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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-12-03 · 49 (3.12.1926) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
49 (3.12.1926)
Date
1926-12-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Bon Rabbiner Dr. G r ü n, Frankfnrt-Oder. Die Geschichte Israels ist eine Geschichte des Kampfes. Als öte Kämpfenden sind wir Juden stets durch die Welt gegangen. Und zumal unser Chanukah spricht doch von uns als den Kämpfenden, von den Helden der Borzeit, wie sie gekämpft und gerungen, geeifert und gestritten haben. So wie Chanukah ein Fest des Friedens bedeutet, unser Dank an ihm dem Ewigen dafür gilt, daß er wieder das Haus seiner Weihe erstehen liest daß er den Tempel zu einer Stätte des Friedens wieder machte, so ist es doch andrerseits auch ein Fest des Kampfes. Wir danken dir, o Gott, „für die Siege und für die Kriege, die du unseren Vätern hast zuteil werden lassen in jenen Tagen nur diese Zeit". Ein Fest des Kampfes; Bedeutet das nicht ein Widerspruch? Kann man vom Kampfe sprechen und dabei zugleich das Wort von Gott im Munde'führen? Darf man vom Kampfe reden und dabei zugleich dem Ewigen danken? Wir sind Menschen einer Zeit, die erlebt haben, wie man eine Verbindung zu gewinnen suchte, und bdrt. wo sie nicht gelingen wollte, wie ma» ste zu erzwingen suchte, die Verbindung zwischen Kampf »nd Gott zwischen Krieg und Religion. Man sprach von dem heiligen Krieae, suchte den Kampf zu vergöttlichen. Aber so vielen Menschen innerster Religiosität blieb das doch ein Unverstandenes. So manches religiöse Denken geriet in Verzweiflung, so manches religiöse Empfinden wurde wankend gemacht. Und in der Tat, für den religiösen Menschen muß es doch zur ernsten Frage werden: Vermögen Kampf und Gott. Krieg und Religion sich miteinander zu verbinden, vermögen sie sich miteinander zu einen zur religiösen Idee? Sind es nicht vielmehr zwei Formen des Lebens, zwei Elemente, die nichts gemeinsam haben, die immer von einander getrennt und geschieden werden müssen? Kampf, das Element der Zerrissenheit. der Unruhe und des Unfriedens, der Gewalttat und der Zerstörung, -er Rücksichtslosigkeit und der Gewissenlosigkeit, und Gott, das Element der Einheit und Harmonie, der Ruhe und des Friedens, der Ausgeglichenheit und inneren Geschlossenheit? Wenn Menschen miteinander kämpfen, dann scheint es doch gerade, als habe Gott sie verlassen, als wohne er nicht mehr in ihrer Mitte, als sei es ein Gottloses, was sie beginnen. , Worum kämpfen denn Menschen? Um Worte, um Ansichten, um Meinungen, um Macht, um Besitz, um Gewinn, darum geht doch der Kampf des Lebens. Der Streit um Worte, der Streit um Meiungen, der Streit der Völker und Nationen, er beherrscht das Dasein der Menschen. Worte gehen hinüber und herüber. Meinungen und Ansichten werden gewechselt, aber nicht .um der Sache willen, sondern nur. weil die Eitelkett es so verlangt, nur um des Wortes willen, weil man sich gerne sprechen, sich gerne reden hört vor den anderen. Jeder kennt diese streitenden Menschen, die immer reden, immer dagegen reden, die immer sprechen, immer widersprechen Und mit dem Vielen, das so gesprochen wird, wird doch am Ende so wenig nur gesaat. Alle diese Redenden, es sind zumeist die, welche nichts zu sagen wissen. Denn binter all der Gegenrede, hinter all dem Widerspruch wird doch nichts anderes als all die Schwäche, all die Unfähigkeit, all die Unzulänglichkeit verborgen. Es ist das Niedrigste und Verderblichste, wenn der Kampf des Menschen so zum Streite wird. Das nämlich macht ihn zum Element der Gewissenlosigkeit. Denn wie kann es ein Gewissen geben, wo das Wort nur um des Wortes willen, nur mit den Lippen, nur mit der Zunge gesprochen wird, ohne daß dabei die Seele empfindet? Wie kann Gott dort wohnen, wo das Leben nur durch Eitelkeit etwas bedeutet? Bei all den Kämpfen, die' der Mensch so glaubt für sich zu führen, kämpft er -och a e g e n sich, zerstört, vernichtet sich selbst. Es ist ein Kampf, bet dem er Schritt um Schritt sein Ich, Stück um Stück seines Charakters zu Grabe trägt. Aber es gibt doch auch einen Kampf, den der Mensch für sich, für sein Ich zu führen hat, einen Kampf, -er nicht um Meinungen, um Ansichten geführt wird, nicht um -es äußeren Ansehens willen, nicht weil Menschen reden wollen, sondern der geführt wird, weil Menschen reden müssen, weil ihr Innerstes sie -azu treibt, weil ihre Seele einmal sprechen will, einmal sprechen mutz. Es sind Menschen, aus denen die Wahrheit re-et. die für ihre Ueberzengung kämpfen und ringen. Kann es da ein Streiten geben? Wer wollte mit sich streiten lassen, wenn es um die Ueberzengung geht? Eine Ueberzengung verträgt keinen Widerspruch, sie kann nicht ausgetanscht werden in Rede und Gegenrede, in Worten, in Ansichten und Meinungen. Eines ist die Wahrheit, und darum kann es über sie nur ein Wort, eine Ansicht geben. Wer es wagt, zu widersprechen, wo die Wahrheit redet, der hat den Sinn der Wahrheit nicht begriffen, dessen Leben hat sich stets im Unwahrhaftigen bewegt. Wer mit sich reden, mit sich handeln läßt dort, wo die Ueberzengung hervorgeht, ans dem Gewissen, ans diesem Göttlichen im Menschen, zu dem hat Gott nie gesprochen, sein Leben geht ttberzeugungslos dahin. Für die Wahrheit, für die Ueberzengung darf es kein Streiten geben, sondern nur ein Kämpfen. Kampf und immer wieder Kamps den Unwahrhaftlgen, den Ueberzeugnugslofen! Es ist der heilige Kampf, der um des Ewigen willen geführt wird. Wenn unser Chanukah uns von dem Kampfe erzählt, den die Makkabäer aeführt haben, wenn es so zum Feste des Kampfes für uns wird, es war kein Kamps Um Macht, um Vorteil und Besitz, um des Ansehens und der Eitelkeit willen, sondern ein Kamps um Gott, um der Wahrheit, um der Ueberzengung willen. Damit die Gottheit wieder in Israel wohne, um den Tempel zu weiden, damit er wieher eine Stätte des Ewigen werde, darum allein kämpften einst diese Männer des Judentums. So ist die Geschichte Israels eine Geschichte des Kampfes, als Menschen, die für ihre Ueberzengung kämpfen, sind wir durch die Welt gegangen. Gegen uns fübrie man einen K ampf der Gewalttat und der Zerstörung, der Rücksichtslosigkeit und der Gewissenlosigkeit. Wir aber führten den Kampf um die Wahrheit, einen Kampf des Gewissens für Gott, für den Namen des Ewigen. Das ist der Sinn unserer Geschichte, dieser Geschichte des Ueberzeugungskampfes. So sind wir denn hinein bis in unsere Tage die Kämpfenden geblieben. Denn geblieben sind Rechtlosigkeit. Gedankenlosigkeit, Rücksichtslosigkeit, diese Elemente der Vernichtung und der Zerstörung. Aber eines scheint -geschwunden zu sein. Und es ist der bitterste Verlust, den wir Juden erleiden konnten. Geschwunden nämlich ist so oft die Ueberzengung. diese innere Wahrhaftigkeit, mit der dieser Kampf einst erwidert und zuriickgewiesen wurde. Wenn Juden heute sich versammeln, sei es unter sich, sei es mit ihren Gegnern, man beratet, *man verhandelt, Worte werden gewechselt, Worte des Widerspruchs, Rede und Gegenrede. Man beginnt zu streiten. Und das Niedrigste und Verderblichste ist es doch, wenn der Kampf zum Streite wird. Aber kann denn ein Jude wahrhaft fiir sein Judentum kämpfen, ohne daß er ein Gotteskämpfer ist. kann er wahrhaft seines Judentums sich bewußt werden, ohne datz er den Sieg des Ewigen in der Welt herbeiführeu will? Ueber Gott kann nicht beraten und verhandelt, nicht gesprochen und gestritten werden. Für Gott vermag man immer wieder nur zu kämpfen. Kampf und immer wieder Kampf gegen alle Ueberzeugungslosigkeit, gegen alle Uttwahrhaftigkeit, gegen alle Gottlosigkeit. Das ist der Abwehrkampf, der Gotteskampf, den wir zu führen haben. Kampf und Gott, Krieg und Religion bedeuten hier nicht mehr zwei Elemente -es Widerspruchs, die sich nicht einen und nicht finden können. Beide vielmehr verbinden sich zur religiösen Idee dort, wo man verwirklichen, wo man herbeifnhren will -en Sieg -es Guten. Laß auch uns. o Gott, zuteil -werden Kriege der Ueberzeugung. Siege des Guten, wie du sie unseren Vätern verliehen hast in jenen Tagen um diese Zeit. Liberales Judentum im Spiegel -er Gegner. ELire Abrechnung und Abgrenzung / Von Rechtsanwalt Heinrich Stern, Berlin. Unsere Bewegung wird zur Zeit wieder in der gegnerischen Presse einer kritischen Betrachtung unterzogen. Das ist an sich durchaus erfreulich; denn geistige Auseinandersetzungen fördern die Selbsterkenntnis. Befremdend ist es nur, wie sehr dabei das liberale Judentum in einer Verzerrung erscheint, die den Scand der Bewegung von beute absolut nicht wiedergibt. Wenn Herr Rechtsanwalt Ludwig ■ Förder in seinem viel berufenen Aufsatz in der »Jüdischen Zeitung für Ostdeutschland" den „Liberalismus und die Liberalen von beute" einander gegenüberstellt, so nim-mt er für sich wohl in Anspruch, gesinnungsmätzig den Liberalen zugezählt zu werden, rückt aber uw so merklicher von den offiziellen Führern dieser von ihm selbst grundsätzlich geteilten Bewegung ab. Von den Ausstellungen Förders. mit denen ich mich an anderer Stelle schon mündlich auseinandergesetzt habe, ist manches zweifellos richtig, mgncheS war früher richtig. Es war richtig, datz die Liberalen in die Gemeindebehörden nicht immer Männer geschickt haben, deren jüdische Qualifikation ausschlaggebend mar und bei denen die reinen Berwaltungseigenschastcn den Vorzug gaben. Dazu ist aber zu bemerken, datz für gewisse Zwecke des jüdischen Gemeindelebens noch so große jüdische Kenntnisse, noch so warnrherziges jüdisches Empfinden, nicht ausreichen. wenn nicht finanzielle, soziale, verwaltungsmäßige Sachkenntnis hinzutreten. Bei dem leider noch immer nicht geänderten Snstem. daß der Vorstand retn ehrenamtlich zusammengesetzt ist finden sich immer weniger Männer, die fachlichen und jüdischen Anforderungen zugleich genügen. Es ist selbstverständlich, daß kein Vorstandsmitglied, der nicht bewußt auf jüdischem Standpunkt steht, in die Gemeindeverwaltung einziehcn darf: wohl aber gibt es Fachdezernate, bei denen die sachliche Besähianna ausschlaggebend sein kann, auch wenn über die Art der indischen Einstellung wenig bekannt ist. Kein Geringerer als der verstorbene Karl Netter, der sowohl fachlich Hervorragendes geleistet hat. wse er von ganzer "Seele der jüdischen Gemeinschaft gelebt hat, bat mir oft erzählt, datz er als gänzlich unbekannter Fremdling in jungen Fahren. nur ans Grund seiner kaufmännischen Beziehungen zu einigen Mitgliedern der damaligen Gemeindeverwaltung. in den Berliner Gemeinöevorstand entsandt wurde, und die Jüdische Gemeinde Berlin hat diese Wahl niemals zu bereuen gehabt. In einem Punkt stimme ich der Förderschen Kritik vollkommen zu, das ist die beklagenswerte Aemterhäufung. Diese trifft durchaus nicht die liberale Partei allein, sondern wir linden in allen einslv^g''b"'den Körperschaften bei allen Richtungen immer dieselben Politiker und Verwaltungsleute wieder. Niemand ist darüber entzückt, am wenigsten die Betroffenen selber, die nach Ent lastung Umschau halten. Gerade aber zu religiös-politischen Aemtern gehört eine derartige Vereinigung von indischen Kenntnissen, politischer Befähigung und Fähigkeit und Lust, viel Zeit zu opfern, datz nur rvenia Leute dafür zu haben sind. Ich möchte im übrigen für das liberale Judentum in Anspruch nehmen, datz wir außer denjenigen Freunden, die sich in dankenswerter Selbstverleugnung in den unerfreulichen öffentlichen Kamps stürzen, eine große Reihe stiller Mitarbeiter haben, die an der geistigen Erziehung unserer Gesinnungsgenossen wirken. Es mutz durchaus bestritten werden, daß gerade bei uns die alte Generation und die reinen Politiker ausschlaggebenden Einslutz haben. Es wurde im Gegenteil von einer ganzen Reihe von Freunden empfunden, daß heute die Jugend, die un- und antipolittsch Eingestellten viel mehr an Einfluß gewinnen, als ihrer Meinung nach einer geordneten Berwaltungsarbeit zuträglich ist. Ich verzeichne diese Stimmen hier der Vollständigkeit halber und um zu zeigen, wie weit die Ansichten auseinandergehen: selbstverständlich möchte ich gerade den Einfluß der jungen Generation, die «von politischen Zweckmätzigkeitserwägungen noch nicht angekränkelt ist. für unsere Bewegung, für den religiösen Liberalismus, am allerwenigsten missen. Ehe ich mich nun zu dem eigentlichen Kernpunkt des Streites wende, möchte ich noch auf die fixe Idee des Herrn Förder eingehen. der hinter allem, was ihm im jüdischen Leben mißfällt, das drohende Gespenst des Verbandes der natronaldeutschen Juden aufsteigen siebt. Darum soll auch an der angeblichen Wandlung des Liberalismus (die in Wirklichkeit gar nicht besteht) das innige Einvernehmen zwischen Liberalen und Naumannianern schuld sein. Es ist richtig, datz die liberale Fraktion des Landesverbandes einen der damaligen Führer des Naumann-Verbandes auf ihre Liste bei den LandesverbandSwahlen gesetzt hat. Dies ist geschehen ganz unabhängig von der Stellung -es Herrn Sanitätsrat Dr. Peyser im Naumann-Berbande. Er ist als liberaler Jude, als einer der Führer der Berliner Reform- Bewegung. auf die Liste gesetzt worden. Solange ich noch bei derartigen Kandidaturen mitzusprechen habe, wird auch lediglich die Frage der Eignung, vom religiösen Standpunkt aus betrachtet werden, und politische Gesichtspunkte werden erst in letzter Linie maßgebend sein. Wie wenig die Berliner Liberalen und die Naumann-Bewegung identisch sind, haben d»e letzten Repräsentantenwahlen gezeigt, in denen der Ber-

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