Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 44 (29.10.1926)
- Date
- 1926-10-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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iudj Sie anderen Lage nicht uugeuuist und Utt vorchelgechen. Entschließen wir uns zur „jüdischen Woche", zu unserer neuen, altiüdi-schen Freude! Am Chanukka und Purim haben wir sie. Hier braucht man keine Wünsche zu äußern. Nur -eines am Schluß. Bei all unseren Festen und Feiern sollen wir nicht bloß an die Erwachsenen denken, sonder» stets auch an Kinderfeiern und ganz besonders, da man jene schon kennt, an Iugeudfeiern (für das Alter von 14 bis 18 Jahren etwa oder 15 biS D Jahren). Es entspricht nur dem Zeitalter der Jugendbewegung. daß man Kier schöpferisch vorgeht und eS nicht dieser Jugend allein Überläßt. sich eigene Gottesdienste zu s5>assen. Daß es sich nicht darum handeln kann, den Gottesdienst der Erwachsenen einfach zu kürzen, wie man eS nielsach mit dem .JuaeridaotteS-dienst" macht, wird nns niemand bester bestätigen alS diese Jugend selbst — nnd der. der sie kennt. Oer tote Jude. (Forts.) Von Doris Wittner. V'aeMruek Törbstea. — Copyright by Orctbleia * Ca., Cr, m. b. H., Löiyrie. Der dritte Brief war an den hochmögenden Bank* und Handelsherrn Benjamin Cerf Pereira zu Amsterdam gerichtet, Judith ben Sonninos Vater. Er lautete: ..Herr Vater! Wenn dieser Brief Sic erreicht (obwohl ich weiß, daß, dank dem üppig florierenden Wcchselhandel zwischen Amsterdam und Venedig, Ihre Handelskontore Ihnen mein Schreiben ehestens übermitteln werden), wird Ihre Tochter diese Erde nicht mehr durch Buhlschaft und Sünde bc- Jlecken, auf daß ehrsame jüdische Männer und tugendhafte jüdische Frauen ihr Antlitz nicht mehr in selbstgerechter Entrüstung von ihr zu wenden brauchen. Ich scheide in Gott — in jenem Gott, den Sie mich lehrten — von dieser ‘Welt, weil ich glaube, daß Gott barmherziger sein wird als jene, die sich seine treuen Diener und Dienerinnen heißen. So grausam und unerbittlich vermögen wohl nur Menschen zu handeln. Bei ihrem Seelenheil, mein Vater, ich möchte nicht also bedient werden, wenn ich Gott hieße. Als ich mich zu Ihren Füßen wälzte in letzter, gen Himmel schreiender Verzweiflung und Lebensnot, hätte jeder, dev an einen Gott, und noch dazu an einen gerechten, richtenden und strafenden Gott zu glauben sich unterfängt, mich aus meiner Schmach erhoben und zu sich herangezogen. Nicht so: „jüdische Männer von Ehre". Die Ehre gilt Ihnen mehr denn Liehe und Güte. Immerhin: es waren Männer, die also taten .... Aber daß selbst eine F r a u, deren Leib zwiefach gesegnet worden, die Schwester Ihres Geschlechtes, gleich einer räudigen Kreatur, sich winden und winseln ließ, ohne zu sagen: „Ich will ihr beistehen, gleichviel, was sie getan," das, Herr Vater, war alles andere denn Gottgefälligkeit oder gar Goltcskindschaft. Weltlichste Hoffart war das. Und ich danke meinem Schicksal, daß mir erspart geblieben, jemals in also abgrundtiefer Scham vor einem lebenden Geschöpf — oder dem Schatten einer Toten — erblassen zu müssen. Wir heißen uns das „auserwähltc Volk Gottes", Herr Vater. Legt solches AuserwähJtsein, solche Bevorzugung vor allen anderen Völkern der Erde nicht auch besondere Pflichten auf, wenn anders nicht das heimliche Gift des Dünkels und der Ueberheblichkeit in dergleichen Auserwähltheit wohnen soll? Ich glaube nicht, ich wage nicht zu glauben, daß unter Ihren Freunden, Herr Vater, jener j Pharisäerhochmut einen Platz ein nehmen darf, der' also spricht: „Herr, ich danke dir, daß ich nicht bin wie jene..." Aber, ehe denn meine letzte Stunde ihren Kreislauf anhebt, frage ich Sie, Herr Vater, und Ihre Freunde mit jenem Ton, der vielleicht nur dem himmlischen Richter zusteht: Wo war in meiner Kindheit Güte, Duldsamkeit und Verständnis statt erstarrter Bräuche, versteintem Gehorsam und hohler Pietät vor Buchstaben, deren Sinn von einem heranwachsen, den Kinde nicht begriffen werden konnte und nimmermehr begriffen ward? Vielleicht war es ein besonders unglücklicher Umstand, daß ich niemals die Weichheit und Wärme der Mutterliebe habe kennenlernen dürfen. Sic, Herr Vater, waren allzeit großmütig zu mir, erzogen mich, nein, ließen mich erziehen in den vornehmen Ueberlieferungen Ihres reichen und wohlgefügten Hauses. Aber wo war die Nahjung für meine Seele? Wenn ich vor Sie gerufen ward, geschah es in jener Ehrfurcht, die eng verwandt ist mit Furcht. Ich vermißte nichts, entbehrte nichts, weil ich meinen Entbehrungen keinen Namen zu schenken gewußt hätte, und weil ich überdies in allen ähnlich gearteten frommen jüdischen Häusern gleiche Sitten sah, die demnach wohl Selbstverständlichkeit und Gesetz bedeuten mußten. Jedem jüdischen Kinde war der Vater Gegenstand einer Ehrfurcht, die eben von Furcht nicht weit genug entfernt war, um jede Grenzüberschreitung auszuschlicßen. Man lauschte den Worten der Väter, ohne sie zu verstehen; man gehorchte ihren Befehlen, mitunter, ohne sie zu begreifen. Zweifel an der Unfehlbarkeit väterlicher Reden und Maßnahmen wären Lästerung gewesen. Undenkbar schlechthin. In jenen frommen Häusern, in denen Sie, Herr Vater, mich verkehren ließen und in denen hier und da vielleicht auch noch eine Hausfrau — Gattin und Mutter — schaltete, gewahrte ich die gleiche Unterwürfigkeit dem Familienoberhaupt gegenüber auch seitens der Frau und Lebensgefährtin. Wo war da freies Menschentum? Konnte es sich überhaupt entfalten, wenn immer nur e i n Teil Gebietender, alle anderen Gehorchende waren? Früh begann der Stachel des Widerspruchs in mir zu löten. Vielleicht war mein Blut aufsässiger als das der strenggläubigen Jugend, die ich rings um mich frag- und bedenkenlos, manchmal, wie es mir schien, schier gedankenlos, heranwachsen sah. Vielleicht auch war es um mein Blut also bestellt, gerade weil die maurische Abkunft meiner Mutter, die jahrhundertelang getragene Marannenschmach ihres Geschlechts meinen Adern die eingeborene Erkenntnis von Unduldsamkeit und erzwungenem Gehorsam geschenkt hatte. Ich weiß es nicht: dem Kinde mögen diese Ueberlegungen wohl noch fremd geblieben sein; aber ich weiß, daß mich Ze jüngster Kindheit schon oft der wahnsinnige Wunsch peinigte und peitschte, mit meinen kleinen Alltagsgodanken und Alltagssorgen zu Ihnen hinzutreten und meine hier und da in dumpfen Vorgefühlen vor der Welt und dem Leben erschauernde Kindesseele einfach in Sie hineinzugießen und mit Ihnen zu sprechen, wie — nun eben wie ein Mensch zu dem andern, der ihm von Natur und Gesetz der nächste ist, müßte sprechen dürfen. Dann aber zog «ich die gute Philomea tödlich erschrocken zur Seite und suchte mir mit beschwichtigenden Worten den frevelnden Wunsch aus der, Seele zu streicheln. Sie zeigte Sie mir an Ihrem Schreibtisch, zwischen gelehrten Büchern, Ratsuchenden in abgeklärter Weise zusprechen, oder in Ihrem Handelskontor großen und bedeutsamen Aktionen, deren Fäden über die ganze Welt laufen mochten, dank Ihren klugen nnd erfahrenen Anordnungen Weg und Ziel weisen. Und sie sagte dem unbotmäßigen Kinde, wenn es sich gar nicht fügen wollte: „Sieh’, dafür hat der Vater nicht Zeit, der Vater hat ernste und gewichtige Dinge vor, in denen da ihn nicht stören darfst.“ Und so entrückten Sie mir immer wieder oder wurden mir entrückt. Denn ich lernte Sie nun immer nur fern, hoch und unnahbar sehen. Gab es eigentlich ein ernsteres und wichtigeres Ding auf Erden, als die Ihnen gehörige, Ihnen von Gott gegebene Kindesseele in die eigenen Hände zu nehmen^ mit den eigenen Händen und dem eigenen Herzen zu bilden? Heute weiß ich, daß die Antwort auf diese Frage „nein“ und dreimal „nein“ lautet. Dazumal aber war ich unwissend und ließ mich von dem Popanz „Ueberlieferung“ schrecken. Die besten Lehrer und teuersten Erzieherinnen wurden von Ihnen damit betraut, mich auszubilden. Sicherlich: es wurde nichts versäumt, nichts gespart an der Erziehung einer Tochter aus also angesehenem Hause. Aber wer waren mir jene? Was waren sie mir? Bezahlte Fremde, deren Sic sich bedienten, Herr Vater, weil Sie selbst Besseres und Wichtigeres auf dieser Welt zu besorgen hatten. Da wuchs neben meiner vergeblichen Sehnsucht auch ein Hochmut in mir empor, der mich jener bezahlten Fremden spotten hieß. Ich wurde lieblos, Herr Vater, aber doch nur, weil ich Liebe dort nicht gefunden hatte oder nicht hatte suchen dürfen, wo ich vermeinte, den tfItt1i!llinintllH!!i;j!lfl!tftilii!t!fti!IHII!illiiilHli'!iiilll!lilllllltIII!ltlillintlltll!ll!!ir[llllllllllllllll!llllllll!lll!llilIlillllllllltlinii Sendet den fälligen Beitrag für das vierte Vierteljahr 1926 in Höhe von 2,30 Mark einschließlich Bezugsgeld für die „Jüdisch - liberale Zeitung" an das Postscheckkonto der Bereinigung sür das liberale Judentum E. V., Berlin NW. 7, Nr. 137 06S MMI«II»MM!M»III!IIIIM!!IIsIM>t!!!!II!!I!I!!lsII!!IIs!lIII>tt>!l>I>III!iMIII!!s!I!I»!!>!s>III!!IiMI!!I!!I!!!l ersten und einzigen Anspruch darauf zu besitzen. Und aus dem Kinde ward das Mädchen, aus dem Mädchen die Jungfrau. Wußten Sie etwas von ihr, Herr Vater, trachteten Sie je danach, etwas von ihr wissen zu wollen? Oder hätte ich mich vielleicht der treuen Philomea, einer Dienstmagd, erschließen sollen? Mit Nichten. Aber ich wußte, daß, als ich vorzeitig üppig und schön geworden, Sie sich im stillen umtaten nach irgendeinem standesgemäßen Freier, dem ich, wenn die Stunde gekommen sein würde, zum Eheweib gegeben werden sollte. Abermals ein Fremdling, von dem ich nichts, und der von mir nichts wissen würde. Aber das Gesetz verlangte solche Erfüllung der Tradition, und Benjamin Cerf Pereira würde dem Gesetz nicht zuwiderhandeln. Wohl aber Judith Pereira, von der Sie nichts wußten, weil Sie nicht zur rechten Zeit wißbegierig gewesen waren. Ich weiß, daß ich dazumal überall in unserer frommen Sippe — mochte es in Amsterdam oder in Worms sein — Anstoß erregte durch meine übermütigen, spöttischen und respektlosen Reden, um deren Sinn ich .selbst nicht immer recht wußte. Es war nur etwas in mir, was mich trieb, mich aufzulelmen gegen den Zwang des Herkommens, der einen links gehen hieß, wenn man rechts gehen wollte. In dieser kritischen Epoche meines Mädchendaseins trat mir der Mann entgegen, der mit kluger und eigennütziger Berechnung meine trotzigen Instinkte erkannte und sie seinen Zwecken gefügig machte. Die Katastrophe brach herein. Und abermals, Herr Vater, erhebt sich stumme Anklage — und um so gewichtiger, dieweil sie aus dem Grabe tönt — wider Sie, Herr Vater, wie auch all Ihre frommen und strenggläubigen Freunde. War der Mann, dem ich zum Opfer fiel, in Wahrheit so verworfen, wie er von Ihnen und Ihren Gesinnungsgenossen erachtet wurde (und wie allein i c h ihn später erkannte), so durfte, das ehrsame, urteilsharte Haus Sontheimer ihm seine Pforten überhaupt nicht öffnen. Aber, man verachtete ihn wohl .... Ich habe in der großen Welt draußen gelernt, wie wohlfeil es für Hochstehende ist, Tieferstehende zu verachten .... Also, ich wiederhole, man verachtete ihn wohl, aber man ließ ihn am eigenen Tische sitzen, ja im eigenen Hause wohnen, bloß weil er Einfluß in der internationalen Haute financc besaß, und weil sich, dank seinem (von ihm erschlichenen) Rang und seiner höfischen Stellung einträgliche Geschäfte mit ihm unternehmen ließen. Mardocliai Israel Sontheimer nnd seine Tochter Cora Perl ebenso wie der edle Abraham Furtado behandelten den Fremden, den sie als Gast an ihrem Tische sitzen ließen, in Worten und Blicken zwar als Menschen zweiter Klasse und schmälten dadurch sich selbst, indem sie das heilige Gastrecht verletzten, aber sie wunderten sich alsdann, daß dieser „Mensch zweiter Klasse“ ihre Hoffart mit Haß bezahlte, und daß der von den Patriziern zum Paria Gestempelte seine Rache forderte. Auge um Auge, Zahn um Zahn, wie es geschrieben steht in der Heiligen Schrift. Und als das Unglück geschehen war und der Mann, dessen man sich doch eigentlich gar nichts anderen hätte gewärtigen dürfen, in dem Hause seiner Wirte, der Satten und Hochmütigen, zum Räuber geworden war, wenn auch „nur“ zum Räuber einer Mädchenehre. W a s, Herr Vater, trug sich danach zu? Cora Perl, die Base, die Freundin, die Frau, sie hätte ausgespien vor mir, wenn ich im Dunkel der Nacht noch gewagt hätte, ihre Hand zu berühren. Der „gütige" Mardochai Israel Sontheimer verwehrte mir ausdrücklich den Abschied von seiner Tochter, die doch lediglich der Zufall kälteren oder trägeren Blutes ihm rein erhalten. Sic aber selbst, Herr Vater? Als ich heimkehrte ins Vaterhaus, da wußten Sie schon alles. Und Sie wußten mehr, vielmehr als ich, die in einer heißen Nacht, abermals mehr aus Auflehnung als aus Liebesglut etwa die Seine geworden war, von David Danielo ben Sonnino. Sie wußten, woher er kam, welche Wege er gegangen und warum er mich, des hochmögenden Handelsherrn Tochter, an sich gerissen hatte. Nahmen Sie mich darum an der Hand und klärten mich auf über ihn, der mein Schicksal werden sollte? Sprachen Sic in warmen, gütigen, tröstenden Worten zu Ihrer Tochter? Auch das mit Nichten. Nur eines galt Ihnen in jener Stunde; nur eines lag Ihnen ara Herren, und das war nicht das Glück Ihrer Tochter, sondern der unantastbare Ruf Ihres Namens. David Danielo hatte sich nicht verrechnet, als er wähnte, daß Sie mitschuldig werden würden an Ihrer Tochter Leben und Sterben. Er wußte, daß Sie gegebenenfalls mich ihm als Eheweib noch nachwerfen würden, ja, daß, wenn er selbst nicht um meine Hand anhielte, Sie ihn angefleht haben würden, diese Hand doch fürs Leben zu ergreifen. Verzeihung, Herr Vater, wenn eine Tote lästert, aber waren in jenem Augenblick, als Sie Ihre Tochter verschacherter, um das Schild des Namens Pereira vor jedem Flecken zu behüten, Sie, Herr Vater, besser, edelmütiger und uneigennütziger als ein David Danielo ben Sonnino, der ein« üppig entfaltete Mädchenblüte pflückte, um seinen Aufstieg in dieser Welt zu erkaufen? War nicht er, der aus der Tiefe kam — und aus welcher Tiefe! — eher zu entschuldigen als Sie, der in Macht und Ansehen Festverwurzelte? Dei* Handel, der mit mir getrieben wurde, war schmutzig. Aber der Toten sei es verstattet, zu sagen: schmutzig von beiden Seiten. So wie Sie David Danielo einschätzten, oder besser gesagt, kannten, hätten Sie nicht alle Beredsamkeit des Himmels und der Hölle aufbieten müssen, um mich vor ihm zu bewahren? Und Sie, der Sie mir immer Gebieter gewesen und keinen Widerspruch geduldet, hätten Sie nicht in diesem einem einzigen Falle, sofern ich Ihnen den Gehorsam verweigert hätte, Gewalt anwenden dürfen, ja müssen? Sie haben es nicht getan. Sie haben noch weniger getan. Als Ihr® Tochter vor Sie trat und Sie, kraft der Verbundenheit des Blutes, verspüren mußten, wie unglücklich, wie zertreten sie war, da haben Sie ihr nicht einmal die Wohltat eines offenen Bekenntnisses, einer Beichte Aug’ in Auge gestattet, sondern Sie haben ihr im Gegenteil das Wort verweigert, haben ihr in dürren Befehlen die Tatsachen ihrer künftigen Vermählung und ihrer Mitgift angezeigt — fürwahr, wäre mir nicht so zum Schluchzen elend gewesen in jener Minute, so hätte ich wohl hell herausgelacht, daß Sie mir in diesem Augenblicke von Geld und Formen sprechen konnten — und haben ihr für die Zukunft ihr Vaterhaus verboten. Schein galt Ihnen demnach mehr als Sein. Und ich habe nachträglich in manchen bitteren Jahren des Ringens um Erkenntnis jenes Wissen erlangt, daß Schein allenthalben höher bewertet wird als Sein, und daß, wer sich zu eines anderen Herzen tastet, fast immer ins Leere greift oder ins Bodenlose stürzt. Nur zweimal in meinem Leben ist mir Echtheit des Gefühls begegnet, die nach nichts fragte und zu jedem Opfer bereit gewesen wäre. Diese beiden Erfahrungen — die eine stieg aus der Hefe des Volkes empor, die andere von der Höhe eines Thrones herab — nehme ich als einzigen Glauben an die Menschheit mit in das Grab. Aber es ist wohl eitel, Ihnen davon zu sprechen. Ihrer ehrwürdigen Weisheit würde das Verständnis für solche Menschlichkeiten wohl ermangeln. Solange man lebt, ist man Närrin genug, zu hoffen. Tief in meinem Innern wußte ich ja, daß Sie mir und ich Ihnen gestorben waren in jener Stunde, als ich, Mädchen, aber nicht mehr Jungfrau, in Ihr Haus zurückkehrte. Dennoch habe ich mir die Kleider zerrissen und sind Sic mif endgültig gestorben erst auf dem Markusplatz zu Venedig, da Sic, nebst den anderen ehrsamen jüdischen Männern und Frauen, erhobenen Hauptes und nicht wankenden Fußes, vorbeischritten an der auf dem Boden liegenden „Königsdirne“. Yorbeischritte», ohne sich noch einmal umzusehen. Wohlan, auch ich bin nunmehr weitergeschritten, aber nicht, ohne mich doch noch einmal umzusehen. Dieser Brief mag Ihnen sagen, was dieser Rückblick mein Herz gekostet hat. Armer Vater! Nun siegt das Sein, dieweil ich es, stolz und demütig zugleich, von mir werfe, doch über den Schein, dem Sie und die Ihren mich glaubten opfern zu können. Lieblosigkeit macht sich niemals bezahlt. Solange die Cot»- tessina ben Sonnino lebte, hätten vielleicht auch keine Lästerzungen sich an den mächtigen Bank- und Handelsherrn Pereira gewagt. Die ertrunkene „Königsdirne", die Sie selbst, Herr Vater, auf offenem Markte mit diesem Namen angeprangert haben, wird ihren Weg durch ganz Europa machen. Und wo man eine Buhle bezeichnen will, wird man sic fortab mit jenem grausamen Lächeln, dessen nur Menschenlippen fähig sind, „P c r e i r a“ heißen. Sie tun mir sehr leid, Herr Vater, denn jetzt werden wohl Sie in Ihrem Heiligsten getroffen werden, diesem Heiligsten, das nie Liebe, sondern nur Ehre hieß. Aber ich habe hier im Ghetto von Venedig, der Geburtsstätte David Danielos, gelernt, wie das bittere Kraut der Vergeltung in Menschenherzen, denen man Unrecht und Ungerechtigkeit zugefügt hat, emporsprießen kann, bis es schließlich den ganzen Menschen unheilbar vergiftet. Ich bin die Bahn geschritten, die. Ihr Spruch mir vorgezc-ichnet hat. Die Bahn ist beendet. Der Spruch hat seine Kraft verloren. Ich rüste mich, vor Gott zu treten, vor jenen Gott, den sie den „Gerechten" nennen. Ich fürchte mich nicht, weil ich glaube, daß ein Gott verstehen und verzeihen wird, wessen seine Ebenbilder nicht fähig waren. Wie wenig ich mich fürchte, mag Ihnen die Tatsache beweisen, daß ich glaube, Gott wird mich gnädig hinnehmen und wird mir sogar gestatten, Sic, meinen stolzen Herrn Vater, der Sie schuldig geworden sind an mir, und selbst David Danielo ben Sonnino, meinen Gatten, der schuldig geworden sein mag an der ganzen Welt, wie zuvor die Welt an ihm, zu entlasten und entsühnen. Ich wünsche mir nichts Besseres, als gerichtet zu werden für meine und anderer Sünden. Ich küsse Ihre Hände, Herr Vater, in der Ehrfurcht meiner Kindheitstage, und ich bitte Sie: Lieben Sie mich im Tode besser als im Leben! Trotz allem, was das Schicksal über uns verhängte, gehört mein letzter Gedanke, mein letzter Pulsschlag, der nichts ist als verschmähte Liebe, Ihnen, meinem Vater. Vergessen Sie Judith ben Sonnino, aber gedenken Sie bisweilen Ihrer Tochter Judith Pereira.“ Das Chaos war entfesselt. Der napoleonische Rückzug aus Rußland überschwemmte die deutschen Lande mit verwüsteten, grauenerregenden Truppenteilen, den kläglichen Resten der in den Eisfeldern des Moskowiterreiches umgekommenen „grande armee“. Napoleon war zwar nach Paris zurückgekehrt und hatte seinen Thron und seine Krone noch scheinbar irane. Trotzdem aber fiel ein Verbündeter nach dem andern von ihm ab, die Throne der napoleonischcn Geschwister barsten, und in deutsche!» Gauen regten sich nationale Kräfte des Widerstandes. (Fortsetzung folgt.) Rittselaufltzfuug aus voriger Nummer. Zahlenrätsel. Baruch Spinoza, Absalom, RttuS, Uru, Chuzpe, HerokeS, Soserim, Pentateuch, JSinael, Ninive, OrieM, Zelvte«. Askalon.