Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 46 (12.11.1926)
- Date
- 1926-11-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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% Sprechsaal Judentum und Feuerbestattung. In der „Jüdisch-liberalen Zeitung" Berlin, versuchte vor Mehreren Monaten Else Dormitzer in einem Artikel: „Die Stellung der jüdischen Geistlichkeit zur Feuerbestattung" -arzutun. die jüdische Geistlichkeit habe nichts gegen di« Kremation einzuwenden, um so mehr, als auch die Bibel sich nicht dagegen auSspreche Gin. wie ich glaube, aussichtsloses Beginnen: denn erstens, warum verbietet die jüdische Geistlichkeit dennoch die Leichenverbrennung ganz ausdrücklich? Eben weil sie der Ansicht ist. die Bibel gebe dazu eine wohlbegründete Handhabe. Wenn, zweitens, die betreffenden Stellen nicht einwandfrei klar sind, warum ist die Geistlichkeit dann so einstimmig darüber, -ah die LeicheneinLscherung sündhaft sei? Jeder vernünftigdenkende Mensch wird bedingungsloser Anhänger der Leichenverbrennnng sein: Fortschritt und Hygiene verlangen e8, auch wenn sich die Bibel noch so klar dagegen stemmen sollte. Und meiner Ansicht nach läht sie tatsächlich nicht viel Zweifel übrig. Wüßte man nicht, daß noch biS in neueste Zeit hinein die Kopernikanische Lehre mit dem Hinweis daraus bekämpft wurde, daß Gott im Josnabnche nicht der Erde, sonder» der Sonne gebot stillzustehen: und -ah ein Chemiker wie Beaunis empört war über die Zerlegung der Luft in Sauerstoff und Stickstoff, weil die Bibel nur vier Elemente nennt, darunter eben die Luft usw. — Wüßte man daS nicht alles gut genug, man könnte es für einer! Scherz halten, dah jüdische und katholische Geistliche neben dem Dogma der Auferstehung am jüngsten Tag — darin versteht auch der Talmud s z. B. Traktat Synhedrin*) keinen Spatz — das „Gotteswort" 1. Mose III, 19 ins Treffen führen: ... . . bis Lu zurückkehrst zur Erde, von welcher du genommen bist („Adam" selbst bedeutet „Frucht-erde"!): denn aus Staub (opnor) bist du und zu Staub sollst dn wieder werden!" Dieses „ophor" gleich zerriebene Erde, evtl. Lehm. Scholle (vgl. latein. „Homo" zu „üumus") wird sich kaum je als „Asche" mndeuten lasten. Die Feuerbestattung mag also noch sovi-ele Vorzüge haben, solange die Bibel nicht sagt, man sei aus Asche und müste wieder zu Asche werden — ein an sich naiver Unsinn — solange kann der Bibelgläubig« die Kremation nicht gntheitzen. ebenso wie man im vorigen Jahrhundert das Bestreben amerikanischer Aerzte, die Geiburtswehen durch Anästcsie zu lindern, wütend bekämpfte unter Himvdis auf Vers 16 des- ->elbeu Kapitels, worin das Weib verflucht ward, mit Schmerzen zu gebären. Wie dürfte man den Menschen von göttlichen Verwünschungen befreien:! Unklar wird die Stelle Jcremia 34,5 genannt, wo der Prophet dem König Zedekia Gottes Strafe wegen Neberkretung eines Gesetzes vorauSsagt und ansruft: („Du sollst nicht durchs Schwert sterben), sondern im Frieden noch wirst du dahirrscheiden. Und wie bei den Lcichenbränden. die man für deine Väter, die früheren Könige, die vor dir geherrscht batten, anzündete, so werden sie auch dir (Räncher-werk) verbrennen und .Mehr Herr!" über -ich klagen. Denn ich habe cs geredet, spricht der Herr." Wenn das zn wenig klar ist. dann vergleiche man dazu 2. Chron. XVI. 14 über einen anderen Versündigten König namens Asa: „Und man begrub ihn in seinem Grabe (!), das er sich hatte graben lassen in der Stadt Davids. Und sie legten ih» auf sein Lager, welches man gefüllt hatte mit guten Spezereien und Räucherwerk, verfertigt nach -er Kunst des Sabbenbereiters und machen ihm einen sehr grotzen Mrand." Es han-elt sich also hier um ein Räucheropfer, das heilig rvä'r und zur Läuterung Versündigter vor Gott dargebracht wurde. Vgl. dazu 2. Moses XXX, W und 16: . . und mache ein Räucherwerk daraus, nach der Kunst des Salbenbereiters hr-- -■ ■— *) 11. Kap.. Mischna I: . . Folgende aber haben keinen Anteil am Jenseits: Wer sagt, dah die Auferstrbuna -er Toten nicht in der Thora angedeutet sei:, wer . . .usw." Die Gemara dazu führt solche „Beweise" daun näher an. Vgl. Ez. 37,13: da Gott die „Gräber öffnen" will, glaubte man an die Möglichkeit einer leiblichen Auferstehung, die durch Einäscherung zunichte würde. gemengt, daß es rein und heilig sei." Dieses Feueropfer entsprang ähnlichen animistischen Borstellupgen wie das Schächten, wo man das Blut darum so gründlich zu entfernen trachtet, weil man eS für den Sitz des LebxnS und der rächenden Totengeister') hielt. Durch die Räuchervpser in den vorliegenden Fällen soll also die Seele mit Gott (bzw. Dämonen, die wegen des sündhaften Lebenswandels dieser Könige nun über die Leichen Gewalt bekommen könnten) versöhnen, wie auch alljährlich die Stierhörner des besonderen Räucheraltars mit dem Blute des Sündenopfers") als Bersöhnungsrnittel beschmiert wurde (Totem und Blutsauber). Insofern also war das Räucheropfer noch ein Vorzug, der sonst frommen Sündern gewährt, hartgesottenen Verbrechern aber verwehrt wurde, wie das z. B. beim Tode Jorams. 2. Chron. XXI, 19 ausdrücklich gesagt wird. Dah dabei die Leichen mitverbrannt wurden, ist kaum anzunehmen. da sie dann nicht unversehrt auferstehen könnten und nicht zu „Staub" zerfielen. So etivas ist nur von der Leiche Sauls bezeugt, die gehenkt, also durch die Philister geschändet worden war. Ein „Olehenkter aber ist verflucht bei Gott", heiht es im F». Mose XXI, 23, und noch im Mittelalter wurden solche Leichen, damit durch sie nicht die Heiligkeit der Hausschwelle entweiht würde, entweder zum Fenster hinausgeworfen oder durch ein eigens gegrabenes Loch nach auhen befördert. Saul also ist (i. Sam. XXXI) erstens Selbstmörder, zweitens verhaht. drittens von Gott ausdrücklich verlasten worden: zu allem wurde sein Leichnam noch geschändet: alles Gründe, den Leib eines solchen schweren Sünders gänzlich vernichten zu lasten mittels des Feuers, wie noch im christlichen Mittelalter die Leichen von Selbstmördern ausgeschleift und verbrannt wurden! Die Leichenverbrennung ist also nach biblischer Ansicht kein königlicher Vorzug, wie Else Dormitzer meint, sondern eine Schmach für gehaßte und gottlose Verbrecher und Selbstmörder! Daß Verbrennen die schwerste Strafe bei den Juden war, darüber läßt auch der Talmud (vgl. Gemara zur ersten Mischna des Traktates ^Jebamoth") keinen Zweifel, erst an zweiter Stelle kam Steinigung eines Verbrechers. Man muh also abschließend erkennen: es geht keineswegs an. 2—8000 Jahre alte Ansichten mit dem heutigen, cwigpulsierenden Loben in Einklang bringen zu wollen: man füllt nicht neuen Wein in alte Schläuche. Ist heute schon die heuchlerische Sittlichkeit des vorigen Jahrhunderts überholt, um wieviel mehr sind die altteskgmentlickcn Gesetze unbrauchbar für unser heutiges, großstädtisches, naturmistenschaftlich durchleuchtetes Leben inmitten industrieller Pulsschläge einer ganz neuen Welt! Ebenso wie man nicht Chroniken nachblättern wird, ob unsere Vorfahren etivas gegen den Bubikopf einzuwenden gel/abt hätten, wie mau nicht nachfvrschen wird, ob die Luit für Luftfahrzeuge usurpiert werden dürfe und es -eine Sünde sei. wenn Nundsunkwellen am Sabbat durch den Aelher reisen — ebenso braucht sich niemand darum zu kümmern, wie stch uralte, daher veraltete Schriften gegenüber allen anderen Ansichten verhalten, die wir als neuzeitlich angemessen, als unserer Vernunft zusagend erachten. Das Bibelwort wurde schon oft genug zur Galeere, an die sich heute lebende Menschen sklavisch schmieden ließen, statt zu erkennen, -atz sich die Welt inzwischen wiederum ein paarmal gedreht hat. . . _ Otto Wolfgang - Wien. '') Da heute kein vernünftiger Mensch mehr so atavistisch nt. ernsthaft noch animistischen bzw. dämonistischen Vorstellungen irgendeinen Wert beizumesscn ist es mehr als geistloser fossiler Konservativismus, am koscheren Fleisch festzuhalten: besteht schon bei jedem Fleisch ein arges Mißverhältnis zwischen Preis und Nährwert, so steigert sich das beim geschachteten, das noch teurer und an sich allein jo gut wie gar keinen Nährwert mehr besitzt! Näheres in meinem Aufsatz „Koscheres Fleisch" im „Freien Gedanken" — Bvdenbach a. E. (C. S. R.) vom 1. Juli 1926. ’) Ein solches Sühneopfer ist der Tod Jesu nach dem Neuen Testament. Da er Mensch wird — bzw. „Lamm Gottes" entsprechend dem Pastah- oder Sündenlamm — kann er die Sünden der Menschheit sühnen: allerdings eine Vorstellung von Blutrache. Jedes Mitglied eines Stammes — und dazu gehören auch die Herdentiere desselben — können zur Sühne herangezogen werden für Vergehungen eines einzelnen daraus. Der Sündcnbock, der Sühnestier usw. blutet also für das Vergehen eines Mitgliedes aus demselben Stamm oder Volksverband (Totem). ....... Unsere Rätsel-Ecke 11 12 211 122123 33 34 MiSB Die Worte bedeuten: Wagerecht: 1. „zn" auf hebräisch, 2. Die jüdische Grsetzeslehre, 5. Spielkarte. 7. Hebräischer Monatsname, 3. Weiblicher Vorname, 9. Stammutter der Menschheit. 10. ^a^nna'-'» fer Mststma. 15. ..Knochen" auf lateinisch. 17. Wie 5.18. Was jeder Mensch einmal wird. 21. Erkennungszeichen des jüdischen Hauses. 22. Stadt in Persien, durch Ahasver und Esther berühmt. 24. Bezeichnung des Juden, 26. Geldsorte in Litauen, 27. Bedeutender Semitowge des 19. Jahrhunderts, 20. Zustimmung im Hebräischen, 30. Prophet in Babylonien. 31. Im Hebräischen das Land im Nordosten Palästinas, 32. „Du" auf Hebräisch, 33. Linker Nebenfluß des Rheins, 85: Teil der Schiffstakelung, 36. Stammvater der Menschheit. Senkrecht: 1. Persönliches Fürwort, 2. Italienische Bezeichnung einer Tonstufe, 4. Ostererzählung, 6. Hauptstadt im Gebiet der Sabäer, 9. Land der Abkömmlinge EsauS, 11. Liberaler Parlamentarier jüdischer Abkunft. 12. König von Juda, 13. Hebräischer Buchstabe. 14. Was wir nie miteinander haben unten. 16. Stammvater der Semiren, 10. -st,n ei"".' Dr""ig... "0N Schiller. 20 ..und" auf französisch, 22. semitischer Name des alten Tyrus. 23. „ein^ ans iranzvsijch. 25, L-uite, 26. wie 29 wagerecht, 28. Die Ergänzung der Mischna. 30. Persönliches Fürwort. 34. Sohn Noahs. Der Anfangsbuchstabe von 31 wagerecht, der Endbuchstabe von 7 wagerecht und die Anfangsbuchstaben von 85. 32. 19, 8, 21 wagerecht, 28 senkrecht, 30 wagerecht, 24 wagerecht, 28 senkrecht. 30 wagerecht und 35 wagerecht ergeben den Namen eines jüdischen Gelehrten und Schriftstellers des 19. Jahr. Hunderts. —ar. Die wFrauengrappe des Vereins selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens, E. V. zu Berlin" feiert am Sonnabend, den 13. November 1926 abends 8 Uhr, in den Feststen des „Cify-Hotels”, Dresdener Strafe 22, ihr 6. STIFTUNGSFEST Neben derTanzunferhaliung werden Herr Oberkanior Gollanin und andere namhafte Künsf ler ernste u. heilere Vorträge bringen. Einfriiiskarten 8 1 Mark sind bei allen Damen des Vorstandes und an der Abendkasse erhdlilkh. m Hs. Haus - ms. Und ai die Leser der „IfidisdHib. Zeiten!!“. Bei direkter Bestellung bei der „Jüdisch-liberalen Zeitung“, Berlin SW48, Wilhelmstraße 147, können nachstehende Bücher zum angegebenen bezogen werden: Vorzugspreis Vorzugspreis: ,, 0.50 M. 3.— LEWKOWITZ: Die Grundsätze des ji ÜiscK-religiösen Liberalismus SELIGMANN: Geschichte* der jüdischen Reformbewegung geb. PHILIPPSON: Die Entwicklung der religiösen Idee im Judentum, Christentum und Islam. . 2.50 SEIFENSIEDER: Gabriel Riesser, ein deutscher Mann jüdischen Glaubens.,2,75 GRÜN WALD: Spinoza in Deutschland, gekrönte Preisschrift . M 4,— STECKELMACHER: Das Prinzip der Ethik vom philosophischen und jüdisch-theologischen Standpunkt aus betrachtet . WIENER: Die jüdischen Speisegesetze nach ihren verschiedenen Gesichtspunkten geordnet und kritisch beleuchtet , ZIEGLER: Die Königsgleichnisse des Midrasch, beleuchtet durch die römische Kaiserzeit. STEIN: Schrift des Lebens, III. Teil, herausgegeben von Cäsar Seligmann.. geb. GOSSEL: Was ist und was enthält der Talmud? * . „ LEHMANN: Sprüche der Väter, 3 Teile, statt M. 21.— . * — Rabbi Joselmann, 2 Teile, statt M. 12.— . GEDENKBUCH Semitic studies in memory of Dr. Alex Kohut, geb., statt M. 12.— .. GEDENKBUCH zur Erinnerung an Prof. David Kaufmann, mit wissenschaftl. Beilagen bedeut. Gelehrter, statt M. 12.— Der Betrag ist unter Angabe des Zweckes auf das Postscheck-Konto der Vereinigung für das liberale Judentum E. V., Berlin NW 7, Nr. 137069 zu überweisen. .. 2.75 3.50 N 9.- .. 2.75 « 1- .. 15.— .. *- .. 9.— 9.— Perserteppiche Klaviere / Flügel Möbel / alte Oelgemalde / Antiquitäten sucht Möbelhaus Frage rStr. 35: Uhland5222 m 1874, e. V. 1B Kostenlos!! ftnsrüeststtnit Annahme AuhaltstraOc 8 Telefon Hasenheide;’,92! u. CharloHenbui% Kantstraße ],Ha. Kckc Fasanen- Straße Telefon Steinpints I8äö PKassenmord! Raitentot. das beste Vernichtungsmittel der W c 1 t, gegen Rotten und Mäuse. U 11 schädlich für Haustiere. Unschädlich fiir Menschen. 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