Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 48 (26.11.1926)
- Date
- 1926-11-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Serhandlungsberichi. Di« EröffnungAsttzüug. Zlun zweitenmal trat am Lonntag. bat 91. November, dcr VerbandStag de» Preußischen Landesverbandes iüdticker Gemeinden zusammen. Mit Rücksicht aus Sitzungen der Fraktionen verzögert« sich die sür 2 Uhr festgesetzte Eröffnung um etwa 1» Stunden. Rabbiner Dr. Horvwitz, Frankfurt a. M.. eröffnet die Tagung mit einer tiefempfundenen Weiherede, in der er auf das Symbol in Iaakobs Traum hinrvies. da auS den streitenden Steinen ein Stein wurde. Er erinnerte an das Talmud-Wort, daß ein friedlicher Ausgleich Friedcnörecht sei und sprach von dem kommenden Hhalinkkah-Fest, dem Weihesest der jüdischen Einigung in Gott. Er schloß mit dem Gebet: Nichte empor das Werk unserer Sande. Hierauf hüll der Präsident deS Landesverbandes, KammeMrichtSrai Leo Wolfs die folgend« Ansprache: Meine Damen und Herren! Zum zweiten Male haben wir uns in diesem Saale vereinigt, um für alles das einzutreten, was preußischem Judentum frommt und darüber hinaus das ganze deutsche Judentum berührt. Das vorige Mal galt es. dte Aufgaben, die wir uns gestellt haben, und die in der Verfassung des Landesverbandes vom 23. Juli 1022 niedergelegt sind, durch einmütiges Zusammenwirken aller Kräfte zu erfassen und den neuen Gebilden Leben einzuhauchen. Heute stehen wir liier, um die inzwischen geleistete Arbeit zu Überschauen, um das, was gut an ihr war. zu billigen und dem. waS noch nicht zu befriedigendem Abschluß geführt werden konnte, die weitere Förderuna und die Formung in künftiger Zeit zu ermöglichen. Ter Rat des Landesverbandes war das Organ, das seitdem, unterstützt von ihrem ständigen Ausschuß und den sonstigen verfassungsmäßigen Ausschüssen, in Tätigkeit gewesen ist. Zahlreiche wichtige Aufgaben in einem Airsmaße, wie eS nickt vorauszusehen war. sind an ihn herangetreten, andere hat er stch selbst gesetzt. Meine Damen und Herren! Nehmen Sie Stellung zu allem, was geschehen ist, sondern Sie di« Svreu von dem Weizen, urteilen und handeln Sie. Wenn Sie an Ihr Werk ohne Voreingenommenheit, nur um unserer gemeinsamen Sache willen herantreten, daß weder Haß noch Liebe da- Urteil trüben, das wir fällen sollen, dann ist das alles, was wir von Ihnen verlangen und erwarben. ^Ich darf hoffen und wünschen, daß Ihre Verhandlungen von dem Geiste der Versöhnlichkeit und des Friedens getragen sein werden, dessen keine Gemeinschaft so sehr bedarf wie die unsere, wenn anders ihr Blühen und Gedeihen ans deutscher Erde auch in Zukunft gesichert sein soll. Mir bleibt noch übrta festzustellen, daß die Tagung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden innerhalb -er verfassungsmäßigen Frist ordnungsmäßig zusammenbernfen worben ist. Ich erkläre die Tagung für eröffnet und bitte Herrn Iustizrat Sonnenseld. den Vorsitz zu übernehmen. Iustizrat Sonnen selb nimmt den Platz des Vorätzenden ein und begrüßt die Delegierten mit einer kurzen Ansprache. Er fährt fort: Leider muß ick seststellen. daß mein Wunsch, den ick in der letzten Tagung im Schlußwort ausgesprochen habe, nämlich, daß wir uns alle in diesem Jahre gesund Wiedersehen sollen, sich nickt erfüllt hat. Zwei bedeutende Männer sind von uns gegangen. Sanitätsrat Mendel, Essen, und Gewerberat Plotke. Berlin. Wir beklagen ihren Heimgang tief und schmerzlich, weil gerade von diesen Männern noch reiche Arbeit für das Judentum erwartet »»erden konnte. Ihr Andenken wird bet uns in Ehren bleiben. Sie haben ihr ganzes Herz und ihr Hirn in den Dienst unserer Religion gestellt: mit Wehmut gedenken wir dieser Heimgegangenen. Der Vorsitzende dankt dann den Anwesenden dafür, daß sie sich zum Zeichen der Trauer von den <anflHäfccn erhoben haben und hofft, daß die Anteilnahme ein Trost sür die Hinterbliebenen sein werde. IJ MißtraueuSautriig« gegen de» Präsidenten. Zur Geschäftsordnung ergreift nunmehr baS Wort R.-A. Kvllenscher (Iüd. Volksv.). Er begründet nachstehenden Mißtrauensantrag seiner Fraktion: „Ter VerbandStag hält es für unverantwortlich, daß Juden im Berkehr mit Behörden auS der innerjüdifchen Einstellung eines jüdischen Beamten Zweifel gegen dessen Objektivität herletten. Ein solches Verlralten gefährdet die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden und leistet z. B. auch den Tendenzen auf Ablehnung jüdischer Richter und VerwaltungSbeamten Vorschub. Der VerbandStaq mißbilligt den Brief des.Herrn Iustizrat Sonnenfeld an den Herrn Minister des Innern nnd cntzieht ihm deshalb als Präsidenten deS VerbandStageS baS Vertrauen." In dieser Frage entsptnut sich eine lange Geschäftsordnungsdebatte. Da die oppositionellen Bureaunntglieder der Aufforderung des Vorsitzenden, Iustizrat Sonnenfeld. Ihre Plätze einzunehmen, nicht Folge leisten, ladet dieser Herrn Kommerzienrat Hamburger ein, als Beisitzer zu fungieren. (Protest bet der Opposition.) _ R.«A. Dr. Baerwald lLib.) erinnert an den Appell von Rabbiner Horowitz. de» Frieden d» wahre«. Ä-R. Gönnen» feldS Stellung zum deutschen Judentum ist «ine aefesttgte und klare; biß her haben auch Zionisten und Konservative ih« das Vertrauen durch Mitwahl ausgesprochen. An Stelle derartiger OeschäftSorbnungsdevatten und MißtranersDanträge sollt« lieber sachliche Arbeit geleistet werben. Die liberale Fraktion habe alS stärkste des BerVandStages baS Recht auf den Präsidenten. Es ist nickt angängige Aeußerunaen außerhalb des Hauses, soweit sie nicht unehrenhaft seien, hier in diesem Zusammenhang zu kritisieren. Sonst müßte dock darauf hingewiesen werden, baß Zionisten außerhalb der Versammlung manches gesagt und getan haben, was von der stärksten Fraktion, der liberalen, aufs schärfste mißbilligt wirb. WaS Sonnenseld getan hat. kann ihn nicht diSaualtftzieren, hier unser Präsident zu sein. Im übrigen Mülle bedauert werden, daß eine Berliner Angelegenheit zum Anlaß genommen wird, um dte Verhandlungen des Landesverbandes zu stören. R.-A. Dr. Werthcim-Berlin (liberal). Die Angelegenheit Sonnenfeld-Badt Mülle io objektiv und ruhig wie möglich besprochen werden. Er bedaure. daß hier der Versuch gemacht werde. Acußerungen des Herrn Sonnenseld. die außerhalb dieses Saales gefallen sind, einer Prüfung zu unterziehen. Wir mllllen eS ablehnen, uns über unsere Stellung zum Vorsitzenden Vorschriften machen zu lassen. Wohin soll es führen, wenn hier bei den einzelnen Persönlichkeiten. die ein Amt einnehmen sollen, untersucht wird, welche politische Anfsassnna sie haben. Es gibt Leute, die in den Forderungen der Jüdischen 'Volkspartei eine Gefahr der jüdischen Gleichberechtigung erblicken. Es aibt Leute sogar, die es für unkonseguent halten, wenn Nationalinden Stellungen als Staatsbeamten einnehmen, aber dies bindert doch nicht zu erklären, daß an der persönlichen Ehrenhaftigkeit dieser Herren nicht im geringsten gczweifelt werden kann. Im wetteren Verlauf zur Geschäftsordnnngsdebatte, auf deren sachlichen Kern wir bereits in unserem Leitartikel eingegangen sind, schließen sick die Parteien, die bei den Berliner Repräsentantenwahlen einen Wahlblock gegen die Liberalen gebildet haben, dem Antrag der Iiidischen Bolkspartei an. Nach mehrstündiger Debatte wird zur Abstimmung über die verschiedenen Mißbilligungsanträge geschritten, lieber den ersten Teil der Resolution der Volksvartei wird namentlich abgestimmt, d e r A ri t ra a wi r d m i t 67 g c g en 08 Stimmen bei L^Stimm enthalt unge« a b g e - lehnt. Der zweite Teil des volkSvarteilichen Antrages wird zugunsten eines Antrages der Konservativen und der Mittelpartci zurückgezogen, der lautet: „Der VerbandStag mißbilligt das Verhalten deS Präsidenten in Sachen seines Schreibens an den Minister des Innern wegen der Berliner Wahlproteste und bedauert, daß der Präsident dem Wunsche aller Fraktionen — außer der eigenen des Präsidenten — auf Rückrritt oder diesmaliger Enthaltung vom Amte nicht stattgegcbcn hat." Auch dieser Antrag wird abgelebnt, und zwar mit 67 g e g e n 4« Stimme n. Im Verlauf der Debatten erhält der Abgeordnete Berger (Poale Zion) einen Ordnungsruf. Tätigkeitsbericht. Nachdem der Präsident festgestellt hat, daß er sich alS Vorsitzender Schranken auferlegen mußte, und nicht selbst zum Gegenstand der Angriffe sprechen konnte, erklärt Tr. Kvllenscher. daß die nicht der liberalen Fraktion angehörigen Mitglieder des Präsidiums es ablehncn. mit Iustizrat Sonnenfeld zusammen di« Geschäfte zu führen. Den Tätigkeitsbericht erstattet nunmehr Dr. Freund (Rat): Seit dem letzten VerbandStag ist die Zahl der dem Verbände angeschlossenen Gemeinden von 657 um 33 auf 690 gestiegen. ES ergibt sich das folgende Bild: Insgesamt sind in Preußen noch rund 950 Snnagogengemeindcn vorhanden; 600 gehören dem Landesverband, weitere rund 00 dem Halberstädter Bund an. mithin bleiben rund 170 Gemeinden übrig, die keinem der beiden Verbände angeschlossen sind. Die Gründe für deren Außenseiterei sind verschiedener Natur: Gleichgültigkeit, Verlust des Zusammenhangs mit dem lebendigen Judentum. Eigenwilligkeit der Gemeindevorsteher Furcht vor finanzieller Belastung u. a. m. Die Frage, was angesichts dieser Sachlage und der Unfähigkeit der Gemeinden, auf sich selbst gestellt, weiter zu bestehen. zu geschehen hat. wird ernstester Erwägung bedürfen. Der Redner geht nun auf die Gliederung des RatS und die Verteilung der Dezernate ein. Seit dem letzten Verbandstag sind rund 14 Mi Eingänge zu verzeichnen. Es ist in Aussicht genommen, sobald als möglich für den Landesverband ein eigenes Heim zu erwerben. Der Redner referiert über di« Verteilung der Staatöbeihilfen. die Frage der Bildung von Lehrerbezirken und Rabbinatsbezirken. Unter irnvor^ fällbaren Lchwierigkeiteu hat der Landesverband eine Prüung der vtrhllltnisie von rund 700 Gemeinden vorgenommen, und aus Grund bellen den Dertetlungsvlan auf- I«stellt. Der Landesverband hat e» als seine vornehmste lusgab« angesehen, ohne jeden Verzug daran zu geben, die tznzulanaltchen BesolbungSverhältniffe zu Hellern. Auf dem Gebiet des UnterrichtSwesen» ist eS gelungen, bei dem Unterrichtsministerium die Bereitwilligkeit zu erwirken, in die neuen Lehrpläne für die höheren Schulen auch den jüdischen Religionsunterricht aufzunehmen. Dte Richtlinien sind dem Ministerium eingereicht und im Zeutralblatt für di« gesamte Unterrichtsverwaltung veröffentlicht worden. Di« Einrichtung von pädagogischen Akademien hat die Notwendigkeit gezeitigt, auch die jüdische Lehrerbildung unter de« neuen Gesichtspunkten umzugestalten. Seitens des Landesverbandes ist die Errichtung einer jüdischen pädagogischen Akademie beantragt worben. ES werden Verhandlungen geführt, daß die indischen ReltgtonSlehrer an den höheren Lehranstalten den christlichen Religionsleürern gleichgestellt werden, daß die jüdische Religion zum Prüfungsgegenstand im Abtturientenexamen werbe sowie daß die jüdische Religio» zum Prüfungsgegenstand auck für jüdische Lehramtskandidaten gemacht werde. Zum vorliegenden Entwurf etneS Strafgesetzbuches sind Anträge gestellt worden, welche insbesondere betreffen: 1. eine unterschiedliche Behandlung von Personen nach ihrer Religionszugehörigkeit soll unter Strafe gestellt' werden; 2. der Schutz des Judentums gegen sogenannte .Kollektivbeleidigungen soll gewährleistet werden und 8. die Möglichkeit, durch Strafbestimmungen über den Tierschutz das Schächten zu treffen, soll verhütet werden. — In der Frage der Gestattung der Sonntagsarbeit in jüdischen Bureaus, in der Entgegenwirkung gegen die Propaganda für ein Schächtverbot. wurde Vielfaches geleistet. Als in Norwegen die Gefahr bestand, daß ein Schächtverbot zum Gesetz erhoben wird, wurde dem norwegischen Gesandten eine wohlbegründete Denkschrift überreicht, worauf von der nowcgischen Regierung die Antwort eintraf, baß die Vorlage zurückgezogen worden sei. Es ist zu hoffen, daß auch in Deutschland die Bestrebungen der Schächtgegner ohne Erfolg bleiben werden. Der Referent schließt mit der Feststellung, daß im allgemeinen große Arbeit geleistet worden ist, daß aber so vieles ungelöst und schwierig bleibt. Er gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die Zusammenfassung der jüdischen Kräfte in Zukunft einen reicheren Ertrag der Arbeit erbringen werde. Der Tätigkeitsbericht wird auf finanziellem Gebiet ergänzt durch den Rechnungsabschluß für das Iabr 1925'96. Hierzu nimmt das Wort: Gal eins kt lRai): Die Kassennerwaltuna war schwierig. Die Beiträge der Gemeinden gingen sehr spärlich ein. Das lag darin, daß das Jahr 1025 ein schweres Kriseniahr gewesen ist. Man mußte deshalb auch mit den Ausgaben sehr vorsichtig sein. Insgesamt sind vom Landesverband Subventionen in Höhe von 362 000 M. gewährt worden. Die Einnahmen setzen sich hauptsächlich aus den Staatsbeihilfen und den Beiträgen der Gemeinden zusammen. Die Staatsbeihilfe betrug etwa 205 Mi Mark, die Gemeindcbeiträge 275 000 M. An Rückständen an Gcmeinöebeiträgen ständen , noch 154 OftO M. auS. Kareski (Rat) begründet kurz den vorliegenden Etat. Er schlägt vor. einen Etat für zwei Jahre, statt wie bisher für ein Jahr, aufzustellen. In dem Etat sind für Subventionen an leistungsschwache Gemeinden sowie für wissenschaftliche und soziale Zwecke 693 000 M. vorgesehen. Mit Rücksicht darauf, daß Bezirksrabbinate geschaffen werden sollen, wird mit einer Erhöhung der Staatsbeihilfen auf 254 000 M. gerechnet. Die Beiträge der .Gemeinden sollen 153000 M. für das Jahr betragen. -x Die Generaldebatte. ' -1;k In vorgerückter Abendstunde wird nun noch in die Generaldebatte etngetveten. Ministerialdirektor Dr. B a ö t sIüd. Bolksp.) ergreift als erster Redner das Wort und führt aus: Er wolle an der Tätigkeit des Rates freimütige Kritik im Geiste der Versöhnlichkeit üben. Die Aufgaben, die die erste LandeSveriammlung dem Rat gestellt hat. waren dreierlei: 1. Ausbau des Landesverbandes zu einer Reichsorganisation: 2. Verkehr mit den Behörden. Schaffung einer neuen Iudengesetzgebung; 3. Belebung des Judentums. Wie sind diese Aufgaben erfüllt worden? ES herrschte in eisiem gewissen Maße Ueberorganisation. Die Ausgabe für BcrwaltungSkosten erscheint zu hoch. Es ist Zeit, eine Vermal» tungsreform, eine Vereinfachung, eintreten zu lassen. Die Schaffung eines Reichsverbandes ist unser aller Ziel. Es liegt ein Projekt vor: cs besteht aber bei keinem die Neigung. diesem Zerrbild zuzustimmen. In dem Verkehr mit den Staatsbehörden müsse man in Zukunft die Politik der - verpaßten Gelegenheiten zu vermeiden trachten. Das Juden- Thomas Mann über die Weisen von Zion. Der nachstehende Brief wird uns zur Veröffentlichung von Herrn Binjamin Segel liebenswürdigerweise zur Verfügung gestellt. Dr. Thomas Mann. München, den 5. November 1026. Sehr geehrter Herr Segel! Mit bedauerlicher Verspätung, durch Schuld einer Reise, komme ich dazu. Ihnen für Ihren Brief und die Uebersendung Ihrer packenden Schrift zu danken, die mich schon sehr beschäftigt hat und zn der ich nach Abtragung vieler Arbeit, die mich, wie das zu gehen pflegt» nach der Reise hier erwartete, noch eindringlicher zurückzukehren hoffe. Ich habe in der Legende der Weisen von Zion nie etwas anderes sehen können als eine phantastische Ausgeburt mantakiaktschcn Judenhasses, auf den ich mich so wenig verstehe, daß er mich gar nicht berührt, und daß ich wenig geneigt bin, mich überhaupt mit ihm zu beschäftigen. Ihr Buch zeigt mir. welch ein Aufwand von wissenschaftlicher Energie und Akribie sich immerhin empfahl, als es galt, dieser Legende endgültig den Garaus zu machen. Ich sehe das mit einem gewissen Erstaunen. Aber die Hanptsaciie ist, daß eS nun wohl endgültig jedem Menschen von gesunder Vernunft und intellektueller Reinlichkeit unmöglich gemacht ist. mit dieser Absurdität in irgendeiner Weise sich noch gemein zu machen. Ich begrüße Sie. sehr geehrter Herr, mit wiederholtem Dank als Ihr sehr ergebener lgez.) Thomas Mann. Rasse und Geschichte. Bon Dr. I. L« w i n. Denkt man an die vielen gewagten und leichtsinnigen Theorien über die Bedeutung des RassenfaktorS in der Geschichte. an das viele Unheil, welches nicht nur kür die wissenschaftliche Betrachtung der Geschichte und Soziologie durch den Rallengedanken verursacht wurde, sondern auch, was natürlich viel wichtiger ist. für die praktische Politik, so nimmt mau mit einigem Mißtrauen ein Buch in nie Hand, auf dessen Titelblatt die Worte „Rasse und Geschichte" stehen*). Unwillkürlich drängen sich dabei die vielen unbewiesenen. wenn auch sehr kategorisch ausgesprochenen Behauptungen über die Rolle der Ralle in der Geschichte, die seit Gobineau von seinen zahlreichen Nachfolgern in die Welt gesetzt wurden, an Sätze, wie etwa den LavougeS. daß das Schicksal der Menschen, damit also auch der Völker, davon abhängt, ob die Länge oder Brette ihres Schädels zwei oder drei Millimeter kürzer oder länger war. Desto angenehmer ist aber die Enttäuschung, wenn man den stattlichen Band des Genfer Gelehrten zu Ende gelesen hat. Pittard, Professor der Anthropologie an der Genfer Universität, hat eS in der Tat verstanden, eine im besten Sinne des Wortes wissenschaftliche Betrachtung der Nassenfrage zu liefern. Er hört nicht auf. die ungeheuren Schwierigkeiten zu betonen, die auf diesem Gebiete der unparteiische Forscher zu überwinden hat; denn „wir haben bis jetzt, — wie er sich am Schluß feines Buches ausdrückt. — bloß zwei oder drei Buchstaben :1nes schwierigen Alphabets, oder, wenn man es vorzieht, zwei oder drei Seiten eines sehr dicken Buches gelernt." Er unterwirft z. B. einer sehr eingehenden Kritik die Bedeutung, welche gewöhnlich den Eroberungen für die ethnische Zusammensetzung eines Volkes fast ohne Beweis zugeschriebcn wird. so. wenn z. B. die Annahme gemacht wird, daß durch die Eroberungen Roms die unterworfenen Völker latinisiert wurden. So glauben z. B. dte Rumänen felsenfest daran, baß sie von römischen Soldaten Trajans abstammen, obwohl der einzige Beweis dafür darin besteht, daß die Rumänen eine Sprache sprechen, die von der lateinischen abstammt. Gewöhnlich braucht eine ethnische Beeinflussung des besiegten Stammes durch den Siegerstamm gar nicht immer her Fall zu sein. Das braucht nicht immer auch in den Fällen zuzutreffen, wo die Eroberung durch eine Kolonisation begleitet wurde. Man hat auch in der neuesten Geschichte Fälle, wo die Eroberung eines Landes und feine Kolonisation durchaus nicht von einem und demselben Stamme durchgeführt wird. So sind z. B. in den gegenwärtigen nordafrikanischen .Kolonien Frankreichs oft viel mehr Italiener. Spanier und Malteser vorhanden als Franzosen. Das KriegSglück lieferte oft ganz kleinen Gruppen ungeheure Gebiete ans. der Sieger war gar nicht imstande, diesem Gebiet seine eigene Rassenphristognomie aufzudrängen. er begnügte sich daher meistens damit, in das eroberte Gebiet Berivaltungsbeamte und Gar- *) Eugene Pittard, les raccs et l'histoire, introduction ethnoloßique ä l'histoire. Paris 1924, 619 Seiten. nisonen zu schicken, die auch schon durchaus nicht immer der eroberten Nasse angehört haben. Der unterlegene Stamm wurde sehr oft gezwungen, die Sprache des Eroberers anznnehmen. was aber durchaus nicht dasselbe ist. als in der Raffe des Eroberers aufzugehen. „Die vergleichende Ethnographie ist seit 30 Jahren, — sagt Pittard. — durch Pseudoethnographen vergiftet worden, welche unaufhörlich Papier geschwärzt haben." Auf Grund dessen z. B.. daß „eine in sprachlicher Beziebung germanische Gruppe ein gewisses Land eine Zeitlang besetzt hat. wollte man in der Bevölkerung dieses Landes den wahren germanischen Typus feststellen, obwohl er gar nicht existiert, denn dte in Betracht kommende Gruppe war nur insofern germanisch, als sie eine germanische Sprach« gesprochen hat. Jeden Tag finden mir beim Lesen derartige Konfusionen." Pittard führt einige Sätze an. die von der Schule der Chamberlain. Ammon. Laponge usw. stammen, wie z. B.. baß die herrschende Klaffe im Zeitalter des Feudalismus fast ausschließlich der Gruppe des ,,Homo Europaeus", d. h. der nordischen Rasse angehört hat, oder „daß man bei der Betrachtung einer Portraitsammlung seit der Renaissance bis zum 18. Jahrhundert von der Vorherrschaft der langen Schädel, der schmalen Gesichter und Nasen betroffen wird." Wenn diese Portraits. sagt Pittard. wirklich ibaS darsteüen sollen, ivas hier behauptet wird, so bleibt noch immer die Frage, ob man sie überhaupt als anthropologische Dokumente betrachten kann. Gewiß Ist anzunehmen, daß vielleicht ein großer Teil in der damals herrschenden Klasse, z. B. in Frankreich, aus Menschen der nordischen Rasse bestand. Aber nichts deutet darauf hin. welchen verhältnismäßigen Bestandteil di« Männer dieses nordischen Typus in der ganzen Nation auSmackten. nichts beweist di« reale Stärke ihres Einflusses. Die Eroberer und Sieger haben herrschende Stellungen eingenommen, nicht deswegen, weil sie besondere ethnische Eigenschaften hatten, nicht infolge eines RassendetcrminismuS. sondern einfach irifolgedeffen. weil sie Sieger waren. Wenn von den Anhängern des Rassengedankens behauptet wird, daß der Schädelinbcr sich verringert und die Zahl der Langschäbel sich erhöht, wenn man in einem und demselben Gebiet von den niederen Klassen zu den höheren übergeht (io Lapvuge in seinem Buch „l'Aryen et son rdle social“), fo fragt Pittard. rbie und in wie vielen Städten mau derartige Tatsachen beobachtet hat? llebrigens» fährt er weiter fort» scheinen eine Reihe von Tatsachen, die für den Fortschritt der Menschheit von außerordentlicher Bedeutung waren, doch