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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-10-15 · 42 (15.10.1926) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
42 (15.10.1926)
Date
1926-10-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Ott der äußeren Ausgestaltung -es Gottesdienste- (Thor, Drgelusm.j werden in allen größeren Gemeinden die asthetrschen Ansprüche berücksichtigt. ES sind sogar viele der Ansicht, daß der Gottesdienst einen zu konzertmäßigen Charakter erhalten hat, indem das Gemeinbeaebet und -er Gemeindegesang zu stark zurücktreten. Der Besuch der Synagoge au Sabbaten ist naturgemäß kein sehr starker. Dagegen wird der Areitag-AbendgotteSdienst heute wieder gut besucht, insbesondere in den Gemeinden, in denen man auch im Winter einen Gottesdienst nach Gesstäftsschluß cingeführt hat. Die Teilnahme an solchen Gottesdiensten, insbesondere gerade der jüngeren Leute, ist ein außerordentlich zufriedenstellender. An den hohen Feiertagen ist der Andrang zu den liberalen Gotteshäusern sehr groß, und alle Großgemeinden müssen eine Anzahl Nebengottesdienste einrichten, da die Gemeindesynagogen nicht annähernd imstande sind, die Zahl der Besucher zu fassen. Hauptstück des Gottesdienstes stnb für die meisten die Predigt und die großen gesanglichen Teile des Mussaf-Gebetes. In diesen Hauptteilen des Gottesdienstes ist auch die Teilnahme eine gute, während bei dem eigentlichen Morgeugebet und bei der Tbora-Vorlesun» viele dem Gottesdienst nicht mit genügender Aufmerksamkeit zu folgen pflegen. Leider ist insbesondere die Thora-Vorlesung. die das Hauptstück des Gottesdienstes sein soll, stark in den Hintergrund getreten. Die Wünsche der Liberalen, die ja mit der Geschichte des Judentums durchaus übereinstimmen. es möge die Borlesung in deutscher Sprache oder wenigstens in der hebräischen und deutschen Sprache gehalten werden, haben Erfüllung bisher nicht erfahren. Es macht einen niederschmetternden Eindruck, wenn man nach dem zeremoniellen Ausheben der Thora, nach den Segenssprüchen über die Thora, einer Borlesung beiwohnt, die ein Teil überhaupt nicht versteht und die in großen Teilen (Opfer.« gesetze, Speisegesetze nsw.) auch denjenigen nur noch Erinnerung ist. die dem hebräischen Tert folgen können. UI. Die Organisation der deutschen Inden. Die Bereinigung für das liberale Judentum, ist in Bezirks- und Ortsgruppen ausgebaut. Sie umfaßt jetzt ungefähr 7000 Mitglieder. Die Organisation kämpft infolge wirtschaftlicher Schwierigkeiten mit schweren finanziellen Nöten, doch hoffen wir. daß die Besserung der Zeitverhältnisse auch unsere Irenn.de wieder opferwilliger und vpferfähiger machen wird. Wir hoffen Großes von der Erstarkung des liberalen Gedankens, wie sie der geplante Weltzusammenschluß geben wird und werden an unserem Teil an der Ausgabe mitarl,eiten, das liberale Judentum auszubreiten, zu stärken und zu vertiefen. Der jüdische Gemeiudebsamie B o n A r t h n r L i ch t e n f e l d. Ter jüdische Gemeindebeamte ist das jüngste Produkt des > Bernssbcarutentuins. Noch lauge, als andere staatliche und j städtische Behörden eilte größere Zahl von besoldeten Be- > amten beschäsligten, erledigten in den Verbänden der deut-! scheu Iudenheit die „Aeltesten" der Gemeinde, die ehrenamt-! lieh tätigen Vorsteher (die „Parneise") die notwendigen schriftlichen Arbeiten selbst, wie es heutzutage noch in den j kleineren Gemeinden Brauch ist. In der Kehilla kennt man! als besoldeten Beamten den Rabbiner, den Kantor, den Religionsichrer. den Schancket, vielfach in einer Person vereinigt. als zur Ausführung des religionsgesetzlichen Rituals notwendige Amtspersonen. Auch in Berlin erledigten früher die Gemernde-Aeltesten die schriftlichen Arbeiten selbst. Manches noch heute vorhandene Aktenstück aus vergangenen Jahrzehnten des uori- .Mr Jahrhunderts (auf dauerhafterem Papier als Heutes legt Zeugnis ab von der sauberen Arbeit und Sachkenntnis, mit der die durch das Vertrauen ihrer jüdischen Mitbürger zu diesen Ehrenämtern Berufenen die Gemeinde vernmUeten; die Lektüre der alten Aktcnbände überzeugt, daß die Geschäftsführung der früheren Gemeindevorsteher in jeder Hinsicht den Vergleich mit der heutigen Handhabung der Bermaltungsgeschäste ehrenvoll besteht. Ihr für damalige Verhältnisse erstaunlicher Weitblick in manchen vermaltuugstcchnischen Dingen, der das Fundament für manches gelegt hat, auf dem die späterern Geschlechter weiterbauen konnten, nötigt noch heute unter veränderten Lebensüedingungen Achtung ab. Wir finden unter ihnen hochgeachtete Männer, die mit Hingabe ihrer ganzen Persönlichkeit und Liebe zum Judentum und zur Gemeinde sich für die Angelegenheiten derselben einsetzten und manche Fehde mit staatlichen und städtischen Behörden mit Glück und gutem Gelingen aussochten. Die Zunahme der Benölierungsziffer in den jüdischen Gemeinden der größeren Städte durch die Ueb-ersiedlung vieler unserer Glaubensgenossen aus den kleinen Gemeinden nach der Großstadt und damit das Anwachsen der Gemeindever- Lände in diese» Orte» bedingte, als die „Aeltesten" der Gemeinde die gesteigerte Arbeitslast nicht mebr allein erledige» konnte«, dde Schaffung von Bureauö und die Beschäftigung von Personal gegen Entgelt. Diese Notwendigkeit zeigte sich in Berlin zuerst Ansang der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Ans dieser Zeit datiert hier die Tätigkeit deersten besoldeten Bureaubcamten. die sich damals als notwendig erwies zur Erledigung der schriftlichen Arbeiten für daS BeerdigungSwesen, n. a. Aufnahme von Sterbefällen am Sabbat und den Jomtamvin. Mit zunehmender Zahl der Gemeinde-Synagogen und der Gemeinderabbiner wurde ein Rabbinat geschaffen und den Herren Rabbinern zur Vermittlung der Besorgungen untereinander in amtlichen Angelegenheiten ein Rabbinatsbote zur Verfügung gestellt. Im ersten Jahrzehnt des gegenwärtigen Jahrhunderts erweiterte sich die Verwaltung der Berliner jüdischen Gemeinde und die Zahl der in ihr Beschäftigten in rascher Folge. Die Ausdehnung der Verwaltung, welche sich aus der starken Zunahme der jüdischen Bevölkerung ergab, machte die Begründung von Bureaus für die vielfachen Geschäftszweige notwendig. Es wurden gesonderte Dezernate und Abteilungen für das Steuer-, Schul-, Gottesdienst-, Kaschruth-. Beerdigungs-, Armen- und Wohlfahrts-, Bau-, Kassenwesen und andere mehr geschossen. Demzufolge nahm die Gemeinde-Verwaltung den Umfang eines großen Geschäftsbetriebes an, von dem die Glaubensgenossen in den kleinen Gemeinden und selbst diejenigen hiesigen Gemeindcmitglieder. die mit der Verwaltung aus Interesselosigkeit nicht in näheren Konnex treten, sich keine Vorstellung machen können. Diese kolossale Ausdehnung machte die periodisch anwachsende Zahl von Beamten und sonstigen Angestellten erforderlich. Die verzweigten juristischen Angelegenheiten, die sich aus dem Verkehr mit anderen Behörden ergeben, z. B. Anfertigung von Gutachten, Bertragsabschlüsie, die Beaufsichtigung der nicht geringen Zahl der Liegenschaften und Grundstücke der Gemeinde, Versicherung der in diesen investierten Werte, Beobachtung von steuerlichen Vorschriften und ähnliches machte schon zu Beginn des jetzigen Jahrhunderts die Anstellung von Fachjuristen notwendig zur sachkundigen Erledigung der juristischen und gesetzlichen Erfordernisse und Wahrnehmung der Interessen der Gemeinde in Gerichtsfällen und dergleichen. Erst später folgten die anderen indischen Großgemeinden mit der Beschäftigung von Bureaupersonal gegen Entgelt. Aus dem Grunde des geringeren räumlichen und zahlenmäßigen Umfanges der Verwaltung kommen ümit entsprechend weniger Angestellten aus. Es sind auch heute nicht allzu viele jüdisch' Gemeinden, die sich einen größeren Beamtenstab leisten können. In Berlin jedoch liegen die Verhältnisse durch die räumliche Ausdehnung und durch die Zusammenfassung mit den Nachbarstädten zu einer jüdischen Gesamtgcmeinde so ganz anders wie in anderen Großstädten, daß der besonders umfangreiche Burcaubetrieb der jüdischen Gemeinde-Verwaltung selbst anderen jüdischen Großgemeinden gegenüber gerechtfertigt ist. Auch eine früher oder später evtl, durchgeführte Dezentralisation der Verwaltung würde den Beamten-Apparat nicht wesentlich vermindern, da eine Zentralstelle für den amtlichen Verkehr mit den Zweigstellen und für die bureaumäßige Bearbeitung doch vorhanden sein müßte,' in den Betrieben müßten die Ehrenbeavrteu von gegen Entgelt tätigen Angestellten unterstützt werden. Der gewaltige itmfanß der größten in einer deutschen Gesamtgemeinde vereinigten jüdischen Seelenzahl, die in ständiger Zunahme begriffen ist, tritt mehrmals im Jahre bei besonderen Anlässen machtvoll in Erscheinung: bei der Versorgung mit Gottesdienst an den Herbstfeiertagen. bei den Wahlen. seinerzeit im Kriege bei der Mazzothversorgung idev Brotkarten unseligen Anüenkensj. Für die Mehrzahl unserer Glaubensgenossen freilich existiert die jüdische Gemeinde nur bei mehr oder weniger freiwilliger Erledigung der Steuern und bei Versorgung mit Eintrittskarten zu den ..hohen Festtagen", allenfalls noch zu den jüdischen Wahlen, im einzelnen bei Familieu-Angclegenheiten (Barmizwah, Trauungen, Sterüesällen). Die Mehrzahl unserer Glaubensgenossen unterhält bedauerlicherweise kein allzu festes Verhältnis zur jüdischen Gemeinde und den Vorgängen in der Verwaltung, die sie als ihr eigenstes Interesse eigentlich mehr angehen sollten als andere staatliche Angelegenheiten: die meisten stehen den jüdischen Dingen leider teilnalsmlos gegenüber. Hieraus ergibt sich ihre völlige Unkenntnis, die bei jeder Gelegenheit sich in abfälliger Kritik äußert» ohne nach Grund und Ursache zu fragen. Hierher gehört die Erwähnung der Tatsache, daß manche unserer Glaubensgenossen in den Bureaus der jüdischen Gemeinde bisweilen einen Ton airschlagen, den sie im Verkehr mit anderen Behörden sich nicht getrauen würden. (Häufig schlagen aber gerade die Beamten einen Ton an, den sich staatliche Beamte niemals herausnehmen und der einer Religionsgemeinde unwürdig ist. D. Red.) Sie dokumentieren dadurch in Lebäuerlicher Weise ihre Nichtachtung vor der Gemeinde-Verwaltung, vor der Menge dort güeisteter Arbeit, vor der uneigennützigen Tätigkeit der unter Darangabe ihrer Zeit sich ehrenamtlich in der Gemeindeverwaltung Lemühenden Mitgueder. ' Bei dem Umfang dieser weitverzweigten Verwaltung findet sich auf den verschiedenartigsten Gebieten für einen jeden Gelegenheit zur tätigen Mitarbeit nach Neigung und Jnteresie. Außer den besoldeten Kräften ist eine große Zahl von ehrenamtlich in den vielen Kommissionen tätigen Herren und Damen an den Arbeiten beteiligt. Wie schwierig es selbst in der Großstadt ist. eine genügende Zahl ehrenamtlich in der Verwaltung sich betätigender Glaubensgenossen zu finden, beweist die in den Jahren vor dem Weltkriege von den Gemeindebehörden beschlossene und durchgeführte Einsetzung einer besonderen „Elirenüeamten-Kommrssion". Diese hat die Aufgabe, ans den Vorschlägen, welche aus der Mitte der Gemeindemitglieder erfolgen, nach Prüfung der Eignung der Vorgeschlagenen für besondere fachliche oder Spezialkenntnis oder Neigung auf besonderem Gebiet (z. B. Wohlfahrts-, Bauwesen oder sonstiges) diese den in Frage kommenden Kommissionen zuzuweisen. Unsere Glaubensgenossen sollten nicht nur als Steuerzahler oder leider zum Teil als Nicht steuerzahler, sondern: als tätig interessierte Mitglieder ihre Zugehörigkeit zur Gemeinde beweisen. Gerade in den Jahren des Zuzugs so vieler Juden nach Berlin konnte man wahrnehmen, wie die meisten von diesen, an die so ganz anders gearteten Kehilla- Verhältnisse ihres Provinzwohnortes gewöhnt, über den Umfang der Berliner Gemeinde-Verwaltung staunten und nickt begriffen, wozu die große Zahl von Beamten und sonstigem Personal not-wendig ist. Tätige, wenn auch nur bezirksweise Mitarbeit bietet sich in unserer Gemeinde reichlich und gibt Gelegenheit, die kleinstädtischen Ansichten gründlich zu revidieren. Auch innerhalb der Beamtenschaft der jüdischen Gemeinde,, die mehrere hundert Personen zählt, — eine Anzahl fiel dem famosen Abbaugesetz zum Opfer —, gibt es Parteien nach sozialer und politischer Scheidung. Die Lohnbewegung des jüngsten Jahrzehnts fand die Beamtenschaft auf ihrem Posten: die sozialen Kämpfe dieser Jahre haben ebenfalls in diesem Kreise, geführt von einigen klugen Köpfen von zeitgemäßer Ausfassung, lebhaften Widerhall gesunden. Mehrfach haben die Gemeindebehörden sich mit Beratungen über eine den Zeit- und Geldverhältnissen angepatzte Entlohnung zu besasien gehabt und die Beamtenschaft hat es zu einer Besoldungsordnung gebracht, die freilich eine dem heutigen Kaufwert angepaßke Revidierung erfahren müßte. Es ergibt sich von selbst, das; in der Reichshauptstadt, dem Mittelpunkt der Parteikämpfe in der Nachkriegszeit, auch in der Beamtenschaft der jüdischen Gemeinde, die sich je nach Anschauung den vielfach zersplitterten Parteien im jüdisch-religiösen Leben angeschlosseu hat — sind doch Gemeindebeamte seit, einigen Jahren in der Repräsentantenversammlung vertreten — die sozialen Kämpfe mit besonderem Nachdruck aus-' gefochten wurden. Berlin ist auch in sonstiger Beziehung ein Hauptmittelpuntt des jüdisch-religiösen Lebens. Die Verwaltungen und Bureaus einer Anzahl jüdischer Verbände und Vereine von Ruf und Bedeutung im jüdischen Leben haben hier ihren Sitz, u. a.: Preußischer Landesverband jüdischer Gemeinden, Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Zentralmohlfahrtsstelle der deutschen Juden, Arbeitersürsorgeamt, Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, Deutsch-Jsraelüischer Gemeindcbund, Verband für Statistik der Juden, Gesamtarchiv der deutschen Inden, Großloge und andere jüdische Loaen, Krankenhaus, Schwestern-, Säuglings-, Znfluchtöhe.im, mehrere Wohlfahrtseinrichtungen, eine Anzahl jüdischer Verlage, Zeitungen und Buchhandlungen, die große Zahl der Schulen und Religionsschulen der Gemeinde und die Bureaus der verschiedenen Parteien und sonstigen jüdischen Organisationen. Diese vielen Institutionen beschäftigen ebenfalls eine große Anzahl jüdischer Angestellten. Hierdurch haben viele Hunderte Glaubensgenossen beiderlei Geschlechts in ihrem eigensten, ausschließlich jüdischen Wirkungskreis Tätigkeit und Lebensinhalt gefunden. Seit langem schon wird die Zusammenfassung der besoldeten jüdischen Beamten aller Schichten zur Wahrung der gemeinsamen Interessen angestrebt. Hoffentlich gelangt diese Absicht in absehbarer Zeit zu einem gewissen Abschluß, damit die jüdischen Bureaubcamten für ihre Ziele und Lcbensinteressen ebenso einen Verband zur Verfügung haben wie die jüdischen KultnSbeamten, die sich schon früher zu Verbänden iRabbiner-, Kantoren-, Lehrerverband) zusammengetan haben. Mgüe-er. zahlt Eure Beiträge! Sehr zu wünschen wäre es, daß Sie das ganze Thema in leichtsaßlicher, knapper Form, ohne komplizierten und subtilen wissenschaftlichen Apparat für die breite Volksmasse bearbeiten. Es müßte eine besonders intensive Arbeit geleistet werden, um diesen Aberglauben unter den breiten Mafien zu bekämpfen. Die unteren Volksschichten fahren ja fort, den abergläubischen Meinungen zu huldigen, lange nachdem diese von den oberen längst aufgegeben wurden. Wir haben ia das erst vor kurzem schairdernd erlebt, als der Ritualmordwahn in Breslau auflebte und offenbar die Aufdeckung eines grausigen Verbrechens verhinderte. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit diktiere ich diesen Brief in die Maschine, denn ich fühle mich heute sonderbar matt und meine Hand zittert leicht. Ich schicke den Brief nach Pistyan, von wo auS Sie mir letztens schrieben und die Briefe von Tvnnies und Delbrück einsandten. Ihre Wiener Adresse habe ich irgendwo verlegt, nnd ich möchte mit der Absendung des Brieses nicht länger zögern. Hoffentlich erreicht er Sie trotzdem. Das teuerste Buch der Welt. Hierüber schreibt die „Frankfurter Zeitung: Nach langwierigen, viele Monate dauernden Verhandlungen ist endlich die zmeiundvierzigzeilige auf Pergament gedruckte Gutenbergbibel des Benedik- Flncrstifts St. Paul im Lavanttal (Kärnten) verkauft worden. Der Preis beträgt ohne Spesen rund 1200 000 RM. Der Käufer ist der bekannte Sammler Dr. Otto F. V o l l - behr in New 'Jork. Der Kauf erfolgte durch die Firma I. Kaufmann. Verlag und Antiquariat in Frankfurt, deren Inhaber Dr. Felix Kauffwanu, selbst ein bekannter Büchersammler, die Verhandlungen persönlich an Ort und Stelle abschloß. Wie dem Schreiber dieser Zeilen genau bekannt ist, war die Konkurrenz der deutschen, englischen, italienischen und amerikanischen Händler ejne sehr scharfe. Zahllose^Telegramme und Reisen erfolgten, der Bibliothekar des Stiftes mußte sogar ans seinen Urlaub verzichten, der stille, lieblich gelegene Ort war das Ziel aller bedeutenden Antiquare diesseits und jenseits des großen Wassers. Dr. Vollbehr ist als Sammler großen Stils gut bekannt. Gin gebürtiger Deutscher, ist er seit kurzer Zeit in den Vereinigten Staaten ansässig. Seine Sammler-Interessen sind recht vielseitige. Vor Jahren, etwa bis 1910, wandte er sich dem Sammeln von Handschriften. Büchern und Flugschriften zur Geschichte Mohammeds, des Korans usw. zu und brachte j eine sehr bedeutende Kollektion zusammen, die er dem Sultan in Konstantinopel übergab. In den nächsten Jahren verlegte er sich ganz auf das Sammeln von Wiegendrucken. Diese tu den knapp fünf Jahrzehnten seit der Einführung der beweglichen Lettern in Europa entstandenen Drucke haben zu allen Zeiten auf den Bücherliebhaber unwiderstehlichen Reiz ausgeübt. und gerade heute ist cs das stolze Ziel reicher Sammler, möglichst viele und seltene Inkunabeln in ihrem Besitz zu vereinen. Dr. Vollbehr dürfte nebst dem kalifornischen Bücherkönig Huntigton in Pasadena und dem bekannteren Milliardär und 'Finanzmann Morgan die größte private Sammlung sein eigen nennen: über 3000 Ausgaben, alle bis zum Jahresende 1500 gedruckt, also rund ein Zehntel aller bekannten und erhalten gebliebenen. Darunter sind 800 von Hain unbeschriebene, 466 bisher unbekannte Drucke, ferner 55 verschiedene Bibeln, 50 Ausgaben des heiligen Augustinus, 40 des Johannes Nider, 37 des Albertus Magnus. 32 des Cicero, 30 des heiligen Hieronymus, 30 des Aeneas Sylvins, 27 des heiligen Bonaventura, 22 des Savonarola, 20 des Aristoteles usw. in allen Sprachen, wie lateinisch, griechisch, hebräisch, deutsch, holländisch, spanisch, portugiesisch, englisch, französisch, slawisch. Die kostbarsten Werke der alten Medizin, Astronomie, Alchemie, Astrologie, Mathematik nnd Grammatik, die schönsten illustrierten Bücher dieser Blütezeit der Buchkunst sind in der Sammlung enthalten. Ans dem im heurigen Sommer stattgefundenen Encharistischen Kongreß in Chikago waren die liturgischen Drucke ausgestellt, wo sie Aufsehen erregten. Kardinal Mundelein, ein begeisterter Bibliophile, zeigte besonderes Interesse. Gegenwärtig sind die 3000 Drucke im National Arts Club zu New?)ork öffentlich zur Schau gestellt. Was die 42 zeitige Gutenbergbibel betrifft, das kostbarste Kleinod des Buchdrucks, so wäre zu erwähnen, daß heute nur mehr 41 auf Papier und 10 auf Pergament gedruckte Exemplare erhalten sind. Bon den letzteren sind in Berlin (Staatsbibliothek), G ö t t i n g e n (Universitätsbibliothek), Nom (Vatikanische Bibliothek), Paris (Nationalbibliothek) und London (British Museum) fe ein Exemplar, in Leipzig (Universitätsbibliothek und Buchmuseum) zwei Exemplare und in Amerika schon drei, die Dr. Vollbehr, Huntington nnd Morgan gehören. Die europäischen Exemplare sind ausnahmslos staatlicher Besitz. Die meistens in zwei (das St. Panier in drei) Foliobänden gebundene Bibel hat 641 Blätter zu durchschnittlich 42 Zeilen. DaS Werk hat keinen Druckvermerk, ist also ohne Angabe des Ortes, der Zeit und des Druckers, die uns nur aus handschriftlichen Vermerken und typographischen Untersuchungen bekannt sind. Wir wissen mit Sicherheit, daß die Bibel in den Jahren 1463 bis 1456 von Gutenberg in Mainz gedruckt wurde. Sie hat mit Absicht das Gepräge mittelalterlicher Hand- . schritten, Initialen und Ueberschriften sind mit der Hand eingemalt. G. W. Zapf, einer der ersten, die das St. Panier Exemplar beschreiben, meint, „sie möchte eine von denjenigen Bibeln seyn. die Faust noch als gedruckt für ein Manufcriyt verkaufte." Heinrich Sander hingegen sagt in seiner Beschreibung einer Reise nach St. Blasien, wo die Bibel ursprünglich sich befand, „es scheinen schon litter-ae küsse zu seyn, weil Buchstaben und Zeilen gar gleich sind. Auch am Ende des letzten Theils ist gar keine Subscription." Das St. Panler Exemplar ist durch einen Glücksfall dem großen Brande des Klosters von St. Blasien 1768 entgangen. In den napoleonischen Kriegen wurde die Bibel vor den Franzosen in Sicherheit gebracht und kam bald darauf in das Stift St. Paul in Kärnten. Als Kuriosum für das geringe Verständnis früherer Zeiten möge bemerkt sein, daß Wyttenbach noch 1818 das Papierexemplar von Trier vor der gänzlichen Zerstörung retten mußte, weil es nämlich — zu Umschlägen für S ch u l b ü ch e r diente, lieber die Preise, die für Gutenbcrgbibeln im Laufe der letzten Jahre gezahlt wurden, seien hier einige Daten angegeben: Pergaur ent -Exemplare. 1760 Auktion Gaignat 2100 Frc. 1817 >873 Auktion Mac Carthy Auktion Perkins 6 260 Frc. 3 400 £ 68000 M. 1011 Auktion Hoe 50000 $ - 210 000 1026 St. Panl-Expl. 275 000 $ - 1155 000 Papier-Exemplare. 1793 Bodkeiana-Expl. 100 £ - 2 000 M. 1832 Münchener Dublette 850 fl. - 1858 Auktion Butsch 2 336 fl. - 1873 Auktion Perkins 2 690 £ -- 84000 1884 Auktion Syston Park 3 900 £ - 78 000 ■ 1889 Auktion Hopetoun 2 000 £ - 40 000 m ■ 1891 Auktion Jves 14 800 $ 62000 1896 Auktion Ashbnrnhan 8000 £ - 60000 H 1908 Auktion Amherst 2 050 £ - 41000 K 1911 Auktion Huth 5800 £ — 116 000 n 1912 Auktion Hoe 24000 $ - 118 000 1926 Auktion Melk-Expt. 128 000 $ - 816000 n Mitgeteilt von Herbert Reichner - Wien.

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