Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-12-03 · 49 (3.12.1926) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
49 (3.12.1926)
Date
1926-12-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613841-2613890--2040-2619470
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Erziehung der Kinder idenn eine uralte Gemeinschaft des JuLentumist -ie zwischen Lehrer und Schüler). Gottesdienst idenn die heiligste Gemeinschaft ist die. In der -ie Kinder Gottes ihren Bund mit ihrem Vater erneuern), jüdische Gemeinde und jüdische Gemeinschaft, die über die staatlichen Grenzen* hinausgeht. Auch wir Liberalen leugnen nicht, daß eine über die Landesgrenzen hinausgehende Gemeinschaft ganz Israel verbindet. Diese Gemeinschaft erschöpft sich keineswegs — wie man eS diesen Tagen gelesen — im Kultischen. Sie ist auch eine Gemeinschaft der Erinnerung und der Hoffnung, -er Hoffnung, die wir im Schlußgebet unseres Gottesdienstes aussprechen, daß nämlich bald -ie Tage nahen mögen, in denen Gott -er Einig Einzige ist, und die Völker sich zusammenschlieben. um das Reich Gottes zu begründen. Daß wir. die Liberalen, diese Gemeinschaft pflegen und pflanzen wollen in formen, die auchdem Individuum gerecht werden, daß wir die Formen der Gemeinschaft nicht üben, weil sie geboten sind, sondern, soweit sie religiös erheben und veredeln, nicht alS Gesetzesnorm, sondern als äußere Ausdrucksform unseres religiösen Empfindens. — das trennt uns grundsätzlich von den konservativen Brüdern. Daß aber unter den liberalen Zionisten viele derselben Ansicht sind wie wir. wissen wir. Wenn sie diese religiöse Gemeinschaftsarbeit leisten wollen, hier.ist -er Platz, sie auszuüben. Ich fasse zusammen: Soweit der Zionismus reiner Nationalismus ist, dem die Religion ein unwesentliches bleibt, das der Einzelne zu- oder abtun kann, trennen sich unsere Wege. Soweit der Zionismus eine Bewegung ist, die die jüdische Gemeinschaft fördern will, gehen wir denselben Zielen nach. Ueber Weg und Mittel sind wir unS nicht einig. Wir glauben nicht daran, baß die Zentralisierung des Judentums der Weg ist, sondern wir glauben, daß die Intensivierung jüdischen Lebens überall da, wo es sich regt, die Gemeinschaft stützt und lebendig erhält. Solange daher der Aufbau Palästinas zum Ziel haben soll, ein irgendwie geartetes jüdisches Zentrum zu schaffen, können wir uns an dieser Arbeit nicht beteiligen, so sehr wir auch die Notwendigkeit einer Seßhaftmachung von Teilen des jüdischen Volkes anerkennen. Soweit es sich um die Notwendigkeit handelt, jüdisches Leben in den einzelnen Ländern der Welt zu ersten und fortzupflanzen, sind sich Zionismus und Liberalismus einig. Ueber die Wege gehen wir auch hier auseinander. Wir glauben, daß es keiner einheitlichen Sprache oder gar der äußerlichen Trennung von den nichtjüdischen Volksgenossen bedarf, um das Judentum lebendig;u erhalten, wenn nur in Schule, Haus, Gotteshaus und Gemeinde alle verfügbaren Kräfte zur Mitarbeit auf dem Grunde des Gemeinschaftsideals herangezogen werden. Weil wir endlich glauben, daß das Judentum als solches seine geschichtliche Bedeutung letzten Endes in der Ausbreitung seiner Ideen von Gott, Mensch und Menschheit unter den Völkern hat, halten wir eine jede zentralistische und den Abschluß an strebende Rückbildung als dem Sinn des Judentums zuwider: darum sind wir, und darum waren tausend Jahre lang alle Inden (und sind es die Zionisten nicht auch?) in allen äußeren Dingen Assimilanten. Unsere Gemeinschaft erhalten wir nicht durch Abschließung, sondern durch Intensivierung und Idealisierung ihres Innenlebens. Wer diesen Weg mit uns geht aus dem Boden der Fortentwicklung der religiösen Form, ist uns willkommen. Einzelne politische Abweichungen spielen dabei keine Rolle. Ich gehe aber noch weiter. Universalistische und zentralistische Bewegung im . Judentum sind ihrem Wesen nach gemeinschaftsfördernd und zemeinschaftsbejahend. Hält man sich die grundsätzlichen Gegensätze klar vor Augen, die Gegensätze des Weges, nicht des Zieles sind, so kann es zwar nicht ausbleiben, daß in ein- Eliten Fragen, insbesondere an den Reibnngspunkten von jüdischer und nichtjüdischer Ocffentlichkeit, scharfe ^Wegensätze entstehen. Es ist aber andererseits wohl denkbar, daß auf dem wichtigsten Gebiet, dem der Intensivierung des religiösen Lebens in Haus und Gotteshaus, alle diejenigen mit uns gehen, die auf dem Boden der Entwicklung der religiösen Form stehen. Hier bietet sich bei aller Aufrcchterhaltung der gesinnungsmäßigen Gegensätze weitgehende Möglichkeit der Zusammenarbeit. Die scharfe, aber ohne Haß erfolgte Formulierung der gegensetzlichcn Wegrichtung einerseits, und die Mitarbeit auf großen Wegstrecken zum gleichen Ziel andererseits wird hoffentlich dazu führen, die persönlichen Gehässigkeiten ans j; Versammlung-Kalender jjfij Berli»«NoröWeft. Mittwoch, Kn 8. Dezember IN«, «leuM 8 Uhr, vor» tttgdfttatb tat Pfeilers«« lei «Tlergartenhvf" (Am Bah«, Hof Tiergarten). Redner: Ralh-ner Dr. I. Sewkowttz: „BattUtiftfteft dei LiberaNSmaS". R.»A. Dr. John Verthei«: «Die Politik in der Gemeinde". GSft« her-lichft willkommen. Berliv-Norden. Liberaler Synagogenvereiu Norde« (i« ArterVachfche« WaifeahaaS, Schönhauser Allee 168), Channka-gotte-dtenst, -«gleich Festgottesdienst aus Anlaß bei dreijährige« Bestehens unserer Synagoge. Freitag, den ». Dezember» 7X Uhr, Sonnabend, -eu 4. Dezember, 10 Uhr, Sonntag, de« 8. Dezember, 18 Uhr: Channkah-Morgenfeier. An alle« Tage« Predigt: Herr Dr. Salomonski. Breslau. Jüdisch-liberaler Jugendverei« „Abraham Geiger". Sonnabend, den 4. Dezember, abends 8% Uhr, im Saale des HotelS «König von Ungarn", Bischofstr. Id, Channkahfest. Programm: Lichterrveihe, Festansprache, mnfikalischdeklamatorischc Darbietungen, Revue in 7 Bilder«. Gäste, durch Mitglieder eingeführt, willkommen. Dortmund. Sonntag, den 18. Dezember» findet ein Märchennachmittag (Channkahseler) für die Kinder unserer Mitglieder, «ach, mittags 4 Uhr, im kleinen Saal «nd Klubzimmer des Gewerbevereins statt. Rezitation: Frl. Herta Weinberg» Herne. Trier. Sonnabend, den 11. Dezember, abends 8 Uhr, in der Aula der Kunstgewerbefchnle, Bortrag des Herrn George Goetz» Generalsekretär der Bereinigung für das liberale Indentum: «AaS ist «nd was will das liberale Jadentnm?" der Welt zu schaffen, die im Kampf von Juden untereinander stets etwas besonders Schmerzliches haben. Mögen diese Zeilen dazu beitragen, Klarheit zu schaffen und aus der Klarheit den Frieden! Der Schluß des Verbandstages. Die Verhandlungen des zweiten Verbandstages des preußischen Landesverbanbstages jüdischer Gemeinden, über die wir in unserer vorigen Nummer bereits ausführlich berichtet haben, wurden am Dienstag, den 23. v. M. fortgcsetzt. Frau Ollendorf slib.) wendet sich gegen die Angriff: auf den jüdischen Frauenbund. Auch die Frauen würden keine Vorrechte verlangen, sondern nur ihre Rechte als Jüdinnen in Anspruch nehmen.. Nunmehr wird in die Beratung des vorliegenden Entwurfes zur Gründung eines Ncichsverbandes der deutschen Juden eingetretcn. Justizrat Li lie n tha l (Rat) legt im Namen des Rates den Entwurf einer Verfassung für den zu gründenden Reichsverband der deutschen Juden vor, mit dem Anträge, dem so gebildeten Reichsverbandc beizutreten. Man erfährt, daß in -er vorangcgangenen Sitzung des Großen Rates Justizrat Lilienthal die Frage angeregt hatte, ob nickt mit Rücksicht auf die Haltuna der Majorität der liberalen Fraktion, die in einer Fraktionssitzung sich ebenfalls gegen das vorliegende ReichSftatut ausgesprochen hatte, die Ratsvorlage zurückgezogen werden sollt«, ohne daß eine Entscheidung der LandesverbandSsitzuug herbrigeführt «erbe. Der Rat entschied sich jedoch dafür, die Vorlage vor die LanbeSverbandSsitzung zu bringe». R.-A. Stern (liberal) gibt namens der liberalen Fraktion folgende Erklärung ab: «Die liberale Fraktion erklärt, daß der vorliegende Entwurf in verschiedene» Punkten erhebliche« Bedenken begegnet und daß deshalb die Gesamtvorlage nicht angenommen werde» kann. Sie erwartet, daß es dem Rat gelinge« wird, baldigst eine« Entwurf vorzulegen, der auch den Dissertierenden eine Annahme ermöglicht." R.-A. Stern betont, daß der Wunsch nach einer Reichsoraanisation der deutschen Juden auch weiter Lei seiner Fraktion besteht. Seine Fraktion habe Bedenken gegen das in dem Entwurf vorgesehene Einkammersystem. Er habe sehr wohl Verständnis für die finanziellen Gründe, die gegen eine direkte Reichstaguna geltend gemacht werben. Schon aus äußeren Gründen aber fei als Symbol für die Zusammengehörigkeit der deutschen Juden eine aus Urwahlen hervorgehende Reichstaguna erforderlich. Der Berbandstag des preußischen Landesverbandes habe die Vorteile erwiesen, die in der Kontrolle durch eine größere Körperschaft liegen. ES dürfe nicht alleS von der Fähigkeit oder Willkür der leitenden Persönlichkeiten abhängen. Wenn man» wie eS mit Vorliebe geschehe, zum Vergleiche die Stellung des Bundesrates, die dieser früher im Deutschen Reiche inne hatte, heranziehe, so übersehe man vollkommen, daß dem BundeSrat ja der aus direkten allgemeinen Wahlen hervorgegangene Reichstag gegenüberstand. Wir kennen kein preußisches, hessisches oder bayerisches Judentum, sondern nur ein deutsches Judentum. Auch geaen sonstige Bestimmungen des Entwurfes hat die liberale Fraktion gewisse Bedenken. Auch wir erkennen eine jüdische Gemeinschaft an. sind jedoch der Meinung, und daS muß in der Verfassung des Reichsverbandes zum Ausdruck kommen, daß diese Gemeinschaft eine religiöse ist. Dabei soll keineswegs gesagt sein, daß sich daS Religiöse im Kultischen erschöpft. Zum Schluß betont der Redner nochmals, daß man die Hoffnung auf den ReichSverbanö keineswegs aufgegeben habe und daß man nach wie vor in der liberalen Fraktion die Gründung des Ncichsverbandes in absehbarer Zelt wünsche. Freilick darf dieser kein Zerrbild deS deutschen Judentums darstellen: das würde aber der Fall sein, wenn dem bayerischen Wunsche Rechnung getragen werden würde, nack dem sich vier Fünftel der deutschen Juden den Wünschen von einem Punkte fügen sollen. RabL. Dr. Braunschweiger (Mittelv.) und R.-A. Jacobsohn (Jüd. Bolksp.) wenden sich für ihre Fraktionen gleichfalls gegen die Vorlage und unterstreichen nochmals die bereits vom liberalen Redner vorgetragenen Bedenken. Justizrat Lilienthal (Rat) wendet sich zunächst gegen den Vorwurf, daß der Rat dem Berbandstag nur die Frage annehmen oder ablehnen überlassen habe. Jeder, der das parlamentarische Leben kenne, müsse wissen, 'daß bet Bertragswerken den Parlamenten immer nur diese Entscheidung zufalle. Man müsse berücksichtigen, daß der Rat Verhandlungen mit 13 Verbänden zu führen halte. Es war gar nicht anders möglich, als zunächst zu versuchen, mit «den anderen Verbänden ein Abkommen herbeizuführen. Eine Mtßachtuna aegen den Berbandstag dürfe darin nicht erblickt werden. Daß ein Reichsverband. hervorgegangen aus allgemeinen Urwahlen, in absehbarer Zeit zustande kommt, sei nicht zu erwarten. Denn die nach Preußen fünf größten Verbände sind für eine aus Urwahl hervorgegangene Tagung nicht zu haben. Man müsse auch für die finanziellen Bedenken, die hier bestehen. Verständnis haben. Es sei sehr leicht, von der Tribüne Forderungen aufzustellen, aber man brauche 1a nur an die finanziellen Schwierigkeiten zu denken, mit denen der Landesverband zu rechnen bat. ^Gegenüber den Ausführungen von Rabbiner Dr. Braunschweiger. der eine stärker« Berücksichtigung auch der Religiösen Mittelpartei verlangte, erwiderte d«r Redner, daß man auf preußischer Seite «dazu bereit gewesen sei. jedoch die übrigen Länder dies abgelehnt haben, da bet ihnen eine Mittelvartei nicht vorhanden fei. Man müsse sich mit der Tatsache abfinden, daß eS durch die Organisationen der einzelnen Länder zur Zeit ein preußisches, hessisches und bayerisches Judentum gebe. Der Redner befürchtet, daß eS noch «Wie der König am 2lten von Potsdam kommen und den Tiergarten passiert, haben Se. Majestät den Vau in Augenschein genommen, welchen daselbst einige Ministri, hohe Officiers und Hofsbcdiente ins Merck setzen laßen. ES ist zwischen dencnselben auch einem Juden ein Platz angewiesen, nicht daß er sein daselbst bauendes Hautz selber bewohnen, sondern an jemand verwichten oder damit wuchern will. Alß nun die erwehnten daselbst Anbauenden dem Könige zu erkennen gegeben, wie sie den Juden gerne auß ihrer Nachbarschafft haben mögten, ist ihnen darunter beferieret, die Stelle dem Juden genommen und dem Etats- Minister von Broich gegeben worden. Solcher Jude hält seiter geraumen Jahren eine banque vor die Officiers, denen er Geld vorschießet. Weilen er aber öffters in beschwerliche Umstände mit dencnselben gerahten, so hat er ein Privilegium geinchct, worin unter anderen begehret worden, daß, wenn ein Officier nicht zu gesetzter Zeit nach seinem ausgestellten Wechsel Zahlung verfüget, der Commandant selbigen auf sein Ansuchen sofort in die Wache schicken fol. Die übrigen Pnncte sotten auf Christen und Juden etwas nachteilig fallen. Da aber solcher Jude sich erbotten, ein Hauß vor 13 biß 16 Tausend Rthlr. zu bauen, so ist ihm das begehrte Privilegium erteilet worden. Diese Ermächtigung, gegen säumige Zahler mit scharfen Mitteln vorzugehen, erteilte der König dem Bankier, weil dieser deS Königs Wunsch erfüllte, Berlin mit einem Hause mehr zu schmücken: „der Kerrcl hat Gelt, mus bauen!" Wenn auch diese Zeitungsnachrichten scheinbar des Zusammenhanges entbehren, so stellen sie dennoch einen — bescheidenen — Beitrag zur Geschichte dcrJuden unter dem Soldaten- und Bürgerkönige Friedrich Wilhelm 1. dar. Matthäus 5. 43. Von Rabbiner Dr. H ahn, Essen. In Nr. 46 dieser Zeitung weist Dr. M. Spanier-Magdeburg an Hand einer Besprechung der Bergpredigt auf die bedauerliche Tatsache hin, daß in vielen christlichen Unterrichtsbüchern unserer Tage noch immer eine so schiefe Darstellung des zeitgenössischen Judentums gegeben wird, «daß hierdurch die christliche Jugend ein. grundfalsches Bild von der jüdischen Religion gewinnt, unö die nnausbleibliche Folge die spätere feindliche Stellungnahme zu den Bekennern des Judentums ist." Leider muß festgestellt werden, daß in den theologischen Schriften, aus denen der Student und spätere Pfarrer seine Wissenschaft schöpft, derselbe Uebelstand vorherrscht. Das trifft selbst auf jene Kommentare zum Neuen Testament zu, die den Sinngehalt der Evangelien auf Grund des jüdischen Schrifttums zu ermitteln suchen. Gerade an der Interpretation des Satzes der Bergpredigt: «Ihr habt gehört, baß gesagt ist: dn sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde . . läßt sich das besonders deutlich zeigen. Liest man dies Wort im Zusammenhang der Bergpredigt, so muß man den Eindruck gewinnen, als wolle der Evangelist sagen: im alten Judentum ist der Feindes haß geboten: die neue Lehre aber verlangt: liebet eure Feinde. Solange daS jüdische Schrifttum, insbesondere das nachbiblische, innerhalb der christlichen Theologie ziemlich vernachlässigt wurde, konnte man sich mit der Ausrede helfen: das Wort vom Feindeshaß wird schon irgendwo in jüdischen Büchern stehen. Interessant ist nun zn beobachten, wie jene Erklärer der Bergpredigt, die das Evangelium gerade vom jüdischen Geistesguk her verdeutlichen wollen, mit dieser Stelle fertig zu werden suchen. Hermann Strack und Paul Billerbeck geben in ihrem mit staunenswertem Fleiß gearbeiteten „Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch" (Verlag Oskar Beck, München 1022, I. S. 353 ff) zu, daß sich der Sah: «hasset eure Feinde" weder im Alten Testament noch im Talmud quellenmäßig belegen lasse. Die Verfasser stellen im weiteren Verlauf ihrer Darlegungen wahrheitsgemäß fest, daß hingegen das Gebot der Feindesliebe im Alten Testament «anklingt" in den Worten: «So du triffst ans den Ochsen deines Feindes oder auf seinen Esel, der irre geht, bringe ihm denselben zurück" (Ex. 23, 4), oder: «Wenn deinen Feind hungert, so speise ihn, und wenn ihn dürstet, so gib ihm Wasser zu trinken" (Spr, 25, 31), und: «Wenn dein Feind fällt, freue dich nicht, und wenn er strauchelt, juble dein Herz nicht" (Spr. 24, 17). Sodann wird eine Reihe von ebenso human klingenden Aussprüchen aus der nachbiblischeu Literatur angeführt: „Wer ist der größte Held? Der, welcher seinen Feind zu seinem Freund macht!" «Wer Böses vergilt, statt Gutes zu erweisen, aus dessen Haus wird das Böse nicht weichen." «Die gedrückt (gedemütigt) werden und nicht wiederbedrücken, die ihre Schmähung anhören und nicht erwidern, die aus Liebe (zu Gott) handeln und über Leiden sich freuen — über die sagt die Schrift: «Die ihn lieben, sind wie der Anfang der Sonne in ihrer Macht." Daß diese Liebesgesinnung im Judentum grundsätzlich ans alle Menschen ausgedehnt wird, also auch den Nichtisraeliten mitumfaßt, geben die Verfasser ebenfalls an vielen Stellen zn, geht übrigens auch aus dem Inhalt der Bücher Ruth und Jona nnd dem Verhalten vieler Rabbiner» einwandfrei hervor. Wo also ist die Berechtigung für das Wort der Bergpredigt: «den Alten ist gesagt . . . hasset eure Feinde?" Strack-Bitterbeck helfen sich folgendermaßen aus der Verlegenheit. Sie sagen: «DaS Ganze wird eine populäre Maxime sein, nach der der Durchschnittsisraelit in Jesu Tagen sein Verhalten gegen Freund und Feind eingerichtet hat." Diese Erklärung steht im Widerspruch mit den übrigen antithetischen Worten der Bergpredigt, die bewußt an Vorschriften der Bibel anknüpfen. Und zudem: seit wann ist das Verhalten deS «DurchfchnittSisraeliten" maßgebend für die Lehre des Judentums? Ist das noch Wissenschaft? — In ebenso merkwürdiger Weise sucht Professor Karl Bornhäuser in seinem Buch: «Die Bergpredigt, Versuch einer zeitgenössischen Auslegung" (Verlag C. Bertelsmann, Gütersloh ISA) die Schwierigkeit zu umgehen. Er gibt glatt zu, daß die Aufforderung zum Feindeshaß nirgends im Alten Testament steht. Das wußte Jesus auch. Deshalb drückt er sich vorsichtig aus und behauptet nur: den Alten ist gesagt. Wir haben es also hier mit einer Vorschrift aus der mündlichen Lehre zu tun. Die Tatsache, daß sich dieser Satz aber auch nicht im Talmud findet, räumt Bornhäuser auf folgende einfache Weise aus der Welt: «Wenn wir ihn in der kodifizierten Mischna und im Talmud heute nicht finden, so ist damit noch nicht bewiesen. daß er nicht zur Zeit des Neuen Testaments gesagt wurde." (So auf S. 105.) Und Boruhäuser beweist hierauf, daß er gesagt wurde. Woraufhin man in Zukunft in der Wissenschaft nach dem Grundsatz verfahren muß: Was man nicht mehr finden kann, sieht man als Gesagtes an. Es erübrigt sich bei dieser Sachlage» näher auszuführen, daß der Beweis nach allen Seiten hin hinkt. Bornhäuser will uns klar machen, daß der Pharisäer zur Zeit Jesu das Gebot der Thora: „Liebe deinen Nächsten" nur für seinesgleichen anerkannte, dagegen es als seine Pflicht erachtete, den Am Haarez, den einfachen und ungebildeten Mann aus dem Volk, zu hassen. Uebersehen ist nur dabei, daß daS gespannte Verhältnis zwischen den Pharisäern und den Am Haarez aus einer viel späteren Zeit stammt, wie das Prof. A. Bit chIer in seiner Arbeit: «Der galiläische Am- Haarez" (Wien 1908) sestgestellt hat. Zudem hat es zu allen Zeiten einflußreiche pharisäische Gelehrte gegeben, die heraus aus ihrer Liebe zur «Gesamtheit Israels" sich gerade des Am-Haarez besonders annahmen. Daß diese Stellen im vorliegenden Buch fehlen» ist wohl mehr ein Verschulden von Jacob L e v y. der in seinem von Dornhäuser fleißig benutzten Wörterbuch über die Talmubim und Midraschim unter dem Stichwort «Am-Haarez" versäumt hat, diese günstigen Aussprüche ans Pharisäern»»»»- zn verzeichnen. — Zuletzt sei noch auf den Kommentar von Paul Fiebig: „Jesu Bergpredigt" (Verlag Vandenhoeck u. Rupprecht 1924) hingewiesen, der die fragliche Stelle durch den Hinweis rechtfertigen »vill, daß man im Talmudischen Schrifttum öfters die Auslegung ohne erkennbaren Absatz zu dem Bibelzitat hinzugefügt habe. Jeder Jude mußte, wie weit das Zitat reichte und wo die Auslegung begann. So sei auch in der Bergpredigt: „und deinen Feind hassen" nicht mehr als Zitat gemeint, sondern bereits Auslegung. Fragt sich nur, ob diese Auslegung berechtigt ist, was man nach objektiver Prüfung doch in Frage stellen muß. Es wäre deshalb sehr zu begrüßen, wenn der Borschlag, de»» jüngst Dr. Norden-Elberfeld in seiner Broschüre: «Auge um Auge — Zahn um Zahn" (Philo-Berlag, Berlin 1936) gemacht hat: man möge in allen Ausgaben des Neuen Testaments diese Stelle -er Bergpredigt mit einer aufklärenden Anmerkung versehen, daß sich hier ein bedauerlicher Irrtum in -er Zitierung einer jüdischen Vorschrift eingeschlichen hat, in christlichen Kreisen Gehör fände. Nach den Kostproben, die wir oben gegeben haben, scheint die Ausführung dieses Vorschlags noch lange auf sich warten zu lassen, aber -ringend notwendig zu sein.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.