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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-11-05 · 45 (5.11.1926) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
45 (5.11.1926)
Date
1926-11-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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bat dem hiesigen israelitischen Mädchenstift, -essen 2. Dorsitzende sie viele Jahre war. ganz besondere Liebe und Aufmerksamkeit gewidmet und bat sich in unermüdlicher Fürsorge um alle Einzelheiten gekümmert. Daß dieses Heim sehr erfolgreich emporblühte, und bah die tungen Mädchen sich wohl und heimisch darin fühlten, ist nicht zum wenigsten ihr Verdienst. An der Bahre sprachen noch Herr Kaufmann und Handelsrichter Joseph Falk für das Mädchenstift und Herr Direktor Jakob Seisensider für die Schule und das Pensionat von Jakob Seifensieder vormals Gombrich herzliche Worte des Dankes und der Erinnerung auf die Verlebte, deren Andenken für alle Zeiten in Ehren gehalten werden wird. Oels. (Neues Fehlurteil.) Die „Jüdische Zeitung für Ostdeutschland" schreibt in ihrer Nummer vom 29. Oktober: „Zwei Ostiuden überschritten vor einigen Wochen, weil sie in Polen arbeitslos waren und sich vor dem Hunger retten wollten, im Kreise Namslau ohne Pah die deutsche Grenze. Des Weges unkundig, wandten sie sich an einen Bauern, der sie bewirtete und ihnen den Weg zeigte. Bald darauf wurden die Ostjuden aufgehalten und verhaftet, und dabei erfuhren die Behörden auch von der Hilfeleistung des Bauern, der nunmehr wegen „Begünstigung des unbefugten Grenzübertrittes" angeklagt wurde. Das Amtsgericht Oels verurteilte den Angeklagten zu der exemplarischen Strafe von sechs Monaten Gefängnis. Als strafverschärfender Umstand wurde, abgesehen von einer einmaligen Verurteilung des Angeklagten wegen des gleichen Delikts, in der schriftlichen Urteilsbegründung angeführt, dah das Vergehen deS Angeklagten um so verwerflicher sei. da es sich im gegebenen Falle um Ostiuden handle, die erfahrungsgemäß zu produktiver Arbeit in der Regel außerstande seien. Ueber die Vorurteile des Richters in Oels ist nicht viel zu sagen. Ihm ist vielleicht nicht ganz klar, daß der Handel gewisse wirtschaftliche Funktionen, die der Verteilung, erfüllt, die sogar in einer nichtkapitalistischen Wirtschaft nicht fehlen würden. Es ist ein durch ökonomische Sachkenntnis nicht belasteter sozialer Aberglaube, den Handel schlechthin als unproduktiv hinzustellen. Aber selbst wenn wir das einmal als . richtia unterstellen, kann man wohl kaum an der Tatsache Vorbeigehen, daß zirka ein Drittel der Ostjuden als Industriearbeiter und Handwerker leben, und daß die Chaluzrm in Palästina zu 90 Prozent Ostiuden sind. Gerade deren heldenhaftem Pioniertum wird von Männern aller Völker und Parteien gehuldigt und der con8en8U8 ingeniorum vom konservativen Parteiführer Lord Valfour in England bis zu deutschen Sozialisten, wie etwa Scheidemann und Löbe, scheint uns bedeutsamer als die Vorurteile des Richters in Oels. Daß der aber seinen sozialen Aberglauben in der Rechtsprechung wirksam werden läßt, steht auf einem anderen Blatt. Aber nach so manchem vorgusgegaugcnen ähnlichen Fall steht uns ein weiterer Wortschatz zur Kennzeichnung dieses Urteils nichts mehr zur Verfügung." Offenbach. (Bibliophile H a g g a d a h.) Demnächst erscheint im Selbstverlag des Herrn Rechtsanwalts und Notars Dr. Guggenheim in Ossenback a. M. eine eigenartige Haggadah. Sie wird von der überbrachten Textgestaltung insofern abweichen, als sie zwar an den überlieferten Text sich anlehnt, aber sich nicht nur an ihn hält, sondern allerhand Erklärungen und Bemerkungen über jüdische Lehre uns jüdisches Denken cinfügt. um dadurch dem am Fest Teilnehmenden ein gerundetes Bild jüdischer Frömmigkeit zu geben. Sie wird, da der Herausgeber und die an der Drucklegung Mitwirkenden in Offenbach,leben die Bezeichnung „Offenbacher Haggadah" tragen. Der bibliophile Druck in Folioformat wird in einer Auslage von 300 Stück auf gutem Büttenpapier in zwei Farben erscheinen. Zum Druck wird eine im Handel noch nicht vorhandene sakrae Koch-Schrift Jrj:,fl$riDcnöet werden, den Gesängen sind Noten in einer eigenartigen und bislang unbekannten Kochschen Notenschrift beihw; flfcfie&en. Der Druck erfolgt unter Leitung bewährter Meister der Typographie. Das Werk wird zehn ganzseitige handkolorierte Holzschnitte enthalten. In kürzester Zeit wird ein Prospekt mit Druckprobe lierauskommen, mit der Aufforderung zur Subskription. Der Subskriptionspreis wird etwa 35 M. betragen. Da nur eine beschränkte Anzahl von Prospekten gedruckt wird, werden Interessenten gut tun, die Zusendung eines Prospektes bei dem Herausgeber ausdrücklich zu verlangen. Wien. (S a l o m o n E h r m a n n gestorben.) In einem von der Israelitischen Kultusgemeinde gewidmeten Ehrengrab wurde gestern der verstorbene berühmte Gelehrte Prof. Dr. Salomon Ehrmann bestattet. In der aroßcn Zeremonienhalle, die von Traucrgästen überfüllt war. waren das Präsidium der Kultusgcmeinde und zahlreiche Vertreter der Behörden erschienen. Aus Berlin waren Großpräsident Rab-- biner Dr. Leo Baeck und Rabbiner Dr. Weiße erschienen. Zahlreiche Universitätsprofessoren und Gelehrte Wiens umstanden den Sarg. Vertreter des Ordens Bnei Brith waren aus allen Teilen Oesterreichs erschienen, um dem verstorbenen Großpräsidcnten die letzte Ehre zu erweisen. Die Trauerrede hielt Oberrabbiner Prof. Chajes, der aus führte, der Forscher Salomon Ehrmann habe den Glauben besessen, daß es nichts geben kann, mvs der Entwicklung und der Leistung eines Menschen irgendwie hinderlich sein könnte, wenn er ein aufrechter Jude ist. Salomon Ehrmann war ein Ausermählter. und wenn wir ihn in seiner Vielseitigkeit betrachten. so müssen wir sagen, er war ein glänzender Typus des Juden. Arzt. Spezialarzt höchsten Formats. Künstler. Kunsthistoriker. Maler. Musiker im wahrsten Sinne des Wortes, ein Polyhistor rvai^er und hat aus dem Reichtum geschöpft, der aus den JaGrhunderten und Jahrtausenden seines Volkes fließt. Er stieg von Stufe zu Stufe, und je höher er stieg, ein desto bewußterer Jude wurde er. Ueberall, wo es galt, das Judentum zu vertreten, da war Ehrmann zu finden. Sodann sprach der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Prof. Dr Pick über das Wirken Ehrmanns während der 18 Jahre, da er dem Borstande der Kultusgemeinde angehörte. Namens der medizinischen Fakultät hob der Dekan Prof. Maresch die Verdienste Ehrmanns um die Mehrung des Weltrufs der Wiener medizinischen Schule hervor. Universitätsprofessor Dr. Arzt sprach im Namen der Wiener und reichsdeutschen Dermatologischen Gesellschaft. Namens des österreichischen Distrikts der Bnei Brith hielt Dr. Schnabel dem verblichenen Großpräsidcnten des Distrikts einen tiefempfundenen Nachruf, wo dann der Großpräsident der deutschen Großloge. Rabbiner Dr. Baeck aus Berlin, von Ehrmann Abschied nahm. Der Großpräsident der Sektion der Tschechoslowakei. Dr. Popper, brachte dem Toten die letzten Grüße aus seiner böhmischen Heimat. Für die polnische Sektion sprach Hofrat Tr. Frankfurter. Als letzter nahm Prof. Oppenheim namens der Schüler von dem verehrten Lehrter Abschied. Sodann setzte sich der schier endlose Zug zu dem Ehrengrabe in Bewegung. Aus der Bewegung Berlin. (Liberaler Synagogen verein Nord e n.) Am 25 Oktober fand der erste Gemeindeavend dieses Winters statt.' Zu dem Vortrag des Herrn Prof. Friedländer „Die Weltkonferenz der liberalen Juden in London im Juli 1926". hatte sich eine außergewöhnlich große Zuhörerschaft eingefunden. Der Referent schilderte den, den Lesern Weser Zeitung bekannten Verlaus der Konferenz und gab zugleich einen geschichtlichen Ueberblick über die religiös.liberalen Strömungen unter den Inden Deutschlands, England-, Hollands und Amerikas. Zum Schluß führte der Redner aus, daß seiner Meinung nach zwar nicht von einem Steg der liberalen Idee gesprochen werden könne, wohl aber von einem machtvollen Zusammenschluß der liberalen Juden aller Länder und also von einer starken inneren Festigung, die die Idee des jüdischen Liberalismus erfahren habe. — Die nachfolgende Aussprache drehte sich vorwiegend um die vom Referenten bereits berührte Frage, wie wett Nationaliudentum und religiöses Judentum miteinander gehen können, da sich doch auf der Weltkonferenz gezeigt habe, baß viele religiösliberale Juden zugleich Nationaljuden seien. Zu dieser Frage nahmen Studiendirektor Dr. G u t m a u n und Herr Rabbiner Dr. Salomonski Stellung, welch letzterer zugleich über die Notwendigkeit der Schaffung eines liberalen Einheitsgebetbuches sprach. Herr G v e tz betonte den positiven Charakter deS jüdischen Liberalismus. Herr Falke n b e r g wies darauf hin, wie sehr der Liberale Synagogenverein Norden sich im Einklang wtffe mit der religiösliberalen Gesamtheit: er zeigte, wie segensreich gerade die Bildung von kleinen Gemeinschaften ist: nicht die großen Gemeinden, sondern die kleinen Gemeinschaften sind die Keimzellen wirklichen religiösen Lebens, wie das die Erfahrungen im Norden beweisen. Breslan. (Liberaler Synagogenverein.) Der liberale Verein der Synagogengemeinde trat am 29. Oktober in seine Winterarbeit ein. Herr Rechtsanwalt Heinrich Stern-Berlin und Frau Paula Ollendorf-Breslau« hatten sich je für einen Vortrag zur Verfügung gestellt. Der große Saal der Lessingloge war leider nur mäßig besucht, als der Vorsitzende Herr Alfred Btelschowski den Abend eröffnete und die Redner begrüßte. Herr Stern hatte zu seinem Thema gewählt: „Liberalismus und Liberale von heute". Unter dieser Ueberschrift hatte der bekannte Rechtsanwalt Ludwig Foerder-Breslau am 8. Oktober in der Breslauer „Jüdischen Zeitung für Ostdeutschland" einen Artikel erscheinen lassen, den der Redner zum. Ausgangspunkt seiner Ausführungen machte. Er führte ans, daß in diesem Artikel nicht verschwiegen werden durfte, daß neben dem Individualismus auch das Gemeiuschastsbewußtsein einen Grundpfeler des heutigen liberalen Judentums darstelle. Die Bezeichnungen „Partetbonzen" und ..Notabelnwirtschast" wies er zurück und betonte, daß sich die Führer dem Religiösen zugewandt hätten auf dem Gebiete des > Gottesdienstes und des Hauses. Dies mit jüdischem Leben! zu füllen, sei die Aufgabe der Juden von heute. Diese Tätigkeit vollziehe sich nicht in der Ocffcntlichkeit. sondern cm stillen, allerdings anders, als es unsere Väter taten, die in sozialer Beziehung Hervorragendes geschaffen haben. Alsdann trat der Redner den beiden Hauptvorwürfen des Foederschen Artikels entgegen, der Liberalismus erschöpfe sich in kritischer Einstellung gegen den Zionismus und gegen Palästina, und wies daraus hin, daß der Zionismus mit der Orthodoxie durch dick und dünn ginge: auf liberal-religiösem Gebiete hätte er trotz Aufforderung nicht mitgearbeitet.' Nach liberaler Auffassung könnte das Judentum nur in der Zerstreuung seine Aufgaben erfüllen: überall wären jüdischreligiöse Zentren und große Männer entstanden: wir ließen uns an jüdischer Gemeinschaftsgesinnnng von niemand übertreffen und wollten als jüdische Bewegung behandelt werden. Der Londoner Kongreß hätte gezeigt, daß es stch um eine große Bewegung handle. Alsdann berichtet? Frau Ollendorf über ihre äußeren und inneren Erlebnisse auf dem Londoner Kongreß Auch sie hob die religiösen Ziele des Liberalismus hervor, wies darauf hin. daß das geistige Leben des Judentums von Deutschland ausging und immer wieder von ihm befruchtet wird, und sah in der Aufrüttelung der Indifferenten die große Aufgabe des Liberalismus. In der Ueberzeugung, daß öie Zuknnft dem Liberalismus gehört, entstand in London eine Verbrüderung, die stark macht. In der sich anschließenden Anssprache bezeichnete Dr. Prinz die Auseinandersetzung zwischen Liberalismus und Zionismus als das augenblicklich Wichtigste, nicht aus parteipolitischen Gründen. Gemeinderabbiner Dr. Vogelstein führte aus. daß der Liberalismus die Religion nie als Erlebnis aufgefaßt habe und die Ueberlieferung nie ausgeschaltet nabe. Die Aufgabe der Londoner Konferenz sei gewesen, sich über die Grundidee des Liberalismus klar zu werden. Der Auseinandersetzung zwischen Liberalismus und Zionismus werden wir nicht aus dem Wege acbcu. Alsdann versuchte Herr Foerder seinen Zeitungsartikel zu verteidigen. In tiefschürfender Weise erklärte dann noch Max^Vogelstcin die liberale Auffassung des Gemeinschafts- Frankfurt. Der Freisinnige Verein für jüdisches Gemeindeleben hielt am Sonntag, den 24. Oktober 1926, in den Räumen der Frankfurt-Loge zusammen mit der Indischliberalen Jugendgemeinschaft seinen ersten Gesellschaftsabend ab. welcher sehr gut besucht war. Den Abend eröffncte eine kleine komische Oper „Die Nürnberger Puppe" von Leuven und A. von Beauplan. Das Stück fand allgemeinen Beifall: die Mitwirkenden waren Schüler der Opernschule. Hierauf folgten zwei Balletts: ..Les oelit8 riens' non M. A. Mozart und „Toreador und Andalouse von Rubinstein, ausgeführt von jungen Damen der Indisch-liberalen Jugendgemeinschaft. Die beiden Stucke waren mit Orchesterbegleitung — es waren Mitglieder des philharmonischen Vereins, die sich liebenswürdigerweise uns zur Verfügung gestellt hatten — und am Drrkgentenyult sah Herr Hermann Geiger, Sohn unseres Herrn Vorsitzenden, der sich der schwierigen Aufgabe mit großer Gewandtheit entledigte. — Nach diesen Anfführnngen Gelegenheit geboten zu Erschrischungen: öie Festlichkeit wurde bis frühmorgens durch eifriges Tanzen fortgesetzt. Die Leitung der Jazz-Kapelle laa in den Händen Hkinz Eichmann, eines Sohnes eines unserer Mitglieder. Liegrntz. (Liberaler Verein der Synagogen» gemeinde.) Am 22. Oktober hatten wir znm erstenmal in diesem Winterhalbjahr wieder zn einer Freltagabendseicr cingeladen. und es war uns eine große Freude, zn sehen, wie viele unserem Rnke gefolgt waren Wir zählen etwa 60 Personen, in der Mehrzahl Jugendliche beiderlei Geschlechts. Die lange Takel. wie immer, weiß gedeckt und mit Blumen geschmückt. Kerzerr strahlen festlich. Wein und Barches sind bereit. Daneben steht ein großer silberner Becher und die Barches sind sorglich mit einer schönen, alten Plüschdecke zngedeckt Diese Decke ist mit einem großen Mogen-Dovid bestickt, und in der Mitte sehen wir die Thora-Rolle. Herr Bndwig hält den Kiddnsch ab — dann werden Wein und Barches verteilt, die jungen Mädels schenken den Tee ein und reichen süßes Gebäck, alles vom liberalen Verein gesnendet, wie stets. Der 1. Vorsitzende svricht ein vaar Begrüßungsworte und gibt seiner Freude Ansdruck, daß diese unsere Freitagabend-Feiern, sich so gut eingeführt haben. Sie sollen nun allmonatlich stattfinden. — Damit ist der offizielle Teil deS Abend beendet, und nun gibt'8 Musik. Die Juaendaruvpe hat unter Leitung ihrer rührigen Fttbrerin allerlei Ueberraschunaen vorbereitet. Lotte Cboyke zeigt ihr Können auf dem Klavier in einem temperamentvoll gespielten CzardaS. Magda Liebrecht (Violine) und Lilli Liebrecht (Klavier) erfreuen uns durch gutes Zusammenspiel in der Mozart-Sonate Nr. 6. Hierauf kommt der lustige Teil an öie Reihe. Der neugebildete Lautenbunb, ein paar begabte Mitglieder der Jugendgruppe, beweisen unter Mitwirkung ihrer Lehrerin L. L.. wieviel man in kurzer Zeit durch Fleiß und Eifer erreichen kann. Sie spielten und sangen ganz reizend und brachten ein sehr hübsches „Wanderlied", dann „Jetzt gang' i anS Brünnele", „Neugier" und „Droben im Oberland" zum Vortrag, die alle großen Beifall fanden. In dem schelmischen Liedchen „Neugier" kamen auch die Einzelstimmen von Käte Jereslam und Thea Wiener sehr nett zur Geltung. Endlich ließ sich auch Lilli Liebrecht noch zum Einzelspiel erbitten und gab „Ritter Kunz von Finkenstein" und zum Schluß „Die Krinoline" zum besten, wovon besonders letzteres ihr glänzend lag und stürmischen Applaus hervorrief. Alles in allem ein sehr schöner Abend, wie auch Herr Dr. Scheyer betonte, als er gegen 11 Uhr, mit Rücksicht auf die vorgeschrittene Zeit, den Schluß des Abends ankündigte, und allen, die zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen hatten, herzlichsten Dank aussprach. Es meldeten sich nach Schluß einige neue Mitglieder zur Aufnahme. Einiges von der Plähe-Vermietung bei der jüdischen Gemeinde zu Berlin im bahre 1926. Die Ausführungen eines mit dem in Rede stehenden Thema vertrauten Freundes unserer Zeitung dürften unseren Lesern zur Orientierung willkommen sein. Die Schriftleitung. Bei der diesjährigen Mietung bereits innegehabter Synagogenbziw. Betsaal-Plätzc. die, wie in jedem Jahre, bereits vier Monate vor Roschhaschono begann, wirkten die wirtscha-ftlichen Notstände in diesem Jahre ganz außerordentlich auf die Erneuerung vorjähriger Plätze ein und führten zu einer ausgedehnten Umschichtung des Platzbesitzes. Eine große Anzahl Gemeindemitglieder sah sich aus wirtschaftlichen Gründen veranlaßt, in diesem Jahre aus die viele Jahre von ihnen gemieteten Synagogenplätze notgedrungen zu verzichten und mit Plätzen in einem Betsaal vorliebzunehmen. obgleich der Gcmeindevorstand der pekuniären Lage durch teilweise Herabsetzung der Eintrittspreise gegenüber den früheren Jahren Rechnung getragen hatte. Die dadurch freiwerdenden Plätze in den Gemeindesynagogen wurden von der Verwaltung den „vorgemerkten" Anwärtern auf Plätze in genauer Reihenfolge des Datums der Vormerkungen angcboten. Auf diese Weise war cs möglich, auf mehrere hundert Vormerkungen, die bei einigen Synagogen bis in das Jahr 1908 zurückgehcn, Plätze anzubieten, die zum Teil angenommen wurden. Die Vermietung der Plätze gibt nur für ein Jahr (bis zum nächstjährigen Roschhaschono) das Anrecht auf den gemieteten Platz. Es ist eine irrige Annahme, wenn Gemeinde- Mitglieder in mehr oder weniger bestimmter Forderung ein Anrecht für sich aus unbedingte fortlaufende Erneuerung dev Mietuna bestimmter Plätze beanspruchen. Selbstverständlich muß die Gemeinde schon aus verwaltungsmäßigen Gründen sich das Recht Vorbehalten, über die Mictplätzc (mit Ausnahme der sogenannten ..Eigentumsplätze" in der Alten und Neuen Synagoge) anderweitig verfügen zu können, so daß von einer Verpflichtung zur dauernden Vermietung bestimmter Plätze keine Rede sein kann und aus mehrjähriger Mietung desselben Platzes kein Gewohnheitsrecht hergeleitet werden kann. Es kann z. B. der Fall eintreten, daß aus Sichcrheits-. baupolizeilichen oder sonstigen Gründen des Verwaltungsbetriebes über bestimmte Plätze anderweitig verfügt werden muß. In solchem Fall wird dem bisherigen Platzmieter nach Möglichkeit ein anderer gleichwertiger Platz zugvw^'en. Dies diene als Erläuterung dafür, daß kein Platzinbaüeräus evtl, mehrjähriger Mietung „seines" Platzes ein unveöiqgtcs Gewohnheitsrecht zur dauernden Weitervermietung an'ihn herleiten kann. Der wirtschaftlichen Lage trug die Gemeindeverwaltung weitestgehend durch Reservierung der diesjährigen Eintrittskarten bei Einreichung der vorjährigen Karten sowie durch Gestattung von Ratenzahlungen Rechnung. Leider wurde von manchen Gemeindemitgliedern diese Vergünstigung des Reservierens der Karten zum Schaden anderer Reslcktanten weit über den zuerst vorgesehenen Termin (d. 15. 8.V in Anspruch genommen. Eine Anzahl Karten wurden trotz bestimmter Zusagen seitens der vorjährigen Mieter bis in die letzten Tage vor Roschhaschono nicht ciugelöst. Bei dicker Sachlage, an der in Würdigung der von den Mietern gegebenen Versprechen die Gemeindeverwaltung schuldlos ist. mußten manche Gemeindemitglieder mehrfach nutzlos den Wog in das PlützegermietungNbureau machen. ohne daß ihre Wünsche aus dem bezeichncten Grunde erfüllt werden konnten, weil die Wünsche jener anderen Mitglieder von der Verwaltung viel* leicht zu weitgehend berücksichtigt wurden. So waren bis iw die letzten Tage vor Roschhaschono für fast alle Gemeindesynagogen Plätze zn haben. Die säumigen Platzinhabcr wurden, wie in jedem Jahre. Anfang August durch besonders Zirkularaufforderuna nochmals — außer mehrfachen Inseraten und Aushängen in den Synagogen und Gebäuden dev Gemeinde — zur Erneuerung aufgefordert. Durch hausige Nichtbeachtung der Bestimmungen, die vorjährigen Karten zur Feststellung des Besitzansvruchcs und der Person des Platzmieters einzureichen, wurde die Arbeit des Umtausches, nicht wenia erschwert. Wie viele Mieter die Erneuerung bis zu dem bekannigegebenen „äußersten Termin" verschoben, bewies der lebensgefährliche Andrang im Bureau an diesem Tage. dem 15. August. Es muß von der Einsicht desjenigen Teiles der Gemeindemitglieder, welchem an der Durchführung geordneter Zustände bei der bureaurnätzigen Abfertigung gelegen ist. erwartet werden, daß er die Nutzanwendung aus diesen alljährlich leider sich wiederholenden Mißhelligkeiten kür beide Teile zieht und sich auf rechtzeitige Einlösung der Platzkarten einstellt, aus eigener Rücksicht wie aus der auf die Angestellten der Gemeinde, die aus steuerlichen Gründen öie Zahl der Beschäftigten in den Bureaus der Verwaltung möglichst niedrig halten möchte. Jeder Einsichtige wird aus eigenem Augenschein zugeben, daß eine ordnungsmäßige Abfertigung bei der vollständig unnötigen drohenden Haltung einer mchrhundertköpfigen Menge, die gegen die Beamten beleidigend wird, weil diese ihren Vorschriften gemäß handeln und nicht die Möglichkeit haben, alle persönlichen Sonderwünsche zu erfüllen, zur Unmöglichkeit wird und den Geschäftsgang nur verzögert. Leute, die bei einer anderen Behörde nicht im entferntesten einen derartigen Ton sich herausnehmen würden, glauben unter Berufung auf ihre Steuerpflicht, die sie zum Schaden anderer pünktlicher Steuerzahler vielleicht nicht einmal prompt erfüllen, in den Bureaus der Jüdischen Gemeinde eine Sprache führen zu dürfen, öie sich weit von der des guten Tones entfernt (wir wollen sie nicht mit einem treffenden Wort kennzeichnen)« Wer sich durch irgend etwas beschwert, sich zu Unrecht behandelt fühlt ober glaubt, daß ihm gegenüber ein Angestellter der Gemeinde nickt den Bestimmungen aemäß handelt, beschwere sich, wie bei jeder anderen Behörde, schriftlich beim Vorstand ber Gemeinde. Er kann aber nicht erwarten, wie manche unserer Glaubensgenossen meinen, daß sämtliche „höheren Instanzen" und vor allem nicht die Mitglieder des Gemeindevorstandes. die ihre Zeit ehrenamtlich der Gemeinde widmen, seinetwegen unbedingt zu gegebener Stunde im Verwaltungsgebäude anwesend sein sollen, um gerade ihn anznhören. Es ist eine völlige Verkennung ber Aufgaben der Gemeinde, wenn der einzelne mit mehr oder weniger;

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