Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 49 (3.12.1926)
- Date
- 1926-12-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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band nationaldeutscher Juden arrAgesprochenermaße» Gewehr bei Fntz gestanden hat. weil ihm die Haltung der Berliner liberalen politisch in seinem Sinn nicht scharf geuug war. Mit dem Naumann-Kinderschreck ist es also nicht», und «usere Gegner werben sich daran gewöhnen müssen, daran zu glauben, daß wir bei «nsere» Entschlüssen vo« inneren Erwägungen »«»gehen und nn» «nsere Beweggründe nicht von außen diktieren lasten. Ganz eigentümlich berührt haben mich die Ausführungen LeS Herren Förder über die Stellung des liberalen Judentums zum Zionismus. Man sieht, daß Herr Fürder hier alle Ereignisse lediglich von der kleinen Warte der kommunalen Politik aus betrachtet. Auf diesem Gebiet ist in der Tat nach einer gewissen Friedenspause der Kampf in letzter Zeit in recht kräftiger und recht häßlicher Form wieder aufgeflammt. Wer aber alS Führer seiner Bewegung die innerlichen Zusammenhänge überblickt, der muß sagen, daß in den letzten Jahren gerade in der Auseinandersetzung zwischen den beiden großen Bewegungen im Judentum Möglichkeiten eröffnet worden sind, an die man noch vor einem Menschenalter nicht gedacht hat. Freilich verdirbt auch hier die Politik Immer wieder daS Verständnis. Wenn z. B. in einem der letzten Leitartikel der „Jüdischen Rundschau" der Schreiber dieser Zeilen wieder wegen seiner angeblich antizionistischen Rede in London angegriffen worden ist, indem absichtlich ein Satz aus dem Zusammenhänge herausgerissen und gewissermaßen alS maßgebend für den Inhalt der Rede gestempelt worden ist,, so zeigt das doch, wie das beste Bestreben objektiv Denkender immer wieder aus politischen Gründen zunichte gemacht wird. Ich habe in London gewissermaßen als Leitmotiv meiner Auseinandersetzung erklärt, wie es ja auch bei meiner ganzen Einstellung im jüdischen Leben nicht anders zu erwarten war. daß ich cs bedauere, wie sehr die innerpvlitischcu Kümpfe und die Gegensätze im Abwehrlamps die höchst notwendige, nur mit geistigen Waffen zu führende, grundsätzliche Auseinandersetzung zwischen nationalem und liberalem Judentum immer wieder verdunkeln und hiuauSschieben. Diese Verschiebung des Kampfes aufs politische Gebiet habe ich in der Tat dann im wesentlichen der Haltung der Zionisten zugeschrieben, und diese Behauptung halte ich aufrecht. Ich mache den Zionisten zum Vorwurf einmal, daß sie auS rein politischen Erwägungen die ziffernmäßig sicherlich nicht unbedeutende Zahl der religiös Liberalen in ihrer Bewegung nicht zu Wort kommen lassen, wie es sich z. B. in schärfster Weise gezeigt lmt. als sie im Preußischen Landesverband bei Besetzung der Kultusausschüsse nur Vertreter in den konservativen Ausschuß sandten, eine Delegation in den liberalen Kultusausschuß aber ablehnten. Hier sind es die Liberalen gewesen, die dann <inen religiös-liberalen Zionisten von sich aus in den Ausschuß hineingewählt haben, damit deutlich zeigen-, daß sie in den großen religiösen Fragen nur die religiöse, und nicht die politische Einstellung werten. Würde wirklich dem Zionismus daran liegen, -aS Judentum geistig weiter zu bringen, so müßte er, genau so, wie er seine konservativ eingestellten Gesinnungsgenossen stark in -en Vordergrund stellt, auch den liberalen Gesinnungsgenossen die Möglichkeit geben, wenigstens aus religiösem Gebiet mitzuarbeiten. Solange dies nicht der Fall ist, gilt eben auch für den Zionismus die traurige Tatsache, daß ihm Politik über Religion geht. Biel gewichtiger noch ist der zweite Ginrvand, den ich gegen die Haltung der Zionisten erhoben habe und immer wieder erheben werde. Ueber die Frage der Einstellung der deutschen Juden zum Deutschtum kann man vielleicht theoretisch streiten. Man kann auf dem Standpunkt der Synthese von Deutschtum und Judentum stehen, man kan« aber auch glauben, daß gerade die Betonung des volksmäßigen Gegensatzes einerseits und >s^daS loyale Bekenntnis zum deutschen Staatsgedanken .«* andererseits -er Abwehr des Antisemitismus förderlich sei. ^Der erste Standpunkt ist der Standpunkt des Centralvereins,' ihn teilt die überwältigende Mehrheit der deutschen Juden. Er wird aber auch allein der Einstellung gerecht, die die nichtjüdischen Deutschen zu derartigen Fragen haben. Die Einstellung -er Zionisten, es genüge die loyale Einordnung m -en Staat und die Erfüllung der Staatsnotwendigkeiten, mag England als ausreichend angesehen werden,' auf dem europäischen Kontinent verlangt Staat und Volk mehr, cs verlangt den volksmäßigen Anschluß und Einschluß. Wenn der Centralverein also in seinem nunmehr 40jährigen Kampf gegen -en Judenhaß dieser Grundcinstellung der Deutschen Rechnung trägt und sich — mck immer steigendem Erfolg — bemüht, -en Fuchs'schen Gedanke» der Synthese von Judentum und Deutschtum auch bei de» Ntchltnben zum Siege zu verhelfe«, so mire» (das allein habe ich in London gesagt und wiederhole e» hier) von viele» Jude» als eil« „Jn-den-Rücken.Fallen" empfunden, wenn öffentlich Jude« aufstehen und erklären, die Voraussetzung -er ganzen Abwehrbeweaung sei falsch, e» bestehe eme volttiche Trennung,- man müsse, wen« man sich überhaupt «tt de» Ntchtjuden auseinandersetze, von diesem Standpunkt ausgehen. Selbst wenn man so denkt, darf man nicht, wie ich das früher so oft erlebt habe, in öffentlichen Versammlungen aufstehen ünd der großen jüdischen Arbeit der Mehrheit entgeaenwirken. Ich glaube, daß in diesem noch unvergessenen Auftreten der Zionisten, in diesem politischen Zwiespalt der tiefste Grund dafür liegt, warum instinktiv sowohl viele liberale und konservative Juden Antizionisten sind, und warum es auch für die Führer der uichtzionistischen Parteien so unendlich schwer ist. ihre Freunde überhaupt dazu zu bewegen, die politischen Fragen aus den Auseinandersetzungen auszuschalten. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß eine derartige Auseinandersetzung eine dringende Notwendigkeit ist. Insbesondere wird bei dieser Auseinandersetzmrg einmal der Begriff des Nationalismus im jüdischen Sinn zu klären sein. Der deutsche Zionismus hat — allerdings unter heftigem Widerspruch anderer Landsmannschaften — wiederholt in seinem Organ wie auch in den Ausführungen prominenter Führer erklärt, daß er die Ideen des .Herzlichen Judenstaats fallen lasse. Was bleibt dann eigentlich von einer nationalen Bewegung noch übrig? Ich kann mir eine nationale Bewegung, die nicht wenigstens ideell in einer Realisation im Staate gipfelt, nicht vorstellen.. Auch die Polen waren 120 Jahre lana eine Nation ohne Staat, aber niemals hat ihre führenden Geister der ideelle Impuls verlassen. den die Hoffnung auf Wiederherstellung LeS Staates einer nationalen Beweguna gibt. Fehlt eine derartige Spitze, mit welchem Recht und nach welchen Beziehungen hin nennt sich dann der Zionismus noch eine nationale Bewegung? Für Palästina fällt die äußere Staatsform fort, sie ist aufgegcben. Daran, daß palästinensische Juden unter der Obhut des Völkerbundes als nationale Palästinenser leben, kann kein Jude Anstoß nehmen. Die Setzhaftmachung von Juden, wo es auch immer sei. liegt im allgemeinen iüdischen Interesse. Warum also nicht Mitwirkung am Palästina-Werk? Die Antwort hat jetzt Herr Oskar Wassermann als eifriger Förderer des Palästina-Werks ganz klar gegeben. Herr Wassermann will in Palästina ein jüdisches kulturelles Zentrum au<fbauen. Gerade dieses Schlagwort vom jüdischen kulturellen Zentrum ist cs. das uns vom zionistischen Ausbauwerk in Palästina trennt. Ich habe das schon einmal an dieser Stelle ausgeführt. Was versteht gerade Herr Wassermann, der doch, wie er selbst sagt, kein Zionist ist. unter iüdischcr Kultur? Soweit es sich um wirkliche jüdische Kultur handelt, nämlich um religiös-wiffenschaftlich-soziales Leben und etwa um jüdische Kunst, d. h. um die Kunst von Juden auf jüdischem Gebiet, brauchen wir keine Zentralisierung. Dem Wesen der jüdischen Religion als solcher widerspricht sogar diese Zentralisierung direkt. Hier liegt die Wurzel des Gegensatzes des innerlichen religiösen Liberalismus, nicht nur in der Einstellung zn Palästina, sondern in der Einstellnng zu dem jüdischen Zentralismus oder Nationalismus überhaupt. Wir liberalen Juden sehen die Aufgabe des Judentums, wie immer wieder dargelcgt werden muß, darin, die religiös-sittliche Idee der Einheit Gottes und der Menschheit, der Gerechtigkeit und des Bölkerfriedens in den Völkern zu verbreiten. Wer für die Völker lebt, mutz mit und in den Völkern leben und muß leben wie sie. Wer sich absondert, kann eine innere Wahrheit denen nicht übertragen, von denen er getrennt lebt. Diese universalistische Auffassung des Judentums ist es. die unS ganz grundsätzlich von jeder zentralistischen Einstellung zurückhält, und wir bedauern es. -aß ein Mann von der geistigen Bedeutung eines Oskar Wassermann, -er sich -och sicher bei seinem eigenen Berufsleben nicht von national ökonomischen Schlagworten fangen lassen würde, hier selbst ein derartiges Schlagwvrt nachgesprochen hat. ohne sich zu überlegen. was darunter' zu verstehen ist. Soweit es sich um die Schaffung neuer Stätten handelt, von denen aus jüdische Wissenschaft nen erstehen soll, können wir alle Hand anlegen: darum haben alle Juden, auch liberale, die jüdische Univer- Scit in Palästina begrüßt, darum werde» wir auch an der ibliothek Mitarbeiten, nicht gerade darum, weil sie in Palästina steht, sondern weil jede jüdische wissenschaftliche Arbeit unser Interesse Hervorruft. Nun findet man häufigdie Hoffnung ausgesprochen, baß von Palästina aus eine religiöse NeuVelebung ansgehen und in Palästina die „Autorität" gefunden werde, die notwendig sei. um das auch von vielen konservativen Juden anerkannte Bedürfnis nach einer Erneuerung des Religionsgesetzes zu befriedigen. Gerade auch wir haben einer derartigen autorativen Wandlung des Neligionsgesetzes hier stets da» Wort geredet. Ich habe Verständnis dafür, daß eine derartige Gesetzesänderungvon der rabbinischen Autorität getragen werden mutz. Warum aber diese Versammlung der rabbinischen Autoritäten gerade in Palästina tagen muß und nicht etwa 1« London. Berlin oder Lemberg, dafür fehlt mir das Verständnis. Ganz ablehnend verhalte ich mich gegen die Versuche. von Palästtna aus eine lebendige jüdische Sprache der Judenheit zurückzuführen,' (daß das nichts mit der Belebung des Hebräischen als Gebets- und Quellensprache z« tun hat, ist selbstverständlich). Wohl gemerkt, ich verschließe mich nicht dem Bedürfnis der Palästina-Juden, dort eine einheitliche Sprache zu sprechen. Zweckmäßig wäre vielleicht das Jiddische als Umgangssprache beizubehalten. weil e» die Sprache der größten iüdischen Massen ist: bricht sich aber das moderne Hebräisch dort Bahn und eint die zerrissenen palästinensischen Juden, so können wir dagegen nichts einwenden. Ganz anders liegt es mit dem Anspruch des nattonalgt Judentums, nun auch das Judentum der Zerstreuung zu hebräisieren. Diesen Anspruch bekämpfen wir auf das schärfste. Wer uns die Muttersprache, die Sprache unserer Heimat nehmen will, will uns geistig und seelisch von dieser Heimat trennen: denn in der Sprache laufen alle Schwingungen des Herzens, alle Regungen der Seele zusammen. Und vor allem ein grundlegender Irrtum. Ist denn die einheitliche Sprache für das Judentum notwendig? Hat nicht das Judentum in herrlichster Blüte gestanden, obwohl unsere heiligen, wissenschaftlichen und dichterische« Schriften teils in aramäischer, teils in arabischer, teils in französischer, teils in deutscher Sprache niedergelegt sind, obwohl unsere Alten niemals eine einheitliche Umgangssprache gepflogen, sondern in der Sprache ihres Landes gedacht und geschrieben haben? Damit kommen wir zu den Ausgaben des Zionismus in den Ländern der Zerstreuung. Äollenfchcr hat erst kürzlich in einer Versammlung der Berliner Zionisten das Wort geprägt. die politische Fraktion der Zionisten, die Jüdische Volkspartei, habe die Aufgabe, die Juden zu „nationalisieren". Wieder das ominöse Wort. Was heißt nationalisieren? Eine politische Gemeinschaft wird abgelehnt, eine gewaltige geistige Gemeinschaft, die Gemeinschaft der Religion nnrd von keiner Seite bestritten, ihre Förderung ist Aufgabe jedes positiv-gerichteten Juden. Was bleibt also für den Zionismus noch übrig? Nationale Autonomie? Gelüstet es Herrn Kollenscher das Posener Experiment, daß er in bedauerlicher Verantwortungslosigkeit der verdiente« Vergessenheit entrissen hat. und aus das er scheinbar heute noch stolz ist. zu wiederholen? Aber der deutsche Zionismus erklärt ia immer wieder, für die Weststaaten sind die „ziffernmäßigen Voraussetzungen" einer nationalen Autonomie nicht gegeben. Auch hier eine utilitaristische Umbeugung eines Prinzips. Entweder man verlangt eine nationale Autonomie, weil man eine Nation ist. dann mutz man neben dem guten Tropfen der Selbstbestimmung auch den bösen Tropfen des geminderten Einflusses kosten. Ueberall, wo nationale Zugehörigkeit entscheidet — und wo diese entscheiden soll, bestimmt nicht die Minderheit, sonder^ der Staat und dessen nationale Mehrheit, — mutz man sich auf diejenige Prozentnorm verweisen lassen, die der nationalen Stärke entspricht. Will man das letztere nicht, so muß man das erste fallen lassen, aber nicht nur da, wo es ziffernmäßig unbequem ist. sondern überhaupt grundsätzlich. Fällt also die nationale Autonomie mit der nationalen Sprache, was bleibt? Es bleibt das, wasalle selbstbewußten Juden pflegen müssen, der Gedanke des K'lal Jisroöl, der Wille zur jüdischen Gemeinschaft und der Wille, idbe jüdische Gemeinschaftshandlung nackdrücklichst zu fördern. Jüdische Gemeinschaftshandlunaen sind religiöses Familienleben (denn die tiefstbindende jüdische Gemeinschaft ist die Familie), religiöse Jüdische Zeitungsnotizen vor zweihundert Jahren. Bost Professor Dr. Eugen W o l ö e. Die Verbreitung politischer Nachrichten durch Zeituugei -> „Gazetten" — fand bereits im 17. Jahrhundert statt. Ihr Ausgestaltung durch lokale und allgemein - unterhaltend Mitteilungen mittels besouderer Beilagen — „Feuilletons — erfuhr die Zeitung im Anfang des 18. Jahrhundert unter dem Einfluß der in England aufgekommeiten „Mora lischen Wochenschriften", vor allem des von Addison rebi gierten „Spectator". Außer diesen gedruckten MitteilungS blättern schwirrten noch eine Menge geschriebener Zeitunger durch die Laude. Gesandte und andere im Dienste fremde: Fürstlichkeiten stehende Berichterstatter teilten ihren Auf traggeberu in regelmäßigen Zeitabständen — meisten« wöchentlich — mit, waS sie in Berlin gesprächsweise odci auS gedruckten Zeitungen erfahren hatten. Da die Juden seit 1671 wieder in den brandenburgischer Landen wohnten und durch ihre geschäftliche Rührigkeit - in der sie nur von den gleichfalls unter dem Großen Kur fürsten eingcwanderten Hugenotten übertroffen wurden - die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit erregten, so ist ei! uatürlich. daß die geschriebenen Zeitungen unter Fried rich Wilhelm l. sich mit ihnen beschäftigten. In der Wochenberichten, welche z>vei im Dienste des Fürstei Georg Albrecht von Ostfriesland, zwei für die Ab tisfin von Quedlinburg tätige Agenten und der braun schweigische Legationsrat Stratemann an ihre Auftraggcbei gelangen lassen, ist wiederholt auch von Juden die Rede Kurz nach dem Regierungsantritt des Soldateukönigs meldet die Zeitung unterm 8. März 1718: „Von Judenfamilien sollen, welche über 100 gewesen, 36 beibehaltei werden." Ein Prozeß gegen die Jnwelenhändlerin Liepmann, welche der Nebervorteilung gegenüber dem Königs paare sowie der Außerlandeschaffung einer großen Geldsumme beschuldigt war — dessentwegen sie „in ihrem eigener Hause" im Arrest saß — ging laut Notiz vom 6. Äpri! folgendermaßen zu Ende: „UebrigenS sind letztlich 540uf Rthlr. per retour von Sachsen zurückgebracht und nach de, Rentei geliefert.' Dieses Geld ist alles bar an Gold unk Silber vorhanden, und bleibet ihr das Ihrige konservieret." Also grundlose Anschuldigung daher weder Vermögenskonfiskation noch irgendwelche andere Strafe! Unterm 23. September 1718 meldet eine geschriebenc Zettung: „Denen sämtlichen Judenschafften in allen König- Ilchen Landen ist die Königliche Order zuqeschickt worben daß ne an Seine Königliche Majestät 20 000 Taler in eine, unzerteilten Summe „Schntzgeld" (m recoLnitionem Tutammis) zahlen sollten. Sie haben sich selbige zu erlegen auch Nlcht geweigert, jedennoch haben sie die Zahlung auf Termin« zu setzen alleruntertäntgst gebethen, welches ihnen aber abgeschlagen." Nach der Zahlung dieser für damalige Verhältnisse ungeheuren Summe berschtet die Zeitung am 2. Juni 1714: »Di« Juden haben wegen ihres Schutzes und vor die confirmation ihrer Privilegien große Summen, sowohl hier als in den Provintzen, erlegen müßen. hingegen ist ihnen erlaubet morden, daß sie anstatt 4, nunmehro 6 Pfg. Zinsen monatlich von einem Taler nehmen dürffen." Also Erpressung, und dann Erlaubnis zu schimpflichem Wucher! Als im Winter 1714 in Böhmen und Mähren die Pest anftrat, wurde mittels Maueranschlagcs aller Verkehr „mit solchen und den benachbarten Orten verboten, und daß keine Gift-fangende Wahren noch die Juden mit ihrem Kram daherkommend über die Grenzen gelassen werden sollen." Zigeuner und Geschäftsleute anderen Stammes waren anscheinend nicht pestoevdächtig. Am 28. September 1714 meldet die Zeitung auö Berlin: „Die Juden haben alhier eine neue Snnagoge gebauet, welche sehr kostbahr und jo hoch wie der Christen Kirchen, worin viel Bildbauerarbeit, auch ein rotsammeter, mit Gold gestickter und goldenen Fransen nmsetzter Vorhang zu sehen. In dieser neuen Synagoge hat die Judenschaft am 21sten hujus ihre erste Versammlung gebalten, bey welcher Gelegenheit Se. Kgl. Maj., die Königin, Markgräffinnen und teils Ministri dazu invitiret, auch mit einer suite von ehlichen 20 Caroffen erschienen, da zn gleicher Zeit des Schutzjudens und Hoff-, Gold- und Silberstickers Tochter in Gegenwart der König!. Herrschafft und einer großen Menge Menschen, als daS erste Paar in diesem neuen Tempel getrauet worden." Eine drollige Geschichte lesen wir unterm 16. März 1717: Bei der Abreise des Königs von Wusterhausen hatte sich der Prediger Kahmann mit einigen „gctanfften Judenkindern und noch anderen dieses Geschlechtes, welche der Prediger im Christentum unterweiset, eingefnnden." Der Herr Pastor erwartet eine Anerkennung, zum mindesten die Erfüllung seines Wunsches: nach Berlin versetzt zu werden. Der König aber wirft einen flüchtigen Blick auf die Gesellschaft, deren Aussehen so gar nicht zu ihren neuen Glaubensgenossen zu passen schien, und herrscht dann den teuren Gottesmann an: „Er solte es bester gewachst haben!" Uebertritte zur Landeskirche waren damals eine solche Seltenheit, daß die Berichterstatter es für nötig hielten, solche selbst ins Ausland hinansznposauncn. Denn die Zeitung meldet am 17. April 1717 von den beim Pastor Kahmann getauften Kindern —drei im ganzen!! —sie seien bereits 1717, „aus freyem Trieb" zu ihm gelauffen kommen, und es sei ihnen „nach dem Evangelium vom .guten Hirten' nebst ihren überkommenen Nahmen der Zunahme Hirten-Treu beygelegt worden." Weiter lesen wir, daß dem Verdienst seine Krone ward, indem der König dem Pastor Kahmann auf Betreiben des Kabinettrates von Ilgen zwar nicht die ihm ursprünglich zngebachte Dorspfarre zu Fahrland, sondern — unter Ernennung zum Konsistorialrat — eine Superintenbentur zu Petershagen bei Minden verlieben habe. Er hatte eS schließlich doch „Hetzer gemachtet". Glücklicherweise war der Soldatenkönig um daS Seelenheil der Juden weniger besorgt als um die Mehrung seines Staatsschatzes, denn er erpreßte den Juden Geld, wo er nur konnte. Schlimmstenfalls versuchte er's mit einer kleinen Auöweisungsanürohung, wie folgende Zeitungsnotiz vom 21. August 1717 meldet: . _ , „Die aus der Neumark vertriebenen 600 iüdischen Familien haben keine Aenderung solcher Resolution erhalten können, obwohl die Königin und andere vor dieselben intercedieret. Die hiesige Judenschaft hat auch ungerne vernommen, daß man ohne allen Grund in den Hamburger Zeitungen debitieret, wie sie in hiesige Friedrichstädtische Vorstadt solte relegieret werden. Die Emigration läßt sich auch nicht wohl praktizieren, maßen sie erst vor 3 Jahren einen kostbahren neuen Tempel an dem eußersten Ende in Berlin aufgebauet, vor solche coneession sie dem hochseeligen Könige 16 000 Rthlr. und jetziger Königlicher Majestät vor die confirmation derselben 3000 Rthlr. erleget. Jngleichen haben dieselben vor die Bestätigung ihrer Privilegien dem jetzigen Könige 6000, und die ganhe Jndenschaft in allen Königlichen Landen 22 000 Rthlr. zahlen müßen." Dieselbe Zeitungsnummer berichtet: „Weil yierselbst alle Vorschläge, so Geld einbringen, angenehm seyn, so hat auch ein Jude sich bcym König angegeben, die gantze Grafschaft Tecklenburg zu pachten, und wolte ein viel mehreres geben, wie solche einbrächte, aber die Regierung-Nähte und andere Bediente nach seinem Guthfinden jederzeit in Vorschlag bringen. Er ist aber mit seinem lächerlichen Gesuch abgewiesen und zuvor gefraget worden, ob er etwa lein Jüdisches Königreich daselbst aufrichten wollte? Worauf er geantwortet: „Weil Jhro Königliche Majestät dero Lusthäuser mehrentheils verarrhendiret, so stünde ihm seiner Meinung nach frei, dergleichen Vorschlag zu dero größtem interesse zu tun." Die Antwort war gefallen: „weil man in der Christenheit dergleichen Verpachtung noch nicht hätte, so solte er eine in der — Barberey suchen." Am 27. November 1731 berichtet die geschriebene Zeitung von den VermählungSfeierljchkeiten des Erbprinzen von Bayreuth mit der Prinzessin Wilhelmine. Ein Hofball am dritten Tage vereinigte nicht nur die hohen Beamten, sondern auch „einige der Vornehmsten Kauffmannschafft unandere hübsche Bürger-Leute mit ihren Frauens und Töchtern," welche dann bis in die späten Nachtstunden „bey Aufwartung einer Inden-Bande getantzet." Die jüdische Musikkapelle, „der Hebräer Znnfft", begleitete auch das Hoch auf den König mit einem schmetternden Tusch. Der König schlief dann ein paar Stunden. Um 3 Ubr nachts rief er „denen Musikanten Popolsky" zu. vermutlich zum Auffpielen eines Krakowiak. Am 8. Mai 1732 wird von der Durchfabrt der vertriebenen Salzburger durch Berlin berichtet: „Dies bewegliche Spectacul trieb denen meisten Menschen die Tränen auS den Augen und v-'woo selbige durch gebens: diesen armen Vertriebenen milde Beystenern zu reichen, so gar! daß auch die Juden ihre milde Hand aufgetan und ihnen 100 Gulden auf einmahl hergegeben." Zum Schluß noch eine Episode, welche unterm 26. Januar 1735 in der Zeitung stand: