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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-10-29 · 44 (29.10.1926) · page 4

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
44 (29.10.1926)
Date
1926-10-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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tatiori int Reiche besitzen, die die öffentliche Meinung über die wüsten antisemitischen Hetzen orientieren könnte, sind allen Angriffen gegenüber wehrlos: auch besitzen sie keine Presse, um die gegen sie anSgeubten Grausamkeiten zu veröffentlichen ober einen flammenden Protest gegen die unmenschlichen Verfolgungen vor der Welt -u erheben. Dagegen wird seitens der faschistischen Regierung jede Bekanntgabe von Judenverfolgungen unterdrückt und die Zensur wacht darüber, daß daS Ausland von diesen Geschehnissen nichts erfährt. BiS vor zwei Jahren war in Bulgarien der Antisemitismus vollständig unbekannt, und die Juden waren dort wirtschaftlich und politisch den anderen gleichgestellt. Jedoch nachdem Zankoff und Liaptschew vor zwei Jahren die Regierung übernommen haben und dem Antisemitismus freien Vnitf ließen, entstand in Bulgarien der Antisemitismus in seiner fürchterlichsten Form, der sich sowohl auf politischem wie auf wirtschaftlichem Gebiete auswirkte, der ohne Grund und Ursache Juden verfolgt und mordet. Unter dem Banner der Faschistenoereiniguna „Rodna Saschtschita", BaterlandSverteidtaer. marschieren in ganz Bulgarien, in den Städten sowie in den Dörfern, unter der Führung hoher Militärs Banden von bewaffneten Offizieren (40 bis SO Mann), die sich die Aufgabe gestellt haben, daS Vaterland zu verteidigen,' sie morden und plündern die Juden des Landes. Dr. Alsassow, der im gesellschaftlichen Leben Bulgariens eine große Rolle spielt, hält sich gegenwärtig im Anslande auf. um verschiedene Länder aufzusuchen, in denen er über die verzweifelte Lage und die grausamen Verfolgungen, die die Juden Bulgariens zn erleiden haben, berichtet. Er schildert besonders die Tätigkeit der Antisemiten, die unter dem Banner „Vaterlanbsvertcidiger" marschieren und sich in den letzten Jahren wie eine verheerende Pest über das ganze Land auSbreiten. Sie können mit ihren Greneltaten mit Bestimmtheit die Horthy-Antisemiten Ungarns sowie die antisemitischen Bestiett Rumäniens in den Hintergrund drängen» so daß sie jetzt in Europa die Krone des Antisemitismus tragen. Dr. Alsassow, der sich gegenwärtig in Amerika aufhält, schildert fast mit Tränen in den Angen die schauderhaften Erlebnisse der bulgarischen Juden, die sie durch den Antisemitismus zu ertragen baben. Unter anderem erzählte er von einem jüdischen Kaufmann, der in seiner eigenen Wohnung vor den Angen seiner schwangeren Frau von der bulgarischen Soldateska erschollen wurde. Der erschollene Jude hat lange Jahre einen großen Tabakhandel in Buldavien betrieben und da er der liberalen Bauernpartei StambulinskyS nahestand, wurde plötzlich ohne Anklage und ohne Grund von einer bewaffneten Offiziersbande der „Rodna Saschtschita" sein Haus belagert, und er wurde verhaftet. Im Gefängnis wurde er mit den brutalsten Mitteln gefoltert. Nach einigen Wochen würbe er angeblich befreit und mit seiner schwangeren Frau zusammeugebracht, und alS er bei sich zu Haufe war, haben ihn die Bestien dort erschollen. Dasselbe schildert er auch über den bekannten jüütsch-liberalen Arzt Levy aus Strra Sagara, der ohne Grund von den „VaterlandSverteibtgern" verhaftet und in derselben Nacht von »unbekannter Hand" durch die Gitter seiner Gefängniszelle erschossen wurde. Solche und ähnliche Grausamkeiten, so erzählt Dr. Alfafsow, geschehen unzählige in der letzten Zeit. Außerdem vergeht kein Tag, an dem man unschuldige Juden nicht , attackiert und mit den brutalsten Mitteln verfolgt. Die bulgarischen Mörder haben es bei den bestialischen Antisemiten Polens gelernt, und in den Eisen- und Straßenbahnen wird jeder angetrofsene Jude mörderisch geschlagen und sogar sehr oft aus dem Fenster des fahrenden Zuges geworfen. In der letzten Zeit hat die jüdische Gemeinde in Seweljewo eine Gedächtnisfeier znm Andenken an die jüdischen Soldaten, die im letzten Kriege gefallen sind, veranstaltet. Alb die bulgarischen BaterlandSverteidiger daS erfuhren, überfielen sie die jüdischen Gemeindemitglieder, die sich auf dem Friedhofe befanden, mit Gewehren und Knüppeln. Sie haben auch den dort anwesenden, ehrwürdigen spaniolischen Rabbiner schwer mißhandelt. Wie «eit der brutale Antisemitismus fortgeschritten ist, davon zeugen dt« Plakate, die in den Hauptstraße« von Sofia und anderen Städten verbreitet sind nnd erklären, daß den Inden das Betreten dieser Straßen verboten ist. Die Inden dürfen sich nur in den kleinen schmutzigen Hinter» gäßchen bewegen. Fast täglich kann man es erleben, daß ein „Kommandant" der Vaterlandsverteidiger, begleitet von einer Horde Jnngens, jüdische Passanten, die in den Hauptstraßen gesehen werden, mißhandelt und schlägt. Sie werden erst befreit, wenn sie das neue „Ghetto", das die bulgarischen Antisemiten für die Juden auserkoren haben, erreicht haben .... Die bulgarische Polizei, die täglich diese Bilder der Grausamkeit vor Augen hat und unter der Führung des Innenministers Ljaptschew steht, bleibt diesen Ungerechtigkeiten gegenüber vollständig gleichgültig, so daß man ruhig behaupten kann, daß diese Mißhandlungen und Verfolgungen der Juden ans Befehl dieses Brutus Ljaptschew ausgeführt werden. In der letzten Zeit hat die Tätigkeit der „Vaterlandsverteidtger" große „Fortschritte" gemacht. Ihre Tätigkeit begrenzt sich nicht nur auf politisches und physisches Gebiet, sondern sie haben im ganzen Lande einen ökonomischen Boykott gegen die Inden Bulgariens organisiert und bleiben bemüht, die Inden wirtschaftlich zu ruinieren. Selbstverständlich haben sie dies nicht nur in der Theorie geschaffen, sondern sie arbeiten mit aller Energie, um die Juden aus ihren wirtschaftlichen Positionen herauszudrängen. Dieselben bewaffneten Offiziere, die die Juden körperlich mißhandeln, promenieren in voller Kriegs«»-- rüstung vor den jüdischen Geschäften und treiben die christ, lichen Kunden mit Gewalt auL den jüdischen Läden. Dieser Bericht zeigt deutlich, daß die bulgarischen antisemitischen Mörder bei ihren polnischen und rumänischungarischen antisemitischen Vorläufern viel gelernt haben, da sie die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Judenvogrome in Bulgarien systematisch organisiert haben, so daß die bulgarischen Inden eine schwere Zeit durch diesen grausamen Verfolger durchmachen muffen und ihnen noch schwerere Katastrophen bevorstehen. Deshalb ist es eine dringende Pflicht der jüdischen Oeffentlichkeit, alle Mittel anzuwenden. um die Juden Bulgariens vor der Ausrottung zu schützen. Versammlungskalender Breslau. Jüdisch-liberaler Jugendverein „Abraham Geige r".) Gruppe „Süden". Briefadreffe: Alfred Berger. Augustastraße 67. Fernsprecher: Stephan 37754. Gruppenabend: Mittwoch, den 3. November, abends 8>l Uhr bei Herrn Erich Äoenigsberger. Kaiser-Wilhelm- Stratze 27. Thema: Mischehe. Einleitendes Referat. Freie Aussprache. Frankfurt a. M. (Jüdisch-liberale Jugendgemein scha f t.) Unsere nächsten Heimabende: Donnerstag. den 4. November: Kurt Beck: „Liberales Judentum". Dienstag, den 16. November: Referendar Ernst Lvewenthal: „Liberalismus und Zionismus". Kalendarium für die Zeit vom 30.10. b. 0.11.1926 Oktober 1M6 Cheschwan 8587 Sonnabend 30 Sonntag 31 Rovamber 1SSS * Montag 1 Dienstag 2 Mittwoch 3 Donnerstag 4 Freitag 3 Sonnabend 6 22. Wochenabschnitt: Chajjefforo Hastarah: I. Könige 1 (1—31) Sabbat-Ausgang: 3,36 33. 24. 25. 26. 27. Jom Kippur Kotou 28. 29. Wochenabschnitt: Tanldautz Hastarah: I. Samuel Kap. 20 (18—42) Sabbat-Ausgang: 5,18 Verein ft .i Unter IV. Berliner Programm für den Winter 1986/27 Die Vorträge finden im Logengebäude Kleist» Straße 10 im Gartensaal parterre links statt Donnerstag, den 28. Oktober 192$ JAMES SIMON, Berlin: Die Joden in der Musik Donnerstag, den 25. November 1926 Dr. KARL SCHWARZ, Berlin: Die Judea^mdcrJöüdbAucrkwiat Donnerstag’, den 16. Dezember 1926 Dr. MAX OSBORN, Berlin: Die Juden in der Meierei Donnerstag, den 20- Januar 1927 Justizrat Dr. JULIUS MAGNUS, Berlin: Die Juden in der deutschen Rechts* wissenschatt Donnerstag, den 17. Februar 1927 Prot. Dr. GOTTHOLD WEIL, Berlin: Die Bedeutung der Juden für die Wissenschaften im Mittelalter « . Donnerstag, den 17. März 1927 Sdiausp. u. «er. ERWIN KAL$ER,Berliti (Mitglied der VolksbQhne Berlin). Die Juden am Theater Anfang pünktlich 8 Uhr Niditmitgiieder zahlen für den Vortrag 1.— Mk. Eintrittsgeld Ins. Baus Jas. Buh Sonderangebot an die Leser der JdisM. Zeitaif. Bei direkter Bestellung bei der „Jüdisch-liberalen Zeitung“, Berlin SW4Ä, Wilhelmstraße 147, können nachstehende Bücher zum angegebenen bezogen werten: Vorzugspreis 1 SELIGMANN: Geschichte 'der jüdischen Reformbewegung geh. PHILIPPSON: Die Entwicklung der religiösen Idee im Judentum, Christentum und Islam. SEIFENSIEDER: Gabriel Riesser, ein deutscher Mann jüdischen Glaubens < GRUNWALD: Spinoza in Deutschland, gekrönte Preisschrift . STECKELMACHER: Das Prinzip der Ethik vom philosophischen und jüdisch-theologischen Standpunkt aus betrachtet - (WIENER: Die jüdischen Speisegeseize nach ihren verschiedenen Gesichtspunkten geordnet und kritisch beleuchtet * ZIEGLER: Die Königsgleichnisse des Midrasch, beleuchtet durch die römische Kaiserzeit.. STEIN: Schrift des Lebens, III. Teil, herausgegeben von Cäsar Seligmann.. , geb. GOSSEL: Was ist und was enthält der Talmud? # * ■ * LEHMANN: Sprüche der Väter, 3 Teile, statt M. 21.— v * * — Rabbi Joselmann, 2 Teile, statt M. 12.— . GEDENKBUCH Semitic studies in memory of Dr. Alex Kohut, geb., statt M. 12.— . . GEDENKBUCH zur Erinnerung an Prof. David Kaufmann, mit Wissenschaft!. Beilagen bedeut. 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