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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-10-29 · 44 (29.10.1926) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
44 (29.10.1926)
Date
1926-10-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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fort! Liberalismus heiht Freiheit! Freiheit nach innen und nach außen! Um die Neugestaltung -es Gottesdienstes bemühen sich Rabbiner und Laien. — ReligionS-Unierricht in der Schule soll objektiv gegeben werden — Religionsunterricht ist neutraler Boden. — Sind auch manchmal die Meinungen verschieden, so sind wir doch eins in der Treue zur Sache! Rach außen geschlossen auftreten. der Gesamtgesinnung unterordnen! Tie allgemein« Richtung, die wird verfolgt! Kenntnis vom Judentum. Arbeit im Judentum, das seien die Träger des Zukunstsgedankens im Judentum. Glatter Weg für die Jugend! Seid stark und seid gerüstet zum Kampf für Israels Wort! Mit diesem schönen Schlußwort hat Curt Brienitzer einen vollen Steg bei uns errungen und noch lang« sollen seine Worte in uns nachklingcn und uns ein Ansporn sein. Bild, bas -die jüdische Oeffentlichkeit von v. Heeringen hat, ist im wesentlichen beeinflußt durch sein unglückliches Auftreten in der erwähnten Reichstagssitzung 1910. Es ist nur ein Teilbilb und darum verzerrt. Die vorstehenden Ausführungen dienen -dazu, den Teil zum Ganzen zu runden. Und siehe da: Ein Mensch blickt uns an. ein Mensch, in wesentlichen Punkten zwar anders gesinnt als wir. aber ein Mensch doch mit sympathischen Zügen, sympathisch deshalb, weil er kein Fertiger, sondern ein Strebender war. bereit, noch im Aller umzulernen und auch dem religiös und volltisch anders Denkenden Gerechtigkeit widerfahren zu laffen. ein Mensch denn, der es verdient, daß feine Name auch von uns Juden mit hoher Achtung genannt werde. Rabbiner Dr. I t a l i e n e r. Darmstadt. Sprechsaal Zum Tode des Generaloberst v. Heeringen. In Nr. 42 Ihrer ge sch. Zeitung brachten Sie einen mit S. A. K. gezeichneten Aufsatz über den verstorbenen Generaloberst v. .Heeringen. den ich nicht umvidersprochen lassen kann. Ich war während des Krieges vier Jahre lang Feldrabbiner bei der 7. Armee, die wahrend der ersten zwei Kriegsjahrc unter dem Oberbefehl des Generaloberst «. Heeringen stand. Als ich tm Oktober 1914 zur Armee kam. begrüßte er mich (ick) zitiere wörtlich nach meinem Kriegstagebuchs: „Seien Sie uns herzlich willkommen, ich freue mich. Sie bei uns begrüßen zu dürfen." Er fragte mich dann, wieviel Juden bei der Armee seien, und versprach, dieses alsbald feststeüen zu lassen. Er kam dann auf die Stellung der Armee zu sprechen. „Unsere Stellung ist eigenartig." sagte er. ,^»uf dem linken Flügel stehen wir in einer ganz dünnen Linie, so daß Sie zuweilen bis an die Front werden gehen müsien. wenn Sie, wie die evangelischen und katholischen Geistlichen, waS ich erwarte, wirken wollen . , . Jedenfalls dürfen Sie versichert sein, daß wir Ihnen in jeder Weise fördernd begegnen und alles tun werden. Ihnen eine seelsvrgerische Tätigkeit zu ermöglichen." Als ich für das Entgegenkommen dankte, sagte er: „Das ist einfach meine Pflicht. Ich meine, ein goltesfürchtiger Soldat ist auch ein guter Soldat, einerlei, welche Religion er hat." -Das Letzte sprach er mit besonderer Wärme. Es waren nicht nur Worte. Dank dem von dem Oberbefehlshaber mir immer wieder bezeugten Entgegenkommen erfuhr ich naturgemäß bei den Nachgeordneten Stellen jede gewünschte Förderung. die indirekt den mir anvertrauten Soldaten zugute kam. Wiederholt äußerten sich diese dankbar über die geordnete Seelsorge im Bereich der 7. Armee. Es war im Grunde v. Heeringens Verdienst. Als ich im Mai 4915 von einer Feldvabbincrkonferenrnich zurückmeldete. wünschte der Oberbefehlshaber Bericht. Bei Besprechung der einzelnen aus der Konferenz behandelten Gegenstände bemerkte v. Heeringen u. a.: .Ich muß Ihnen sagen, ein religiöser Jude ist mir sechsmal lieber als .ein ungläubiger Christ. Ich sage das. obwohl mich gerade die Zeitungen als so besonders antisemitisch hingestellt haben, was ich keineswegs bin. Ich bin auch der Meinung, daß der Jude Offizier werden kann, freilich meine ich. daß an - ihn besonders hohe Anforderungen gestellt werden müsien bei der Auswahl, weil im deutschen Volke in gewissen Krei- - sen noch ein gewisses Vorurteil besteht und das naturgemäß tm Frieden leicht große Gefahren in sich birgt, wenn ein - jüdischer Offizier vor der Front Anlaß zu Witzeleien gibt. Im Kriege ist das etwas anderes, da kann der Jude zeigen, er genau soviel leistet, was Mut und Tapferkeit be- •»rrteiffi, aber im Frieden hat er eben dazu keine Gelegenheit. sieht man auch, daß vorn all die Unterschiede -fallen, cha ailt eben nur der Mann und nichts anderes." Man muß sich die Stellung eines Armeeoberbefehlshabers in Erinnerung rufen, muß wissen, -aß er mit einer fast unbeschränkten Machtfülle ausgestattet, wie ein absoluter Herrscher beispielsweise in Fragen der Gerichtsbarkeit die Entscheidung über Leben und Tod der Bevölkerung in dem betr. Armeegebtet hatte, um die ganze Bedeutung der Aeußerungen zu verstehen, die ohne jeden Zwang abgegeben, nicht .mehr und nicht weniger bedeuteten als ein Abrücken von jener so tief bedauerlichen Reichstagöerklärung des früheren .Kriegsministers v. .Heeringen von 1910 über dtp Nichtbesörderung jüdischer Einjähriger und die ausdrückliche Vil- . kigung der Beförderung von Juden zu Offizieren. Wenn Män in Betracht zieht, daß v. Heeringen stets in Kreisen mir entgegengesetzten Anschaungen gelebt hat. wenn man bedenkt. daß die veränderte Haltung sich zeigt in einem Alter. . in dem es im allgemeinen sehr schwer fällt, noch umzulcrnen. so wird dem niemand, unbeschadet seiner abweichenden Anschauungen im einzelnen, die Hochachtung versagen können. Aus diesem Grunde habe ich mit tiefem Bedauern in diesen Wochen die absprechenden Urteile gelesen, die sich in jüdischen Zeitungen über v. Heeringen fanden. Verdient es dieser Mann nach den oben miedergegebenen Aeußerungen wirklich, wenn es spöttisch heißt, daß ihm, der den Juden die „Autorität" als Offizier absprach, von einem höheren Stabsoffizier im Jahre 1920 in einer Ausgabe der „Weltbühne" selbst jede „Autorität" abgesprochen wurde? Verdient es dieser Mann wirklich, wenn es weiter heißt: „AIS Kriegsminister war er vollkommen unmöglich und auch als Heerführer ist er nirgends hervorgetreten. Er faß ruhig in Laon, und es ging das Gerücht, er sei längst versteinert. Seine Armee hieß „das schlafende Heer". denn bei ihr herrschte tiefster Friede. „Ich bin sowenig wie die meisten anderen in der Lage, v. Heeringens. Leistungen als Kriegsminister zu beurteilen. Aber aus der Tatsache ihm einen Borwurf zu machen, daß in iwn ersten zwei Jahren des Krieges bei der Armee, die er befehligte, verhältnismäßig Ruhe herrschte, erscheint mir als ein schweres Unrecht. Auch der blutigste Laie in militärischen Dingen iveitz, daß zum Kriegführen Truppen gehören, und daß diese Truppen von der Obersten Heeresleitung den einzelnen Armeen zur Verfügung gestellt werden müssen. Das geschah in der 7. Armee zu v. Heeringens Zeiten deshalb nicht, weil man die Truppen an anderen Kriegsschauplätzen brauchte, und weil bei dem gebirgigen Gelände, in dem die 7. Armee lag — es war das später io bekannt gewordene Ctebict des Ehern in des dames — ohne Einsatz sehr großer Truppenmasien eine wirksame militärische Operation unmöglich war: daß aber v. Heeringen im Gegensatz zu anderen von persönlicher Eitelkeit geleiteten Kommandierenden, von nutzlosen Vorstößen innerhalb der Armee absah. die weder die taktische, noch gar die strategische Lage geändert, rvohl aber viel Blut gekostet hätten, wird ihrn bei jedem billig Denkenden nur zur Ehre gereichen. Die Bibel erzählt, daß der heidnische König Balak. als er sich den Bileam zur Verwünschung der Israeliten kommen ließ, diesem zuriei: Ich will dich an ein« andere Stelle führen. dort rrnrst du nur einen Teil selten, aber das Ganze wirst du nicht sehen. Mit Recht weist man daraus hin. daß die Methoden des Balak zur Verwünschung der Israeliten die der Judenfeinde bis zum heutigen Tage geblieben sind. Sie betrachten einen Teil der Juden, meist den schkechtestcn, und sagen dann: Seht, so ist das Ganze Im vorliegenden Fall v. Heeringen haben Juden sich die io oft mit Recht gerügte Methode nuferer Gegner selbst zu eigen gemacht. Das Eine ethische Zeitschrift — moderne Predigt! In Nr. 40 dieser Zeitschrift habe ich kürzlich ausgesührt, daß wir eine gewisse programmatische Festigkeit unserer sittlichen Anschauungen wenigstens hinsichtlich der notwendigen Ziele brauchen, um die Erfordernisse einer Diesseitsreligion zu erfüllen. Wie wir solche Anschauungen einführen können, darüber noch einige Worte. Zunächst fehlt uns dringend die ethische Zeitschrift. in der die theoretischen und praktischen Fragen der Sittlichkeit behandelt und innerhalb und außerhalb des Judentums zur Geltung gebracht werden. Es erscheint mir als schwerer Dorwurf gegen das heutige Judentum, daß uns eine solche ethische Zeitschrift fehlt und die Ethik hinter der Philologie vollständig vernachlässigt wird. Demnächst müsien die ethischen Lebensfragen in den Gottes bien st eingeführt werden. Die Predigt wird dazu nur teilweise geeignet sein, weil sie sich aus Vorsicht zumeist mit letzten Allgemeinheiten begnügt. Also füge man die Betrachtung sittlicher Probleme dem Gottesdienste an! Solche Borträge können von dem Rabbiner mit dem Gottesdienste verknüpft, auch zum Teil von ihm gehalten werden. Es sind aber auch sittlich Interessierte und fachlich Bewanderte zu solchen Vorträgen beranzuziehen. Personen, die sich durch ethische Arbeit als geeignet legitimiert haben. Politiker. Oekonomen. Pazifisten. Philosophen. Pädagogen. Sozialarbeiter können solche Vorträge halten. Ich würde es auch nicht für schlimm halten, wenn Nichtjuden zugelassen würden. Soll doch unser Gotteshaus allen Völkern offen stehen! Alle sittlichen Bestrebungen mögen so mit dem Judentum in Berührung kommen und vom Jrrdentum wiederum Impulse erhalten. Soll doch von Zion die Lehre ausgehen! Es scheint mir gar nicht so schwer zu sein, bas Judentum lebendiger zu gestalten, wenn wir nur mit Mut und Ernst ans Werk gehen und damit aufhören, das Judentum als eine Angelegenheit der Funktionäre und der Altertumsforscher zu betrachten. Ich bemerke, daß in Nr. 42 dieser Zeitschrift ähnliche Anregungen in einem Pariser Briefe des Rabbiners Bermann aus Brüssel mitgeteilt sind. Auch seitens eines liberalen Rabbiners, der jetzt in Frankfurt am Main tätig ist, erhi«lt ich Ausführungen, die sich rum Teil mit den meinigen decken. Manches im Gottesdienst wird sich allmählich von selbst anders gestalten, wenn der Schwerpunkt erst wieder auf Leben und Tat ruht. Nur durch solche Auffassung ist bas Judentum etwas anderes geworden als die Religionen der Völker, das Werk unserer kühnen Propheten. Noch aber müsien wir trauernd klagen: keine Thora, kein Lehrhaus, keine Mission! R.-A. M. Lewinski-Berli». Unsere Praxis. . (Schluß aus dem Hauptblatt,) So viel schon vom Sabbat und; Sonntag gesprochen wurde, so verhältnismäßig wenig von'den Feiertagen. Die ganze Tatenlosigkeit des Liberalismus zeigt sich hier. Man ist glücklich, wenn gelegentlich einer unserer Feiertage mit dem staatlichen Feiertag zusammenfällt, freut sich über das volle Gotteshaus und denkt nur nicht an den viel häufigeren Fall, daß unsere Feiertage für so viele Juden Arbeitstage sind und sie an unserm Gottesdienst nur sehr schwer oder gar nicht teilnehmen können. Aber das ist ja erst die Zeitfrage. Hat man sich der Fülle des Gebetsstoffes, der Fülle der Gebetstage, der Fülle der Wiederholungen —- man denke an Jaum-kippur — schon ernstlich zu erwehren versucht? — Wir betrachten die Wallfahrtsfeste. Am Peßach sollte der 8. Tag und der 2. als Hauptfeiertag fortsallen. Das Fest sollte — nach biblischer Vorschrift — wieder 7 Tage gefeiert und der 1. und 7. Tag festlich begangen werden. Der Sederfeier und der Totenfeier wegen müssen die Predigten dem Vormittage erhalten bleiben. Sind diese Vormittage aber keine staatlichen Feiertage, so sollte man nicht versäumen, in der langen Pcßachwoch« eine religiöse Peßachfeierstunde zu geeigneter Zeit — am Abend oder am Vormittag — einzuschieben. Bei der üblichen Bormtttagsliturgie sollte das Morgengebet bis zum Ausheben, ähnlich wie am Sabbat, berücksichtigt. das Halle! dagegen bedeutend gekürzt werden. Ps. 118 (Gememdegesang). Ps. 116 (deutsch vom Rabbiners, Ps. 118 (ohne Mim. hamezar) könnten ausreichend erscheinen. Einsegnungen wären an diesem Tage nicht zuzulasien. Aichre vor dem Einheben könnte — wie übrigens auch am Sabbat — sortfallen, der Teil im Hauptgebet nach der Kednscha sollte in ein stilles Gebet und ein vom Rabbiner deutsch vorzutragendes geteilt werden. Bezüglich der Totenfeier sollte man sich auch in Norddeutschland endlich an die in anderen Gegenden längst geübte Beschränkung gewöhnen. Kleinere Orte, in denen Todesfälle naturgemäß selten sind, sollten sich mit einer Totenfeier am Jaum-kippur. größere mit einer am Jaum-kippur und einer am Peßach begnügen. Kaddisch der Trauernden sollte am ersten Tage in der Mitte, am Tage der Totenfeier nach dieser erscheinen. Der allgemeine Kaddisch sollte nur einmal nach Abschluß des Hauptgebetes gesprochen werden. Die Feier im Hause wird sich für uns auf Seder und Mazzo beschränken. Wie weit jemand das Mazzogebot ausdehnen will, wollen mir ihm überlassen, aber zu finden sollte sie überall sein als ein ehrwürdiges Symbol, auch wenn die Begründung für das Mazzo — Essen — „Brot des Elends" und Brot der „Eilfertigkeit" gewiß eine nachträgliche ist. Aus den Sederabend mit seiner Schönheit und Buntheit, die gerade dem Kinde etwas gibt, wird keiner verzichten wollen: daß freilich die alte Hagada für uns nur teilweise brauchbar ist, hat man längst erkannt. Die Versuche Maobaums (nur deutsch). Seligmanns (hebräisch und deutsch), Kaufmanns (gereimte deutsche Uebertragung) — und alles in Auswahl — sind dankenswert zu begrüßen und haben sich bewährt. Zu begrüßen ist es auch — gerade von unserm Standpunkt ans —, daß man auf Ausstattung und Bildschmuck wieder so viel Wert gelegt, hat. Für das Wochenfest, das ohnehin kurz ist, möchten wir die beiden Tage beibehalten wissen. Aber nicht nur dieses äußeren Grundes wegen. Es handelt sich — wenigstens der Entwicklung nach — um das Fest der Offenbarung, also des GotterlebenS in weiterem Sinne. Und gerade das ist uns wieder so wichtig geworden, daß wir es entsprechend weihevoll feiern möchten. Der Schwerpunkt ist diesmal, falls nicht ein Zusammentreffen mit dem staatlichen Feiertag vorliegt, in den Abend zu verlegen. An ihm ist zweimal zu predigen, sonst natürlich am Vormittag. Die Totenfeier laffen wir fort, dagegen sind wir darauf bedacht, daß sich die Liturgie des zweiten Tages von der des ersten deutlich unterscheidet. DaS Wertvollste wäre es vielleicht, den ganzen zweiten Tag als „Jugendfeier" zu begehen und vor allem die Predigt darauf einzustellen. Das liegt schon deshalb nahe, weil wir das Wochenfest auch als Naturfest begehen und auch die jüdische Jugend sich neu auf die Natur besonnen hat. Der Erinnerung an die Judenverfolgungen in Deutschland in der Zeit zwischen Peßach und Schowuaus werden wir weiter in der L'cho daudi-Melodie Ausdruck geben. Das Omer-Zählen dagegen lassen wir als unwesentlichen Brauch fort. Dem Tischoboaw werden wir durch Vorlesung eines Stückes aus den Klageliedern im Abendgebet und eines Gebetes im Morgengebet Rechnung tragen. Die „hohen" Feiertage! Die Bedeutung, die sie innerhalb der Judenheit erlangt haben, als „die" Feiertage, hätte schon längst dazu führen sollen, hier wirklich „hohe" Gottesdienste zu schaffen. Es soll nicht verschwiegen werden, daß man mit ganz äußeren Dingen anzufangen hätte. Wie stehen wir denn vor den Kindern da, die uns in der Schule fragen, weshalb immer wieder Karten „verkauft" werden, weshalb „kontrolliert" wird, und sogar Kinder — auch das gibt es — nicht „ohne Geld" eingelassen werden! Die Zweckmäßigkeitsgründe, die man als Antwort ansühren muß. genügen uns doch selber nicht, dürfen uns ja gar nicht genügen, wenn wir die „hohen" Feiertage nicht immer wieder mit diesen abstoßenden Aeußerlichkeiten belasten wollen. Gibt es doch selbst die Klassenunterschiede bei dem „Verkauf". Aber trotzdem lesen wir vor den sorgfältig klassifizierten Juden die große soziale Predigt des Jesaia am Jaum-kippur und rühmen uns ihrer. Es muß ganz einfach ein Weg gefunden werden, wenn wir nicht dauernd die „hohen" Tage entwürdigen wollen! Man muß es io nennen! Und das gleiche geschieht, wenn wir nicht mindestens an diesen Tagen die Gottesdienste nur vor versammelter und nicht sich sammelnder und sich zerstreuender Gemeinde abhalten. Dies: Mißstände sind nur durch ein radikales äußeres Mittel zu beseitigen: mit Beginn des Gottesdienstes — und nicht erst der Predigt — werden die Türen geschlossen! Weshalb nur während der Predigt? Ist die Liturgie denn nicht ebenso wichig? Nicht einmal die des Kol andre? Beginnt doch auch dieser „hochheilige Wend" zunächst unter stärrdiger Unruhe, unter dauerndem Kommen und Plätzeeinnehmen, und das in sehr „liberalen" Tempeln! Wo bleib-, da Andacht, Erhebung. Weihe? Freilich werden bei solchen Forderungen die Gottesdienste entsprechend zu gestalten sein, bezüglich der Dauer und Auswahl der Gebete und Gesänge und der Musik. Für diese Tag« muß das „Beste" noch nicht gut genug sein, wobei das Beste in diesem Fall das Weihevollste ist. Eine Mendandacht von einer Stunde am 1. Neujahrs-Abend. % Stunde am zweiten Abend, zwei Stunden an den Vormittagen sollten genügen, lind ein Tag muß sich vorn andern unterscheiden und ein Abend vom andern. Psalmen müssen im Vordergrund stehen und die schönsten religiösen Dichtungen unserer Größten aus allen Zeiten. Kurze Düoraverlesunaen. kurzes Schofarblasen, kurze, stille Andachten, viel Musik — und nicht bloß Orgel. An diesen weihevollen Tagen sollten wir doch nicht weniger tun als die Väter und als im 150. Psalm angedeutet. Sind diese Grundsätze arrgenommen. ist die Ausgestaltung im einzelnen nicht schwer. An Stoffen sind wir so überreich, daß wir auch zwei Tage gleich weihevoll gestalten können. Dem Ausheben sollte ein kurzes Morgengebet einschließlich owinu vorangehen, der Predigt eine «kurze, stille Andacht folgen und ihr als Hauptstück am ersten Tag etwa die Keduscha. Olenu, socharti loch, un'ssane iaukes folgen, unterbrochen nicht wieder vom Schofarblasen, sondern kurzen Vorlesungen der Rabbiner. Am zweiten Tage stände — von bisherigen Stücken — noch aß« l'mcian — w'jeßou — ß'u sch'orim — 150. Psalm — zur Beifügung. Aber welche Auswahl bieten noch die-andern Psalmen und die Vertonung anderer Bibelstücke. Und man wird die Gemeinde wirklich „erbaut" und „erhoben" haben. Dem Vorabend des Jaumkippur werden wir 1^ Stunden zuteilen. Er wird vom Ton des Bekennens beherrscht sein, in Melodie. Cksang und stiller Andacht. Aber auch nur dieser Abend. Wir sollten den Begriffen Sünde und Schuld. Neue und Selbstpein nichts dadurch von ihrer Tiefe nehmen, daß wir sie am Tage viermal wiederholen! Und es gehören doch zur .LZersöhnung" noch soviel andere Gedanken- und Gefühlskreise, und wieder ist doch die Möglichkeit, auch diesen langen Dag — auch ohne Wiederholungen — erhebend zu gestalten, groß genug, wenn man nur genügend Umschau hält. Man sollte vier Hauptandachten schaffen, die wieder — wie oben — nur vor versammelter Gemeinde zu halte» sind, sollte aber zwischen der ersten und zweiten, der zweite» und dritten, der dritten und vierten Andacht „stille Stunden" einschieben. In ihnen mögen die Eindrücke der Hauptandachten weiterwirken. Und man überlasse es jedem, wie und wo er sich neu sammeln will — wie man es ja auch jetzt schon jedem überläßt. Verteilt man den Gottesdienst auf die Zeit etwa von 10 bis 7 Uhr, so könnte man an drei „stille Stunden" denken und der ersten und zweiten Andacht zwei Stunden, der dritten und vierten -eine Stunde widmen. Die im Gotteshaus dauernd Bleibenden mögen in den „stillen Stunden" je nach Verlangen in den „Feierstunden" lesen und gelegentlich mag leises Orgelspiel die Stille unterbrechen — daß man auch von den anderen eine dem Tage angemessene Ausfüllung dieser Stunden zu verlangen hat, ist ja selbstverständlich. Die dritte Andacht widmen wir ausschließlich der „Totenfeier". Es entspricht nicht dem Ernst dieser Feier, sie in die andere Andacht „-einzuschieben", es ist aber auch psychologisch nicht zu billigen, den Beter so unmittelbar von einer Stimmung in die andere zu führen. Man wird auf diese Weise auch vermeiden, daß diese Feier erst mit dem Schlußgottesdienst verbunbeu wird, wie es zuweilen geschieht Dieser lebte Teil soll ins Leben führen —- Friede und Freude muß ihn beherrschen, und ato hiwdalto den Ton angvben. Die zweite Andacht gilt der Versöhnung, wie die Aroda sie in Erinnerung ruft, die übrigens wesentlich gekürzt werde. Die erste Andacht ist Stille und Weihe in Gott, wie sie vor allem die Psalmen wieder ausdrücken mögen. Die „stillen Stunden", die wir vorschlagen, ermöglichen es, die stillen Andachten der andern Teile äußerst zu beschränken und dafür durch Abwechslung zwischen Gemeinde, Vorbeier. Chor, Lebendigkeit in die Andacht hineinzubringen. Viel Segen können wir auch dem Sukkaus-Fest wieder abgcwinnen. wenn wir es wirklich „ganz in Freude" tauchen. Die Anfänge, die hier und da gemacht wurden, sollten mächtig ausgebaut werden. Der erste Tag mag wieder für den üblichen Gottesdienst genügen, aber der ganze Tempel leuchte in Grün, und der Feststrauß sei möglichst zahlreich vertreten. Hier darf die Gemeinde kein Opfer scheuen, da der einzelne nichc immer dazu imstande. Und die Sukko soll nicht bloß vereinzelt stehen, wo irgendmöglich baue man sie auf. Bor allenl aber vergehe kein Tag. an dem sich die jüdische „Masse" nicht freut, die'Masse der Kinder und die der Erwachsenen, cs sei im Tempel oder wo sonst. Und deshalb muß diese Woche auch ganz besonders dem Gedenken an Arme gewidmet sein und dadurch die schönste Freude erwecken. Was wir hier an Fülle jüdischer Krafi und Fülle froher Erinnerung und damit Fülle indischen Lebens gerade in die Jugend einbauen können! Wie ärmlich und still verläuft das jetzt alles und regt sich höchstens an Simrhas tvra. Lassen wir aber

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