Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 45 (5.11.1926)
- Date
- 1926-11-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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i den Ruhm,-er deutschen Wissenschaft weithin verbreiteten, vufznzählcn und m würdigen. Nicht diese allein machen iseine BeLeutuna für uns aus. Breßlau hing, wie bereits erwähnt, mit ieder Faser seines Wesens am Judentum. . Es gibt verschiedene bekannte deutsche Untversitätsiprofessoren, -ie, um Ordinarien zu werden, sich taufen liehen. ..unverdächtig" klingende Namen annahmen und ihr Judentum geflissentlich verbargen, ja. sich desselben schämten. So kenne ich zum Beispiel einen gefeierten Kunsthistoriker. der ehemals ein „Cohn" war. heute jedoch ganz anders heißt. Christ ist und von dem tatsächlich niemand * iaußer seinen Angehörigen, weih, dah er einer bekannten Breslauer jüdischen Familie entstammt: er hat seine „Metamorphose" mit unglaublicher Geschicklichkeit, ins Werk gesetzt! Brehlau trat zu allen Zeiten seines Lebens begeistert für Vas Judentum ein. Er war ein intimer Freund von Ludwig Geiger und Hermann Veit Simon. Häufig schrieb er Beiträge zur jüdischen Geschichte in „Steinschneiders hebräischer Bibliographie" und in Geigers .Zeitschrift für Geschichte der Juden in Deutschland" und war -er 8piritu8 reetor bei der .Historischen Kommission für Geschichte der Juden". Als Ende der siebziger Jahre Heinrich von Treitschke seine in der Form vornehme, in der Sache aber unglaublich törichte und ungerechte antisemitische Broschüre vom Stapel lieh, antwortete ihm Brehlau 1880 in seinem klaren, stilistisch «meisterhaften, heute noch lesenswerten Buch „Zur Judenffvage. Sendschreiben an Herrn Pros. Dr. Heinrich von Treitschke". Er zerpflückte — auf jede Dialektik verzichtend und nur die Waffen der Logik und eine erdrückende Fülle «unwiderleglicher Tatsachen zu Hilfe nehmend— alle die gehässigen und falschen Argumente -es sonst genialen Mannes, und wies nach, dah -er AntisemitisinuS nicht aus dem Instinkt der Massen hervorgegangen, sondern unter Benutzung alter Vorurteile von bestimmten politischen Parteien zu bestimmten politischen Zwecken künstlich in dieselben hineingetrggen worden war. Das war vor 46 Jahren! — Ist es heute anders?! — Seinen Schülern war Brehlau ein vortrefflicher Lehrer, lim persönlichen Umgang ein ungemein liebenswürdiger, bescheidener. hilfsbereiter Mensch. In der Geschichte und der Methodik der historischen Wissenschaften hat er sich einen unvergänglichen Namen erworben. Er wird aber auch in den Herzen aller derer, dir ihn. kannten, fortleben. Dr. Ludwig Davidsohn. Berlin. Die Retter. London, 29. Oktober. (ITA.) Auf einer 'Konferenz der Londoner Agudas Jisroel wurde eine Resolution angenommen. in der die Tätigkeit des liberalen und Reform- »judentums als »gegen Gott und seine Thora gerichtet und die Grundlagen des Judentums erschütternd" bezeichnet wird. Es wurde ein spezielles Komitee gebildet mit der Aufgabe, dem Einfluh des liberalen Judentums entgegen- Mwirken. Liberalismus und Liberale von heule. Unter dieser Ueberschrift veröffentlichte kürzlich in der »Jüdischen Zeitung für Ostdeutschland" Rechtsanwalt Ludwig Förder-Breslau einen umfangreichen Aufsatz, der sich mit den verschiedenen Strömungen im Liberalismus befaßte. Der Vorsitzende der „Vereinigung für das liberale Judentum" widerlegte das von Herrn Fürder gezeichnete Zerrbild in einer Versammlung unserer Breslauer Ortsgruppe. Aus Raummangel geben wir heute in der Rubrik „Aus der '^Bewegung" nur einen kurzen Bericht dieser Veranstaltung. Auf den Förderschen Artikel werden wir in unserer nächsten ^/Mrmrner noch zurückkommen. Berlin. (Zentralisation der jüdischen Arbeitsnachweise.) Aus der Erkenntnis heraus, daß eine einheitliche Zentralisation des jüdischen Arbeitsnachweiswesens in Deutschland eine unumgängliche Notwendigkeit ist. haben dieHanptstellc für jüdische Wanderfürsorge und Arbeitsnachweise und das Kartell jüdischer Arbeitsnachweise des Jüdischen Frauenbundes die „Vereinigte Zentrale für jüdische Arbeitsnachweise in Deutschland" (Geschäftsstelle: Berlin N24. Auguststr. 17) gegründet. Der neuen Zentrale wird es obliegen, die bestehenden jüdischen Arbeitsnachweise in Deutschland einheitlich zusammenzufassen und. wo sich die Notwendigkeit ergibt, in größeren jüdischen Gemeinden neue zu gründen. Die „Vereinigte Zentrale" wird versuchen, Angebot und Nachfrage von Stellen und Stellungsuchenden im ganzen Reich auszuglcichen. das statistische Material über den Gesamtkomplex des indischen Arbeitsnachweiswesens zu sammeln und auszuwerten. Kenntnis der einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen zu vermitteln, sowie die Erfahrungen der einzelnen Arbeitsnachweise untereinander auszutauschen. Die „Bereinigte Zentrale" hat ihre Arbeit mit dem 1. Oktober dieses Jahres ausgenommen. Berlin. (G ed enkfe ier.) Die Lehranstalt für die iWissenschaft des Judentums hielt am Sonntag, dem 31. Oktober. eine feierliche Gedenkfeier für den verstorbenen Dozenten Dr. Martin Schreiner und die verstorbenen Kuratoriumsmitglieder Geheiinrat Meyer. Gelieimat Moste und Weih ab. Geheimrat Meyer war lange Jahre im preußischen Eisenibahndienst und ein warmer Förderer der Bestrebungen der Hochschule. Gehetmrat Moste, ein Bruder des Verlegers des „Berliner Tageblatt". OberlandsgerichtSrat in Königsbera und zuletzt Stadt rat in Berlin, hat Jahre hindurch treu für die Lehranstalt gewirkh. Kurator Weiß, der Vater des Chefs der Berliner KrimU«alpol«zei, Regierungsdirektors Dr. Weiß, der auch seinem Vater im Amte als .Kurator gefolgt ist. hat in besonders treuer und aufopfernder Weise viele Jahre die Finanzgeschäfte der Anstalt geführt. Der Dozent Schreiner, ein hervorragender Gelehrter, der aus Budapest nach Berlin berufen war, hat nach wenigen Jahren überaus segensreicher Tätigkeit wegen einer schweren Nervenerkrankung, der er jetzt erlegen ist, sein Amt uicderlegen müssen. Die tiefempfundene Gedächtnisrede hielt Rabbiner Dr. Baeck. Berlin. (Statistisches Bureau der jüdischen Gemeinde.) Die Statistik ist eine zwar trockene, dennoch notwendige Wissenschaft. Die Zahlen sind aber nicht trocken, sondern sehr beredsam für denjenigen, der in Ihnen zu lesen versteht, und geben Ausschluß über manches Jnterestante aus dem Gebiet, welchem die jeweilige Statistik gilt. Für speziell jüdische Angelegenheiten wurden statistische Zusammenstellungen bisher außer von jüdischen Verbänden für deren besondere Zwecke nur von dem „Verband für Statistik der Juden" in Berlin angefertigt. In der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin wurde statistisches Material in den einzelnen Abteilungen lediglich Mr ihre Sonderzwecke bergestellt. Zu außergewöhnlichen Anlässen (Wahlen) wurden Kartotheken der jüdischen Gemeindemitglieder bzw. Steuerzahler jeweils neu zusammengestellt. doch ist man mangels Bewilligung ausreichender Geldmittel über fragmentarische Ansätze dieser Art nicht hinauSgekomm-ev. Das Material zu einer vollständigen Kartothek sämtlicher Gemeindemitglieder blieb stets unvollendet und wurde nicht ausgebaut und statistisch gewertet. Die bet den Wahlen ZUm Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinde» 1926 und zur Repräsentantenversammlung 1928 gemachten Erfahrungen haben den Plänen nach dieser Richtung neue Anregung gegeben. Die Gemeindebehörden haben nun Mittel zum Ausbau des vorhandenen Kartothekmaterials zur Verfügung gestellt und in den Etat die Position für ein statistisches Bureau eingesetzt. Die Grundlage der Kartothek bilden die von den Bezirksämtern und Polizeirevieren ausgestellten Meldelisten der jüdischen Einwohnerschaft des Gemeindebezirks Groß-Berlin, soweit dieser mit dem von der Jüdischen Gemeinde zu verwaltenden Gebiet übereinstimmt: hierdurch hat die Jüdische Gemeinde ein ihr bisher nicht zur Verfügung stehendes umfangreiches Material ihres gesamten Mitgliederbestandes erhalten Die Veränderungen durch Zn- und Abgang und die Verzüge innerhalb des Ge» metndebezirks werden der Jüdischen Gemeinde von den genannten Behörden geliefert, so -aß die Kartothek ständig auf dem laufenden gehalten und ergänzt wird. Es wird künftig möglich sein, in besonderen Fällen gewünschte statistische Ermittelungen aesondert bzw. im Einvernehmen mit den Spv» zialgebieten der Verwaltung (z. B. Schulwesen. Plätzevermietung. Sterbefälle usw.) anzustellen. Voraussetzung ist freilich, daß die Gemeindebehörden in -er Lage sind, die notwendigen Geldmittel, die diese Arbeiten erfordern, dauernd zur Verfügung zu stellen, denn eine laufend ergänzte Kartothek ist das Haupterfordernis auf dem die Statistik sich aufbaut. Das Steuerbureau der Jüdischen Gemeinde arbeitet getrennt hiervon nach den der Gemeinde von den Finanzämtern alljährlich gelieferten Steuerlisten: auf Grund dieser Meldungen werden die Heberollen ausgestellt. Berlin. (Rabbi n er Petuchowski g e st orben.) Der Berliner Gemeinderabbiner Dr. Marcus Petuchowski ist plötzlich verstorben. Herr Dr. Petuchowski niar zu Stärkung seines seit längerer Zeit angegriffenen Gesundheitszustandes von der Gemeinde bis zum 1. April von seinen amtlichen Obliegenheiten dispensiert worden. Geboren in Wilna aus gelehrter jüdischer Familie siedelte er in früher Jugend mit seinem nach Halberstadt berufenen Vater nach Deutschland über, absolvierte das Dom-Gymnasium in Halberstadt, war dann Hörer des Hildesheimer Rabbinerseminars in Berlin und der Universität Berlin. Nach absolviertem Studium wurde er an die Berliner Synagoge an der Potsdamer Brücke berufen, um später Berliner Gemeinderabbiner zu werden. Er war auch Leiter einer der Religionsschulen der Berliner Jüdischen Gemeinde, die in einem besonders großen Umfange der Pflege der hebräischen Sprache gewidmet war. Seine wissenschaftlichen Arbeiten, insbesondere seine Arbeit über „Rabbi Jimael" und seine mustergültigen Mischnah-Uebersetzungen haben ihm den Ruf eines tüchtigen Gelehrten eingebracht. Berlin. (Aus der Zen tral«voh lfa hr tsstcl le.) Die Zentralwohlfahrtsste ll e der deutschen Inden teilt uns mit. daß vor mehreren Monaten in Düsseldorf anläßlich der Tagung der Zentralwohlfahrtsstellc in der Vorstandssitzung und Mitgliederversammlung beschlossen wurde, grundlegende Aenderungcn der Satzungen vorznnehmen. Der provisorische Vorstand der Zentralwohlfahrtsstelle beschäftigt sich schon seit einigen Wochen mit den Vorbereitungen für den neuen Satzungscntwurf. welche unmittelbar vor dem Abschluß stehen. Der Entwurf wird in aller Kürze den Gemeinden und Organisationen zugestcllt werden. damit die in Aussicht genommene Mitgliederversammlung. welche die Entscheidung über den Satzungsentwurf hat. bald zusammenireten kann. Berlin, (Wissenschaftliche Monatsschrift.) Das Oktoberheft der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums erscheint in verstärktem Umfang und bringt eine Reihe von Aufsätzen zur Erinnerung an einen der ersten Mitarbeiter der Monatsschrift, an Manuel Joel, dessen Geburtstag am 19. Oktober zum hundertsten Male wiedcrkehrt. Einer Uebersicht über Joels Leben und Wirken von C. Seligmann folgen Erinnerungen des Baseler Philosophen Carl Joel und Würdigungen der Bedeutung Joels als Denker, als Darsteller der jüdischen Religionsphilosophie, als Prediger und namentlich als praktischer Theologe, der mit Erfolg die sogenannte mittlere Richtung im Judentum vertrat. Bilden diese Aufsätze einen ebenso wertvollen wie gemeinverständlichen Beitrag zur inneren Geschichte des Judentums im 19. Jahrhundert, so zeigen die folgenden Arbeiten. wie die gegenwärtige Wissenschaft sich um die Wetterführung des Lebcnswerkes Joels bemüht: besonders anziehend ist Albert Lewkowitz' Nachweis, welche Bedeutung für Spinozas Denken dem Judentum zukommt. — Außer den Joel-Aussätzen enthält das Heft eine sehr lehrreiche Uebersicht von Bernhard Heller über „biblische Sagenforschung", die auch dem Laien veranschaulicht, daß sich zu biblischen Erzählungen und Gesetzen zahlreiche Parallelen bei anderen Völkern finden, daß aber gerade durch den Vergleich die Eigenart und Ueberlegcnheit der biblischen Gedankenwelt deutlich hcrvortpitt. Man abonniert die Monatsschrift durch Uebersendung des verschwindend geringen Jahresbeitrages von 10 M. (214'Dollars) an die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums E. B>. Berlin-Schöneberg, Geiziger Str. 46II. 2. (Nathan). Berlin. (Auszeichnung der Zentralwohlfohr t s st e l l e.) Der Zentralwohlfahrtsstellc der deutschen Juden ivltrde als äußerliches Zeichen der Anerkennung für die in hervorragendem Maße bei dem Aufbau der Ansstellung für Gesundheitspflege, Soziale Fürsorge und Leibesübungen geleisteten Hilfe nach der stattgehabten Prämiernng die Goldene Medaille der großen Ausstellung Düsseldorf 1926 verliehen. Chemnitz. (F r e«tagab en d f e i e r n.) Nach längeren Borstadien in den vergangenen Jahren ist eS jetzt dem hiesigen JJB. gelungen, eine Freitagabendseier zu veranstalten, von der zu berichten verlohnt. Sie findet abends um 9 Uhr in den Räumen der hiesigen Saxonia-Loge alle 3—4 Wochen statt. Den ersten Teil bildet eine knapp einstündige Andacht, die außer einem instrumentalen Vorspiel und Schluß Sologesang, Vorlesung. Ansprache und eine Litirrglc enthält. Der zweite Teil besteht aus einem gemütlichen Beisammensein bei Tee und Gebäck, mit Kiddusch vorher und Tischgebet hinterher in einem anderen Raum als die Andacht. Die von Herrn Rabbiner Dr. Fuchs verfaßte Liturgie (Bekenntnis. Gelübde. Bitte) im Verein mit der Schlichtheit des Aeußeren und der Kleinheit und gleichförmigen Zusammensetzung der Gemeinde schafft eine Andacht, wie sie in einem großen Gottesdienst fast nie zustande kommt. Das Hauptverdienst hat daran Fr!. Buk, die in jahrelanger Arbeit diese Veranstaltung geschaffen und gegen mancherlei Widerstände durchgehalten und folgerichtig auszugestalten geholfen hat. Die tiefe Wirkung bei den Teilnehmern berechtigt zu der Hoffnung, daß die abseits des Offiziellen stehende Feier nicht bloß in unserer Gemeinde «vettere Kreise aewinnt. sondern auch an anderen Orten Nachahmung findet uno dadurch zur Erneuerung lebendiger jüdischer Religiosität beiträgt. Coblenz. (Frau B e r m g n n g est o r b e n.) Im Alter von 73 Jahren verschied die Ehrenvorsitzende des hiesigen Israelitischen Frauenvereins. Frau Babette Bermann. Mehr als ein Dierteljahrhundert «var sie im Vorstand des Vereins und lange Zeit als dessen Vorsitzende um die soziale Wohlfahrt der Kranken und Armen eifrigst tätig, bis sie vor etwa drei Jahren infolge ihres Alters sich von diesem Wirken znrückziehen mußte. Der Dank und die Liebe zahlreicher hilfsbedürftiger Frauen, denen die Verstorbene stützend Zur Sette trat, folgt ihr über das Grab hinaus. Aus den Gemeinden Dresden. (Antisemitische WählwianöverJ Die Liste der zu den sächsischen Lanütagswahlen auftnarschierten 12 (!) Parteien zierten an zwei Stellen jene antisemitische« Gruppen und Grüppchen. die trotz Volksopfer., Fememord» Prozessen uiw. in der Regel als „vaterländische" Verbände bezeichnet werden. In zahlreichen, meist schwach besuchte« Versammlungen warben dafür Denragogen vom Schlage des „Knüppel"-Kunze. Daß sie es an Judenhetze nicht fehlen ließen, versteht sich von selbst. Rede- und Versammlungsfreiheit bieten ja nur wenig Handhaben, um insbesondere den Rechtsradikalen beikommen zu können. Anders hat man diesem gewisienlosen Treiben der Antiseiniten gegenüberzu« stehen, wenn sie ihre Agitation auf der Straße betreiben. Zumindest berührte eS bei den diesmaligen Landtagswahlen mehr als sonderbar, daß in der Wahlwoche an etwa 400 Anschlagsäulen Plakate folgenden Inhalts zu sehen waren: Brecht Judenmacht, wählt Liste acht! Gegen das weichin lesbare Plakat ist scheinbar von keiner dazu berufenen Stelle mit dem nötigen Nachdruck protestiert worden, denn sonst bleibt es unerklärlich, wie die unter städtischer Verwaltung stehende Dr. Güntzsche Stiftung, die Besitzerin des Anschlagwesens. das Plakat bis zum Ende des Wahlkampfes dulde« konnte. .Daß es verhetzend wirkte, bewiesen die mehrfach an den Säulen zu beobachtenden Aufläufe, bei denen es judensemdliche Redensarten in Menge zu hören gab. An Kuriosität war die Liste 8, aus der als Spitzenkandidat der aus dem Külz-Prozeß genügend bekannte Stadtverordnete Blnmentritt paradierte, kaum zu üverbieten. Dem Wortlaut nach waren in ihr. trotzdem sie nicht einen Landtagssitz erlange« konnte, „vereinigt": Die Völkisch-soziale Arbeitsgemeinschaft, die Deutschvölkische Freiheitsbewegung Grotzdeutschlands und die Deutsch-Soziale Partei. Feld 10 hingegen, die zweite antisemitische Liste, verzeichnete die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (Hitlerbewgung) mit dem frühere« Kapitänleutnant v. Mücke an der Spitze. Sie wird im neue« Landtag rnit zwei Mandaten vertreten sein. Lichten«». (Todesfall.) Mit dem kürzlich hier verstorbenen Hauptlehrer Lehmann verliert dle jüdische Gemeinde ihren langjährigen, pflichteifrigen und geachtete« Beamten, dessen allgemeine Wertschätzung auch bei der Trauerfeier nochmals deutlich zum Ausdruck kam. Wenn Bezirksrabbiner Dr. Zlocisti, Offenburg, den Entschlafene« als einen idealen, unermüdlichen Volksbildner kennzeichnere. so hat er damit vielen Teilnehmern der Trauerfeier aus der Seele gesprochen. Anerkennende Worte aufrichtiger Trauer über den Heimgang eines uw die Jugenderziehung und religiöse Belehrung verdienten Mannes sprachen noch Oberrod Hugo Marx, Karlsruhe, für den Oberrat der Israeliten, Synodal-Abgcordneter Josef Kausinann: Kehl, im Auftrag der zahlreichen Schüler und Lehrer Grünfeld, Baden-Baden, als Delegierter des Bezirksvereins, der in de«n Verstorbenen ein eifriges und allgemein beliebtes Mitglied verliert. Starken Eindruck machten auch die von freundlicher Gesinnung für den Entschlafenen zeugenden Worte des evangelischen Pfarrers und die ergreifenden Grabgesänge des Gesangvereins. der seinem Ehrenmitglied den Abschicüsgruß nachrief. Liegnitz. (70. Geburtstag des Rabbiners Dr. Pewitz.) Am 9. November feiert der allverehrte Rabbiner Dr. Moritz Pewitz in Liog««itz seinen 70. Geburtstag. Seit 1883 in Liegnitz amtierend, hat sich dieser treue Seelsorger durch seine abgeklärte, milde, priesterisch-hoheitsvolle Persönlichkeit in weitesten Kreisen der Gemeinde und der Stadt Liebe und Verehrung erworben. Seine erste Amtshandlung stellte die Einleitung von Verhandlungen zwecks Aufstellung einer Orgel im Liegnitzer Tempel dar. In der Folgezeit hat sich die Gerneinde unter seiner Leitung iw gemäßigt-liberalem Sinne entwickelt. Bestrebungen, de« Gottesdienst zu reformieren, haben bisher keinen Erfolg gehabt: er genügt eben dem in Liegnitz kräftig pulsierenden jüdisch-religiösen Leben vollauf. Der Jubilar gilt bei JÜdc« — und Christen — als hervorragender Kanzclredner: Nttum ward er vor der Ueberhanünahme des HakenkreuzlcrtumS hei den Totenfeiern des Kreiskriegervcrbandes neben den chistlichen Geistlichen mit Trauerreden betraut. Dr. Pewitz ist eine bescheidene, zurückhaltende Natur, rvelcher ein Hervortreten in der Oeffentlichkeit bei Aufgaben, die außerhalb seines Lehr- und Seelsorgeramtes liegen, durchaus widerstrebt. Seine ganze Kraft hat er von jeher ausschließlich seiner Gemeinde gewidmet. Demgemäß rüstet sich die trefflich geleitete Judenschaft der alten Prastenstadt, um diesem geliebten Rabbiner an seinem Ehrentage ihre wohlverdiente Huldigung darzubringen. Am Jubiläumstage findet mittags im Hause des Jubilars eine Beglückwünschungsfeier statt, bet welcher Vertreter der Geineindekörperschaften. der Silcsia- Loge. des Frauenvereins, der Cbebva Kadischa. des Altersheims. der ehemaligen Schüler, des Jüdisch-liberalen Vereins, der zionistischen Ortsgruppe und des Bundes der Frontsoldaten das Wort ergreifen werden. Am Abend wird ein Festmahl die Gemeindemitglieder und die zu Ehren des Jubilars »ach Liegnitz geeilten ehemaligen Schüler vereinen. Rabbiner Dr. Pewitz lebt in glücklichster Ehe mit seiner durch ungewöhnliche Gaben des Geistes und Gemütes ausgezeichneten Gattin Anna, der Tochter des langjährigen, Graudenzer Rabbiners Rosenstein: seine Tochter Judith hat sich weit über die Grenzen der Provinz Schlesien hinaus als iKonzertsängcrin einen gefeierten Namen gemacht. Minden. (7 6. G e b n r t s t a g.) Am 21. Oktober beging der hiesige Lehrer und Prediger Liepmannssohn seinen 75. Geburtstag. Eine große Zahl von Freunden und Verehrern ließ es sich nicht nehmen, dein heute noch rüstigen Lehrerveteran, der sich durch pädagogisches Geschick auözeichnete und in «einer langjährigen Predigertätigkeit hervorragend hewährte. durch Glückwünsche und Aufmerksamkeiten Beweise von Liebe und Wertschätzung zu geben. In den Kreisen seiner Berufsgenossen erfreut sich der FünfunSsiebzigjährigc. der trotz seines hohen Alters noch körperlich' und geistig frisch ist, besonderer Achtung, weil ihm nicht nur der Verein israelitischer Lehrer der Rheinprovinz und Westfalens. sondern auch der Verband jüdischer Lehrervercine im Deutschen Reiche, den er begründen half, für die treue und hingebungsvolle, dem Ansehen des Lchrerstandes dienende Mitarbeit zu innigem Danke verpflichtet ist. den man gern, wie dies der Verlaus der Geburtstagsfeier bestätigte, bei jeder sich bietenden Gelegenheit zum Ausdruck bringt. Auch die Synagogcn-Gemeinöe nahm an dem Geburtstage ihres langjährigen Lehrers und Predigers regste» Anteil und ließ es an Aufmerksamkeiten nicht fehlen. Nürnberg. (Todesfall.) Am 26. Oktober wurde eine Frau von nicht alltäglicher Prägung. Frau Schuldirektorswitwe Julie G o m b r i ch. zu Grabe getragen. Sie verdient in diesem Blatte schon deshalb erwähnt zu werden, «veil ihr verstorbener Gatte, Schuldirektor Moritz Gombrich, einer der hervorragendsten Führer, Mitarbeiter und Mitkämpfer der jüdisch-liberalen Beweguna und auch Gründer der Nürnberger Ortsgruppe war. Rabbiner Dr. Freudenthal gab ein wundervolles Lebens- und Etiarakterbild der Verlebten mit dem Hinweis auf einen hier wohlangebrachten Spruch Salomonis: „Ein kluges Weib baut ein Haus auf." Aber die Verlebte war nicht nur eine kluge, sie war eine feingebildete, herzensgute und tatkräftige Frau, die stets bestrebt war, andere zu erfreuen und der Menschheit helfend beizust^en. Ihrem Gatten «var sie eine ausgezeichnete Mitarbeikerin in seiner sozialen, wie in seiner Schul- und Erziehungstütigkeit, so daß das von dem Gombrichschen Ehepaar gegründete und gelettete Pensionat einen ausgezeichneten Ruf bis in die fernste«« Länder genoß. Groß «var die Zahl der Freunde des Go«nbrichschen Hauses, «velches stets erfüllt war von froher und liebenswürdiger -Gastlichkeit. Frau Direktor Gombrich