Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 44 (29.10.1926)
- Date
- 1926-10-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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MoSbach. (Dringende Soituntn.) Dem Vorsitzenden der Israelitischen Gemeinde Mosbach ist ein Stempel: „Louis Frank. Weinhändler. MoSback" von einem Unterstützungsuchenden gestohlen worden. Der Betreffende ist nunmehr in vielen Gemeinden Deutschlands aufgetaucht und hat unter verschiedensten Namen Ausweise und Befürwortungen der Israelitischen Gemeinde Mosbach unter Benutzung des gestohlenen Stempels vorgewiesen. Solche M-eldungen sind uns »gegangen aus Dresden. Reitze. Wismar. Hannover. Karlsruhe. Hamburg und Frankfurt a. M. Er hat bisher bei den verschiedenen jüdischen Gemeinden unter folgenden Namen Vorgesprächen: Siegfried Rosenbaum. geh. 16. Februar 1881 zu Filehue: Siegfried Weil, geb. 22. Juni 1866 Tun gen: Siegfried Bloch geb. 22. Juni 1886 zu Würzburg: Louis Frank, geb. 12. April 1899 zu Neustadt. Die Staatsanwaltschasr zu Mosbach ha: bereits unter dem Aktenzeichen Tab. S. A. Nt. 069 26 int deutschen Fahndungsblatt ein Ausschrciben zur Festnahme dieses gewerbsmäßigen NnterstützungsschwindlerS erlassen. Alle Gemeinden und jüdischen Woblfahrtsorganisationeu werden gebeten, falls einer der Obengenannten oder irgendein anderer Petent mit einem Ausweis der Gemeinde Mosbach vorspricht, sofort Anzeige unter Hinweis auf das Ersuchen der Staatsanwaltschaft Mosbach bei der nächsten Polizeibehörde au erstatten und die sofortige Festnahme veranlassen. Neuß a. Rh. iL i n m a » l - H o ch e i t.) Hier feierten am 24. Oktober der Kommissionär David Mauer und seine Frau Sar'a geb. Haas das Fest der Diamant-Hochzeit und gleichzeitig Las Wjährigc Bestehen ihres Gescheites. Mayer ist 86 Jahre alt. seine Fra» 87 Fahre. Die "Nachbarschaft hatte nach rlicinischer Art die Jubilare in großer Ausmachung feiern wollen. Die alten Leute höbet: gebeten, von solcher Feier Abstand au nehmen. Schwetzingen. iD i e n st j «Oil ä n nt.) Das Djährige Dienstjubiläum, das zugleich ein Ortöjubilänm war. beging kürzlich unter vcger Beteiligung weiter Kreise Haupilehrer Eichstelter. Die städtische Volksschule bereitete dem allgemein geachteten Lehrer ciustimmungsvolle Feier: daneben ließen die verschiedenen Korporationen durch, Delegierte ihre Glückwünsche anssprechen, und das evangelische Pfarramt wie das Kreisschulam» hatten dem Jubilar schriftlich ihre Gratulationen übermittelt. Als Lehrer an der städtischen Volksschule tind als Kantor der israelitischen Gemeinde liat Haupilehrer Eichstetter eine segensreiche Tätigkeit entfaltet und durch sein liebenswürdiges Wesen überall Freunde erworben, die alle au seinem Jubiläum den lebhaftesten Anteil nahmett. mit so mehr, als er sich auch mit regem Eifer in den Dienst kommunaler und sozialer Aufgaben gestellt hat und n. a. im städtischen Berkehrsvereiu und Gartenbauvcrcin an leitender Stelle mitwirkte. Nicht unerwähnt möge endlich bleiben, daß der Jubilar auch während des Krieges auf dem Gebiet der Kranken- und Berwunöetenpslege Ersprießliches leistete, was durch die Behörde Anerkennung fand und itt der Verleihung des KricgsveröienstkreuzcS zum Ausdruck kam. Alles in allem bewies der schöne Verlauf der Jubiläumsfeier. daß die Schwetzinger Bürgerschaft die langjährige Erziel,nugsarbcit ihres JügcndbildnerS zu würdigen verstand. Aus der Bewegung f fff Berlin. (I ü d i > ch - l i b e r a l e r I u g e n d v e r e i n.j Am 21. Oktober fand in der Rosenstr. 2/4 eine gemeinsame ...Veranstaltung des Jüdisch-liberalen Jngendvereins statt, "äderen Thema war: „Besprechung über die soziale Arbeit des -»»Einzelnen." In einem kurzen einleitenden Referat wurde ."daran erinnert, daß der Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände zur sozialen Arbeit gegründet wurde: wir selbst hätten bereits den Nutzen dieics Ansschnises in der körperlichen Untersuchung erfahren, die von ihm im Anfang des Jahres veranlaßt wurde. Um nun besser als bisher die soziale Mitarbeit der jüdischen Jugend fördern zu können, habe man einen Landesverband der jüdischen Jugendverbände geschaffen, und mir ständen jetz: vor der Frage, ob tvir ihm bettrcten wollen oder nicht. Ein Beitritt würde selbstverständlich eine wirksame Beteiligung an der sozialen Arbeit erfordern, wie z. B. Mitarbeit in Jugcudheiinen. Horten und Kindergärten und auf Ferrenspielplätzen. In der Diskussion sprach man sich im allgemeinen für die Beteiligung an sozialer Arbeit aus. nur hielt m<:n leider eine gründliche Durchführung aus beruflicher oder schulmäßiger Ueberlastung kaum für möglich. Bon anderer Seite wurde daher der Vorschlag gemacht, einmal monatlich den Heimabend in allen Gruppe:: ausfallen zu lassen und sich dann an einem Nachmittag zur sozialen Arbeit zur Bcrsü gung zu stellen. Außerdem wurde ausdrücklich darauf hingewiesen. Laß man ja in den Ferien genug freie Zeit hätte, um wenigstens auf den Ferienspielplützen mitzubclfen. wo Unterstützung besonders notwendig wäre. Trotzdem wollte sich die pessimistische Stimmung bei den meisten nicht heben: sie glaubten, daß so seltene Hilfe wenig uiitze. und daß man sich durch den Beitritt znui Landesverband zrt stärkerer Beteiligung an sozialer Arbeit verpflichtet als geleistet werden könne: daher können sie es nicht verantworten, ihre Znstimmung zum Beitritt zu geben. Dortmund. Mit zwei kurz aufeinander folgenden Veranstaltungen leitete die Ortsgruppe der liberalen Vereinigung ihre Wintertätigkett ein. — Am 27. September sprach Rabbiner Dr Appel über: „Wege zum religiösen Judentum". Ausgehend vorn Wort in den Sprüchen der Väter: „Wer nicht zunimmt, nimmt ab!", sprach der Redner von der notwendigen Erziehung zur religiös-sittlichen Einstellung, dem Kamps znr Uebcrwindung der Gleichgültigkeit, der Harmonisierung alter und neuer Anschauung, daß Autorität »nd Freiheit, Lehre und Leder: in Einklang stehett, jüdisches Fühlen wieder erblühe und tief religiöse Gesinnung die Herzen erfülle, nicht durch schrankenlose Willkür, sondern durch geschichtlich gebundene, wissenschaftlich bedingte Weiterentwicklung. — Zu einem Abend von hohem künstlerischen Wert gestaltete sich der Rczitationsabend von Irene Triesch, Berlin, am 7. Oktober d. I. Mit einer ntmemöhnlichen Kraft des Ausdrucks und der. künstlerischen Gestaltung las die Künstlerin aus der Bibel, sowie Dichtungen von Heine, Schiller und Goethe. Beide Abende waren gut besucht und sind als Erfolg ztt verzeichnen, von dem wir das Beste für die Weiterentwicklung unserer Ortsgruppe erhoffen. Frankfurt a. M. lJ ü d i fch - l i b e r a l c Jugendg e m e i nf cha f t.) Im Räumen eines Heimabends sprach Frl. Dr. Marcuse über das Thema „Judentum und soziale Idee". In höchst fesselnder Weise veranschaulichte sie die sozialen Aufgaben, die das Judentum seinen Bekcnnern auferlegt. Unsere Religion prägt als erste das Gebot der Feindesliebe, die die erhabene Pflicht der Barmherzigkeit nicht nur gegen den Mitmenschen und Stammesgenoffen, nein, auch gegen den Fremden predigt. Der Mensch ist tut Ebenbilde Gottes geschaffen und strebt nach sittlicher Vollkommenheit: daher stellt sich auch die Thora als das vollendetste Prinzip sozialer Gesetzgebung dar. In jedem ihrer Sätze drückt sich die Gerechtigkeit aus. die der mächtige Schöpfer der Welt den Menschen als hehrste Aufgabe gestellt 'fat. An' Hand zahlreicher Bibelstell«» weist Rednerin nach, daß Hisse ganze soziale Gesetzgebung nicht nur als graue Theorie im menschlichen Gehirn liegt, daß man sie auch in die reale Wirklichkeit umgesetzt hat. Hieraus ergeben sich dann auch die Pflichten des Eigentums, die vorzüglich in der Institution des Jobkljahres ihren Angelpunkt finden: das Verhältnis zwischen Herr und Knecht ist ein viel lockeres wie unter unS heutigen Menschen. Das Recht ist auch airf den Sklaven ausgedehnt, der nicht erbarmungslos der Macht eines gestrengen Herrn aubgeliesert ist: er kann sich durch Zahlung einer gewissen Summe von seinem Dienst loskaufen, ja, der Herr ist verpflichtet, ihn am Endes des 7. Jahres sreizulassen. Die Einrichtung des Sabbats gilt auch für ihn: auch er soll die Rtthe und feierliche Stimmung dieses Tages in vollem Umfang genießen. Und gleich dem Sklaven hat das Judentum auch für den Armen weitgehende Schutz- und Fürsvrgematznahmen geschafsen: cs strebt keine Beseittguug der Armut an. aber der Besitzlose ist durch verschiedene Ersetze vor dem gänzlichen Untergang bewahrt. Dasselbe gilt auch für Witwen und Waisen, die auf mannigfache Weise geschützt werden. Somit wird im Judentum das Hochhalten itt sozialen Idee gepredigt, und dadurch stellt cs sich in einen scharfen Gegensatz zum Individualismus anderer Konfessionell. Mit einem machtvollen Appell an die Anwesenden, dieser hehren Ausgaben immer eingedenk zu sein, schloß Redneriu ihre gehaltvollen Ausführungen. In einer sich an den Vortrag artschließenden Diskussion wurden Anregungen ^gegeben zur sozialen Betätigung der jüdischen Jugend, und so ist zu hoffen, daß der packende Dortrag in unserer; Jugendorganisation auf fruchtbaren Boden stößt.; Halle. In der hiesigen Ortsgruppe der Vereinigung für j das liberale Judentum fand kürzlich ein Vortragsabend statt, für den Frau Irene Trieich gewonnen war. Frau! Triesch las zunächst aus der Bibel das erste Stück der so-! genannten Jesaja- Apokalypse. Kap. 24. dann des Propheten! im babylonichen Exil seit 397 Ezechiel, „den wir ohne Bej denken zu den wirklich qroßen Geistesmännern Judas rechnen; dürfen", großartige Bisivn von Israels wunderbarer Wiederbelebung aus dem nationalen Tod im Exil (Z7,1—14). usw..! usw.: dantt auch Heine. Goethe und Schiller. Frau Triesch! stehett wundervolle Töne tiesreligiöser Andacht und Inbrunst ' zur Verfügung. Aber der Gipfelpunkt des Abends war doch z wohl ihre Rezitation aus dem hohen Lied, eine Wiedergabe 1 voller Lieblichkeiten. So gelang ihr auch „Simson und Delila" und Heines „Schlachtfeld bei Hastings" besonders gut! und ergreifend. Auch revolutionäre Klänge vermag sie gar! machtvoll in ihren: Saitenspiel zu greisen (Heines „Wauder- > ratten . . ."). I Die Zuhörer lauschtet: attdachtsvoll den Rezitationen der i Frau Triesch und gaben am Schluß ihre Zustimmung ztt! dieser Beranstaluttg der Ortsgruppe zu erkennen. ' Königsberg. (Bereinig n n g für das liberale * I udeutu m. E B.) Die erste Veranstaltung dieses Win-! ters war eine Mitgliederversammlunq im Hochzeitösoale des! Tiergartens. Der Vorsitzende der Ortsgruppe. .Herr Fabian, j berichtete über seine Teilnahme an der Londoner Welt- I tagung des jüdischen Liberalismus und die Gründuna der liberalen Union. Das Referat sollte keine Darstellung der Verhandlungen geben, die in Lotudiou gepflogen wurden, sondern harrptsächlich persönliche Eindrücke schildern, tteber die Verhandlungen selbst ist ja ausführlich in der „Jüdischliberalen Zeitung" berichtet morden. Tie Tagmtg war ein Erlebnis seltener Art. Schon die äußeren Umstände machtert sie dazu. Redner schildert den gewaltigen Eindruck, den die Riesenstadt Lvrtdou ans ihn gemacht hat. Am Ankunftstage. einem Freitag, versammelten sich ein Teil der Delegierten im Hause des Bankiers Franklin zu gemeinsamer Freitagabend-Andacht und interessantem, geselligem Beieinander. Am Sonnabend nachmcn die Delegierten am Gottesdienst in der 192.3 erbauten großen.Synagoge der Londoner ' liberalen Gemeinde teil. Männer und Frauen sitzen hier nicht mehr getrennt, nicht alle Anwesenden tragen Kopfbedeckung. Der Gottesdienst selbst mutet cttvas fremd an.; Das Ansheben der Thora erfolgt itt l>ebräsicher Sprache. { Cs findet eine kurze Verlesung aus der Thora und den Pros phcten statt. Die Gebete werden von dem Rabbiner und seinen Gehilfen vorgetragen. Wenig Hebräisch wechselt mit! viel Englisch ab. Tiefsten Eindruck macht das stille Gebet, j Der Vorbeter fehlt, an seiner Stelle wirken ein großer gej mischter Chor und hervorragende Solosänger. Am Nachmittag t.miv ein großer Empfang im Heim des ersten Rab- § biners der Gemeinde. Dr. Mattnk. sta-tt. Die deutschen Delegierten konnten daran leider zum Teil nicht teilnehnteu. weil der Sabbat das Fahren verbot i:nd die Enfernungen zu > Fuß unüberwindlich sittd. Die cuglischett und amerikanischen Delegierten haben sich teilweise hierüber sehr gewundert, da man itt ihren Kreisen sich an diese Vorschrift schon längst I nicht mehr gebunden hält. Nebcrhaupt erschien einem Teil ' der Delegierten vieles, was uns als liberal gilt, noch als geradezu orthodox. Am Sonnabendabend erfolgte in der Synagoge die sehr feierliche offizielle Eröffnung der Tagung. Das Gotteshaus war überfüllt. Besonders viel Jugend war anwesend. Daö Motto der Tagung, wie cs in dieser Sitzung! besonders zum Ausdruck kam. lautete etwa: Neben dem | Gehorsam - der Ueberlicserung — Anpassung an die Gcgcn-! wart. Ferner betonten, auch im Verlauf der Tagung, alle Redner immer wieder das alle Richtungen des Judentums > verbindende Gemeinsame und suchten, die itzegensätze zu überbrücken. Der Sonntag und der Montag dienten ,-er Abwicklung des eigentlichen Programms. Jede Sitzung wurde in feierlicher Form mit einem Gebet eröffnet, das jedesmal von einem anderen Rabbiner gesprochen wurde. Hierbei gebrauchte der deutsche Delegierte, Rabbiner Dr. Scligmantl. die hebräische Sprache, während die anderen teils englisch, teils deutsch sprachen. Es waren etwa 200 Delegierte anwesend, von denen etwa 50 aus England, etwa ebensoviel aus Amerika, ettva 25 ans Deutschland stammten. Der Rest verteilte sich auf die anderen Länder. Redner charakterisiert die verschiedenen Typen und bezeichttei die Amerikaner als modern wirkende, elegante Menschen, während die Engländer einen mehr aristokratischen Eindrtrck machten. Als besonders donnnierende Persönlichkeit beherrschte die Bersammltnrg C'lairde Montesiore, ihm hat ein jeder gehuldigt. Daneben fiel besonders Miß Lily Akontagtte auf, eine Frau mit einer riesigen Initiative, Arbeitslast und Arbeitsleistung. Sie war die eigentlich treibende Kraft, alles ging durch ihre -Hand. Besonders traten weiter hervor: der New Aorker Rabbiner Dr. Schulmann, cin Mensch mit einem Riesentemperament. ferner sein Antipode, der zionistische Stephen Wise, ebenfalls aus New Bork, der stark für ein Zusammengehen von Zionisten und Liberalen eintrat. Auch der schon genannte Tk. Mattuk. der erste Rabbiner der Londoner liberalen Gemeinde, hob sich aus der Menge der Delegierten hervor. Er ist, wenn auch äußerlich unansehnlich, ein Mensch von einem hinrcitzettd feurigen Tempera-nrent, an dem besonders die Jugend geradezu schwärmerisch hängt. Die Führenden in der deutschen Delegation waren Dr. Seligmann und Prof. Ellbogen, der infolge seiner vollkonrmenen Beherrschung des Englischen als ausgezeichneter Dolmetscher fungierte. Anwesend war auch der Dezcrnen-t für iüdische Angelegenheiten im Berliner auswärtigen Amt, Prof. Dr. Sobernheim. Nach Erschöpfung der Rtzftzrate und nach ausgiebiger Diskussion ttwt&e am Montagabend einstimmig die Gründung der Orgavisaiton beschlossen, deren Name für Deutschland „Weltverband des religiös'-ltberLlen Judentums" lautet Es wurde ein elfgliedriger Ausschuß zur Weiterarbeit geivähltz dem ttaürlich Montesiore und Miß Montague angehören. Deutschland ist durch Dr. Seltgmann. R« A. Stern und Dr. Wiener vertreten. Den Schluß der Taguuß bildete me Annahme der folgenden Resolution: 1. Der Weltkongreß des religiöö-liberalen Judentums, beseelt^von dom ourch die Propheten Israels verkündeten Glauben an ,die religiöse Mission Israels, erkennt den Sinn dieser Nrisswn rn der Aufrüttelung des eigenen Gewissens und des Wcltsewtffens zur Erfüllung der religiös-sittlichen Forderungen der Gerechtigkeit. Menschenliebe und deS Völlerfriedens. 2. Der Weltkongreß des religiös-liberalen,Judentums..bekennt sich, in der Ueberzcugnng von der Entwicklungsfahigkett ber jüdischen Religio«, zu der Verpflichtung, jedes Geschlechts, oas väterliche Erbe an religiösen Lehren, Formen und Einrichtungen mit dem veränderten Denken, dem erweiterten Gcwissetl und den Lebensmöglichkeiten anderSgertchtetcr Zeiten in Einklang zu bringen. Der folgende Tag. der Dienstag, wurde zu Besichtigungen der Stadt verwandt und am Abend vereinigten sich nochmals alle Teilnehmer au der Tagung zu einem prächtigen Gartenfest bei Mr. Franklin. Wie während der ganzen Tage so kam auch hier eine ganz wundervolle Gastfreundschaft zum Ausdruck. Gerade diese in herzlichster Werse gebotene Gastlichkeit war es, die, abgesehen von den Verhandlungcn, die Londoner Tagung zu einem unvergeßliche:: Erlebnis ganz besonderer Art machte. In seinen Schlußworten betonte'de: Vortragende nochmals, wie in der Tagung mrmer wieder besonders das hervovgehoben wurde, was die Juden aller Richtungen eint und daß ferner von vielen Teilnehmern die Begriffe Liberalismus und Zionismus keineswegs als Gegensätze empfunden wurden. Die Darstellung, die Redner in seinen Ausführungen gab, sollte hauptsächlich ei« Bild von der Tagung geben, die in London versammelten hervorragenden Persönlichkeiten vor Angen führen und den dort behandeltett Gedanken aufzeigen. Redner schließt: Der Liberalismus marschiert, ihm mutz die Zukunft gehören, wetrn wir alle unsere Pflicht tun. Namens der Bersammlunq dankt Herr Dr. Holz Herrn Fabian und betont, daß die Idee des liberalen Judentums eitle Weltidee ist, die in aller Herren Länder ihre Anhänger hat und jetzt zum Weltverband kreführt hat. Das ist kein „internationales" Judentum im Sinne der Bölttschen. Mag die Gründung der Weltmsion ein Anspruch sein, die Gegensätze innerhalb des Judentums zu überbrücken. Da ja die Ausführungen des Vortragenden in der Hauptsache nur persönliche Eindrücke Wiedergaben, schien es zurrächst, als ob ritte Diskussion seitens der Versammlung nicht gewünscht würde. Es nahm jedoch dann ein unserer Sache fernstehendes Gemeindemitglied das Wort, um zu erklären, Claude Montesiore sei zum Führer innerhalb deS Judentums deshalb völlig ungeeignet, weil er seine Tochter einem Andersgläubigen vermählt, ja sogar sie selbst in die Kirche vott den Altar geleitet und auch als Trauzeuge fungiert habe. Ein solcher Mann dürfe unmöglich als Muster für iedct: Juden hingestellt tverden. Die sich an diese Worte anschließende, recht lebhafte Dtskussiot: war jedoch ein Streit um des Kaisers Bart. Die Behauptung des Redners 'erschien sogleich wenig wahrscheinlich. Der Redner behauptete zwar, es sei diese Tatsache letzthin durch alle, nur nicht durch die liberalen jüdischen Blätter gegangen. Er ist jedoch eittem nicht recht verständlichen Irrtum zum Opfer gefallen. Denn Claude Montesiore hat, wie nach sehr eingehender Erkundigung seststeht, gar keine Tochter, sondern nur «inen Sohn, der mit einer Jüdin verheiratet ist. Allerdings gab in: August ein bekannter englischer Jude die Vermahlung seiner Tochter mit einem englischen Christen , bekannt, hat diese Tochter auch persönlich zur Trauung, die an einem Sabbath stattfand, in die Kirche geleitet, und zwar war daS der bekannte Zionistenführer Sir?llfreö Mond. Man^harf Daraus, also, die.Folgerung.ziehen, daß es zweckmäßig ttmte, wenn Diskussionsredner derartige Behauptungen nlchf^chufstellen sollten, wenn sie nicht in der Lage sind, diese ^Behauptungen auch zu beweisen.; Eine Anregung aus der Versammlung bezüglich deutscher Uebersetzungen der Schriften Montefiores kann dahin beänttoortet werden, daß ein Teil derselben bereits in deutscher Sprache erschienen ist. Ein genaues Verzeichnis wird demnächst vorgelegt werden können. Der Vorsitzende schloß die Versammlung mit der Bitte um rege weitere Mitarbeit, insbesondere um fleißige Werbung neuer Mitglieder. Liegnitz. lL ib eraler Verein der Synagogen- Gemeind e.j Am Montag, den 11. Oktober, begannen wir unser Wintersemester, und zwar mit einem Vortragsabend. Der Redner des Abends, Herr Curt Brienitzer (Breslau), 1. Vorsitzender des Landesverbandes Schlesien der Bereinigung für das liberale Judentum, ist uns vom November 1925 her noch in bester Erinnerung und sein Thema: „Unser Programm" erweckte allgemein reges Interesse. „Unser Programm", ü. h. was wollen wir und warum tvollen wir etwas'? Das Judentum muß religiös s-ein. sonst wird es nichts sein. Es muß sich der veränderten Zeit anpaffen. cs muh liberal sein, es muß jung sein — eine Religion der <>'egenwart! Der gegenwärtige Stand der Religiosität entspricht nicht unserer Ueberzeugung. Glauben die Orthodoxen, den Liberalen läge das Judentum nicht genau so am Herzen? Wir sind die eminent konservative Partei des Judentums! Wir wollen nicht niederreißen — wir wollen aufbauen! Jndisferentismus ist der stärkste Feind des'LiberaliSmus. Uns treibt die Sehnsucht nach persönlicher Religion! Die alten Gebräuche regen die schlummernden Gefühlc nicht an. Lippenwerk und nicht Herzenssache ist oft der hebräische Gottesdienst. Wir wollen das Judentum in Haus und Synagoge wieder ausleben lassen! Der Gottesdienst mutz so ausgestaltet werden, daß Alter und Jugend Befriedigung und Stärkung ihrer Frömmigkeit davontragen. Der Religions-Unterricht soll das Judentum in einem solchen Licht zeigen, daß sie es achten und lieben lernen, ohne daß es die Jugend in Gegensatz zu den Eltern bringt. Nicht in der Studicrstube. sondern in der Kinderstube wird der Geist des Judentums entschieden! Es ist das Streben der Liberalen, auch die jüdische Frau, die jüdische Tochter stärker zum Gemeindeleben beranzuzichen! Religion wieder zu einem lebendigen Faktor zu machen, sie umzugestalten, daß sie wieder zur Herzens- und Gegenwartsreligion werden kann! — Wer die Gegenwart will, der darf der Vergangenheit nicht uachlaufen! Schaffen wir lebendige Religion unseres Herzens, indem wir sic in jedem Geschlecht aufs neuerwerben! — Mit starkem Beifall dankten die Zuhörer dem Redner für seine sehr interessanten, von hohem Idealismus erfüllten Ausführungen, von denen hier nur cin kleiner Auszug gegebeu ist. Hierauf sprach R.-A. Dr. Scheuer, unser 1. Vorsitzender, herzliche Worte des Dankes. Herr Bricnitzcr. so sagte ec u. a.. bat uns gegeben, was ihm innerstes Herzensbedürfnis ist. Zugleich ist cs eins der schwersten Themen, welches der Redner des Abends heut behandelt hat. Es ist der Extrakt der Fragen, die wir in der liberalen Bereinigung uns vorlegen. — In der nun eim'etzenden, äußerst lebhaften Diskussion brachten Herr R.-A. Pick. Frau Dr. Weichmann und Herr R.-A. Dr. Schever ihr« Meinungen zum Ausdruck, und es wae bereits ^11 Uhr. als der 1. Vorsitzende Herrn.Brienitzer das Schlußwort erteille. In diesem Schlußwort übertraf der Redner sich selbst und ritz durch seine feurige .Beredsamkeit die Zuhörer mit sich