Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 43 (22.10.1926)
- Date
- 1926-10-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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unfein kritischer Einstellung ist -och eine Art. wo Krankheit rnd Kindheit bei wenn auch ganz anderer ursächlicher Beründung. sich berühren. All dies« Bedenken hätten die unvdingten Voraussetzungen sein müssen, um den Dialog ^wische» dem Kranken und den Gesunden fruchtbar zu gestalten. DaS aber hatte die seelische Blind- und Taubheit der Freunde außer acht gelassen. Hier scheint mir der Punkt zu liegen. wo Psychologie und Ethik Zusammentreffen. Unser Seelenleben wird geformt und gefestigt durch die Idealität sittlicher Normen. So erhält es seine Gestalt und wird Kultur. „Die Synthese einer subjektiven Entwicklung und eines objektiven geistigen Wertes." Rückwirkend aber wird das Ideal durch die irdisch fundierte Sehnsucht des Menschen wieder gesättigt und durchblutet. All dieses traf auch bei den Freunden zu. Und dennoch: sie entbehrten der letzten Kraft. Noch waren Mensch und Ideal nicht die festeste Verbindung eingcgangen. Ihnen sohlte die wahrhaft innige Gottesliebc. Man redet also aneinander vorbei, und so gewinnt das Gespräch säst Lsn Charakter kindlicher Rechthaberei. Das soll nicht das Gegenteil von Ernst bedeuten. Aber cs ist doch so. daß dnrch das oft bewußt, oft unbewußt eigensinnige Sichvcrkricchen in sich selbst, oder. was noch fruchtloser ist. durch die gereizte, herausfordernde Gebärde, die allerdings Hiobs ganz besonderes Kennzeichen ist, die Lage sich fast immer mehr kompliziert, und stumme Verärgerung Platz greift. Aus solchem Boden aber ist nicht über Gott zn handeln. Man entfernt sich immer mehr und glaubt, bei der zwar begreiflichen, aber falschen Stellungnahme beharren zu müssen. Dabei konnte keineswegs von Lieblosigkeit und Untreue der Freunde die Rede sein, lind dennoch: den höchsten Linn der Liebe hatte man durch gesteigerte Erlegung vergessen, Zwar liebte Hiob stark und groß Doch indem er im Gotteskampfc über sich selbst hinanswnchs, hatte cr längst den Boden unter den Füßen verloren. Auch er wußte nicht, daß man mit Gott nicht ringen, d. h. ihn erkennen konnte, ohne die Duldung des Mitmenschen. Bon den Freunden aber gilt, daß höchstes Wollen nur bestehen kann bei der wissenden, starken Seele. Was ihre Haltung psychologisch so negativ machte, war das Nichtvcrstehcn des .Leids als eines ganz anderen Reiches der Seele, als eines iKlimas -er feinsten Nuancen und diffcrcnziertcstcn Schattierungen. Auch sic kämpften mit Gott aufrichtig und mit gläubiger Ueberzeugung. Gibt es denn überhaupt eine „richtige" Religion? Zweifellos nicht, wen,, dieses „Richtig" eine logische Kategorie sein soll Dann aber, wenn cs ein Glühen der Seele ist. Und obwohl Seele immer ein Individuelles ist. scheint es mir hier eine überindividuellc. unerklärliche. die Menschheit vereinende Wahrheit zn geben, die wir fühlend ahnen, aber nicht wissen können. u,n die .Hiob als um den Erlöser „weiß": doch dieses „Wissen" ist das eineS anderen Reiches. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" heißt doch, auf dem Wege über den Mitmenschen zu Gott kommen. Wie Gott den Menschen schuf — das eben heißt Gott sein, daß er seine eigene Ursache, in sich und seinem Ebenbilde, dem Menschen, als Wirkung sich wiederfindet —. so ist unser Weg nur der über die Liebe zum Mitmenschen. Es ist der uns einzig gegebene Weg — alle anderen Pfade sind Umwege und darum ungöttlich, der durch sein Ziel, eben Gott, non göttlichem Licht umflossen wird. Auch die Freunde liebten Hiob und hatten versucht, ihn zu trösten. Und wenn ihr „Erkennen", ihr fühlendes Wissen, wenn ihre verstehende Kraft und starke Demut einst noch größer geworden sein wird, dann werden sie Gott io lieben, wie Hiob nach Prüfung und Not ihn liebt. Dann wird ihnen Liebe auch „eine Luft" sein, „die wir atmen, und der wir nicht entfliehen können, ein metaphysisches Schicksal, daS dumpf und brennend, lastend und bohrend über der Menschheit und dem Menschen liegt". Warum haben die n^Sreirndc nicht nachgegeben mit der Ucberlegung, daß sic zwar gesund und kräftig, Hiob aber zu krank war. um Raum zu haben für Reife und Klarheit? Sic waren gut. doch sie haben geirrt. Und ist Hiobs Krankheit, die unbegreifliche metaphysische Schuld, so werden auch die „immer strebend . sich bemüht", einst erlöst werden. Auch sie werden reif werden für die „Monarchie solcher .Königsgestalten, die nicht sinnlos nur yon oben hcrabpcndeln, nicht streberisch aus dem Unterholz über sich emporgrcifen," sondern „so unten wie oben Baum sind, einig und ganz". Kap. 42,7 gibt endlich die Lösung. Gottes Zorn ist gegen die Freunde entbrannt. „Nur die Rücksicht ans ihn lHiob) wird mich abhalten. eine Uebereiluna an euch zu beavhe«, da ,ihr nicht -recht von mir geredet habt, wie mein Knecht Hiob." Der höchste Richter tritt jn die Schranken und zeugt für Hiob, für die Wahrheit seiner Worte und die kraftvolle Größe seiner Haltung im Leid. Die Freunde sollen für sich opfern und Hiob für lene beten. Hiob- GotteSstreit war wahrer glühender Glaube Die Haltung der Freund« war beseelt von bestem Wollen. <cker sie war daS Irren des Menschen in seinem Fühlen und Denken über überirdische Dinge. Hiob wählte den Weg der Kraft und Tüt. Sein Ruhm ist die Genialität des Herzens, die reine, geistige Schönheit seines Innern. Zwar haben die Freunde Unrecht behalten: das höchste Gericht hat gegen sie entschieden. Unrecht vor Gott aber ist wahrer als Recht vor den Menschen: denn er ist allwissend. Er wird die Freunde führen. Bei der Erörterung der einzelnen Reden bzw. ihrer psychologischen Eharatteristik als zweier organischer Gebilde, desjenigen der Freundesreden und desjenigen der Reden Hiobs sind letztere vielleicht zu kurz gekommen: denn 1. hatttz ich schon in einem erste,, Aufsatz (dieser ,Hiob und seine Freunde, philosophische und psychologische Gedanken zum Buche Hiob" ist und wird in den „Mitteilungen" der jüdischen Refvrmgemeinde Nr. 6 und 7 erscheinen) deutlich für Hiob selbst Partei ergriffen und die Analyse seines Seelenlebens vorweg genommen: 2. läßt die Tendenz dieser Zeilen die Potenzierung meines Standpunktes ebenfalls unmittelbar erwarten. Wenn es eine Genialität im Ertragen eines schwere,, Geschickes gibt, so hat Hiob diese Gnade besessen. Der Heroismus im Leid kennzeichnet sein ganzes Sein, cr ist bas Zentrum, nein, sein gesamtes Seelenleben. Wir sprechen nur einmal das Wort Leid aus und kommen durch Gedankenverbindung auf ihn als einen der klassischen Repräsentanten des Schmerzes, als das Symbol reinen Duldens und göttlicher Uebcrwindung. Ueber die Freunde hat der Aufsatz ausführlich gehandelt. Es ist meines Wissens > das Buch Hiob zun, ersten Male so als sozialpsychologische Materie benutzt worden. Ueber die fundamentale Wichtigfc.it der Krankheit als soziales Problem bzw. über das Zusammcnlcbcn Gesunder und Kranker als eins der am schwierigsten sozialpsychologisch zu bewältigenden Phänomene brauch! vor allem heute wobt kein Wort mehr verloren zu werden Auf eben diese, bisher stets vernachlässigte Seite des Buches Hiob hinzuweisen, war vor allem der Sinn meiner Ausführungen. Hiob, dem „Patriarchen der Trübsale", aber gelte jener Gruß an den ..Unglücklichsten", den Kierkegaard ihn,, dem zugleich „Glücklichsten" darbringt: „Da steht er. der Gesalbte aus dem Reiche der Seufzer, der Trübsal erkorene Jüngling, der Apostel des Leids, des Schmerzes stummer Freund, der unglückliche Geliebte der Erinnerung, in seinen Erinnerungen durch das Licht der Hoffnung geblendet, in seinem Hoffen durch die Schatten der Erinnerung getäuscht." Der fromme Hiob. Bon Rabb. Dr Gottschalk. Frankfurt a. M. Wenn wir an Bahren stehen, ertönt das Wort des „frommen Dulders": „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen, der Name Gottes sei gelobt" Und in der Trostansprache, die der Prediger halt, vernehmen wir das andere Wort des frommen Hiob: „Das Gute wollen wir von Gott annehmen, das Unheil sollten wir nicht annehmen?" Und in diesen Aussprüchen lebt Hiob fort, ist das ständige Borbild der Gottcrgebenhert. Und nur ipenige wissen, daß diese Aeußerungen der Frömmigkeit sich zwar in den ersten zwei Kapiteln des BuchcS Hiob finden, daß aber dieser Fromme in den Kapiteln 8—31 sich geradezu als der südliche Prometheus gebärdet. Sieben Tage, heißt es. saßen die Freunde da und sagten nichts, wagten nicht, den Mann zu trösten, der alle Söhne und Dächtet und kein Besitztum verloren hatte, und der körperlich so entstellt war. Und auch Hiob schwieg. Aber dann begann er. nach sieben Tagen. Und was in dieser Zeis in ihm gestürmt haben' muß. das zeigen seine Reden deutlich. Er beginnt damit, sein Leben zu verwünschen. ..Es verschwinde der Tag, an dem ich geboren ward, und die Nacht, die gesprochen hat, ein Männliches ist empfangen. Warum starb ich nicht vom Mntterschotze weg. Wie ich ans dem Leibe kan,, warum verschied ich nicht?" Die Freunde suchen zu „trösten": Hiob muß schuldig sein, sonst wäre er nicht gestraft worden, denn Gott ist groß, ist gut tuofr ist gerecht. Der Mensch ist ohnmächtig. Hiob spreche sich sewer durch seine Reden schuldig. Soll seinetwegen »die Erde weichen und der Felseiner Stätte entrückt werden?" Die Frevler habe» eben keinen Bestand, und Hiob ist ein Frevler Swesen: aeaen die Matte« und Hungrigen, gegen die tttoen und Waisen. Die Brüder pfändete er. die Kleider nahm er den fast Entblößten. Und wen» er das nicht ge-> tan hätte, vor Gott ist kein Mensch rein, selbst die Sterns sind nicht lauter vor ihm. . , Aber all diese Einwändc läßt Hiob nicht gelten, sie empöre» nur seinen aufrührerischen Sinn noch mehr. In unerhörtem Trotz schreit er Gott das Kühnste entgegen, rüt^ telt er an jedem Glauben, zerstört er jede Zuversicht, Er ist nicht schuldig, er ist nur ohnmächtig Gott gegenüber. „Belehret mich, und ich will schweigen, und warum ich gefehlt, bedeutet mir." Er weiß selbst, daß Gott groß ist, aber, fügt er bitter hinzu, Gott mißbraucht seine (fr*4fce. „Er läßt mich nicht zu Ate« kommen." Es gibt für ihn keine Ge-- rechtigkeit mehr, „die'Erde ist in Frevlers Hand". Ja. er traut Gott Hinterlist zu: „Leben und LieLe gabst du mir. und deine Obhut wahrte meinen Odem. Aber solches bargst du in deinem Herzen. Ich weiß nun, daß du dies im Sinn« führtest." In seiner Neberlegenheit nennt er die Freunde „leere Salber, nichtige Aerzte, leidige Trösters Sie fügen „zum Unfall Verachtung", geben dem „Wanken^ den noch einen Stoß". Gott ist nicht gut gegen rhu, er behandelt ihn „wie seinen Feind". Und das ist um io trau* riger, als ja mit dem Tode alles zu Ende ist. „Stirbt ei» Mann, ist er ausgelöst: verschwindet ein Mensch, wo ist ttV* Aber Hiob tobt und schreit nicht bloß, er schickt auch seine Tränen zu Gott. Er darf es. weil sein „Gebet lauter war", weil „keine Gewalttat in seinen Händen". Gott soll ihm doch endlich dartun. weshalb er ihn so heimsucht, ihn, de« Unschuldigen. Aber alles ist umsonst. „Ich schreie über Gewalt, und mir wird nicht geantwortet. Ich rufe, da ist kein Recht" Nur die Freister leben, „werden alt. nehmen zu an Kraft". Die Seele der Erschlagenen schreit, nnd Gott macht den Frevler» keinen Vorwurf". Nein, es gibt keine Gerechtigkeit: es gibt keine Güte, denn er ist unschuldig. Er hatte erkannt, daß die einzige Menschen-weisheit „Gottesfurcht" ist, die Erkenntnis darin besteht, „das Böse zu meiden". Und nun entwirft er ein ergreifendes Bild seines frühes ren Glückes mrd der Wertschätzung, die er erfahren, zählt rückhaltlos und in edlem Stolz all seine frommen Tate« auf. „Ich rettete den Armen, der um Hilfe rief: die Waise, die keinen Beistand hatte. Das Herz der Witwe mochte ich jubeln. Augen war ich dem Blinden und Füße dem Lahmen." Ehebruch trieb er nicht, daß Recht des Knechtes und der Magd hat er geachtet, über den Fall des Haffes hat er sich nicht gefreut. Den Fremdling ließ er nicht draußen stehen, und sein Acker schrie nicht über ihn. Aber alles, alles umsonst. „Und nun spotten mein die, die jünger als ich an Jahren, die Brut überwältigt meine Rechte." Und auch gegen Gott lodert sein Trotz noch einmal auf. „Du hast dich in einen Grausamen gegen mich verwandelt, mit der Stärke deiner Hand befehdest du mich. Kein Gebet reicht dem die Hand, der im Unglück darum fleht." — Das ist der „fromme Dulder", das ist Bor, vild der Gottergebmcheit. Freilich, die Bibel sucht seinen Ruf zu retten. Da die Freunde nichts mehr zu antworten wissen, stellt sich dem Hiob ein Jüngling entgegen, und ihm scheint auch Hiob nichts erwidern zu können, denn er schweigt. Aber noch mehr. Hiobs sehnlichster Wunsch geht in Erfüllung. Gott erscheint und — weist Hiob aus die Wunder seiner Schöpfung hin. Und zweimal bekennt Hiob: .Wohl bin ich. zu schwach, was soll ich dir erwidern: ich erkenne. datz.dqvkMeS vermagst." „Nun hat mein Auge dich gesehen, .dyrop., perwerfe ich und bereue tn Asche." Der demütig GexysMna wird wieder gesund und glücklich. ,Z1nd der Ewige -sognete das Ende Hiobs mehr als seinen Anfang." Nicht zuletzt wohl deshalb, weil er ihm die trotzigen Reden in seiner Güte nicht nur verzieh, sondern ihre Aufrichtigkeit rühmte, und diese Aufrichtigkeit sogar über die Ser Freunde stellte. Hiob muß für die Freunde beten. Kann uns diese Ehrenrettung befriedigen, kann ste uns! den jüdischen Prometheus vergessen lassen und den „frommen Dulder" an -essen Stelle rücken? Enthält denn die Die Zudenmission vor 200 Jahren. Bon B. R o s en t h a l (Mannheim). Am 2. Mar 1720 berichtete -er Obcrvvgt, der unter Herrschaft des Fürsten von Fürstenberg stehenden Landgrafschaft Stühlmgen. an seinen Souverain: „Bor ungefähr 14 Tagen ist des hiesigen Satzjudcn, genannt „der lang Iosel". Schwester mit zwei zu Philippsburg getauften Juden von Donaueschingcn, allwo sie gedient, hierhergckommen, habe sich beim Pfarrer (in Stühlingen) gemeldet und um Instruktion im christlichen Glauben und Beförderung zur Taufe angehalten". Der Obervogt habe zur Sicherheit zuerst beide Getaufte geprüft nnd. da ihre Atteste richtig und sonst nichts Verdächtiges gefunden wurde, beide unbeanstandet wieder gehen lassen. Ans Anraten des 'Pfarrers, um dieses heilsame Seelenwerk zn fördern und den iu solchen Fällen zu erwartenden Intrigen der Iuöenschaft zu begegnen, wurde die Jüdin in das Haus eines vertrauten Bürgers gebracht, der ihren Eifer nnd guten Vorsatz lobt und angibt, sie sei in der christlichen Lehre bereits so weit vorgeschritteu, daß die Taufe gleich nach Pfingsten stattfinden könne. Der Fürst möge nun entscheiden, ob dieser Aktus mit einiger Svlennität vorgenommen werden soll. Falls die Bewilligung der Kosten für die Feier bei der Herrschaft einigen Umstand fände, wäre der Vogt bereit, sie ans anderem konvenablem Wege zu beschaffen. Der damalige Regentschaftsverivcfer hielt es für fuperflunm, in Abwesenheit der Herrschaft große Feierlichkeiten . anzustellen, erklärte sich aber bereit, zur Förderung des . heiligen Werkes beizutragen nnd fragt deshalb bei seinen Hof- und Kammerrätcn an. was dieser Aktus etwa kosten werde. Diese sind auch für keilte Svlennität. köuilcil aber die etwaige Höhe der Spesen nicht angeben. Der Kanzleidirektor in Stühlingen soll deshalb berichten: 1. ob der Jüdin die Bekehrung ernst fei. 2. wie die bisherigen Kosten zn bestreiten sind. 3. woher die Mittel zur Tanffeicr genommen werden können, 4. wer Taufpate sein soll und will. o. was mit der Bekehrten nach der Taufe geschehen soll, damit sie nicht etwa aus Mangel rückfällig werden müsse. Darauf antwortete Kauzleidirektor von Stockhausen in Stühlingen: Die Versuche der nächsten Anverwandten von der Judenschaft. das Mädchen auf den alten Irrtnm zurückzubringen. seien erfolglos geblieben. Die Höbe der Kosten hänge von der Herrschaft generösester Gnade ab. Mehr als .80 fl. wären keineswegs erforderlich. Die Stelle des Taufpaten möge der RegentschastSverweser selbst übernehmen, sowie eine der hochkandgräflichen Damen, deren Namen die Getaufte tragen soll. Der Landgraf könnte sich ja durch einen hohen Beamten vertreten lassen. Wegen der Zukunft der Bekehrten soll man sich keine großen Skruvel machen. Ist ihr Antrieb aus Gott, so wird er auch für ihre weitere Erhaltung sorgen und christliche Herzen erwecken, die sich ihrer annehmen werden. Sie selbst habe in dieser Hinsicht vernünftig geantwortet, sie hätte bisher ihr Brot mit Dienen erwerben müssen nnd wolle das auch weiter so tun. Ist aber das Werk nicht aus Gott, so wird sie ihrem verkehrten Sinne nach, ungeachtet alles zeitlichen Glücks, aus den alten bedauerlichen Weg zurücktreten. Ueber den Taufakt selbst berichten zwei Schreiben aus Stühlingen. Das erste, vom Obervogt (LI. Mai 1720), erzählt: Am verwichenen hl. Dreifaltigkcitssonntag wurde die Taufe in Gegenwart einer großen Volksmenge glücklich vorgenommen. Die dabei von Pater Augustinus und dem Pfarrer von Grafenhausen gehaltene Predigt war sehr nachdenklich nnd bewegend. Der Obervogt dankt dem Regentschaftöverweser für die Uebertragung der Stellvertretung als Pate bei der Taufe der Karolina. Antonia Hoffcrin. Nach dem Akte haben sich mehrere Geistliche und Bornehme an dem vom Pfarrer bereiteten Festmahle beteiligt. Die beigefügte Kostenberechnung beläuft sich auf 7,2 fl. 33/v kr., wovon 20 fl. aus das Tanfessen. 21 fl. 29 kr. ans die Vorvereitnngskosten und 11 fl. 4Y kr. auf die Kleider der Getauften entfielen. Zum Festkleide der Bekehrten brauchte man IVA Ellen weißes Zeug a 16 kr., 4 Ellen flächserne Lein wand ü 20 kr., 16 Ellen weißes Band ä 3 fr., A Lot weiße Nähseide ä 10 kr. und 5 Lot Fischbein zu 30 kr. Dazu kam noch ein weißer Kranz und Macherlohn. Der zweite Bericht ist ein Dankschreiben einer Dame, vermutlich einer hohen Beamtenwitwe aus Stühlingen, der die Landgräfin-Witwc die hohe Ehre zuerteilt hatte, an ihrer Stelle das Patenamt zn versehen. Sie schildert ebenfalls den Taufakt, an dem über 3000 Personen aus der ganzen Umgebung teilgcnommen hätten. Die Kirche war zn klein, um die Menschenmenge zn fassen, weshalb die Feier unter freiem Himmel stattsinden mußte. Die Bekehrte habe sich bei dem Taufakte überaus herzhaft gezeigt. Die Schreiberin rät noch, die Karolina. Antonia Hoffcrin zur Festigung ihres Glaubens einige Zeit in ein Kloster zn schicken: später könnte sie einen Dienst annehmen. Dieser Rat scheint auch befolgt worden zu sein. Zwei Jahre später treffen wir Karolina, Antonia im Hegaustädtchcn Eugen als Ehegattin des Rotgerbers Franz, Anton Keller, der gegen ihre beiden Brüder Iosel Guggenheim in Stühlingen und Seligmann Guggenheim in Gailingen einen Rechtsstreit anhängig gemacht batte. Laut dem im Original den Akten beilieaenden, hebräisch abgefaßten Verlobungsvertrag vom 27. Adar 8478 — 17. März 1718 nnd der vom Thoraschreiber Ephraim in Stühlingen angefertigten deutschen Nebersetzung war Sara, die Tochter des Samuel ben Isaak Gugaenbeim aus Stühlingen. verlobt mit Marum, Sohn des Josef ben Jakob Mayer, aus Eminendingen Beide Brüder versprechen der Braut ein halbes Stück Bettbarchent und verbürgen sich für die vom Vater versprochene Mitgift von 250 fl. Die Verlobung gmg zurück und jetzt forderte der christliche Schwager als vermeintlicher Rechtsnachfolger die Erfüllung der mtt ernem anderen eingegangenen Vereinbarung. Mit dem Stühlinger Schwager wickelte sich die Sache hemmungslos ab. Der dortige Vogt verurteilte ihn ohne weiteres zur Zahlung der halben übernommenen Bürgschaft. Schwieriger gmg die Sache mit dem in anderem Hoheitsgebiete wohnenden Schwager Seligmann. Seinetwegen hatte der Rotgerber aus Engen (1722) die Freiherr!. v. Lieüenfeld'sche Kanzlei in Randegg als zuständige Stelle ersucht, das vom Bogt in Stühlingen gefällte Urteil, wonach Seligmann Guggenheim in Gailingen 112 Y fl. zu zahlen habe, zu vollstrecken. Der Beklagte gibt aber an. er sei feiner Schwester nichts schuldig welchen Einwand die Liebenfeld'sche Kanzlei wohl auch gelten ließ. Denn Karolina. Antonia Hofferin, fetzt Köllerin. wandte sich nochmals an den Obervögt von Stühlingen. das bereits gefällte Urteil kräftigst zu manutenieren. Dieser erwiderte jedoch, eine von ihm ergangene Ladung habe Seligmann auS Gailingen unbeachtet gelassen, „aus Furcht — wie es zwar auch unfehlbar geschehen wäre — er möchte hier bis zur Herausgabe des Geldes arrestiert werden". Eine weitere Verfolgung der Strettsache, die. bei Licht betrachtet, „exodio et aversione religionis ihren Anfang nahm", hält der Obervogt nicht für ratsam. Die Schwester gibt sich aber mit diesem Bescheide nach nicht zufrieden und beantragt, da sie viel zu gering sei, einen in einer anderen Herrschaft sitzenden Juden zur Zahlung zwingen zu können, daß ihr Bruder Iosel in Stühlingen zur Uebernahme des Rests nebst Zinsen, und 24 fl. Unkosten gezwungen werde. Ob dem entsprochen wurde, ist zwar ans den Akten nicht ersichtlich, aber sehr wahrscheinlich. Daß Karolina. Antonia es auch sonst vorzüglich verstand. ihre eigenen Interessen zu wahren, geht aus einem Gesuche ohne Datum an den früheren Regentschaftsverweser (es dürfte vor ihrer Verheiratung geschrieben worden sein) hervor. Der Landgraf hatte ihr in ihrem ledigen Stand, in Stühlingen und Engen, Kostgeld gereicht und will ihr jetzt zu ihrer Verheiratung 100 Taler zur Ausstattung schenken, wovon die Hälfte (75 fl.) bereits auSgezahlt wurde und der Rest nach des Grasen Rückkehr von Salzburg übergeben werden soll. Sie bittet nun den Landgrafen. er möge ihr ans Sicherheitsgründen den Rest testamentarisch zusichern. Denn „wenn Ew. Exzellenz vor -ern Zurückkuntt selig ersterben, ich also meinen höchsten unnotwendigsten Trost nicht erlanget". Auch möchte -er Landgraf veranlassen, daß der lange Iosel aus Stühlingen ihr die ibr zustehende Erbsportion auszahlt. Dann könnte sich ihr Mann in daß kostbare Gerberhandwerk setzen. Hiermit beschlteßen die Akten deS Fürst!. Fürftenbergi. schen Archivs in Donaueschingen diese Angelegenheit, die sich, wenn man so sagen darf, in harmloser Weise oivrollte. im Gegensatz zu zwei anderen Bekehrungsfallen, über welche des weiteren berichtet werden soll.