Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 45 (5.11.1926)
- Date
- 1926-11-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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I Frauen gemeinsam arbeiten, um vor allem Sie Not zu litt« Lern, die schlimme' als je zuvor in der Gemeinde herrscht. Wer die Entwickluna -er Jüdischen Reformgemeinde zu Berlin in den 80 Jahren ihres Bestehens kennt, wird ohne Verwunderung erfahren, daß diese Gemeinde auch in bezug auf die Stellung der Frau Pionierarbeit aeleistet hat. In ihrem Gotteshause waren die Frauen den Miinnern stets glcichgcstellt: nie gab es dort vergitterte Frauenvlätze und besondere Frauengalerien und soweit es die Raumeintei. lung gestattet, wie bei den Festgottesdiensten in den neueren Sälen im Westen sitzen Frauen und Männer. Gatte und Gattin. Eltern und Kinder zusammen. Auch der Hinweis Elbogens dass Frauen in alten Zeiten zur Thora gerufen wurden, hat bei uns Beachtuna gefunden. Bereits vor Jahren ist in dieser Gemeinde das gleiche Wahlrecht eingeführt worden Ich darf wohl behaupten, das; die Frauen es sich selbst und zwar auf die friedlichste Weise, errnngen haben. Sie hatten sich als Mitglieder der verschiedenen Kommissionen so bewährt, das, ihre männlichen Kollegen den Wunsch hegten, im Vorstände und im Repräseritattten- Kotlegium mit ihnen zusammenzuarbeiten So begrüße ich als langjähriges Mitglied der Rcformgemeinde zu Berlin es mit besonderer Freude und Genugtuung, daß den Frauen ständig mehr und mehr die Möglichkeit gegeben wird, ihrer Glaubensgemeinschaft in treuer Pflichterfüllung zu dienen. Martha Coblenz: Nachdem das aktive und passive Wahlrecht der Frau für die Wahlen zur Nepräscntantenvcrsammlung in zahlreichen Jüdischen Gemeinden Deutschlands — auch in der Kölner — seinen Einzug gehalten hat und seinen Sicgeszug zweifellos fortsetzen wird, ist die weitere Frage: Wie wird sich fortan die Teilnahme der Frau an dem Leben, der Gemeinde gestalten? Eine selbstverständliche Folge. Mit mir werden es darum viele liberale jüdische Frauen begrünen, das, Sie aus dem großen Fragenkomplex zunächst einmal die Frage nach der künftigen Stellung der Frau im Gottes hause zur öffentlichen Erörterung stellen. Eine baldige Klärung ist dringend nötig, da die Verworrenheit der Ansichten allzu groi; ist. Begegnete es mir doch jüngst, daß eine liebe Freundin, die als eifrige Vorkämpferin für das Frauenwahlrecht in der allervord,ersten Kampfreihe stand, als ich ihr die künftige tätige Teilnahme der Frau am Kuttns ausmalte. ganz verzweifelt ausrief: „Die Frau da oben an der Thora zu sehen — das überlebe ich nicht!" Nun, ich hoffe, diese ausgezeichnete Frau wird's erleben und — überleben und unserem öffentlichen jüdischen Leben noch hundert Jahre erhalten bleiben. Um es nun gleich zu sagen: nur die Unkenntnis der Entwicklungsgeschichte unseres Bekenntnisses im allgemeinen und der aottesdienstlichen Einrichtungen im bcsonderen verschuldet bis weit in die liberalen Reihen tauch der Männer) hinein den Mangel an Mut zu folgerichtigem Denken in religiösen Dingen. Man sieht jetzt in der Synagoge die Frauenemporen: man wird in unserer Zeit als Frau nicht zur Thora aufgerufen usw. — also mus; das seit Ewigkeit her so gewesen, also muß es eine „geheiligte" Tradition von alterö her sein. Wer sich darüber von einer allerersten lebenden Autorität eines Besseren belehren lassen will, der greife nach Jsmar Elbogens ausgezeichnetem Werk „Der indische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung" (I. Kauffnrann. Frankfurt a. M.). Wir werden staunen, wenn wir da sehen, wie der ganze Gottesdienst, wie unser Gebetbuch, die wir Nichtwissende als nahezu vom Sinat her als unveränderlich und abgeschlossen anzusehen gewohnt sind. ganz, ganz allmählich durch mehr als zwei Jahrtausende die heutige Gestalt, die nicht einmal überall, wo Juden wohnen, dieselbe ist. angenommen haben und deren Entwicklung noch keineswegs abgeschlossen ist. Wir Frauen aber werden erst recht Augen machen, wenn wir in doch WeA Elbogens lesen, daß die Frauen keineswegs zu allen Zeiten in -er Synagoge von den Männer» auf offenen oder gar vergitterten Emporen abgesondert, vom Aufruf -er Thora ausgeschlossen waren: wie selbst Mischna und Gemara nichts von einer Absonderung der Frauen im Gottesdienst wissen, wie ein so großer GesedeSlehrer wie Nascht sich gegen jede. Zurücksetzung und Kränkung der Frauen im Gottesdienste auSspricht. (Siebe Elbogen S. 170.428. 435. 4M—468.) Genng. wir Frauen wollen darum gar nichts im Judentum so Un erhörtes, wir reißen kein Steiuchen. geschweige denn einen Quaderstein auS der „festgefügten" Mauer des Judentums heraus, ja, wir leisten im besten Sinne des Wortes Aufbau wenn wir fordern, daß man die aktive Teilnahme der Frau am Kultus ernstlich ins Auge fassen solle. Alle Sie Gründe, die im Kampfe um das aktive und passive Wahlrecht für dessen Einführung geltend gemacht worden sind, sprechen auch für die Teilnahme der Frau am Kultus. Mehr als ie liegt — trotz der Tausende berufstätiger Frauen — in der Hauptsache der Frau die Erziehung der Kinder ob. Wie aber soll die jüdische Frau ihren Kindern lebendiges Interesse für die angestammte Religion und verständnisvolle Teilnahme am gottesdienstlichen Leben der Gemeinde einflößen können, wenn bei ihr selbst dieses lebendige Interesse durch Ausschluß von der aktiven Teilnahme am Gottesdienst systematisch ertötet wird? Denn unsere Religion ist und bleibt im Punkte der Ausübung eine Religion der Tat, darum darf die Frau an dieser Tat nicht gehindert werden. Kein noch so guter Religionsunterricht kann.das lebendige Tun ersetzen. Freilich, zu einer so tief eingreifenden und einschneidenden Aenderuna im religiösen Kultus gehört der allerfeinste Takt derjenigen, denen sie in der Hauptsache obliegt. vor allem der Rabbiner. Lehrer und Gemeindevvrstände. Religiöse Gefühle, auch wenn sie sich an Irriges und geschichtlich Unhaltbares klammern, sollen nach Möglichkeit geschont werden. Stimmen wir erst einmal im Grundsätzlichen überein, dann werden wir uns über Einzelheiten schnell einigen. Die Konfirmation der Mädchen ist heute schon ein zahlreichen indischen Gemeinden als eine,feste und licbgewordene Einrichtung eingeführt. In vielen Synagogen sitzen heute schon Frauen und Männer in demselben Raume zusammen, ohne daß ihre Herzcnsruhe und damit ihre Andacht gefährdet würde Auch weibliche Rabbiner — „ich überlebe es nicht!" höre ich meine liebe Freundin voll Entsetzen rufen — könnten vor allem in seclsorgerischcr Hinsicht segensreich wirken. Fangen wir zunächst einmal mit religionswissenschaftlich gebildeten Religionslehrerinneu an. Es wird ferner nur eine Frage der Zeit sein, daß sich die aktive Teilnahme der Frau am Kultus durchsetzt, und dann wird man ihr ganz von selbst auch einen Platz im Synagogenv or stand einräumen müssen. Ein Platz im Gemeinde Vorstand gebührt der Frau schon heute als natürliche Konsequenz ihres Einzugs in das Haus der Repräsentanten. Liebe liberale. Schwestern! Ich weiß cs. nicht nur meiner oben erwähnten Freundin, sondern vielen von euch, ja, manchem liberalen Mann halle ick Rufe ehrlicher Empörung entlockt: „Das'schreckt mich nicht!" Lasset euch von Kennern Bücher angeben, in denen ihr das Wesen des Judentums im allgemeinen, das des liberalen Judentums im besonderen kennen lernt. Nehmt znm Eindringq-r in unsere gegenwärtigen Fragen den „Elbogen" zur Hand und studiert ihn von Anfang bis zu Ende. 181 Lersammlungskalender j|j j Nerlirr. (Libera le Synagoge Norden.) Schönhauser Allee 162. Auerbachsches Waisenhaus. Gottesdienst: Freitag, den 5. November 1926. abends 7% Uhr. Predigt: Herr Rabbiner Dr. Salomonsti. Sonnabend, den 6. November 1926, vormittags IO Uhr. Berlin. (Jüdisch-liberaler Jugendverein.) Am Donnerstag, dem 11. November, findet um 8 Uhr in der' Fasanenstr. 79/80, eine allgemeine Veranstaltung des Jüdischliberalen Jugendvereins statt. Unser Mitglied Rosel Löwenstein hält einen Vortrag über: Unser Verhältnis zur Umwelt. Liegnitz. lLiberaler Verein der Synagogengemeinde zu Liegnitz.) Montag, den 8. 11. 1926. abends 9 Uhr, in den Räumen der Silesia-Loge: Vortragsabend. Redner: Rechtsanwalt Erich Spitz, Breslau. Thema: „Was uns der Sommer gebracht hat." Wir bitten um zahlreichen Besuch. BUCHER5CHAU ij Geschichte der israelitischen Kranken-Verpflegungsanstalt zu Breslau. Ton Rabbiner Dr. Louis Lcwin. 1926. Im Aufträge des Vorstandes der israelitischen Kranken- Verpflegungsanstalt und Beerdigungsgesellschaft in Breslau ist diese Schrift zum 200jährigen Bestehen erschienen. Sie. begnügt sieh erfreulicherweise nicht mit der äußerst interessanten Vereinsgeschichte, sondern wächst, besonders bei der Darstellung früherer Jahrhunderte, zu einer Geschichte der Juden in Breslau. Das mit zahlreichen Illustrationen versehene Buch zeugt von eingehenden Studien in den vorhandenen Quellen. Das Büchlein ist fiirwahr ..eine Mahnung an das heutige Geschlecht, der hohen und heiligen Aufgaben der Chebra Kadischa in immer stärkerem Maße sich bewußt zu werden, das Verständnis dieser Aufgaben in immer weitere Kreise zu tragen und des Dichterwortes in ne zu werden: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen." Mag diese Mahnung gehört werden! Es wäre wohl der schönste Lohn für die dankenswerte Arbeit des Buchverfassers und des Vorstandes der Anstalt. Moritz Simon. Kalendarium für die Zeit vom 6.11. &.13.11.1926 November 1926 Chefchwan 5687 Sonnabend 6 29. Wochenabschnitt: Tauldauß Haftarah: I. Samuel Kap. 20 (18—42) Sabbat-Ausgang: 5,13 Kislew 5687 Sonntag 7 1. Rosch Chodesch Montag 8 > Dienstag 9 3. Mittwoch 16 4. Donnerstag 11 0. Freitag ' 12 8. Sonnabend 13 7. Wochenabschnitt: Waijeze Haftarah: Hosea 12 (13—15) 13. 14 (1—10) Sabbat-Ausgang: 5,03 am -.das" ‘ ‘ WMWWWMA Der Verein selbständiger Handwerker jädischenfllapbens, e.Y.,BoriB . hat in seiner Organisation alle Berufe vereinigt und ist jederzeit in der Lage, leistungsfähige Handwerksmeister nadizuweisen. Geschäftsstelle: Louis Wolff — Berlin NO 18 — Gr. Frankfurter Straße 80/81. Amt Königstadt 249« Amt Königstadt 2490 Nachruf. Am heutigen Tage entschlief plötzlich Herr Rabbiner Dr. Karcns Petuchowski. Seit dem Jahre 1912 hat er als Rabbiner in unserer Gemeinde gewirkt. „Gotteslehre, Gottesdienst und Wobltun“, diese drei Säulen des Judentums, bildeten die Leitsterne seines Lebens. Nach ihnen hat er allzeit sein Wirken als Lehrer und Führer der Ge* meinde gestaltet Sein Andenken wird in unserer Mitte stets fortlcben. Berlin, den 29. Oktober 1926. Vorstand der Jüdischen Gemeinde. 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KÖMIGSTR.ECKE SPAHDAUERSTR. Seelaa: Vereinig««, w» bai liberal« Juden«« *.»„ Verlt, 60 48. m Verantwortlicher «edaltevr: Dtpl.«2iig. »r«no Ooyba. Berlin MB 28. Druck: «etzrlng ft RUsteit, Berlin BO SS. Bitterste. 7fc A7+D 57 2323532323535353482353535348534848484848532353535353534848485353302348532323235353535353484848482348484823239123532353485348484823485300915323235353484853