Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 48 (26.11.1926)
- Date
- 1926-11-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nur um ihretwillen und' um unserer geschichtlichen Ausgabe wegen verlohnt eS sich» daß wir Inden sind und-leiben. Uns trügt da- Bewusst« sein» daß ein Höherer nnS an unseren Platz gestellt und unsere geschichtliche Mission im Dienste der MenschheitSknltur unS zugewiesen hat. Ohne diese Mission hätte daS Judentum und die Existenz der Inden allen Sinn verloren. Der mit Begeisterung aufgenommene Vortrag wurde umrahmt von musikalischen Darbietungen von Irl. Henriette Gottlieb lStädt. Oper) und Herrn Oberkantor Wilhelm Friedman«, die großen Beifall fanden. Berlin. Auf dem 2. Gemeindeabend» den der Liberal« Syn« agogcnverein Norde« in Gemeinschaft mit -er Bezirksgruppe soll und der Gottesdienst sein? Goetz führte einleitend aus, so wie nach altjüdftcher Meinung das Leben zum fortwährenden Gottesdienst gestaltet werden soll, so müsse umgekehrt auch der Gottesdienst ein Teil unseres Lehens werden. Wir müssen ivieder lernen, den Gottesdienst (und darunter soll alle religiöse Betätigung, nicht nur die innagvgale. sondern auch die häusliche Andacht verstanden fein) anzusehen und zn nutzen als Antriebsmittel, das uns zu Gott erhebt. Nicht die orthodoxe Auffassung dürfe uns leiten, nach der Gott die einzelnen Formen und Bräuche ungeordnet habe und ihrer Betätigung durch die Menschen bedürfe, sondern sie sollen erkannt werden als jüdische iu«d das heißt menschliche) Einrichtungen; dann würden wir den rechten Gebrauch von allen gottesdienstlichen Formen machen. Solche echt liberale Auffassung führe dazu, daß wir einerseits natürlich die Formen nach unserem Geschmack und Kultur, und Zcitstil umgestalten lresormiecenj. aber es habe andererseits auch zur Folge, daß wir den Anschluß an die Tradition suchen. DaS sei auch not. wendig: liberales Judentum sei ja nach einem Worte SkligmannS getragen vom „Willen zum Judentum", und dieser Wille müsse unS leiten bet unserer Einstellung zum Gotte»- ».ncnst. Dann würde ec uns ein organischer Bestandteil unseres inneren Lebens fein, wir »vürden wieder Juden fein, moderne Inden, aber echte Juden wie unsere Väter. Nach den tiefgründigen und tiefempfundenen Worten sprach als zweiter Redner der Repräsentant der jüdischen Gemeinde. Herr Wilhelm Marens, über das Thema: „Was soll uns die Gemeinde sein?" In seiner frischen, lebhaften Art legte er zunächst die Entwicklung dar, die die jüdische Gemeinde durchgemacht hat und wieS auf die Aufgaben hin. die ihr die Zukunft stellt. In der Borkriegszeit spielten Sie „Notabeln" in der Verwaltung eine große Rolle. Man ist in neuerer Zeit vielfach geneigt, ihre Tätigkeit etwas geringschätzend zn beurteilen: man muh aber auch nicht außer acht lassen, daß diese „Notabeln" etwas geleistet haben, in ideeller und materieller Beziehung, und es ist bedauerlich, daß deren Kräfte jetzt in weit geringerem Maße zur Ver- Wgung stehen. Gerade für die (Gegenwart und Zukunft .Kraucht hie Gemeinde alle Kräfte, angesichts der großen um- »Minden Aufgaben, die ihr in dieser schweren Zeit gestellt und. Der Redner hebt zunächst die Ausgabe der Wohlfahrtspflege hervor, für die durch dir Dezentralisation die geeignete Grundlage geschaffen ist. Die Fürsorge für die Alten erfordert dringend die Errichtung einer neuen Altersversorgungsanstalt. Der gefährdete Mittelstand macht die Umwandlung der Darlehnskasse. die auch in ihrer gegenwärtigen Gestaltung Segensreiches gewirkt hat, zur Genossenschaftsbank zur Notwendigkeit. Zn den wirtschaftlichen Aufgaben gehört auch die Regelung der Verhältnisse im Beerüigungslvesen. Die allgemeine Verwaltung eines so großen Gemeinwesens wie unsere Gemeinde, die 350 Beamt« zählt, zeigt mancherlei Schäden, die den reibungslosen Betrieb in manchen Dingen hemmen, auch hier wird Wandlung geschaffen werden müssen. Ganz besonders wichtig ist die Förderung des religiösen Lebens, und gerade auf diesem Gebiet sind die Verhältnisse einer so großen Gemeinde am heilungöbedürftigsten. Der Kontakt zwischen Rabbiner und Gemeinde geht hier nm leichtesten verloren und dadurch die religiöse Betreuung, die Seelsorge. Hier kann nur Abhilfe geschaffen werden durch Vermehrung der Rabbinerstellen und stärkste Heranziehung der Rabbiner der Privatgemeinben. Grundlegend zu Helsen ist aber nur durch die Einrichtung des Parochialsystems. Auf den meisten Gebieten des Gemetudelcbens war ein friedliches Zusammenarbeiten mit den anderen religiösen Parteien möglich, nachdem der Grundsatz allgemeine Geltung aefun. den hat. daß die religiösen Bedürfnisse jeder religiösen Richtung befriedigt werden müssen. Nicht so reibungslos verläuft die gemeinsame Arbeit mit der nationalen Richtung, der Jüdische» Bolkspart-ei. Aber schließlich finden sich und müssen sich alle Richtungen finden in dem gleichen Ziel, dem Wohle der Jüdischen Gemeinde Berlins. An die Referate schloß sich eine anregende Aussprache, in der Wünsche und Anregungen in großer Jütte ausgesprochen wurden. Der Abend fandin vorgerückter Stunde mit kurzem Schlußwort der beiden Referenten seinen Abschluß. Breme«. Die Ortsgruppe Bremen der Bereinigung für das liberale Judentum E. B. hatte anläßlich des FortzugeS ihres ersten Vorsitzenden, des Herrn Nnbvlf Avt, nach Hannover zu einer kleinen Abschtedsfeier in Form eines zwanglosen Bierabends eingeladen. Dr. Woyda für die Vereinigung für das liberale Judentum, Apotheker Tichauer für die Kaifer-Friedrich-Loge, Herr Vamdergcr für den CB. und Herr Herzverg für den RIF. bankten Herrn Apt für seine rege Mitarbeit in diesen Bereinigungen und in der Jüdischen Gemeinde Bremen und sprachen die Erwartung aus, daß unser Freund Apt auch in seinem neuen Wirkungskreise im jüdischen Gemetnbeleben führend Mitarbeiten werde. Vorher fand eine kurze Mitgliederversammlung der Ortsgruppe Bremen unsere? Bereinigung statt, auf der Herr Ludwig Müller an Stelle des fortziehenden Herrn Apt zum 1. Vorsitzenden der Bremer Ortsgruppe gewählt wurde. Dortmund: Am Mittwoch, den 10. November, veranstaltete im Hinblick auf die kommenden Repräsentantenwahlen unsere Ortsgruppe einen DiSknssionSabend über „Tätigkeit und Aufgaben unserer Gemeindeverwaltung". — Das Referat für diesen Abend hatte in liebenswürdigerweise Herr Albert Heinemann übernommen. Herr Heinemann gab zunächst einen Ueberblick Über die Rechtsverhältnisse unserer Gemeinde, die sich heute noch aus das Judengesetz von 1848 aufbauen. Dann erörterte er die Etatfrage und gab Aufschluß über Einnahmen und Ausgaben unserer Gemeinde und wandte sich zum Schluß den notwendigen ZirknnftSaufgaben zn. deren Lösnna unserer Gemeindeverwaltung harren; der Schaffung eines Gemeindehauses, der Frie-Hrcksfrage. Instandsetzung verwahrloster " räber, Bau einer Trauerhalle, für die die Gemeinde bereits eine erste Rute »o« 1000 Mark bewilligt hat, Schaffung eines geschulten DynagogenchorS und -er Vorbereitung zu den Gemeimdewahlr«. Die DiSkufstv« perlief äußerst ««regend, zog sich bi» gegen Mitternacht hm und erweiterte den Krei» dieser Aufgaben. Neben de« vom Referenten berührten Frage» wurden insbesondere die Schaffung einer GemeindeLidliothek» die Notwendigkeit der Anstellung einer Fürsorgerin, da» Frauenwahlrecht, der Religionsunterricht an »en tzvyere« Schulen und die Stellung zur Wischen Volksschule, Gebet» bnchfroge und Schaffung «ine» Wemeindevlattr». wie Setzet« ordnung in der Synagoge zur Anssprache gebracht. Elberfeld. Im jüdisch-liberalen Gemetndeveretn hielt am 18. diese» Monat» Rabbiner Dr. Caesar Seligman-Franksurt einen Vortrag über die liberale Konferenz in London, an der er al» deutscher Delegierter teiluahm. Er führte u. a. au»: Schon vor dem Kriege sei in Deutschland geplant ge« wesen» eine internationale Tagung aller Juden zusammenzurufen. Im November 1ÖM sollt« der grobe internationale Kongreß tagen, doch da zerriß der Krieg alle Fäden internationaler Bereinigungen. Aber zu einem Weltbünde de» liberalen Judentum» hatte e» kommen müssen, den« wa» im Wesen einer Sache liege, da» ließe sich nicht durch äußere Umstände hemmen. So sei denn auch die Londoner liberale Konferenz zu einem imponierenden Beweis für die Lebenskraft und den Lebenswillen des liberalen Judentum» ge« worden. Drei Wege feien dem liberalen Judentum voraezeichnet: Persönliche Frömmigkeit da» ZugehörigkeitSgefuhl zum Hause Israel und vorbildliche», soziale», ethische» und geistiges Leben. Die Grundsätze, die alle verbinden, seien der Glaube an die ununterbrochene Fortdauer der göttlichen Offenbarungen, der Gehorsam gegen die prophetischen Forderungen. Anpassung der historischen Erscheinungsform de» Judentum» an da» veränderte Denken und die LebenSmöglichkeiten. Der Kampf richte sich gegen da» Bestreben, Religion vernunftmäßig zu gestalten. Die Londoner Konferenz habe auch praktische Erfolge gezeitigt, nicht nur. Laß der Weltverband des liberalen Judentums tatsächlich gegründet wurde, er werde jetzt auch alle 2 bis 8 Jahre in verschiedenen Ländern Kongresse abhalten. Kerner sei die Herausgabe einer Zeitschrift für Wissenschaft und Leben beschlossen worden, welche tu drei Sprachen erscheinen solle, auch in der deutschen. Zum ersten Male habe mit der Londoner liberalen Konferenz da» liberale Judentum wieder die Kraft und den Mut gefunden» offen vor aller Welt von seiner Mission zu reden und seinen Anspruch aus Weltgeltung nach 1Ö0Ö Jahren wieder an zn melden. Die Ausführungen de» Redner» fanden reichen Beifall. Frankfurt a. M. lJüdisch-liLsrale Jugendgemeinsrvast.) Ein weiterer Abend unsere» ZyklnS: „Gegenwartsfragen des Judentums" ivar dem Liberalismus gewidmet. Max Gundersheim legte dar, daß der Liberalismus e» war. der bei Beginn der Emanzipation die lauen Elemente, die der Assimilation und der Taufe zu verfallen drohten, dem Judentum erhalten hat. Dafür aber ist der Liberalismus eine Verantwortung für die. die sich zn ihm bekennen, eine größere Verantwortung, als vorgeschriebene Gesetze blind zu befolgen, nämlich aus die Stimme seines Gewissens zu hören und so z» leben, daß man sich seiner Verantwortung bewußt ist. Eine lebhafte Diskussion schloß sich an. die da» rege Interesse au diesem Thema bewies. Am folgenden Heimabend sprach Ernst Loewenthal über „Zionismus". In einem sehr sachlich und auf vornehmem Niveau stehenden Referat legte er die Geschichte und Ziele des Zionismus dar. I» der Diskussion zeigte sich so recht, wie wir bei aller sachlichen Würdigung des Standpunktes der andern doch fest von unseren Ideen überzeugt sind, wie wir uns mit Stolz eine starke Bewegung nennen können, wie wir ebenso große Köpfe besitzen, und — größere als die andern. Besonders anzrterkenrieir ist das hohe Niveau, ans 1 dem die Diskussion sich borvcgte. mit welch gerechter Würdigung mau den Standpunkt der Zionisten zu verstehen suchte und wie vornehm unterschied sich diese Betrachtung von derjenigen der Gegenseite! Möchten alle Zionisten io über Liberalismus sprechen, wie anders sähe es dann auö! Einen sehr interessanten Vortrag hielt Alice Rothenberg über „Not und Elend und ihre Linderung". Sie wies alle Wunden dieser Welt in knappen, zu Herzen gehenden Sätzen auf. und sie zeigte aus das ungeheure Gebiet der Wohltätigkeit und — wieviel noch zn tun sei. Irr der Diskussion schieden sich zwei Parteien: die einen, die vom rationalistischen Standpunkt nur das Interesse der Wirtiämst im Auge hatten und die andern, denen soziales Gefühl und Hilfe für alle, selbst ntttet größten Opfern der Allgemeinheit, alles ist. Erfreulich, wie lebendig bei unserer jüdischen Jugend das Interesse an sozialen Fragen ist. Ern hosftmngsvoller Blick in die Zukunft! Liegnitz. Am S. November hatten wir die Freude, unseren verehrten Freund und Führer, Rechtsanwalt Erich Spitz- Bkeslan. wieder einmal bei uns begrüßen zu können. In seinem fesselnden Referat: „Was uns der Sommer gebracht hat" gab der Redner des Abends einen großzügigen Ilcberblick über die hervorragendsten Ereignisse des Sommers 1926 in Beziehung ans Judentum und jüdisches Leben. Er begann nach kurzer Einleitung mit einer sehr interessanten Schilderung der ersten Weltkonferenz des liberalen Judentums zu London, an welcher die bedeutendsten Gelehrten ans aller Herren Länder teilnahmen. Dle Konferenz fand im! Juli dieses Jahres statt nud wurde von Claude G. Monteftor» und Miß Lily Montague geleitet. Das Zustandekommen der Tagung ist besonders das Verdienst von Miß Montague, deren Begeisterung und Energie alle Hindernisse überwanden. Der Geist, der in den Führern lebte, beherrschte die ganze Konferenz! Aus Deutschland waren n. a. erschienen: Dr. Seligmgnn-Franksurt a. M.» Dr. Goldmann- Leiozig, Dr. Wiener-Berlin, R.-A. Heinrich Stern, der Führer der Berliner Liberalen, ferner Bruno Wvyda-Berlin, Dr. Wilde-Magdeburg und Paula Ollcnborfs-Breslan. Als Dolmetscher fungierte Prof. Eibogen. Aus Amerika waren u. a. Dr. Samuel Schulmann nud Stcvüan S. Wise erschienen. Letzterer ist Nationaljude. Dr. Schulmann, Gegner des Zionismus, sprach daS große Wort: „Blut ist keine Brücke. Nur Ideen schaffen einen nationalen Geist." Montefrore. ein Großenkel des berühmten Moses Monteftore, schlug die Brücke! Er ist fortschrittlich, wie es keiner der Unseren zu sein wagt! Alle Vorträge während der Tagung in London zeigten, daß das liberale Judentum in der ganzen Welt ein starkes und eigenwilliges Leben führt. Die Gründung de» .Weltverbanbes für religiös-liberales Judentum" war das Endresultat der glänzend verlaufenen Konferenz. Der Redner lenkte nun auf ein anderes Gebiet hinüber nn-d kam auf den Magdeburger Prozeß gegen Rudolf Haas zu sprechen, der überall das größte Aufsehen erregt hat. Er nannte diesen Prozeß eine eminent jüdische Angelegenheit, denn es war ein Kamps umS Recht! Ueber den Breslauer Ktndermorß und den sich daraus entwickelnden Ritual- Mordverdacht landete R.-A. Spitz schließlich auf Borkum, der Burg des Antisemitismus. Er gab uns verschiedene Detail» über Dr. Bölklein. Pfarrer Dr. Münchmener und dessen Angrifse aus R.-A. Dr. Charig-Ernden, um uns dann nach Palästina zu versetzen. Wir erfuhren von der dortigen Wirtschaftskrise, vom Zusammenbruch der Blau-Weiß- Stätten und der großen Enttäuschung der Jugend. Nach diesem bunten Streifzug gelangten wir nun au» dem Kampf detz Tage» in da» stille Reich de» Geiste». Dr. Botho Laserft-in-Berl!n hat eine neue jüdische Zeitschrift herarrsgegeben »Die jüdische Gemeinde", welche der Redner mit warmen gifttti« empfahl. Gleichfalls die belle Ueberfetzung der tbel von Martin Buber und Franz Rosenzwetg, die unter der unübersehbaren Fahl der Bücher hervorgehoben zu «erbe« verdient! R.-A. Spitz sprach hierauf «och von der Jugendbewegung, die 1b» besonder» am Herzen liegt und aa» seiner Freude Ausdruck über da» rege Leben, da» besonder» in Berlin, Frankfurt a. M. nutz auch Liegnitz herrscht! »Leven «Ir unser liberale» Judentum» dann wird auch unser liberale» Judentum leben!" Begeisterter Beifall bankte dem verehrten Führer für all da», wa» er un» durch Kin so unendlich vielseitiges Referat gegeben hat und Dr. Gcheyer fügte noch besondere Worte der Dankbarkeit hinzu um» gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Jugeudgruppe sich bemühen möge, dem Führer nachzuetfer»! DteI«de«rnisiion vor 200 Jahren')^ Bon B. Rosenthal. Mannheim, n. Ä I« dem zur Landgrasschaft Stühltngen gehörenden Dorfe Harheimwohnte eine Jnbenfamilt«. Im Februar 173» zeigt« der dortige Bogt dem Otzeramte an, daß Fromd tAbraham). Sohn de» Maier Weil, schon etliche Jahre den Bauer» gedroschen, auf das Ackerfeld getriebeu und andere Gauernarveit verrichtet habe. Kürzlich sprach er sich denv Vogt und Pfarrer aegenüver dahin au», sich taufen zu lassen und hernach den Bauern bienen zu wollen. Er möchte jedoch, bi» dies geschehen, von seinem Vater und Befveunten sBerwanbten) entfernt werden, und die Regierung möge ihn solange in ihren Schutz nehmen. Dem Antrag« wurde entsprochen. Der Lknabe erhielt inr April 1738 die Taufe und bekam den Namen Josef Fromb. Da er wieder zum Vogte nach Horheim zurückzukehrcn beabsichtigte, wurde der Iudenschaft ln Stühltngen eröffnet, daß sie bet Vermeidung hoher Strafe und Ünanade dem Knaben nichts in den Weg lege oder ihn vom neuen Glauben abwendig mache. Der Vogt hatte für sein weiteres Unterkommen zu sorgen und ihn regelmäßig in die Christenlehre zu schicken, damit er im Glauben nicht nachlaffe. Später durfte «r auf Kosten des Fürsten von Fürstenberg das Schuhmacherhandwerk erlernen und beabsichtigte sich 1741 in Moosweicr ln Elsaß „haushäblich" niederzulassen. Zn diesem Behufe bezeugte ihm das Oberamt Stüßlingcu, datz seine Führung stets einwandfrei war. Wenige Wochen später beantragte auch der iüngcre Sohn de» Maier Weil in Horheim. ein achtjähriges Kind, die Taufe. An» der umfangreichen aktenmüßigen Darstellung dieses Falles ist zur Genüge ersichtlich, daß damals eine systematische Jubenmission in jener Gegend ihr Unwesen trieb. Ihren Werk.zeugen. einfachen Bauern, stellte man die Seelenrettung als verdienstvolles Christcnwerk dar. Diese zogen die ohne richtigen Unterricht und mangelhafte Aufsicht heraulvachsendcu Kinder der tu Landorten einzeln lebenden Judenfamilien in ihre Hauser und verstanden es, sie teilweise durch schöne Worte und Verächtlichmachung der jüdischen Religion, teilweise mit Gewaltmitteln, die von oben stillschweigend geduldet und übersehen wurden — zum Abfall zu bringen. Wer von Berufs wegen schon erfahren liat, mit welchen Schwierigkeiten der heutige Gesetzgeber die Entziehung der elterlichen Gewalt umgab und mit welcher Vorsicht oer Richter dieses Erziehungsmittel als ultima ratio anwendet, den muß es mit Grauen erfüllen, wenn er — wie in unserem Falle — beobachtet, wie gewissenlos und leichtfiertig die gute, alte Zeit mit dem heiligen Elternrechte umgehen konnte, wenn es im Dienste der Re-, li-güon erforderlich war. Aktenmätzig trug sich -der Fall folgendermaßen zu:"Am 6. Mai 1733 berichtete der Obervogt von Stühkiugen Hen Vorfall an die fürstenbergische Ho-fknnzlei in Donaueschintzen und fügte bet Meldung bei: Die Eltern und Benvaudten. besonders „der Dicke*) **), hätten sich mit Nngestimmigkeit entgegengesetzt. Sic behaupten, der Knabe sei als Minderjähriger verleitet, auf unanständige Weise eingeschlossen und durch di«, die ihn so weit gebracht, nach Stühlinaen geführt worden. Auf Fragen des Vogts von Horheim habe der Knabe erklärt, des Tvbus Böhrliu Roßbub habe ihn verleitet. er sei nicht gern weggegangen. Die Eltern dringen darauf, ihnen den Knaben gegenüberzustellen. was der Obervogr von sich aus nicht tun möchte. Er hat die Wahrnehmung gemacht, daß der Knabe seine Eltern fürchtet und gebeten hat, man möchte machen, daß er sie nicht mehr zu sehen, brauche. Er wünscht noch immer getauft zu werden. Der Knabe ist 8 Jahre alt. klug, die Gestalt und das Gesicht sehen nicht jüdisch aus. Bis jetzt ist er weder in der christlichen noch jüdischen Religion informiert. Bon dem Essen, das ihm die Juden geschickt, habe er außer Brot nichts nehme«' wollen. Sein um den Hals hängendes Zehngebot iveiur) habe er abKerisseu und weggeworfen. Es frage sich nun, ob der Knabe bet feinem Alter schon getauft werden könne, oder ma»l noch einige Jrhre zu warten und ihn solangeanderwärts versorgen soll, damit er nicht wieder in die Gewalt seiner Eltern kommt. Wie aus diesen Berichten heroorgeht. war der Knabe nach Stühlingen in Schutzhaft gebracht worden, nachdem er vorher im Hause eines Müllers in Horheim vor feinen Eltern^ versteckt gehalten worden war. Das Protokoll über die Einvernahme der bei der Angelegenheit beteiligten Personen — sic erfolgte ebenfalls am 6. Mai 1733 — gibt ein vollständiges Bild von dem systematischen Vorgehen der Bekchrunaseiferer. Die Hauptperson war der bereits erwähnte 17jälirtgL Roßbub Ulrich Scherer. Er erzählte: Eines Tages sei der Judenbub zu ihm in den Stall gekommen und habe ihm gesagt, er wolle auch den rechten Glauben haben. Die Chrtstenktnder heißen ihn nur „Jildenhund" und rufen ihm nach: „Jnd, Jud, Schweinefleisch, der Teufel ist dein heiliger Geist." Der Knabe habe auch den Wunsch geäntzcrt. mit seinem getauften« Bruder sprechen zu können. Das habe der Rvßbub diesem hinterbracht. Ter habe gesagt, sein Brüderchen soll allein zw ihm kommen. Es wurde eine Msammenkunft in der herrschastlichen Trotte lKelter) ausgemacht. Damit aber die Juden nichts davon merken, sei jeder allein ütngegangen, Zeuge und noch ein anderer Bürger seien zugegeu gewesen. Der ältere Bruder habe zUm jüngeren gesagt, er soll standhaft sein oder es sonst lieber sein lassen. AlS der KnavL in der Kammer versteckt war. habe ihm Zeuge Essen (weiße Knöpfte) und ein GlaS Wein gebracht. Später half er den Knaben in des Müllers Haus schaffen. Da war aber die Titre verschlossen. Als sie davor standen, sei de» Buben Vater gekommen. Sie hielten sich deshalb in einer Scheune verborgen, bi» der Vater wieder weg war. Ein weiterer Zeuge, der Förster Johannes Mayer, sagte u. a. a»S: Der Bub habe ihm gesagt: Wenn ihm nur der Müller ein Pferd gäbe, dann wolle «r fortretten und sich taufen kaffen, damit er nicht tn» Schweizer Land müffe. (Die Eltern, die von dem, wa» vorging, scheinbar Wind erhalten hatten, wollten demnach ihr Kind i« andnre Nm»e-nng — etwa in die ba- *) Bgl. Nr. 48 dieser Zeitung. **) Der „Dicke" war Marum Weil aus Stühlingen. ein Verwandter de» Knaben, der als Bvrgciug«r der siühlingifchen Judenschaft und Hofjude des Fürsten von Fürstenberg großi-s Ansehen genoß. Zur Unterscheidung von seinem gleichnamigen Tmtsgenosieu hieß er allgemem^der^ „Kicke".