Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-10-15 · 42 (15.10.1926) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
42 (15.10.1926)
Date
1926-10-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613841-2613883--1978-2619401
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

aber erwiesen sich doch die einheimischen Götter brauchbarer und überlegener. So sehen wir die Israeliten nahe daran, ihre Eigenart anszugeben und in der Kultur ihrer Umgebung' aufzugehen. Aber in diesem kritischen Moment trat jene Reaktion ein, der wir in dem weiteren Verlaufe der jüdischen Geschichte in gleichen Situationen stets wieder begegnen werden. Kurze Zeit, nachdem sie sich in ihrer neuen Heimat häuslich eingerichtet hatten, wurden sie in Kämpfe mit den Nachbarvölkern verwickelt und gerieten in arge Bedrängnis. In der Not erinnerten sie sich an den Gott ihrer Väter und riefen ihn zu Hilfe herbei. „Und Jehova kam vom Berge Sinai eiuhergeschritten, er erstrahlte vom Berge Seir und brach vom Berge Paran hervor. Da erzitterte die Erde, und es bebte der Himmel. ES zerflossen die Wolken und die Berge zerschmolzen vordem Gotte Sinais, vor dem Herrn Israels." Wenn nun Jehova den Feind besiegt hatte, dann wurde das Lied angestimmt: „Meine Stärke und mein Lobgesang ist Jehova, das ist mein Gott, ihn will ich preisen. Er ist der Gott meiner Väter, ich will ihn erheben. - Jehova ist der rechte Kriegsmann, Jehova ist sein Name. Wer ist dir gleich unter den Göttern'? Wer ist dir gleich, der so mächtig, heilig, schrecklich, löblich und wundertätig ist?" Jehova wurde bei den Israeliten populär. Man sah ein, daß man diesen Wiistengvtt auch in Kanaan gut brauchen konnte, zumal in einer Zeit, da man ringsum von Feinden bedroht war. Man war nunmehr darauf bedacht, in gute Beziehungen zu ihm zu treten. Die nächste Folge war, das; man seinen Wohnsitz vom Sinai nach Kanaan verlegte. Eine Lade mit geheimnisvollem Inhalt, mit Bildern und Orakeln wurde hergestellt. Um die Lade gruppierte sich bald ein Stab von Priestern. Wenn man in den Krieg ziehen wollte, da fragten die Priester durch das Orakel Jehova um Rat. Hatte man seine Zustimmung erhalten, dann lud man die Lade auf einen Wagen und zog mit ihm unter dem Gesänge: „Mache dich auf, ö Herr, und treibe die Feinde zu Paaren in die Flucht", mit Pauken und Trompeten frisch und fröhlich in den Krieg. Bald erhielt die Lade einen festen Wohnsitz, einen Tempel, 1« dem Orte Silo, und dieser Ort wurde das Zentrum des israelitischen Kultus, eine Wallfahrtsstätte für das ganze Volk. Dorthin wandte man sich, um Dankopfer für gespendeten Segen darzubringen. Dorthin kamen die kinderlosen Flauem um die Mutterschaft zu erflehen. Hier suchten und fanden Kranke und Verzweifelte Linderung und Trost. So befestigte sich die Ueberzeugung, daß Jehova nicht nur ein mächtiger Kriegsgott, sondern auch ein guter, liebevoller Vater sei, der über das Wohl der Seinen stets wachte. AuS dieser behaglichen religiösen Stimmung wurden sie plötzlich durch ein entsetzliches Ereignis heransgerissen. In einem Kriege gegen eines der mächtigsten Nachbarvölker, gegen die an der Mittelmeerküste wohnenden Philister, waren die Israeliten unterlegen. Aber das war noch nicht das größte Unglück. Etwas weit Schlimmeres, geradezu Unfaßbares war ihnen widerfahren. Die Lade JehovaS war in die Hände der Philister geraten und als Kriegstrophäe weggeschleppt worden. Wären die Israeliten ein Volk wie jedes andere, so hätten sie aus der Tatsache, daß Dagvn, der Gott der Philister, sich mächtiger als Jehova gezeigt hatte, die Konsequenzen gezogen und in die neuen Verhältnisse sich gefügt. Aber Israels Eigenart sollte auch aus dieser Krisis unversehrt hervorgehen. In der dumpfen Betäubung, in die das Bölk durch das unfaßbare Unglück geraten war, bereitete sich eine Bewegung vor, die, wie wir sehen werden, ans unscheinbaren und geringfügigen Anfängen sich zur mächtigsten und imposantesten Erscheinung, die die Weltgeschichte aufzuweisen hat, sich entwickelt hat. Es ist dies der Prophetiömus. Es ist ein hochtragischer Kampf, den die Propheten ausgenommen und während des ganzen Bestandes des Reiches und über seine Trümmer hinaus mit unbeugsamer Energie geführt haben. Was sic angestrebt, war, die Reinheit und Einfachheit der Sitten der Vorzeit wiederherzustellen. Aber ihr Ideal war undurchführbar, wenigstens solange das Volk au dem Boden haftete und durch unzählige Fasern und Wurzeln mit der Kultur des Landes verwachsen war. Aber ihre Idee galt ihnen mehr als das Land. Indem sic sie zun; absoluten Prinzipc, zur Maxime der sittlichen Weltvrdnung, erhobeu, lösten sie Jehova vom Berge Sinai los, befreiten ihn von der Gefangenschaft der Philister und machten ihn zum Beherrscher des Weltalls, zum Universalgott. Und es war nur eine Konsequenz, daß die Juden, der Entwicklung Jehovas folgend, ntiftt der Scholle losgelöst werden und zur kosmopolitischen Religionsgemeinschaft sich entwickeln mußten. Diesen Prozeß zu vollenden, war dem Ehristcntum Vorbehalten. Für die Juden aber hätte die Vollziehung der letzten Konsequenz die Auflösung ihrer Eigenart bedeutet. Von diesem letzten Schritte aber hielt sie ihr Instinkt zurück. Etein und Leben. Ach, sic grüben in Gräbern nach Steinen Und sagen: „Die Steine reden!" Doch sie verkennen jeden Und dünken sich klug in ihrem Meinen. Sic graben nach Steinen, die modern Und vergessen den Blick zu heben, Sie sehen nicht das lebendige Leben E-rkenntmsrcich glühend vom Himmel lodern. M a x R o s e n f e l d. Jüdisches auf der Polizeiausstellung. Die Große Berliner PolizeiauSstellllna enthalt auch eine kleine Sondcrausstcllung „Polizei und Judentum". Polizeipräsidium und Staatsarchiv von Frankfurt a. M. stellen Ilrlunden aus über das Leben der Juden in Frankfurt im Mittelalter. Man findet z. B. eine Bcsckuverdc des Papstes über das Wohnen der Juden in der Nähe der St. Bartholvmäuskirche zu Frankfurt im Jahre 146*2! AIso lesen wir: ,.. . . so konnten sie und können sic fortgesetzt de schauen die Gebräuche der christlichen Reliaion, nnc sic geübt werden bei der Bestattung der Toten, bei der Zurschaustellung der Monstranz bei der Messe, bei der Verehrung der Reliquien und bei dem Weihwasser. Auch hören sie die Messe singen, die in dieser Kirche mehrmals gefeiert wird. Dies bringt unserer Religion und Gottesvcrehrnnq Schimpf und Schande, gibt ein verderbliches Beispiel und ist dem christgläubigen Volke ein Acrgcrnis . . ." Das Museum jüdischer Altertümer zu Frankfurt steuert einen Reisepaß des Dichters Ludwig Voerue aus dem Jahre 1833 bei. Das Stadtarchiv stellt einen Senatsbeschluß aus, der den kaiserlichen Befehl zur Verfolgung und Bestrafung der Aufrührer, die die Judcngasse geplündert hoben, bekannt gibt lanno 1614). Die Sammlung Stiebel zeigt eine alte, zuletzt im Jahre 19N4 erneuerte Verordnung, wonach sich die Juden durch ein besonderes Zeichen, den Judenfleck. kenntlich machen mutzten. Ein interessantes Dokument ist ein .LZerkauf der Judenschaft" durch Kaiser Karl im Jahre 1368. Es heißt da: . . Wir haben die bemerkenswerten große» Schäden an der Brücke, die swsschen Frankfurt und Sachsenhausen über Die Entwicklung des deutschen liberalen Judentums. Bericht auf der Londoner Konferenz. Erstattet von R.-A. Heinrich Stern. Die Geschichte des liberalen Judentumin Deutschland ist bedingt durch die Entwicklung der Gemetndeverfassung der deutschen Juden. Bis auf wenige Ausnahmen ist das Judentum in gesetzlichen ZwangSgemeinden geeint, in die jeder Jude hineingeboren ist, so daß in der gleichen Gemeinde Gesetzestreue, Liberale und Zionisten zusammenarbeiten und — wie dies nicht anders möglich ist — auch gegeneinander kämpfen. Es gibt einige wenige , ausgesprochen orthodoxe Deparatgemeinden und eine einzige liberale Sondergemeinde, die Jüdische Reformgemeinde Berlin, die übrigens im Gegensatz zu den orthodoxen Trennung-- gemeinden nicht aus der Gemeinde ausgeschiedeu ist, sondern nur eine Sondergruppe in ihr darstellt. Wenn wir demnach die Entwicklung des liberalen Judentums beurteilen, so müssen wir die religiös-politische (äußere) von der religiösgeistigen (inneren) trennen. Die außenpolitische Entwicklung des Liberalismus in den Gemeinden hat ihre Front im Lause der Jahre völlig verändert. Solange der Zionismus nicht aktiv in die Erscheinung trat, hatte der Liberalismus nur eine Gegenfront, die Orthodoxie. Die religiösen Gegensätze traten namentlich in Kultus- und Tchnlängclcgenheiten hervor, da man von vornherein in den Gemeinden mit liberaler Mehrheit alle gemeinsamen Einrichtungen (Altersheime, Krankenhäuser usw.) auf dem Bvdcu des gesetzestreireu Judentums führte, also Speisegesetze einhielt, strenge Sadbatheiligung durchführte usw. Heute haben sich in den Großgemeinden diese Gegensätzlichkeiten noch mehr beschrankt: denn im allgemeinen ist für das religiöse Bedürfnis jeder Richtung genügend gesorgt: nur hier und da entzünden sich in gewissen praktischen Fragen die Gegensätze, namentlich, wenn die gesetzestreuc Richtung, wie in letzter Zeit, auch bei den gemeinsamen Gemeindeeinrichtnngen die schärfste Auslegung des Konservatismus zur Geltung bringt. Der schärfste praktische Gegensatz besteht heute in der Frage der jüdischen Konfessionsschule. Freilich ist auch dies ein Gegensatz, der nur in Teilen des Reiches ßrcmteub wird, da namentlich in den katholischen Gegenden Deutschlands seit längerer Zeit, jüdische Volksschulen auch von Liberalen gehalten und unterhalten und durch Schulbesuch der Kinder unterstützt werden. Zu erheblichen Verschärfungen in den Gemeinden haben die Gegensätze erst geführt, als der Zionismus, der sich gemeindepolitisch meist als „jüdische Volksparte»" bezeichnet, aus den Plan trat. Zunächst hat sich der Gegensatz äußerlich dadurch geltend gemacht, daß die Zionisten meistens konservativ eingestellte Vertreter in die Gemeindebehörde geschickt haben, mährend die zweifellos vorhandenen liberalen Zionisten nur in höchst seltenen Fällen in die Erscheinung treten. Die Zionisten stimmen grundsätzlich mit den Konservativen stets für deren religiöse Forderungen, und haben z. B. immer eine sehr scharfe Stellung gegen die Berliner Reformgemeinöc eingenommen, obwohl die zionistiscl>e Bewegung an sich in religiöser Beziehung neutral sein will. Der eigentliche Gegensatz zwischen Liberalismus und Zionismus ist in Deutschland nicht nur der geistige Gegensatz zwischen religiösem Nniversalismns und National-Judentum. Dieser ließe sich mit geistigen Waffen ausferhten, wie denn auch die Frage nach der Notwendigkeit eines geistig-religiösen Zentrums in Palästina durch innerjüdischo Auseinandersetzung geklärt werde»; könnte und »»icht zu erheblichen außenpolitischen Kmnpsen zu führen brauche. Für die meisten deutschen Nichtzionisten — und hier handelt es sich keineswegs nur um Liberale, sondern auch um Konservative — ist eine objektive und innerjüdische Wertung des National-Jndentums stark erschlvert durch die Haltung der Zionisten in dem Kainpf der deutschen Juden gegen den Antiseruitismus. Die große I Mehrheit der deutschen Juden steht auf dem Boden des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens wie sie insbesondere von de»»» großen Führer Eugen Fuchs in seinern Lebensmerk niedergelegt »vnrde, d. h„ sie erstrebt eine Slinthese von Deutschtum itnö Judentum int deutschen Juden. Sie steht auf dem Standpunkt, daß. der deutsche Jude nicht nur staatsbürgerlich »rach dem Rechtsstandpunkt ein Glied seines Heiinatstaates ist, sondern daß die deutschen Juden v o l k l i ch mit dein deutschen Volke verbunden, ein deutscher Stamm »vie andere deutsche Stämme sei und daß die jüdische Ge»»»eii»schaft sich lediglich in Abstammung, Geschichte und Religion auörvirkt. Demgegenüber haben die Zionisten in verschiedenen Abstufungen den Standpunkt vertreten, daß sic alle Rechte und Pflichten der Staatsbürger voll übernehrnen, daß sie auch an der deutschen Kultur hängen, daß sie aber als eigenes Volt dem deutschen Volk gegenüberstehen, daß sic nur eine Landsmannschaft des jüdischen Gesamtvolkes seien: cS ist sogar die Theorie aufgetaucht, daß der deutsche Jude zwei Vaterländer, eines in Deutschland den Main führt, wahrgeuommcn, und haben daher zu öffentlichem Nutzen nach reiflicher Uebcrleguna und ans kaiserlicher Machtvollkommenheit den Bürger»ncistern. dem Rate »tnd der Stadt zu Frankfurt die Gnade erwiesen und die Vollmacht gegeben. Juden, männliche und werblicke, in die Stadt zu ziehen, und sich mit ihnen über einen jährlichen Zins zu einigen. Der Uebcrschnß aus dem Zinsertrag soll zur Halite in unsere kaiserliche Ka»nmcr fließen, zur anderen Hälfte z»r»n Nutzen der Frankfurter Brücke verwendet werden . . Ein ausführlicher, durch acht Mlder illustrierter Bericht gilt dein folgenden Geschehnis: Nachdem Frankfurt durch diesen Erlaß Kaiser Karls die Erlanbllis z»»r Ausnahme von Inden in der Stadt erhalten hatte, »vurde die Jlldcnschafr in einer besondere»» Gasse nntcrgebracht. Später erhielt sie die Judengasse als Ghetto zugewiesen. Unzufriedene Handlverksbnrschen drangen anno 1614 in Massen in die Judcngasse ein. plünderten r»nd »nordeten dort unter Führung des deshalb später enthaupteten Bäckers Binzenz Fcttinilrh. Am Tage nach der Plünderung sind die Konstabler eifrig bemüht, die J»»denschaft auf dem Main nach Kelsterbach in Schutzhaft zu bringen, j Knpserstiche zeigen die Ernlvrdung eines dänischcir Hanptmanncs durch einen Inden, die Hinrichtuna eines jüdischen Mörders und die Hinrichtung des Samuel Jud dargestellt. Interessant ist ein Kassiber in hebräischer Schrift ans dem Jahre 1761. Der Jude Schlome hat aus »einen ledernen Hosen ei»» Lcdcrstückchcn heransgerissen, die Schrift mit einem Holzspan cingcgraben und sic darauf in einen Krug, darinnen ihm das Wasser gebracht, getan, mit welchem er den Kassiber ans dein Gefängnis praktizieren »vollte. Der Jude war wegen Falschmünzerei in Untersuchungshaft. An anderer Stelle der Ausstellung sieht man Bilder der ..Indischen Wanderfnriorge". so u. a. die Werkstätten in der j Auguststraße. Der „Jüdische Bahnhofsdienst" in Deutschland ist durch Propagandamoterial vertreten. Das .^Jüdische! Z>uf!uchtsa»nt". Elsässer Straße, zeigt Bilder non der Erj richtung seines Heims. Rudolf Eucken über «Die Protokolle der Weisen von Zion". Den nachstehenden Brief schrieb der berühmte deutsche Philosoph an Benjamin Segel, den Autor des Buches „Die Protokolle der Weifen j non Zion", am IS. August d. I., also kurz vor i seinem Tode. Infolge irriger Adressierung ge- und eines tn Palästina habe, daß er volklick h» Judentum, staatlich tm Deutschtum gebunden fei; radikale Zionisten haben sogar der Oeffentlichkeit erklärt, daß sie in Deutschland sich als Gäste im WirtSvolk und den Aufenthalt in Deutschland nur alS Zwischenstadium. alS das eigentliche Ziel jüdischen Lebens aber Palästina betrachteten. Es soll hier gar nicht näher geprüft werden, ob der Standpunkt des Zentralvereins oder der zionistische Standpunkt der richtige ist, wenn ich auch persönlich nicht anstehe, zu erklären, daß ich aus voller Seele dem ersteren anhänge. Selbst aber, wenn man diese Frage offen läßt, soll hier nur dargestellt werden, daß die Mehrzahl der deutschen Juden in diesem schnurren Kampfe gegen den Judenhaß, der ja immer wieder auf dro Fremdheit der Juden in Deutschland hinweist, es als ern Jn-den-Rücken-Fallen empfindet, wenn jüdische Brüder m der Oeffentlichkeit — wenn auch ans ganz anderen Beweggründen — sich zu Anschauungen bekennen, die dem Judenhaß willkommene Nahrüug bieten. Man verargt es der» Zionisten, daß sie in der Zeit äußerer Gefahr nicht geschwiegen und diese Gegensätze haben ruhen lassen, vielmehr um ihre Weltanschauung durchzusetzen, es auch in den Kauf genommen haben, daß aus iunerjüdischen Auseinandersetzungen der Feind für seinen Kamps gegen das Judentum Waffen hat schmieden können. Das ist der Grund, warum der Kampf gegen die Zionisten in Deutschland so scharfe Formen angenommen hat, viel schärfere, als der Gegensatz innerjüdischer Weltanschauung es au sich bedingen würde. Da heute der Gedanke der jüdischen Gemeinschaft, der Gedanke des „K'lal Jisroel" im Judentum Ge»neing»rt ist — hier aus religiöser, dort auf nationaler Grundlage — so könnte die theoretische Begründung dieser jüdischen Gemeinschaft in friedlichen Anseinandersetzungen geführt werden. Die Schärfe wird hineingetragen dadurch, daß die Front gegen den gemeinsarnen Gegner nicht einheitlich und von einer Minderheit der Mehrheit gegenüber durchbrochen. Trotzdem habe»» in letzter Zeit sowohl liberale wie zionistische Führer dem Bedürfnis nach einer grundsätzlichen Aussprache Ausdruck gegeben, das darauf beruht, daß auch der große Teil liberaler Zionisten in religiösen Dingen feilte Weltanschauung im religiösen Judentum zur Geltung bringen ivill und daß andererseits die Liberalen die lebendigen Kräfte die im Zionismus schlmnmern, zur Ausbreitung ihrer religiösen Richtung nicht nutzlos beiseite liege»» lassen: »vollen. Es ist zu hoffen, daß aus derartigen Aussprachen zwar keine Vertuschung der Gegensätze, aber ein Verständnis II. Die vorgenannten scharfen gemciudepolitischen Gegensätze haben lange Zeit dazu geführt, daß sich der Liberalismus' vieler Liberaler ausschließlich in der Bekämpfung des Zionismus erschöpfte: das um so »»»ehr, als in den letzten Jahren, wie oben erwähnt, schärfere Uebergriffe der Orthodoxie die Liberalen nur selten ans den Plan oeritfett haben. Erst seitdem die Tätigkeit der Vereinigung für das liberale Judentum stärker geworden ist, beginnt man sich auch außerhalb der Kreise der Rabbiner und Lehrer viel muiger mit den geistigen Grundlagen unserer Bewegung zu beschäftigen. So sind eine Reihe liberaler Jugeudvereine entstanden, die abseits von religiös-politischen Kämpfen sich damit beschäftigen, ihre Jugend zur Erkenntnis des Judentums und zur religiösen Betätigung ans liberaler Grundlage zu erziehen. Auch iu den Ortsgruppen der liberalen Vereinigung und in der von ihr herausgegebenen „Jüdisch-liberalen Zeitung" werden neben den jüdisch-politischen Fragen gerade diese geistig-wissenschaftlichen und religiösen Probleme stärker erörtert. Es besteht großes Interesse für die Frage» der Ausgestaltung des Gottesdienstes. Der liberale Gottesdienst ist in Deutschland stark zersplittert. Grundlage ist zwar im allgemeinen das Gebetbuch von Abraham Geiger, daneben das von Joel, jedoch sowohl im hebräischen Text sowie in der deutschen Uebersetznng mit zahlreichen Aenberungen. Allein tn der Hauptgemeinde Berlin bestehen inj fünf liberalen Synagogen drei verschiedene Gebetbücher, die sich durch die mehr oder minder starke Einführung des Deutsche»! in dein Gottesdienst unterscheiden. Es wird daher jetzt nicht nur für die Großgerneinden, sondern auch tunlichst für ganz Deutschland ein liberales Einheitsgebetbnch erstrebt. Hierbei »verdcn stärkere Kürzungen und größere Verdeutschungen notwendig sein, andererseits aber wird von vielen im hebräischen Text die Wiederherstellung der Zionsgebete gefordert, die man aus einem gewissen Rationalismus heraus beseitigt hat. Ein Sonntagsgottesdienst hat sich in Deutschland nur ganz vereinzelt, hauptsächlich in der Berliner Reformgemeinde, gebildet. Die große Mehrheit auch der liberalen Juden wünscht keinen Sonntag-Gottesdienst mit Sabbatritual. Allerdings fordert insbesondere die Jugend die Möglichkeit, auch am Sonntag den Rabbiner im Gottesdienst zu hören. Es wird dccher in einzelnen Gemeinden erwogen, Predigt-GotteSdienste an Sonntagen ine Morgen- oder Minchahgebet etnznführen. Die AnSsichtew derselben sind jedoch gering. langte dieses Schreiben, dem in Hinblick auf die Persönlichkeit des Verfassers und seinen Inhalt besondere Bedeutung zukommt, leider verspätet in die Hände des Adressaten. Als Sie mich im Frühjahr aufforderten, Ihnen mein Urteil über Ihr Buch „Die Protokolle der Weisen vou Zion" zu sagen, antwortete ich Ihnen abschlägig, mit der Begründung, daß mir der Gegenstand fernliege. Die Protokolle kannte ich nicht, aber in meinem Kreise wurden sie vielfach gelesen und stark diskutiert. Mit wenigen Ausnahmen glaubte man allgemein an deren Echtheit und die Existenz einer geheimen jüdischen Weltverschwörung, höchstens daß manche Skeptiker die Sckjilderungen für übertrieben hielten. Aber man sagte sich: etwas wird schon daran sein. Mir persönlich war die ganze Sache überaus widerwärtig. Ich arbeitete gerade über ein Thema, welches weitab von allen diesen unlauteren Diesseitigkeiten lag, und es widerstrebte mir tief, in den Schlamm hinabzu st eigen. Da entlieh ein Freund Ihr Buch von mir. Und als er es zurückbrachte, beredete er mich leidenschaftlich, es zu lesen. Ich tat es, und zwar einige Male hintereinander, und nun danke ich Ihnen für die reiche Belehrung und den Genuß, den Sie »nir bereitet haben. Sie haben mit starker Hand die Nebel zerstreut, die über diesem ganzen wüsten Pfuhl von Lüge, infernalischer Bosheit und stupidem Aberglauben schwebten. Ich kann Ihre Seelenqualen nachfühlen, die Sie bei den unsäglich mühevollen Säuberungöarbeiten in dieser Senkgrube, wie Sie es nenne»», empfinden mußten. Aber das war unerläßlich, und es ist Ihnen vollständig gelungen, den ganzen grauenhaften Wust hinwegzuräumen. Man atmet förmlich erleichtert auf. Ich verstehe, daß Sie durch die» übrigens sehr gelungenen, humoristischen Partien Ihres Buches sich für das Peinvolle und Quälende der Arbeit schadlos hielten. Aber auch dem Leser bereiten diese Partien eine allgemeine Abwechslung und erleichtern die Lektüre erheblich. Am meisten gefielen mir die scharfsinnigen Nachweise der Fälschungen aus dem Text selber, Das Kapitel über die Psychopathologie des Antisemitismus ist ein Meisterwerk. Ich stimme vollständig mit Delbrück überein, daß nach Ihrer kritischen Arbeit diese famosen Dokumente für die Bisseuschaft vollständig erledigt sind. SS wäre bloß dringend zu wünschen, baß die Erledigung in den Kreise» der Wissenschaftler aller Kategorien bekannt werbe, um dem dort stark verbreiteten Aberglauben entgegen - zuwirke». Ich selber habe ja lange halb und halb gezweifelt. und erst Ihr Buch hat mich völlig überzeugt. Ich mache auch in meinen Kreisen dafür nach Kräften Propaganda.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.