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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-11-05 · 45 (5.11.1926) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
45 (5.11.1926)
Date
1926-11-05
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Nachdruck ein Sonderrecht und Berücksichtigung oder Bevorzugung seiner persönlichen Wünsche verlangt, -ab in „seinem Falle" „eine Ausnahme gemacht"" werden solle. Feder denke daran, -ab die Gemeinde nicht für ihn und seine Privatwünsche. sondern für alle da ist. daß er nur ein winziger Teil der Gesamtgemeinde ist. Zum Nutzen der Gesamtheit mutz der Einzelne seine Wünsche in solchen Fällen zurückstellen. Es ist auch grundfalsch, aus der Steuerpflicht ein Recht auf Erhalt von Synagogenplätzen oder besondere Bevorzugung herzuleiten. Bekanntlich dient die Steuerletstuna nicht nur -er Erhaltung de» Svnagoaen und der Veranstaltung von Festgottesdiensten, sondern vielfach anderen Aufgaben der Gemeinde, n. a. Wohlfahrts-. Schulwesen. Kranken». Alterspflcge. Ueberdies ist bekannt, datz der Erlös der Eintrittskarten bei weitem nicht die Unkosten der Gottesdienste deckt. — Dies einmal zu sagen, ist eine Notwendigkeit um der vielen willen, die bei jeder Gelegenheit in den Bureaus der Gemeinde die Beamten beschimpfen und mit dem „Austritt" drohen, ihre Zugehörigkeit zum Judentum und zur Gemeinschaft ihrer Stammesgenossen auf diese merkwürdige Weise bekunden, und auch deswegen weil in jedem Fahre die Zusammendrängung des jüdischen Pivblikums in den letzten zwei Wochen vor Roschhaschono bei der Erneuerung und Mietuna der Platzkarten die rvohlüderlegten Organisationspläne der Verwaltung über den Haufen wirft. Es ist technisch unmöglich nicht nur bei der jüdischen Gemeinde, sondern, wo es auch sei, in wenigen Stunden bzw. Tagen eine Zahl von ungefähr 40—50 000 Menschen unter Berücksichtigung der persönlichen Einzelwünsche zur restlosen Zufriedenheit abzusertiqen. Da die Zahl der in den zur Zeit vorhandenen elf Gemeindesynagogen verfügbaren Plätze ungefähr 20000 beträgt, so ist es natürlich nicht möglich, mehr als diese Zahl von Personen mit Synagogenplätzen zu versorgen. Dazu kommt die unterschiedlich zahlenmäßig starke Schichtung in den verschiedenen Stadtgegenden» besonders im Westen, Zentrum und Nordosten. Bis zur pekuniären Möglichkeit, weitere Synagogen erbauen zu können, ist die Notwendigkeit gegeben, daß die über die angegebene Zahl von Synagogenplätzen hinausgehende Zahl der Gemeindemitglieder sich notgedrungen mit Betsaalplätzen begnügen muß. Diejenigen, die bei dieser Gelegenheit mit Schimpfen und Vorschlägen so schnell bei der Hand sind, täten besser, durch Spenden der Verwaltung die Möglichkeit zur schnellen Erbauung neuer Synagogen an die Hand zu geben, damit die Notlage gemindert wird. Der Wirtschaftslage Rechnung tragend, hat die Gemeindeverwaltung in diesem Jahre in weitestgehendem Maße bis an die äußersten Grenzen des Möglichen auf Antrag Freiplätze gewährt. Die Anforderungen überstiegen jedoch den verfügbaren Vorrat an Plätzen so sehr, daß es zuletzt unmöglich war, alle Wünsche zu befriedigen, trotzdem die Gemeinde noch von mehreren Privatunternehmern, die Gottesdienste in Sälen veranstalten, eine Anzahl Karten kaufte und als Freiplätze ausgab. Hat doch die Gemeindeverwaltung ohnehin fast alle größeren würdigen Säle in Groß-Berlin zur Veranstaltung von Festgottcsdiensteu gemietet. Es ist unmöglich, bei der Gewährung von Freiplützen — mit Rücksicht auf die verfügbar bleibenden Kaufplätze — alle Wünsche bezüglich der Nähe des Betsaales zur Wohnung der Antragsteller zu berücksichtigen. Darum ist es eine völlige Verkennung der Situation, wenn mit Freiplätzen bedachte Glaubensgenossen vielfach das Ansinnen stellen, ihnen die gewährten Plätze „umzutauschen", weil ihnen der Weg zu dem betreffenden Betsaal zu weit sei, und auch bemängeln, wenn ihnen die beantragte Anzahl Karten nicht voll gegeben werden kann mit Rücksicht auf die verfügbare Gesamtzahl von Plätzen und die Berücksichtigung möglichst vieler Antragsteller. Auch hierbei kann niemand aus mehrjährigem Besitz eines bestimmten Platzes ein Ge- Mh.nhcitsrecht ans Erhalt gerade „dieses" Platzes herleiten. *r. lint der Nachfrage nach Synagogenplätzen an Roschhaschono und Jomkippur soweit als möglich zu genügen, werden für diese drei Tage Stuhlplätze aufgestellt, die das Plätzebureau vermietet, und über diese Zahl hinaus läßt der Synagogenvorstand in „seiner" Synagoge eine überzählige Zahl von Stühlen aufstellen, die er vermietet. Der Fassungsraum aller Gemeindesynagogen ist demnach bis aufs äußerste ausgenutzt. Jeder Besucher eines Gottesdienstes sollte sich darüber klar sein, daß es mit dem gottesdienstlichen Gedanken unvereinbar ist. sich auf unrechtmäßige Weise den Eintritt zur Andacht zu verschaffen, wie es häufig an diesen höchsten Feiertagen geschieht lz. B. Dvppelbenutzung eines Platzes). Es ist des Gotteshauses nicht würdig, wenn die Gänge und längs der Wände mit stehenden Besuchern besetzt sind ideshalb werden ja keine Stehplätze verkauft), die in ihrer Fülle den Durchgang erschweren. Man denke an das eventuelle Vorkommen von Unfällen. Auch sollte jeder aus eigener Rücksicht die Besorgung von Eintrittskarten nicht in jedem Jahre bis auf die letzten Tage vor dem Feste verschieben. Vielleicht würde die Gewährung von Skonto auf den Mietpreis seitens der Gemeindeverwaltung bei entsprechend frühzeitiger Einlösung der Platzkarten, wie es in anderen Gemeinden versucht bzw. eingesührt sein soll, manchen dazu veranlassen. Ans diese Weise würde der Andrang in der letzten Zeit vor Roschhaschono im Plätzevermietungsbureau abgeschwächt und manche Unliebsamkeit vermieden werden. Auch könnte nach Möglichkeit eine Dezentralisation durch Einrichtung von Anskunfts- und Verkaufsstellen in mehreren Grundstücken der -Gemeinde in den verschiedenen Stadtteilen durchgeführt und dadurch den Gemeindemitgliedern weite Wege erspart werden. Der tote Jacke. fForts.) Von Doris Wittner. Nachdruck rerboten. — Copyright by Orethleio k Co.. G. m. b. H., Lclpxlg. Auch im Rheinbund begann es zu krachen und zu kriseln. Immerhin waren in seiner Organisation noch Kräfte vorhanden, die die völlige Lösung zu verhindern trachteten und vermochten. Die merkwürdigste Veränderung vollzog sich in Preußen, wo das ewige Zaudern Friedrich Wilhelm III. und insbesondere der Heldentod, den der von der Gesellschaft und den Frauen vergötterte Prinz Louis Ferdinand bei Saalfeld gefunden hatte, allgemach auch die trägsten Herzen und Hirne empörte und entflammte. Nicht wenig trugen zu diesem Aufruhr der Geister die vormaligen Salons der sogenannten jüdisch-christlich „Intellektuellen“ bei. Es war zwar in den vordem so belebten Zirkeln mählich still und stiller geworden. Aber das Feuer, das durch den gerade in diesen „Sphären“, den vielberufenen und -verrufenen „burcaux d’esprit“ vertrauten Louis Ferdinand nun einmal entzündet worden, glomm fort und fort. Just die Berliner Judenschaft war es, die da, obzwar ihr alle Wohltaten einer späten Emanzipation eigentlich von dem französischen Usurpator gekommen, mehr und mehr und kraft der ihrer Rasse eigenen Zähigkeit, wider die Fremdherrschaft rebellierte. Auch in den christlichen Freunden der intellektuellen und schönen Jüdinnen, die zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts das Berliner Gesellschaftsleben nahezu ausschließlich beherrschten, ging eine Wandlung zur religiösen — Toleranz vor. Nicht nur Schleiermacher, der christliche Geistliche, wahrte seiner Freundin Henriette Herz eine Treue auf Gedeih* und Verderb, sondern selbst der in seiner Jugend Maienblüte als Judenfresser verschriene Philosoph Fichte, der dereinst alle Juden aus Deutschland vertrieben wissen wollte, war im .Laufe eines langen Lebens nicht nur zum Freunde jüdischer Frauen, sondern auch jüdischer Männer geworden und scheute sich nicht, sein Damaskus in Wort uhd Schrift temperamentvoll zu bekennen. Er war es, der an einen gegensätzlich gesinnten Freund zu schreiben wagte: „Fern sei von diesen Blättern der Gifthauch der Intoleranz, wie er von meinem Herzen ist! Derjenige Jude, der über die festen, man möchte sagen, unübersteiglichen Verschanzungen, die vor ihm liegen, zur allgemeinen Gerechtigkeit^-, Menschen- und Wahrheitsliebe hindurchdringt, ist ein Held und ein Heiliger.“ Als die Frage umstritten ward, ob den Juden Bürgerrechte zu gewähren seien, steigerte er seinen Groll so feurig, daß er ohne Einschränkung erklärte, er sehe, wenn solches nicht geschähe, „kein Mittel als das: in einer Nacht allen Juden die Köpfe abzuschneiden und andere aufzusetzen, in denen auch nicht eine jüdische Idee steckt,“ oder man müsse ihnen ihr gelobtes Land erobern und sie alle dahin schicken (ein Ziel, für das dereinst der junge Stürmer und Dränger Fichte sich in der hocliedlen Nachbarschaft des Olympiers Goethe noch eingesetzt hatte). Wieviel zu dieser Wandlung — nebst seiner Verehrung für die klugen Berliner Jüdinnen, die ihr Judentum ihren christlichen Freunden zuliebe jedoch insgesamt abgelegt hatten — vor allem die überlegene, tiefschürfende Weisheit eines der größten Juden seiner Zeit, nämlich Salomon Maimon, beigetragen hat, mag dahingestellt bleiben. Dieser wunderliche jüdische Autodidakt, der, aus dem tiefsten Polen flüchtend, mühselig die deutsche Sprache erlernend, sich aus eigener Kraft zu solcher wissenschaftlichen Höhe emporrang, daß er die Aufmerksamkeit der ersten Geistesgrößen fesselte: dieser Mann hatte an sich selbst längst erfahren dürfen und müssen, wie auch ein Jude die schier „unübersteiglichen Verschanzungen, die vor ihm liegen.“ zu überwinden vermag. Was Wunder, daß ein solcher Mann die Keime seines Geistes auch in fremde und ferne Seelen streute, die, ihm zu Zeiten nichts weniger als wahlverwandt, sich doch auf die Dauer seinem übermächtigen Einfluß nicht zu entziehen vermochte. So kam es. daß selbst ein Fichte, der jetzt sein Volk in den „Reden an die deutsche Nation“ zur nationalen Befreiung aufrief, in der Ehrlichkeit eines streitbaren Herzens wiederum einem Freunde gegenüber bekannte: „Gegen Maimons Talent ist meine Achtung grenzenlos: ich glaube fest und bin erbötig, es zu beweisen, daß durch ihn sogar die Käntische Philosophie, so wie sie durchgängig und auch von Ihnen verstanden worden ist, von Grund aus umgestoßen ist. Das alles hat er getan, ohne daß es jemand merkt, und indes man von seiner Höhe auf ihn herabsieht. Ich denke, die Jcünf t i gen Jahrhunderte werden unser bitterlich spotten.“ Der kleine, unscheinbare Jude Salomon Maimon hatte den vormals ge dPa nke n 1 o se n Judenfresser Johann Gottlieb Fichte nach denken gelehrt Und das Ergebnis dieses Nachdenkens war . eine Duldsamkeit, wie sie dazumal in deutschen Gatten noch nicht eben gang und gäbe war. Es war wohl auch die Folge dieses, Fichte selbst vielleicht noch unbewußten. Umschwungs seiner Meinungen und Ansichten, daß er sich offenherzig zu der Partei Dorothea Veits, der Tochter Moses Mendelssohns, bekannte, die ihrem Manne die Ehe gebrochen, um mit Schlegel eine vorerst „freie“ Lebensgemeinschaft einzugehen. Vielleicht überschritt Fichte, getragen von Exiase und Emphase, sogar ein wenig die Grenzen der Glaubwürdigkeit, wenn er sic abermals in einer Epistola einem Freunde mit den Worten empfahl: „Diese Frau hat mir den Glauben, daß aus. der jüdischen Nation nichts Gutes kommen könne, benommen. Sie hat ungemein viel Geist und Kenntnisse, bei wenig oder eigentlich keinem Glanze, völliger Prätensionslosigkeit und viel Gutmütigkeit. Man gewinnt sie allmählich lieb, aber dann von Herzen. Ich hoffe, Ihr werdet Freunde werden." Trotzdem solcher Gestalt ein Fichte für eine Dorothea Veit Zeugnis abgelegt und sie keinen Augenblick von der tonangebenden Gesellschaft der intellektuellen Kreise, der sogenannten „schönen Seelen“, geächtet worden; trotzdem Henriette Herz — die Rccamier von Berlin — ohne von übler Nachrede verdammt zu werden, ihr Seelenbündnis mit dem Gottesmann Schleiermacher aufrechterhalten durfte; trotzdem unter den zahlreichen gesellschaftsfähigen „Herzdamen“ des Prinzen Louis Ferdinand sich nicht nur Pauline Wiesel, die elegante Gattin des wissenden und — duldenden Kriegsrates bewegte, sondern vor allem die Jüdin Henriette Fromm, die dem Ilohenzollern-Prinzen zwei sonnige Kinder geschenkt hatte, ohne dadurch der Achtung aller sich vorurteilsfrei Dünkenden verlustig zu gehen, und obwohl allen voran Rahel Levin, „nommee“ Robert, zahlreiche Liebeleien und Verlöbnisse — zum Teil mit blaublütigcn Rittern, deren Sippe eine legitime Verbindung mit der geistreichen Jüdin als „Messalliance“ verwarf und verhinderte — hinter sich hatte, um nunmehr endlich eine Ehe mit dem auch nicht sonderlich judenfreundlichen Legationsrat Varnhagen von Ense einzugehen: obwohl man also gerade in diesem Milieu jegliche Veranlassung zu einer verständnisvollen Auffassung der Geschehnisse hätte haben sollen, warf die Nachricht von dem selbstgewählten Tode Judith ben Sonninos, geborenen Pereira, die Fackel des Aufruhrs in die kläglichen Reste der Berliner „Salons“. „Die ertrunkene „Königsdirne“, die Sie selbst, Herr Vater, auf offenem Markte mit diesem Namen angeprangert haben wird ihren Weg durch ganz Europa machen. Und wo man eine Buhle bezeichnen will, wird man sie fortab mit jenem grausamen Lächeln, dessen nur Menschenlippen fähig sind, Pereira heißen." Judith ben Sonnino hatte mit diesen Worten ihres Abschiedsbriefes an ihren Vater nur zu recht behalten. Sie hatte auf ihrem kurzen Weg durch das Leben die Welt und die Menschen kennengelernt. Und sie wußte, daß es Raubtiere waren, die man in Käfigen eingesperrt halten mußte, weil es nur die eine Möglichkeit gab: entweder selbst zu zerfleischen oder zerfleischt zu werden. Sie hatte zu denen gehört, deren Los es war. zerfleischt zu werden. Im Leben. Und nach dem Tode. Denn allenthalben — nicht nur in Amsterdam, in Worms und in Frankfurt a. M. — selbst in der Kaiserstadt Wien wo die hochmögenden Baroninnen Arnstein, Eskeles und ihre Base Pereira, wenn anders sie gelegentlich die feinen Fäden der Politik und Staatskunst aus ihren geschickten und immer geschäftigen Händen ließen, ebenso wie in der puritanischen Preußenresidenz Berlin, war man nunmehr eifernd und geifernd am Werke, die Tote zu schmälen. Judith, in deren Ohren als letzter Klang der verächtliche Tritt der an ihr vorüberschreitenden Blutsverwandten auf dem Marcusplatz zu Venedig hängengeblieben, hätte wohl nur ein wehmütiges Lächeln übriggehabt für die wohlgefällige Selbstgerechtigkeit der vermeintlich „Irreprochablen“ von Wien und Berlin. Aber keine Verleumdung, keine Lästerung, keine Kränkung erreichte mehr jene, der die schwarzen Fluten von San Michele das sanfte Wiegenlied des ewigen Schlafes sangen. Sie war klug geworden jn ihrem kargen Dasein, die sjölze Judith Pereira. Der ererbten schmerzhaften Weisheit ihres Stammes hatte sich die schmerzhaftere Klugheit der Erfahrung gesellt. Fünf Minuten vor Mitternacht hatte ‘sie alles gewußt und alles vorausgesagt. Und all ihr Wissen und all ihre Prophetie fanden die trübe Bestätigung letzter Wahrheiten. Der Gondelführer Natanielo Federigo aus dem Ghetto zu Venedig war plötzlich verschwunden. Und obzwar weder eine Wegspur von ihm, noch seine Leiche gefunden ward, erhielt sich unter dem niederen Volk von Canareggio krampfhaft das Gerücht: der jüdische Gondoliere habe selbst Hand an sich gelegt. Aber was verschlugs? Einer mehr oder weniger aus dem namenlosen Chaos der Niedriggeborenen! Er war so arm und so verlassen, daß niemand nach ihm fragte, geschweige nach ihm forschte. Eltern und Geschwister lebten ihm längst nicht mehr, verehelicht war er nicht gewesen, so daß kein Sohn und Nachfahre seines Blutes dem frommen Manne das vorgeschriebene Kaddischgebet hätte nachsenden können. Wozu auch! Anonym gelebt und anonym gestorben! So will es der Brauch derer, die aus der Tiefe stammen. Judith ben Sonnino mochte auch das gewußt haben, aber sie hatte dessen nicht Erwähnung getan in den drei Briefen, die letzte Kunde von ihrem Leben und Sterben abgelegt hatten. Ihre Weissagungen aber erfüllten sich Wort um Wort, Buchstabe für Buchstabe. Von den napoleonischen Geschwistern, deren Throne ins Wanken geraten, war auch Jerome, König von Westfalen, eilenden Fußes in sein Königreich heimgekehrt. Allerdings, ob dies geschehen, um Krone und Thron zu schützen, dünkte denen, die den leichtherzigen „König Lustig“ früher gekannt, zum mindesten zweifelhaft. Seit dem Tode der Con« tessina und dem Verhör Federigos war, außer dürren Be* fehlen, kein Wort mehr über seine Lippen gekommen. Und — Wunder über Wunder! Während fast alle anderen Geschwister Napoleons ihrer Throne und Würden ebenso schnell ledig wurden, wie sie zu ihnen gekommen waren, bereitete Westfalens Bevölkerung — obwohl gerade dort der legitime Kurfürst von Hessen-Cassel durch seine Kreaturen unterirdisch hatte wühlen und den Boden für seine 'Zuversichtliche Rückkehr nach Kräften vorbereiten lassen — Jerome einen jauchzenden, jubelnden Empfang. Und das Volk erkannte seinen König nicht wieder. Denn keine Miene seines Antlitzes verzog sich. Eisig und eisern blieb dieses Königsangesicht und glich plötzlich seinem großen Bruder, dem Kaiser, Zug um Zug. Im Schlosse angekommen, befahl der König seinen HtfK faktor und Finanzrat, den Conte David Danielo ben Sonnino, vor sich. Aber auch hier schien das Leben seinen Kurs verändert zu haben. David Danielo trat dem König entgegen, jedoch nicht mehr in der gepflegten Ilof- und Edelmannstracht, wie die Etikette sie anwies, sondern offensichtlich’ und absichtlich verwahrlost, in nachlässigen Kleidern, ohne gebührende Achtung vor der Majestät. Mehr als das aber trugen seine Mienen auch nicht mehr jene geschmeidige Devotion und nahezu kriecherische Unterwürfigkeit zur Schau, wie sie dem mächtigsten Beamten des Reiches ehe* dem seinem König gegenüber zu eigen gewesen. Im Gegenteil: in nonchalanter, weder Ehrerbietung noch Ergebenheit verratenden Haltung, gewissermaßen gleich zu gleich, stand er vor seinem Gebieter. Die Arme hingen schlaff an seinem Leib hernieder; die Lider waren gesenkt, aber, wenn sie sich einen Spalt nur öffneten, so war es, als schösse eia Blitz unbezähmbaren Hasses von dem Vasallen zu seinem Herrscher. Der tat dessen nicht acht, sondern erkundigte sich nur in knappen und sachlichen Worten nach der finanziellen Lage des Staates. Sonnino zuckte kühl die Achseln und er-, widerte ohne merkbares Interesse: „Es wird Euer Majestät begreiflich erscheinen, daß angesichts des unglücklich verlaufeneu Feldzuges Seiner Kaiserlichen Majestät auch die umliegenden Lande keine sonder-* liehe Lust verspüren, noch weiter Geld und Gut für eine verlorene Sache zu opfern." „Für eine verlorene Sadie?“ Einen Atemzug hindurch schien Jerome die Conxlnance zu verlieren. „Was wagst du mir für Unsinn aufzutischen, heuchlerischer Schurke?“ „Nur die Gerüchte, Sire, die Sie hier aus jedem Munde vernehmen können. Ich weiß, der Bote einer unerwünschten. Botschaft wird niemals freudig willkommen geheißen.“ , „Besonders, wenn die Botschaft erlogen ist, wie in diesem Fall. Denn sonst, woher dieser Empfang, dieser spontane Jubel bei meinem Einzug?“ „Bestellte Arbeit, Sire! Euer Majestät wissen doch, sollte ich meinen, wie man dergleichen inszeniert. Ob 6s gilt, alte Könige zu verjagen oder neue zu empfangen: das Volk schreit immer „Evviva!“ „Nein, in diesem Falle nicht. Gelogen hat das Volk, als ich das erstemal hier einzog, als Nachfolger seines verbrecherischen Kurfürsten. Heute log es nicht. Heute lügst nur du. Des Volkes Sprache aber hieß Wahrheit, obwohl ich augenblicklich gar keine Verwendung dafür hatte. Jetzt also heraus mit Tatsachen und Angaben... sonst...* Jetzt brannten sich die Augen des Königs wie zwei ver-f zehrende Feuer in den vor ihm stehenden Sonnino ein. „Sonst?..." Unverhohlener Haß und unverhohlene Rachegier aut< werteten aus den Augen des also Bedrohten. „Sonst wünschen Euer Majestät Ihrem Lande vielleicht zu erzählen, wo denn die Gattin Ihres untertänigen Hoffaktors und Finanzrates blieb? Sicherlich eine lustige Mär für das Land, durchaus geeignet, seine Interessen abzulcnkcnvon dem untergehenden Stern des Hauses Bonapartei Ganz wie Euer Majestät belieben. In diesem Falle würden Euer Majestät sogar an mir den gewöhnten, gehorsamen Diener finden, bereit, selbst nachzuhelfen, wo das Gedächtnis Euer Majestät vielleicht versagen sollte.“ (Forts. fokU

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