Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 42 (15.10.1926)
- Date
- 1926-10-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Sprcchsaal Die jüdische Kolonisation in Rußland. Bon D r. A. 8 e w i n. Wir stellen die nachfolgenden. interessanten Ausführungen zur Diskussion und behalten uns eine eigene Stellungnahme vor. Die Schriftleitung. Innerhalb der unübersehbaren Fragenkomplexes. der alS Folge der Revolution und -er Bolschewtsienherrschaft in Rußland entstanden ist, gehört die Judenfrage zweifellos zu den verwickeltsten. Es ist jedem bekannt, daß für sehr weite Kreise, sowohl in Rußland als in anderen Ländern, der Umstand, daß sich unter den Führern der Bolschewisten und Mitgliedern der Sowjetregiernng eine unverhältnismäßig hohe Zahl von Juden befindet, genügend erscheint, um den ganzen Bolschewismus als jüdisch, als ..Judenherrschaft". zu erklären Diese Ansicht ist in Wirklichkeit durchaus falsch, denn die Stärke des Bolschewismus in Rußland besteht vor allem darin, daß er an Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte alte politische und soziale Schäden in Rußland anknüpscn konnte Nichtsdestoweniger sitzt diele irrige Ansicht in vielen Köpfen außerordentlich fest und jeder weiß, welche Rolle die Anteilnahme der Juden an den Räteregierungen tu Bauern und Ungarn in der Entwicklung der dentschvölkischeu Bewegung in Deutschland, der Rassenschutzbewegung in Ungarn usw. gespielt hat. Wenn sich in Rußland bis jetzt keine offene antisemitische Beme.guna herausgebildet hat. so ist das selbstverständlich nur «ine Folge dessen, daß die Sowjetregiernng überhanvt keine Bewegung an di« Oberfläche kommen läßt, die nicht kommunistisch ist. Aber alle, die in Rußland in den letzten Jahren gewesen und fähig sind, die Vorgänge dort richtig zn beobachten, berichten übereinstimmend über ein außerordentliches Anwachsen des Antisemitismus, was übrigenauch ein« aufmerksame Lektüre der Sowjetpresse bestätigt. Diese Tatsache ist selbstverständlich eine sehr traurige, namentlich wenn man bedenkt, daß cs sich um Millionenmassen von Juden handelt, die innerhalb der Grenzen des jetzigen Sowjetstaates leben, sie bleibt aber eine Tatsache die bei der Beurteilung von Fragen, welche irgendwie mit dem russischen Judentum in Zusammenhang stehen, nicht aus dem Auge gelassen werden darf. Dieser Gedanke ist es. weicher den Schreiber dieser Zeilen veranlaßt^ mit emigen Bemerkungen zu den Artikeln und Notizen Stellung zu nehmen, die in einer Reihe von Zeitungen: ..Berliner Tageblatt'/. ..Frankfurter Zeitung", ..Indisch.liberale Zeitung" nsm.'über die Pläne der Scuojetregiernnq. südliche, landwirtschaftliche Kolonien in Rußland zu gründen, erschienen ünd. in welchen diele Pläne im allgemeinen wohlwollend beurteilt werden. Für die Art der Behandlung dieser Frage kann als tnpisches Beispiel der Anttel eines Merrn W. V. im Abendblatt der „Frankfurter Zeitung" non' 7. September 1926 angesehen werden. Herr W. L. mißt dieser Kolonisation eine sehr große Bedeutung bei. Er sagt, die Sowjctregrcrnna habe beschlossen, „die in Elend geratenen Schichten der jüdischen Bevölkerung der sozialen Struktur des Landes einzuordneu". daher „diese Elemente in der Landwirtschaft unlerzubringen. ... Es gelangt immer mehr nnd mehr die llcberzengung zur Geltung, daß die Kolonisation in Rußland zur Behebung der materiellen Not der jüdischen Bevölkerung unumgänglich ist und .daher mit allen Kräften unterstützt werden soll." Ta der Verfasser gleichzeitig von einer Masse von etwa 1800 000 Juden spricht, „welche schon vor dem Kriege keine feste mate- XifUc Basis hatten, und durch die Revölntion noch mehr entwurzelt wurde"", io muß also angenommen werden, daß dieses Kolouisationsprojekk jedenfalls in beträchtlichem Maße zur Besserung der Lage führen soll. In Wirtlichkeit kann aber davon keine Rede sein. Um den Leser nicht durch die Analyse der von Herrn W. L. angeführten Zahlen zu ermüden, wollen wir nur einige Sätze aus einem Buch von Pros. B. Brützkus anführen, welches soeben über „Die jüdische Landwirtschaft in Osteuropa" in jüdisch-deutscher Sprache erschienen ist (Berlin 19261. Das Buch ist im Auftrag des Verbandes „Ort" herausgegeben, was besonders wichtig ist, da sich dieser Verband an der Verwirklichung des Kolonisationsprojekts positiv beteiligt. Pros. B. Brntzkus ist durchaus dazu berufen, dies« Frage zu behandeln. denn er hat sich schon früher in Rußland lange mit den jüdischen landwirtschaftlichen Kolonien, die in Rußland schon seit Anfang des 19. Jahrhundert bestanden, beschäftigt, und einige sehr wertvolle llntersuchungen über sic in russischer Sprache veröffentlicht. Er verhält sich dem fetzigen Äolonisatwnsprosckt durchaus wohlwollend gegenüber, wohl aber gelangt er zu folgend-m Schluß über den Umfang der möglichen Kolonisation: „Dabei muß man aber bemerken, daß in den Gebieten, die in der Nähe der gegenwärtigen jüdischen Wohnorte liegen: in der Ukraine. Weißrußland, und der Krim, Aussichten, geeignetes Land zu bekommen, bloß für 12 000. höchstens für 15000 Familien vorhanden sind." (S. 90.) Der „Komset". der amtliche Mittelpunkt der jüdischen Kolonisation in Rußland, „orientiert seine. Arbeit dar. auf. 100 000 jüdische Familien zu kolonisieren. Diese Orien tierung hat aber nur einen theoretischen Charakter., denn es ist vorläufig nicht zu sehen, ans welchem Land man eine solche Masse wird ansiedeln können und woher man die Mittel nehmen wird, um eine solche kolossal« Bewegung *u finanzieren." (S. 82.1 In der Tat schwanken die Angaben über die bisher angesiedelten Familien um eg- 6000 bis 8000 herum. Nun kann man durchschnittlich in Rußland pro jüdische Familie fünf Personen rechnen, d. h. bei dem nach Brntzkus möglichen Marimum von 15 000 Familien würde es sich etwa um 75 000 Köpfe handeln. Es sind im jetzigen Rußland cn. 9 Millionen Juden vorhanden. (Die Volkszählung 1929 ergab 2 626 667 im europäischen und 170 813 im asiatischen Rußland.1 Es würde das mit anderen Worten bedeuten, daß im günstigsten Fall etwa zwei Prozent der jüdischen B-evölkcrnng Rußlands in der Landwirtschaft unter, gebracht werden könnten. - mit anderen Worten, etwas weniger, als der Zuwachs dieser Bevölkernna in zwei Jahren — was also die Lage der iiidische.n Masse in Rußland nicht einmal merklich beeinflussen würde. Nun erscheint dies auch von vornherein ganz ausgeschlossen. daß große Massen von Inden sich in Rußland in Bauern werden verwandeln lassen. Die bisherigen Erfahrungen, die in verschiedenen Ländern damit gemacht worden sind, haben stets zu ncaativen Ergebnissen geführt. Man braucht nur an Argentinien zu denken, wo große Geldmittel aus dem Fonds des Baron Hirsch nutzlos zu diesem Zweck verausgabt wurden. Selbst in Palästina, wo die Kolonisation nicht nur über beträchtliche materielle Mittel, sondern über ein zweifellos sehr wichtiges Jmponderabilinm.. ein starkes ideologisches Motiv verfügt — den Glauben der Zionisten daran, daß Palästina die eigentliche Heimat der Juden ist —, stehen die erreichten positiven Ergebnisse in gar keinem Verhältnis zu den angewandten Mitteln. Die aanze Bevölkeruna der jüdischen Kolonien in Palästina erreicht jetzt kaum etwa 25 000 Köpfe, also weniger, als in der in einigen Jahren emporgeschossenen Stadt Tel Aviv allein. Die Juden hoben gär keinen Grund, sich dessen zu schämen. Sie sind durch ihre Geschichte zu Städtern geworden, städtische Bevölkerung aber hot sich noch nie. der keinem Volk, freiwillig in van«» verwandelt. Es genügt *. B. auf das moderne England Stuzuweifen. welches schon jahrelang an einer furchtbaren Arbeitslosigkeit leidet, die riesige Mittel verschlingt. Dabet hat England in feinen Dominten: Kanada. Australien usw. freie- Land für viele Dutzende von Millionen Menschen. Zweifellos wäre das Leben eines freien Landwirtes in Kanada oder Australien demjenigen eines Fabrikarbeiters in irgendeinem Industriezentrum vorzuziehen. Nichtsdestoweniger gehen die englische» Arbeiter nicht aufs Land. Damit ist es aber noch nickt genug. Woher kommt das Land, das jetzt den Juden in oer Ukraine. Krim usw. angewiesen wird? Prof. VrutzkuS schreibt darüber: „In den Städten in Südrußland sind große Güter geblieben, die von den Bauern ntch» aufgeteilt sind . . . Infolge des Hungers (18311 ist die Bauernbevölkerung an der mittleren und unteren Wolga, in der Krim und stellenweise in der Südukraine stark vermindert worden. Ans diese Weise ist in den Städten in Stidrußland eine große Fläche freien Landes entstanden." (S. 78.1 Den Inden wird also Land angeboten. welches früher entweder Großgrundbesitzern oder verhungerten Bauern gehörte. Nun ist es einer der größten Jrrtümcr, die über die Revolution in Rußland im Umlauf sind, daß der Landhunger der Bauern durch die Vernichtung des Großgrundbesitzes gestillt worden ist. Im Gegenteil, es ist auch jetzt noch eine starke Ueberbevölk-erung im russischen Dorf vorhanden. Einer der Leiter des Lanüwirtschastskommiffariats berechnete im August 1925 die Zahl der Bauern, die in ihren Heimatdörfern überschüssig sind und daher kolonisiert werden müssen, ans fünf Millionen. Oganowski. einer der besten Kenner des russischen Aararwcfens, berechnete eine noch höhere Zahl der überschüssigen Torfbevölkeruna — 7)4 Millionen. Und in der Tat begann in den letzten Jahren wieder eine sehr stark« Uebersiedlnng von Bauern aus dem europäischen Rußland in das asiatisch«, die im stetigen Steigen begriffen ist: 1921 übersiedelteu 150 009. in den ersten drei Monate» 1925 schon 158 001). Es ist also nicht so. daß in der Ukraine. Krim usm. freies Land vorhanden ist, für das keine Anwärter da sind, sondern das Land kann nur aus dem Grund jüdischen Kolonisten übergeben werden und nicht russischen Bauern, weil sie für diesen Zweck Gelder van ausländischen, »or allem amerikanischen, jüdischen Organisationen erhalten. Welche Gefühle diese Bevorzugung unter den russischen Bauern Hervorrufen wird, ist für jeden klar, der sich der Tatsache erinnert, daß Rußland soeben eine der fürchterlichsten Agrarrevolutionen in der Weltgeschichte durchgemacht hat. buchstäblich mit Blut getränkt wurde, weil die Bauern die festeste Ueberzeugnng haben, daß nur ihnen allein das Recht auf das Land zusteht. Es ist selbstverständlich vollkommen ausgeschlossen, daß sie nun dieses Recht dem städtischen Juden, der bisher mit dem Land überhauvt nichts zu tun gehabt hgt» einränmen werden. Und es liegen schon jetzt genügend klare Beweise vor. wie die Bauern aus die jüdische Kolonisation reagieren, Am 11. Mai 1926 erschien im offiziellen Organ der Smvje1.regie.rung in Charkow, der „Kommunist", eine Schilderung, wie die Bauern des Dorfes Jwankowzn im Kreis Rerditschew eine dort im März 1925 gegründete jüdische, landwirtschaftliche Kollektiv-Wirtschaft in Brand gesteckt haben, so daß die ganze. Ernte zugrunde gegangen ist. nachdem sie vorher die jüdischen Kolonisten unaufhörlich schikanierten nnd auälten. Das ist kein einzelner Fall, solche Ereignisse sind schon wiederholt aus Rußland gemeldet worden. Es muß noch eine andere Seite der Frage in Betracht gezogen werden. Wir haben schon erwähnt, daß die Antisemiten der ganzen Welt das bolschewistische Regime als ein jüdisches schlechthin, bezeichnen. Bis zum Auftauchen dieses Kolonisationsprojektes aber hatten auch die schärfsten Judenfeind« keine Möglichkeit, die Inden mit der Bodensragc. ~~ dem Zentralproblem der russischen Revolution, ohne welches cs nie zur Zerstörung des Reiches gekommen wäre in Berbinbung zu dringen. Jetzt nun wird ihnen aber ein äußerst plausibles Agitationsmittel in die Hände gegeben, indem ein Bor.wand geschaffen wird, die Juden nun als die Nutznießer auch der Agrarrenolutiou zu erklären. Es kommt gar nicht darauf an. daß d'e Bodcnsläche. di« die Juden in Wirklichkeit erhalten werden, bei dem Umfang des Reiches eine verschwindende Größe darstrllt. Man weiß, daß es sich bei der politischen Agitation nicht io sehr um konkrete Tatsachen, als um gewisse Tendenzen handelt. 'Tatsächlich ist den Inden dieser Porwurf schon setzt gemacht morden, und zwar nicht nur in der Emigrantenpresie im Ausland, sondern auch in dem Moskauer Regierungsoraan. in einem Brief eines kleiitev Telegraphenbeamten ans der Krim, an Kalinin (den Präsidenten des Sowjetstaates! worauf sich Kalinin gezwungen sab, in einem sehr langen Antwortschreiben die Handlungsweise der Sowjetregiernng zu verteidigen. Es genüat einmal der Umstand, daß die Sowjetregieruna solche Pläne überhaupt hegt und dabei die tätige finanzielle und moralische Unterstützung der amerikanischen und sonstigen ausländischen Inden findet. Wenn man bedenkt. mit welcher Hartnäckigkeit sich z. B. der Glaube an solche widersinnigen Märchen, wie die Existenz der „Weisen non Zion" erhält, so ist es nicht schwer, sich vorznstelleu. welche Mühe die Juden haben werden, wenn die Verhält niste in Rußland sich einmal so weit geändert haben, daß nicht allen Nicht-Kommuntiteu der Mund zugestopft sein wird, zu beweisen, daß die Bolschewistenherrickiaft nicht ihre Herrschaft war nnd wie schwer sich dabei die Belastung erweisen wird, die nun in diesem Kolonisaiionsvrojekt «nt halten ist. Es soll hier gar nicht darüber diskutiert werden, ob und wann das Sowjetregime abgeschasst werden wird. Mag man darüber denken, wir man will. Niemand aber wird jedenfalls behaupten wollen, daß die bolschewistische Herrschaft das Schlußkapitel der russischen Geschichte sein werde. Es werden noch Fortsetzungen kommen, die schwerlich einen sehr rosigen Charakter tragen werden. Für die Zukunft der Juden in Rußland müßte es daher außerordentlich gefährlich werden, wenn der Gedanke Wurzel fassen sollte, die Interessen der Juden seien mit denjenigen der Sowjetrcgieruna verknüpft. Das Kolvnisativnsproiekt ist aber wie geschaffen, einen solchen Gedanken anfkommen zu lassen. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß durch diese Zeilen der Ernst der wirtschaftlichen Lage der Inden in Rußland durchaus nicht bestritten werden soll. Sie ist im Gegenteil in der Tat außerordentlich traurig. In einer ausgezeichneten, mit zahlreichem statistischen Material versehenen Arbeit, die soeben im „Weltwirtschaftlichen Archiv". Julihcft 1926, erschienen ist (Jakob L.e st s chi ns k nl. „Die soziale und wirtschaftlich- Entwicklung der Ostjuden nach dem Kriege"!, auf die wir nur Hinweisen können, beißt es u. a. über die Lage in der Ukraine und Weißrußland: „Die Tabelle zeigt, daß vom Kleinhandel, Bermiitlertnm und von „Lnftgeschäften" mehr als die Hälfte d:r jüdischen Bevölkerung in diesen beiden Gebietsteilen lebt oder zu leben gezwungen ist — in Weißrußland 60,7 Prozent, in der Ukraine 51,0 Prozent. Wem es bekannt ist, unter welchen Umständen em Händler in Svwjetrußland leben muß, der wird sich auch eine gewiss« Vorstellung von den Lebensverhältnissen dieser jüdischen Masten macken können. Nach Angaben der tommunistischen Presse besteht diese Grupve aus folgenden Teilen: etwa fünf Prozent der Händler herben es auch beim Sowjetregime verstanden, gute Geschäfte m machen und Kapital zu scklagen: 20 Prozent der Händler und Vermittler verdienen kaum ihren Lebensunterhalt: 15 Prozent handeln auf dem Markt oder treiben Straßenhandel: da sie nicht genug zum Leben verdienen, sind sie auf Unterstützung angewiesen: die übrige«, fast ein Fünftel der jüdischen Bevölkerung. haben Leine Erwerbseinnahmen, sie sind völlig auf Unterstützung angewiesen, die ihnen zuweilen aus Amerika. teilweise auch von Wohlfahrtsämtern der Sowjetregierung gewährt wird." Daß es zu dieser Lage gekommen ist, ist eben eine Folge der bolschewistischen Revolution, welche den Privathandel und daS Gewerbe zerstörte und sie bis letzt noch nicht wieder aufzubauen gestattete. Eine Besserung kann folglich nur dann erreicht werden, wenn den Juden die Möglichkeit gegeben wird, sich mit denjenigen Zweigen der Wirtschaft ungestört zu beschäftigen, durch welche sich die jüdischen Masten bisher stets ernährt haben, nämlich mit Gewerbe und Handel. Infolge ihrer sozialen Struktur gehören die Juden in Rußland gerade zu denjenigen Elementen des Landes, die an der Wiederherstellung der Sicherheit des Privateigentums, der Freiheit der wirtschaftlichen Betätigung und des Kapitals am meisten interessiert sind. d. h. mit anderen Worten, ihr Interesse verlangt cs. daß das Sowjetregime mit seiner Verstaatlichung der Industrie, des Außenhandels usw. abgeschabt wird. Solange das nickt der Fall ist. kann diese Besserung nicht eintreten, sie ist im Rahmen des Sowjetstaates unmöglich und kann ans keine Weise durch solche Luftschlösser wie dieses Kolonisationsprojekt gefördert werden. * Nachbemerkung. Der Artikel war schon geschrieben, als in der Prager Zeitschrift „Bolja Rosuc" ein Brief aus Moskau erschien, in Welchem auch unser Thema berührt wird. Es sei vorauSgcschickt. daß diese Zeitschrift ein Organ der sozialrevolutionärcn Partei ist. vom Antisemitismus bei ihm keine R-ebe sein kann, auch ist an der Authentizität des Briefes nicht zu zweifeln. Im Artikel wird das Anwachsen des Antisemitismus in den Kreisen der So-wjetbeamtenschaft und den Kommunisten ausführlich geschildert. U. a. heißt es darin: „die jüdische Kolonisationspolitik ruft im Landwirtschaftskommissariat (Ministeriuml unter einem Teil der Beamten die heftigste Kritik hervor. Dies« Kritiker sind hochgestellte Beamte. Fachleute, die sich den Anschein geben, Kommunisten zu sein. Selbst gewisse Kommunisten schütteln den Kopf und sagen: „das ist eine wahnsinnige Politik, wir sind aber machtlos. Im Grunde wird das nur des „Joint" wegen gemacht und selbstverständlich wird, abgesehen von Erbitterung, nichts heranskommen." Dieses Verhalten dem „Joint" gegenüber wird erklärt: „erstens, durch die ungeheure Zahl der Dollars, die in den Händen kleben bleiben: zweitens, wird dadurch di« Unterstützung der mächtigen indischen bürgerlichen öffentlichen Meinung gewährleistet: drittens versichert man sich in Amerika der sehr wertvollen Snmpathie des ,^>oint." Bei nnö aber, im Volk, bildet sich die Meinung, daß eine .Ffudenlierrschait" besteht und „daß die Juden sich mit den Zähnen an die Macht klamnmrn werden", Unsere Befürchtrrngetz werden durch diesen Brief also, leider, durchaus bestätigt. : Der liberale Beamte in der liberalen Gemeinde. Darf der Lehrer und Kantor einer liberalen Gemeinde liberal eingestellt sein? Diese Frage ist allen Ernstes mehr als einmal verneint worden. Schreiber dieser Zeilen war drei Jahre lang zweiter Kantor und Lehrer in einer bedeutenden liberalen Gemeinde Niederschlesiens. Er hatte an den Wochentagen und jeden vierteil Sonnabend ovrzubeten. Bei diesen Gottesdienste« amtierte immer derselbe Harr als Synagogenvorsteher. Er kannte die verschiedenen religiösen Gebräuche und' wußte» wann einzelne charakteristische Gebete gesagt worden und mann nicht. Sonst war der Herr furchtbar uuwiffenb. Er las grauenhaft hebräisch. Dies sind die wesentlichen Merkmale seiner konservativen Einstellung. ES ergaben sich bald zwischen ihm und mir Streitigkeiten, da er fortwährend an meinem Beten herumnörgelte. DaS ein« Mal tadelte er. daß ich beim Schluß des Achtzehngebets nicht weit genug znrückging, das andere Mal schnauzte er mich mit folgenden Worten an: „Sw haben beim Achtzehngebet nicht die Füße geschlossen. Ich werde dies beim Vorstand melden." Worauf ich ihm ruhig antwortete: „Herr I.wir sind hier in einer liberalen Gemeinde, in der diese Formen Nebensache sind." Darauf entgegnete der Herr: „Die Gemeinde ist liberal, aber der Beamte darf nicht liberal sei n." Liegt nicht in diesen Worte« eine für den liberalen Lehrer und Kantor furchtbare Wahrheit? Liberalen Gemeinden sind oft konservativ eingestellte Beamte (mit Bollbartj lieber als liberale (ohne Bartl. Gott sieht ins Herz, aber die Leute, die in den liberalen Gemeinden ausschlaggebend sind, sehen auf jene und andere Aeußerlichkeiten. weil es ihnen mitunter an jeder Innerlichkeit und Herzensfrömmigkeit fehlt. Es ist oft von den Herren Rabbinern in diesen Blättern darüber geklagt morden, daß sie nicht die Masse hinter fick haben. Dadurch ist ihr Eintreten für den jüdisch-liberalen Gedanken oft wirkungslos, nnd ihre Stellung in der Gemeinde wird sehr erschwert. Dieselben Klagen kann ich aus vollem Herzen anstimmen. An den Wvchentagsgottesdicusten sicht man fast gar keinen Liberalen im Tempel. An Pessach. Sckownaus und SukkauS ist höchstens ein Viertes aller Tempelbesucher liberal eingestellt. Es ist selbstverständlich, daß die regelmäßigen Tempelbesucher in ihrem Sinn« den Gottesdienst gestaltet wissen wollen nnd es oft mehr oder weniger deutlich den Beamten spüren lassen, wenn der Gottesdienst ihren Forderungen widerspricht, die mitunter unsinnig sind. Diese „Konservativen" wachen ängstlich darüber, daß der Beamte das hält, was sie selbst nicht halten und von üesien Wert sie selbst nicht überzeugt sind. „Ich darf ohne Kopfbedeckung auf der Straße gehen. Sie nicht!" sagte allen Ernstes dem Schreiber dieser Zeilen ein Gemeindemitglieb. „Es gibt im Judentum (mit Ausnahme der größtenteils überlebten Priestergesetzei keine besonderen Beamtengesetze. Alle Juden haben vor Gott dieselben Rechte und dieselben Pflichten." Es wird noch lange dauern, bis unsere Gemeinden diese elementarsten Wahrheiten des Judentums begriffen haben werden. Dasselbe, was vom Gottesdienste gesagt wurde, gilt auch vom Religionsunterricht. Wie kann der liberale Lehrer mit Erfolg im Dienste des jüdisch-liberalen Gedankens wirken, wenn er das Bewußtsein hat, daß ihm keine Gedanken- und Gesinnungsfreiheit gewährleistet ist. Welche Forderungen ergeben sich für die liberalen Gemeindemitglieder ans diesen Darlegungen'? 1. Stellt euch hinter eure liberalen Kantoren und Lehrer. 2. Steht ihnen bei, wenn ihr merkt, daß von anderer! Seite versucht wird, Gesinnungsschnüffelei zu treibe» und! daß die Gesinnungsfreiheit gefährdet ist.! 3. Besucht regelmäßiger mit euren Kindern den GotteS-! dienst: auch dadurch festigt ihr die Stellung des liberalen Be- ' amten. Er weiß, daß er auf euch zählen kann, wen» von . anderer Sette versucht wird, Konflikte zu konstruieren. 4. Benutzt die Reformen, die einst die Liberalen in zäher j Arbeit erkämpft haben: dadurch beweist ihr erst, daß die Reformen notwendig und berechtigt sind. 5. Befaßt euch gründlich mit religiösen Fragen, damit ihr einen sicheren Maßstab für deren Beurteilung gewinnt. 6. Die Achtung und Duldung derjenigen, die nicht auf liberalem Boden stehen, darf nicht so weit gehen, daß in liberalen Gemeinden liberal eingestellten Lehrern und Kantoren ihr Amt nach Möglichkeit verleidet wird. A, &