Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 49 (3.12.1926)
- Date
- 1926-12-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus der Bewegung Berlin. (Liberaler Synagogenverein Nor. den). Der liberale Synagogenverein Norden gibt immer wieder Beispiele praktischen MrkenS für den religiösen . Aufbau, die nicht nur wärmstes Lob sondern auch stärkste Nachahmung verdienen. Er hatte letzten Sonntag seine Mitglieder und Freunde zu einer Chanukah-Vorfeler in Gestalt eines Synagogenkon. zerts etngeladen und wie immer waren die Geladenen dem Rufe des Vereins so zahlreich gefolgt, daß das Gotteshaus voll besetzt war. Die Veranstaltung hatte zwei Vorzüge: sie war kurz und gehaltvoll. Sie wurde getragen von dem Orgelspiel des ausgezeichneten Organisten der kleinen Gemeinde. des Herrn Gerhard Lundgreen. Die hingehende Arbeit des Chordirigenten Mar K-ohn kam in Chorgesängen von Lewandowski. Rehfeld und BrahmS in schönster Weise zur Geltung. Waren Ss'u scherortm und Psalm 111 in der Vertonung von Lewandowski. Mah-jokvr in der von Rehfeld mehr im Bereiche iüdischer musikalischer Tradition gelegen. so wurden wir durch ein Stück aus dem deutschen Requiem von Brahms in Gefilde allgemein-religiöser Musik geführt. Felix Robert Mendelssohn hatte Gelegenheit die Hörer durch fein warmes seelenvolles Chellospiel in mehreren Darbietungen zu erfreuen. DaS Kvl-nidre in der Bearbeituna von L. Mendelssohn übte eine besonders tiefe. Wirkung aus. Jankg Major brachte mit künstlerischer Gewissenhaftigkeit eine Arie aus Felix Mendelssohn „Elias" zum Bortrag. Wie schon so oft, kann man auch hier wieder dem liberalen Snagogerwerein Norden und ganz besonders feinem rührigen Vorstand zu seinem Erfolge von Herzen Glück wünschen. Berlin. (Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin e. V.) Im Bezirk Osten sprach am 18. November Herr Georg Goetz, Generalsekretär der Vereinigung für das liberale Judentum e. D.. in den Andreas-Festsälen über bas Thema: „GotteSdienstreform". Nach kurzen einleitenden BegrüßungSworten der ersten Vorsitzenden, Fräulein Dr. Berent, erteilte sie dem Referenten des Abends das Wort: Goetz führte aus, daß die ganze Welt eine Welt des Wandels und der Bewegung sei und also auch die Formen der gottesdienstlichen Andacht dem Wechsel und der Veränderung unterworfen sind. Ein solcher Formenwechsel habe zu allen Zeiten und in allen Religionsgemeinschaften stattgefunden, und es sei dabei zu unterscheiden zwischen Denjenigen, die den Wechsel als notwendig und gut empfinden: das sind die Liberalen, und Denen, die sich ihm entgegcnstemmen: das sind die Orthodoxen. Der Unterschied zwischen Liberalen und Orthodoxen habe zu allen Zeiten bestanden, aber in Wahrheit 'könne niemand die Bewegung der Welt aufhalten und so aäbe es also in Wirklichkeit gar keine Orthodoxie. Was besonders das Judentum betrifft, so sei der krasseste Formenwandel wohl der in alter Zeit gewesen, als man vom Opferkultus zum Gebetgottesdienft überging. Man müsse sich aber vor Augen halten, daß die damalige Neuerung und Reform es gewesen ist, die das Judentum in die neue Zeit trug. Bei orthodoxem Festhalten an dem damals vorgeschriebenen Opfergesetz wäre das Judentum untergegangen. Aehnlich vor hundert Jahren: die Judenemanzivation nötigte den Juden neue Daseinsformen auf. ohne deren Annahme das Judentum zugrunde gegangen sein würde, und so habe wiederum der Liberalismus das Judentum in die neue Zeit Sinübcrgerettet. Das was sich heute in Deutschland orthooxes Judentum nennt, sei so himmelweit von der Orthovxie vor hundert Jahren, d. h. von dem vor der Emanzipation. verschieden, daß man wiederum sagen müsse, es gibt gar keine Orthodoxie, sondern nur solche, die die Reform langsamer annehmen, als die eigentlichen Liberalen. Tatsächlich habe die heutige Orthodoxie fast alles das übernommen, womit vor 100 Jahren der Hamburger Tempel begann. Es zeige sich, daß der Liberalismus, von dem die Gegner immer behaupten, er führe seine Anhänger aus dem Judentum heraus, in Wirklichkeit Träger aller Zukunft des Judentums ist Allerdings ist es mit der Reform des Gottes d i e n st e s nicht getan: auch die Gottes d i e n e r müßten sich reformieren. Es gebe nicht länger an, daß man die Religion als eine halbwissenschaftltche Sache ansehe. Die biblische Geschichte sei nicht Wissenschaft gleich der Weltgeschichte, sondern der religiöse Wert der biblischen Geschichte bestehe für uns darin, daß wir sie als Gleichnis verstehen. Ebenso dürfe auch das Gebet nicht aufgefaßt werden als ein Mittel, auf dem Umwege über die angerufene Gottheit auf die Welt einzuwirken: wer solcherart Erhörung der Gebete verlange, mitzkenne die Religion wiederum als Wissenschaft, denn z. B. Technik und-Medizin dienen uns dazu, die Welt nach unseren Wünschen zu verändern. Mit dem Gebet und Gottesdienst aber dürften wir nicht die Welt zu verändern meinen, sondern Gebete und Gebräuche seien zu verstehen als ein S v m b o l, aus denen der Beter die innere Antriebskraft zu wahrer Religiosität und Erhebung schöpft. In solcher Stimmung würde wohl auch Neigung erwachen, die alten Formen und Traditionen neu zu beleben und wiederum nutzbar zu machen. Auf diese Weise entstehe auch von selbst eine Kontinuität zwischen dem Alten und dem Neuen. Und es bewahrheite sich das Seligmannsche Wort, daß auch die Reformer getragen sind von dem' Willen zum Judentum. Hierin bestehe auch der eigentliche praktische Wert, den die Religion für das Leben des einzelnen hat: Die Reform unserer Herzen befähigt uns. mit innerer religiöser Seligkeit Gutes zu tun und, wenn es sein muß, mir der gleichen Seligkeit auch Böses zu erleiden. In der anschließenden Diskussion setzte sich Herr Lehrer Auerbach kritisch mit den theoretischen Unterschieden zwischen Liberalismus und Orthodoxie auseinander. Berlin-Karlshorst. (Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin.) Am Sonnabend, den 27. November veranstaltete 'die Bezirksgruppe im Gesellschaftshaus zu Karls-Horst einen Filmabend. Nach Begrüßungsworten durch den 1. Vorsitzenden. Herrn Rechtsanwalt S. Hamburger, sprach Herr Paul Frank vom Berliner Wohlfahrtsamt über das Thema: »Liberalismus und jüdische Wohlfahrtsflege" als Einleitung zu dem von ihm verfaßten Film „Ein Freitag-Abend". Der Film selbst, der ein anschauliches Bild Ser Vielseitigkeit der jüdischen Wohlfahrtspflege bietet, wurde von den überaus zahlreichen Anwesenden mit großem Beifall aufgenomnr. Eine ganze Anzahl Neuanmeldungen ließen erkennen, daß der rührige Vorstand unserer jüngsten Bezirksgruppe den richtigen Weg eingeschlagen hat. Breslau. (Jüdisch-liberaler Jugendverein Abraham Geiger). Am 26. November sprach in der Gruppe „Süden" Herr Rabbiner Dr. Halpersohn über das Thema: Was hat die moderne Frauenbewegung dem Judentum zu danken? Der Herr Vortragende verstand eS. unS ein übersichtliches klares Bild von der Stellung der Frau im Judentum zu entwerfen im Vergleich zu der Stellung, die die Frau bei den anderen Religionen und im Wandel der Geschichte hat. Ein« Fülle prächtiger Bilder entrollte unS der verehrte Herr Redner in der ihm eigenen vollen, oft von Humor gewürzten Art. Für den leider nur kleinen Kreis der Anwesenden bedeutete dieser Abend einen ganz besonderen Gewinn. A« der sehr lebhafte» Aussprache nahmen alle Anwesenden teil. Hoffentlich erfüllt der verehrte Herr Referent de» an dem Abend allseitig geäußerten Wunsch, sein erschöpfendes Referat ftwm Gegenstand eines Artikels in den Blättern der Zeitung zu machen. Frankfurt a. M. (Jüdifch-liberale Jugenbaem e t n s ch a f t.) Immer mehr zeigt sich, wie Fragen der Weltanschauung. Problem« des Tages unsere Jugend bewegen, wie sie ringt um Klarheit und Erkenntnis, wie sie sich ihrer Berantwvrtung als werdender, schaffender Mensch bewußt ist. Go wächst auch die Beteiligung an unseren Heimabenden. an den Arbeitsgemeinschaften. und an den Diskussionsabenden. Eine stattliche Zahl von Zuhörern war zu dem Vortrag von-Ma« Gundersheim, der über »Pazifismus" sprach, erschienen. Der Referent schilderte die tiefe FriedenSfehnsucht der Menschen, die nicht nur gefühlsmäßigen Momenten entsprungen, sondern auch Gebot der Vernunft sei. AlS Jude und überzeugter Anhänger des Glaubens an d«n Sieg des Guten habe man die Pflicht. stets an -er Erhaltuna des Friedens mitzuwirken. Stets haben Ideen und geistige Revolutionen der Menschheit Umwälzungen gebracht. Kriege, selbst siegreiche, wurden auch dem Sieger zum Verderben. Die Diskussion, welche durch ihre Heftigkeit uno Schärfe das lebhafte Interesse an dieser Frage 'bewies, ergab, daß zwar von der Idee des Friedens die meistens als Theorie für richtig heilten, daß aber in der Praxis Macht vor Recht gebe und es daher noch ein weiter Weg zur Erreichung dieses Ziels sei. Der Referent betonte im Schlußwort, daß gerade deshalb doppelte Arbeit nötig sei, wenn man nur vom Ziel selbst unbedingt glaubend überzeugt sei. Ein besonders erhebender Abend war der Heimabend, der das Thema »Orthodoxie und Liberalismus" zum Inhalt hatte. Alex Jacobsohn behandelte dieses schwierige Problem mit «-wägender Sachlichkeit und sah zum Schluß einen Weg in dem gemeinsamen Ziel, das auf verschiedenen Wegen erreicht werden müsse. Die Diskussion ergab eine Reihe von Gesichtspunkten, unter denen die Stellung zur Orthodoxie möglich ist. E^ne besondere Note erhielt der Abend duröh die Anwesenheit unseres hochverehrten Rabbiners Dr. Seligmann, der zuerst die Diskussion der Jugend mit anhörte und bann zum Schluß selbst das Wort ergriff. Seine längeren Ausführungen wurden zu einer eindrucksvollen Mahnung, den Liberalismus nicht als ethische Forderung allein auszufassen, sondern das Judentum stets als Hauptsache dabei zu empfinden. Der Zweck des Liberalismus sei ia gerade, das Judentum zu erhalten. Die warmen Worte des Herrn Dr. Seligmann machten auf die Teilnehmer einen starken Eindruck. Mögen uns noch oft solche Abende beschieden sein! Hambura. Am 15. November sprach in der hiesigen Ortsgruppe der Vorsitzende der Vereinigung für das liberale Judentum. R.-A. Stern. Berlin, über »Die jüdisch-liberale Weltkonferenz in London, ihr Verlaus und ihre Lehren." Der Redner schilderte Sen in diesem Blatte bereits seinerzeit dargestellten Verlauf der Londoner Tagung und ging insbesondre auch auf die an der Konferenz teilgenormnenen Führerpersonlichkeiten ein. Er entwarf ein interessantes Bild von Sem Gottesdienst in der Londoner Synagoge und schilderte zum Schluß seinen Besuch in Whitechapel. Das Werk, das hier von Henrigues geschaffen worden sei. müsse auch in anderen Ländern Nachahmung finden. Henrigues versorgt mit seiner Gattin und einigen freiwilligen Helfern von der Geburt bis zum Eintritt in den Beruf, und noch darüber hinaus, etwa 8000 Kinder von Ostsuöen. Die Kinder haben in dem von ihm geschaffenen Heim eine Stätte, in der sie sich wohl fühlen, in der sie lernen und spielen. In einer Synagoge wird an jedem Freitag-Abend ein Gottesdienst abgeüalten, dem über 1000 Ostjuden voller Begeisteruna besuchen. Die hochinteressanten Ausführungen des Herrn R.-A. Stern fanden großen Beifall aller Anwesenden. Der Vorsitzende der Ortsgruppe, Herr Vunzel, bankte ihm und xo\t% darauf hin. daß die Ortsgruppe auch in diesem Jahre eine Reihe von Vorträgen prominenter Persönlichkeiten l>alten werde. Magdeburg. Im überfüllten Saal der Freundschaft sprach am Montag, den 15. November 1926 Herr Rabbiner Dr. Wilde über: „Die Bedeutung der liberalen Weltkonferenz in London". Der Vorsitzende der Ortsgruppe Magdeburg Ser Vereinigung über das liberale Judentum, Herr Wilhelm Kronheim, erösfnete die Versammlung und erteilte nach einleitenden Ausführungen dem Redner das Wort. Dr. Wilde schilderte in leichter aber dabei doch fesselnder Weise den Verlauf der großen Londoner Konferenz in ihren Aeußerlichkeiten und den Gedanken, die diese Konferenz beherrschten. Daneben aber ging er auf die Formen des englischen und amerikanischen Gottesdienstes ein. Er gab dann den wesentlichen Inhalt der Begrüßungsansprachen und der Festreden wieder und erwähnte besonders die Reden der deutschen Vertreter. An den Bortrag schloß sich eine kurze Diskussion, in der vor allem das Verhältnis des Zionisnrus zum iüd>. Liberalismus erörtert wurde. Lanneraus halolu, 1. für Chor mit oder ohne Begleitung, 2. dasselbe als Duett kür Sopran und Alt, komponiert von Musikdirektor Aron Friedmann, Ju val-Verlag, Berlin. Preis 1,30 M. Altmeister Friedmann, bekannt durch eine Reihe von veröffentlichten Kompositionen hebräischer und deutscher Texte, hat im vorliegenden Opus einen Text vertont, der in der bisherigen Praxis leise gebetet wurde. Friedmann hat das Lied seinen Enkelkindern gewidmet, was für die Komposition bezeichnend ist. Sie ist nämlich in ganz einfachem, volkstümlichem, fast kindlich-naivem Stil gehalten, und das ist gerade ihr großer Vorzug. Fehlt cs doch uns deutschen Juden gerade an jüdischen Familiengexangen. Die bestehenden Freitagabend- und Sabbat-Semiroth-Melodien sind meist deutschen Volksliedern entlehnt. Wenn nun Friedmann in seinem llanncraus absichtlich den synagogalen Stil vermieden hat, so will er damit zum Ausdruck bringen, daß jüdische Hausgesänge nichts mit Chasonus zu tun haben. Friedmann schafft, wie auch der bekannte Tondichter Kirschner, München, einen neuen Typus: Jüdische Familiengesänge. Die Melodie ist leicht sanglich und als Aufgesang zum alten Moaus zur jeschuosi sehr geeignet. Der schlichte Tonsatz wird an manchen Stellen durch Triolengänge angenehm belebt. Das Duett hat dieselbe Melodie wie der unisono-Chor, die teils von beiden Stimmen abwechselnd, teils in sehr harmonischem Ensemble vorzutragen ist. Die Begleitung ist im Duett naturgemäß eine ganz andere, die dem gesanglichen Part den Vortritt läßt. Die beiden Kompositionen (in einer Ausgabe) sind für Haus und Schule, sowie für Vereine, die Chanukahfeiern veranstalten, sehr zu empfehlen, zumal der Preis ein sehr mäßiger ist. Oberkantor A. Nußbaum-Wiesbaden. Jüdische Sagen und Legenden für jung und alt, gesammelt und nacherzählt von Dr. Bernhard Kuttner, ehern. Professor am Philanthropin zu Frankfurt &. M. 6. Bändchen. (Mit einem Anhang: einige Parabeln.) J. Kauff- BUCHERSCHAU mann Verlag, Frankfurt a. M. 1926. 8», 78 Seiten. Preis geh. 1,80 M. Gerade recht zu Chanukah, um als Geschenkbuch auf den Tisch der Kinder gelegt zu werden, erscheint dieses letzte Bändchen als Abschluß der vom Verfasser so emsig und liebevoll gesammelten Sagen und Legenden. Wie ein Kind, das nach dem Tode des Vaters das Licht erblickt, ruft es wehmütiges Erinnern an das liebenswerte Bild des treuen edlen Menschen mit dem sonnigen Gemüt eines Kindes und der demütigen Frömmigkeit einer abgeklärten Seele in uns zurück. Die Liebe zum Judentum, die Freude an seinen Wissensschätzen, der Drang nach künstlerischen Gestalten, das Gewissen des berufenen Lehrers, den es treibt mitzuteilen, haben diese Sammlung geschaffen, die eine Auswahl ist aus dem fast unübersehbaren Schatze jüdischer Erzählungen, Sagen, Legenden, Parabeln und Märchen. Sie führen unsere jüdischen Kinder ein in die religiöse Gedankenwelt des Judentums und zeigen ihm, daß es nicht nur bei Griechen und Germanen, sondern auch bei unseren Vätern, Märchen und Legenden, Sagen und Parabeln gibt, ja, daß — wie der Verfasser sagt — ihre Lust zu fabulieren von keinem Volke übertroffen wird. Die Geschichten sind kindlich naiv erzählt wie es einem Kinderbuch aiisteht, aber auch erwachsene Kinder mit aufnahmefähigem Gemüt werden Freude an dem Büchlein haben. Rabbiner Dr. C. Seligmann. Der Arbeitslose. Skizze von E. Beyer. In dem großen getäfelten Arbeitszimmer des Fabrikanten Büttner stand ein junger Mann und wartete auf den Eintritt des Herrn. Die großen schwarzen Augen des Harrenden schienen zu beten, so schmerzerfüllt andächtig richteten sie sich zum Himmel empor, durch die dichten, weißgestickten Mullvorhänge. Die kleine verängstigte Gestalt duckte sieh noch tiefer, wie um nicht gleich gesehen zu werden, als der Fabrikant eintrat. Welcher Gegensatz zwischen den Beiden! Groß, blond, steif, aufrecht, pflanzte sich der Eingetretene vor dem jungen Manne auf, die kalten, grauen Blicke musterten wägend den kleinen Menschen. „Sie also wünschen eine Bureaustelle als Hilfsbuchhalter bei mir? Sie sind empfohlen von Ihrer Lehrstelle?“ Zitternd faltete der Jüngling die Zeugnisse aus seiner Brieftasche vor dem Fragenden auseinander. Nun trat er ein wenig von dem Schreibtisch zurück — ließ dem Leser Muße und dabei glitt ein Hoffnungsstrahl über das blasse, zarte Gesicht. So gut waren diese Zeugnisse — so gut — von der Schule, dem Fortbildungsunterricht — dem Lehrherrn und ein Gefühl des starken Könnens auf den verlangten Gebieten gab dem Stellesucher Mut und Zuversicht. Noch glitt das Auge des Fabrikanten über die Papiere — wahrlich das war einmal ein Reflektant nach den vielen verlotterten Individien, die sich bislang vorgestellt hatten! Plötzlich haftete Büttners Gesicht am Namen des Jünglings „Ephraim Koch“. „Sie sind Jude?“ fragte er, fast erschreckt in das, ach, so typische Antlitz schauend. „Gewiß, Herr Büttner.“ Sofort war alle Anerkennung aus des Lesers Mienen geschwunden. „Ja — wie gesagt —, es sind mir schon so Viele vorgeschlagen, mein Herr! Lassen Sie mir einmal Ihre Adresse da — aber — ich glaube kaum —, es wäre auch das erstemal, daß eift — Israelit bei unserer Firma tätig wäre. Wissen Hiss — wir haben Verbindungen — es geht — sehr, sehr schwer. Na — Sie finden sicher etwas anderes!“ Gruß — Verbeugung — Ephraim ist entlassen. Er wollte schreien, rufen, bitten: ^Warum kein Jude? Was tut die Religion zu meiner Anstellung — ach, ich bin ja so lange schon arbeitslos — habe eine arme Mutter, die fünf Geschwister mühsam ernährt, sie darf es nicht wissen, nicht ahnen, daß ich so lange schon — von Wohltätigkeit lebe!“ Aber er schwieg! Seine Lippen kniffen sich zusammen — nur höher hob er den Kopf und sagte schroff: „Wir waren eine angesehene Familie einst — mein Großvater trieb ausgedehnten Handel in Holland früher — Isaak Koch, Erben — ein bedeutendes Haus!“ Dann ging er hinaus. Zwei Tage später kramte Büttner in alten Akten in seinem Schreibtische. Er hatte zum weiteren Ankäufe des Gebäudekomplexes der Umgebung einige Papiere nötig. Das stolze Gesicht des Fabrikanten war noch zufriedener, denn welch neuen Reichtum versprach die Vergrößerung des Gebietes! Hier — nichts! — Ärgerlich häufte Büttner Akten auf Akten — wo waren die Schriftstücke — er wollte sich doch nicht zu lange mit Suchen aufhalten. Da — mit den Akten zugleich entfiel ein alter Brief den Geheimfächern. Büttner begann zu lesen. Lieber Vater! Endlich, endlich habe ich hier, in Amsterdam, eine Stelle gefunden! Du weißt, meine bucklige kleine Gestalt macht nicht gerade einen einladenden Eindruck auf die Handelsherren, bei denen ich mich nun schon über zwei Monate vergebens bemühe. Rate — wer mich heute einstellte? Das mächtige Exporthaus: Isaak Koch Erben! Ich wagte kaum, dort vorzusprechen! Der Besitzer zur Zeit, ein großer, hagerer Jude mit langem Barte — Koch senior, strich erst lange über das gelbliche Gesicht und sagte Immer wieder: „es wäre das erstemal, daß ein Christ bei uns eintrete. überhaupt die erste jüdische Firma, die einen Andersgläubigen beschäftigt!“ Und ich wußte ihn so zu bitten, es ihm so klar zu machen, welch schöne Menschenfreundlichkeit und Vorurteilslosigkeit es wäre, gerade damit einmal den Anfang zu machen, daß er schließlich mir auf die Schulter klopfend meinte: „Du hast recht mein Junge — und bald werden cs viele nachahmen — man soll jedem Nebenmenschen eine Verdienstmöglichkeit geben — sofern ja auch Andersgläubige Käufer sind!“ Der Brief war unterzeichnet: Andreas Büttner! Das war der Großvater Büttners und jener Koch —?“ Lange sann Büttner vor sich hin; plötzlich suchte er die Adresse des jungen armseligen Koch, der vor zwei Tagen so sehr um Anstellung gebeten hatte. Wütend schellte Büttner: „Der junge Mann soll sofort noch einmal Vorkommen.“ Dann vertiefte sich der Fabrikant in seine anderen Akten. Nach einer halben Stunde, klopfte es, der Bureaudiener trat ein: „Jener Ephraim Koch soll vorgestern nachmittag von der Brücke an» ln den Strom gesprungen sein, Herr. Schiffer wollten ihn retten — es gelang nicht I Die Leiche ist noch ni$ht geborgen! Arbeitslosigkeit sei der Grund des Selbstmordes gewesen!“ -----z,----- . ‘ x