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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-10-29 · 44 (29.10.1926) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
44 (29.10.1926)
Date
1926-10-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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I U'.JH.IHH I I \ Aweck gründete er vor etlichen Jahren den „Verband deutscher Erzähler", als dessen Vorsitzender er unentbehrlich scheint, und dessen kulturelle Arbeit eine in der ReichShauptstadt kaum mehr zu missende Institution darstellt. Es konnte hier nur angedeutet werden, was der deutsche Jude Geora Engel dem deutschen Volk gegeben hat. Aber das deutsche Volk hat ihnr seinen Dank schon im voraus abgetragen. Die Morgenfeier am 17. Oktober war der schönste Lohn für den Pocta laureatus. — Der große Plenarsaal des Herrenhauses war gefüllt von einer andächtigen Schar seiner Verehrer (vulgo: Leser) und — nicht zu vergessen — Verehrerinnen (vulgo: Leserinnen). — Alsdann aber ergriff der K u l t u s m i n i st c r Becker das Wort, um Engel im Namen der Staatsregicrung für gemeinsame. anregende Arbeit zu danken, und dem Jubilar neben den Glückwünschen der Regierung die Hoffnungen aus künftige Förderung durch schöpferisch)«» Rat des Dichters auszusprechen. Nach dem Minister der Oberbürgermei st er Bo eg. der Berlin dazu gratulierte, Engel den seinen nennen zu dürfen. Im übrigen: „Die gleiche Weise, der gleiche Text"! Dank. Glückwünsche und die Bitte um fortgesetzte Gemeinschaft in allen kulturellen und künstlerischen Fragen. Der Oberbürgermeister von EngelS tatsächlicher Heimat. Greifswald, überbrachte in freudig bewegten Worten die Nachricht, daß der dortige Magistrat beschlossen habe, an Engels Geburtshaus eine G e d e n k t a f e l anbringen zu lassen, die den Sänger der Stadt und des „Boddens" auch künftigen Generationen in dankbare Erinnerung bringen möge, Zwei Zunftgenossen — der Hamburger Fritz Droop und dar Schweizer Jacob Schaffner — grüßten mit Humor und Witz das Handwerk, während der letzte Redner, der Syndikus das Erzählerverbandes. Dr. Wenzel Gol-dbamn. zwar „seinen" Vorsitzenden gebührend rühmte, aber im übrigen in scharf pointierten Worten die Ausgaben der Zukunft aller deutschen Erzähler — ihres Vorsitzenden mithin an der Spitze — charakterisierte und mit der routinierten Eloquenz des Advokaten in den Vordergrund rückte. Ten Abschluß des feierlichen Aktes bildeten Vorlesungen namhafter Bühnenkünstler aus Engels Werken. Läßt Engels Dasein sich am besten kennzeichnen durch das Wort Grimms: „Daö Leben in Reinheit gefaßt und getragen vom Zauber der Sprache", so sind w i r doppelt stolz, uns zu ihm beglückwünschen und uns selbstbewußt wiederholen zu dürfen: „Tenn er ist u u s c r." Juden als deutsche Kulturträger. Bon Tr. Ludwig Davidsohn -Berlin. Die Kulturhistoriker, die teils aus unbewußten Ressentiment. teils aus törichtem Vorurteil heraus, die jüdischen Kulturleistungeil zu verkleinern suchen — B. Treitschke, Paul de Lagarde — und ihre unzähligen unbedeutenderen Nachbeter, haben einen unbesiegbaren Kreis von Widersachern. mir dem sic niemals fertig werden können, gegen -dis sie mit allen ihren Argumenten und Sophismen nichts Ausrichten können: ein Heer von nun einmal nicht weg- Zuleugnenden Tatsachen! Wenn eine jüdische Zeitung «egelmäßig alle Jubiläen und Gedenktage von überragenden, jüdischen Persönlichkeiten feiern wollte, so könnte sie allwöchentlich ihre Spalten nur mit Festartikeln anfullen! So viel bedeutende Juden gibt es in allen Kultnrbetättgungeu. während sie bevölkerungsmäßiq im deutschen Reich doch noch nicht einmal ein Prozent ausmachen! — Seltsam — die meisten Meuschengrnvpen. deren Wiege einst im Orient stand, neigen zur seelischen Kontemplation, zur Passivität. Tie Juden hingegen haben im gemäßigten unseres Planeten oft eine geistige Regsamkeit, einen MAußerordentlichen Fleiß entfaltet, daß sie — wenn noch "B^rie hinzukam — unvergängliche Kulturteistungen zustande gvbrgcht Haben. ' y Da kam vor Jahrzehnten der geniale Ostiude Golöb e r g nach Berlin, nahm den Bühnennamen Max R e i n - .6« r dt an und erneuerte, reformierte das Theater, schuf Millionen unvergeßliche Stunden. Bor kurzem feierte die yAamte deutsche Kulturwelt. und uicht nur diese — alle Parteien und Richtungen beteiligten sich an diesem Fest! — das 25jähriae Tirektorjubiläum dieses Mannes, der in allen fünf Erdteilen gleichermaßen berühmt ist. und der sich in der Geschichte der menschlichen Theaterkunst für alle Zeiten Linen unvergänglichen Ruhmesplatz gesichert hat: man kann Mer ihn kaum sprechen, ohne Allgemein-Bekanntes und schon oft Gesagtes zn wiederholen. . In letzter Woche seterte ber Verlag Samuel Fischer in Berlin das Jubiläum seines 40 jährigen Bestehens. S. Fischer, «in ungarischer Jude, kam Anfang der 80er Jahre nach Berlin. Aus der Geschichte der neueren deutschen. schönen Literatur kann der Name dieses Mannes ebensowenig mehr hinweggedach-t werden, wie etwa der Name Cotta aus dem Leben der Klassiker Goethe und Schiller. Fischer hat mehr geleistet, als Cotta! — Das Größte an ihm ist nicht sein ungewöhnlicher Fleiß, nicht seine bemerkenswerte. flimmernde Intelligenz, mit der er einst als Erster Ibsen. Hauptmann. Mann. Stehr usw. druckte, zu einer Zeit, als diese Dichter noch ganz unbekannt waren, als noch ein erhebliches Risiko dazu gehörte, sie zu propagieren. »Und hätte der Liebe nicht!" .... Das Größte an Fischer ist die L t e b e. mit der ec an vielen seiner Autoren hing, ist die Wärme des Gemütes, mit der er so manchem Dichter half, auch wenn er ihm nur Opfer bringen mußte! Gewiß hat Fischer auch viel Glück gehabt, er hat die Zeichen seiner Zeit verstanden, er hat das Fingerspitzengefühl für die Geistigen Bedürfnisse der Jahrhundertwende gehabt und Werke herausgebracht, die in Äbertausenden von Exemplaren „gingen". Allein mit bloß äußerem Erfolg und mit bloßer Bankkontopolitik bat sich noch niemand ein dauerndes Denkmal gesetzt! Das Wirken Fischers war bisher ein schöner Beweis, daß der wirtlich gute Jude nicht nur ein smarter Geschäftemacher und wirtschaftlicher Organisator ist. Als Entlastung und Gegenpol für manche unsympathischen Juden unserer Tage sei dies betont! — Das Judentum hat ja schließlich doch nur Daseinsberechtigung, solange es „Genies des Herzens" hecvorbringt! Hoffentlich wird es auch in Zukunft daran keinen Mangel haben! Samuel Fischer hat aus den zahlreichen Dichtern seines Hauses eine große, sich verbunden fühlende Familie gemacht. Er hat viele gedruckt, sich für viele eingesetzt, von denen er ganz genau wußte, daß sie kein Geld einbringen würden, bei denen cs von vornherein ganz sicher war, daß sie lediglich finanzielle Opfer erfordern würden! Einer ganzen Reihe von bedeutenden, deutschen Dichtern hat er, solange sie lebten, geholfen, ja, hat ihr Schaffen durch eine Rente, die sich, weiß Gott! niemals „verzinste", überhaupt erst ermöglicht! In einem der Aufsätze Fischers stehen die ganz ungeschäftlichen Worte: „Die Pflege der Dichtkunst „als Zweig des Buchhandels" gekört zu den persönlichsten Ausgaben des Verlegers!" Diesec Grundsatz ist bei Fischer keine bloße Phrase gewesen! Er hat immer nach ihr gehandelt! „Sami, schick' mir Geld!" — Das war der Kehrreim aller Ansichtskarten, die einst der in Italien Herumwandernde, damals noch wenig bekannte Dichter Otto Erich Hartleben schrieb. Und der gute „Sami" hat immer — oder bleiben wir bei der Wahrheit, und sagen fast immer — Geld geschickt. nicht nur dem armen Otto Erich seligen Angedenkens. sondern auch vielen, vielen anderen! — Dann hatte Fischer einen sttdischen Lektor. Moritz Heimann, einen Menschen. d«r nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Weltweisheit. Herzensgute. Hilfsbereitschaft und Intelligenz bestand! . — Heber die Verdienste Fischers und „seiner Leute" um das deutsche Geistesleben der letzten Jahrzehnte zu reden, ist nicht mehr nötig! — Wozu über Dinge sprechen, die ja jedermann kennt! — — Dem deutschen Judentum soll dieser Festtag, das 40. Berlagsjubilüum des ersten deutschen Literaturverlages eine leuchtende Mahnung sein, Leistungen. und immer wieder große Leistungen hervorzubringen! — Das Ziel ist nichts — wir Menschen kennen es ja doch nie! —. aber der Weg ist alles! Wenn das Judentum seinem Vaterland immer wieder Persönlichkeiten wie Max Reinhardt und Samuel Fischer schenken kann, dann wird es der großen Gesamtheit vortrefflich nützen und sich die heimliche Achtung und Liebe aller Geistigen erringen! ... Die Judenpredigten, ein Gegenstück zur Grundschule In pädagogischen Kreisen christlicher Konfession will man die Beobachtung gemacht haben, daß alljährlich zur Zeit des Reformationssestes gegen die Schule gehetzt wird. Ein auch für jüdische Leser interessantes Kultnrdokum-ent liefert hierzu der in Cassel erscheinende „Sonntagsbote" in einem Artikel, der sich mit der Lebensgeschichte des Rotenburger Superintendenten Winther befaßt. Ueber „Judenpredigten" d. h. Ansprachen in der Kirche, die Juden hören mutzten, heißt es dort:..... Dies Gutachten wurde im Dezember 1888 erstattet und lautete dahin, daß dem Landgrafen zwar das Recht zugesprochen wurde, die dem christlichen Volke vielfach verderblichen Juden zu vertagen, ihm aber anempfahl, dieselben unter allerdings schweren Bedingungen im Lande zu dulden: die Juden sollen gezwungen sein, besonders für sie eingerichtete Gottesdienste zu besuchen: sie sollen weder Wucher noch Handel, noch eine Hantierung treiben, bei der es auf Treu und Glauben ankommt. Die Obrigkeit möge Erbarmen mit den armen frommen Christen haben und sie vor Ausbeutung durch ungerechte Christen und Juden schützen. Darum müssen die Juden in den untersten Stand hcrabgedrückt werden, und die Obrigkeit soll sie verordnen zu den „allernachgültigsten. mühseligsten und ungewinnlichsten Arbeiten als da seien der Bergknappen Arbeit, Walmachen, Stein- und Holzhauen, Kalkbrennen, Schornstein- und Kloakfegen. Wasenmeister- und Schinderwerktreiben und dgl." 4539 wurde auf Grund dieses Wintherschen Gutachtens vom Landgrafen eine Judenordnung erlassen, die den Juden zwar den Handel gestattete, sie aber außerdem mit der drückenden Verpflichtung der Judenpredigten unangenehm überraschte. Die im Jahre 1548 erweiterten Bestimmungen hatten folgenden Wortlaut: „Die Juden samt ihren Weibern und Kindern, so über acht Jahre alt seyn. solln in alle predige gehen und das wort Gottes fleißig hören und solln Vfarrherr. Helfer und Opfermann, an dem Orte, da die Inden wonen, bei irem Gewisieu Achtung darauß geben und als offt die Juden ire Weiber und Kinder die predigt versäumen, datzelbig aufzeigen und es furter den Amptleuten anzeigen, auf das sich dieselben laut vorigen Ordnung und deises unseres Bevelchs zu halten wissen." Damit die Leser des „Sonntagsboten", der sich auch früher schon in antisemitischem Fahrwasser bewegte, aus dieser vor 400 Jahren verfaßten Anweisung das Gruseln vor der Grundschule lernen, lamentiert der Verfasser etwa in folgender Tonart weiter: . . Wenn aber heute alle Kinder unseres Volkes gezwungen werden, die sog. Grundschule zu besuchen, auch wenn die Eltern die dort gelehrte Gesinnung für falsch und verderblich halten, so liegt doch in diesem Zwang eine Unduldsamkeit, die kaum noch übertroffen werden kann. In den Judenpredigten waren außer den Kindern auch die Eltern zugegen und daher in der Lage, das ihrer Meinung nach Falsche, nachher wieder aus den Herzen der Kinder herauSzureißen. Heute nach 400 Jahren sind wir soweit in der Kultur fortgeschritten, daß kein Vater und keine Mutter ein Mittel besitzt, um das geliebte Kind vor Einflüssen zu bewahren, die auf das wehrlose, empfängliche Herz desselben in der Staatsschule einwirken. Die Möglichkeit, das Kind durch Unterbringung in einer Privatschule etwaigen schädlichen Einflüssen der Staatsschule zu entziehen, ist in der freien Republik von heute dem Staatsbürger genommen . . ." Sollte man da nicht glauben, als müßten in der Staatsschule nur moralisch minderwertige Elemente untergebracht sein? Daß aber die Privatschule als Standesschule sich auch in unseren Reihen größerer Beliebtheit erfreute und die Sehnsucht nach ihr unvermindert geblieben ist. brauchen wir wohl kaum zu erwähnen. Die Gründe für diese Wahrnehmung sind allerdings nicht auf religiösem, auch nicht auf politischem Gebiete zu suchen: sie wurzeln vielmehr in sozialen Gegensätzen. Dieses Problem näher zu erörtern, liegt heute keine Veranlassung vor. I. Moses-Cassel. Das Wüten des Antisemitismus in Bulgarien. Von L. Wo t f f. Der Stere Zankoff-Ljaptschew, die durch ihre blukHze Terrorherrschaft in Bulgarien Tausende von Menschenmorden ans dem Gewissen hat, so daß die Liga für Menschenrechte in Sofia sich gezwungen sah, diese Grausamkeiten vor der ganzen Welt kundzutun, müssen auch die fürchterlichen Judenverfolgungen zugeschrieben werden, die in Bulgarien täglich vor sich gehen. Die Oeffentlichkeit der ganzen Welt muß mit Nachdruck aufmerksam gemacht werden, damit hauptsächlich die Juden Amerikas und anderer Länder, die in politischer Hinsicht etwas gegen diese Scheußlichkeiten unternehmen können, den bulgarischen Antisemiten das Handwerk legen. Denn die Juden Bulgariens, die eine kleine Minorität im Lande bilden und keine legale Repräsendeun in der hochdeutschen Schrift spräche ist sie allerdings nicht gebräuchlich, richtiger gesagt: nicht mehr gebräuchlich. Ihrem Ursprünge nach ist sie aber reines und richtiges Deutsch und ist bis zum 16. Jahrhundert int hochdeutschen Sprachgebiet allgemein verbreitet. Dafür nur einige Beispiele, die sich mit leichter Mühe aus den Wörterbüchern vermehren ließen. ' Charles Schmidt zitiert in seinem Wörterbuch der elsässischen Mundart S. 234 aus dem Manuskript der Tauler- Predigten (14. Jahrhundert) „do er (nachdem er fünf Predigten gehört hatte) wnoste und sach, was der Mere was. so gedachte er, es were genug." (Schmidt irrt, -wenn er ergänzend umschreibt: „was an der Dache ist") Das Schweizerische Idiotikon 4,360 zitiert aus einer Reunchronik, die vor 1405 abgeschlossen ist: „Er sprach, was ist der Mär?" („Was gibt's Neues?^, und aus einem Schriftstück von 1518: „Losen (hören), was der mere fei." Wie kommt es nun, daß die Wendung in der Schriftsprache untergeht? Nun, das Wort „die Märe" in der Bedeutung Erzählung, Bericht, Ereignis stirbt zwar nicht ganz aus, wird aber schon im 17. Jahrhundert als veraltet empfunden und daher ungebräuchlich. Wahrscheinlich erst durch die Dichter des Hainhundes, die für die Volkstümlichkeit der Rede und das charakterisierende Altersgepräge der Sprache Sinn hatten, ist das Wort wieder in Gebrauch gekommen und hat später als „Märchen" neue Lebenskraft und Anregungsfähigkeit erhalten. Auch die Genitiofügnng in unterer Wendung ist im neueren Hochdeutsch nicht sehr häufig und begünstigte das Absterben. Völlig geschwunden ist die Wendung freilich nicht. Slls sie nicht^ mehr durchaus verständlich war. ist sie in eine andere übergegangen und lebte gewissermaßen wie in einer Verhüllung weiter. Das Wörtchen „Mär", daö man sich als „mehr" erklärte, vermittelte die Verbindung. Die neue Form verzeichnet wohl zuerst Josua Maaler 1561 in seinem Wörterbuch „Die Teutsch spraach": „Was ist es Mer oder weyters? Quid caeterum." Die Bermischnng konnte um so eher entstehen, als sowohl die Aussprache als auch die Schreibung häufig übereinstimmte und die Bedeutung, wenn auch nicht völlig gleich, so doch recht ähnlich war. Es zeigt sich wteder einmal deutlich, wie nicht nur der Sinn das Wort gestaltet, sondern wie auch umgekehrt daS fixierte Wort den Sinn nach einer bestimmten Richtung nuanciert. In der Verkleidung findet man nun unsere Wendung auch in der klassischen Dichtung. Lessing: „WaS denn nun mehr, wenn auch ein Bischof usw. . . . von der Regel abgc^allen ist?" Gellert in einer Fabel: „Was ist es denn nun mehr? Sie sagt es ja nicht laut." Schiller läßt Thekla, Piccolomini 3, 8 ausrufen: „Nun. und was mehr?" Diese Beispiele findet man im Deutschen Wörterbuch. Einige der von Heyne dort angeführten Belege gehören freilich nicht in diese Rubrik, sondern sind anders zu erklären. So z. B. die erste Zeile in dem Jugendgedicht Schillers „Manneswürde": „Ich bin ein Mann! — Wer ist es mehr!" Zwei Beispiele, die der ursprünglich-en Redensart näherftehen, habe ich mir bei der Lektüre älterer Schriften volkstümlichen Charakters verzeichnet. Hans Sachs läßt in dem Fastnachtsspiel „Die Rockeustube" (Eduard Goetze, Zwölf Fastnachtsspiele aus den Jahren 1517—1530, S. 126) die Bäuerin auf die Vorwürfe ihres Mannes antworten: „Botz leichnam, schäm, was ist den mehr?" Und der Volksprediger Abraham a. St. Clara legt im Judas, der Erzschelm (Bd. 1, S. 85) einer Ehefrau die Worte in den Mund: „Mein güldener Mann, was ist dir heut mehr, daß du so schwttrig?" Jedenfalls ist die Wendung in der echten alten Form im Schriftdeutsch völlig geschwunden. Rite im D i alekt der hochdeutschen Gebiete scheint sie fortgelebt zu haben. Schöpf in seinem Tirolischen Idiotikon (1866) schreibt: „Die schon mittelhochdeutsch übliche Wendung: „Was ist der maere?" lautet im Munde des fränkischen Volkes: „Was ist der mehr?" „Was gibt's? Wovon ist die Rede?" Auch in Tirol hört man: „Was mer, was der Mär ist." Die neueren gründlicheren Wörterbücher der deutschen Mundarten bringen reiche Belege für die Redensart, z. B. das bäuerische, das elsässische. das schwäbische Wörterbuch und das schweizerische Idiotikon. Dietzel in einer eingehenden Behandlung der Mundart des Dorfes Wachbach bei Mergentheim (Alemannia 36, 67) notiert: „Do is jo gor n i k s t r mär," da liegt ja aar nichts daran, das hat ja gar keine Bedeutung." Verächtlich: aa eppes dr mär, hat das auch iwch eine Bedeutung?" Auch in der Mundart wird das Wort zuweilen falsch aedentet. so wenn in der Psorzheimer Gegend, wie das schwäbische Wörterbuch angibt. „der Mär" als ein Maskulinum aufgesaßt wird: „Ich will dir den Mär zeigen." ich will dir zeigen, was los ist. So wird der nicht mehr verstandene Genitiv von andern als „dir" (siehe oben Abraham a St. Clara!) auigefaßt. und der Korrektor des ersten Druckes ienes Hcineschen Spottgedichts hat statt der Mär die Mähr gesetzt, was ihm einleuchtender schien, — obgleich Heine, wie das Manuskript zeigt, natürlich die richtige Form niedergeschrieben hatte. Jedenfalls hat das Indisch-Deutsche die Redewendung in ihrer Form und nach ihrer Bedeutung am getreuesten bewahrt. ES zeigt sich hier wieder einmal die jüdische Neigung zur Konservierung überkommenen Svrachguts, die sich nur zum Teil aus der Abgeschlossenheit der Getto- Existenz erklärt. Sie hat vielleicht noch stärker ihren Antrieb in der Eigenheit des gemütvollen Erfassens und Durchdringens alles dessen, was zwischen Mensch und Mensch von Kindheit auf die Brücke der Mitteilung und Verständigung schlägt. Die Tatsache, daß sonst nur in Einzeldialekten noch vorhandene Wörter in der Sprache der Juden sich erhalten haben, war schon dem alten Wagenseil (1633—1705) bekannt, der darüber in seiner Belehrung der Jüdisch-Tentschen Reö- und Schreibart (1699), S. 88, folgendes sagt: „Es haben die Inden auch eigene teutsche Wörter, welche sonst, wenigst dieser Orthen, mit gebraucht werden, doch aber von dem Dialecto einiger teutschen Völcker Herkommen. Sie heißen einen Ring Fingerlich. Ein Perlein Perl i ch. Die Hochzeit Brauloft. Ein Mägdlein M e i d - l i ch. Einen Fehler Greis. Für euch sagen sie e n ck. Für euer endet Für einladen B regelt. Für lesen leien. Für Ergötzen E r m e i e n. Für Segnen Benschen.. Für überschwemmen v e r f l ö tz e n." Die Frage ist nun vielleicht berechtigt, ob die Redewendung auch in den deutschen Mundarten ebenso treu bis auf den heutigen Tag bewahrt wurde: denn es erscheint immerhin auffallend, daß sie in dem langen Zeitraum nicht einmal wieder an der Oberfläche der Schriftsprache aufgetaucht ist. Die Vermutung liegt nahe, daß dteL.rdeusart erst im 19. Jahrhundert aus dem Verkehr mit Juden wieder in die Mundart eingedrungen ist. So ist es denn bezeichnend, das besonders reichhaltige Nachweise über ihr Vorkommen gerade aus den Gegenden vorliegen, die seit langem, wie z. B. das Elsaß, eine zahlreiche jüdische Landbevölkerung haben. Wie sehr selbst hebräische Worte des Jargons durch den Verkehr mit Händlern sich cinbürgern können, zeigt das Beispiel des Dorfes Handschuchsheim (bei Heidelberg), in dem übrigens keine Inden mehr wohnen. In der Mundart dieses Dorfes, die Prof. Philipp Lenz wissenschaftlich dargestellt hat, haben mehr als hundert solcher Worte Heimatrecht gewonnen, so daß man an jene bekannte Zeichnung Oberländers erinnert wird, die den Einfluß des jüdischen Jungen, der sich im Dorf das Mauscheln abgewöhnen soll, so scherzhaft übertreibt: — Das ganze Dorf mauschelt. Sei nun diese Vermutung berechtigt oder nicht, mag die Wendung in den modernen Dialekten des Hochdeutschen altererbt oder aus dem Jargon neu übertragen sein, auf jeden Fall zeugt die Geschichte des Wortes von der tiefen Knlturverbundenheit der deutschen Juden mit dem deutschen Volkstum. und wenn die Ueberschrift dieses Beitrages von dem einen oder andern noch als eine Frage aufgefaßt werden sollte, so sei hiermit die Antwort gegeben, die freilich keine Neuigkeit, sondern die Bestätigung einer alten Tatsache enthält. 1

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