Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 42 (15.10.1926)
- Date
- 1926-10-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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MchMerakZeltmL Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle lU jährlich M. 2.50 Linzelnummer 0,20. Bei freier Zusendung i. Inland 0.25 kür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: im Mitgliedsbeitrage enthalten. :: - :: Verantwort!. Redakteur.- Bruno Doyda. vis »,Iüdisch-UdsraIs Ssilung" erscheint jeven §reitag. Redaktion u. Sefchättsflslie: verlln SW. Wllhelmstc. 147. Sernrttf: ISafenheldo 3358, 3359 Poftfd)echfconto: Berlin N WZ ilr.lS7009 (Vereinigung für da» liberale Judentum Nachdruck ffimtllcfyer Original-Beiträge nur mit vorbcfftger Genehmigung der Redaktion geftattet. Anzeigenpreise: Die 12 gespaltene 'Nonpareillezeile 0,45 Goldmark, die Rrklamezeile 3.00 Goldmark, bei :: :: :: Wiederholungen Rabatt. :: u u Anzeigenanna time: ..Jüdisch - liberale Zeitung- Inseratenabteilung: Berlin SW 48. Wilhelmstraße 147 (Hasenheide: 3358—30). sowie sämtl. Annoncen-Exped. Nr. 42 Berlin, 15. Oktober 1926 6. Jahrgang * Der Ursprung Israels. Ban Tr. Jako b I r o m e r. Wenn wir die fast viertausendjährige Geschichte der Juden übersehen, so finden wir, daß sie eigentlich sich niemals selbst überlassen, sondern stets dem Einfluß fremder Völker ausgesetzt waren. Tie Hetiter, bei denen die Patriarchen in Kanaan gewohnt haben, die Aegypter, Kanaaniter. Philister, Assyrer, Babylonier, Perser, Griechen, Römer, die christliche und islamische Welt, sic alle haben intensiv an der jüdischen Individualität hernmgcarbeitet. sie zu fassen, zu bändigen, An zähmen und in ihre Bahnen zu leiten gesucht. Und ihre Bemühungen schienen auch von Erfolg gekrönt. Mit Fleiß und Geschick traten die Inden au die fremden Kulturen heran und machten sie sich zu eigen. Aber wie wunderbar! Sv oft sic im Begriffe waren, ihre Eigenart auszngeücn und in die Straße der Völler hineinzmnünden, machten sic plötzlich eine Wendung und bogen seitwärts ab. Und diese AssimilationSarbeit mußte wieder von neuem begonnen werden. Woher diese sonderbare Neigung? Welche Kräfte haben diese in der Geschichte der Menschheit beispiellos dastehende Erscheinung hervorgebracht? Das sind alles Fragen, die wir niemals beantworten können. Wir haben es eben hier mit einer ausgeprägten Individualität zu tun, die sich nie erklären, das heißt aus bestimmten Ursachen ableiten, sondern sich nur wahrnehmcn läßt. Von den T.nicuSkRtcn im Norden, dem Euphrat und dem erfischen Meere im Osten, dem Arabischen Meerbusen im üben und dem Roten Meere im Westen umgrenzt, liegt die Wüste, die syrisch-arabisch genannt wird. Von der jenseits der Sinai-Halbinsel liegenden Sahara unterscheidet sie sich durch ein milderes Klima und zahlreiche Oasen und Weideplätze, die es dem Wüstensohne möglich machen, durch! Viehzucht sein Leben zu fristen. Freilich, allzu üppig und reichhaltig sind die Weideplätze nicht. Bei der versengenden Glut der Wüstensonue kann selbst unter dem Schatten der hier und da auftanchenden Hügel die Vegetation nur spärlich gedeihen. So ist der Wüstensohn gezwungen, nach kurzer Rast immer uou neuem sein Zelt abzubrechen und in die Ferne zu ziehen, um nach neuer Weide zu spähen. Das stete Hernmschwcifen in der laut- und leblosen Einöde stimmt ihn ernst und düster. Bei dem gänzlichen Mangel an körperlicher Arbeit, Geselligkeit und sonstigen Zerstreuungen ist er stets in sich gekehrt und grübelt über den Daseinszweck und den Weltplan. Das einzige, was seinen Blick in der endlosen Wüste zu fesseln vermag, ist der nächtliche Himmel. Wenn die lästige, nur Oual und Ungemach bringende Lonne endlich untergcgangen und kühle Schatten den ermatteten Wüstensohn umfangen, dann hebt er die Angen gen Himmel und versenkt sich in die Betrachtung des endlosen Sternenmeers. Durch stete und scharfe Beobachtung lernt er die einzelnen Sterne voneinander unterscheiden, erspäht er ihre Bahn und die Gesetze ihres Laufs und tritt zu ihnen in traute, freundschaftliche Beziehungen. Am mächtigsten suhlt er sich dem Monde hingczogen. Dieser grüßte, hellste nächtliche Himmelskörper, der ihn ans seiner Wanderung m der kühlen Nacht als ein treuer, schützender Begleiter wochenlang voranleuchlet, um daun plötzlich für einige Zeit zu verschwinden: ihn begrüßt er, so oft er wiedererscheint, mit inbrünstiger Freude und Dankbarkeit als seinen Freund, seinen Genius, seinen Gott. Aber der naive Sinn des Wüstcnsohnes findet in dieser fernen und milden Gottheit nicht volle Befriedigung. Er braucht ein nahes, greifbares und vor allem furchterregendes Wesen. Dieses Wesen offenbart sich ihm in dem sich entladenden Gewitter, da krachendes Getöse die Lust erschüttert und zuckende Strahlen seine Sinne betäuben und lähmen. Wenn Aic grollende Gottheit sich wieder besänftigt hat, erscheint sie ihm in schillernder Farbenpracht am Horizonte und nickt dem zu Tode Erschrockenen freundlich zu. Dr.'r Sitz dieser Gottheit verlegten die in der Umgebung der Sinai-Halbinsel hernmziehenderl Nomaden ans einen Berg dieser Halbinsel, der Sinai oder Horeb genannt wurde, und der, wie die Berichterstatter bis auf die Gegenwart übereinstimmend bezeugen, von Gewitterentladungcn fortwährend heimgesucht wird. Der Name dieser Gottheit mar Jahve oder Jehova, das ist dev im Gewitter erscheinende oder der wehende und zuckende Gott. DaS ist der Boden, auf dem der Charakter der Hebräer sich entwickelt, befestigt hat und zu einer für unabsehbare Zeit unzerstörbaren Individualität geworden ist. Nach der Darstellung deS Pentateuchs hat die Geschichte der Hebräer seit dem Ursprünge bis auf ihre Einwanderung i nach Kanaan folgenden Verlauf genommen: Gott spricht! zn Abraham: „Ziehe hinaus aus dem Laude deiner Väter , und deiner Geburtsstadt in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich will dich machen zu einem großen Volke und! dich segnen und durch dich sollen geicgnet werden alle Völker der Erde." Nach langem Herninziehen läßt er sich endlich! in Kanaan nieder. Hier erscheint ihm Gott und sagt: „Ich! bin Jehova, der dich auS Ur, der Ehaldäerstadt, hin,insi geführt hat, um dir dieses Land zu Besitze zu geben. Aber wisse, daß deine Kinder in einem fremden Lande sich aufhalten werden, und man wird sie dienstbar machen und peinigen vierhundert Jahre lang. Dann sollen sie auSziehen mit großem Vermögen und dieses Land in Besitz nehmen." Alles läuft dann so ziemlich programmgemäß ab. Die Urenkel Abrahams, die Kinder Jakobs, ziehen von Kanaan nach Aegypten, lassen sich dort nieder, geraten in Abhängigkeit, werden dienstbar gemacht und gepeinigt. Nach 430 Jahren, also doch mit dreißig Jahren Verspätung, ziehen sie ans Aegypten mit großem Vermögen. Zur Ausführung des wichtigsten ProgvammpunktcS, die Israeliten zu einem hochacpriesenen Volke zu machen, mit dem alle Volker der Erde sich segnen sollen, mußten sie, bevor sie in daS verheißene Land einzogen, vierzig Jahre lang in der Wüste bleiben. Als Pensionäre GotteS sorgenfrei lebend, wurden sie hier während dieser Zeit von Gott durch MoseS für ihren künftigen Beruf vorbereitet. Der Unterricht war sehr nachdrücklich und streng. Da, wo es die Wichtigkeit der Sache erforderte, trat Gott hervor und leitete in eigener Person den Unterricht. Sonst ließ er sich durch Moses vertreten, der stets die Zuchtrute seines Herrn zur Hand hatte, um die Unaufmerksamen und Unbotmäßigen zu bestrafen. „Und gedenke des Weges, sagt der Pentatenchist, den dich Jehova 40 Jahre in der Wüste geführt hat, um dich zn demütigen und zu prüfen und zu erfahren, was ün deinem Herzen wäre, ob du seine Gebote halten würdest oder nicht. Er speiste dich mit dem Manna, deine Kleider sind nicht veraltet an dir, deine Füße sind nicht geschwollen diese vierzig Jahre. Und wisse, daß Jehova dich gezogen hat, wie ein Mann seinen Sohn zieht." Wer diese Erzählungen aufmerksam liest, wird finden, daß sie eigentlich nur für Menschen geschrieben sind, die an einen persönlichen Gott glauben, der mit Abraham tatsächlich so gesprochen habe, wie hier erzählt wird, und später sich wirklich auf dem Berge Sinai offenbart und die beschriebenen Wunder vollbracht habe. Wer aber an alle diese Dinge nicht glaubt und die Vorgänge dieser Erzählungen aus natürlichem Wege zu erklären sucht, der wird das Ganze höchst unwahrscheinlich, wenn nicht ganz unmöglich finden. Es ist unwahrscheinlich, daß ein einzelner aus einer Sippe plötzlich hcraustritt mit dem Vorsätze, eine Nation zu gründen — und zwar nach einem bestimmten Programm. Noch unwahrscheinlicher ist eS, daß ein solches Programm im Laufe der Zeit sich so ganz verwirklicht. Unwahrscheinlich ist es, daß die siebzig Hebräer, die nach Aegypten gekommen sein sollen, im Lause von vierhundert Jahren zu sechsmal hunderttausend Kriegern, also etwa drei Millionen Menschen, angewachsen sein sollten. Geradezu unmöglich ist es, daß eine io starke Bevölkerung im Lande Gosen, wie es der Pentateuch ausdrücklich bezeugt, gewohnt haben sollten. Wir missen setzt, daß dieser Landstrich kaum einige tausend Menschen zu fassen imstande ist. Unmöglich erscheint cs, daß drei Millionen Menschen als kompakte Masse vierzig Jahre lang in einer Wüste sich zn erhalten vermocht hätten. Ter Pentateuch erzählt zwar, daß sie diese ganze Zeit hindurch durch daS Manna gespeist worden sein. Aber diese Erzählung ist wohl ebenso sagenhaft wie die Erzählung, daß Gott daS Meer vor den Israeliten gespalten, daß er sich ihnen ans dem Berge Sinai offenbart habe. Unmöglich erscheint cs endlich, daß den Inden in der Wüste alle Gesetze und Einrichtungen mitgcteilt worden seien, die, wie mir ans den jüdischen Geschichtsbüchern sehen, bis zur Auflösung des israelitischen und jüdischen Reiches dem Volke wenig bekannt waren. Aber so unwahrscheinlich diese Erzählungen im Ganzen erscheinen, lassen sich doch aus ihnen folgende Züge als echt iuiö wahr hcranögreifen, daß die Hebräer: 1. einst in Mesopotamien gewohnt haben, 2. später in der Wüste, ungefähr zwischen dem Toten Meere, der Sinai-Halbinsel und dem Lande Gosen an der Nordostmark Aegyptens, als Viehhirten herumgezogen sind, 3. unrer ägyptische Botmäßigkeit geraten, 4. endlich nach .Kanaan eingewandert sind. Durch Keilschriftenbcrichte und manche durchaus glanbwiirüig erscheinende biblische Notizen sirtd wir jetzt in der Lage, uns den Hergang folgendermaßen zu konstruieren: Im fünften vorchristlichen Jahrtausend sind semitische Stämme ans der syrisch-arabischen Wüste nach Mesopotamien «Angewandcrt. Während cS ihnen im Norden, dem späteren Assyrien,^bald gelungen ist. festen Fuß zu fassen, konnten sie sich im Süden, dem späteren Babylonien oder Chaldäa. lange Zeit gegen die Ureinwohner nicht behaupten. Unter diesem Drittle scheinen einige Stämme, die sich später Hebräer nannten, die Rückwanderiil'g angetreten zu haben.' Aber die eitnnal in den Nomaden erwachte Sehnsucht nach Seßhaftigkeit und Kultur war nicht mehr znrückzudrängcn. Man suchte nunmehr nach einem anderen Lande, dessen Einwohner weniger standhaft und dessen Boden einen verlockenden Ertrag verhieß. Als ein solches Land erschien ihnen Kanaan. Nur in losem Zusammenhänge mit den damaligen Weltmächten Assyrien und Aegypten stehend, im Osten von der Wüste, im Westen von dem Meere umgrenzt, erschien dieses Land den Nomaden als eine Art Freigut, nach dem man nur die Hand auszustrecken, brauchte. Aber sie scheinen sich in dieser Annahme getäuscht zu haben. AlS Gott Abraham verkündet, daß er seinen Nachkommen daS Land erst nach ‘ino Jahren geben werde, fügte er auasi als Entschuldigung die Bemerkung hinzu, „denn noch ist das Snndenmaß der Einwohner dieses Landes nicht voll". Wir wurden in diesem Falle sagen: „Noch sind wir den Leuten nicht gewachsen." Wir hören in der Folge, daß einzelne Hebräerstämme sich abgezweigt und seßhaft gemacht haben: Jsrnael im Süden, Edvm oder Esau im Westen, Ammon und Moab im Norden der Wüste. Die Israeliten lassen sich im Nordosten Aegyptens und hart an der Sinai-Halbinsel in'dem-Landstriche Gosen nieder, wo sie in den Tagen der Hungersnot rerchliche Weide für ihre Herden finden. In der Abhängigkeit von den Acgyptern, in die sie dann geraten stnd. scheuten ste noch weiter als Biehhirtcn gelebt ztt haben: das geht ichou aus der Tatsache hervor, daß bald nach dem AuSznge aus Aegypten mehrere israelitische Stämme sich abzweigcn und sich ganz der Viehzucht widmen. Ten besten Beweis, daß sic orte, der Sinai-Halbinsel, standert und noch immer ztr denr Gewittergvtte auf jenem heiligen Berge sich hingezogcir fühlten. Als die Israeliten von Pharao die Erlaubnis erhalten wollten, ans Aegypten zu ziehen, siig.teil. ste ihm, Jehova hätte sie zu einem Feste am Berge tomat geladen, und sic müßten vor ihm mit allen ihren Herden erjchetnen. Unter welchen Umständen diese Halbnomaden sich von detc Aegyptcrn befreit und was sie seither bis zu der Eroberung Kanaans erlebt haben, darüber wissen nur bis jetzt noch nichts Zuverlässiges, trotz der ausführlichen, Berichte, die uns der Pentateuch hierüber gibt. Soviel steht feit, daß gegen die Mitte des 14. vorchristlichen Jahrhunderts die Israeliten in Kanaan eingedrnngcn sind und das Land nach und nach erobert haben. „ .. Wenn mau von dem nördlichen Teile der inrnch-arabischen Wüste nach dem Westen gegen die Mittelmeerküste zieht, wird man plötzlich von einem Szenenwechsel, wie ihn die Phantasie sich kaum ausmalen kann, überrascht. Unvermittelt schneidet die Wüste ab, und ein seltsames Panorama eröffnet sich dem Auge. Flüsse und Seen, von zackigen Felsen hinabstnrzend, um dann aus tiefen Schluchten sich,hinauszuwinden, himmelrageude Berge mit schneeigen Gipfeln, sruchtbeladene Hügel und Täler lösen einander in seltener Farbenpracht ab. In seiner überschwenglichen Art pflegt der Nomade,, wenn er von der Fruchtbarkeit dieses Erdstrichs spricht, zu sagen, das sei ein Land, wo Milch und Honig fließe. Nüchterner und sachgemäßer drückt sich der Pentateuch aus, wenn er sagt: „Es ist ein Land, wo Bäche, Brunnen und Seen an den Bergen und Auen fließen, ein Land, wo Weizen, Gerste, Weinstöcke, Feigenbäume und Granatäpfel sind, ein Land, wo Oelbäume und Honig sind." Nicht minder groß wie der Kontrast zwischen diesem Lande und der Wüste ist der Gegensatz zwischen dem Nomaden und dem Kanaaniter. Seiner Arbeit fleißig obliegend, hat der Landmann weder Gelegenheit noch Muße, sich wie der Wüstensohn in düstere Grübeleien zu verlieren. Eine segensreiche, freundliche Natnr stimmt ihn heiter und gesellig. Der Wohlstand erzeugt eine üppige, leichtfertige Lebensweise. Man reiche, freundliche Natur stimmt ihn heiter und gesellig. Man lebt und genießt in der Gegenwart und kümmert sich wenig um die Zukunft. Wenn der Frühling erwacht und Berg nnd Tal ihren Blntcnschmnck anlcgen, wenn das Getreide geerntet und Wein nnd Most glücklich in Keller und Tennen geschafft sind, dann kommt man zusammen ztl fröhlichem Gelage, und unter Sang und Tanz wird den Göttern Dank imd Opfer dargcbracht für die gespendeten Gaben. Sv beschaffen war das Land, in das die israelitischen Nomaden eingcdrungcn sind: so beschaffen waren die Einwohner, die sie nach langwierigen Kämpfen unterjocht und ausgesogen haben. Aber stärker als die Einwohner dieses Landes erwies sich doch ihre Kultur. Und wir werden sehen, daß die ganze innere israelitische und jüdische Geschichte seit der Einwanderung bis zur Zerstörung des Reiches aus einem fortwährenden erfolglosen Kampf gegen diese Kiiltur besteht. Wenn man die altbiblischen Sitten, Gebräuche und Feste näher prüft, wird man finden, daß sie nur auf kanaanitischem Boden entstanden sein müssen ilnd mit den alten israelitischen Traditionen nichts zu tun haben. Das Passahfest, dem später eine historische Bedentinig beigelcgt wurde, war ursprünglich bei den Israeliten tiichts anderes als das kanaanitische FrühlingSfest. Das Pfingstiind daS Laubhüttenfest wurden in der Bibel stets mir als Erstlingsnnd das Erntefest genaniit. Das Neujahrsnnd Versöhnnngssest ist nachweislich erst in der spätbiblischen Zeit entstanden. An dem Tage, an welchem später dieses so düstere Versöhnnngssest gefeiert wurde, pflegte, einer alttalmudischen Sage zufolge, die israelitische Jugend die Weinberge anszusuchen und dort einen Reigen und Minnctanz unter Sang und Spiel aufznführen. Es vollzog sich überhaupt eine vollständige Uinwanüluug in dem Charakter Israels. Ter grübelnde, erliste und den Lebensfreuden abgeneigte Nomade wurde unter dem Einfluß einer freundlichen Natur froh und heiter, und die Einfachheit nnd Reinheit der Sitten wich bald einer üppigen, leichtsinnigen Lebensweise. Mit der Annahme der kanaanitischen Kultur tritt er auch zn ihren Göttern in mannigfache Beziehungen. Die Sonne, die er in der Wüste als eine feindliche Macht kennen und fürchten gelernt hat, erscheint ihm jetzt als eine segenspcndcnde Gottheit, der er freudig Dank und Opfer darbringt. Auch den srendebringendcu Wcingott lernt er schätzen und ehren und feiert ihm Feste nach Art der griechischen Dionysien. Wohl lebte in ihm noch die Erinnerung an den Gott der Väter, jenen Wüstengott Jehova, der auf dem Sinai thront und ihm in Donner und Blitz zu erscheinen pflegte. Aber seine Beziehungen zu ihm sind gelockert, und was ihn noch an jenen Gott fesselt, ist das Gefühl, das wir heutzutage Pietät nennen würden. Im praktischen Leben