Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 44 (29.10.1926)
- Date
- 1926-10-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IMchliberaleZeitmL Organ -er Vereinigung für -as liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle jährlich M. 2.S0 Einzelnummer 0.20. Del freier Zusendung i. Inland 0.23 5ür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedadeitrage enthatten. :: u v Verantwortl. Redakteur: Bruno Doyda. vis .,iavisct)-lideralv Zottung" vrschsinl jeden Srettag. Nedaktlon u. Seschdttsstelie: verNn S>V. X^lwelmstr. 147. Sarnrulr Vafenhvlde 3338. 3859 Poftfcftecl't'onto: Berlin r»W7 Nr.»»7vav (Virtinlgung fflr da» libarale Judentum Nad)Dni<h fümtilcher Original-Beiträge nur mit vorbovtaee Oenel)migttng Oer ReDaKtlott gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Ronpareillezelle 0,4V Goldmark, die Ridlamezeile -.00 Goldmark, bei r: » u Diederholungm Radatt. :: u :: Anzeigenannahme: «Jüdisch-liberaleZeitung" Inseratenabteilung: Berlin SD 48. Dllhelmstraße 147 lSafenheide: 3338—SS), sowie sämtl. Annoneen-Exped. Nr. 44 Berlin. 29. Oktober 1926 6. Jahrgang Religiöse Unsere Praxis. Bvn Rabbiner Dr. Gottschalk. Frankfurt a. M. Wenn man es unternimmt, unser» Ritus in Haus, ekchule und Tempel in feinen bekanntesten Aeutzerungen einer liberalen Beleuchtung zu unterziehen, Anregungen zur Aus- und Neugestaltung zu geben, so kann man an der Schwiert-gkeit nicht voriibergehen. die sich aus dem Verhältnis der gegensätzlichen Gottesaufsassungen zum Ritus ergeben: der rein geistigen und der geistig-persönlichen. Man ist an dieser Schwierigkeit bisher vorbeiaegangen, und die Folgen sind nicht ausgeblieben. Zwei Wege aber sind allein zur Lösung möglich: gesonderter Kultus für beide Richtungen, und das wäre am fruchtbarsten — oder aber, solange dieses ideale Ziel noch nicht erreicht ist, Einbau und stete Berücksichtigung solcher Stücke. Gesänge und Einrichtungen, die gerade dem rein geistig gerichteten Juden religiöse Befriedigung zu geivährcn vermögen. So schwebte es wohl Steinthal und Cohen vor. die von ganz verschiedener Einstellung aus die rein geistige Auffassung vertraten und doch warm den Zeremonien das Wort redeten. »Und so ist alle Uebung religiöser Zeremonien mit dem echten Geiste ebenso erhebend und erquickend. tröstend und stärkenfür das ganze Leben, wie ohne den Geist töricht und das Gemüt ausleerenö." So Steinthal. Und EbKr»: »Das Gesetz, würde es selbst nur fcstgehalten an «mt Festen und für manche und viele selbst nur im BersKHuungstag ist eine Schutzmauer gegen die Nivellierung toeS reinen Monotheismus .. . daher ist auch die Bestrebung zur Reform des Gottesdienstes durchaus tm Einklang mit dem alten Gesetz, das auf die Würdigkeit des Gottesdienstes «roßen Wert legt. Und diese ganze Tendenz der Reform ist «ne wahrhaft religiöse, die man nicht als eine nur äußerliche «-schätzen darf." Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, liberale Forderungen nicht in einen liberalen »Zaun der üeäre" umzu- «estalten, über den hinanszuschreiten. unmöglich ivüre. Bon ^Forderungen" darf es in der Tat nur die eine geben: „Ganz sollst du sein mit dem Ewigen, deinem Gotte" — auch wenn du als Liberaler Zeremonien übst. Ausfluß deines religiösen FühlenS — und nicht bloß Pietät und stumpfe Gewohnheit — mutz dein äußeres religöses Leben so leiten wie dein inneres. Hören wir wieder liberale Denker: »Die stetige Beziehung aller Lebensregungen auf Gott und göttliches Gebot ist das deutlichste Symbol der in sich einigen und selbsttreneu, sittlichen Persönlichkeit." (Lazarus.) »Nicht die Isolierung ist der einzige Zweck des Gesetzes, sondern die Idealisierung alles irdischen Tuns mit dem Göttlichen." (Cohen.) »Sie alle (die Satzungen) sind keine gleichgültigen neutralen Vorschriften. Sie gewinnen ihre Eigenart und ihren religiösen Wert dadurch, daß sie das Leben mit unzähligen Bauden, mit »Banden der Liebe" an Gott zu knüpfen suchen." (Baeck.) — Hier also liegt die »Forderung". Alles andere muß sich auf dem Boden der Freiheit bewegen. Nur so ist liberales Leben möglich. Gibt cs noch eine dritte Schwierigkeit, die orthodoxen Brüder nicht zu verletzen? Diese Schwierigkeit kann für uns so wenig bestehen, wie sie auch ein Orthodoxer uns gegenüber nicht kennt. Und wir geben ihm darin völlig recht. Wir verlangen keine Gesinnungskompromisse, aber wir gehen auch keine ein. Nicht die Einheit des Judentums steht uns obenan, sondern die Einheit unserer religiösen Persönlichkeit, nicht der Friede der Gesamtheit kann uns bestimmen, sondern der Friede unserer religiösen Seele. Es war nicht bloß Geiger, der es gesagt: »Leugnen wir es nicht: die Zeit, in welcher das Judentum in seiner herkömmlichen Gestalt ungeteilt unser Herz inne hatte, ist dahin, unwiderbringlich dahin. Was nützt das Heimlichtun" — sondern auch der gewiß versöhnliche Baeck bekennt: »Er (der Zaun) ist nicht unwandelbar und nicht unabänderlich. Er hat trotz allem seine Elastizität. Wir müssen ihn. gemäß dem Leben unsrer Tage, iveiter wahren, daß er die Existenz und die Aufgabe des Judentums schütze." Und so erschien und erscheint es uns immer — wir sprechen rein sachlich und frei von Hochmut — als liberal-religiöse Energievergeudung. im Protestieren gegen orthodoxe Ansichten liberalreligiöse Energie zu entfalten. Man hätte sie für sich selber nötiger gehabt! Oder hat man etwa für die Kultusnot der liberalen Minderheiten in Kleingemeiuden gesorgt, die Zeit- und Wegverhältnisse der Großstadt energisch berücksichtigt, dem Netz der orthodoxen Privattempel hier etwas Aehnliches gegenübergestellt, die innere Umstellung des Liberal-Religiösen aus den altjüdischen Grundsatz nachdrücklich betont und zur Auswirkung gebracht: »Dir ist Schweigen Lob" — was gewiß nicht Aufhebung des Kultus bedeutet, aber seine wesentliche Einschränkung! Und wie weit hat man dem veränderten Formgefühl, der Beeinflussung durch die Kultur unseres Landes in Denken, Dichtung. Kunst und Wissen wirklich und erfolgreich Rechnung getragen? Was man getan hat. war gewiß nicht wertlos, aber es war vor allem negierend — man strich, und auch das mit solchem Erfolg, daß noch heute das »tägliche Morqengebet" des »neuen" Gebetbuchs 68/2 Seiten umfaßt! Was hemmend einwirkt, ist ja bekannt: das konservative Element auch in so manchem Liberalen: Pietät, liebe Gewohnheit, Jugeuderinnernug. Wir sagen natürlich nichts dagegen und wollen diese Konservativ-Liberalen nicht missen und aus unsren Reihen verweisen — wofern sie nur ihre persönlichen Neigungen der Menge nicht als »Gesetz" aufdrängen. Da hört der Liberalismus natürlich auf! Aber so wie wir nach rechts tolerant sind — im eignen liberalen Lager — und so wenig wir davon halten, gegen derartige Gewohnheitsübungen mit historischer Quellenkritik anzürennen, so müssen wir es auch nach links hin sein, dort wo mau im Leeren steht, hinsichtlich des Alten — im Leeren aber auch hinsichtlich des Reuen. „Das Haus ist schuld" und der »Jndifferentismus" — das sind bequeme und oft gehörte, aber immer weniger zutreffende Behauptungen. Wir sind schuld, die schwächliche liberale Tatkraft, das Augeuschlicßen vor dem. was ist! Längst haben wir uns überrennen lassen von der Zeit und dem. was sie ans unS gemacht, alle möglichen religiösen Einflüsie — religiös hier im umfassenden Sinne genommen — haben mir auf unsre Jugend und neuen Juden täglich und stärker cinstürmen sehen — und mit verschränkten Armen daneben gestanden, statt einer harmonischen Durchdringung all dieses Neuen mit jüdischer Religiosität energisch und bewußt den Weg zu bereiten. — Vom allgemeinen zum einzelnen. Was ist von den Bräuchen der Woche, des Tages im liberalen Haus übriggeblieben — was sollte au Stelle des Entschwundenen treten? Vereinzelt findet sich noch die Mesusa, fast gar nicht mehr kennt man ein Morgengebet — und den Tempel sucht man höchstens zur Iahrzeir auf. Tefillin und Händewäschen. Tisch-, Abend- und Nachtgcbct sind fast ganz geschwunden und werden allenfalls von den Kindern verlangt. So hat hier die Praxis energischer als jede Theorie gehandelt. Wir sollten aber auch in diese Lücke etwas einzubauen versuchen und unser Interesse nicht ausschließlich auf Sabbat und Feiertage richten. Tefillin und Zizis werden wir nicht mehr beleben, so innig auch altfromme Deutung diese Bräuche zu verklären sucht — und die Mesusa spricht auch nicht mehr zu uns. Die Brücke, die von diesen äußern Dingen zur „Heiligkeit" führen soll, ist für unS nicht vorhanden. Aber ein neureligiöses Erbauungsbuch, betitelt: „Neirjüdische Feierstunden" — es hätte manchem von uns etwas zu sagen. WaS ein solches Buch enthalten müßte? Eine religiöse Anthologie vom Altertum bis in die Gegenwart — von der Bibel angefangen, über Talmud, Philosophen, Dichter hinweg, bis hinauf in die jüngste Gegenwart. Natürlich müßte hier auch das Gebetbuch anflehcn in einer Auswahl seiner schönsten Stücke. (Man denke an adaun aulom. elauhaj n'schomo, mihi rozann. ahawo rabo. Schma (1. Abschn.), K'duscha, Sßim scholanm, elanhas n'zaur, olenu — tm Morgengebet: an bor'chu, ahawas aulom, haschkiwenu — im Abendgebet: an Stücke aus Tisch- und Nachtgeb-rt. wie sie etwas das Gebetbuch der »Neuen Synagoge" zu Berlin ausgewählt hat.) Der Stoff mirso zahlreich sein, daß man mit einem Band nicht auskommen wird und nicht mit zweien. Und gerade so wird eine der größten Gefahren des üblichen Kultus vermieden werben können: die Eintönigkeit Als Kapitelüberschriften könnte man sich denken: Gott. Religion. Familie. Arbeit. Natur. Kunst. Glück. Leid. Tageszeiten. Jahreszeiten. Feiertage. Die Geschlechter. — Eine besondere Zusammenstellung müßte dem Kind gewidmet sein. — Und wie ein solches Buch benutzt werden soll? Das bleibe jedem von uns überlassen. Der eine verwende cs dreimal täglich, der andere dreimal in einer Woche Der eine lese zwei Seiten auf einmal, der andre ein einziges kerniges Wort. Der eine bete zum Gott seiner Seele, der andre rufe zum Gotte des Himmels. Der eine flehe um Leben und Gesundheit, der andre um Kraft zu idealem Wirken. Der eine begnüge sich mit dem Gefühl der Erhebung, -er andre warte fromm auf Erbörnng. Der eine glaube: Gott wirkt bewußt, der andre: das Göttliche wirkt in uns unbewußt. Der eine rufe den Ewigen an. der andre das Göttlichc-Ewige. Jeder kann »du" sagen und jeder »Vater". Der Gatte mag sich hier mit der Gattin finden, die Eltern mögen sich mit ihren Kindern erbaun! Der tägliche Gottesdienst im Tempel behalte sein Recht, aber er sollte auch des Morgens den Umfang des Abendgottesdienstes nicht viel überschreiten, auch nicht mit Montag und Donnerstag oder am Neumond. Daß sich dieser Gottesdienst freilich immer nur unter ganz geringer Beteiligung vollziehen wird, -raucht nicht übersehen - werden. Das Gebetöbcdürsnis des neurcligiösen Menschen ist nun einmal nicht so groß. Um so mehr aber sollte daS große öffentliche religiöse Schweigen, das die ganze Woche hindurch anhält, in anderer Weise beseitigt werden. Ich wiederhole: macht die Tore der Tempel auf, statt daß ihr sie 6 Tage geschlossen haltet! Verschafft der Menge auch während der Woche wahrhaft religiöse Feierstunden! Veranstaltet ihr wahrhaften Gottesdienst! Laßt religiöse Musik erklingen! Belebt dasaltjüdische Jubilieren! Lasset Massenchöre erschallen, Kinderstimmen zum Himmel anfjauchzen! Macht unS unsre Psalmen lebendig in den klassischen Tönen unserer Meister, spielet alle Instrumente zusammen, wie der 130. Psalm eS will! Zlbcr gebet auch dem Worte sein Recht: Laßt unsre Bibel hier würdia verlesen, poetische Stücke unsrer Agava, die Dichtungen der jüdiichen Großen und jüdische Dichtungen nichtjüdischer Meister — bis hinein in unsre Gegenwart. Rust die Jugendvereme zu Jugendfeiern, begeht mit den Kindern Kiuderfeiern! Noch einmal: Die Tcmpeltore macht auf — und der Streit um den Sonntag wird dann verstummen. Denn natürlich kann eine derartige Feierstunde auch an -ie,em Tage gehalten werden, aber es soll und muß nicht ausschließlich so sein. Und damit verliert dieser Tag dann von selbst seinen Gegensatz zu der Sabbatseier. Wir reden vom Hans und von der Woche. Erwähnen wir deshalb noch jene Bräuche welche dem altjüdi,cherr Hause eigen. Das „Händewaschen" und Speisegesetze, piclfach nicht mehr Beachtung finden, selbst die Besrhneidmig nickt immer geübt wird, weiß jeder. Wir werden niemand aus den liberalen Reihen verweisen, der pietätvoll die Dinge beachtet, aber als Pflichtgebote, die unbedingt und für jeden »heiligen" Charakter haben müssen, werden wir sie nicht mehr hinstellen können. Die Praxis hat hier laugst die Wege gewiesen. Wer — der liberal denkt, hat denn die Mitwirkung bei einem Familienereignis, freudiaer oder trauriger Art, und die Barmizwa nicht ausgenommen, von jenen Bräuchen abhängig gemacht — ja hat auch nur diesbezügliche Fragen gestellt? Daß man den Gesundheitswert jener Hebungen nicht mit ihrem religiösen Charakter gleichstellen darf, müßte selbstverständlich sein, geschieht aber doch. Sieht man aber" von -er üblichen Gebnrtsseier ab. sollte man fri-e ja auch bekannte und verbreitete Namensgebung im Gotteshaus — bei Knaben und Mädchen — um so mehr in den Vordergrund rücken. Die Einsegnuna hat längst ihre schöne Form gefunden — soweit sie die Mädchen betrisst. Die Knaben dagegen kommen höchstens da zu ihrem vollen Recht, mo sie in einer gemeinsamen, großen Feier mit den Mädchen vereinigt werden. Will man die Barmizwa mit dem Sabbat nach dem 18. Lebensjahr zusammenfallen lassen,, dann sollte die Feier im Anschluß an den Hauptgottesdienst stattsinden. natürlich auch mit Thoraverlcsung und vor allein einer Ansprache an den oder die Knaben, was bisher durchaus noch nicht immer der Fall ist. So würde dieser Akt den Hauptgottesdienst nicht mehr belasten und das Kind mit dem Eindruck der Feier entlassen — während dieser Eindruck jetzt, wo der Vorgang vom Hauptgottesdieuft umrahmt wird, naturgemäß viel geringer ist. Neben dieser Feier sollte aber eine der Mädcheneinsegnung ähnliche geschaffen werden, bei der insbesondere aus größere Reife der Knaben Wert gelegt wird. Das Datum der Schulentlassung wäre das gegebene und geeignete. Die Trauungszeremonie wird man ebenfalls als ansprechend bezeichnen müssen, nur daß von den zivcitcn Segenssprüchen ein vom Kantor gesungener Vers genügen könnte. Ter jetzige ist freilich zn sehr ans Palästina eingestellt. Die Geöete bei Bestattungen, sollen, besonders wenn eine Ansprache vvrangeht, kurz gehalten sein, was man vom Berliner Ritual jedenfalls nicht sagen kann. Wozu, abgesehen von dem langen Gebet, immer noch der erweiterte Kaddisch, statt des allgemein bekannten? Wichtiger wäre, daß dort, wo der Rabbiner den Kaddisch spricht, weil die Hinterbliebenen es nicht können, eine kurze deutsche Uebertragung mit vvrgetragen oder aber das ganze Gebet halb hebräisch und halb deutsch gesprochen nnrrde. Ueberhaupt sollte man gerade in diesem Fall — »vie entsprechend bei der Trauung — das persönliche Moment in den Vordergrund rücken und sich von jedem Schema freihalten, weil nur so eine seelische Berührung möglich ist. Man bedenke, wie es auf jemand, der an ein geistiges Fortleben glaubt, wirken muß. wenn ihm gerade in der Stunde feines tiefsten Schmerzes Worte entgegengesetzten Sinnes dargereicht werben. Bezüglich der Heirats- und Scheidungsmn'etze wird man wieder den liberal-toleranten Standpunkt so vertreten müsien, daß man sich nicht kraft priesterlicher Befugnis zum Herzcnsrichter aufwerfe, den Liebesdund zweier Menschen durch Hinweis auf Satzungen unmöglich mache. Auch „die Liebe ist eine Gottesflamme" — singt die Bibel. Und ist es nicht auch überjüdisch, jemand die jüdische Trauung zu verweigern, weil er die jüdische Scheidung versäumte oder nicht mehr nachholen kann? Also nicht daraus kommt es an. und nicht das ist zu verlangen, daß irgend etwas beseitigt wird. Im Gegenteil wird man gerade auch der Scheidung die religiöse Verklärung genau so wünschen wie der Trauung, denn beides sind entscheidend eingreifende Lebensakte. Die ursprüngliche sehr breite und umständliche Form ist ja bei liberalen Rabbinern längst einer kurzen, würdigen Zeremonie gewichen. Auch bei der Aufnahme von Nichtjuden endlich sollten wir alles von der seelischen Hingabe und der Kenntnis der Hauptgedanken unsrer Religion abhängig machen, die Erfüllung der Aufnahmezeremonie aber — Veschneidung und Bad — der Freiwilligkeit überlassen. Gerade hier haben mir Gelegenheit, die Kultursähigkeit des Judentums in die Erscheinung treten zu lassen. Wir kompien zum Sabbat und zu den Feiertagen. Der Kernpunkt ist letzten Endes eine Zeitfrage. Der Sabbat liegt zu ungünstig, so wird behauptet. Und das ist gewiß richtig, soweit es den Vormittag angeht. Wie hier durch religiöse Feierstunden, die auch am Sonntag angesetzt