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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-12-03 · 49 (3.12.1926) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
49 (3.12.1926)
Date
1926-12-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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6. Jahrgang Nummer 49 JüdsschlLeraleZMmg Die neue Sabbalhlilurgie -er jüdischen Reformgemeinde. Jeder wahrhaft liberale Jude wird es begrüben, wenn sich ihm ernstes Streben nach wahrhafter jüdischer Religiosität offenbart, und -war auch da. wo Wege gegangen werden, die ihm ungewohnt sind. Die Berliner Reformgemeiude hatte zu ihrem, am 28. November, stattfindenden Gabbathgottes-ienst alle freunde des religiösen Liberalismus eingeladen, ihren Tempel zu besuchen, sie mochten nun dem engeren Kreis der Mitglieder dieser Gemeinde angehören ober ihm ferner stehen. Dieser Gottesdienst war für die Reformgemeinde selbst wie im allgemeinen für die Arbeit an der Verwirklichung eines positiv-religiösen Liberalismus besonders bedeutungsvoll, weil zum ersten Male eine neue Liturgie in Erscheinung trat, die einerseits eine Kürzung und demgemätz stärkere Konzentration der gottesdienstlichen Andacht, andererseits eine Stärkung des jüdisch-religiösen Gemeinschaftsgefühls bezweckte. Eine Anzahl von Gebeten ist in der neuen Liturgie weggelaffen, nur ihre Kernstücke sind geblieben. Der wesentliche Anhalt des Sch'mone Esre ist in zwei kleineren Gebetstücken zusammengefaßt. Aber nicht nur eine Konzentration der Andachtsstimmung durch Kürzung des Gottesdienstes wurde erstrebt, vielmehr hat man es — und dies muß gesagt werden — in glücklicher Weise unternommen, Höhepunkte der Anöachtsstimmung durch Umstellung einzelner Gebete neu zu schaffen. So hat man das Sch'ma aus dem Schachrisgebet herausgenommen. Die Gemeinde spricht das Bekenntnis beim Ausheben der Thora und der Prediger liest daran anschließend den ersten Teil in deutscher Sprache vor. Das AuSheben der Thora ist im Gegensatz zu früher besonders feierlich gestaltet worden. Während bisher der Prediger allein zur heiligen Lade hinaufstieg und die Thora aushob. wird er jetzt vom Borbeter und einem Gemeindemitglied begleitet., Die Durchführung dieser Anordnung ist allerdings durch die Ungunst der Raumverhältnisse des Tempels sehr erschwert. Zur Stärkung des religiösen Gemeinschgftsgefühls und des Gefühls des Zusammenhangs mit den Juden, die einem weniger radikalen Liberalismus huldigen, haben die Schöpfer der n'eueu Liturgie danach gestrebt, traditionelle gottesdienstliche Melodien, meistens in der Bearbeituna von Lewandowski, einzuführen. Für denienigen. der den Reformtempel sonst nicht zu besuchen pflegt, gewinnt tatsächlich der Gottesdienst eine unerwartete Wärme, die ihn manches für ihn Fremdarige weniger empfinden läßt. Durch diese Melodien wird tatsächlich erreicht, daß ein liberales Nichtmitglied der Reformgemeinde in ihrem Gotteshaus wahrhaft andächtig beten kann und ihm auch dort das jüdische Gemeinschaftserlebnis vermittelt wird, das die jetzigen Führer dieser Gemeinde ihren Genossen in stärkerem Maße geben wollen. Da die neue Liturgie den ständigen Besuchern des Reformtempels noch fremd ist, kann die tätige Teilnahme aller am Gottesdienst, insbesondere beim Gemeindegesang, nur allmählich erreicht werden. Auch als die alte Liturgie noch in Gebrauch war, wurde in dieser Hinsicht vieles vermißt. Dies rührt größtenteils davon her. daß das Gebetbuch der Reformgemeinde seit Jahren vergriffen war. und drei Viertel der Gemeindemitglioder seit Jahren kein Gebetbuch mehr besaßen. Die Einführung der neuen Sabbathliturgie nur ein Baustein am Werke der Schaffung eines neuen Gebetbuches Eine neue Liturgie für die Wallfahrtsfeste wird in nächster Zeit ebenfalls geschaffen werden; dann gedenkt man den Gottesdienst für Neujahr und Bersöhnungstäg unter Anwendung der bereits erwähnten Grundsätze zu erneuern. Das Gebetbuch soll als besonders begrüßenswerte Neuerung einen Anhang in Gestalt eines einstimmig gefetzten Gemeindegesangbuches erhalten. Prediger Dr. Karl Rosenthal hatte seiner Ansprache die Worte Josephs „Meine Brüder suche ich" zugrunde gelegt. Ep. brachte zum Ausdruck, daß die Reformgemeinde den Bruder im Juden, im Deutschen und im Menschen suchen wolle. Das Suchen nach dem Bruder im Juden werbe durch die Einführung der traditionellen jüdischen gottesdienstlichen Melodien besonders bekräftigt. Für den Fernerstehenden ist es außerordentlich erfreulich zu beobachten, wie auch m den Kreisen der Reformgemeinde von dem flachen Rationalismus der letzten Jahrzehnte zur religiösen Verinnerlichung durch irrationale Mittel gegangen wird. Es bleibt zu hoffen, daß die führenden Geister dieser Gemeinde immer mehr den Weg zur organischen Entwicklung unseres religiösen Lebens finden. Die Mitglieder der Resormgemeinde werbe» dann auch in ihrer religiösen Aufbauarbeit in jedem wahrhaft religiös Liberalen den anteilnehmenden Bruder finden, den sie suchen. Die liberalen Juden Berlins haben allen Grund, mit einem gewissen Neid aus die Reformgemeinde zu einer Zeit zu blicken, wo durch die Ansetzung des Chanukah-Gottesdienstes in der Synagoge Fasanenstraße auf nachmittags 4; Uhr wie durch so viele arvdere Maßnahmen und Unter- Laffimgen das religiöse Interesse des größten Teils derGemeindemitglieder seitens der großen Berliner Gemeinde sabotiert wird. Dr. Max Mayer. Der Münchener Umversitatsskandal. Bom Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde München wird der Jüdischen Telegraphen-Agentur auf ihr Ersuchen folgende Darstellung gegeben: Der Rektor der Universität München, Geheimrat Prof. Dr. Boßler, regte bei dem Rabbinat München wie bei den christlichen Kirchen an, bei der Jahrhundertfeier der Universität einen Gottesdienst zu veranstalten. Vorstand und Rabbinat erklärten sich bereit, den Gottesdienst abzuhalten, erhoben aber gleichzeitig in persönlicher Rücksprache folgende Vorstellungen: den jüdischen Verbindungen müsse gestattet sein, gleichberechtigt mit den übrigen Korporationen aufzutreten: ausländische jüdische Studierende seien, wie dies auch an den übrigen bayerischen Universitäten geschehe, zur Immatrikulation zuzulassen. Der Rektor erwiderte, er erachte beide Beschwerden für begründet, er werde sich für ein Zusammengehen der Verbindungen nachdrücklich einsetzen, er könne die Mitwirkung der jüdischen Korporationen aber nicht anordnen, weil dies in die durch die Universitätsverfasiung begründete Zuständigkeit des KorporationSausschusies falle; hinsichtlich der Immatrikulation der ausländischen Studenten erklärte er, für sofortige Abhilfe Sorge zu tragen. Die Verbindungen, deren Mitglieder Juden sind oder die Juden als Mitglieder aufnehmen, wurden vom Korporation saus schuß zur Feier nicht eingeladen. Der Ausschuß lehnte vielmehr jedes Entgegenkommen ab. Erst die Vorstellungen der jüdischen Verbindungen und hervorragender Persönlichkeiten hatten im Verein mit der Beschwerde der Gemeinde das Ergebnis, daß der Rektor, öesien gerechte und vornehme Gesinnung deutlich hervortrat, die jüdischen Korporationen zu den Veranstaltungen der Universität einlud, jedoch gleichzeitig erklärte, baß sich die Einladung auf einen Teil der Veranstaltungen, nämlich den Fackelzug. den Festzug. das Chargieren bei dem Festakt im Nationaltheater und beim Kommers nicht erstrecke, da dies an dem geschlossenen Widerstand der anderen Korporationen scheitere. Unter diesen Umständen erklärten die jüdischen Verbindungen, der Feier fernzubleiben. Der Vorstand der Gemeinde beschloß in Würdigung der Tatsache, haß die Haltung der Gemeinde gegenüber der Universität als Trägerin der Wissenschaft durch die Jahrhunderte nicht von den Verirrungen des Tages abhängig gemacht werden könne und hervorragende indische Hochschullehrer ans der nämlichen Erwägung die Abhaltung des Gottesdienstes verlangt hatten, den in der Festordnung der Universität und in der Presse bekanntgegebenen Gottesdienst nicht abzusetzen. Der Gemeinderabbiner und der Vorsitzende des Vorstandes erklärten jedoch in einem Schreiben an den Rektor unter Anerkennung seiner Bemühungen, daß sie nicht in der Lage seien, au den Festakten teilzunehmen, da die studierende jüdische Jugend sich nicht mit voller Gleichberechtigung daran beteiligen könne. Gemeinde und Landesverband werden mit allem Nachdruck sür die Rechte der jüdischen Studentenschaft eintreten. Die Gzet'Konferenz in Moskau. Wir hatten bereits in der vorigen Nummer über die Vorgänge auf der gegenwärtigen in Moskau stattfindenden Ozet-Konferenz, die eine Klärung der Verhältnisse unserer russischen Glaubensgenossen herbeizuführen geeignet ist. verrohtet. Den Ausführungen in der vorigen Nummer seien an Hand der inzwischen eingegangenen Nachrichten folgende Einzelheiten nachgetragen. Der als Vertreter der Zentralverwaltung des Verbandes zur Förderung von Handwerk und Landwirtschaft unter den Juden Ort der Ozet-Konferenz beilöohnende Dr. A. Singalowsky hielt im Namen der Zcntralverwaltuna des Verbandes Ort und des Zentralkomitees der Gesellschaften Ort in Polen eine längere Begrüßungsrede, in der er n. a. ansführte: Jenseits der Grenze, besonders in jenen osteuropäischen Ländern, wo große wirtschaftlich zusammengebiochene jüdische Massen unter schweren Bedingungen den Weg zu produktivem Leben suchen, vernimmt man mit Freude die Umwälzung. die innerhalb des jüdischen wirtschaftlichen Lebens in Rußland vor sich geht und begrüßt mit Begeisterung den wunderbaren Aufbanwitten der jüdischen Massen in diesem Lande. Der neuen jüdischen Kolonisation und der Heranziehung großer Teile der jüdischen Bevölkerung zur Industrie, diesem einheitlichen Prozeß des ökonomischen Umbaues. wird die lebhafte Aufmerksamkeit der breitesten gesellschaftlichen Kreise Europas und Amerikas zugewandt. Der Redner gab einen Rückblick auf die Geschichte der Idee der jüdischen Kolonisation und betonte die besondere Rolle Rußlands in dem wirtschaftlichen und sozialen Gesuudungsproz^ß der jüdischen Massen. Die Arbeit, die hier auf diesem Gebiete getan wird, wirkt auch außerhalb der Grenzen der Sowjetunion und dient als Beispiel dafür, daß die jüdische Frage nicht durch Verdrängung, sondern durch Verwurzelung der Juden gelöst werden kann. Die landwirtschaftliche Ansiedlung der Juden und ihre Heranziehung zum Handwerk und zur Industrie werden ' schließlich bei ihnen die „Golus"-Gefühle ausrotten. Der Redner erinnerte daran, daß die Zentralverrvaltung des Verbandes Ort bereits in den Jahren 1821—1822 eine große Hilfsaktion zugunsten der alten jüdischen Kolonien in Rußland, die in der Periode der großen Katastrophen fast untergegangen waren, eingeleitct batte. Im Jahre 1923, als uns die Nachricht erreichte, daß die ersten jüdischen Binnenwandergruppen nach Odessa entsandt worden sind, um dort für sie Land ausfindig zu machen, traten wir dank unseres ideologischen Verbundenheit mit der Aufgabe der Kolonisation als Freunde dieser Bewegung hervor und halfen ihr, soviel unsere Kräfte es erlaubten, in einer Zeit, da die Geburtswehen der neuen Landwirtschaft größer waren als dir Aussichten aus einen baldigen Erfolg. Unsere Ergebenheit der guten Sache gegenüber braucht nicht mit übertriebenen Erfolgen gespeist zu werden: sie wird auch nicht durch vorübergehende Schwierigkeiten abgeschwächt. Wir täuschen uns nicht: Wir sind am Beginn einer Arbeit für Generationen. Segen allen ihren Pionieren! Zum Schlüsse bemerkt der Redner: In allen Ländern Osteuropas, wo wir um die Wiedcraufbauarbeit immer breitere Schichten konzentrieren, besteht der Unterschied zwischen Ort und der einfachen Philantropic darin, daß wir die einzige Garantie für den Erfolg unserer Sache nicht in der Hilfe von außen, sondern in dem inneren Drang der indischen Bevölkerung selbst — in der Steigerung der Sclbsttätigkcit der jüdischen Massen — erblicken. Dr. Paul Nathan, Vizepräsident des Hilssvcreins der Deutschen Juden, hielt auf der Konferenz der Gesellschaft für jüdische Kolonisation Ozet eine Ansprache, in der er ungefähr sagte: Im Jahre 1905 weilte ich in Rußland im Interesse der,verfolgten Juden. Ihre Lage war damals eine sehr schlimme und sie waren vollkommen rechtlos. Jetzt merke ich, daß die Juden in Rußland die vollen bürgerlichen Rechte genießen. Der Uebergang zur Landarbeit und zur Industrie, wird die jüdischen Massen noch mehr in diesem Lande verwurzeln. In dem Begrüßungsschreiben der Nationalitätenabteiluna des Zentralcxetutivkomitcez der Ukraine wird u. a. gesagt: In der Ukraine wohnen jetzt 1738 003 Juden, die volle bürgerliche Gleichberechtigung und das Recht auf Anteilnahme an Landwirtschaft und Industrie genießen. In der Ukraine existieren 600 jüdische Staatsschulcn. 60 000 jüdische Kinder werden in ihrer Muttersprache unterrichtet: es existieren jüdische Lehrerseminare, es existieren jüdisch: Abteilungen an der Odessaer und der Kiewer Universität, ein jüdisches Staatstheater in Charkow. 1926 wurden zwecks jüdischer Ansiedlung rund 100 000 Deöjatin Boden. 1926 weitere Bodenflächen für jüdische Siedlung zur Verfügung gestellt. 60 000 jüdische Seelen wurden auf dem Lande angestedelt. Mehr als 190 lokale jüdische Sowjets wurden gebildet. Im Kreis Cherson wurde der erste autonome jüdische Rayon organisiert. In seiner zweiten Ansprache erklärte der Präsident der Ozet. und das Mitglied des Zentralexekutivkomitce der Sowjets, Larin, die Bewegung sür jüdische Landansiedlung in Rußland sei keineswegs als eine Gegenbeweguna gegen den Zionismus anzusehen. Wenn aber, fuhr er fort, die Zionistische Weltorganisation darauf ausgehen sollte, das jüdische Kolonisationswerk in Rußland zu beeinträchtigen, so würde ein solches Tun, das ein verräterisches Unternehmen gegen die verarmten jüdischen Massen wäre, sich selbst brandmarken. Wir für unser Teil, so schloß er, werden bei unserem Werke der jüdischen Landansiedlung in Rußland dem Zionismus nicht entgegenwirken. Der Vizepräsident Weinstein sprach mit großer Wärme von den immensen Opfern, die ausländische jüdische Gesell¬ Beilage 3. Dezember 1926 schäften dem Werke der jüdischen Kolonisation in Rußland bringen und nannte in erster Reihe die Gesellschaften Agro- Jotnt, Jea und Ort. Die Regierung, erklärte er. sei willens, jeder ausländischen Gesellschaft, die bas jüdische Kolonisationswerk in Rußland fördern wolle, den gleichen Spielraum zu gewähren, wie ihn Agro-Joint, Jea, Ort und die anderen Organisationen haben. Die Frage, ob im Zusammenhang mit der Schaffung einer zusammenhängenden jüdischen Landsiedlung auch die Schaffung autonomer jüdischer Territorien ober gar einer jüdischen Republik in Angriff genommen werden sollte, bildete den Gegenstand einer erregten Debatte in der letzten Sitzung der Ozet-Konferenz. Abraham Bragin. der Initiator des Planes der jüdischen Kolonisation und der Idee einer jüdischen Republik, setzte sich mit grober Wärme für die Idee einer jüdischen Republik ein und wurde darin vom Präsidenten Larin unterstützt. Bragin und andere Redner erhoben gegen die jüdischen Kommunisten, insbesondere gegen die Führer der jüdischen Sektionen, den Borwurf, daß sie bestrebt seien, über die jüdische nationale Tendenz in der Kolonisationsbewegung hinwegzugehen und sie zu ignorieren, während ja doch die führenden Personen der Sowjetregierung. Männer wie der Präsident des Zentralexekutivkomitees der Sowjet-Union, Kalinin, der Volkskommissar für Auswärtiges. Tschitscherin, und der Präsident der Ukraine, Petrowski, wiederholt erklärt haben, daß eine dichte Ansiedlung von Juden ans dem Lande notwendig eine jüdische Autonomie in dem betreffenden Territorium zur Folge haben müsse. Ihr aber, setzte Bragin zu den jüdischen Kommunisten gewendet fort, die ihr doch die jüdische Gemeinschaft in der kommunistischen Partei darstellt, verleugnet jedes nationale Element in der jüdischen Bewegung für Kolonisation. Bragin schloß mit der Feststellung, die jüdische Republik" müsse die Fahne der jüdischen Kolonisationsbewegung werden. Die Sprecher der jüdischen Kommunisten, voran Herr Tschemeriski, erwiderten, sie widerstreben prinzipiell nicht der Idee einer jüdischen Republik. Aber das Wort vvn der „Jüdischen Republik" als Kriegsruf ausstoßen, dies könnte der gegenwärtigen Lage der Kolonisationsbewegung nachteilig, ja gefährlich werden. Obgleich die jüdische Kolonisationstätigkeit, die Heranführung der Jndeu zur Industrie und die ganze Kulturarbeit unter den Inden eigentlich nationale Bedingungen haben, weisen die jüdischen kommunistischen Sektionen jede ausgesprochen nationale Tendenz entschieden zurück. Ihm erwiderte der Präsident Larin, der ausdrücklich erklärte, -er stimme rffit den jüdischen kommunistischen Rednern nicht überein. Die Juden hätten durchaus ein Recht ans territoriale Unabhängigkeit und auf die Errichtung einer jüdischen Republik. Larin tadelte insbesondere den Führer der jüdischen Kommunisten. Litwakow. wegen seiner Angriffe gegen Bragin, den er als einen begabten Publizisten und jüdischen sozialen Kämpfer hinstellte. Die kommunistische Partei, fuhr er fort, sollte den Wert solcher unparteiischer Intellektueller nicht unterschätzen, da sich ja diese Ebenfalls dem Wohle Sowjetrußlaubs widmen. Tschemeriski erwiderte im Namen der Kommunisten, diese sprächen Herrn Larin das Recht ab, Ansichten über jüdische Probleme zu äußern. Er, Tschemeriski, beanspruche für die jüdischen Sektionen der kommunistischen Partei das alleinige Recht, für die. jüdische.Bevölkerung zu sprechen. Herr Dr. D. Jochelmann, der Präsident der Londoner’~ Gesellschaft zur Förderung der jüdischen Kolonisation in Rußland, der bekanntlich eine hervorragende Rolle in der von Zangwill geschaffenen Jewish Territorial Organisation gespielt hat, knüpfte in seiner Ansprache auf der Ozet-Konfercnz an die Rede Kalinins an und führte ans, die Haltung Kalinins in der Frage der Schaffung eines jüdischen Territoriums habe ihn befriedigt. Er hätte aber gern eine klarere Definition gehört, was mau sich unter „Indisches Territorium" vorstclle. F-crner warf Dr. Jochelmann die Frage auf, ob man Juden ans dem Ausland nach Rußland bringen könnte, wo sie ans dem Lande angesiedelt werden sollten. Mereschin -erwiderte, die Frage, ob ausländische Juden in Rußland einwandern und sich ansiedeln können, wäre zunächst durch das Komitee für Arbeit und Verteidigung prinzipiell zu beantworten. Wenn er aber nach der Erfahrung urteilen wollte, so glaube er, daß einzelne Gruppen von Juden ans dem Auslände in Rußland einwandern und sich hier im Rahmen des jüdischen Kolonisationsvlanes ansiedeln könnten. Im Namen des „Agro-Joint" begrüßte Herr Tr. Grauer die Ozet-Äonser-enz und führte aus: Als sich das Joint Distribution Eomitce noch mit Hilfsarbeit schlechthin befaßthatte, war es den Führern des Joint klar, daß dieser zeitweiligen Tätigkeit eine Aufbauarbeit folgen müsse, die verelendeten jüdischen Massen produktiven Berufen zuznftthren. Als die Bewegung für Ackerbau unter den Inden Rußlands in Erscheinung trat, hat Joint begonnen, mit besonderer Aufmerksamkeit diese Bewegung zu beobachten, sie moralisch und materiell zu stützen. Die Ausdauer und der Enthusiasmus, mit welchen die jüdischen Neusiedler am Werke sind, beweisen, daß die Bewegung für Landansiedlung keine zufällige war, sondern mit den tiefsten Gefühlen der jüdischen Massen nbereinstimmt. Die Finanzierung dieser Bewegung erfordert so kolossale Mittel, wie sie eine einzelne Organisation nicht anfzubringcn vermag. Wir begrüßen deswegen alle diejenigen, die uns bei dieser Arbeit Helsen und stellen fest, daß die Arbeit für jüdische Landansiedlung nur möglich wurde durch die Mitarbeit, die moralische und die materielle Stütze der russischen Negierung. Die jetzige Konferenz repräsentiert die zusammengefaßten sozialen Kräfte der Juden Rußlands und wird die Weiterentwicklung bahnen Helsen, Empfanget den wärmsten Gruß von Agro-Joint. 89. Geburtstag des Historikers Alfred Stern. Am 22. November feierte der Historiker an der Züricher Technischen Hochschule, Professor Alfred Stern, seinen 80. Geburtstag. In dem „Israelitischen Wochenblatt für die Schweiz" veröffentlicht Paul Guggenhcim eine Würdigung des Jubilars, in der es heißt: Alfred Stern verkörpert die besten Traditionen jenes literalen Judentums, das im Anschluß an die Emanzipationsbewegung das geistige Leben in den Ländern europäischer Zivilisation in hervorragender Weise mitbefruchtete und aus diese Art dem Ansehen der jüdischen Gemeinschaft in hohem Maße diente. Seine vor kurzer Zeit zum Abschluß gebrachte Geschichte Europas seit den Verträgen von 1815 bis zum Frankfurter Frieden von 1871 zeugt von universeller Einstellung und hat dem Namen ihres Verfassers nicht nur in engen Fachkreisen Weltgeltung verschafft. Alfred Stern entstammt einer im Meinlande zu großem Ansehen gelangten Familie. Sein Vater. Moritz Abraham Stern, lehrte tu Göttingen als erster deutscher Hochschullehrer jüdischer Abstammung die mathematischen Wissenschaften. In seinem Hause verkehrten die Vorkämpfer der deutschen Judenemanzipation, wie Abraham Geiger. Berthold Auerbach und Gabriel Rietzer.

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