, um das Elternhaus umzugestalten. Einige wenige Erfolge dieser Art geben mir den Mut, solche Selbsterzichung für möglich zu halten. Mittelalter in Rumänien. Ter 'vor einigen Tagen in Jassy zusamnrengetretene Kongreß des rumänischen Studentenverliandcs hat soeben eine Entschließung angenommen, von der Regierung den Numerus nullus. d. h. den vollständigen Ausschluß der Juden vom Hochschulstudium zu fordern. In dem weiteren Teil der Entschließung wird erklärt, die rumänischen Universitäten seien nationale Einrichtungen, und deren nationaler Charakter müsse gewahrt werden. Heber den Verlauf des Kongresses ist noch zu berichten: Znm Ehrenpräsidenten des Kongresses wurde der Führer der rumänischen Antisemiten Prof. Enza gewählt, der in seiner Ansprache ausgefübt bat, sobald er zur Regierung komme, werde er die Minderheitsfragen ans radikale Weise lösen. Zunächst sei eine Erfüllung der Forderung des Kongresses ans legalem Wege auzusticb: sollte sich aber dieser Weg als nicht erfolgreich erweisen, so werde man zu Geivalttaten schreiten müssen — Der Student Pvvescu erklärte nicht allein die Studentenschaft, sondern das ganze Land fordere den Numerus nullus. 5UWJ Studenten nahmen an dem Kongreß teil. Im Anschluß an den Studenienkougreß kam es z-u pogromatigen Ausschreitungen, über die folgende Nachrichten vorliegen: Bukarest. 3. Dezember iJTA.). Nach einem Telegramm aus Kischinew stand gestern während des ganzen Tages die Jndenschaft dieser Stadt unter dem Terror von etwa 200 Studenten, die an dcm Jassyer Studenteiigongretz teilgenommen haben und nun als Gäste des Bischofs Gurte in Kischinew weilen. Auf dem Wege zwischen Jassy und Kischinem veranstalteten Liese Studenten an allen Bahnstationen Ausschreitungen gegen Juden. Die Ausschreitungen in schinew nahmen fast schon den Eharakter eines Pogroms