Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 46 (12.11.1926)
- Date
- 1926-11-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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8. Jahrgang Nummer 46 IWchÄeMMmg Beilage 12. November 1926 30. Jubiläum des K.L. Der K.C. (Kartellkonvent der Verbindung deutscher Studenten indischen Glaubens) hielt seine diesjährige BerbandStagnna in Breslau ab, die ihre besondere Prägung durch daS dreifache Jubiläum, des 30jährigen Bestehens -es Verbandes, der 40. Wiederkehr des Grtindungstages der ältesten K.C.» Berbtnönng Biadrina und des 25. Stiftungsfestes der Breslauer Verbindung „Thuringia" erhielt. Aus allen Teilen des Reiches kamen die Angehörigen des Verbandes von den ältesten bis zu den jüngsten Semestern nach Breslau, nm gemeinsam mit den alten Freunden und Kampfgenossen den Tag würdig zu begehen. Diese Feier kann aber Anspruch darauf erheben, nicht nur als internes Familienfest -es K.C. gewertet zu werden sondern in der ganzen jüdischen Oefsentlichkeit beachtet zu werden. Gilt sie doch der Begründung einer Weltanschauung, die die politische Idee des deutschen Judentums entscheidend beeinflußt und zur Gründung des ^eMralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens geführt hat. Die Tagung brachte neben den eigentlichen Arbeitssitznngen eine Reihe wirkungsvoller gesellschaftlicher und repräsentativer Veranstaltungen. Ein großer Festkonrmcrü leitete sie ein. Es rvar ein farbenfrohes Bild echt studentischer Geselligkeit und eine machtvolle Demonstration der Stärke und Bedeutung des Verbandes, als die mehr als 40 Chargierten der 17 K.C.-Korporationen und die Vertreter der befreundeten studentischen Verbindungen in den Saal cinzogen. stürmisch begrüßt von den an vier riesigen Kneiptafeln untergebrachten 1500 Teilnehmern und dem Damenflor aus der Galerie. Unter den Gästen sah man «ine ganze Reihe prominenter Persönlichkeiten Breslaus, unter anderen den Regierungspräsidenten Dr. Jaenicke, den Rektor der Universität. Geh. Rat Kornemann. den Landtagsabgeordnetcn Hermann. Pastor Moehring und viele, viele andere. Der von cand. iur. Wcißcnbcrg schneidig und würdig geleitete Kommers begann nach alter Tradition mit einem donnernden Salamander auf das deutsche Vaterland, der von dem Vorsitzenden des A.H. Thuringia. Landgcrichtsral Dr. Rosenthal. Breslau, kommandiert wurde. Der Redner betonte unter dem Beifall der Versammlung mit Nachdruck, daß die traurigen Erfahrungen der letzten Jahre den deutschen Juden nicht ihre Liebe zum deutschen Vaterland aus dem Herzen reißen könnten. Er gedachte -er gefallenen Bundes- und Kartellbrüder und widmete ihnen warme Worte der Erinnerung. Der Gesang des Deutschlandliedes schloß sich an. Dann nahm Rechtsanwalt Dr. Walter Kochmann das Wort zu der eigentlichen Tendenzrede. Er ging von der Entstehung des Verbandes aus. bezeichnet? es als ein Hauptverdienst der „Biadrina". seiner ersten Verbindung, das Trägheitsmoment der Masse überwunden und die deutschen Juden zu energischer Abwehr des Antisemitismus mobilisiert zu haben Bis zum Kriege verlief die Enimicklung der K.C.-Verbindungcn recht aussichtsreich, der Kampf führt immer mehr und mehr zu praktischen Erfolgen, insbesondere besserte sich das ursprünglich so schlechte Verhältnis zu den anderen Korporationen und ihren Mitgliedern von Jahr zu Jahr. Es bildeten sich fast überall durchaus korrekte, teilweise auch freundschaftliche Verhältnisse zu den Parteien heraus. Alle Ansätze in dieser Richtung wurden durch den Krieg zerstört, an einen Neuaufbau dieser Beziehungen mutzte nach der Beendigung des Krieges heran» gegangen werden. Durch den Einzug der völkischen Welratzschauung auf den Hochschulen wurde dem K.C. die so erfolgreich geführte Waffe aus der Hand geschlagen, das Mittel des studentischen Ehrenschutzes, die Satisfaktion, wurde seinen Angehörigen verweigert. Die bisherigen Waffen mußten deshalb durch andere ergänzt werden, politische Schulung und sportliche Erziehung traten neben der Ausbildung in dem auch weiterhin geführten Säbel in den Vordergrund der K.C.-Arbeit. Trotzdem dürften die Verhältnisse im akademischen Leben nicht zu skeptisch beurteilt werden, man müsse auf bessere Zeiten hoffen und mit Einsatz aller Kräfte an ihrer Herbeiführung Mitarbeiten. Selbstverständlich sei für die K.C.er die Treue zur jüdischen Religion und die durch nichts zu beirrende Liebe zum Vaterland. Für den durch eine plötzliche Erkrankung am Erscheinen verhinderten Reichstagsabgeordneten Dr. Ludwig Haas, der A.H. einer K.C-Verbinöung ist. ergriff dann, von der großen Versammlung begeistert ausgenommen. Dr. Ludwig Holländer daS Wort, der nun schon seit Dezennien der geistige Führer des Verbandes ist. Er behandelte die Trggik. in welcher der jüdische Student unserer Tage lebt, wenn er für Glauben und Heimat, für Vaterland und Freiheit eintritt. Von einem Wort Spinozas ausgehend, daß man sich in dem Streben nach Klarheit und innerem Frieden um Erkenntnis bemühen müsse und nicht nur in leeren Klagen ergehen dürfe, legte Holländer die Unterschiede in der geistigen Fundierung deakademischen Judenhasses vor und nach dem Kriege klar. Bor dem Kriege sah man in den jüdischen Akademikern Emporkömmlinge, die zn schnell emporgestiegen waren, man betrachtete sie als Fremdlinge in der studentischen Welt und bekämpfte fie deshalb. Obwohl der K.C. ungeheure Blutvpfer dem Vaterlande dargebracht bat. erleben wir es heute, daß nach dem Kriege die deutschen Juden als Kriegöverräter. alS minderwertig und landfremd hingestellt werden. Die Folgen dieser Verhetzung sind erschreckend. Was soll man dazu sagen, wenn ernsthafte Männer Fragen diskutieren, wie sie neulich monatelang den V.C. der Turnerschaften beschäftigten. wo es sich darum handelte, ob ein Bundesbruder, der, wie allgemein anerkannt wurde, einer der schneidigsten Fechter und tüchtigsten Sportsleute im ganzen Verbände ist. noch weiter das dreifarbige Band tragen kann, nachdem sich längst nach seiner Aufnahme herausgestellt hat. daß unter seinen Ahnen auch solche jüdischen Blutes sind. Mit flammenden Worten mahnte der Redner die jungen jüdischen Studenten, standhaft zu bleiben im Kampfe um die Selbstbehauptung. in der Ueberzeugung. daß Glaube. Ehre und Vaterland dem K.C.er das Recht geben, die bunte Mütze als Symbol der Gleichberechtigung zu tragen. Es müsie auZgehalten werden, bis die Verhältnisse an den Universitäten sich besser« und der gesamten Akademikerschaft das Gefühl einer von Freiheit. Ehre und Vaterland getragenen wahren „Hmnanitas aufginge. Der Redner schloß mit dem Worte Jakob Löwen- Lergs: „Wir sind ein alter Stamm, wir können warten.' Und er legte anschließend daran das Bekenntnis ab, daß die deutschen Juden trotz allem auch weiter warten werden: die Liebe zum Vaterland wird ihnen die Kraft dazu geben. Den Höhepunkt des Abends bildeten die Ausführungen deS Regierungspräsidenten Dr. Jaenicke. Breslau, der Worte fand, wie sie die deutschen Juden von offizieller und offiziöser Seite leider nicht allzu oft hören können. Er betonte mit Nachdruck, daß er sich jederzeit in die vordersten Reihen des Avmpfes gegen den Anttsemitismus stellen werde, den schon Kaiser Friedrich die Schmach des Jahrhunderts genannt bat. Den abscheulichen Luxus inneren Haders könne sich kein Bolk weniger leisten als das deutsche. Er sei sich der schweren Verantwortung bewußt, die ihn in seiner Stellung verpflichte, keine Müde zu scheuen, um alle Schichten -er Bevölkerung miteinander auszusöhnen und einer Hetze entgegenzuwirkerr. die in ihrer ganzen Art nnd Weise an das finsterste Mittelalter gemahnt. Gerade hier im Osten könne man der antisemitischen Agitatton mit einem guten Argument den Boden abgraben, indem man darauf htnweist. daß die Deutschen jüdischen Glaubens in den uns entrissene« Gebieten, namentlich in Posen und Polnisch^Oberschlesien zu den Hauptstützen der deuttcheu Minderheiten gehören, und eS daher absolut unrichtig sei. zu behaupten, daß das Judentum allgemein die Stellung -es Deutschtums untergrabe. In seiner Praxis habe er die Erfahrung gemacht, daß sich im persönlichen Verkehr, im gegenseitigen Kennerilernen bet Versammlungen und Konferenzen oft scharfe Gegensätze abschleifen. wett der Haß meist nur auf einer bodenlosen Unkenntnis beruhe. Er betrachte eS daher als seine vornehmste Pflicht. Menschen aller Kreise und aller Schichten zusammen» zuführen. um ihnen Gelegenheit zu gegenseitigem Kennenlernen, zum Verständnis anders Denkender zu geben. Manch schöner Erfolg sei bereits auf diese Weise erreicht worden. Der Regierungspräsident richtete weiter einen zündenden Appell an die jüdischen Studenten, insbesondere an die K.C.er, indem er ihnen zurief: „Lassen Sie sich nicht irre, machen durch die Wellen des Ihnen entgegenschlagenden Hasses, in der Befolgung der Ideale, die den geistigen Gehalt Ihres Verbandes ausmachen und stehen Sie treu zu ihm. Sondern Sie sich von Ihren christlichen Komilitonen nicht ab. sondern gehen Sie hinein in alle Organisationen, die Sie mit christlichen Studenten zusammenführen können, und versuchen Sie. in aktiver Mitarbeit Ihren christlichen Komilitonen näherzutreten. Beteiligen Sie sich insbesondere an den Arbeiten der studentischen Selbstverwaltungskörper, wie dies in einem Artikel verlangt wird, den die letzte Nummer der C.-B.-Zeitung unter der Ueberschrist: „Hinein in die studentische Selbstverwaltung" bringt, der mir aus der Seele gesprochen ist. Schreiten Sie stolz auf dem einmal eingeschlagenen Wege fort, und halten Sie heut und immer an den Idealen Ihrer Studentenzeit fest. In einem „Vivat, creosat, lloreat der K.C." ließ der Redner seine Ansprache ausklingen. Begeisterter Beifall dankte ihm für die warmherzigen. von so autorattver Seite besonders wertvollen Worte. Dann sprach der Rektor der Schles. Friedrich-Wilhelm- Univerntät. <yeh. Rat Kornemann, dessen Erscheinen lebhaft begrüßt wurde, da es leider nicht allzu oft vorkommt, daß die Spitzen der Universitätsbehörden den Einladungen zu K.C.-Beranstaltungen Folge leisten. Geh. Rat. Kornemann betonte mit Nachdruck, daß er gewillt sei, während seiner Amtsführung keinen Unterschied zwischen den ihn anvertrauten Studierenden, welcher Konfession sie auch angehören, zn machen. Die Korporationen seien für die Universität eine Notwendigkeit, sic seien eine Schule für Willensbildung und Zucht und ergänzten so die Arbeit öer akademischen Lehrer. Das Leben sei nun einmal ein Kampf, und der Student solle gestählt zu Leben und Leiden hinauSziehen. Deshalb erfülle es ihn als Korporaüonsstudenten von altem Schlage mit aufrichtiger Freude, in den K.C.er» ein kampsgestühltes Geschlecht vor sich zu sehen, das sich bemühe, die beste Traditionen des deutschen KorporationsstudententunS: Unterordnung, Selbstzucht und Kampfesmut treu zu wahren. Ganz besonders gefalle ihm der Wahlspruch der Thuringia: „blemmem time, neminem Isecks." Gr erinnere im ersten Teil an das Bismarckwort: .Wir Deutsche fürchten Gott, sonst nichts in der Welt," ein Wahlspruch, der für den Kampf des K.C. besonders geeignet erscheine, der zweite Teil aber mahne daran, baß Toleranz, gegen die Ueberzeugung anderer zu üben, unsere vornehmste Pflicht sei. Die Rede klang aus in einem Vivat, erescat, floreat der K.C. und der Thuringia. Es folgten eine Reihe Ansprachen befreundeter studentischer Korporationen und Breslauer lokaler Organisationen. So sprachen Dr. Ernst Fraenkel für die alte Herrenschaft Thuringia. Dr. Peritz, Breslau, als ältester Viaürine: Rechtsanwalt Darnowski sprach für de« C.V.. Dozent Dr. Levkowitz für das Seminar und den Zweckverband Breslauer Logen. Justtzrat Hirschberg überbrachte die Glückwünsche der jüdischen Gevreindc. Die Berohrung der jungen K.C.er für die alten Kämpen des Verbandes brachte Referendar Lennhoff. Berlin, zum Ausdruck. Der nächste Taa brachte die eigentlichen Arbeitssitzungen, deren Ergebnisse im wesentlichen nur ein internes Verbandsinteresse beanspruchen können. .Hervorzuheben ist, daß der K.C. seinen Mitgliedern die Zugehörigkeit zu einer jüdischen Gemeinde zur Pflicht macht und sie im Falle des Austritts zwingt, die Motive dieses Schrittes klarzustellen, damit festgestellt werden kann, ob ne mit den Grundprinzipien des Verbandes noch vereinbar sind. Das Fechten im Verbände wird auch weiter gestattet, das bisherige Provisorium verlängert. Der K.C.-Tag beschäftigte sich weiter aus Grund eines Referates des K.C.-Redakteurs Dr. Berlak ausführlich mit den Fragen der Hochschulpolitik, in der der Verband aus der Seite der studentischen Minderheiten seit Jahren führend tätig ist. Eine Reihe von Richtlinien wurde für die hochschulpolitischen Arbeiten der einzelnen Verbindungen ausgestellt und die Forderungen, die der K.C. für die Ausgestaltung der studentischen Selbstverwaltung sich zu eigen macht, formuliert. Der geschäftsführende Ausschuß wnrdv neu gewählt. Werner Rotenberg. Merl Lallin / von Ir. lut. 3. revu. verv«. Unruhe ist's, was sich Beruhigung schafft, was Freiheit und Gewalt zur Ordnung strafft, um immer kühneren Flugs die Ruhe zu stören. Unruhe heißt die Schöpferkraft. Ein Kaiser neigt sich voc dem jüdischen Manu, der dieses Bölkerfriedenswerk ersann, es neigen sich die Herren Offiziere ... Richard Dehniel im Gedicht „Hafenfeier". Gef. Werke. Band I, Seite 164. Unter den königlichen Kaufteuten des Wilhelminischen Zeitalters steht an erster Stelle nach Geistesschärfe. Willenskraft, Zielbewußtsein nnd Erfolg Albert Ballin. der den Wohlstand und den Ruhm seines Vaterlandes außerordentlich gemehrt hat. Sein Leben ist wie ein Märchen und gibt immer neuen Anlaß zu Abhandlungen und Biographien, vielleicht in Zukunft auch Dichtern Stoff zu Romanen. Die Phantasie brauchte der Wirklichkeit nicht einmal viel nachzuhelfen. Die Tatsachen schon reden eine romantische Sprache. Zwei Männer, die ihm nahegestanden haben, sind eindringende Schilderer feiner Person und seines Werkes geworden: Bernhard Huldermann, der frühere Handelsjournalist, der ein Jahrzehnt lang Ballins Generalsekretär und zuletzt mit ihm Vorstandsmitglied der Hamburg-Amerika-Linie war. der Herausgeber seines schriftlichen Nachlasses. nnd Peter Franz St u b m a n n. von 1608 bis 1918 Syndikus des Vereins Hamburger Rheder, dessen Gründer und Vorsitzender Albert Battin war. Huldermann bat sein umfassendes Buch über den Führer und Meister im Oktober 1921 abaeschloffen. Seine wertvolle Ergänzung erfährt es, mit vielfach neuem Quellenmaterial und treffender Würdigung des Charakters, der Handlungen und Hindernisse, in dem eben erscheinenden Buch Dr. Stubmanns. das jüdische Leser insonderheit durch nähere Mitteilungen über Ballins jüdischen Stammbaum und Treue zum Judentum fesseln wird. „Ein Kaiser neigt sich vor dem jüdischen Mann", singt Richard Dehmel. Und manche Bannerträger der „nordischen Edelrasse" haben darob gegrollt, auch manche Hofschranzen und „Herren Offiziere". In der Tat. ein „jüdischer Mann", der noch dazu aus kleinen Verhältnissen herkam. Zwar Huldermann erzählt, Ballin entstammte einer Familie, von der Mitglieder an der Hand der alten jüdischen Grabsteine und Urkunden vor Jahrhunderten bereits in Frankfurt a. M. nachweisbar seien, später in Paris. Mittel- und Norddeutschland und Dänemark. „In Hamburg und Altona werden sie auch schon im siebzehnten Jahrhundert als wohlhabend und angesehen erwähnt. Schon unter den ersten bekannten Familienmitgliedern sind einige durch Gelehrsamkeit und hohes Ansehen unter ihren Glaubensgenossen ausgezeichnet, svätere durch erfolgreiche Betätigung auf dem Gebiet der Kunst und des Kunsthandwerks, was ihnen die Gunst französischer Könige verschaffte. Die nach Deutschland und Dänemark abgewanderten Zweiae zeichneten sich wiederum durch Gelehrsamkeit und geschäftliche Tätiakeit aus. Klugheit und künstliche Phantasie kann man als Vererbungsprodukt bei Albert Ballin bezeichnen. Sie sind maßgebend für seine geschäftlichen Erfolge gewesen." Aber Stubmann ist im Zweifel, ob die von Huldermann erwähnten Träger des Namens Ballin direkte Vorfahren des Hamburger , waren. „Der Name allein, der nicht so selten ist. wie angenommen werden könnte, darf in dieser Beziehung nicht zu weitgehen, den Schlüssen führen." Ein Bruder deS BaterS fei in dem kleinen dänischen Ort Mölholt Seifensieder gewesen. Der Vater selbst, Sa muel Joel Ball in. war 1804 im dänifcfjttt Hafenvrt Horsens geboren und machte sich Anfang der dreißiger Jahre in Hamburg ansässig. Seine Firma S. Ballin & Co. unterhielt eine Dekatier-Werkstatt. gegen deren Tätigkeit die sogengnnten „Wan-bereiter" Einsvruch erhoben, weil ihre „Gerechtsame" verletzt würden. Die Behörde erklärte jedoch das „Dekatieren" für „eine neue Kunst", die Ballin „frevstehe". Aber bei fünf Reichstalern Strafe wurde ihm die „Wiederberrichtung und Auffrischung getragener Kleiderstücke" verboten, da solche Tätiakeit den ,Wandbereitern" Vorbehalten sei. Zweimal wurde er auch mit zwei Reichstalern, gebüßt, weil er mit „Pressen" von Tuch "jene Gerechtsame verletzt habe. Am 29. November 1836 richtete Samuel Joel Ballin an den Senat eine Eingabe, worin er mitteilte, daß er eine Kate für 9500 Mark Banko gekauft habe und bitte, daß ihm dieses Grundstück, auf dem er zwanzig bis dreißig Arbeiter ' zu beschäftigen gedenke, ausnahmsweise auf eigenen Namen zugcschrieben werde. Ausnahmsweise, denn Juden durften wohl Grundstücke erwerben, aber die Eintragung auf ihren Namen war „nicht verstattet." Sie mutzten als Träger des Vermerks einen Christen stellen, nnd solche Mittels- und Strohmänner wußten gemeinhin dabei gehörigen Profit zu machen. Obwohl nun Ballin sich sogar anheischig machen wollte, „nur Christen als Arbeiter" einzustellen, wurde die Eingabe von „Seiner WohlwciSheit", wie der Senator angeredet wurde, abschlägig beschieden und „erkannt, daß -cm Gesuch des Supplikanten nicht zu deferiercn" sei. „Wenn dieser Senator Merck" sagt Stubmann, ,-hätte ahnen können, daß einer seiner Enkel dereinst in der Direktion der Hamburg-Ameeika-Linie unter Führung aines genialen Sohnes des armen Schächers, der da vor ihm demütig um ein heute natürliches bürgerliches Anrecht bat. an dem gröi> tcn Wirtschaftöuntcrnehmeu Hamburgs aufbaneuö Mitarbeiten sollte!" Die Firma S. Ballin' & Co. blühte trotz der Ablehnung: jenes Gesuchs auf, erhielt die Erlaubnis, eine Wollfärberei. zu betreiben, gewann eine ausgedehnte Kundschaft, da zahlreiche Handelshäuser sich ihrer zum Färben. Pressen und Dekatieren ihrer Tuche und Stoffe bedienten, ging zum Fabrikbetrieb über und arbeitete mit Maschinen. Meistern und Fachpersonal, die aus England herbcigeschafst waren. In Manchester wurde sogar eine Tochterfirma gegründete Und dabei hatte Ballin Vater, wie er von sich selbst berichtete, „fast keine Schulbildung gehabt" und konnte nur dänisch schreiben. Aber alles, was er geschaffen hatte, wurde mit einem Schlage vernichtet an jenem Tage, als Hamburg 1812 von dem großen Brand heimgesucht wurde. Viele der Ballinschen Geschäftsfreunde wurden dadurch zugrunde gerichtet und die Rückwirkung war. daß die Firma S. Ballin & Co. zusammcnbrgch. Ihr Inhaber hat später ihre Schulden bis auf den letzten Rest getilgt. Er gründete zuerst eine neue Firma S. I. Ballin. die den Kohlenhandel betrieb, später mit Samuel Moritz Hirsch zusammen die Firma Morris & Co. mit dem Beinamen „Columbia", ein Geschäft zur Anwerbung und Beförderung von Auswanderern für die transatlanfische Schiffahrt. Nachdem Hirsch ausgeschicdcn war. blieb Ballin alleiniger Inhaber, bis er vierzehn Jahre später einen neuen Teilhaber aufnahm, Wilhelm Wolffsvhn. Das war 1860. Am 17. September 1874 schloß der Vater Albert Ballins „nach mühevollem und, wie es scheint, erfolglosem Lebenskampf" die Augen . .. Was er an Ver-c mögen hinterließ, war sein Anteil an der „eben nicht be- -eutenöen Expedieutenfirma Morris & Co." Er war zweimal verheiratet gewesen, in erster Ehe viermal. in zweiter neunmal Vater. Das dreizehnte Kind, geboren am 15.August 1857. war Albert Ballin. Die Mutter Alberts war die Tochter eines begüterten Handelsmannes Joseph Meyer aus Hamburg, die siebentausend Mark Banko Mitgift erhalten hatte und sie bei der Zahlungseinstellung nach dem großen Brande verlor. Albert erhielt auf einer Privatanstalt wenig mehr als Bolksschulbildung. war schwächlich und anfällig und trat mit siebzehn Jahren als Gehilfe in das väterliche Geschäft ein. dessen Teilhaber er fünf Jahre später wurde. Ihm war die Aufgabe zugefallen, für Mutter und Geschwister zu sorgen. Er widmete sich ihr mir vorbildlichem Eifer, indem er zugleich sein literarisches Wissen und seine Sprachkenntniffe in einem Maße zu erweitern wußte, daß sie nachmals Bewunderung erregten. Und da die beschäfttgtsten Menschen immer am meisten Zeit haben, erlangte er sogar einige Fertigkeit im Cellospiel. Sein Hauptaugenmerk galt allerdings dem Auswanderungsgeschäft. von dessen Bedeutung man sonst in Hamburg noch kaum eine Ahnung hatte. Vermögenslos und ohne einflußreiche Verbindungen, hatte er überdies mit den hergebrachten Vorurteilen zn kämpfen, in der alte« s V 's