Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 43 (22.10.1926)
- Date
- 1926-10-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Mede bti vierten Gegners etmas Nene-: etwa-, dadie andern drei nicht schon erwähnt hätten- Ast Gotte- Er- Meinen denn wehr als fromm« Dichtung, uugeht denn Gott auch nur mit einem Wort auf Hiobschwerste LrrLlage emr Gott, du bist nicht gerecht. Ich war Loch fromm und mnfc so leiden? Man könnte geneigt sein, die ganze Ehrenrettung alS -u absichtlich abzulehnen. und doch möchte man sie um des Anerkenntnisses, „der Aufrichtigkeit" willen nicht missen. Hiermit wird dem Himmelssturm Hiobs gleichsam durch Gott selbst eine gcoisse Rechtfertigung zu teil. Wir wundern uns nicht mehr, daß die Bibel derartige, an GotteS. .Eiterung grenzende Ausbrüche in ihren Blattern duldet. Duldet sie doch Gott selber — nach Auffassung des Dichters. Und wer kan,, sie in der Tat nicht verstehen? Und wer kennt Liese Weheruse nicht gerade aus unserer Zeit? Hat Stefan Zweig ihnen nicht sene Form gegeben: „Ich rechte nicht mehr, ich knechte nicht mehr. Mein Herz ist dir nicht mehr Heimat und Hans, ich stürz dich aus deinen Himmeln hinaus." Hat jener Geistliche die -Hiobsqualen nicht nachempfunden. der im Weltkriege zwei Söhne verlor und die Kanzel verlies; mit dem Bekenntnis: „Ich kann nicht mehr." Aber die Antwort? Ader die Lösung? Aber der Answeg? Und die Versöhnung? Liegt sie in den Wundern der Schöpfung? Liegt sie im blinden Vertrauen und Glauben? Liegt sic in den „Leiden der Liebe" von denen talmudische Weisheit spricht: liegt sie in jenem Schmerzens. legen, von dem wir selbst hier kürzlich geredet? Liegt sie in unserer Blindheit und Ohnmacht, GotteS letzte Ziele erkennen zu können? Ein Teil der Antwort liegt sicher in allem. Aber die letzte Tiefe spricht auch noch so: Gut sein, hat nichts mit gut gehen zu tun. darf dort jedenfalls keine Verbindung mehr haben, wo Religion ihr ivahres Gesicht schon enthüllt hat. „Was frag ich nach Himmel, was frag ich nach Erden, die Nähe Gottes ist meine Lust." Es ist dieselbe frommfröhliche Unbefangenheit, die auch in dem Möricke-Syrüchlein liegt: „Herr, schicke, was du willst, ob Liebes ober Leides, ich bin vergnügt, daß beides aus deinen Händen quillt." So wie das Kind in. doch immer wieder, wenn die Stunde seines Hiobtrotzes vorbei, die Hände deffen küßt, der cs gestraft — küßt, nicht aus knechtischer Furcht etwa, sondern aus übermächtiger Liebe, also iit Hiobs Wort sehr wohl möglich, selbst dann, wenn man sein Aufüäumen kennt: „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen, der Name Gottes . ser gelobt." Oder vielleicht sogar gerade dann: Gott ward dann für uns in. Schmerzen geboren, in Oualen noch einmal zur Welt gebracht. An wem aber hängt denn der Mensch wohl inniger, wenn nicht eben an seinem Schmerzenskind? Einfacher freilich erscheint wohl die Lösung, die Gott und Unglück ganz trennen möchte. So, wie man dem Bater . wohl zugesteht, daß er straft, wo er liebt, aber die Form heute verfeinern möchte, in der er diese Srafc erteilt, ähnlich hält mancher cs gern mit Gott. Unglück in seiner gröbsten iyorm, >: l§ Krankheit, als Sterben oder wie immer — in ihm das Liebeswert Gottes zu sehen; es erscheint manchem nicht recht vereinbar mehr mit einem geläuterten Gottcögesubl. Uno so übergibt er das Unglück — dem Schicksal: Gott aber ist ihm der tröstliche Quell, aus dem er sich lieb er Windung schöpft, aus dem nur die Süße des Lebens hervorquillt. Und allenfalls in den Widerständen, den Leidenschaften, den Menschenschwäcken, die uns auf unserem Wege begegnen, möchte er „Strafen" Gottes erblicken, Mittel für seine Menschenerziehung, Und noch weitergehend und Gott nicht mehr mit Menschenaugen sehend, wird er - dann nur noch der Born alles Schönen, das Ideal aller ' Hoheit und Reinheit, dem alles Häßliche, Schwache ganz -ht. 3r,wolIe. den für gottlos erklären, der glaubt, seinen o erklären zu sollen? Wenn cs nur Gott ist. an dem thält, wenn er nur sein Lebensverneiner wird, und nicht im Hiobstrotz dauernd verharrt oder, gar in die Tiefe des Lebens steigt. Ob er der Stärkere, das stehe dahin. Und ob der Feinere, der mehr geläutert — ich glaube nicht, daß viel daran liegt. Schließlich wird jeder mit seinem Gott glücklich, und jeder besiegt seinen Schmerz nur allein. Als Hiob noch trotzte, sprach er das Wort: „Und wenn er mich tötet, ich harre ihm doch entgegen." Spätere Weisheit aber hat das Wort des Trotzes zu einem Wort der Liebe gewandelt: „Und wenn er mich auch tötet, ich harre dennoch sein." Ist das nicht beldiiche Frömmigkeit oder ist das nur knechtische Demut? Ist das nicht innigste Hingabe oder nur ungeläutertc Religiosität? Ist da», nicht Verstummen vor ticfdunkler Weisheit oder nur ohnmächtiges sich Ergeben? Ach, statt zu streiten, fraget das Leben, dies alte und doch ewig neuschafsendc, dies nie erklärte und nie begriffene, dies Leben, das euch immer wieder überrrascht durch Möglichkeiten, die keiner erdachte, keiner besang und keiner gedichtet, dies Leben, das hinwegschrcitct über uns alle — die Hiobtrotzigen, Hiobfrommen, die geläutert Religiösen und demütig Glaubenden, dies Leben, an dem jeder Mensch sich versucht — und das letzten Eudes nur Gottes allein. Und vielleicht liegt nun doch wieder ein Sinn darin, daß Hiob verstummte oder sich ergab, als er Gott selbst gegenüberstand. Wenn uns schon die Wirkungen immer wieder überwältigen, die allein uns wahrzunehmen vergönnt sind, wie würden wir betäubt dastehn und klein, wenn wir in die Werkstatt Gottes selbst auch nur einen Blick tun könnten — dort wo die Herrlichkei der Natur, die Wunder der Seele, die Verknüpfungen aller Menschen ichicksale und vor allem die noch nicht erdachten und erlebten Möglichkeiten geboren werden und vorbereitet. Aus dem Brausen und Tosen, dem Dunkel und Licht würde uns doch wohl nur eines entgegentönen — dasselbe, was einst auch Hiob empfand: „Ich bin zu schwach, was soll ich dir erwidern, ich erkenne, daß du alles vermagst" »»»♦♦»»♦♦♦♦»♦»»»♦fr»» »»»»♦»»♦•»»»»»»0 fg! Aus den Gemeinden ||ff Berlin. lV o in Preußischen L a n d e s v c r b a n d.) Der Engere und der Große Rat des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden taaten am 16. und 17. Oktober in Berlin- Der Engere Rat beschäftigte sich mit einer Reihe von Verwaltungsangelegenheiten. so mit dem Rechnungsabschluß für 1625/26, dem Etat für 1626/27, ferner mit einer Reihe von Vorschläaen zur Acnderuug der Verfassung des Landesverbandes. Er beschäftigte sich auch mit der Frage der Dauer der jetzigen Legislaturperiode der Verbandsversammlung, mit der Frage der Staatsbeihilfen, der Bureau-Einrichtung, des Ankaufs eines eigenen Gebäudes usw. Zum Vorsitzenden des liberalen Nuterrichtsausschuües wurde Iustizrat Lilicntbal bestimmt. In der Frage der Lehrerausbildung, in der der Kultusminister die Aufnahme jüdischer Hörer in die drei bestehenden pädagogischen Akademien, die christlichen Charakter tragen, abgelehnt und im übrigen einen Mangel an jüdischen Lehrern als vorläufiq nicht bestehend festgestellt hatte, wurde beschlossen, nunmehr unverzüglich als Zwischenlösung eine Einrichtung znr Heranbildung jüdischer Religionslehrer zu schaffen, unter der Voraussetzung, daß der Staat sie alS aleichberechtiat anerkennt und Mittel für sie bewilligt. Rechtsamvalt Dr. Klee forderte die Schaffung einer eigene« jüdische» pädagogische» Akademie: die Majorttät stimmte dieser Forderung als eine« zu erreichenden Ziele zu. Iustizrat Bla« berichtete Über die Dubventionsgesuche, die in-besonbere die ZentralwohlfahrtSstelle. die Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge, ferner die Akademie für die Wissenschaft de- Judentum-, den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund und die drei Rabbinerseminare in Deutschland betreffen. Dr. Baeck trat warm für eine Erhöhung des Zuschusses für die Akademie ein. Eine längere Diskussion wurde über die Krage der Unterstützung des MarannenkomiteeS in London geführt. Iustizrat Blau beantragte zunächst eine einmalige Subvention von 60 Pfund. Geheimrat Goldfeld wünschte zunächst genauere rechnerische Unterlagen. Vs wurde beschlossen, den einmaligen Beitrag zu bewilligen und mit Rücksicht auf die Budgetbestimmungen des Verbandes die BeitragSletstung in jedem Jahre nach Beibringung der betreffenden Unterlagen neu zu beschließen. Die Sitzung deS Großen Rates, an der fast alle Mitglieder dieses Rates teilnahmen. befaßte sich den ganzen Tag über mit den Entwürfen der Verfassung des Reichsverbandes. ES kamen noch einmal die beiden in dieser Frage bestehenden scharfen Gegensätze zur Austragung. Der Referent Justizrat Lilieuthal erklärte, daß auch er zwar mit der jetzigen Kompromißlösung nicht zufrieden sei, daß aber ein anderes Resultat bei der Haltung der süddeutschen Verbände nicht zu erreichen sei. Auch von liberaler Seite wurde der vorläufige Entwurf kritisiert. So erklärte R.-A. Katzenstein-Bielefeld. daß er nicht in der Lage sei, für den Entwurf lIII>III>!IIIi>IIWII!j!Il»IIlIIII!IIII>IIIIIIWIII!!I!I!I!II!»I>l>!>III!!»I>»II»»»i!I!II!»!>!!III>!»>I!II!>!!III!IIIi»III>!»»I!IIIi»»»!I» Sendet den fälligen Beitrag für das vierte Vierteljahr 1926 in Höhe von 2,50 Mark einschließlich Bezngsgeld für die „Jüdisch-liberale Zeitung" an das Postscheckkonto der Vereinigung für das liberale Judentum E. V., Berlin NW. 7, Nr. 137 069 lllilllllllllllilllllllffl zu stimmen. R.-A. Schleißner-Hannover wünschte Vertagung, damit zunächst die Landesversammlung zu dem Entwurf Stellung nehmen könnte. Eine Anregung, ausländischen Gemeindeverbänden, wie dem deutsch-österreichischen usw.. die Möglichkeit des Anschlusses zu geben, verdichtete sich zu einer einstimmig angenommenen Resolution, wonach die Angliederung außerdeutscher jüdischer Gemeindeverbände ermöglicht werden soll. Um einer Entwicklung zu demokratischer Organisation den Weg zu ebnen, wurde einstimmig eine Resolution Dr. Baecks angenommen, daß dem 8 16. der sich mit der Reichstagung beschäftigt, eine Protokoll-Notiz als Wegweiser für die preußischen Mitglieder angefügt werde, wonach diese auf Ausgestaltung der Reichstagung zu einer aus allgemeinen Wahlen hervorgehenden Körperschaft hinwirken sollen. Am Sonntag, dem 24. Oktober, tritt die Reichskommission noch einmal zur letzten Fixierung des Reichsverbandsstatuts zusammen. Am 21. November soll die preußische Landesversammlung ihre Entscheidung treffen. Berlin. (Todesfall.) Am 14. Oktober verschied Nach kurzem Krankenlager der Leiter der jüdischen Blindenanstalt für Deutschland, Direktor Leopold Katz, im Alter von 62 Jahren. Vorstand, Insassen, Mitarbeiter und Angestellte der jüdischen Blindenanstalt in Berlin-Stegliß widmen ihm Nachrufe, in denen sie seine vorbildliche Pflichttreue und seine fürsorgliche Liebe besonders hervorheben. Leopold Katz, der früher Waisenhausdirektor zu Rybnik war, bekannte sich stets offen zum jüdisch-religiösen Liberalismus. Wir werden ihm auch in unseren Reihen ein ehrendes An- ^denken bewahren. ' Berlin. (Von der Hochschule iür die Wissenschaft des Judentums.) Dr. Ablbeck, der bisher an der Akademie für die Wissenschaft des Judentums gearbeitet hat. ist. wie wir erfahren, neben Herrn Professor Dr. Baneth zum Dozenten an der Hochschule für die Wissenschaft des! Judentums ernannt worden Dr. Ahlbeck, bekannt durch seine „Boreita"- und ,,Tosest<i"-Studien, namentlich aber durch seine Studien über aramäische Worte in der Mischna. hat schon vor zwei Jahren an dem jüdisch-theologischen Seminar in Breslau den hauvtamtlichen Talmud-Dozenten Prottssor Dr. Guttmann während dessen Lehrtätigkeit in Palästina vertreten Die Zahl der hauvtamtlichen Dozenten der Hochschule erhöht sich mit dem Eintritt des Herrn Dr. Ahlbeck auf sechs: es 0nd dies die Herren Pr^enor Dr Baneth, Professor Dr. Elbogen. Professor Dr. Guttmann, Dr. Torznner. Rabbiner Dr. Baeck und Dr Ahlbeck. Berlin.. iE r ö s f n u n q s f e i e r der jüdischen Volkshochschule.) Die Freie Jüdische Volkshochschule, Berlin, eröffnete am 16. Oktober ihre Herbstnorlesungen mit einer Feier in der Svnagoae Falanenstrane. Der Vorsitzende, Herr Prediger Tr. Joseph Lehmann, hielt eine kurze Bearüßungsrcde und wies auf die Bedeutung der Volkshochschulen und ans den besonderen Wert der Freien Jüdischen Volkshochschule bin. die die Ausgabe habe, eine der mich- . tigsten aeistigeu Einristnuno^n des Judentums, das ..Beth i Hamidrasch", die Lehrstätte für die Erwa htenen. zu ste'L'N. . Die Reichhaltigkeit d«s Herbstvrngramms biete ic^cm Gej leaenheit, sich Kenntnisse ans allen Gebieten des jüdisthen Wissens zu erwerben. Anschließend daran hielt Herr Bros. Dr. Felix PerleS-Königsberg einen Vortrag über die Wissenschaft vom Judentum in Amerika und ihren ungeheuren Aufschwung in den letzten Jahrzehnten. Dem Vortrag folgten einige Gesänge des Quartetts der Jüdischen ReforMgcmeinde unter Leitung von Herrn Karl Stabernack tSolistin: Frau Gina Götz-Levn) als würdiger Abschluß der ^eier. der im überfüllten Saal eine interessierte Hörerschaft beimokutte. Berlin. (Professor Ovpeuheimers Palast i n a e i n d r ü ck e.) Im überfüllten Blüthnersaal sprach am vergangenen Montag Professor Franz Ovvensteimer über „Kritisches und Positives zum Palästinawerl". Inhaltlich deckte sich der Vortrag vollkommen mit dem, was in Nr. 41 dieses Blattes Oskar Hirschfeld über den non Oppenheimer-in Wien gehaltenen Vortrag berichtet hat. Eine nochmalige Inhaltsangabe erübrigt sich somit. Indessen ist über den Vortrag noch einiges Grundsätzliche zu sagen, io daß wir in der nächsten Nummer auf diesen Gegenstand znrückkvmmen werden. Berlin. iSilberne Hochzeit.) An» 24. Oktober begeht der Kastellan der Snnaaoae Lindenstr., Herr Schlapper. mit seiner Gattin das Fest der silbernen Hochzeit. Berlin. (Goldene Hochzeit.) Mannheim Auerbach und Frau feiern am 23. d. M. das Fest der goldenen Hochzeit. Auerbach ist ein hervorragender Talmudist und war Klausrabbiner in Rawitsch und Krotoichin (Provinz Posen). Nachdem die Provinz Posen verlorengegangcn war. siedelten sie zu ihren Kindern noch Berlin über. Berlin. (Goldene Hochzeit.) Am Sonntag, dem 24. Oktober, feiern di-e Joseph und Matilde Asch'schen Eheleute in voller geistiger Frische ihre goldene Hochzeit. Herr Asch hat der liberalen Sache stets großes Interesse entgegengebracht und sich in warmer Weise für si-e eingesetzt. Callel. (Zurück zür Scholle.) Der Landesverband Kurbesien-Waldeck mit Ost-Westfalen und Süd-Hannover im Reichsbnnd jüdischer Frontsoldaten kann es sich als besonderes Verdienst anrechnen, über Siedlnnasvolitik und Bernfsumschichtnng unserer jüdischen Bevölkerung in einer eindrucksvollen Versammlung, die letzten Sonntag im kleinen Stabtparksaal stattfanb, erstmalig vor breiter Oeffentlichkeit verhandelt zu haben. Der BerbandSvorsttzende Max Berthe i m gab seiner Genugtuung Ausdruck, daß der rege Besuch hiesiger und auswärtiger Gäste auf ein starkes Interesse für die Lösung deS Problems schließen lasse, und rechtfertigte die Stellungnahme des RIF. zu den genannten Fragen durch den Hinweis auf die bisherigen Erfolge de- Bundes. Der Bundesvorsitzende Dr. Löwen st ein - Berlin sprach über Ziele und Aufgaben des Bundes, der. als Kampforganisation gegen hetzerische Agitation geschaffen, biSber mit Erfolg seine Aufgabe gelöst habe, mit seinen 800 Einzelverbänden und 88 000 Mitgliedern auch als gleichwertige Frontkämpfer-Organisation angesehen werde, wie dies nicht zuletzt bei den Beratungen über das ReichSehrenmal festgestellt werden konnte. Die Berechtigung, sich mit Siedlungsfragen zu beschäftigen, leite der Bund ans der Tatsache her, daß der jüdische Krieger den deutschen Boden verteidigen half und dadurch ein Anrecht auf seinen Besitz erwarb. Zur Lokomotive. die der Bund als Anreger der Problemlösung darstellen wolle, gehörten die Passagiere, die sich aus dem gesamten deutschen Judentum rekrutieren müßten. Er ruft den Zuhörern das „Sei stark!" zu und findet mit seinen kernigen Worten starken Widerhall. Domänendirektor Dyk-Berlin referiert über das Thema: „Zurück zur Scholl e." Er weist nach, daß die Tendenz zux Siedlung bei den Juden stets stark zu erkennen war, daß der jüdische Landwirt sich auch überall mit Erfolg durchsetzen konnte. Als Beispiele führt er die landwirtschaftliche Betätigung der Juden in Osteuropa, in Argentinien und Palästina an, läßt auch die Bedeutung der Ahlemer Gartenbauschule in diesem Zusammenhang besonders vorteilhaft heroortreten. Dabei sucht er das Vorurteil der llurentabilität zu widerlegen, da die Landwirtschaft heute im allgemeinen unrentabel sei, diese Tatsache aber als vorübergehende Erscheinung anzusehen sei. Trotz mancher Schwierigkeiten, die dem jüdischen Landwirt, besonders dem in vorgeschrittenem Alter, durch Enttäuschungen über unfreundliche oder ablehnende Haltung seitens jüdischer und nichtjüdischer Großgrundbesitzer erwachsen könne, bestehe aus praktischen und ideellen Motiven, aus Gründen physischer und psychischer Regeneration, die Notwendigkeit, den jüdischen Landwirt zur Scholle zu bringen. Auch kulturelle, gesellschaftliche und soziale Rücksichten rechtsertiaten die Forderung. durch den Versuch der Schaffung von Siedlungsgesellschaften die Lösung der alle Inden interessierenden Frage zu erreichen. In der recht anregenden Aussprache äußerten sich alle Redner in zustimmendem Sinne, wie dies durch Iustizrat Dr. Rothfels und Rechtsanwalt Dr. Katzcnstein als Vertreter des Borsteheramts der Israeliten und der jüdischen Gemeinde geschah. Ergänzende Winke gaben noch Lehrer Neuhans-Fritzlar. der in geistvoller Weise aus langjähriger Beschäftigung mit diesen Fragen interessante Einzelheiten mittcilte, Lehrer Horwitz-Eassel, der den hessischen Verhältnissen Rechnung trug. Dr. Blnmcnfeld, der als Arzt den Körper und Geist, Ethik und Religion fördernden Einfluß der Betätigung mit Landwirtschaft und Gartenbau hervorhnb, Rechtsanwalt Dalberg, der das Problem von seiner national-ökonomischen Seite beleuchtete. und endlich ein junger Mann, der manche Bedenken geltend machte, die der Hauptredner in seinem Schlußwort widerlegte. Auch der Syndikus des E. B., Herr Vorsänger, sprach sich trotz trüber Erfahrungen in eigener Familie grundsätzlich für die Förderung der Idee aus. So zeitigte der Werbcabend eine begeisterte Stimmung, die sich nach dem Wunsch aller Beteiligten auch in Taten auswirken muß. Cassel. (Neuer Gemeindevorsteher.) Für den vor einiger Zeit aus Gesundheitsrücksichten von teurem Amte als Gemeindeältester zurückgetretenen Herrn Leo Lazarus wurde Kaufmann Siegfried Scheier zum Mitglied des Gemeindeältesten-Kollegiums ernannt. Dresden. (Aus dem jüdischen Leben.) Der Ehrenvorsitzende der hiesigen Religionsgemeindc, Bankier Oskar Lesser, begeht am 23. Oktober seinen 76. Geburtstag. Als langjähriger früherer Gemeindevorsteher hat er entscheidend zur Entwicklung des Dresdener jüdischen Gemeinwesens beigetragen. Bleibende Verdienste erwarb sich Oskar Lesser, der noch heute tätiges Vorstandsmitglied des Henrietten- Stistes, des Mendelssohn-Vereins uiw. ist, um den Ausbau der Dresdener israelitischen Wohlighrtseinrichtnngen.— Znm Besten der Dresdener jüdischen Wohltätiakeitsvereine veranstaltet die Gemeinde am 24. dieses Monats im llfa-Palast eine Vorführung des Kulturfilms „Ein Freitagabend". — Der Gemeinderat wird demnächst Beschlüsse über die im Jahre 1627 vorzunehmenden Gemeindeverordneteuwahlen, bei denen erstmalig das F r a n e n w a h l r e ch t in Wirksamkeit treten soll, zu fasten haben. — Aus der Liste der Demokratischen Partei für die am 31. Oktober zugleich mit den sächsischen L a n d t a g s w a H l e n stattfindcnden Dresdner S t^a dtv e r o r d n e t e n w a h l e n stcbt an zweiter Stelle Stadtverordneter Kaufmann Heinrich Hirsch seid. An zehnter Stelle ist Architekt Leopold Lustig, der Vorsitzende des Vereins indischer Handwerker, verzeichnet Landsberg a. W. (Neues Altersheim.) In der gestriaen gemeinschaftlichen Sitzung des Vorstandes und der Repräsentanten der hiesigen Synagogengcmeinde wurde beschlossen. der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Inden unter gewissen Bedingungen ein Darlehn von 6600,— Mark zur Errichtung ett'es Altersheims zu. bewilligen. Lavdshera a. W. (Zerstörung.) Der in der Nacht vom 0. znm 1.0. herrschende furchtbare Sturm hat im Vorgarten der Snnaaoge erheblichen Schaden anaerichtet. Von einem etwa 20 Meter hohen Baum wurde" die Acste und eil? grüner Teil der Krone abaeichlagen und über die Straße aeworsen, so daß diese vollständig gesperrt war. Durch die Aeste und die Krone, wurde ferner das gußeiserne Synagogentor zerschmettert und eine Scheibe in der der Synagoge gegenüberliea-"den Mnh.'c^al"'ik timt gtzl"'itz. Venst-Ltt". tG e d e n k t a l e l w e i h e 1 Wenn man von außera 'west"licheu gotte? dienstlichen Ve-anstaltnngen in einer Svnagoae h-ri^'tet, so konstatierst man mit Genugtuung. daß auch die nichtjüdische Bevölkeruna daran tcilgenommen hat. Es ist aber ein Unterschied, ob diese Feiern in Gemeinden im Süden und Westen oder wenn sie in der dunkelsten Ecke Hiutervommerns stattfinden. Der Schreiber dieses hat als Vertreter seiner Gemeinde der Enthüllung einer Gedenktafel in der Synagoge zu Neust c t t i n beigewohnt und darf diese Feier als einen wahren Kicl4uf,.ch huschem bezeichnen. Nenstcttin kann i'iir Pommern als eine Zentrale der Tentschnationalen Partei bezeichnet werden, die stark deutschvölkisch durchsetzt ist. Nennt sich doch noch heute der frühere Landrat v. Hertzberg, ein wütender Antisemit. Königlicher Landrat a. D. Und in dieser Stadt befindet sich eine jüdische Gemeinde von etwa 30 Familien. In der Synagoge wurde am Sonntag, dem 10. Oktober, eine Gedenktafel mit deu Namen von sechs gefallenen Söhnen der Gemeinde enthüllt. Und zu meinem Erstaunen, hier kamen, kamen alle die Vertreter der Kreis- und städtischen Behörden, der Reichswehr mit ihren Offizieren, Deputierte der Krieger- und Militärvereine, Reichsbanner nsw. und legten ihre Kränze mit passenden Ansprachen zu den Füßen des errichteten Altars nieder. Selbst die streng deutschnationale Tageszeitung mußte bekennen: „Es war eine würdige, erhebende Feier!" Die jüdischen Teilnehmer aus der Stadt und den Gemeinden des Kreises erlebten eine schöne Stunde, die Anwesenden aus den rechtsstehenden Parteien mögen wohl