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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-10-29 · 44 (29.10.1926) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
44 (29.10.1926)
Date
1926-10-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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«erden können, eine Ergänzung deS Sabbats stattfinden ' kann, haben wir oben gezeigt. Natürlich kann auch eine solche Feier mit Predigt verbunden werden, ia selbst Laienansprachen — mit geeigneten Themen natürlich und nicht im VolksversammlungSton —, Ansprachen auch von Frauen und selbst von geeigneten jungen Menschen könnten hier ihren Eingang finden. Aber eS muß nicht regelmäßig so sein, die Feier kann auch durch sich selber wirken. Es muß auch nicht jeder Sonntagvormittag dazu benutzt werden, und es wird sich auch von selbst erübrigen, wenn man die «religiöse Feierstunde" grundsätzlich, also auch sür andere Wochentage anerkennt. Sie wird sich freilich auch dort nicht erübrigen, wo man den Schwerpunkt des Sabbats noch mehr als bisher auf den Freitagabend verlegt, und nicht bloß im Hause, sondern auch im Tempel. Darüber sollte allerdings überhaupt nicht mehr diskutiert werden. Der Beginn des Gottesdienstes muß der Geschäftszeit angepaßt werden, oder man mutz, wie in Berlin, zwei Gottesdienste am Abend einrichten, solange jedenfalls der Beginn wesentlich vor Geschäftsschluß liegt. Wie kommt man denn dazu, die große Menge derer, die nicht um 4 oder 5 oder 6 Uhr im Gotteshaus sein kann, einfach anszuschlietzen und nur an die zu denken, die Zeit haben? lind ebenso müßte die Sabbatpredigt ganz vorzugsweise «m Abend stattfinden und am Vormittage eigentlich nur dann, wenn ein staatlicher Feiertag mit dem Sabbat zusammenfällt. Die Liturgie des Abends hat sich ja im allgemeinen bewährt. Etwas Entlastung wäre aber auch ihr, schon mit Rücksicht auf die verlangte Predigt zu wünschen. Das Mincha siele ja, wenn man den Beginn des Gottesdienstes neu regelte, in den meisten Fällen von selbst fort. Man sollte freilich diese Minchastücke überhanpt der Privatandacht anlicimstellen und den AbendgotteSdienst etwa so einrichten: I. Eingangslied (deutsch). 2. L'cho daudi (in Auswahl wegen der national bestimmten Sätze). 3. P s. 92 (deutsch). 4. Kaddisch der Trauernden mit deutschem Vorspruch des Rabbiners. 8. Bor'chu lhebräisch). 6. Ahawas anlom (deutsch vom Rabbiner). 7. Sch'ma (nur 1. Abschnitt, 1. VerS gesungen, das andere deutsch vom Rabbiner). 8. Mi chomancho. 9. Haschkiwenu (deutsch vom Rabbiner). IN. Halb Kaddisch. II. Leise Tefilla (deutsch). 12. Waj'chullu (als Predigtlied). 13. Predigt. 14. Kiddusch. 15. Olenu (deutsch vom Rabbiner). 16. Schlußlied (deutsch). — Bei dieser Anordnung wäre deutsch und hebräisch gleich verteilt, das Gebet für Trauernde steht in der Mitte, damit der Gottesdienst froh ausklingt, vom Sch'ma erscheint nur der 1. Abschnitt, weil der 2. mit der Betonung der Lohnthevrie und der 3. wegen der Verknüpfung der Schausäden mit der inneren Heiligung unfern Anschauungen entrückt sind. Eingangs- und Schlußlied sollten oft wechseln. — Die Freitagabendseier des Hauses wird vor allem im Zeichen der Sabbatlichte stehen. Dieses innige Symbol dürfte wohl zu jedem sprechen. Alles übrige — Gebet, Gesang, religiöse Lektüre ans Bibel oder sonst geeigneten Schriften — wähle jeder selbst. Die „Renjüdischen Feierstunden" werden hier gute Dienste leisten. Die Liturgie am Sabbatvormittag beginnt in Orgeltempeln gewöhnlich mit dem AnShcben unter gänzlicher Ausschaltung des Morgengebetes. Das ist keine glückliche Anordnung, da so sämtliche Sabbatpsalmen Wegfällen, sowie manches sonst wertvolle Stück des Morgengebetes. Dafür nimmt dann die Belehrung durch Thora, .Haftara, Predigt und der Teil der Svndergcbete für Familienereignisse einen zu breiten Raum ein. Das hat dazu geführt,' da ja die Barmizwafeier und Neumondsmeihe gelegentlich auch dazu kommt, daß der Vormittagsgottcsdienst leicht ermüdet, jedenfalls des rechten Schwunges entbehrt. Eine Aenderung würde deshalb durch folgendes erreicht: 1. Die Predigt, wie vorgeschlagcn. am Abend. 2. Die Barmizwa nach dem Gesamtgottesdienst (mit regelmäßiger Bekanntmachung). 3. Die Sondergebetc für Familieneretgnisse sind in ein stilles Gebet sür die Beteiligten — während der Andacht — umzuwandeln (die Orgel füllt die allgemeine Stille aus). »L»„Das Aufrufen zur Thora wird ans 3 beschränkt. Zur Verlesung gelangen nur religiös und ethisch sowie ästhetisch wertolle Stücke, mit deutscher Ilebertragung. 5. Die Hastarg wird auf etwa 10 Bibelverse bemessen. Die Auswahl müßte ebenso wie bei der Thora erfolgen. »8. Der Gottesdienst beginnt und schließt mit Sabbatpsalmen (die zu singen wären, einer hebräisch, einer deutsch). 7. Ein weiteres Stück des Morgengebetes rvird vom Rabbiner deutsch vorgetragen. Der Neumondsabbat würde durch 1 der Hallelplalincn (als Eingangspsalm gekennzeichnet. Der Verlauf tväre also: 1. Eingangspsulm. 2. Aus dem Mvrgengebet «deutsch vom Rabbiner). 3. Ausheben. 4. Thora- und Hastaravorlesung. 8. Gebet für daS Reich. 8. Sonderbitten (als stille Andacht). (Anschließend Kaddisch für Trauernde mit Vorspruch deS Rabbiners). 7. Neumondweihe. 8. Einheben, v. Kurze Muffaf-Tefillßk 10. Kaddisch. 11. Olenu (deutsch). 13. Schlußpfalm. Der schöne Brauch.des Sabbatnachmittags. «Sprüche der Väter" oder Psalmen zu lesen, sollte in die Freitag, abendfeier übernomen werden. Der AbenbgotteSdienst sollte d«, Ausgang des Sabbatin 2 Psalmen und den Habbalasprüchen anbeuten. — Die Habdala des HaufeS hat, da -cr Sabbat für die meisten ein Arbeitstag ist. schon von selbst wohl fast überall aufgehört. (Fortsetzung in der Beilage.) , t Georg Engel — ein Sechzigjähriger. Von Doris W i t i n c r. Am 29. Oktober dieses Jahres vollendet Georg Engel fein sechzigstes Lebensjahr. Und selten sind in deutschen Landen — abgesehen von Gerhart Hauptmann, dem offiziellen deutschen Nationaldichter — einem deutschen Dichter, noch >dazn jüdischen Blutes, schon vor tarn Jude trage soviel Ehrungen und Glückwünsche zuteil geworden. Einem deutschen Dichter jüdischen Blutes? Manche erstaunte Frage, manch verwunderter Blick werden aufflackern und diese Behauptung enttäuscht in Zweifel setzen. Und doch: sie umschließt eine unerschütterliche Tatsache, und wir dürfen uns freudig rühmen: „Denn er ist Unser!" Unser in der zwiefachen Eigenschaft alö Jude und als Deutstcher. Gelegentlich hat ein literarischer Spaßvogel die kühne Behauptung gewagt, daß. wer literatur-und stilkundig die Werke unserer deutschen Dichter und Denker anonym, d. h. ohne den hinznqesctztcn Namen des Autors läse, ohne weiteres zu erkennen vermöchte, ob der Versasier ein „Deutscher" oder ein „Jude" fei — sofern Hohlköpsen oder professionellen Antisemiten ein solches Unterscheidungsvermögen überhaupt zn verstatten ist. Nun, fürwahr, die Armen im Geiste, die selbst ..in litteris ct artibus“ einen Arirrparagraphen und eine Blutöprobentheorie zulasten, und die sich so hochwohlweise dünken, daß sie am Stil nicht nur den Mann, sondern auch Jude oder Christ zu erkennen vermöchten: sie haben.sich wob^ kann, jemals so häufig geirrt wie im Falle Georg Engel. Allerdings: dem Rädelsführer der Rastentheoretiker, der das Problem von der Fremdstämmigkeit auch in die „freie Republik des Geistes" zu verpflanzen wagte, dem rauflustigen Adolf Bartels, ist ein bestcrer Instinkt eigen gewesen. Er hat in seiner Literaturgeschichte des neueren Deutschland Georg Engel als den „gefährlichsten deutschen Dichter" (selbstverständlich jüdischer Rasse) bezeichnet. Es ist nicht schwer, zu ergründen, was er damit hat sagen, wovor er durch dieses fragwürdige Lob hat warnen wollen. Er hat mit wahrhast tiefschürfender Psychologie erkannt, daß in Georg Engel ein deutscher Dichter am Werke war, nicht nur deutsche Menschen, sondern vor allem.deutsche Erde, in engem Bezirk die große deutsche Heimat zu verherrlichen und dies aus unwiderstehlichem Trieb, dieweil er sich identisch fühlte mit allem, was deutsche Kultur und deutsche N a t n r umfing. Und trotzdem und alledssm, trotz dem erkeirntttisreicheu Adolf Bartels und den erkenntnislosen Rätselratern des deutschen Schrifttums, entstammt Georg Eng«! doch einer altjübischen Potriarchenfamilie, deren verschiedene Blutstrüme sich in dem jnngen „Jürgen" vorzeitig zu einem be- :--Uders vorieilhasteu „mixtum compositum" verbanden. Der Vater, Leopold Engel, war ein wohlsituierter Reeder der alten Hansestadt Greifswald, der sich nicht nur die Winde seines heimatlichen Meeres, sondern auch eines sturmerprobten Lebens wacker um die Nase wehen ließ: die Mutter, eine geborene Sochaezewski aus Breslau, durste als Hüterin geistiger und ideeller Interessen gelten. Tie zwölf ersten Kindhertsjahre» die Georg Engel an der „Waterkant"' in. trautem Verkehr mit den Elementen — Erde und Wasser —, aber auch mit den seltsamen Gestalten alter Seebären, phantastischer Meerfahrer, die mehrmals des Jahres den Acguator passierten, und den abergläubischen Spnkgebilden nnd Träumen der Daheimgebliebenen verbringen durste, haben die Urkeime zu seinem ganzen Schassen gelegt. Was er, halb unbewußt noch, erlebte und erlauschte, hat sich ihm fürderhin, in der kurzen Breslauer Gymnasiast e>,zeit und in den nahezu vier Jahrzehnte» seines Berliner Aufenthaltes, zn Gesichten und Geschichten non grandioser Phantastik verdichtet. Aber dergestalt, -daß cr immer wieder das hohe Lies der ursprünglichen Heimat anstinnnte und somit in die Ehreureihe der Stvrm und Reuter, der Liliencryn, Treusten, Löns und Thomas Mann mit Ing und Recht Äufnahrne fand: Interessant ist eS. gerade durch Geors Engel das alte, festgewurzelte Vorurteil widerlegt au sehen, daß der Iude als Dichter keine unmittelbare Beziehung zur Scholle, zur Muttererde habe. (Und in eben dieser Widerlegung sah Adolf Bartels wohl die vergiftende Wirkung dieses „gefährlichsten deutschen Dichters".) Alle Schöpfungen Engels zeichnen sich durch ihren Erdgeruch, ihre innige Ste&e zu der Landschaft. die ihn gebar, ihren Wolken und Wmden und nicht zuletzt ihrem eigenartigen Menschenschlag aus. ES gibt für Engel nur zwei Gewalten, die seiner Künstlerseele heilig sind. Die erste verkörpert der Boden, dem er ferne ersten Eindrücke dankte, die zweite — und hier beanspruchen wir in dem deutschen Dichter den Juden für uns — umfaßt die Gestalt der Mutter, der er in fast jedem seiner Werke ein ehrenvolles Denkmal errichtet hat und mit der er auch im Privatleben biS zu ihrem vor etwa anderthalb Jahrzehnten erfolgten Tode in rührender Gemeinschaft verbunden bl,eb. Die alte Dame mit dem schlohweißen Haar und der schlanke hochgewachsene Sohn mit dem dazumal noch nußbraunen Haar und der kühn gewölbten Stirn, die von fernher ein wenig an den Feuerkopf Lassalles gemahnte, dazu eine dem Haus seit schier einem Menschenalter eingefügte Haushälterin: UrunÄ Vorbild jüdischen Familienpatriziats! Gcora Engels dichterische Laufbahn Mud unter einem glücklichen Stern. Dramatisch debütierte er noch unter Theodor Loewe mit seinem Jugendrverk „Der Hexenkessel" zu Breslau : iu Berlin war es der damalige Chefredakteur des „Berliner Tageblatts. Artur Levisochn. der seinen ersten Roman „Ahnen und Enkel" veröffentlichte. Bon da ab ging die schöpferische Kurve ständig aufwärts, und der Dichter schritt nahezu schlafwandlerisch, wie jeder wahrhaft schaffende. von Erfolg zu Erfolg. Seine dramatische Tätigkeit blieb hinter der epischen ein wenig zurück, obwohl er auch auf diesem Gebiet reiche Triumphe zu feiern Iratte. Mit dem von der Zensur verbotenen Lustspiel „Der Ausflug ins Sittliche" ward die „Lcx Heinze" so recht eigentlich inauguriert. Seinen größten Bühnenerfolg aber stellte daS Heimatsdrama „lieber den Wassern" dar. das im Lessing- Tbeater mit Agnes Torma stürmischen Beifall errang und noch heute — nach nahezu zwei Jahrzehnten — ein ständiges Repertoirestück der deutschen Bretter bildet. Endlich aber hotte er seinen ureigenen Weg und sein ureigenstes Ziel gefunden. Die großen Entwicklungsromane, deren jeder ein Welt- und Zeitbild im großen umfaßte, wie beispielsweise „Hann Klüth", „Ter Reiter auf dom Regenbogen". „Der Fahnenträger", „Die vier Könige", Kathrin , „Die verirrte Magt»". sowie der historische Roman ,„Klaus Störtebecker", 'der 1920 erschienen, die revolutionären Strömungen. die zur Zeit Europa erschütterten, auf den verschollenen Knlturhintergrund des historischen Piraten und seines wüsten Rebellentums projizierten, harten ihn den Zenith künstlerischen Wirkens erreichen lassen. Im „Reiter auf dem Regenbogen" hat die Parcivalnatur Georg Engels, wahrscheinlich, ohne es zu iviffen. geschweige denn, es zu wollen, ein getreues Konterfei von sich, dem „tumben Toren" geliefert, der immer auf der farbige,, Brücke von der Erde zum Himmel reitet, ohne Ungemach zu erleiden, dieweil er reinen Herzens und reinen Sinnes ist. . „Habent sua fata libclli". Bücher haben ihre Schicksale. Autoren auch. So ward es jüngst dem jüdischen Dichter Georg Engel beschieden, innerhalb dcS deutschen Volkes, wo es am echtesten und kerntzasteten ist, eine Volkstümlichkeit zu erringen wie nur wenige Poeten rein arischen Geblüts. Seine Standardiverke. wie der „Reiter auf dem. Regenbogen". „.Hann K'lüth" und „Klaus Störtebecker" ebenso wie seine gespenstisch humorvollen Novellen von der „Waterkant" — „Der verbotene Rausch". „Die Leute aus Moorluke". „DaS Hungerdorf" haben Äuflageziffern erreicht,Ae am beredtesten für feine tieflotende Popularität zeugen... beweisen unbestritten und unbestreitbar. Laß kn dresem HHbfchen Jude,, deutsche Menschl-eit und deutsche Erde fest Hkrwurzelt sind. Fester als in manchem, der allzeit Wotan. Thor und Baldur beschwört. Und es ist kennzeichnend für den Dichter, daß in seiner literarischen Werkstatt, in der immer alle Esten rauchen, augenblicklich gewirkt und gewerkt wird au einen, Stoff, der neck) jeden niederdeutschen Schöpfer lockte: uäntlich an einem „Till E u l e n s p i e g e l", wie er sich in Georg Engels Seele eigenbrötlerisch spiegelt. . Neben dem umfänglichen Lebenswerk, auf das dieser jugendstrotzende Sechziger bereits zurückblicken darf, fand er doch stets Zeit und Freude, für die Organisation auch.der geistigen Arbeiter tätig zu sein und den „dii minorura" vom luft-ftp-tt Ä1» tbifeffcnr Dämmer. Morgenfrühe horcht mit großem, grauem Auge auf ihre Stille — Vogelton tupft hinein und verstummt, wie erschreckt. Denn auf ragender Weltenrnhe thront die Ewigkeit zwischen uns. Ella v au E l e c f. Der jüdische Maler Gskar Haderer. Bon Dr. Ludwig D a o i d f o h » - Berlin. Gibt es wirklich eine spezlell-j «bische bildende Kunst? — Wenn auf eindeutige Beantwortung dieser Frage gedrungen wird, muß man verneinen! Landschaft und Milieu, in dem der betreffende Künstler aufwächst, geben seinem Schaffen fast immer Folie und Wesenheit. Israels ist durch und durch ein holländischer Maler. Liebermann jeder Zoll ein braver Märker, und kann etwa teu tonische Symbolik einen suggestiveren Ausdruck finden als in jener Hamburger BiSmarck-Äoloffalstatue. die der Jude Hugo Lederer schuf? — Aber trotz allem bringen die großen jüdischen Künstler noch eine besondere, jüdische Nuance in den Ausdruck ihrer heimatlick^en .Kunst und Pflegen diese io aus die glücklichste Weise oft zu bereichern. Das brennende soziale Mitempfinden von Israels, seine fchmcrzlich-lächelnde. über den Dingen stoßende Weltweisheit ist typisch - j ü ü i sch.^ Liebermanns Analytik und Unnaivität empfinden wir ebenso als ein Jc-ne-sais-quoi seines jüdischen Ursprungs. Tie jüdische Geistigkeit hat nun einmal, wie alle kulturellen Komplexe auf Erden, ihre Licht- und Schattenseiten. Ganz besonders liebenswerte, tiefe und schöne Züge jüdischen Wesens sind in der Kunst Oötar Haberers vereint. Dieser Maler ist einer von den Stillen im Lande, einer von denen, di: jedwedes Rcklanregetrvmmel und Sickin-der-Oeffentlichkcit-znr-Schau-stellen anfs tiefste baffen, die nur durch schlichte Innerlichkeit werben, deren Einfluß und Schaffen aber darum nn, sv eindrucksvoller und nachhaltiger wirken. Die Juden sind merkwürdigerweise seit ie Extremlinge. Extrem im Bösen wie im Guten. Haberer ist Prototyp des Besten, das in der jüdischen Seele lebt. Er ist Badener Kind, hat zuerst die Karlsruher Kunstgewerbeschule besucht, dann die Akademie der bildenden Künste in München. Hieraus folgten viele arbeitsreiche Wander- und Lehrjahr« in Holland, der Schweiz. Frankreich und Oesterreich. Die silbrige, gedämpfte Atmosphäre Amsterdams fesselte den Künstler sogar acht Jahre. Seit anderthalb Jahrzehnten lebt er nun in Berlin. Hier hat er bei seinem großen Fleiß eid unendlich reiches Werk geschaffen. Die besten Museen und öffentlichen Kunstsammlungen des In- und Auslandes haben seine Arbeiten erworben. 1910 erhielt er iu Brüssel die große Goldene Medaille, ein Jahr vorher in Seattle den Grand Prix. An zahlreichen Ehrungen und enthusiastischer Anerkennung vieler wirklicher Kenner hat cs ihm nie gefehlt. Aber bedauerlicherweise — Prophet im eigenen Laude! — hat er bei uns noch nicht den Ruhm gesunden, den cr verdient. Die Ursachen liegen auf der Hand. Das Werk dieses Mannes erschließt sich eben nicht den Oberflächlichen, sondern nur den tiefer Schauenden und Verinnerlichten. Und in unserer kunstarmen Epoche braucht das Wertvolle Zeit, um sich öurchzusetzen. Im kommenden Winter wird Oskar Haberer sechzig Jahre alt: es ist hohe Zeit, auf seine anßerordentliche Bedeutung nachdrücklich hiuzuweisen. Als Landschafter zählt er zu den besten deutschen Meistern. Seine ernsten Schivarzwaldbilder. feine Hellen, sonnigen märkischen Landschaften, in denen der goldgelbe märkische Sand urheimatlick leuchtet, zeigen, daß — wie erwähnt — nur die Scholle dem Maler seine Volkszugehörigkeit gibt. Dabei aber ist Haberer eine tiefreligiöse Natur, ein bis in die Fingerspitzen hinein überzeug,,ngstreucr und bewußter Jude. Dieses sein Wesen zeigt sich weniger darin, daß er immer wieder jüdische Motive. biblische Gestalten malt. Thvraschränke und jüdische Kultusgegenstände geformt hat. Denn die Vielseitigkeit dieses Mannes ist ganz erstaunlich. Er ist neben feiner Tätigkeit als Maler „och Kunsttöpfer, Kunstgewerbler und Knnstlwndrverker. Aber — etwas von der nn endlichen Geduld des jüdischen Handwerkers, wie er heute noch in manchen kleinen östlichen Städtchen lebt, steckt vor allem in seinen I n t a r f i e n a r b c i t e n. Hierin bat er in Deutschland niemanden, der ihm ebe,U>ttrtig ist, keinen Rivalen und bisher anch keinen Epigonen! Er hat in der Technik de,- Jntarsienkunst ganz neue Anödrucksformen gefunden und malerische Wirkungen erzielt, die bisher noch niemandem geglückt sind. Aus ganz verschiedenen Naturbölzern Landschaften und Figuren znsammenzusetzen. in denen die Maserung uud die Flamme der Hölzer die Linienführung nicht nur unterstreichen, sondern ibr geradezu den Ausdruck geben, ist neben anderem eine Geduldsarbeit, die biöher in der Jntarstakunst noch niemand überhaupt erstrebt, geschweige denn erreicht hat. Das ganz Neue an diesen Intarsien liegt darin, baß durch daS genaue Aneinandersehen der verschiedenfarbigen Holzplatten Lichtbrechungen. Strukturen des Geländes, landschaftliche Flächendifserenzierungen. Himmel. Bäume. Meer so gezeichnet und getönt erscheinen, wie es ein stilisiertes Bild nicht zu bieten vermag. Aehnliche Leistungen hat bisher nur der O r i e n t in seinen größten Epochen hervorgebracht. Don Haberer mit Intarsien verzierte jüdische Kultusgegenständc sind vielfach in Privatbesitz, einige seiner besten Zeichnungen jüdischer Typen und Skizzen auö dem jüdischen Familienleben befinden sich in der Kunstsammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde in der Oranienburger Straße. Nicht nur das deutsche Judentum hat allen Anlaß, auf diesen Künstler stolz zu sein! Verschiedene seiner Kunstschöpfnngen sind von zeitloser Schönheit und werden sich —- unabhängig von allen Mvdeströmungen und jeweilig herrschenden Richtungen — einen dauernden Platz in der allgemeinen Kunstgeschichte erringen! Was ist der mehr? Bon Dr. M. Spanier, Berlin. In den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts habe ich in meiner hannoverschen Heimat von den Alten, rvenn sie unter sich waren, noch häufig das Wort gehört: „Was ist der mehr?" im Sinne von: „Was gibt's Neues?" oder: „Was ist los?" („der mehr", d. i. der Genitiv des mittelhochdeutschen Wortes „diu maere", das Erzählung, Bericht, Tatsache, Ding bedeutet). Man fühlte die Redensart als Jargon, der damals dort — auch in seiner etwas temperierten Art — im Absterben begriffen war. Jacob Gerzon in seiner Heidelberger Differiation von 1902 „Die jüdischdeutsche Sprache", die das im O st e n „och gesprochene Jüdisch-Deutsch besonders berücksichtigt, verzeichnet unter den stehenden Redensarten: „Wos is der mer?" und umschreibt: „Was soll das?" „Was für Nutzen bringt es?" Wenn Heinrich Heine in seinem spottenden „Festgedicht" anhebt: „Beereu-Meycr, Meyer-Beer! Welch ein Lärm, was ist der Mär?" so wählt er natürlich dieser, Ausdruck, um dem jüdischen Komponisten noch einen Stachel mehr ins blühende Fleisch zu stoßen. Wenn Berthold Auerbach in seinem Kalender. Jahrgang 1845 (abgedruckt im Schatzkästlein des GevattersmanneS 1856, S. 293) auf die Frage Christians: „Nu, Mauschel, gelt, da steht ein Judt" (nämlich am Pranger der Stadt) Mansche antworten läßt: „Nu, was der Mähr? Habt ihr den Pranger allein gepachtet?" so empfindet er den Au-druck wie Daniel Sanders, der ihn in seinem Wörterbuch mit dem Zusatz „in der Mauschelsprache" versieht. In Grimms Deutschem Wörterbuch hat Heyne die Wendung überhaupt nicht erwähnt. Mit einem gewiflen Recht,'

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