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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-11-05 · 45 (5.11.1926) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
45 (5.11.1926)
Date
1926-11-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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t Hat sich in den jüdischen Gemeinden mit der Zeit ein Stamm mittätiger, geistig bedeutender» ethisch hochstehender, geschulter und tüchtiger Frauen gebildet, kennt man ihren Wert und ihre Besähignvg. waS sollte dann die Männer der Gemeinden hindern, ihnen auch den Aufruf zur Thora freizugeben, sie, die Mütter ihrer Kinder, an heiliger Stelle zu sehen? WaS ste hindern, mit gleichem Interesse und gleicher Bewunderung der Predigt einer begabten Frau zuzuhören, wie -er eines Mannes? Sehr segensreich könnte eine RaL-inerin wirken, wo es stch um seelsorgerische Tätig« keit handelt. Dafür wäre, meines Erachtens, die Frau hervorragend geeignet, da sie anpassungsfähig und feinfühlig iist, da sie zarter an Fragen der Seele rühren, innere Kämpfe beschwichtigen, Trost und Zuspruch uritverstehender spenden könnte als der Mann. Das Seelsorgerische fehlt ja leider in unseren großen Gemeinden fast gänzlich, und ich könnte mir sehr wohl die Frau in diesem neuen Wirkungskreise denken, sei eS auch nur als Helferin der Rabbiner. Manch ein junges, ringendes Menschenkind würde vielleicht den Weg zu einer edlen, klugen, im Religiösen bewanderten Frau und bei ihr Hilfe für ihre bedrängte Seele finden. Zusammenfassend möchte ich sagen: Jüdische Männer, gebt den Frauen alle Rechte im GotteShause. schöpft aus dieser noch unverbrauchten Geistes- und Seelenauelle! Jüdische Frauen, seid Euch der Pflichten bewußt, die Ihr im Tempel Gottes und im Tempel Eures Hauses in Verbindung mit Euern neuen Rechten zu erfüllen habt! Henriette May:! Da Sie eine größere An.zahl Frauen und Männer aufigefordcrt haben, sich zu dem Thema „Die Frau im Gotteshaus" zu äußern, so werden Sie vermutlich zwei Kathcgoricn — Sachverständige und Laien — um Meinungsäußerungen ersucht haben. Zu den letzteren zähle ich im Gotteshaus mich, ich kann also meine Aufgabe nur dahin auffasscn. Ansichten und Wünsche zu Gehör zu bringen, von Venen eine Besserung derzeitiger Mißstände zu erhoffen ist. Was sind nun die Frauenaufgaben im Gotteshause? Als Wunschbild unbegrenzte! Es ist denkbar, daß eine lZeit kommt, in der vollkommen aut vorgebildet-e weibliche Rabbiner einer verständnisvollen Gemeinde die heilige Lehre übermitteln und würdige Repräsentanten unseres Geschlechts zur Gottesnähe führen und die Seelsorge in ihrer Gemeinde ausüben werden. (Für unser Blickfeld ungewohnt ist allerdings schon allein lder Sitz, den Lady Montague in der Claude Montesiore Synagoge in London während des liberalen Kongresses ein- >nahm. und von Amtseinstellungen der evangelischen geprüften Predigerinncn hat man noch nichts gchört.s Als Realpolitikerin stelle ich mich auf Realitäten ein. Wir ihaben — manchmal allerdings nur nach papierenem — Recht, die Frau in der Gemeinde, wir können verantworttlich Mitarbeiten in Fragen der religiösen Erziehung, des kUnderichts- und Kulturwesens. Bei dem Kamvf für den Eintritt in die Gemeinden standen hinter den Schlagworten: Ausgestaltung des Gottesdienstes. Anstellung von Rabbinern. Wahlen in d'e Synagogen-Kommission und die Kommission für die baulichen Angelegenheiten. Probleme, die noch der Lösung harren; welchen Gewinn würde das-in Mitarbeit umgesetzt. Verständnis der Frau für Jnnenikultur und für würdige Gestaltung des Gottesdienstes bedeuten. — Zum Zusammensitzen von Männern und Frauen kann nur aus persönlichsten Gefühlen und Bedürfnissen Heraus und nicht mit Verstandesgründen geurteilt werden. kWer wie ich. die alte Synagoge in der Heideveutergaffe noch mit den Gittern gekannt hat. und am Versöhnungstage die «in die Stcrbegewänder gehüllten Männer und Frauen, den üErläßt das tiefe Gefühl jüdischer Mystik ni.e mehr, und .nicht der Wunsch, im Gotteshaus allein mit seinem Gott .,iMd vor seinem Gott stehen zu wollen. Schon der Besuch einer Synagoge in einer anderen Stadt, schon einer anderen Stadtgegend. in der man nicht gekannt ist und niemanden kennt, wirkt befreiend von aller Konvention der »Umgebung und gibt die Keuschheit und die Demut des Alleinseins. — Sehr wünschenswert wäre die Einstellung weiblicher Aufsichtspersonen in den Frauenabteilungen, zumal man ihnen wohl ein ruhigeres Anweisen der Plätze und Handhaben der Gebetorönung beim Aufsteben und -Niedersctzen zusprechen kann, Anweisungen, die heute manchmal in Formen gegeben werden, die geradezu störend wirken. Auch die in manchen Städten gewählte Form der »ehrenamtlichen Mitarbeit von weiblichen Gemeindcmitjgliedern zur würdigen Gestaltung des Gottesdienstes, für Disziplin, für Unterbinden von Unterhaltungen. Ausschaltung störender Besuche usw. zu sorgen, wäre auszubauen resp. aufzunehmen. Zu den Störungen, die in verständnisvoller Form abgcstellt werden könnten, gehört auch das -scharenweise Verlassen des Gottesdienstes von Jugendlichen vor der Seelenfetcr. in einem Augenblick, wo an den tiefsten -Wurzeln des religiösen Gefühls gerührt wird. Ein Orgelzwischenspicl könnte hier abhelfen, in den Nicht-Orgelsynagogen ein Gesang. — Auch die Kleidung der Frauen für den Besuch des Gotteshauses kann nur durch Beeinflussung. durch Vorbild, durch Erziehung -um Besseren gerichtet werben, hier darf nicht die Mode, sondern feinster fraulicher Takt allein entscheiden. — Unsere Zeit ist die Zeit des UmgewvhnenS. Durch die hier gestellte Umfrage wird manche brauchbare Anregung kommen. Es werben Auseinandersetzungen folgen. auS denen man Werte gewinnen kann, die schnell verwirklicht «erben müßte», damit der Gottesdienst an würdiger Stätte, in würdiger Form, in würdiger Umgebung zu dem Ziel uns führt, das wir auch im Gottesdienst suchen. Gott dienen! Rechtsanwalt Dr. Moritz Galliner: Ein beliebtes Thema für heitere, seist» und gehaltvolle Gelegenheitsreden, bisweilen auch für ernste Betrachtungen, ist daS Thema: „Die Frau im Judentum". ES wird der jüdischen Frau hohes Lob gespendet, es wird ihr gesagt, daß auf ihrer Frömmigkeit das Heil des Volkes beruhe, daß sie die feste Säule der jüdischen Religion und dadurch der Segen des Judentums sei. Mancher jüdischen Frau kommen bei diesem hohen Lob vielleicht einige Zweifel, da sie dort, wo eine religiöse Betätigung hauptsächlich in Frage kommt, nämlich im Gotteshaus, von jeder religiösen Betätigung ausgeschlossen ist. Sie denkt vielleicht auch daran, daß der fromme Beter männlichen Geschlechts im täglichen Morgengebet dem weisen Allvater dankt, daß er ihn nicht zum Weibe gemacht habe. Dann kommen aber die klugen Schriftdeuter und erklären ihr, daß dieser Dank nicht wörtlich zu nehmen sei. Dem lieben Gott werde, so sagen sie, dafikr gedankt, daß dem Manne größere Pflichten anferlegk werden als der Frau, die von mancherlei religiösen Geboten befreit sei. Und wenn die jüdische Frau etwa in dieser Befreiung von religiösen Pflichten wiederum eine Geringschätzung erblicken sollte, dann sagen dieselben Schriftgelehrten: „Wenn sie auch nicht alle religiösen Pflichten zu erfüllen habe wie der Mann, so stehe sie doch in der ethischen Auffassung des Judentums als Kind Gottes dem Manne ebenbürtig zur Seite." tVgl. Max Eschelbacher in seinem Aufsatz „Die Frau im Judentum") Fürwahr eine feinsinnige Betrachtungsweise. Die Konsequenz dieser Auffassung heißt: die Religiosität der Frau besteht, in der,, ethischen Auffassung des Judentums, bei dem Manne dagegen genügt die ethische Auffassung nicht, er ist nur religiös, wenn er seine ethische Auffassung verbindet mit der Uebung religiöser Gebräuche, mit der Beobachtung religiöser Gebote. Das scheint wohl letzten Endes auch die Grundeinstellüng des alten Judentums zu sein, so ist es vielleicht zu erklären, daß im alten Judentum die Frau von allen religiösen Handlungen und religiösen Hebungen ferngehalten, und daß selbst in den Fällen, wo sie religiöse Gebräuche geübt hat, diese Uebung als etwas Unvollkommenes, Unvollständiges, etwas Halbes und etwas Untergeordnetes empfunden worden ist. Aber auch heute noch ist in allen Synagogen mit Ausnahme des Tempels unserer Berliner Reformgemeinöe die Zurückdrängung der Frau im Gottesdienst eine ganz offenbare. Ihre Beteiliauna ist für die Abhaltung des Gottesdienstes unerheblich, sie zählt nicht mit. ihr Erscheinen im Wochen tag s-Gott csdienst ist eine glatte Unmöglichkeit, aber auch am Sabbat und an den Festtagen betritt sie nicht den eigentlichen Bctraum, sondern nur die Galerie, die in manchen Synagogen mit einem mehr oder minder durchlöcherten Gitter versehen ist. Keine Frau hat an ihrem eigenen Hochzeitstag die Möglichkeit, an dem Gottesdienst teilzunehmen, der kurz vor der Trauung stattzufinden pflegt, keine Frau hat die Möglichkeit, einem Trauergottesdienst in ihrem eigenen Hause beizuwohnen. Unsere Liberalen werde hieraus sagen, das, was ich hier schildere, sei die Einstellung der weltfremden und gesetzesstrengen Orthodoxie: manche der Liberalen, die die neueste Geschichte des jüdischen Liberalismus in Deutschland kennen, werden auf die konstituierende Versammlung der Vereinigung für daS liberale Judentum vom 3. Mai 1908 verweisen, wo Seligmann die Worte gesprochen: „Nicht in der Schule, nicht in der Studierstube, sondern in der Kinderstube wird das Schicksal des Judentums entschieden . . . dort herrscht der Geist der Mutte r. Darum müssen wir die jüdische Mutter und die künftige jüdische Mutter, das Mädchen, für die Sache des Judentums wiedergewinnen Wir wüsten die jüdische Frau und die jüdische Tochter stärker als bisher zum religiösen und Gcmeindeleben heranziehen Der Frau, der geborenen Hüterin der Religion und Frömmigkeit mutz durch persönliche Beteiligung an den Institutionen des Judentums das Judentum zur Herzenssache gemacht werden." Vielleicht werden mich unsere Liberalen weiter auch an das Programm für das liberale Judentum erinnern, au die „Richtlinien", welche im Jahre 1912 von einer großen Zahl angesehener, gelehrter und bedeutsamer Rabbinen aufgestellt und unterzeichnet worden sind und in denen folgendes festgestellt wird: „Die Teilnahme der Iran am religiösen und Gemeindeleben ist unentbehrlich. Wie an den religiösen Pflichten, soll ihr auch an den religiösen Rechten der volle Anteil eingeräumt werden." Das ist eine klare Erkenntnis. Hier ist auch ein klarer Wille. Doch, was ist daraus geworden? Es sind 14 Jahre vergangen, ohne daß auch nnr der Versuch unternommen worden ist, die klare Erkenntnis, die damals nach jahrelangem Ringe» zum Durchbruch gekommen war. in die Tat umzusetzett. Nur eine einzige Institution können die Liberalen nennen, die in dieser Richtung liegt. daS ist die Konfirmation der weiblichen Jugend. Hier sehen wir aber etwas ganz Ergenartiges. Die Mädcheneinsegnung findet nicht, wie dre Einsegnung der Knaben, im Rahmen einer gottesdienstlichen Veranstaltung, etwa tm Rahmen des Sabbatgottesdienstes statt, sondern im Rahmen einer „Feier", und zwar an einem anderen Tag4, ohne Gebetbuch, ohne Thoraaushebung, ohne Thoraaufruf. Nur der Prediger trägt den zusammen, gefalteten Gebetmantel und weder er noch die Konfirmandinnen. weder die Gemeinde noch der Chor, reden in der geheiligten Sprache der Väter, sondern in der deutschen Mutersprache, wie man wohl feststellen kann, auch in der Synagoge einen wundersamen Klang hat und ihren Eindruck nicht verfehlt. Und doch bin ich der Meinung, werden die jungen Mädchen nach einer solchen Einsegnung nicht das empfinden können, was der junge Knabe empfindet, wenn er im Rahmen des G o't't e s d i e n st e s vor der versammelten Gemeinde sein Bekenntnis ablegt und als vollwertiges Mitglied der Gemeinde ausgenommen wrrb. Es ist tief bedauerlich, daß die Liberalen hier nicht den Mut und die Kraft gehabt haben, die klare Erkenntnis jener herrlichen Zeit des Jahres 1912 in die Tat umzusetzen. Smsie der Meinung, daß die Frauen unentbehrlich sind für das Gotteshaus und den Gottesdienst und daß die Frauen dazu berufen sind, ihren Kindern ein Vorbild zu sein, dann niüsien auch die jungen Mädchen innerhalb des gemeinschaftlrchen Gottesdienstes vor versammelter Gemeinde ihr Glaubens» bekenntnis ablegen, dann muß auch ihre Einsegnung emv gottesdienstliche Veranstaltung sein, nicht eine Feier, die ebenso gut als ernste Abendunterhaltung aufgezogen werden könnte. Die Verbundenheit mit der religiösen Gemeinde muß hergestellt werden. Freilich wird sich daraus mit Notwendigkeit folgendes ergeben, und damit bin ich auch schon bei dem Resultat meiner kurzen Betrachtung angelangt: Die religiöse Betätigung der Frau im Gotteshaus darf nicht unästhetisch, nicht disharmonisch wirken. Es i\t danach undenkbar. d«aß sie den Gebetmantel tränt, undenkbar, daß sie an Umzügen im Tempel — etwa am Sukkothfest— teil nimmt: ja, ich halte es auch für undenkbar, daß eine Frau anders als in ihrer Muttersprache betet. Was aber in gottesdienstlicher Hinsicht der Iran frommt, frommt auch dem Mann. Daß bas durchführbar ist. ohne jeden Schaden für die Religiosität und die Andacht der Gemeinde, das zeigt der Gottesdienst unserer Reformgemeinde. In diesem Zusammenhang möchte ich nur soviel sagen: So lange in der Synagoge gewisse Formen beibehalten werden, die sich für die Frauen nicht eignen, ist eine Durchführung der Gleichberechtigung der Frau innerhalb des Gottesdienstes nicht möglich. Hier müssen sich die Frauen darauf beschränken, in der Repräsentanz und im Gemeindevorstand zu wirken, vielleicht auch als Synagogenvorstand im Synagogenverein, im Gotteshaus aber müssen sie „schweigen". Wollen wir aber die Frauen teilnehmen lassen an unserm Gottesdienst, dann muß der Gottesdienst selbst, etwa im Sinn unseres Gottesdienstes in der Berliner Reformgemeinde, umgestaltet werden. Im Tempel der Reformgemeinde gibt es keine Disharmonie: bei uns ist die Frau im Gotteshause und im Gottesdienst dem Mann gleichberechtigt. Sie darf alle gottesdienstlichen Funktionen verrichten, sie darf bei der Thoraaushebung Mitwirken, sie dürfte auch der Gemeinde Gottes Wort verkünden und der Gemeinde den Segen geben. Die Frauen sind uns in-Wahrheit Glaubensgenossen. ihnen verdanken wir die Weckung und Berfföpftttttitnrt imtrrfiMfi iittferer FViiäCltfL Minna Schwarz: Das Gewaltige, Umstürzende, das wir erlebten und noch erleben, hat auch in unsere jüdische Gemeinschaft umfornöend eingegriffcn. Es sind den Frauen Rechte zugestanden worden, die sie nach jahrelangen Kämpfen errungen haben. Wie kein. Mensch leben kann ohne Kopf und Herz, so kann auch daS Judentum nicht leben, weder, wenn ihm die Besonnenheit und das Verständnis, das sich in den Männern verkörpert, noch wenn ihm der warme Pulsschlag des Herzens fehlt, der von den Frauey in Israel ausgeht. Gerade die Wesensverschieöenheit zwischen Mann und Frau, die überlegtere und kühlere Denkart des Mannes, die temperamentvolle und zugleich wärmere Art der Frau, sind in ihrer Vereinigung erst imstande höchste Werte zu schaffen. Aus diesen Gedankengüngen heraus hat sich erwiesen, daß jeder Platz, den man den Frauen eingeräumt, von diesen auf den verschiedensten Gebieten voll aüsgefüllt nmrde. Der Sturm der Revolution hat die deutsche Frau vor eine Wende ihres Schicksals gestellt. Von ihr hängt nicht zuletzt die politische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Zukunft unseres Vaterlandes ab. Wenn nun von mir eine Stellungnahme zum Problem „Die F r a u i m Gotteshaus" gewünscht wird, so mutz ich ehrlich bekennen, daß ich mich diesen Forderungen gegenüber ablehnend verhalten mutz: hier kann ich nicht mit den Ansichten der Frauen nbereinstimmen, die eine Umstellung Julie Heyse. Bon Heinz F r i edla e n d e r - Danzig. Neben den vielbesprochenen schöngeistigen Frauen judi- 'scher Abstammung in der Biedermeierzeit, Gestalten wie der Rahel Varnhagen und der Henriette Herz, tritt eine liebenswürdige Erscheinung allzusehr in den Hintergrund, die sich zwar nicht eines glänzenden literarischen Salons rühmen konnte, die aber indirekt für das deutsche Geistesleben von höchster Bedeutung war: Julie Heyse, die Mutter Paul Heyses, des Meisters der deutschen'Movelle. Julie Heyse. die Kusine der Mutter Felix Mendelssohns, stammt aus einer jener alteingesessenen jüdischen Familien Berlins. Am 12. Januar 1788 wurde sie als die jüngste Tochter des „Königlich preußischen Hofjuwelicrs,, Salomon Jakob Salomon, den der Hofmarschall in schriftlichen Mittelungen noch mit „lieber Jude" anzureden pflegte, geboren. Ihre fünf Geschwister werden uns als körperlich nngelich schöne Menschen geschildert, deren „blaue Augen und seine gerade Nasen" ihre jüdische Abstammung nicht Verrieten. Dem unseligen Zuge der Zeit folgend, der die Juden alles das. was sie von ihren Mitbürgern unterschied, wegwerfen ließ, traten die sechs Geschwister — in welchem Jahre habe ich nicht feststellen können — zum christlichen Glauben über, wohl aus demselben Grunde wie Abraham Mendelssohn. „da das Christentum die Religion der meisten gesitteten Menschen ist". Jedenfalls genügte in jener Zeit diese Handlung, , um ihnen Zutritt zu den höchsten Kreisen zu verschaffen. Nur eine Schwester heiratete einen Bankier Herz aus Frankfurt, deren Töchter dagegen wurden schon die Gattinnen eines Barons von Haber und eines französischen Grafen. — Romantischer war das Leben der Schwester Marianne: Ihre Schönheit ließ ihr in Wien zur Zeit des Kongresses die Herzen von Fürsten und Königen zufliegen. Ein portugiesischer Herzog, der allerdings recht alt war, trug ihr seine Hand an. Sie trat deswegen -um katholischen Glauben über, — aber noch vor der Hochzeit starb der Bräutigam. Sie ging dann nach Berlin, wo sie sich in vornehmen katholischen Kreisen betätigte. Es kam sogar kurz nach Rahels Tode zu einer Verlobung mit^Varnhagen. die aber Mieder.auseinanderging. Julie Saaling nun — wie sie sich nach ihrer Taufe nannte — soll die weitaus schönste der Schwestern gewesen sein. Doch stieß ihr durch die Unvorsichtigkeit eines Arztes schon in jungen Jahren ein schweres Unglück zu: Bei einer Blatternepidemie erkrankte sie. und eine Blatter setzte sich auf ihr rechtes Auge. Diese hätte mit einer leichten Operation beseitigt werden können: doch der erfahrene Augenarzt erschien nicht zur festgesetzten Stunde, einer der anwesenden jungen Assistenzärzte versprach, diesen ungefährlichen Eingriff selbst auszuführen, schnitt aber zu tief, und das Auge war verloren. Da öffnete sich die Tür. der Professor trat ein, auch er konnte nicht mehr dem Mädchen seine Schönheit wiedergeben. Ueber der leeren Augenhöhle trug sie fortan eine Locke ihres eigenen Haares. Allerlei Anekdoten und Legenden über den Verlust des Auges dürften wohl kaum auf Wahrheit beruhen. Ueber dies Unglück half ihr eine unverwüstliche Heiterkeit hinweg, die ihr ganzes Leben hindurch ihr und anderen manche schwere Stunde verschönte. So spottete sie über das eine ihr verbliebene Auge als über „ihren Einspänner", sang .in frohem Uebcrmut hundert kleine alberne Liedchen in einem deutsch-französischen Kauderwelsch. — Daneben ruhte ihr Wissensdrang nie. Sie hatte sich eine genaue Kenntnis des Französischen und Englischen angeeignet. In ihrem Bücherschrank standen Shakespeare und Lord Byron im Urtext neben den Werken der deutschen Klassiker und Romantiker, die ihr durch ihren Verkehr mit Henriette Herz und der Rahel wohl vertraut waren. Ihre Beherrschung dieser Sprachen machte es ihr soaar möglich, ein ihr besonders liebgewordenes Gedicht von Goethe ins Französische oder Englische zu übersetzen. Der Wohlstand ihres Vaters, der sich zwar auf sechs Kinder verteilte, setzte sie dennoch instand, ein sorgenfreies Leben zu führen, ohne daß sie sich jemals entschließen konnte, einem Manne die Hand zu reichen. Erst im Alter' von 39 Jahren lernte sie auf einer Reise in die Schweiz den Hauslehrer des jungen Felix Mendelssohn - Bartholdy kennen, der sich, obgleich ein Jahrzehnt jünger als sie. von der geistsprühend - witzigen und doch im Grunde ihres Herzens innigen und einfachen Frau angezogen fühlte. Da ..er die Hoffnung hatte, durch sie den traulichen Frieden eines Heims zu finden, verlobte er sich mit ihr, und ein halbes Jahr später wurde Julie Saaling die Frau deS späteren Sprachgelehrten und Grammatikers Karl Heyse. — Das Paar, das in glücklichster Ehe miteinander lebte, verstand sich meisterhaft auf wahre Geselligkeit. Frau Julie Heyse richtete keinen schöngeistigen Salon, kein „durean d’esprit" ein, sie veranstaltete keine rauschenden Feste. Einige wenige liebenswerte Menschen hatten das Recht, in ihrem Hause aus und ein zu gehen. So sah man gern Felix Mendelssohn und seinen Bruder Paul. An ihrem ersten Sohn sollten die Eltern nicht allzuviel Freude erleben. Dem körperlich gut geratenen Knaben siel es dauernd schwer, in der Schule mitzukommen, so daß ihn sein zwei Jahre jüngerer Bruder bald überholt hatte. Man hatte dem Kopf des Kindes wohl zuviel zugemutet, denn im kritischen Alter von 13 Jahren trat die Katastrophe ein: er verblödete. Sein Aufenthalt in einer Heilanstalt erwies sich zwar nicht als dauernd notwendig, doch blieb er sein ganzes langes Leben auf der Stufe eines dreizehnjährigen Kindes stehen. Um so mehr erfreute der jüngere Sohn Paul die Eltern. Seine glänzende Begabung ließ ihn mühelos die Schwierigkeiten des Gymnasiums überwinden, und wie röteten sich ihre Wangen vor Freude bei dem ersten dichterischen Erfolg ihres Sohnes. Kritiklos griff die Mutter nach allen seinen späteren Werken und nahm regen Anteil an seiner Entwicklung als Bühnen- und Novellendichter. Als im Jahre 1832 ihr Gatte die Augen schloß, fühlte sie sich vollkommen vereinsamt, da auch ihr Sohn inzwischen vom bayrischen König nach München berufen worden war. Gern hätte sie den Rest ihrer Tage in München bei Sohn und Schwiegertochter, bei bin geliebten Enkelkindern verlebt. allein ihr Sohn redete ihr energisch und in wenig schöner Weise von einer Uebersiedlung ab, „da er durch seine Arbeiten vollkommen in Anspruch genommen sei". Ohne baß sie eigentlich erkrankte, erlosch ihr Lebenslicht allmählich, bis sie am 27. Oktober 1863 ihren letzten Atemzug tat. Hatte Paul Heyse vom Vater die meisterhafte Beherrschung der äußeren Form seiner Werke geerbt, so stammte das, was an ihm Dichter war. von dieser tief veranlagten« weisen und heiteren Frau.

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