Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 48 (26.11.1926)
- Date
- 1926-11-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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6. Jahrgang Nummer 48;if|| Die jüdische Gegenwart!! Die Gzei-Konferenz in Moskau. Am 15. November wurde in Moskau die große allrussische Konferenz der Unparteiischen Gesellschaften für jüdische Kolonisation „Ozet" in Anwesenheit von mehr als 20110 Gästen eröffnet. Erschienen waren 200 Delegierte, die 276 Zweigorganisationen der „Ozet" in allen Teilen der Sowjet-Union mit einer Gesamtmitgliedschast von rund 60000 vertreten, ferner 15 Vertreter verschiedener ausländischer jüdischer Organisationen, die an der jüdischen Kolonisation in Rußland interessiert sind. Von diesen sind zu nennen die Herren Dr. Paul Nathan und Dr. Mark Wischnitzer vom Hilfsverein der Deutschen Juden, Herr Mirk'n von der Alliance Jsraölitc und der „Jca", Dr. Wattenberg und Lenin von der Amerikanisch-Jüdischen Gesellschaft für rüdische Kolonisation „Jcor", Abg. Tr. Schipper und Dr. Silberfarb vom Verband „Ort" in Polen, Dr. A. Singalowsky und Dr. v Lwomitsch von der Zentralverwaltnng des Verbandes „Ort" u. a. m. In das Präsidium wurden 24 Kommunisten und 20 Unparteiische gewählt. Zu Ehrenmitgliedern des Präsidiums wurden der Präsident des Zentral-Exekntivkamitees der Sowjet-Union. Kalinin. der Präsident deS Zentral- Exekutivkomitees der ukrainischen Sowjet-Republik. Petrowsky, die Volkskommissare Smidowitsch und Tscherwiakow. — Im Namen der Negierungskommission für jüdische 5iolonisation „Komzet" begrüßte deren Präsident Larin die Konferenz durch eine Ansprache, in der er ansführte. die Sowjetregierung sei bereit, genügend Land für das jüdische Siedlungswerk zur Verfügung zu stellen, aber die jüdischen sozialen Organisationen müßten für die Bereitstellung der notwendigen finanziellen Mittel zur Fortführung des Werkes Sorge tragen. Larin gab einen detaillierten Bericht über die gegenwärtige Lage und die Zukunftsperspektiveu der jüdischen Kolonisation in Rußland. Er wies darauf hin, daß die jüdische landmirtschaitliche Betätigung gegenwärtig fast ganz kooperativen Charakter-trage. Es bestehen ungefähr 800 kooperative Gesellschaften in den jüdischen Siedlungen. Als Resultat dieser Zusammenarbeit und der dadurch ermöglichten Anwendung neuester landwirtschaftlicher Methoden stellen sich die Produktionskosten in den jüdischen Kolonien auf ein Viertel des Durchschnitts der Produktionskosten in den nichtjüdischen Siedlungen. Dabei hatten die jüdischen Kolonisten eine bessere Ernte als im Durchschnitt die russischen Bauern. Die jüdischen Kolonisten, fuhr Herr Larin fort, hätten die Steppe der Nordkrim in einen blühenden Garten verwandelt. Die vom Agro-Joint mit dein Gelbe der amerikanischen Juden nach Rußland gebrachten Traktoren wurden auch den benachbarten russischen Bauern für ihre Feldarbeit zur Verfügung gestellt. Das in die jüdischen Kolonien eingeführte Zuchtvieh verbesiert auch die Qualität des Viehs in ben benachbarten russischen Bauerndörfern. Das Ergebnis ist. daß sich zwischen den jüdischen Kolonisten und ihren bäuerlichen Nachbarn sehr freundliche Beziehungen herausgebildet haben. Der jüdische Ackerbau basiert ans höherer Qualität und besserer Preiserzrgkung, insbesondere was Viehzucht und Milchwirtschaft anbetrifft. Notwendig sind Fonds zwecks Verbesserung der Wohnungen der Neukolonisten/ die sich im Anfang mit einem Hause für je zwei Familien zufriedengeben. * Hinsichtlich der der jüdischen Kolonisation zur Verfügung stehenden Landgebiete erklärte Larin. sogar wenn in der Krim 100000 Nichtjuden angesiedelt werden sollten, bleibe dort noch immer Boden zur Nnsiedlnng von 100000 Juden verfügbar. Aber so viele christliche Siedlungsbewerber sind ja oar nicht vorhanden. Im Verlauf der Konferenz erschien der Präsident der Sowietregierung, Kalinin, und hielt eine grundlegende Ansprache über die Nationalitätenpolitik der Sowjet-Union. Eine Versammlung von jüdischen Bauern und für jüdische Bauern wie diele, führte er aus. sei nur in Sowjetrußland möglich. Die Sowietregierung wende alle Kräfte an. um die Inden die früheren Bedrückungen des Zarenregimes veraeisen zu machen. „Wir wollen nicht," sagte er weiter, „daß die Juden durch die Rüsten assimiliert werden, sondern wünschen sie als Nation für sich zu erhalten." Die Oktober- Revolution habe das Judentum schwer mitgenommen. das zum großen Teil aus dem kleinen Händlertum in den Städten bestand. Im Kleinbürgertum und in der russischen Intelligenz sei der Antisemitismus heute oft stärker vertreten als zur Zarenzeit Dagegen sei er. meint Kalinin, unter den Bauern und Arbeitern nicht vorhanden. Kalinin wandte sich der Frage der russischen Kolonisation zu und sagte, das den Juden zur Verfügung gestellte Land sei so gewählt, daß von einer Schädigung anderer Interessen keine Rede sein könne. Die russischen Juden müßten ihre Heimat auf russischer Erde finden. Die Auswanderung. insbesondere die nach Palästina, sei — so sagte er — ,/J.tui'tnn". Die Juden dürsten nickt die russische Erde verlassen. auf der sie seit tausend Jahren leben. Er erklärte sich auck gegen die Answandernng nach Amerika oder anderen Ländern. Die jüdischen Bauern in Rußland sollten in territorialer Einheit zufammengefatzt werden. Die Sowietregierung werbe in dieser Richtung Weiterarbeiten, auch wenn Au^Gndshilfe ansbleiben sollte. Kalinins Rede hatte großen Beifall. Larin sprach in seiner zweiten Rede von einer „autonomen Republik in der Nordkrim", von der Schaffung einer größeren territorialen Einheit jüdischer Siedlungen im Distrikt Cherson und meinte, es komme noch die Gegend am Asorvschen Meer in Betracht. An der zu schassenden Siedlungsbank sotten sick die Staatsbank und ansländische Hilssunternehmungen beteiligen. Für das Werk am Awwichen Meer sind fünf Millionen Rubel für vier Jahre erforderlich. Graf Belhlen über den Antisemitismus in Ungarn. Im großen Festsaal der hauptstädtischen Redoute entwickelten vor etwa 1500 Mitgliedern der Budapester Einheitlichen Bürgerpartei der ungarische Ministerpräsident Graf Stefan Bethlen und der Präsident der Bürgerpartei und ehemalige Finanzminister Tibor v. Kallay ihr Wahlprogramm Im Verlauf seiner Rede bedauerte Graf Bethlen die in jüngster Zeit sich mehrenden Konflikte innerhalb der christlichen Glaubensbekenntnisse und fuhr dann fort: „Ebenso. schmerzlich berühren mich die Gegensätze zwischen Christen und den Angehörigen der jüdischen Glaubensgemeinschaft. (Applaus.) Der jüdischen Kon-' fession hat da^ Gesetz die Gleichberechtigung zugestanden, und dieses gesetzlich erworbene Recht darf nicht geschmälert werden. Die Regierung fühlt, die Pflicht,, jede Aufreizung, die geeignet-scheint, Antipathien gegen das Judentum zn wecken, unbedingt zu unterdrücken und mit allen entsprechenden Mitteln zu verfolgen. Hieran-lehnt sich nunmehr auch das Problem des Numeri clausus an, worüber Sä«» offen und aufrichtig sprechen will. (Hört! Hört!) Zum Ausgleich der Gegensätze, zu-einer versöhnlichen Stimmung führt ja allein das aufrichtige Wort. Der Herr Kultusminister hat vor einem Jahre in Genf dargelegt, daß per Numerus clausus bloß eine Uebergangsinstitution sei, die lediglich eine momentan bestehende wirtschaftliche und soziale Lage notwendig gemacht hatte, die aber nicht ständig bleiben könne. Er fügte noch hinzu, daß diese Einxlchtnng, die infolge einer momentanen Gestaltung der Lage entstanden ist» mit der Aenderung dieser Lage ihre Geltung verlieren werde. Damals sagte man. der Minister spreche in Genf so, in Budapest aber anders. Ich sehr mich nunmehr veranlaßt, hier die erwähnte Erklärung des Herrn Kultusministers mir zu eigen zu machen, und ich übernehme auch die Verpflichtung,, in diesem Sinne vorzugehen. Jawohl, der Numerus clausus ist nur eine Uebergangsinstitütron... Andererseits aber darf niemand glauben, daß blese Institution bloß die Ausgeburt eines unsinnigen und zwecklosen Antisemitismus sei. Wäre dem so, so wäre diese Negieruyg über diese Frage schon längst zur Tagesordnung - geschritten. Aber da ist eine gequälte, ihres Vermögens verlustige, in Massenquartieren zusammengepferchte, eine aus allen Landesgebieten verjagte christliche Mittelklasse, die'mit vollem'Recht nüd in der schwersten Weise um die Zukunft ihrer Kinder besorgt ist. Diese Mittelklasse fürchtet endgültig, unterzugehen, wenn man ihr im Daseinskämpfe nicht dadurch zu Hilfe kommt, daß man Schranken in der Richtung derer aufstellt, von denen sie für ihr Brot fürchtet. Auch diese Besorgnis kann grundlos sein oder auch nicht, aber auch sie ist eine Tatsache, die jeder, der auf meinem Posten steht, berücksichtigen muß, gleichviel, ob er Bethlen heißt oder anders. Wo liegt da die Lösung? Sie liegt gewiß nicht in einer Intervention des Auslandes, wie ja die ungarische Judenschaft dies, Gott sei Dank, klar erkannt hat. Eine solche Intervention könnte ja nur noch mehr Giftstoff in das Problem tragen. Die wirkliche Lösung kann nur auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens gefunden werden. Der Kampf der deutschen Juden in Gstoberschlesien. Von D r. Fritz -Seifter, B i e l i b. Ter Konflikt, der schon seit der Zuteilung Ostoberschlesiens an Polen zwischen den ortsansässigen Juden und den zugewanderten, meist kongreßvolnischen, Ostinden in allen Fragen latent bestellt, ist in der letzten Zeit offen zum Ausbruch gekommen. Die aus der früheren Zeit in Oberschlesien wohnhaften Juden, die dank der sozialen und wirtschaftlichen Errungenschaften unter deutscher Herrschaft begreiflicherweise sich sowohl politisch als auch kulturell mit dem Deutschtum verbunden fühlen, mußten notwendigerweise sich gegen den immer stärker werdenden Zuzug der Ostelemente wehren, der ihre heimatlichen Sitten in Kultur und Religion hedrohte. Der scharfe Knliurgegensatz. der keine geringere Differenz als die zwischen russischer und deutscher Welt- Und Lebettsänffassüng anfrpeist. hat in der; lebten Zeit durch zwei äußere Ereignisse neuen Nährstoff! gefunden: durch.die Kommnnalwahlen und die Wahlen für die Synagogengemeinde in Königsüütte. Der Kampf zwischen Ost- und Westiudentum, der sich allenthalben in allen Städten Ostoberschlestens mehr oder minder heftig austobr. hat besonders krasse Formen in. Königshtttte angenommen. Seit mehr als zwei Jahren besteht dort ein scharfer Konflikt zwischen den zngewanderten Ostjuden und den ortsansässigen Mitgliedern der S"nagogeirgemeinde Erstere huldigen einem polnischen. Konjunkturpatriotismus und suchen mit allen Mitteln, der Gemeinde eine polnische Not.' aufzudrücken. wobei sie natürlich von den polnischen Behörden unterstützt werden. Dagegen betrachtet sich die bodenständige Judenschaft, getreu ihrer Tradition, in nationaler Hinsicht als ein Teil des deutschen Volkes, das sie tu Zeiten der Not nicht im Stiche lasten wollen, und gehört in religiöser Hinsicht durchwegs der liberalen Richtung an. Der Versuch der Ostiudn. die einheimische Judenschast zu terrorisieren, bisweilen bei der Regierung als staatsfeindliche Elemente zu verleumden und im jüdischen Leben Ostoberschlesiens östliche.Zustände einzusühren. zwang schließlich die ortsansässigen Mitglieder'der Synagogengemeinde in Königshütte. eine vollkommene Sevarierung von den östlichen Glaubensgenossen vorzunehmen. Nachdem die Ostiuden, durch allerlei Manöver und mit Unterstützung der polnischen Regierung bei den letzten Wahlen der jüdischen Gemeinde schließlich die absolute Mehrheit erreicht hatten, forderten sie die völlige Unterwerfung der bodenständigen Judenschast unter ihr Regime. Die Krise schlich durch den ganzen Sommer und kam erst dieser Tage offen zum Ausbruch Da hie Ostiuden an ihrem Vorhaben unbedingt festhielten, haben die Ortsansässigen den Austritt aus der Gemeinde vollzogen, Tempel. Gemeindehaus und alle anderen Stellen den Gegnern überlassen, und einen Aufruf zur Bildung einer eigenen Gemeinde erlaffen. Als die Stimmen für diese Aktion gesammelt wurden, trat in Kreisen der Ostjuden ein Umschwung ein: ein großer Teil derselben besann sich eines Besseren und ging mit ihren früheren Gegnern. So kam es, daß statt der erwarteten 70 Stimmen der bodenständigen Judenschaft 186 zufielen und somit die Ostiuden aus ihrer früheren Majorität in die Minorität gedrängt wurden. Da sie nun ihre Position für verloren ansahen, unterbreiteten sie unerwartet der neuen Majorität neue Kompromißvorschläge, doch fordert jetzt die bodenständige Judenschaft erne unbedingte Unterwerfung, unter ihre Postulate. Es erscheint wenig wahrscheinlich, haß eine gütliche Bereinigung des Konfliktes möglich sein wird, da die ortsansässigen.Mitglieder auch über das intolerante Auftreten der Ostjuden in einer anderen Frage stark aufgebracht sind. Nach erbitterten Kämmen mit den Ostiuden mutzte sich schließlich der durch seine Forschungsarbeiten auf dem Gebiete des Judentums überaus bekannte Oberrabbiner Dr. Goldschmidt, der durch 25 Jahre fein? Stellung als Oberrabbiner der Synagogengemeinde in .Königshütte bekleidet batte, vielfach bei den polnischen Behörden denunziert. entschließen, seine bisherige Wirkungsstätte aufzuaeben. und nach Breslau zu übersiedeln. Da auch in der Frage der Neubesetzung keine Möglichkeit bestand. einem Einvernehmen mit den Ostiuden zu kommen, ist diese Stelle bereits seit zwei Jahren vakant. Allerdings werden scheinbar die finanziellen Erwägungen den Ausschlag geben. da die zugewonderteu Ostiuden. in ber Regel arm und mittellos, ohne'die finanzielle Unterstützung der Bodenständigen die Gemeinde nicht-.erhalten können. Auch bei den soeben stattaesnndenen Kommnnalwahlen hat der deutsche: liberaljüdische Gedanke den Sieg davongetragen. Während die non den Ostjnden aufgestellte eigene jüdische Liste, die vornehm- Dellage 26. November 1926 lieh -en polnischen Interessen dienen sollte, ein klägliches Fiasko erlitt — sie konnten kein einziges Mandat erzielen — hat die bodenständige deutsche Judenschaft Schulter an «Walter mit ihren deutschen Mitbürgern die deutsche Sache verfochten und so zu dem imponierenden deutschen Wahlsieg. in Ostoberschlesien entscheidend beigetragen.'Unter* den auf der deutschen Liste (deutsche Wahlgemeinschaft) Gewählten erscheinen drei jüdische Vertreter in Königshütte. Maximilian Harden über Juden und Antisemiten. Der Direktor der New-Dorker Jüdischen Telegraphen- Agentur, Jakob Landqu, hatte während seiner Anwesenheit in Berlin ein Gespräch mit Maximilian Harden, in dessen .Verlauf sich Deutschlands berühmter Publizist in fesselnder Form über das.deutsche.Judenproblem und deutsch-jüdische Persönlichkeiten äußerte. : - Bismarcks „j ü d i sche' E ig e n s cha st e n". „Bismarck zeigte oft jene leichte Erregbarkeit, die manche Leute jüdisch nennen," sagte Herr Harden, der viel in Bismarcks Hanse verkehrt hat. „Dieser Riese, der so viele typische Züge des Urgermanen offenbarte, hatte höchst ungebärdige, hyperempfindliche Nerven, die Sensibilität eines Poeten und war auf Höhepunkten der Erregung oft Weinkrämpfen ausgesetzt. Sein Stil erinnerte an-Heine und war zweifellos stark von ihm beeinflußt. Ob Bismarck Antisemit gewesen ist? Zn prononziert jüdischem Wesen hat er sich wohl nie hingezogen gefühlt: aber nur in seiner junkerlichen Jugend antisemitische Ueberzeugungen geäußert, und erst unter seiner Regierung und Reichskanzlerschaft wurde dio Emanzipation der deutschen Juden eigentlich gesichert. Uebrigens hatte er viele jüdische Freunde, einen indischen Arzr (Dr. Cohn), einen jüdischen Bankier (Bleichröderi und schätzte unter den Politikern seiner Zeit D'Jsraeli und den Sozialisten Lassalle besonders hoch. Die Angabe. Bismarcks Mutter habe Jude nb lut in den Adern gehabt, ist nie malswider legt worben. In den Tagen Bismarcks war Deutschland noch nicht so vom Antisemitismus verseucht wie heute. Heute Ikii dev Antisemitismus so scharfe Formen angenommen, wie man es noch vor zehn Jahren für unmöglich gehalten hätte. Was Deutschlands Juden für ihr Vaterland geleistet haben. Ich selbst, der ganz in einer deutschen Atmosphäre amgewachsen, im christlichen Glauben erzogen und wenig in nahem Verkehr mit Israeliten gewesen war nnd mich in jeder Hinsicht als deutsch betrachtete, mußte eines Tages merken, daß ich den Rassisten nicht als „reindcntich" galt- Daß wirklich reine Nassen kaum noch auffindbar sind, und daß besonders östlich von der Elbe ein wcndisch-slavischpreußisches Mischvolk übcrwiegt, daß gerade die Adelsfamilien des deutschen Ostens, wie Namen und'Physiognomie erweisen, vielfach früh slawisiert wurden, wird von so vlumpcm Antisemitismus nicht beachtet. Vielen anderen ist es ähnlich gegangen. Alles was die Juden Deutschlands getan haben, um ihrem Lande mit allen Kräften und in aller Treue zu dienen, hat nichts genützt. Die Inden haben sich während des Krieges z. B. in vorbildlicher Weise benommen: sie waren sogar überpatriotifch: sie gehörten zu den ärgsten Chauvinisten. Mögen Einzelne sich in den Krieg nnd Inflation. . allzu hastig bereichert haben» ko wären ihre Gewänne öM."" nur Bagatelle neben den gigantischen Profiten, die in öcr■‘‘•Vf. selben Zeit der „kerndeutschen" Industrie und Landwirtschaft."-" den Produzenten von Nährmitteln, Kohle, Stahl. Waffen, Geschossen, Kleidüngsstoffen usw. usw. ««fielen nnd zufallen mutzten. Die antisemitische Behauptung, baß die Juden eine Vorliebe für die radikalen Parteien haben, trifft auck nicht zu. Es ist natürlich, daß die Bedrückten und Verfolgten, sich , den radikalen Parteien anschließen. Würden die Antisemiten die Juden in Ruhe lassen, so würde man die zu Wohlstand gelangten Juden in allen Ländern in den Konservativen Parteien finden. Unsere jüdischen Kapitalisten würden nichts lieber wollen, als der deutschnationalen Partei augehöreu, wenn die Antisemiten sie dort nur hinein ließen. DiePersünlichkeitEmilnndWalter R a t h e n a n s. Auch Dr. Walter Rathenau, der als Baukdirektor und Industrieller reich geworden war, hatte höchst konservative. Neigungen. Er schwärmte für das alte kriegerische Preußentum, war „unglücklich," weil er seines Glaubens wegen nicht Offizier der Gardekürassiere werden konnte, feierte die preußische Königin Luise in Versen, richtete ein von ihr einst bewohntes Schloß, das er gekauft hatte, als Luise- Museum ein. veröffentlichte unter Pseudonym einen Artikel, - der die nach Assimilation strebenden Juden „eine asiatische Horde auf märkischem Sand" nannte, und erlangte von der, Gunst Wilhelms II. hohe Orden, die er mit Stolz trug. Er verkündete noch im Sommer 1818 Deutschlands sickeren militärischen Sieg, warnte vor „verfrühtem Friedensschlnß," tadelte öffentlich Ludendorff, der Waffenstillstand forderte, nnd verlangte im Oktober 1918 den Ausruf zu „levee en masse" Er war geistreich, hatte vielerlei gelernt, glitzernde Talente mannigfacher Art, war aber auf keinem Gebiet irgendwie schöpferisch, hat im Größten, auch als bankciand captain of Industry immer geirrt und wurde erst überschätzt, als tückische Niedertracht ihn. der im Herzensgrund weder Demokrat noch Republikaner war. aenreuchelt hatte. Schöpfer, in seiner Einseitigkeit wahrhaft genial war sein Vater, der Begründer der AEG.,-der Edisons erste Erfindungen nach Deutschland brachte und Aehnliches schuf wie Henry Ford auf seinem Gebiet. Dieser Emil Rathenau. gleich groß als Ingenieur, Jndustriekopl und Finanzmann, ist einstweilen „ausradiert". Das kann nicht dauern. Der „I u d e n st r e i k" ein W e r t m e s > e r i ü d ischer B e g a b u n g u n d L e i st u n g. Ich habe einmal einen Judenstreik als beste Antwort auf den Antisemitismus empfohlen. In einem viel höheren Grade als in England oder Amerika sind die Inden in Deutschland in der Wissenschaft, im Handel, in der Literatur, in der Presse, in der Finanz, in der Kunst tonangebend, außerdem sind sie in allen intellektuellen Berufen tätig. Ein solcher Streik würde es vielleicht den Antisemiten zum Bewußtsein bringen, welchen Wert die Juden für das Land besitzen. Man müßte eigentlich erwarten, daß die Antisemiten zum mindesten die jüdische Begabung entsprechend einschätzen würden Die antisemitische Literatur wirft allerdings den Juden vor, daß zwar der jüdische Durchschnitt eine höhere . Begabungaufweise als : der anderer? Raffen,' daß aber die Juden große schöpferische Persönlichkeiten nicht aufzuweifen, haben. Auch darin stimme ich dem Antisemiten nicht bei. Man darf schließlich nicht vergeffen, daß die Juden ein sehr kleines, weithin verstreutes Volk von nur 12 oder 14 Millionen sind. Man kam: sie daher nicht mit den Deutschen oder' Engländern vergleichen: In Deutschland beträgt ihre Zahl noch > nicht - ein Prozent der' Gesümtbevölkerung. und von dieser kleinen Schar soll dem großen, starken, fleißigen, hoch kultivierten, im Superlativ tüchtigen deutschen Volk Lebensgefahr drohen? Solcher Verdacht schon fetzt die Deutschen