Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 45 (5.11.1926)
- Date
- 1926-11-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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auch in synagogaler Beziehung für die Frau alS wünschenswert erachten. Ich bin entschieden dafür, daß LaS A m t d e S Rabbiners ausschließlich in den Händen von Männern zu ruhen hat. Die Plätze der Männer und Frauen weiter wie bisher in getrennten Abteilungen zu belassen. Der Aufruf zur Thora soll nur an die Männer erfolgen. Wenn diese meine Anschauung von vielen meiner Mit» Schwestern, mit denen ich sonst für jede der Zeit entsprechende Gleichberechtigung im Interesse der Frauen wie der Allgemeinheit auf das entschiedenste eintrete, abweicht, bedauere ich es herzlich. Zu fest verankert mit den religiösen Formen der Vergangenen und auch der heutigen Zeit, würde ich für mein Teil eine Umwandlung nicht freudig begrüßen können. Im Gotteshaus sollte ausschließlich der Mann die religiösen Funktionen erfüllen. Die Mitwirkung der Frau im Synagogenvorst an d würde ich auf das wärmste empfehlen. Eine dringende Notwendigkeit scheint mir die weibliche Aussicht während des Gottesdienstes in den Frauenabteilungen. Hier könnte mit dem nötigen Takt viel gebessert, vor allem die dauernden Unterhaltungen vieler Damen unterbunden werden. Die vornehmste Aufgabe der Frauen sollte es sein, ihre Mitschwcstern auf Einfachheit in der Kleidung, im besonderen für das Gotteshaus hinzuweisen, alles Auffallende fernzuhalten und damit vorbildlich auf unsere Jugend zu wirken. Das Mitbringen von noch nicht schulpflichtigen Kindern, die die Andacht stören, sollte strengstens untersagt sein. Noch manches andere wäre erstrebenswert. Der Talmud sagt: „Das Auge der Frau hat für fremde Gäste einen schärferen Blick als das des Mannes." Vaula Gllendorf: Daß das Bedürfnis, das Gotteshaus aufzusuchen, wenigstens dreimal im Jahre, sehr stark ist bei Männern und bei Frauen, daß an diesen Tagen manche das Gotteshaus betreten, die das ganze Jahr über nichts vom Judentum wissen, ist immerhin ein Symptom dafür, daß das Judentum auch bei diesen Dreitagsjuden lebt, und daß die Möglichkeit besteht, dieses Leben zu kräftigen. Gerade von solchen Inden und besonders von indischen Frauen hören wir häufig: „Ich brauche nicht ins Gotteshaus zu gehen", oder: «Ich finde .Stimmung' auch in der Natur oder im Anhören von guten Konzerten oder im Betrachten eines schönen Kunstwerkes. Wozu soll ich also ins Gotteshaus gehen?" Auf die beiden letzten Argumente möchte ich kurz antworten, daß der Genuß und die Freude an Natur und Kunst gewiß etwas sehr Schönes und Erhebendes sind, daß sie als vorübergehende Erscheinungen aber die unmittelbare Verknüpfung mit Gott, unsere unmittelbare Abhängigkeit von ihm und der Ewigkeit uns entweder gar nicht oder nur für den Augenblick zum Bewußtsein bringen, und in diesem Sinne nicht Gottesdienst sein können. Kunst und Natureiudrücke können eine ästhetische Steigerung unserer Sinne sein, echte Kunst kann zu einem starken seelischen Eindruck werden, aber das starke und beglückende Bewußtsein unserer Verknüpfung mit der Gottheit, die Sicherheit ihres Daseins, sie wird durch Aestbetik nicht ersetzt, die.rein seelische Erschütterung wird nicht erreicht. — Nun ertönt der Einwand, alles dies bringt mir auch das Gebet in der Einsamkeit, im Alleinsein. Darin finde ich im Gotteshaus keine Steigerung, sondern eher Abschwächung. Anscheinend trifft das bei manchen Menschen dann zu, wenn sie sehr selten innerhalb der Gemeinschaft bzw. der Gemeinde zum Dienste Gottes erscheinen. Auch dazu gehört ein gewisses Sicheinlcben. „Wer alle Jahre einmal andächtig sein will, wird bald merken, daß er auch dieses eine Mal nicht andächtig ist, trotz des guten Willens nicht kein finfÄittt. Seine Gedanken wollen ihm nicht ins Gotteshaus folgen und streifen in der äußeren Welt umher. Er wird sich gespalten fühlen: seine Gedanken sind nicht da. wo er sich leiblich befindet — statt der erhofften Erbauung ein Gefühl arger Disharmonie." So kennzeichnet Steinthal das Verfehlte des Sichfernhaltens vom Gotteshause. Gerade darin liegt der entscheidende Punkt. Man mutz ins Gotteshaus gehen, um in der Gemeinschaft zu sein. Wie soll sich das Bekenntnis, das die Gemeinde braucht, dieser gegenüber äußern, wenn nicht im Besuch des Gotteshauses? Wie soll das geistige Band sich knüpfen, wenn nicht im gemeinsamen Gottesdienst? Wie soll eine Gemeinde überhaupt bestehen, als starke Gemeinschaft, die nur durch Verwaltung. Wahlen u. dgl. verbunden ist, wenn nicht der Zusammenhang gerade auch in den gesteigerten Momenten jüdischen Lebens, an Sabbat- und Festtagen, erscheint, sichtbar den Glaubensgenossen und der Umwelt? Es liegt Stolz in diesem Bekenntnis, in dem Gang zum Gotteshause und in seinem Besuch. Und ein anderes: Wie stellt sich die Beziehung her zum Rabbiner und Vorbeter, die jedes Gemeindemitglied haben soll? Nicht nur seinetwegen, sondern auch dieser Männer wegen. Deren Gefühle, wenn sie den Gottesdienst vor. leerem Hause halten, müssen stark und unerschütterlich sein, soll die natürliche Verbitterung nicht Platz greifen, die aus der Nichtbeachtung ihres Amtes und ihres Dienstes entstehen könnte. Schwung verlangt man vorn Rabbiner, vom Seelsorger. Seine Worte müssen unsere Seelen ergreifen, in ihnen Widerhall finden und dauernde Stätte. Wenn aber keine Stätte vorhanden ist? Wenn die mahnende und lehrende, die ermunternde und tröstende Stimme keine Stätte der Resonanz findet? Sind der Rabbiner, der Vorbeter nur der Gemeinde verpflichtet und nicht auch die Gemeinde ihnen? Ist die Bindung zur Gemeinschaft zwischen Führer und Geführten nicht auf beiden Seiten sestzuknüpfen? Manwe Augenblicke im Leben, Freude und Leid, lassen uns den Seelsorger suchen oder veranlassen ihn, uns zu finden. Was kann er uns, der uns nur dem Namen nach Bekannte, sein, da wir seine Wirksamkeit an heiliger Stätte kennen? Wie schwer wird er Eingang in die Herzen finden, die sich ihm bisher verschlossen hatten? Wie schwer ist sein Amt. wenn eine Gemeinde viele solcher verschlossenen Seelen besitzt? Wie leer mutz ihm die Gemeinde erscheinen, wenn das Gotteshaus leer ist! Wenn die Frauen wußten, was sie an Kraft für die Erziehung ihrer Kinder, für den Ausbau der jüdischen Familie aus dem Gottesdienst schöpfen konnten, wenn sie wollten! Manchmal kommt den Frauen zum Bewußtsein, daß ihnen etwas fehlt an der Fähigkeit, ihre Kinder zu Juden zu erziehen, nur daß sie nicht recht wissen, daß es nicht nur ihr Mangel an jüdischem Wissen, sondern an jüdischem Zusammenhang ist, der ein Hemmnis bildet. Es fehlt ihnen die Sicherheit des Gemeinschaftsgefühles, die Möglichkeit, ihren Kindern diese Gemeinschaft zu zeigen, zu zeigen in gesteigerten Augenblicken, nicht nur im äußeren Ablauf des Lebens. , „ . lfl, Freilich müssen es gesteigerte Augenblicke sein, freilich muß im Gotteshause der Gottesdienst die Würde seines Zweckes tragen und auch die Gemeinde in jedem einzelnen ihrer Teile, ob Mann oder Frau, Träger dieser Würde sein. Die Mauern des Gotteshauses schlietzen den Alltag aus und. die ste betreten, müssen diese Mauern anerkennen, nicht nur der anderen, sondern ihretwegen und Gottes wegen. In dieser „Stimmung" erscheint es nebensächlich, wie sich die einzelnen Formen des Gottesdienstes gestalten, ob Männer und Frauen miteinander, ob sie getrennt sitzen sollen, ist von untergeordneter Bedeutung, wenn Mann und. Frau von de« Ort und Sinn der Gegenwart durchdrungen sind. Wenn mit ihnen die Alltäglichkeit mit ihren kleinen und groben Erlebnisse» über die Schwelle degeweihten Kaufedringt, wenn sie nicht den Willen -um Anderssein und AnderSfüylen mit sich bringen, wen» ihnen der Weg zu Gott nicht im Augenblick das einzige ist. daS sie suchen, so werden sie Gott nicht finde», aber auch den anderen -en Weg verdunkeln und versperren. Warum sollten Frauen, die in sich die Verantwortlichkeit für daS Leben empfinden und den Willen zum Judentum haben, nicht Mitwirken können in der Anordnung oder Geftaltuna des Gottesdienstes. Als Aufsichtsperson im Ghreiramte würden sie besonders im Frauenraume wahrscheinlich von größerer Wirksamkeit durch ihr eigenes Vorbild sein als die Aufseher, die oftomehr stören alS nützen. Und im Synagogenvorstand? Gehört nicht zu jedem Leben die Mitwirkung von Mann und Frau? Kann eine Familie, eine Gemeinde, ohne diese Mitwirkung bestehen und sollte ihr stolzestes Symbol, die Synagoge, durch das Zusammenwirken nicht auch ein stärkeres Leben erfahren und damit der Aufbau der Gemeinde ein sicherer und festerer werden? Diese Fragen sind gegenüber der grundlegenden Gewißheit von geringer Bedeutung, jener Gewißheit, daß die Gemeinde den Gottesdienst besuchen muß. Männer und Frauen, denn ohne sie kann er nicht bestehen. Im Leben jeder Mutter ist der Augenblick, da ihr Kind und sie eingesegnet werden, da ihre Söhne und Töchter vor dem Allerheiligsten stehen, um das Glaubensbekenntnis abzulegen. ein Hauch der Ewigkeit, er ist ein erschütterndes Erleben der Erwartung dessen, was die Welt an Glück für ihre Kinder birgt und über sie ausschütten wird, denn nur an das Glück denkt sie in solchen heiligen Zeiten. Und der den Scgensspruch betet und die Konfirmanden einführt in ihre Pflichten als Söhne und Töchter Judas, ist ihnen fremd! Sie sehen und hören die beiden Leiter des Gottesdienstes, der für sie jetzt eine persönliche Bedeutung hat. zum ersten und vielleicht zum letzten Male für lange Zeit, und sie berauben sich und ihre Kinder des Glückes einer Bindung, die das schönste Ereignis ihrer Jugend ist. Darum ist auf alle Fragen, die auf das Thema „Die Frau und der Gottesdienst" hervorgehen, als erste Antwort zu geben: Besuchet das Gotteshaus, nehmt teil am Gottesdienst, zeigt euch dort als Gemeinde. Denn im jüdischen Leben ist der Mittelpunkt die Gemeinde. Emil Blumenau: Die in verschiedenen Großgemeinden wegen des aktiven und passiven Wahlrechts der Frauen geführten Verhandlungen sind in letzter Zeit Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit geworden. Von Niemandem wird bestritten werden, daß die Frauen in der Wohlfahrtspflege und auf sozialem Gebiet Ungeheures geleistet haben. Daß sie bei dieser freiwilligen Uebernahme großer und nicht leichter Pflichten auch die Einräumung weiterer Rechte bei der Gemeindeverwaltung außer ihrer bisher schon geübten Tätigkeit in Kommissionen erstreben, ist zu verstehen, auch daß sie sich darin mit dem Wunsche des größten Teils der Gemeinde fdbft trcffey, die, ohne den Frauen damit einen Gefallen erweisen zu wollen, selbst den Wunsch hat. die Fähigkeiten und Leistungen der Frauen in größerem Ausmaß durch Verleihung des aktiven und passiven Wahlrechts nutzbar zu machen, ist zu verstehen. Und das wäre auch wohl schon längst geschehen, wenn dem nicht erstens das durch den Minister inzwischen weitherziger ausgelcgte Jndengesetz lauf die Einzelheiten kann hier nicht näher eingegangen werden), dann aber der Widerstand orthodoxer Kreise entgcgcngestanden hätte, welche, ans Gutachten von Rabbinern ihrer Richtung gestützt, mit dem aktiven Wahlrecht allenfalls einverstanden gewesen wären, in der Verleihung des passiven Wahlrechts dagegen eine Verletzung der Religionsgesehe erblickten. So verlangte bei den süngst stattgehabtcn Beratungen die konservative Partei der hiesigen Repräscntantenversammlung eine statuarische Gewähr dafür, daß für den Fall ihrer Wahl eine Frau in Kultusangelegcnheiten nicht mitznsprechen habe, und insbesondere dafür, daß eine Funktion in der Synagoge, wie z. B. Segenstehen. ausgeschlossen sei Von der Mehrheit wurde das aber abgelehnt. weil das alles ganz selbstverständlich sei. Bis an welchem Grade kann man aber eine solche Selbstverständlichkeit gelten lassen? Vor lllll Jahren hat es doch, auch bei den Liberalen, si'ir selbstverständlich gegolten, daß die Männer unten, die Frauen, meist nach durch eni Gitter dem Auge entzogen oben säßen: daß cs eine Mädchenkonfirmation. die sich in-wilchen in sesir vielen Gemeinden zu einer segensreichen und kür die Konfirmierten sehr wertvollen Einrichtung entwickelt hat. nicht gäbe: daß die Frau in Gemeindeanaeleaenheiten nicht auch nickt in Kommissionen. mitznreden habe, mw Und doch haben sich mit der Aenderuna dieser oder der Nenschakfung anderer Einrichtungen auch konservatine Kreise nickt nur ahgesnuden. sondern auch innerlich versöhnt, wie denn der Widerstand aeaen solcke Neuerungen sich nickt immer aus religionsgesetzliche Bestimmungen, sondern, und sogar meistens, darauf stützte, daß es dem Herkommen widerspreche. Die neue Einrichtung bekam dann eben auch bald den Charakter eines Herkommens. Jüngst lasen wir unn. daß am Versöhuunastaae in London eine Frau die Predigt in der Synaaoae gehalten habe. So ganz selbstverständlich ist es also nickt, daß man mit Nenernnqen n i e soweit gehen werde, wie die Konservativen es beute fiirchten. lind dennock halte ich eS nicht kür ratsam, sich dnrck Aufnahme entsvrcchender Bestimmungen in die Gemeindesatzvnaen den Weg zn weiterer Entwicklung zu versverren. Es könnte doch einmal eine Z/rit kommen, wo eine aans andere Ankkassung in Knlti'sangelegenheiten ckllaemein Platz griüe. Hat sich dock de/Knltus gegen die früheren Zeiten anck in den orthodoxen Synaaaaen aemaktia geändert. Und da soll man sich nicht eine Schranke schaffev wie es der Scknlchgn ^rnch a^ian hat. indem er das starre Svstem ein führte, an dem nicht zu rütteln ist, das daher anck dem G-nnüt und dem Gesnbl keine weitere Entwicklnnasmöalichkeit läßt. Ich lebe dabei ganz davon ab. daß man die Einzelheiten deS Kultus' üVerhanvt nickt durch Gemeindesatznnaelr. sondern höchstens dnrck eine iederzeii leichter abänderbare Snnaaoaevordnnna kestleaen kann ES muß eben der Einsicht und dem Takt der Gemeindeverwaktuna überlassen bleiben, ob. wann und bis zn welchem Grade sie dem Umstande Rechnung tragen kann, daß alle. Liberale und Konservative. Erbauung im Gottesdienste finden. Was nun die Betätigung der Frauen bei allen K^Unsangeleaenheiten angebt. wohin s. B. der Thovaanfruf. das c^eaensteben usm. gehört, so glaube ich. daß das sogar den Wünschen der Frauen selbst widersprachen würde. Diese Fragen würden sich aber, ohne daß es in den Satzungen festgaleat zn werden brauchte, durch die Handhabung seitens der Berwaltnna nyn selbst regeln, die dock immer bestrebt sein mnß. />en Gefühlen der Gemeinde Rechnung zn tragen. Darin, daß * B. die Aufsicht beim Gottesdienst, wenigstens in der Frauenabteilung, durch weibliche Personen ansgeübt werde, würde ich nichts Bedenkliches sehen, wobei ich allerdings den Wunsch hätte, daß diese Aufsicht ehrenamtlich durch eine Dame auSgcübt würde, die der Verwaltung angehört und daher eine gewisse Autorität für diese Tätigkeit mitbringt. Ich würde daS sogar sehr begrüßen,' denn daS mag doch Lei dieser Gelegenheit gesagt werden: Störungen des Gottesdienstes durch Unterhaltung, durch — obwohl verbotenes — Mitbringen kleiner Kinder, die sich dann wohl mit den Füßen auf die Sitze stellen und über die Brüstung lehnen usw., kommen doch weit mehr bei den Frauen, als bet den Männern vor. Wenn dann der Aufseher zur Ruhe mahnt, dann wird das häufig als Unhöflichkeit, wenigstens aber als Unfreundlichkeit aufgefaßt, über welche bann oft genug der Ehemann Klage führt, während doch die Frau selbst die Zurechtweisung herausgefordert hatte. Da halte ich es doch mehr mit der Frau, welche kürzlich sagte: Ich verstehe nicht, wie sich die Nachbarinnen immer unterhalten können. Wenn i ch in der Synagoge in meinem Gebetbuch lese, dann kümmere ich mich nicht um meine Umgebung. Die meisten Frauen würden sich sicherlich von einer Dame leichter etwas sagen lassen, als von einem oft über die Achsel angesehenen Aufseher, wobei hervorgehoben werden mag. daß in einem Gotteshause zur Aufrechterhaltung der Ruhe eine besondere! AuÄicht gar nicht nötig sein sollte. Wenn also die Gemeinde einsichtige Mitglieder versöhnlichen Wesens in die Verwaltung wählt, so scheint mir hierdurch die beste Gewähr dafür geschaffen, daß die örtlichen Verhältnisse, soweit überhaupt möglich, zur Zufriedenheit aller Berücksichtigung finden. Aus dem Gesagten ergibt sich für mich, daß man allgemeine Normen für die Beteiligung der Frau an Kultusangelegenheiten der Gemeinde nicht aufstellen kann. Wenn es nach mir ginge, so würde ich heute ihre bis dahin dem Manne vorbehaltene Heranziehung zu allen Funktionen, des Gemeindelebens wünschen. Nur, daß das Amt des Rabbiners einer Frau übergeben, und daß die Frau zu der Thoravorlesung, sei es aktiv, sei es durch Thora-Ausruf zugezogen werde, auch daß sie überhaupt Segen stehe, widerstrebt mir. und wie ich glaube, bei der großen Mehrzahl der Synagogenbesucher dem Gefühl. Ick will aber bekennen, daß das eben nur Gefühlsmomente sind, und ick mich dabei nicht auf rcligions-- gesehliche Bestimmungen stützen kann, wofür mir. dem Laien, die Voraussetzungen fehlen. Bianka Hamburger: Unter dem Drucke von wirtschaftlichen Sorgen und von! beruflicher Belastung klagen die führenden Männer jüdischer Gemeinden jetzt oft darüber, daß sie ihre ehrenamtliche Tätigkeit und deren Anforderungen an Zeit und Kraft nicht mehr bewältigen können. Demnach fehlt es zugegebenermaßen an Mitarbeitern! Trotzdem galt es. enorme Schwierigkeiten zu überwinden, ehe den Frauen die erstrebte Mitwirkung ermöglicht wurde. War der Erfolg ihrer Arbeit, besonders auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege und des Erziehungswescns. auch unbestritten, so hat man doch! erst in neuester Zeit begonnen, den Frauen eine selbständige Stellung in der Gemeinde, Sitz und Stimme in der Verwaltung zu gewähren. ' Relig'iös-Kvüservative bekämpfen noch heute die Gleich-- berechtigung der Frau. Sie begründen ihren Standpunkt! mit der geschichtlichen Ueberliefcrung im Judentums.. Diese^ Meinung ist irrig. Die Zurücksetzung der Frau, das Prinzip, lediglich ihre wirtschaftlichen Fähigkeiten, und auch! diese nur in der Enge der Häuslichkeit, gelten zu lassen^ stammt aus einer Zeit, in der die Juden, inmitten fremder; Völker wohnend, naturgemäß deren Anschauungen zu den ihren machten. Ihre geschichtlich große Zeit war damals^ längst vorüber, und gerechterweise muß man auf diese zu* rückgrcisen, wenn man Sitten historisch begründen will. Es ist ein Ruhmesblatt in der Geschichte des jüdischen! Volkes, daß in ihm die Frau stets hoch in Ehren gehalten und gerühmt wurde. Man denke an die Sprüche Salvmos und an die biblischen Erzählungen. die uns die Frauen-' gestalten einer Sara und einer Ruth überliefert haMr. Auch die Zurücksetzung der Frau im GotteAhause entspringt einer späteren Zeit. Professor Jsmar Elbogen beschäftigt sich in seinem Werke „Der jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung" gerade mit dieser Frage und sagt darüber auf S. 466: „Eine eigentümliche Gestaltung^ gewinnt der innere Ausbau der Synagogen heute durch &ier, Anlage einer Abteilung für Frauen, die sich zumeist auseiner Galerie befindet. Das ist nicht immer so gewesenes alte Synagogen haben den Raum für die Frauen hinters! dem der Männer auf demselben Geschoß .... Am Gottes-i bienste der Synagoge haben Frauen von Anfang an alÄ vollberechtigte Mitglieder teilgenommen." — Erst in späterer: Zeit, als islamitisch-orientalische und christlich-mönchische:' Einflüsse sich geltend machten, wurde die Stellung der Frack im Judentume eine andere. Das Verbot, den Gesang einer' Frau zu hören, macht heute noch ein gemischtes Quartett: auf dem Friedhofe in Weißensee unmöglich. Man wird!' das schwerlich aus der Bibel begründen können, in der Mirjams Preislied mit dem Chore der Frauen rühmend)' hervorgehoben wird. Wohl aber kennen wir von nichtjüdischer Seite das Wort: „Mulier taceat in ecclesia“, daK Schweigegebot für die Frau in der Gemeinde. Und unvereinbar mit jüdisch-biblischem Geiste ist der Lobspruch best Mannes im alten Gebetbuch: „daß Er mich nicht geschaffen!, zum Weibe", während das Weib ergeben zu danken hatr „daß Er mich geschaffen nach seinem Willen." Außerhalb des Hauses erinnerte dann nichts mehr an die Verehrung die der Frau einst in der Gemeinde gezollt worden rvar^ Im Familienleben allerdings, als Gattin und Mutter, ge-' noß sic auch später noch höchste Achtung und Wertschätzung^ Bei häuslichen, religiösen Feiern stand und steht die Frau dem Manne als ebenbürtige Gefährtin zur Seite, wie schon Salomo sie besingt: „Sie öffnet mit Weisheit ihren Mund, und die Lehre der Liebe ist auf ihrer Zunge." Im späteren Mittelalter setzte eine Bewegung ein, mN die Fähigkeiten der Frau in weiterem Umfange zu verwerten. Als Anfang aller Sozialarbeit gewann die Charitas durch die Organisation der Klöster bald große. Ausdehnung, bleibt aber eine einseitige, da sie lediglich von Nonnen ausgcübt wurde, die dem realen Leben oft weltfremd und ratlos gegenüberstanden. Viel sväter erst wurde der Kreis sozial wirkenden Frauen erweitert. Die Kommunen und die religiösen Gemeinden erkannten ihre Pflicht, aesundheitlich Bedrohte und wirtschaftlich Schwache zu versorgen. und die jüdische Frau, befreit von der Enge des Ghettos, ergriff mit Verständnis und Freude die Gelegenheit. im Dienste ihrer Glaubensgemeinschaft zu arbeiten. Leider ist cs bis jetzt noch nicht restlos gelungen, alle Vorurteile zu überwinden. Bei den Wahlen zum Landesverband z. B. stand keine einzige Frau auf der Liste der Konservativen Partei: aber die letztere bemühte sich, die Stimmen der Frauen für ihre Kandidaten zu gewinnen. Auch bet dieser Gelegenheit zeigte sich wieder, daß Liberalismus und Fortschritt identisch sind. Die Liberalen waren es. die das Wahlrecht der Frau nach heißen Kämpfen erreicht haben, und für sie war es eine Unmöglichkeit, aktives und passives Wahlrecht zn trennen. Eine solche Scheidung hätte einer glücklicherweise überwundenen Rückständigkeit früherer Zeiten entsprochen. So vermissen die liberalen Frauen im Landesverband leider die Vertreterinnen der erwähnten Partei, mit denen sie gerne gemeinsame Arbeit zum Besten der Allgemeinheit geleistet hätten. — Auch innerhalb der Gemeinden setzen fast überall fortschrittliche Bestrebungen ein. Im neuen Repräsentantenkollegium der Berliner Indischen Gemeinde werden zum ersten Male Männer und