Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 49 (3.12.1926)
- Date
- 1926-12-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Verband aller jüdisch-religiösen Richtungen in Amerika. ALS Ergebnis von Verhandlungen, die feit 18 Monaden gepflogen wurden, wurde auS Vertretern der Orthodoxen, der Konservativen und der Reformgemeinden der Bereinigten Staaten ein permanenter Synagogenrat gebildet. In ihm sind vertreten: die Union orthodoxer jüdischer Kongregationen, der orthodoxe Rabbinerrat, die Bereinigte Synagoge von Amerika und deren Rabbinerkonferenz (Konservativ), die Zentralkonferenz amerikanischer Rabbiner und dke Union amerikanisch-jüdischer Kongregationen (Reformer). Präsident des Gemeinschaftlichen Rates ist 9tabbiner Abram Simon in Washington. In der Einleitung zum Statut wird gesagt, er sei wünschenswert, batz die religiösen jüdischen Organisationen Amerikas sich vereinigen, um jene Interessen zu fördern, die allen Teilen gemeinsam sind. Der Rat habe selbstverständlich nicht bas Recht, in die religiöse und administrative Autonomie der in ihm vertretenen Einzelorganisationen einzugreifen. Der Name des Gemeinschaftlichen Rates ist: ..Ide Synagogue Council oi America“. Der Gemeinschaftliche Rat hielt bereits seine erste Sitzung ab, in der das Problem der „wachsenden Verweltlichung" des jüdischen Lebens in Amerika, die Frage des Zusammenwirkens zwischen Christen und Juden in der sozialen Fürsorge, sowie endlich die Frage der außerhalb der Verbände stehenden Rabbiner behandelt wurden. Der Rat beschloh ferner, in der Presse, an den Universitäten usw. Zeitpunkt und Vorschriften betreffend die jüdischen Feiertage und deren Beobachtung zu publizieren. Der Rat drückte jener Bewegung, die der Erleichterung der Rückkehr der vortugisischen Maranncn zum Judentum gewidmet ist, keine Sympathie aus. Ex sprach sich auch für die Institution, der fünftägigen Arbeitswoche, die die Sabbathaltung erleichtern soll. aus. Die Errichtung eines Zentralbüros für Wanderrabbiner wurde beschlossen. Aus den Gemeinden Attendorn. (8V. Geburtstag.) Unter regster Beteiligung der hiesigen Bevölkerung, und zwar jüdischer und nichtjüdischer Kreise, beging Frau Fabrikbesitzer Ursell in erfreulicher körperlicher und geistiger Frische die Feier ihres achtzigsten Geburtstages. Die ehrwürdige Dame, die sich durch ihr Wohltun groher Sympathien erfreut, war Gegenstand herzlicher Teilnahme. Auch der Bürgermeister und Mitglieder des Magistrats erschienen als Gratulanten: dabei darf hervorgehoben werden, dah zwei Söhne der Jubilarin der Stadtvcrtretung angehören. einer als Magistratsmitglied und ein zweiter als Stadtverordneter. Berlin. (Delegierten tag deS» R e i ch s b ir n d e s jüdischer Frontsoldaten.) Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, der in etwa 50V Ortsgruppen 40600 Mitglieder umfaßt, hielt am vergangenen Sonntag die Hauptversammlung dieses Jahres im Logenhaus. Kleiststraße 10, ab. Ueber den Verlauf der Tagung geht uns folgender Bericht zu: Die. Tagung war von zahlreichen Delegierten aller Landesverbände nnd vieler Ortsgruppen stark besucht und zeigte im Verlauf ihrer lebhaften und auf hohem geistigen Niveau stehenden Diskussion das rege Interesse, das sich allenthalben den Problemen gegenüber zeigt, die der RjF. al- Hauptpunkte feiner Tätigkeit auf seine Fahne geschrieben ^hat: Berufsumschichtung der deutschen Juden durch Schaffung von Siedlungsmöglichkeiten auf dem Lande, Abwehrkamvf gegen den immer stärker werbenden Antisemitismus, Ausbau der sozialen Organisation für seine Mitglieder und ihre Angehörigen, sportliche Ertüchtigung der jüdischen Juaend. Daserfreuliche Anwachsen der Mitgliederzahl und der Ausbau der wöchentlich erscheinenden Zeitschrift „Der Schild", die sich als beachtlicher Faktor im jüdischen Geistesleben bewährt bat. haben der Versammlung bewiesen, daß der Gedanke des Zusammenschlusses der jüdischen Frontsoldaten zum Abwehrkamyf immer stärker Boden faßt. Berlin. (B o m B e r b a n d O r t.) Gemäß dem Beschluß der Dritten Allgemeinen Ort-Konferenz wurde bei der Zentralverwaltnng des Ort eine neue Abteilung für konstruktive Angehörigenhilfc unter der Leitüng des Herrn Dr. Lwowitsch ins Leben gerufen. Der Sinn dieser HisiSaktion besteht darin, daß die sehr bedeutenden, in die Millionen aehenden Zuwendungen, die die amerikanischen Inden ihren Angehörigen in Osteuropa zukommen lassen, produktiven Zwecken dienstbar aemacht werden. In zahlreichen Städten wenden sich viele jüdische Handwerker und Absolventen der Ort-Fachschulen an die Ort-Komitees mit dem Ersuchen, eine Verbindung zwischen ihnen und ihren in Amerika lebenden Angehörigen herznstellen und diese dazu zu veranlassen, ihnen ihre Unterstützung in der Farm von Maschinen, Werkzeug u. a. zu kommen zn lassen. Solche Gesuche aus den jüdischen Handwerkcrkreiscn beleuchten die ganze Dringlichkeit und Notwendigkeit der Aktion zngnnst-en der konstruktiven Angehöriaenhilse. In ihren Schreiben an ihre amerikanischen Angehörigen betonen die Nachsttkbenden. daß ihnen die gelieferten Maschinen und sonstigen Produktionsmittel zur Selbständigkeit verhelfen und sie in die Lage versetzen würden, ans jede weitere Unterstützung verzichten zu können. Die Absolventen der Ort-Fachschulen brauchen Maschinen, um eine eigene Werkstätte eröffnen und sich selbständig machen zu können. Um dem Verwandten in Amerika die größere Aufwendung zu erleichtern, wird die kooperative Einkaufsgesellschaft von Ort, die die erforderlichen Maschinen liefert, dem Amerikaner einen Iahreskredit einräumen, indem sie ihm die Abzahlung des Kaufpreises der Maschinen im Laufe eines Jahres ermöglicht. Berlin. (Konzert in der Synagoge Fasanenst r a h e.) Am Sonntag, den 28. November, veranstaltete der Synagvgenverein Fasanenstraße in der Synagoge ein Konzert. daS mit Ausnahme eines Orgelpräludiums Psalmengesängen gewidmet war. Nachdem Richard Altmann durch den Vortrag der Sonate für Orgel in A-Dur von Mendelssohn die erschienenen Zuhörer in weihevolle Stimmung versetzt hatte, wickelte sich daS weitere, wohl zu reichhaltige, Programm ab. Der verstärkte Snnagogcnchor unter der Leitung Theodor Schönbergers gab sein Bestes; besonders sprachen das Mah-jokor aus Psalm 86 von Nehfeld und der Psalm 111 in der Komposition den Tulzcr an. Das Tauw lbaudans von Kopf berührte daaegen zu artistisch und ließ deshalb kalt. Herr Oberkantor Davidsohn wußte wie schon so oft durch seinen Gesang die Hörer in den Baun feine? Stimme zu ziehen. In seinem Vortrag des Gesangs „Dem Unendlichen" von Schubert trat eine besonders wertvolle und ausgeglichene Leistung zutage. Besonders zu begrüßen war eS, daß Cida Lau mit ihrer herrlichen warmen Sopranstimme die Zuhörer in Vorträgen des „Höre Israel" von Mendelssohn, des Mozartschen Hallelujas) und dreier biblischer Gesänge von Dvorak erfreute. Trotz allem litt aber die Veranstaltung an ganz erheblichen Mängeln. Die so außerordentliche mangelhafte Akustik in der Synagoge kam bei dem schlechten Besuch besonders stark zur Geltung. Es wurde viel zu viel geboten und das Programm war gar zu sehr auf daS rein Aefthetiich-Künftlerische eingestellt, hinter dem der religiöse Gehalt fast vollkommen zurücktrat. Synagogenkonzerte können nur wirken, wenn sie Wegweiser zu religiöser Verinnerlichung sind und nicht dann, wen» sie die Erinnerung an Epochen in btt Geschichte de» liberalen Gottesdienstes herauSbeschwören, die glücklicherweise versunken sind. Die nach jeder Nummer etnsetzende Massenflucht des Publikums mag für künftige Veranstaltungen eine Warnung sein. Nachdem in Berlin die Psalmen im Gottesdienst besonders stiefmütterlich behandelt werden, wäre es doppelt zu wünschen gewesen, daß die Veranstaltung deS GynagogenvereinS Fafanenstraß« der stärkeren Einführung der Psalmen in den liberalen Gottesdienst gegolten hätte und zwar hauptsächlich nicht für den Kunst-, sondern für den Gemeindegesang. Berlin. (Die Förderung der Universität Jerusalem.) Der Deutsche Verband zur Förderung der Universität Jerickalem hielt in Berlin eine Sitzung ab, auf der Prof. Otto Marburg über die Jerusalemer Universität als Zentrum der naturwiffenschaftlichen Erforschung des Orient» sprach. Er schilderte die speziell in Vorderasten gegebenen mannigfachen Betätigungsgebtete: der Ethnologe und Anthropologe findet dort ebenso reiches Forschungsmaterial wie der Geograph und Mineraloge. Auch für das Studium der Urgeschichte, der Botanik und Zoologie, Physik und Chemie bietet sich weite» Neuland, dessen Erschließung zu außerordentlich wichtigen wissenschaftlichen Crgebniffen führen dürste. Weiter könnte der Astronomie durch die Errichtung eines von Archenhold für durchaus wünschenswert erklärten Observatoriums ein wertvolles Forschungsfeld geschaffen werden, denn der Orient besitzt noch keine Zentrale zur Beobachtung. Bei der Universität Jerusalem handelt es sich nicht um eine Parteiangelegenheit, vielmehr um ein von den Juden aller Parteien und Länder zn schaffendes Werk, ein Kulturzentrum im Orient, das die Mitwirkung der deutschen Juden nicht entbehren sollte. Eine sich durch wissenschaftliche Höchstleistungen auszeichnende Universität Jerusalem wird dem gesamten Judentum zur Ehre gereichen. Berlin. (Wechsel im Rat des Preußischen Landesverbandes.) Nachdem durch die Ueberfiedlung des Herrn Rechtsanwalt Dr. Hantke nach Palästina sein Ratsmandat im Großen Rat des Preußischen Landesverbandes erloschen ist, ist das bisherige stellvertretende Ratsmitglicd, Herr Ministerialdirektor Dr. Badt, als Ordentliches Mitglied des Großen Rates eingerückt. Die Fraktion der Jüdischen Bolksyartei hat nunmehr beschlossen, den freiwerdenden Posten einestellvertretenden Ratsmitgliedes mit Herrn Lehrer M. Steinhardt-Magdeburg zu besetzen. Berlin. (Eine interessante Veranstaltung des RjF.) Ueber „Die Polizei im neuen Staate" sprach ans einem von der Ortsgruppe Berlin-Nord des Reichsbnndcs jüdischer Frontsoldaten im großen Saal am Märchenbrunnen veranstalteten sehr stark besuchten Vortragsabend Oberst Heimannsberg, stellvertretender Kommandeur der Berliner Schutzvolizei. Es waren zahlreiche Vertreter des Preußischen Innenministeriums und des Berliner Polizeipräsidiums erschienen, außerdem Senatspräsident Dr. Großmann, Pvlizeioberst a. D. Schützinger, Oberst Kolp. Major Bell. Msjor Bruchmann. Major Hellriegel vom Kommando, Major Dillinger. Major Limburger, Hanptmann Galewaki, .Hauptmann Noelle, Kriminaldirektor Dr. Ossig sowie zahlreiche Vertreter preußischer Behörden. Der Vortragende, von starkem Beifall begrüßt, gab seinem Dortrag das Motto: „Die Polizei gehört dem Volke." Er charakterisierte die Stellung der Polizei zum Volke im alten Monarchenftaat und die seit der Revolution vollzogene Wandlung. Die Besserung des Verhältnisses zwischen Polizei und Volk ergab sich aus der Weimarer ReichSversassung. Wir sind kein Obrigskeitsstaat mehr, sondern ein Volksstaat, in dem alle staatliche Macht nur dem Volke entlohnt ist. Die Richtschnur für die Polizei Ist, entsprechend -er Weimarer Reichtzversassnng: AlleS durch das Volk, alles für das Volk. EineS der wichtigsten Grundrechte ist die Rechtsgleichheit aller Deutschen. Die Polizei hat also keine Rücksicht mehr zu nehmen auf Herkunft. Rang. Stand oder Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft. Die Polizei betrachtet als eine ihrer wichtigsten Aufgaben den Schutz -er Verfassung und der republikanischen Staatssorm. Beuthen. iE in P r o v inz i e l v e r b a n d für jüdische Wohlfahrtspflege.) Am 17. November fand in Beuthen eine Vorstaudssitzung des Gemein deverVamdes in Oberschlesien statt, die unter Leitung des Herrn Jnstizrat Kochmann auS Gleiwitz stand. Gegenstand der Beratung war u. a. die Schaffung eines Rrovinzialverbandes für jüdische Wohliabrisvilege in Oderschlesien. Als Vertreter der Zentralwohlsahrtsftellc der deutschen Juden nahm Herr Dr. Scgall an den Verhandlungen teil. Herr Dr. Segall beleuchtete in seinem Referat die Entwicklung der jüdischen Wohlfahrtspflege in der Vorkriegszeit, der Kriegszeit und der Nachkriegszeit und begründete eingehend die Notwendigkeit, Provinzialoerbände als Uuterorganisationcn der ZentralwohlfahrtSstelle ins Leben zu rufen. Die große Bedeutung der Verbände liegt in der Vertretung der jüdischen Wohlfahrtspflege der Provinz gegenüber der Provinzialregierung, in der Erhaltung gemeinschaftlicher Einrichtungen, in der finanziellen Förderung leistungsschwacher Gemeinden ans wohlsahrtspslegerischem Gebiete, in der Schaffung neuer Institutionen. Es wurde einstimmig beschlossen, auch für Oberschlesien eine derartige Prvvinzialstellc so schnell als möglich ins Leben zu rufen im Anschluß an die bereits bestehende, gut funktionierende örtliche WohlfahrtSzentrale in Beuthen. Die Vorarbeiten für den Ausbau dieser Zentrale nach der eben gekennzeichneten Richtung hin sollen so rasch als möglich in die Hand genommen werden. Cassel. «Vom israelitischen G e m e i n d e v -c r c i n.) Rach längerer Panse hielt der Israelitische Gcmein-deverein letzten Sonnabend im stark besetzten Saale des Hotel Meter eine Mitgliederversammlung ab, die sich mit „sehr wichtigen" > Gemcindeangelegenhciten befassen sollte. Rechtsanwalt Lewinsohn gab in seinen Begrütznngswvrtcn der Freude über den regen Besuch der Versammlung Ausdruck und hob die Notwendigkeit der Revision des kurhessischen Iudengesctzes von 1823 und 1833 hexvor, das seinerzeit großen Segen stiftete, heute aber als unzeitgemäß reformbedürftig sei. Insbesondere fordere die Methode der Besetzung der Ae'mter in den Verwaltungsbehörden, beim Vorsteheramt der Israeliten und bei dem Gcmeindeältcsten-Kollegium schärfsten Widerspruch heraus, weil sie ohne Mitwirkung der Gemeinde und der in ihr bestellenden Minderheiten erfolge, zu sehr durch die Autokratie bedingt werde und demokratische Grundsätze völlig unberücksichtigt lasse. An das Referat schloß sich eine lebhafte Diskussion, in der besonders die Frage erörtert wurde, ob die Reform des kurhessischen Iudcngcsetzes nicht zweckmäßig im Rahmen der Revision des preußischen Iudengesetzes von 1847 erfolgen sollte. Die Mehrzahl der Versammlung hält eine sofortige Aenderung des gegenwärtigen Rechtszustawd.es für dringend erforderlich und wünscht eine sofortige Revision. In der Sitzung wurde ferner noch die Frage der israelitischen Volksschule erörtert, die eifrigere Unterstützung verdiene als bisher. Andere Gemeindeangelegenheiten, so die oft erörterte Chorsrage, die vom Gemeindeverein mit Zustimmung einzelner Gemeindeältestcn aus dem Wege der Rundfrage geregelt werden lallte und trotz des überwiegenden Entscheides der Gemeindemitglieder ungeregelt blieb, ebenso die Erweiterung des Friedhofes u. a. finden eingehende Erörterung. Cassel. (Ein interessanter Prozeß.) Der Jüdischen Wochenzeitung für Cassel, Hessen und Waldeck entnehmen wir die nachstehenden Ausführungen: „Die evangelische Kirchengemeinde zu ManSbach verlangt alljährlich von der dortigen Synagogengemeinde und ihren Mitgliedern Abgaben, u»d zwar soll -die Synagogengemeinde jährlich zu Michaelis ein Pfund Gewürz, die einzelnen Mitglieder, soweit sie verheiratet sind und eine eigene Wohnung haben, solle» -u Michaelis je eine Gans liefern. Die Abgabe ist seit mehreren hundert Jahren entrichtet worden. Sie ist auch in der Dotationsurkunde für die Pfarrei Mansbach enthalten. Lediglich während der Franzosenzeit war die Jndenschaft von der Abgabe befreit. Nach Beseiftgung des Königreichs Westfalen ist der frühere Zustand wieder hergestellt worden. In der Folgezeit wurde, insbesondere auch mit Rücksicht auf die inzwischen durch die kurhessische Gesetzgebung erfolgte Gletchstellung der Juden mit den übrigen Bürgern, die Entrichtung der Abgabe wiederholt verweigert, jedoch ergingen eine Reihe von Erkenntnissen, die sämtlich die Jubenschaft zur weiteren Entrichtung der Abgaben verurteilten. Der letzte Bescheid erging im Jahre 1872. Seit dieser Zeit ist die Abgabe immer weiter entrichtet worden» bis sich schließlich dte Juden und die jüdische Gemeinde im Jahre 1022 wiederum geweigert haben, dem Verlangen der Kirchengemeinde nachzukommen. Die Kirchengemeinde hat daher die Abgaben für die Jahre 1923, 1928 und 1924 vor dem Landgericht Hanau eingeklagt und hat in erster Instanz ein-obsiegendes Urteil erlangt. Das Landgericht ist der Ansicht, daß eine Befreiung von der kraft uraltem Herkommen bestehenden Leistungspflicht nur dann gegeben wäre, wenn diese öffentlich-rechtlicher Natur sein würde. Die Abgabe sei indessen privatrechtlicher Art. Private Verpflichtungen in dem hier vorliegenden Sinne seien aber durch die Gesetzgebung nicht beseitigt worden. Die Judenschaft von Mansbach hat durch den Rechtsbeistand, Herrn Rechtsanwalt Dr. Weisbecker-Cassel, gegen das Urteil Berufung an das Oberlandesgericht Cassel eingelegt." Dresden. (Zum Ableben von Geheimrat Arnhold.) Der Seniorchef des weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannten Dresdner Bankhauses Gebr. Arnhold, Geheimer Kommerzienrat Konsul Georg Arnhold. starb unerwartet im 68. Lebensjahre. Der Tod ereilte ihn in seinem Auto, mit dem er von Meran, wo er zur Kur gewesen war, nach der Heimat zurückkehren wollte. Unweit von Innsbruck hat ein Herzschlag dem Leben dieses für die volkswirtschaftliche Entwicklung Sachsens ungewöhnlich bedeutenden Mannes ein Ziel gesetzt. Wollte man ein Bild seiner Tätigkeit geben, so müßte die industrielle Geschichte eines halben Jahrhunderts aufgerollt werden. Der ungeheure Umfang der von dem Bankhaus Arnhold beherrschten Interessengebiete ließ den Verstorbenen aber nie die Werke der Nächstenliebe vergessen. Einzig in seiner Art ist das Wirken der Arnlloldschen Pensionsversicherung, unvergessen nicht zuletzt die Einrichtung der Dresdner Zentralvolksküchen in den Jahren der Not. Alle zur Förderung der Wohltätigkeit und Kunst bestehenden Organisationen, der Galerie-Berein, dte Friedeusgesellschaft, die Esperanto- und Sportbewegung, die Dresdner Technische Hochschule, deren Ehrensenator er seit kurzem war, diese und noch viele andere werden das Andenken Georg Arnholds in Ehren zu halten wissen. Nicht zuletzt kündet das seinen Namen tragende große Dresdner Schwimmbad weitesten .Kreisen, wie Geheimrat Arnhokd seine soziale Fürsoraetätigkeit aufgefaßt wissen wollte. Sie sollte im wahrsten Sinne des Wortes der Allgemeinheit zugutekommen, um aus diese Weise alles das, was Menschen trennt, vergessen zu wachen. Daraus erklärt es sich, daß. der Verstorbene seine kulturelle Wirksamkeit vom weltbürgerlichen Standpunkt zn erfassen suchte, also insbesondere die Bevorzugung einer Konfession zu vermeiden wünschte. Hierzu kam seine überaus große Bescheidenheit, die ihn davon abhielt, innerhalb der jüdischen Gemeinde oder sonstwie als Privatperson hervorzutreten. . Elberfeld. (70. Geburtstag.) Herr Victor Fis ch 11, Elberfeld, feierte in der vergangenen Woche seinen siebzigsten Geburtstag. Herr Fischel, einer der Begründer der jüdischliberalen Vereinigung Elberfelds, erfreut sich in allen jüdischen Kreisen seiner Heimatstadt des größten Ansehens. Davon geben die zahlreichen Glückwünsche Zeugnis, die nicht nur durch Freunde und Verwandte, sondern auch durch Abordnungen der Synagogengemeinde, der Repräsentanz, der Ben-Bris-Lvge sowie zahlreichen Wohltätigkeitsvereine dargebracht wurden. Gießen. (Synagogcne tn»tih«n g.) Die israel1-< tische Gemeinde im benachbarten Pohlgöns-Kirchgöns rüstet sich, am 3. Dezember die Einweihung ihrer neuen Synagoge, die in wenigen Monaten fertiggestellt werden konnte, festlich zu begehen. Mit der Einweihungsfeier soll auch der festliche Akt der Enthüllung einer Gedenktafel für die im Weltkrieg gefallenen Söhne der jüdischen Gemeinde verbunden werden. Der hiesige Proviuzialrabbiner Dr. .Hirschfeld wird die Festpredigt halten: vi-ele auswärtige Gäste haben ihre Teilnahme an der Einweihungsseier zugesagt. Gudensberg. (Nene G e m e i n d e ä l t e st e.) Das Kasseler Borsteheramt der Israeliten hat dte hiesigen Gemcindenntglieder, M. Löwenstein und H. Oppenheimer, zu Gemeindeältesten ernannt, nachdem erstgenannter schon mit der einstweiligen Führung der Geschäfte beauftragt worden war. Die Verpflichtung beider, durch den Landrat zu Fritzlar. hat bereits stattgefnuden. Gleichzeitig gibt die Kasseler Tagespresse bekannt, daß die früheren Gcmeindeältesten L. Hosmann und L. Mansbach I. nach einer Mitteilung des hiesigen Amtsgerichts aus der israelitischen Kirchengemeinöe (übrigens ein ausgezeichnetes Paradoxons ausgetreten sind. Welcher Sturm im Glase Wasser maa diesem Revirement aber erst vorausgegangen sein? Heidelberg. (Der Kampf in der Studentenschaft.) Bekanntlich wurde auf dem Bonner Studententag der Heidelberger Studentenschaft aufgetragen, ihre Verfassung bis zum 1. August 1927 in einer der Deutschen Studentenschaft genehmen Form. ö. h. in arisch-völkischem Sinne, abzuändern, widrigenfalls der Ausschluß.Heidelbergs erfolgen sollte. Die Vertretung der Korporationen im Heidelberger Studentenausschuß bemühte sich, in verschleierter Form die Verfassung in völftsch-antisemitischem Sinne abzuändern. Die Fraktion der .Korporationsstudenten fand die Zustimmung der völkischen und der jnngstudentischen Gruppe, dagegen stimmte die Freie Hochschulgruppe und der katholische Görres-Mng. So konnte eine Zweidrittelmehrheit für den verfassungsändernden Antrag nicht erreicht werden. Es steht demnach ein Bruch in -er deutschen Studentenschaft bevor. Kalendarium für die Zeit vom 4.12. d. 11.12.192« Dezember 1928 Kislcw 5887 Sonnabend 4 28. Sabbat Chanukah, Neumondweihe Wochenabschnitt: Mikkaz Haftarah: S'charja 3,14—4,7 Sabbat-Attsaang: 4,46 Sonntag 5 29. Te«e» 5887 Montag 6 1. Rösch Chodcsch Dienstag 7 2. Mittwoch 8 3. Donnersta?. 9 4. Freitag 10 6. Tal umotor Sonnabend 11 8. Wochenabschnitt: Wajjtgasch Haftarah: Ezechiel 87,15—36 Sabbat-AuSgang: 4,42 Uhr