Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-10-15 · 42 (15.10.1926) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
42 (15.10.1926)
Date
1926-10-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2613366-2613841-2613883--1981-2619404
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

6. Jahrgang Nummer 42 IMchWemleZeilmL ..—. i 81 Presseschau Die „Wahrheit über Palästina". Aus Tel-Aviv. der jüdischen Stadt, schickt Alexander ^em der„Weltbnhne^ die nachstehenden Ausführungen, die in deren Nr. 4» abgedruckt sind. Diese Darlegungen iit der völlig neutralen „Weltbühne" bestätigen erneut unsere wiederholten Aufsätze zur Pa- 4äst;nafrage. „Professor Ehaim Weidmann. Präsident der zionistischen Weltorganisation, hat in diesem Sommer seinen lieben Berlinern die „Wahrheit über Palästina" erzählt und hinterher oiese selbe Wahrheit als hvchosfiziöscs „Interview" durch das amtirche zionistische Organ in London verbreiten lassen. Wrizmann sagte da: Natürlich ist nicht das ganze Menschenmaterial, das sich in der landwirtschaslichen Ansiedlung versuchte, durchweg geeignet. Die Wahrheit ist schmerzlich, aber sie muß ausgesprochen werden, dag ein gewisser begrenzter Teil der Ansiedler. vor Allem aus dem sogenannten Äkittelstande (und auch von den Ansiedlnnqen der Ehassidim trotz ihres besten Arbeitswillens und einer gleichsam heiligen Hingabe an den Gedanken der Arbeit —), genötigt sein wird, die Siedlungen wieder zu verlassen. Aber nach Beendigung Barer gewissen „natürlichen Auslese" werden auch diese Siedlungen Erfolg haben. Manche von Denen, die die Landwirtschaft verlassen, werden in die Stadt zurückkchren und dort die Zahl Derer vermehren, die keinen festen Boden unter den Füßen haben. Tie Wahrheit lehrt uns, daß ein Teil dcö Menschenmaterials, das sich in Ercz-Israel mit der „vierten Alijah" EiinvandcrnngSwellel angesammelt hat, für das Land ungeeignet ist. Ein beträchtlicher Teil wird sich in Handel und 'Industrie verankern. Aber wir müssen cs als eine natürliche Erscheinung im Zuge einer großen KolonisationS- und EmigrationSbewcgnng hincchmen, daß ein gewisser Teil von ihnen das Land überhaupt wieder wird verlassen müssen. Damit bin ich beim Thema der Immigration angelangt. Nur Demagogen können heute eine unbegrenzte Einwanderung predigen. Selbst Herzl mit dem Schwung 'einer Phantasie wollte cs nicht znlassen, daß wir Zehntansende von Menschen in Palästina ansammclten ohne vorherige Sorge für ihre Beschäftigung und Ernährung. Eine Einwanderung von 40 000 Menschen im Jahre ist nur möglich, wenn unsere Mittel entsprechend gesteigert werden. Es, ist der Zieren Hajessod. der bisher Pionierarbeit geleistet und der Alijah den Weg geebnet hat. Hätten wir in den letzten fünf Jahren größere Summen erhalten, so würde eine Einwanderung von 40 000 Menschen die Grenze unsres kolonisatorischen Könnens nicht überneigen. Wer unbeteiligt ist und außen steht, für den hört sich daS alles recht akademisch, ziemlich harmlos, uninteressant und auf jeden Fall völlig unblutig au. Dieses jourualistisrhe Wckrtgeklingel verdeckt aber in Wirklichkeit eine der umfangreichsten und unseligsten Missetaten, die an einer Mensrhengruppe jemals — in gutem. Glauben!— begangen worden sind. Ich kann, mangels jedes andern Bcrgleichömaterials, sür den deutschen Leser leider nur den bekannten Fall oder Unfall des Hauptmanns Schmude heran.',ieheu. Freilich: das einzige Pertiurv eomparakionis, das Stich halten ivird, ift die bona fides des preußischen und des zionistischen Häuptlings. Im übrigen: Schmude hatte eine Vergangenheit als Kolouisator zu der Zeit, da er den unglückseligen Zug nach Persien unternahm, hatte sich mit höchster Aufopferung an allen Unannehmlichkeiten, Gefahren und Entbehrungen des Kolonistenlebenö beteiligt. Bei Wcizmann trifft das nicht zu: nie ist er, seit er der große indische Volksführer geworden ist, ans Frack und Lack und — Elagne heransgekommen. Schmude hat den persischen ExpeditionSzng persönlich geleitet — Wcizmann saß hinter seinem Londoner Kamin, als hier in Palästina Menschenopfer unerhört fielen. Und in erster Linie: Schmude hat die Tragödie einer Handvoll Menschen, junger, zu jedem Abenteuer bereiter Leute, fünfzig oder siebzig au der Zahl, auf dem Gewissen — Wcizmann daS furchtbare Geschick vieler tausender besonnener, ruhiger, Abenteuern jeder Art gänzlich abgeneigter, vielfach außerordentlich wohlhabender bürgerlicher Familienväter mit allen ihren Angehörigen. Unendlich viele Hoffnungen sind enttäuscht, nicht nur bedeutende materielle,'auch unermeßliche ideelle Investitionen vernichtet worden. Der znsammengebrvchene Hanptmann Schmude trägt, individuell und real, die Übeln Folgen seiner tragischen kleinen Schuld. Der ansrechte Herr Professor aber eilt weiter in Frack und Lack und Claque und Salonwagen von Genf nach London, von Berlin nach Jerusalem, von Eapetown nach Uppertentown, immer noch vom Hurra der allzeit Hurralnsternen umbraust, und fetzt „Wahrheiten über Palästina" in die Welt wie diese. Es ist furchtbar bcgnem und ebenso spießerisch, nun gegen das zionistische Hurra das Gegen-Hnrra zu setzen und selbstgefällig zn erklären: „Na, das haben wir ja doch immer gewußt, daß an dem ganzen zionistischen Schwindel nicht viel dran ist!" Niemand kann aus der Ferne jemals sachlich beurteilt haben, was hier vorgeht. ES gibt keinen „zionistischen Schwindel" und auf der andern Seite keine „einzig mögliche Lösung der Weltjudenfrage", und eö gelten keine Sympathien und Antipathien und Voreingenommenheiten. Es gibt nichts als eine menschliche Tragödie von der Art und dem Umfange etwa des japanischen Erdbebens. Nur ist hier eben nicht eine Naturgewalt, sondern menschliche, allzu menschliche Fehlbartcit die Ursache des großen Unglücks. Deshalb ist der Fall, anders als ein Erdbeben, erstens unsrer gemeinsamen Kritik zugänglich: und deshalb, weil sictzs nicht um eine akute und vollendete, sondern um eine chronische und in der Entwicklung begriffene Katastrophe handelt, ist zweitens noch tätige Anteilnahme und menschliche Hilfe für die bisher nicht völlig zugrunde gegangenen Opfer möglich. Mit brutalen Worten: Alles, waö der schuldige Weizmanu seinem „Interviewer" da erzählt, und was er nachher in der Berliner Philharmonie wiederholt hat. ist das krasse, unerträgliche Gegenteil der Wahrheit. Wabr ist allein: daß eine „gewisse Auslese" zur Zeit hier stattsindet swenn es auch keineswegs eine „natürliche" ist): daß viele Einwanderer „das Land überhaupt wieder werden verlassen müssen": und daß die Ansiedlnna der eingcwanderten Zehntanscnde die Grenzen des kolonisatorischen Könnens der Zionisten überstiegen hat. Äber eine schlimme Entstellung der Wahrheit, zumindest, fst es. wenn in dem Interview versucht wird. Sen Anschein zu erwecken, als obs hier um ein paar ungeeignete Familien aus dem Mittelstand ainqe, ferner um ein paar orthodoxe „Ehassidim", die den Pflug gerne führen wollten und nur nicht so reck't konnten. Unwahr ist, so zu tun. als ob diese guten Leute und schlechten Musikanten jetzt nur einfach wieder nach Polen und sonstwohin zurückzukehren und da ihre Sache weiterzumachen brauchten, nachdem sie sich halt einen kleinen Abstecher nach Palästina geleistet haben. Unwahr und sehr, sehr häßlich dazu ist schließlich, so zu tun, als ob „diese Leute" eigentlich den Hauptteil der Schuld an dein Mißerfolg dieses ihres Abstechers in sich selbst trügen: . . waren eben untauglich, hatten lieber wegbleiben sollen... — so im schnarrenden Generalston nach verlorener Schlacht. Die Herren Muschkoten haben wieder mal nichts getaugt. Der dentschvölkischen entspricht die hebräischvölkische „Dolchstoßlegende", die das ganze Unglück auf das Hinterland schiebt: in diesem Fall aus die reichen, angeblich zu nie abreißcnder Spendentätigkeit für Palästina verpflichteten amerikanischen Juden. Hier sagen Sie, Herr Zionistengencral Wcizmann, in genau demselben Sinne die „Wahrheit" wie der Herr Putschistengcneral Ludendorff. Keiner weiß ja doch besser als Sic, daß niemals irgendwer Verpflichtungen zu dauernder Finanzierung Ihrer kühnen Feldzngspläne in Palästina auf sich genommen hat. Daß das eine Konstruktion ist, die Sie sich mit dem „Schwünge" Ihrer „Phantasie" zurechtgezimmert haben, ohne je die Fundierung und die Verbindungsstücke Ihres politischen Fachwerk-Machwcrks ernstlich zu kontrollieren. Und daß Sie für nötig halten, Ihrem großen „Amtsvorgänger" Theodor Herzl mit einem wohlgezielten Esclsfußtritt die Grabesruhe zn stören, das ist überaus unfair. Ihnen fehlt Gefühl und Respekt für menschliche Größe, wenn Sic geringschätzig zur Seite flüstern: „Selbst Herzl mit dem Schwung seiner Phantasie . . .!" WaL sind das für klägliche Selbstschutzkunstgriffe! Ja, dieser Herzl war ein Kerl von Phantasie. Er starb 1904 daran, daß nach siebenjähriger „Zusammenarbeit" mit so vernünftigen Leuten, wie Sie und Ihresgleichen es sind, sein Herz entzwei war. Sie und Ihre Partei der „praktischen Zionisten" waren es, die schon öamckls nicht abließen, den höchst phantasievollen, aber verantwortnngsbewußtcn und gänzlich nnphantastischen Herzl unablässig zn voreiligen und unverantwortlichen Kolonisationsversuchen ohne Sicherung zn drängen. Und diese Leute kommen nun heute daher und geloben ihren andächtigen Zuhörern, nicht znzulasscn, daß sich Zchntausende in Palästina ansammeln ohne vorherige Sorge für ihre Beschäftigung und Ernährung — jetzt, wo das Unglück geschehen, nein, nicht geschehen, sondern blind und leichtfertig nnd.ersvlglüstcrn von Ihnen herbeigesührt worden ist. Wie'? Einem, der fünfundzwanzig, seit dreißig Jahren ans „praktische Erfolge" unablässig gedrängt, der nach 1918/19 jährliche Einmanderungsziffern von 60- bis 100 090 angegeben hat, dem sollen wir heute glauben, daß er im Gegensatz zu dem „phantasievollen" Herzl ein nüchterner, überteaelier Nealpolitiker sei? Das ist ein bißchen viel verlangt. Wir kennen die Herren Generale, die nach verlorenen Kriegen plötzlich alle Pazifisten in den Schatten zu stellen suchen. Und ist Ehaim Wcizmann wirklich der „Nealpolitiker", sür den er sich doch offenbar zn halten scheint, so trifft ihn um so schwerer der Vorwurf, eine unerhört schlechte und gefährliche Politik getrieben zu haben — die nämlich: wenn man nur erst einmal genügende Massen „Menschcnmaterial" lwie der schöne Ausdrück auch bei Herrn Weizmanu lautet) an die palästinensische Front geworfen habe, dann würden die dairsned american iews nachher schon für sic sorgen müssen, und dünn ist ja alles in bester Ordnung und Herr Wcizmann der große Retter und Führer dcö Volkes Israel und Freund Balfoürs und MacDonalds. Aber die „verdammten Amerikaner" haben elend „versagt". Haben den wackern Wcizmann einfach im Stich gelassen und ihre letzten fünf Millionen den AnsiedlungSversuchen in Sowjet-Rußland zugewandt. Ich nehme an, daß sie ihre guten Gründe dazu hatten. Als Hauptgrund wird bezeichnet: das Mißtrauen der wirtlich „realpolitischen" Amerikaner gegen Weizmanns Persönlichkeit und seine kühnen K o l o n i s a t i o n S i n e t h o d e n. Wir werden sehen, ob der verunglückte „Vater de§ Voltes", der uns so herrlichen Zeiten engegensühren wollte, jetzt wenigstens noch halbwegs zu rechter Zeit sein Doorn finden wird. ES ist nicht ausgeschlossen, daß in diesem, aber auch nur in diesem Falte die amerikanische Indenhcit sich zn einer durchgreifenden Unterstützungsaktion für Palästina bcreitfindeu lassen wird. Materiell ist sie dazu durchaus imstande, trotz der erheblichen Opfer für philantrovische und konstruktive Hilfe, die sie den verschiedensten notleidenden jüdischen VolkSteilen in den letzten Jahren bereits gebracht hat. Außerdem besteht Grund zn der Annahme, daß das Land Palästina an sich als Exploitationsobjekt für großkapitalistische Anlagen ans rein geschäftlicher Grundlage nicht ganz aussichtslos ist. Das Interesse nichtjüdischer englischer, französischer, italienischer Kapitalgruppen an Palästina und seinen durchaus noch nicht abgetanen, allerdings auch nicht wissenschaftlich festgestellten Exploitarionsmöglichkeiteu wächst mer-bar. Nobel freres haben unlängst eine Spezialgründung für Naphta-Ilnternehmungen in Palästina und seinen Nachbarländern mit 13 Millionen Schweizer Franken finanziert. Eine riesige Naphta-Pipeline Mossül—Haifa steht aus der Tagesordnung. Man spricht non geplanten Großplantagenüetrieben nördlich von Jaffa für Orangenban. der bereits jetzt, im Kleinbetrieb, die Haupteinnahmequelle des Ländchens ist. Und im Toten Meer sollen 6 Milliarden Tonnen abbauwürdiger Kalisalze lagern, an denen sowohl England wie Amerika Interesse haben dürsten. Erhebliche Kraftanellen im Norden — Jordan, und Litani-Fluß, wegen dessen Einbeziehung seit der Drusenaeschichte offenbar Verhandlungen zwischen Lvrd-Plumer und de Ionvenel schweben — und im Süden — Gefälle-Unterschied zwischen Mittelmeer und Totem Meer von 400 Metern — sind außerdem vorhanden. Aber der große Führer Wcizmann ist nicht imstande, den 40- oder 50 000 Leuten, die er in den letzten zwei Jahren mit allen Mitteln der gutbezahlten Agitation und Propaganda hierher geschleppt hat, auch nur für einen Piaster Arbeit, auch nur einen Bissen trockenes Brot zn verschossen. Wcizmann versucht in seinem Rückzugs-Interview mit der stolzen blühe, die große, wenn auch geschlagene Heerführer anszuzcichnen pflegt, sich auf die von der zionistischen Organtsativn in den letzten Jahren begründeten „blühenden Kolonien", besonders um Haifa, zn stützen. Leider verhält sich die Sache so, daß 08 Prozent der immerhin nicht unbeträchtlichen Gelder — 40- bis 50 000 Pfund monatlich: in den letzten Monaten, wo das amerikanische Geschäft schon erheblich nachgelassen hat, noch immer 25- bis 30 000 Pfund monatlich —, die die Gcsamtjudenheit seit Jahren in die Palästina-Sache hineinsteclt, auf diese „blühenden Kolonien" verwendet werden, ohne daß bisher von einer Ertragöfähigkeit oder Möglichkeit zur Selbsterhaltung auch nnr einer einzigen von allen Siedlungen die Rede sein kann. Läßt Amerika noch weiter nach, so stehen auch diese 3- bis 4000 Kolonisten vor dem Nichts! Man baut ans irgendeinem ■ wildromantischen Grunde Getreide, das zum halben Gestehungspreis ans Australien in Masten importiert wird (ebenso Bnchsenmilch und Honig und hunderterlei andre Konserven). Man will „den jüdischen Bauer mit dem Pflug in der Hand" künstlich; züchten, um irgendwelche idiotischen Vorurteile der Anti- Beilage 15. Oktober 1926 ■BangnnHHHnMnnHMSSSnBB semiten in Miesbach oder sonstwo zu zerstören, und verplempert ans diese Weise alles, was noch da ist. Aus denselben wildromantischen, tolstojanisch und völknch zugleich bestimmten Gründen läßt man die ganze neue Einwanderung aus Polen, die sich, der Tradition ihres .yerkunftslanoev — Lodzer Textil-Jndustrie — folgend, hauptsächlich um Schaffung einer Mittel-Industrie bemüht hat. ach,elzuckend krepieren. Es paßt ihnen nicht. Diese sogenannte „vierte Alijah" hat in zwei Jahren etwa 6 Millionen Pfund Eigenkapital ins Land gebracht die bis auf geringe Reste verloren sind, weil jede Unterstützung dieser Bewegung durch Herrn Wcizmann und seine Freunde nicht nur unterblieb, sondern weil man den Leuten noch tausend Schwierigkeiten machte. Dazu war der völlige Mangel an jedem städtischen und industriefreundlichen Kolonisationssystem für die junge, selbstverständlich trotz der Investierung von ziemlich erheblichen Eigenkapitalicn kreditbedürftige Industrie — auch Intensiv- Landwirtschaft wurde versucht, und das Baugewerbe bekam sehr bedeutende Impulse — von vernichtender Wirrung. Alle diese Familien sind ruiniert, und nur die wenigsten von ihnen haben überhaupt noch die Mittel zur Rückwanderung. Was sic aber im wirtschaftlich zerrütteten Osteuropa ohne jede Kapitalbasis beginnen sollen, das mag Herr Wcizmann uns und ihnen sagen, lind ebenso, was die einigen zehntausend zugrunde gerichteten Menschen, denen sür die Rückkehr schon das Reisegeld fehlt, nun im heiligen Zion nach Herrn Weizmanns Meinung anstelleu sollen, wäre nicht uninteressant gelegentlich zn erfahren. Nur eine schnelle Liquidierung der gesamten zionistischen Desorganisation von beute oder die Fortsetzung der begonnenen Arbeit durch die Gruppe der amerikanischen Zionisten, die unter Führung von Justier Brandeis seit Jahren Gewehr bei Fuß Weizmanns Rücktritt abwartct — nur das kann allenfalls noch Rettung bringen." Wissenschaft mrd Mitleid. Unter dieser Ueberschrist schreibt der „Israelit", das Blatt des äußersten Flügels der -Orthodoxie, in seiner Nummer vom 8. Oktober über die Untersuchungen unseres Blattes zum Fall Meist folgendes. „In der „Jüdischen Rundschau" und anderen jüdischen Zeitungen ist eine n. a. auch von Moses Anerbach, I. W o h l g ein u th, M. Wiener (neben Dnbnvw, Ellbogen, Soloweitschik) Unterzeichnete Erklärung veröffentlicht, die sich gegen eine Kritik von Lazarus G o l d s ch midt richtet, welche dieser dem vor sieben Jahren erschienenen ->/> a s t a l a-Buch von Dr. Josef M eist in einer der letzten Nummern der „Jüdisch-liberalen Zeitung" zuteil werden ließ. In der Erklärung wird „im Interesse der Reinheit der literarischen Sitten" gegen den Ton der Kritik mit aller Entschiedenheit Einspruch erhoben. Es verstoße gegen die Würde der Wissenschaft, wenn „Irrtümer eines Autors in dieser Weise zur Herabsetzung feiner ganzen Gelehrtenarbeit benutzt werde/ Ter Sachverhalt ist kurz folgender: Herr Josef Meisi schrieb ein Buch unter dem Titel „Haskala. eine Geschichte der Aufklärungsbewegung der Juden in Rußland". Das Buch fand eine gute Presse. Verschiedene jüdische Zeitungen,-, auch solche, die ans Niveau halten und es mit der,Würde dev Wissenschaft ernst nehmen, wie.das „Jahrbuch für indische Geschichte undLiteratur", die „Monatsschrift der K. E.-Evr- ‘ porationen", „Der Jude" n. a. m. brachten günstige, empseh- , lende, zum Teil sogar begeisterte Rezensionen. Einzig die bekannte hebräische Monatsschrift "Haleknsah" schien sich die Zeit und Muße genommen zu haben, sich den Casus näher anzusehen und der Rezensent, wohl ein Berufener und Zuständiger, kommt zu einem geradezu vernichtenden Resultat. Es wird Meist nachgemiesen, daß er all seine Kenntnisse der Tinge nicht aus der Ouellenliteratnr geschähst und nicht aus erster Hand bezoaen, sondern sich seine „literatnrgcschichtlichen" Abhandlungen nach Notizen aus Abschriften und llcbersetzungcn und verschiedenen Zitaten in hebräischen Büchern» die er im Original kaum lesen kann, zusammengeschustert hat. Bon „Irrtnmcrn" kann füglich nicht die Rede sein, wenn er von einem Rabbi in der Stadt „Wattik i n" svrickt, weil er nicht weiß, daß der hebräische Ausdruck „Wosfikin" eine Gruppe der „Ganzfrvmmen" bezeichnet, denen der Rabbi angchörte: wenn er die Namen der diversen hebräischen Schriststellcr des vorigen Jahrhunderts nicht so schreibt, wie sie sich selber in ihren hebräischen Büchern genannt haben, sondern wie sie in russischen oder deutschen Uebersetznngcn bezeichnet werden, oder wenn er beispielsweise ans Seite 182 von 613 Glaubensartikeln spricht, die Li l i e n b l n m in einem Buche „Hearvth wetiknnim", herauSgegeben von der Gesellschaft „Mekize NerdaminA erwähnt. 613 Glaubensartikel gibt es so wenig wie eine Schrift „Hearoth wetiknnim" mit einem Lilienblum als Verfasser, und „Mekize nirdamim" weckt bekanntlich nur alte Schriften ans dem Schlafe und Staube der Äiibliotsicken und Archive zn Licht und Leben. Von „Irrtümern" kann auch nicht die Rede sein, wenn Meist in seinem Haslala-Bnchc Bücher nennt, die gar nicht existieren, znm Teile auf Bücher verweist ohne Seitenangabe, oder eine Seitenzahl nennt, die die betreffenden Bücher gar nicht mehr besitzen. Es ist dies nur ein kleiner Bruchteil der Meist nachgewiesenen „Jrrtümer. Auch von Druckfehlern kann man nicht rcöcit, wenn man nicht daS ganze Buch als solchen sehen will . . . Allein, das ist nickst unsere Sache. Lazarus Goldschmidt hat das Buch nach der „Haleknsah" in der „Indisch-liberalen Zeitung" einer vernichtenden Kritik unterzogen, und sein Beweismaterial gegen Meisl und dessen Buch ist so lückenlos, daß das Werk wissenschaftlich als erledigt betrachtet werden darf. Ton und Form der Goldschmidtschen Artikel sind scharf, mit ätzender Ironie durchsetzt. Form ist eine Sache des Temperamentes und Geschmackes, über den sich nicht streiten läßt. Daß in der Sache Gvldschmidt recht hat, kann keiner bezweifeln, lim so befremdender mutet die obenerwähnte Erklärung an, die dem Autor „Irrtümer" zu gute hält und von einer „Würde der Wissenschaft" spricht. Die Würde der Wissenschaft scheint uns in diesem Fall nicht der Kritiker verletzt zu haben, sondern der Antor, der in dilettantisch leichtfertiger Weise, ohne alle Kenntnis der Ouellenliteratnr, ein Werk über eine kulturgeschichtlich bedeutsame Periode des vorigen Jahrhunderts znsammenträat und dieses als „Wissenschaft" in die Welt setzt. Die Ehrenerklärung für Meisl und die Beteiligung von Männern, die in der jüdischen Wissenschaft ein Wort mrtznreden haben, scheint ans dem Gefühle des Mitleids geboren zn sein. Mitleid ist gut jüdisch, aber hier dürfte doch die Wahrheit beit Vorrang verdienen." Damit ist in sachlicher Beziehung eine Einheitsfront der religiösen Richtungen im Fall Meisl hergestellt. Wir haben von vornherein betont, daß wir diese Angelegenheit nicht als Parteisache betrachten. Daß wir sie auch nicht als Parteisache dnrchgesührt haben, bestätigt der uns in vollem Umfang rechtfertigende Aufsatz des uns weltanschaulich gewiß sehr fernstehenden „Israelit". Es bleibt bedauerlich, daß die „Jüdische

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.