Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 47 (19.11.1926)
- Date
- 1926-11-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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6. -chrzanft Rümmer 47 16. Rovemd« ISSK Sprechsaal Die jüdische Jtou im Gottesdienst. Es liegt mir fern, grundsätzlich einen Fortschritt in der stärkeren aktiven Anteilnahme der Frau am Gottesdienst abzulehnen. Dennoch scheinen die neuerhobenen Forderungen, die Frau zur Thora anfzurufen, sie das Amt des Rabbiners bekleiden zu lassen, reichlich verfrüht. Es erscheint mir als ein Fehler unserer Zeit, die den Gleichberechtigungsgedanken so stark propagiert, allein schon in der Erfüllung von Forderungen, in der Gewährung von Rechten einen Fortschritt zu sehen, ohne dabei zu bedenken, ob denn nun auch der Sache, zu deren Besten die Forderungen erhoben werden, ernstlich gedient ist. Jeder Fordernde ehrt sich selbst am meisten, wenn er zunächst die Voraussetzungen schafft, die zu Forderungen berechtigen. Solange die liberalen Frauen von ihrem passiven Recht, sich am Gottesdienst zu beteiligen, nur in so verschwindend kleiner Zahl Gebrauch machen, fast noch weniger als die Männer, ist die Zeit für weitergehende Forderungen nicht gekommen. Der geringe Besuch des Gotteshauses seitens der liberalen Frauen ist eine leider feststehende Tatsache, hat aber am allerwenigsten seinen Grund darin, daß die Frau nicht zur Thora aufgerufen wird, keine Predigt halten darf und gesonderte Plätze einnehmen muß. Es handelt sich wohl tm Wesentlichen um ähnliche Gründe, wie sie auch die liberalen Männer vom Gottesdienst fernhalten, berufliche bzw. hausfrauliche Inanspruchnahme. Oftmals aber brauchten diese kein Hindernngsgrund zu sein. Wo ein Wille ist, läßt sich meist auch ein Weg finden. Und besonders bei der beruflich nicht tätigen Frau liegt die Zeiteinteilung tn ihrem Wollen. Wenn Frauen stundenlang Zeit für sportliche Hebungen, für Kaffeegesellschaften und für die Pflege aller möglichen Interessen erübrigen, so ließen sich auch allwöchentlich einige Stunden für den Besuch des Gottesdienstes freihalten. Biel mehr noch als der Zeitmangel steht dem Besuch des Gottesdienstes ein anderes Hindernis entgegen, über das einmal in aller Offenheit gesprochen werden soll. So unverständlich es auch scheinen mag, es hat sich der Gedanke verbreitet, daß eZ eines modernen, aufgeklärten Menschen nicht würdig ist, das Gotteshaus aufzusuchen. Man möchte nicht als frömmelnde Betschwester gewertet werden. Dieser Anschauung gemäß bandeln auch viele Frauen im Widerspruch zu ihrem innersten Fühlen. Ich kenne gerade liberale Frauen mit einem sehr zarten und feinen religiösen Empfinden, mit einer starken Gemütstiefe, bei denen alle Vorbedingungen für ein Andachtsempfinöen vorhanden wären. Und dennoch bleiben sie dem Gottesdienst fern, weil sie glauben, sich in ihrem gesellschaftlichen. Kreis ihres religiösen Empfindens wegen schämen zu müssen. Nur ein kleiner Kreis liberaler Frauen kann mjt Recht darauf verweisen, daß sie wieder und wieder vergeblich bemüht gewesen sind, dem Gottesdienst innerlich nähezukommen. Und wenn sie trotz alledem im Gotteshaus tttajt die innere Erhebung finden, die sie dort suchen, wenn sie sich dort nicht heimisch fühlen können, so ist wohl ein schwerwiegender Grund in der Unkenntnis der Gebete zu frühen. Gerade die liberale Frau betritt das Gotteshaus mit einer heiligen Scheu, einer tiefen Ehrfurcht vor der Heiligkeit des Ortes, mit einer religiösen Aufnahmebereitschaft, die oft viel inniger ist als die der orthodoxen Frau. B^nn die liberale Frau in das Gotteshaus geht, so geschieht es nicht aus Gewohnheit und Brauch, sondern aus religiösem Antrieb. Der katholische Gottesdienst mit seiner Mystik vermag wohl in dem Besucher des Gotteshauses eine heilige Stimmung auszulösen, auch ohne Kenntnis der Gebetssprache. Unser jüdischer Gottesdienst, der so stark den Begriff „Gemeinde" betont, setzt Kenntnis seines Inhalts als Selbstverständlichkeit voraus. Und diese Eigenart darf thm nicht genommen werden, ohne ihm ein charakteristisches Merkzeichen zu rauben. Darum muß die liberale Frau, um innerlich am Gottesdienst teilnehmen zu können, .hebräisch lesen können, die Gebete übersetzen können, mit btt Gebetordnung und dem Gedankeninhalt der Gebete vertraut sein. Niemand darf unserm Gottesdienst einen Vor- .murs machen, wenn er durch mangelnde Vertrautheit mit ' dem jüdischen Schrifttum sich selbst zum Outsider macht. Je 'mehr Liebe wir in eine Sache hineinlegen, desto wertoller wird sie uns. Ein ernsthaftes Hineinvcrsenken in unsere ^jüdischen Gebete wird der jüdischen Frau zeigen, welch ein Gemütsreichtum aus dem Gottesdienst zu schöpfen ist. Aufgabe jüdischer Frauenvereinc und sonstiger Institutionen (st es, dem ernsten Willen jüdischer Frauen zur Rückkehr in das Judentum den Weg zu ebnen, durch Kurse und Arbeitsgemeinschaften Gelegenheit zur Erlernung des elementarsten jüdischen Wissens zu schaffen. Mit Geduld und Liebe immer wieder Wege suchen, die Frau passiv am Gottesdi-enst zu beteiligen, ist das Nächstliegende Ziel, dessen Erreichung erst zu weiteren Zukunftsplänen berechtigt. Jüdische Frauen, die im sozialen, im geistigen, im gesellschaftlichen Leben führend sind, sie könnten ihrer jüdischen Gemeinschaft, für die sie oft mit so viel Hingabe arbeiten, einen unendlichen Dienst erweisen, wenn sie selbst den Weg in' das Gotteshaus zurücksuchen, wenn sie ihren Einfluß darauf verwenden würden, die jüdischen Frauen wieder dem jüdischen Gottesdienst und somit dem Judentum zuzuführen. Früher war die stärkste Quelle jüdischen Lebens die Familie. Im jüdischen Hause wurde der Funke jüdischer Begeisterung entzündet und von dort in die Allgemeinheit getragen. Heute ist es umgekehrt. Im jüdischen Hause ist das Feuer jüdischer Begeisterung erloschen. Witt die jüdische Frau es neu zünden, 'so muß sie cs aus dem gottesdienstlichen jüdischen Leben wieder in ihr Haus zurücktragen. Das jüdische Gotteshaus kann aber wiederum nur jüdische Impulse geben, wenn in ihm jüdisches Leben herrscht. Es fühle daher jede jüdische Frau eine heilige Verantwortung, am GoteSdienst tetlzunehmen. Es sage niemand, auf mich kommt es nicht an, was leiste ich mit meiner bloßen Anwesenheit? Da die Masse sich aus Einzelwesen zusammensetzt und die Suggestivkraft der Masie eine außerordentlich Üroße ist, ruht auf jedem Einzelnen die Verpflichtung, dazu beizutragen. unserer Synagoge durch eine große Beterschar Stimmung zu geben. Diese passive Anteilnahme der Frau am Gottesdienst zu erreichen, ist allein schon eine gar nicht ernst genug zu nehmende Aufgabe. Darüber hinaus gibt «S aber auch schon beute Betätigungsgebiete für die jüdische Frau, die sie in einen engeren Konnex mit dem gottesdienstlichen Leben bringen kann. Die Frau mit ihrem angeborenen Sinn für Schönheit, mit ihrem Sinn für Stimmung schaffende Momente kann Einfluß auf die äußere Gestaltung des Gotteshauses suchen. Am Schwuothfeste sind unsere Synagogen mit frischem Grün geschmückt, von uninteressierter Hand eines bezahlten Gärtners, jahraus, kahrein in gleicher Form, oft dürftig und sparsam,' nur um der Sitte zu genügen. Wäre es nicht eine schöne Frauen, aufgabe, selbst bei diesem Schmuck Hand mit anzulegen? Frauen beweisen oft so viel Schönheitssinn bei der Ansgestaltung eines häuslichen Festes. Vielleicht lenken sie einmal ihre Phantasie in jene Richtung, die dem Gotteshause einen neuen und schönen Schmuck verleihen kann. Ich glaube, das Schwuothfest würde durch diese äußere Beterligung auch an innerer Anteilnahme gewinnen. Ueberall wo eine Gemeindesukkoth ist. trifft das Gleiche für das Sukkothfest zu. Wo Menschen sich mühen, einem Feste äußeren Schmuck zu schassen, stellt sich auch Festesstimmung ein, sie vertiefen sich in seinen Gedankeninhalt. Eine alte, jüdische Frauenaufgabe war es. für den Schmuck des Thoraschrankes, der Thorarolle zu sorgen. Heute fehlt in vielen liberalen Synagogen jedwedes Zeichen eines liebevollen Interesses der Gemeindemitglieder,' darum wirken viele liberalen Synagogen oft so kalt und lieblos. Die Vorhänge der Lade sind nach einem bestimmten Schema gefertigt, nur unterschieden durch den dafür angelegten Preis. Jüdische Frauen könnten dafür sorgen, daß unsere Synagogen wieder stolz auf die Vielfältigkeit ihres Thoraschmuckes sein könnten, daß die Schönheit und Reichhaltigkeit der Vorhänge ein stolzer Beweis für das Jntereste der Frauen sind. Wir Menschen müsien in eine Sache von unserm persönlichen Denken und Können etwas htneinlegen, damit sie uns wertvoll wird, damit wir innerlich beteiligt sind Die jüdische Frau muß sich zum Gottesdienst hingehörig fühlen lernen, damit sie bei den religiösen Höhepunkten im Leben sich nicht dort, wo sie Weihestunden empfangen sott, fremd fühlt. Wohl die liberalste Mutter ist am Barmizwahtage ihres Sohnes innerlich bewegt. Sie möchte für ihr Kind alles Gute und Schöne herabflehen, sie möchte, daß der Moment, da es zum ersten Male zur Thora tritt, einen unauslöschlichen Eindruck ans ihn macht. Und doch muß so vielen Eltern das Gefühl, ihr Kind au einen Ort geführt zu haben, an dem sie sich selbst beimisch fühlen, abgehen. Bedrückt durch die Fremdheit des Ortes, scheu und unsicher kann man so manche Mutter und auch manchen Vater am Barmizwahtage ihres Kindes sehen. Und aus der Weihestunde wird eine Stunde bedrückten Zwanges. So kommt es, daß mehr und mehr in liberalen Häusern alles Gewicht aus die häusliche Feier, die sich so wenig von jeder anderen Festlichkeit unterscheidet, gelegt wird, daß die religiöse Feier immer mehr in den Hintergrund tritt. Man sieht heute Barmizwahfeiern. wo der häusliche Gratulationsbesuch eine so starke Menschenmenge aufmeist, daß sie jeder Synagoge zur Ehre gereichen würde. Und die religiöse Feier, die den Höhepunkt bilden soll, spielt sich vor einem winzigen Kreis nächster Anverrvandter und den spärlich erschienenen üblichen Synagogenbesuchern ab. Was nützt da alles Mühen der Lehrer und der Rabbiner, einem Kinde die Bedeutung der Stunde nahezubringen? Jüdische Mütter sollten sich sagen, daß sie auch hier mit einem winzig kleinen Zeitopfer Wandel schaffen könnten, daß sie auch hier so unendlich viel .zur Belebung indischen Gottesdienstes beitragen könnten. Wir sehen an diesen wenigen, wahllos herausgegriffenen Beispielen, die sich bei einem Versenken in den Gegenstand sicher um viele vermehren lassen, daß es auch heute nicht an Betätigungsmöglichkeiien für den jüdischen Willen der liberalen Frau feblt. Hier sollte die Arbeit einsetzen, sie sollte mit dem Bestreben beginnen, eine geschlossene Masse am gottesdienstlichen Leben interessierter Frauen zu schaffen. Dann würde es sich von selbst ergeben, daß liberale Frauen schöpferisch an der weiteren Ausgestaltung des Gottesdienstes Mitwirken. Führerinnen, die Forderungen stellen, müssen Menschen hinter sich haben, um derentwillen sie fordern. Gegenwärtig gleichen die neuerhobenen Forderungen dem Ban eines Hauses, das mit dem Errichten des Daches begonnen werden soll, ohne daß ein Fundament und stützende Mauern vorhanden sind. > Else Cohn, Leipzig. Aus den Gemeinden Berlin. (Vom Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden.) Am 14. November trat zum erstenmal der Rechtsausschuß des Preußischen Landesverbandes unter dem Vorsitz von Dr. Freund-Berlin zusammen. Es wurden zunächst die zur Konstituierung des Ausschusses erforderlichen Wahlen vorgenommen, und zwar wurden zum 1. Stellvertreter des Vorsitzenden Rechtsanwalt Dr. Klee- Berlin, zum 2. Stellvertreter Senatspräsident Stern-Berlin gewählt, zum Schriftführer Fräulein Polizeirat Dr. Mosse- Berlin, zum stellvertretenden Schriftführer Rechtsanwalt Dr. Wiener. Zur Ausarbeitung einer allgemeinen Geschäftsordnung für die Ausschüsse des Landesverbandes wird eine Kommission, bestehend aus Landgerichtsrat Stern, Landgerichtsrat Rau und Rechtsanwalt Dr. Wiener, eingesetzt. — Es findet eine längere grundsätzliche Aussprache über die Revision der preußischen Judengesetzgebung statt. In die Spezialdebatte soll erst eingetreten werden, wenn die öffentliche Diskussion, die ans Beschluß des Großen Rates über diese Fragen herbeigeführt werden soll, beendet ist. Da wiederholt an den Landesverband Gemeinden mit dem Ersuchen herangetreten sind, ihnen ein Normalstatut zur Verfügung zu stellen, stand der Entwurf eines solchen auf der Tagesordnung. Auf Grund zweier Entwürfe (eines für mittlere, eines für kleine Gemeinden) fand eine eingehende Durchberatung eines solchen Statuts statt. Eine Kommission, bestehend aus Dr. Freund, Justizrat Lilienthal, Rechtsanwalt Dr. Wiener, Landgerichtsrat Rau und Dr. Masse, wird zur endgültigen Festsetzung des Normalstatuts eingesetzt: eö werden ihr Richtlinien für ihre Arbeit gegeben. Die Frage, inwieweit bei einer Revision des Allgemeinen Deutschen Strafgesetzbuches jüdische Jntercffen geltend zu machen sind, beschäftigt den Ausschuß. Eine Eingabe des Landesverbandes ist bereits an bas Neichsjustizministerium gerichtet worden, desgleichen solche des Centralvereins. Beide werden «besprochen. Die Angelegenheit wird auch auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung gesetzt. Im Augenblick sollen weitere Schritte in der Angelegenheit nicht unternommen werden. Eine Anregung Fleischer-Schncidemühl, den Berbandstag viermal im Jahre zusammentreten zu lassen, wird abgelehnt, die übrigen Anregungen werden dem Rechtsausschuß für eine kommende generelle Aenderung der Verfassung des Landesverbandes als Material überwiesen. — Verschiedene Rechtsfragen werden beraten, so die Frage des Wiedereintritts tn eine Synagogengemeinde, die der Haftung einzelner Mitglieder einer in der Auflösung begriffenen Synagogengemeinde für die Verbindlichkeiten der Gemeinde und der Möglichkeit, daß der Landesverband in die vermögensrechtltchen Rechte und Pflichten einer derartigen Gemeinde eintritt, die Frage der Forensenvesteuerung, der gleichzeitigen Besteuerung eines Juden in verschiedenen Gemeinden, der Verpflichtung jüdischer Grundbesitzer, >u den Kirchensteuern beizutragen, die Frage, ob -aß Amt eines Synagogengemeindevorstehers ein öffentliches ist und ob die Wahl eines Ausländers zulässig ist, die Frage, ob eine jüdische Gemeinde zur Beisetzung von Urnen auf dem jüdischen Friedhof gesetzlich verpflichtet ist u. a. m. Berlin. (Zum Ableben von Joseph Schwarz.) Hier verstarb der weltberühmte Bariton Joseph Schwarz im Sanatorium des Pros. Dr. Unger an den Folgen einer Nierenoperation. Die Beisetzung erfolgte auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee. Lange vor Beginn der Feier hatten sich unzählige Tranergäste eingefun'den, die die Neue Halle belagerten, um noch Einläß zu finden. Der Andrang war so stark, daß sich die Friodhofsbeamten als machtlos erwiesen, und daß selbst prominente Persönlichkeiten, die dem verstorbenen Künstler sehr nahestanden, nicht in die Halle gelangten. Die Wege, die zu der Gruft führten, waren gleichfalls von einer nach mehreren Tausenden, zählenden Menschenmenge umlagert. Unter den Leidtragenden, die in der Halle Platz gefunden hatten, sah man neben der Witwe und dem greisen Vater des Verstorbenen, prominente Vertreter der Berliner Kunst- und Theaterwelt. Rabbiner Dr. Weiße schilderte die Entwicklung des Künstlers aus bescheidenen Verhältnissen heraus zu großer Weltberühmtheit, betonte seine tiefe innere Religiosität und seine wahrhaft menschliche Güte. Dann sprachen Präsident Wallauer für die Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger und Intendant Professor Hoerth für die SkaatStheater. Oberkantor Ahlbeck mit dem Synagogenchor Lützowstraße, der Chor der Staatsoper, von Michael Raucheisen am Harmonium begleitet, umrahmten die Trauerfeier. Joseph Schwarz wurde 1880 als der älteste Sohn eines armen jüdischen Schneidermeisters geboren. Nach ihm kamen noch acht Kinder. Schon mit acht Jahren trat er in den Chor des Kantors und Komponisten Rosowski ein und zog bald die Aufmerksamkeit der Gesangskenner auf sich. Es fanden sich einige bemittelte jüdische Bürger, die für seine Ausbildung sorgten. Mit 19 Jahren wurde er an das Stern-Konservatorium nach Berlin gesandt. Er wurde dann vom Direktor der Breslauer Oper, Theodor Löwe, entdeckt, der ihm den Weg zu seiner Berühmtheit ebnete. Mit 18 Jahren trat Schwarz an der Rigaer Oper aus. Von da an gewann sein Name in ganz Rußland Klang. Kurz darauf trat er an der Kaiserlichen Oper zu Petersburg in der Oper „Demont" in der Titelrolle auf und weckte großen Enthusiasmus. Er erhielt sofort einen sehr schmeichelhaften Engagementsantrag. der aber die Bedingung enthielt, daß er sich, wenn auch zum Schein, taufen lassen solle, da Juden an den Königlichen Theatern offiziell nicht beschäftigt werden dürfen. Schwarz lehnte dieses Ansinnen entschieden ab und ging nach Wien, zunächst au die Bolksoper, dann an die Hof-Oper, und dort begann seine Weltgeltung. Später wurde er auf den persönlichen Wunsch Kaiser Wilhelms H. an das Berliner Königliche Opernhaus engagiert. Er heiratete daun die amerikanische Millionärin und Philantropin Iran Clara Silken und teilte von da ab seine Wirksamkeit zwischen Berlin und New Aork. Stets hielt er die engste Verbindung mit seiner Familie aufrecht. Berlin. (A m t s j u b i l ä u m v o n O b e r k a n t o r N e ust a d t.) Am 21. November begeht der Oberkantor der Synagoge Lindenstraße sein 29jähriges Amtsjubiläum im Dienste der Jüdischen Gemeinde. Einem Hause entstammend, in dem von jeher inniges häusliches Leben und tiefe Religiosität eine Stätte gehabt haben, gehört Neustadt zu den Kantoren, die von der Pieke auf gedient haben. Früh, bereits als Chorknabe, in der Synagoge seiner Vaterstadt RawitW r (Posen) sich betätigend, erweckte er dabei die besondere Aufmerksamkeit des dortigen Rabbiners Dr. Löb sowie des" rühmlichst bekannten CHasans Jisroel Berliner. Auf beider Veranlassung latte er in der Folgezeit, kaum den Knabenjahren entwachsen, wiederholt Gelegenheit, selber am „Omud" vor der Gemeinde zu stehen. Eine kurze Episode will den Jüngling anscheinend dem Kaufmannsstande Anfuhren. Doch wird entscheidend für seine weitere Laufbahn seine Mitwirkung im Chore der Breslauer ,-§torch- Synagoge", wo ebenfalls bald das Interesse bedeutender Fachleute, so Deutschs. Sipiros und - Rosenthals, sich ihm zmvendet. Es werden aber die eigentlichen Beziehungen zum Kantorat erst in Berlin fester geknüpft, um dauernde zu bleiben: und zwar infolge Einflusses Abraham Rosenthals-Berlin und Aron Friodmanns. Bald erhält der am Sternschen Konservatorium unter Rotmühl u. a. eifrig Gesangsstudien Betreibende den Posten Stabinskis an der Privatgemeinde „Ahawas scholaum", um im Oktober 1900 zunächst als zweiter und nach dem Tode Drogoschins — als erster Kantor an der Synagoge Lindenstraße angestellt zu werden. Hier ausschließlich und ohne Unterbrechung tätig, ist er stets bestrebt gewesen, an der i d e a l e n A u s g e - staltung des Gottesdienstes mitzuarbeiten, vornehmlich durch jene Art kantoralen Gesanges, die Traditionelles und Neuzeitliches glücklich miteinander zu verbinden sucht. Wie er zu den Mitbegründern und Förderern des Vereins Synagoge Lindenstraße gehört, so hat Neustadt auch in den Organisationen seiner Fachgenossen wiederholt an führendem Platze gestanden. Möge ihm ein noch langes, ungetrübtes, segensreiches Wirken beschiedeu sein. Berlin. (Jüdische Mitglieder der Dichterakademie.) Vor 14 Tagen traten die fünf vom Ministerium berufenen Mitglieder der neuen Dichter-Sektion in der Akademie der Künste zusammen, um sich durch Zuwahl zu ergänzen. Unter diesen fünf Dichter-Akademikern ist einer Jude: Ludwig Fulda. Nunmehr ist die Dichter-Akademie durch Zuwahl komplett geworden. Es wurden sechs Berliner und zwölf auswärtige Mitglieder hinzngewählt. Unter den auswärtigen Mitgliedern sind drei Juden: Arthur Schnitzler. Jakob Wassermann und Franz Werfel. Berlin. (PsalmenaufführungiuderSynagoge Fas au>e n st raß e.) Am Sonntag, dem 28. November, mittags 12 Uhr, findet in der Synagoge Fasanenstraße eine Psalmenaufführnng statt. Mitwirkende: der verstärkte Chor unter Leitung seines Dirigenten Theodor Schönberger, Cida Lau und Magnus Davidsohn (Gesang), Margarete Hopf-Geidel (Harfe), Richard Altmann (Orgel). Werke von Händel, Mozart. Schildert. Mendelssohn. Liszt sowie Synagogenkompositionen von Sulzer, Lewandowski und Kopf mit Psalmentexten gelangen zur Ausführung. Um möglichst weiten Kreisen die Teilnahme an der Veranstaltung zu ermöglichen, werden Karten zu 1 Mark auSgegeben. Nur die Plätze der ersten Reihen des unteren Mittelschiffes werden mit 2 Mark berechnet. Der Reinertrag wird zn wohltätigen Zwecken verwendet. Vorverkauf in den Theaterkassen von Ttetz sowie bei dem Kastellan der Synagoge. Telephonische Bestellungen: Norden 2189. Berlin. (Vom Institutum Judaicum.) Das Institutum Judaicum an der Universität Berlin veranstaltet auch in diesem Winter wieder eine Reihe von fünf Gastvorträgen unter dem Thema: „Gestalten und Gestaltung des modernen Judentums". Der erste Bortrag hat bereits am 28. Oktober stattgefunden. Der Direktor des Instituts, Herr Professor v. Dr. G r e ß m a n n, leitete ihn mit einer Begrüßung ein. in der er «Ehrte, daß die Referate das Ziel verfolgten, weiteren Kreisen in durchaus sachlicher Weise das Judentum in seiner historischen Gestattung vor