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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-10-08 · 41 (8.10.1926) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
41 (8.10.1926)
Date
1926-10-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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« (DenkmalfrieLhos.) Am Sonntag, dem i'Pa ,fr' cine etgenartrge Feier in Mainz statt. Mehr- "lan in den letzten Jahren bei AufräumungS- ^^en Grabstemc mit hebräischer Inschrift gefunden, die X ^Eerne aus dem alten Friedhof der jüdischen Gemeinde erwiesen. der bis zu einer vorübergehenden Vertreibung der Jirderl aus Mainz im Mittelalter iu Gebrauch gewesen mar. Die Grabsteine waren dann in wilden Zeiten gewaltsam entfernt worden und zu allerhand Bauzwecken verwandt morden. Tie in neuester Zeit aufgesundenen Steine waren sämtlich im städtischen Museum ausbewahrt worden. derzeitigen ^kabbiner der Mainzer Gemeinde. Dr. Levi, ggiang es nun. durch Grabungen den strikten Nachweis zu fuhren, das; ecu bestimmtes, gegenwärtig wieder im Besitz der Gemeinde befindliches Gelände der alte indische Friedhof. ^Jlldensaud" in den mittelalterlichen Quellen genannt, sei. Tai'anfhiu beschloß die Gemeindeverwaltung, nachdem die Stadtverwaltung der Gemeinde die alten Steine wieder /icherlassen hatte, jenes Gelände als Denkmalfrieöhof herzurichten. und hellte die Stowe nach jahrhundertelangem Cntferniseiu wieder ans demselben Gelände auf. ans dem sie 'einstmals gestanden hakten. Es sind im Ganzen 188 Steine. Drunter solche, die einstens die Grabstätte hochberühmter Männer bezeichnet hatten. Einer ist, wenn auch nicht mit Sicherheit. so doch mit Wahrscheinlichkeit. als der Grabstein des R. Gerschom ben Jchndah wiederentdeckt worden, des Mannes, der im 10. Jahrhundert die berülnnten Anordnungen erlassen Hai, die z. T. noch heut in Kraft und Geltung sind. Ein besonders gut erhaltener Stein trägt die Inschrift: „Raüban Meichullam, Sohn des Ilabban Rabbi KahuymuS"; er ist undatiert, stand einstens an der Grabstätte eines im Ist. Jahrhundert lebenden Gliedes der berühmten Kahnymidercsamilie. Wiederentdeck wurde der Grabstein des R. Jakob bar Jalar, des Lehrers Rafchis. Zu der Einweihnngsfeier hatte sich eine Anzahl Vertreter hessischer Gemeinden eingefundeu. die katholische und evangelische Geistlichkeit war erschienen und vor den Versammelten gab Herr Nabb. Dr. Levi einen Abritz der Geschichte der Wieüeranfsiirduug der Steine und des Geländes. Er reihte daran an eine Darstellung der Geschichte der alten Mainzer Gemeinde in knappsten Zügen und zeigte, wie die Geschichte der Mainzer Gemeinde zugleich ein Stück ältester Geschichte der Juden in Deutschland ist. Feier und Rede hinterlietzen einen tiefen Eindruck bei allen Erschienenen. In einem Hefte „Beiträge zur Geschichte der ältesten jüdischen Grabsteine in Mainz" hat Herr Rabb. Tr. Levi-Mainz das gesamte Material übersichtlich znsammengetragen. Mannheim. sB ersetz nug.l Unter außerordentlich zahlreicher Beteiligung aller hiesigen Kreise wurden gestern die sterblichen Reste des am vergangenen Sonntag ans einer Autofahrt zwischen Bad Dürkheim urrü Friedelsheim uerunglückien Ingenieurs Paul Ludwig Künstler der einzige Sohn des Schuhgrvtzisteu W. Künstler. Tullastratze. auf dem hiesigen israelitischen Friedhof beigeietzt. Rabbiner Dr. Oppenheim gab ein Lebensbild des Verstorbenen, der sich bei Ausbruch des Krieges als Freiwilliger gemeldet halte, spater als Fliegerosfizier im Luftkamps io oft dem Tode ins Auge schaute und nun ans so tragische Weise im Frieden enden mutzte. Er war ein allzeit tapferer Held, dem es ml Auszeichnungen nicht sohlte. Sein Charakter und seine Beliebtheit spiegelte sich auch in den zahlreichen Kundgebungen. Es sprachen an seiner Bahre der Chefarzt seines ehemaligen Truppenteils der Marineflugstreitkräfte. Vertreter des Badisch-pfälzischen Luslsahrvereins. des Bundes jüdischer Frontsoldaten, einer Freimaurerloge, der er angehört hatte. Die KuliuSgcmeinde Bad Dürkheim liest letzte Grütze übcrbringen, am erschütterndsten wirkten die Hb.s.chiedsworte seines Jngendfrcundes Walter Löb. des ehemaligen Präsidenten der Thüringischen Staatsbank. Biele .Kränze deckten das Grab des so früh verstorbenen wackeren Sppeln. tB e r b a n 0 o er Rabbiner Ober- , ch l e s i e n sz Die beiden letzten Berbandsversammlungen fanden in Gleiwitz und Hmdeubnrg statt. Der Vorsitzende, Kollege Braunschweiger-Oppeln begrüßte die neuen^ antzerordentlichen Verbandsmitglieder Kollegen Biktor-Hindenbnrg uiid die Amlsbrnder aus Ostoberschlesien, Lewin- Kattowitz und Kohlberg-Darnvmitz. Die Verhandlungen beschäftigen sich insbesondere mit den rabbinerloscn Gemeinden. in denen nunmehr überall für Religionsunterricht und Schellstlah gesorgt ist. Bei den regelmätzig stattfindenden Besuchen durch die zuständigen Rabbiner wird durch letztere gewöhnlich ein Vortrag oder eine Predig» gehakten. Bei den 700-Jabrfeiern der Städte Zülz und Kieferslädtel. in denen einst blühende Jngenbgemeinden bestanden hatten, mar unser Rabbinerverband offiziell vertreten durch die Kollegen Ellguther-Neitzc und Ochs- Glerwitz. die Festprediglen und offizielle Ansprachen hielten. Bei dem nunmehr beschlossenen Normalstatut für die oberschlesischen Gemeinden sind zwar leider nicht alle Wünsche und Anregungen des RablstnerverbandeS berücksichtigt worden, aber doch wichtige und bedeutungsvolle Beschllüsse erreicht worden, wie die Zugehörigkeit des Gemcinderabbiners zum Vorstände. Ter Vorsitzende berichtete über die Ausschußsrtzung des allgeineinen Rabbinerverbandes und anschließend fand eine rege Aussprache über das Jugendwohlsahrtsgesetz und seine Answiriungen im jüdischen Gemeindeleben und in der Berufstätigkeit des Rabbiners, sowie über die Schellsttahgcgnerischcn Bestrebungen statt. Kollege Katz berichtete über die reibungslose und segensreiche Zusammenarbeit unseres Verbandes mit dem oberschlesischen Gemeindebnnd. — Zur Palastu:aarbeit faßte der Verband eine Resolution, dahingehend: „Bei aller selbstverständlichen Liebe zu Heimat und Vaterland und bei aller nnentziehbaren Hingabe an den Dienst für Heimat und Vaterland, ist das heilige Land, das Land göttlicher Verheißungen, eilte heilige, gottgeivollte Angelegenheit des gesamten, also auch des deutschen Judentums." Eilt Antrag auf eine dementsprechcnde Kundgebung wurde dem Vorstand des Verbandes der Rabbiner Deutschlands weckergegeben. Eine Beteiligung an dem Deutschen Rab'oinerhain stes Keren Kaiemeth 'wurde beschlossen inid eine Anzahl Bäume gestiftet, entsprechend der durch freiwillige Beiträge der Kollegen ansznbringenden Summe. — Bei der letzten Sitzung, die am Chanl-bamaned Snktaus stattfand, wurde mit tiesstcrn Bedauern festgestellt, daß in viele» Gemeinden an den letzten Jomim naurvim die Ehrfurcht vor diesem geheiligten Tagen durch vorzeitiges Oeffnen der Geschäfte verletzt wurde, ein Zeichen religiösen Verfalls und Niedergangs. der selbst vor diesen Heiligtümern nicht Halt macht. — An Referaten wurden folgende gehalten: Kollege Krengel-Ratibor berichtete an der Hand des Werkes „Pon Gcntiles" von Maurice Samuel über amerikanisches Judentum. Kollege Golinsii-Deuthen hielt ein Referat über die neuesten TeutnnqSversnche des „Gottesknechtes" bei Jesaja, Kollege OchS-Gleinsttz und Kaay-Hindenburg gaben talmndische Referate über Stellen aus Temurah und Nedarim. — Kollege Kaatz behandelte ferner ein Responsnm des Gaon Saadja, welches von M. Hildesheimer mit großem Scharfsinn aus verschiedenen Bruchstücken rekonstruiert wurde- Er knüpfte daran eine Hypothese, die er näher begründete, wonach dieses Responsnm ein wichtiges historisches Dokument darstelle und den Gegenstand des Rechtsstreites zwischen Saadja und dem Erilarcken David ben L-akkac gebildet habe - An der Hand des, halachischen Werkes von Dr. Hoffman» „Melamed Leboil" referierte Melchwr- Beüthen über cstniae religwnsaesetzliche Fragen — An alle Referate schloß sich eine lebhafte und eingehende Aussprache an. — Wiedergewählt wurde alS Vorsitzender Kollege Braunschweiger-Ovpeln, alS Stellvertreter Ellguther-Neitze. Rothenburg. sPenfionieruna von Lehrer Hofmann.) Nach fünfzigjähriger Tätigkeit im Dienste der Jugenderziehung und religiöser Unterweisung hat Leyrer M. Hofmann sein Amt als Beamter der hiesigen Gemeinde niedergelegt. um in den wohlverdienten Ruhestand zu treten. In stimmungsvoller Abschieüsfeier trat die Verehrung der Gemeinde, die ihren scheidenden Beamten zum Ehrenmitgliede ernannte, deutlich zutage. Außer der religiösen Feier in der Synagoge fand am Abend im größeren Kreise eine festliche Zusammenkunft statt, die durch Ansprachen, musikaltche Darbietungen und Deklamationen verschönt wurde. Der Grundton aller Darbietungen war die Liebe zum geschätzten Lehrer, dessen Scheiden Gefühle der Wehmut und Trauer auslöste. Der Vorsitzende Th. Mann gedachte in ehrenden Worten der treuen Dienste des langjährigen Jugenderziehers und überreichte die Urkunde der Ehrenmitgliedschaft: auch die Vorsitzende des Frauenvereins, Frau Löwenthal, widmete dem um die Entwicklung des Vereins verdienten Schriftführer und Kassierer freundliche Worte und übergab als Abschiedsgeschenk des Frauenvereins eine schön auSgefiihrte Radierung. Schüler und Schülerinnen nahmen in Ansprachen und Gedichten von ihrem allseits verehrten Lehrer herzlichen Abschied. und in schlichten Worten der Rührung und Wehmut dankte Lehrer Hofmann für die ihm bereiteten Ehrungen. Der zum Nachfolger bestimmte Lehrer Liffgens war an demselben Tage in sein Amt cingeführt worden. Schueidemühl. sB e z i r k S v e r b a n d der jüdischen Gemeinden der Grenzmark.) Am 3. Oktober tagte der Ausschuß des BerbaudcS der jüdischen Gemeinden der Grenzmark in Jastrow. Neben wichtigen Fragen, die dort eingehend erörtert wurden, wurden auch die Grundsätze für den Verband festgelegt. Aus diesen ist zu entnehmen, daß der Verband ein Zusammenschluß der jüdischen Gemeinden der Grenzmark ist — auch Gemeinden der unmittelbaren Nachbarschaft können als Mitglieder beitreten —, zur religiösen Versorgung und zur gemeinsamen Besprechung und Vertretung aller Gemetndeintercssen. Die Geschäfte des Verbandes werden durch einen Ausschuß von sieben Mitgliedern geführt, von denen höchstens drei in Schneidemühl wohnen dürfeir. Der Rabbiner der Gemeinde Schneidemühl übernimmt die Funktionen des Bezirksrabbincrs in den zum Verbände gehörigen Gemeinden. Die Funktionen des Bezirksrabviners bestehen in der religiösen Versorgung der Gemeinden durch Predigten oder Vorträge, in der Beaufsichtigung des Religionsunterrichts sowie der Begutachtung aller religiösen Institutionen der Verbandsgemeinden. Die -.ur Bestreitung der durch die Verwaltung entstehenden Kosten werden von den Berbandsgemeinden teilweise getragen. und der Verband kos-t. da ein großer Teil seiner Mitglieder nur wenig leistungsfähig ist. vom Landesverband Preußischer (Gemeinden einen namhaiten Zuschuß zu erhalten. Wie«. sV oi( der jüdischen Wisien» ch a? ist ' In Wien hat sich auf Initiative der Herren Tr. Rndvls Glanz. Dr. Alfred Landau und Bibliothekar Dr. Bernhard. Aachstein ein Arbeitskomitec für das Jüdische Wissenschaftliche I Institut gebildet und ein reiches ArbeUsprogramm ans-! gestellt. das die Sammlung und Bearbeitung der iüdtz "cn I Knlturdoknmente in Oesterreich, Burgenlaud Tsthechoslvmakck und Karpathornßland umfaß!. Woisratshausen. sB d u der jüdischen wlrtschasc - l i ch e it F raue tt j ch u l e.j Wir werden uin Beröfseui - lichnng nachstehender Mitteilnng geoe-?'! Die Wirtschaftliche Frauenichule in Wolsratshausen bei! München, die stic Ostern erö'ß'ec ist. bnr - r i I zu tüchtigen Hausfrauen heran und gibt ihnen die Grundlage zum Wirtschafts-, Sozial- und Lehrberuf. Es wird theoretischer und praktischer Unterricht in Haushalt, Küche, Garten mt* Gestirnes',nM gegeben. 'HZsrotS!mn;>" gst die erste indische wirtschaftliche Frauenschule auf dem Lande, in Deutschland und richtet sich in seinem Arbeitsvrogramm nach staalftch vorgeschricbenen Lehrplänen. Der Ausbiiduugskursus ist zur Zeit einiährig. Aiii die'-'r ' insäbr'oen iVir-undlage wird dann die weitere Berufsausbildnug ausgebaut. Wir uracheu aber besonders oaraus aufmerksam, daß wir in diesem ersten Jahre ganz ausnahmsweise noch einige Halbjahrsichülerinnen anftrebmen. Dieses ist eine Gelegenheit für solche jungen Mädchen, die eine anderweitige Berufs- > ausbildung Vorhaben sich in krrr.rer Z»i' durch di" v"'»h-^ \ dische Schularbeit doch verhältnismäßia reiche wirtschaftliche Kenntnisse anzueignen. die ja schließlich für jedes Mädchen wichtig sind. Die Schule wird in jüdischem Gerste streng rituell geführt. Ihre Lage ist landschaftlich schön und gesundheitlich günstig. Prospekte sind durch die Leitung der Schule zu bestehen. Spredtsaal r || | Nachklän^e. i Bon Hedwig R i e s I Dcc große Zeit der Festtage ist vorüber. Die Tempel I waren gefüllt. Juden, die üch ihres Judentums und seines großen. Inhalts im Alltagsleben kaum noch bewilßt waren, wurden von dem Zauber dieser Tage, non der Tiefe ihres Wesens erfaßt und verließen das Gotteshaus, bewußt oder unbewußt, abtjüdisch. thora-erfüllt. lind dabei ist es aleichgültig, ob nur Pietät oder eigenes, inneres Bedürfnis, ob nur das Blut oder der Geist sic hineinriß iu diese einzigaiftge Gefühls- und Gedankenwelt. Ja. auch Gedankenwelt' Nachdenken über das jedes Jahr Ncu-Erlebte, über den Inhalt des Vernommenen erhöht und adelt das religiöse Fühlen dieser Tage. Darum ist cs verdienstvoll,, den Andächtigen eine g'.ne Auslegung der Ribclwortc in Gestalt von Predigt und deutscher Thora- Vorlesung zu geben Nus meiner eigenen Erfahrung kann ich den Wert dieses Teils des tzlottesdienstes nidif hoch genug i-era»ichlagen Es sollte in allen Betbansern der Thvra-Abschnitt deS Tages deutsch vorgelesen werden. Denn es missen sa so wenige welche ,m . rmcßlichen Schätze, welch ante Geleitsatzungen darin enthalten sind, wissen so wcniac. daß dort, außer den zehn Geboten, die bereits der ganzen Rterlschheit gehören, und außer den Hunderten uon Vorschriften über das äußerliche Leben des Juden, über den Opferdienst und anderes mehr, alles, aber auch alles enthalten ist. was der au führenden und zu erziehenden Menschheit über das Göttliche und Gute gesagt werden kann. Alles, was nottut. um ihr die Wege zu weisen, die zur Beglückung, zum Frieden, zur Milderung des Lebe;>skampseS. des Kampfes aller gegen alle, zur wahren Kultur führen. Mau nehme die Bibel und leie den Thora-Abschnitl am Nachmittag des Versöhnnngstages. diese grandiose Eraänzuna des 'relncw''rtes 3 Mo''".' a'''fts lg muß wundernehrnen. daß seit Jahrtausenden die Lösung der Menschheitsfragen io ichmeizlich-hitilos acuickn und ltzshec nicht getins.''^" n,isrg>' b«»rrl'ch-d"utlich" W"aweiser vorhanden war. Es mutz wundernehmen, daß das Ebristenium diesen Schatz »einer Mutterreligion nicht ge- > würds-ft bat daß di" Jud°n selbst ihn zum -größten De-il nicht kennen. Den» es steht alles darin, alles! I Es steht darin das Gebot der Heiligung des Lebens im Aufschauen zu der Heiligkeit des Gewaltigen. Es steht darin von der Ehrfurcht vor Mutter und Vater: wohlgemerkt di: Mutter voran. Vom Glauben an den Einen, an das Gottwefen, von der ausgleichenden, sozialen Gesinnung, die dem Armen und dem Fremdling vom Eigenbesitz und Ueberfluß so viel überlätzt, -atz er nicht Not leide. Die goldenen Worte verbieten jede Missetat, jede Schädigulta des Nebenmenichen: Dtebstachl. Lüge, falschen Schwur. Bedrückuna und Beraubung. Einbehaltung des schwererarbeiteten Lohnes, auch nur über eine Nacht. Sie stellen die edle Forderung, das Gebrechen nicht anszunutzen, es zu achten. Sie verlangen die reine Gcrechtigkcit. ohne Bevorzugirna oder Mitleid. Sie verbieten Verleumdung, fordern das Einsetzen des eigenen Lebens bei der Lebensgefahr des Mitmenschen, fordern Aufklärung u»ld Zurechtweisung des Irrenden bei eigener, besserer Einsicht. Sie verbieten Rachsucht und blinden Zorn. Sie enthalten das große Wort von der Nächstenliebe, das von Unwissenden fälschlich als Erfindung des Christentums gepriesen wird. Hier wird gute Sitte gefordert, Schonung jungen Lebens in der uns preisgegebeuen Natur. Hier wird der Aberglauben verpönt. Hier auch steht das ergreiferrde Wort: Vor einem grauen Haupt' sollst Tu aufst-ehen. Das Recht des Fremdlings wird verkündet mtt dem Hinweis: Fremdlinge wart Ihr und kennt das Leid des Rechtlosen. Hier wird die unbedingte Ehrlichkeit und Redlichkeit in Handel und Verkehr gefordert. Juden; Das gehört Euch! Lernt es kennen und danach leben, lernt es anführen im Kampfe gegen Angriffe unserer Widersacher, gegen Unwissenheit und Verleumdung. Man stelle sich eine Welt vor. in der diese Gebote und Verpflichtungen von allen Menschen als wahr und notwendig erkannt von allen gehalten und ausgeübt würden. Brauchten wir dann noch neue, ausgeklügelte Systeme zur Beglückung der Menschen, zum Ausgleich der Ungerechtigkeiten des Lebens? Wäre es nicht die Welt, in der es sich leben ließe, Gott und den Menschen ein Wohlgefallen? Erfaßt diese Worte ganz, ruft sie Euren Kindern und' Freunden ins Ohr, rns Herz! Tie Erkenntnis von der Größe und allumfassenden Herrlichkeit unserer Thora, nicht nur gefühlte, sondern auch erkannte Religion, die allem Tun die Richtschnur gibt, das sei der weithin hallende Nachklana der großen Tage in das Alltagölebeil hinein! Äcehr Würde beim Gotiesdiensc. Man spricht oft davon, was das Christentum, die Tochter« Religion, für seinen Gottesdienst vom Judentum übernommen hat. Jedenfalls haben die Andersgläubigen von uns nur Gutes entlehnt, sonst hätte es sich im jahrtausendelangen Bestand nicht erhalten. Wir Juden können von den anderen manches lernen, wie man sich im Gotteshaufc zu üettdjmcit hat. Wenn man das Verhalten einer Anzahl unserer Glaubensgenossen, sowohl Männer wie Frauen, in den Spnagogen beobachtet, so ist es traurig, auf die andere Religion Hinweisen zu müssen: aber — es muß einmal frei darüber gesprochen iverden — es besteht ein krasser Unterschied zwischen dem Benehmen der Christen tn ihren Andachtsstätteu urrü eircem nickt geringen Teil der Unsrigen in unseren Gviteshänscru. Wenn alle Besucher sich darüber rlar wären, ans welchem Anlaß und zu welchem Zweck sie in unsere Synagogen gehen, wie wäre es dann möglich, auf solche Unarten zu treffen, wie mir sie leider bei jedem südischeic Gottesdienst wahrneymen? Ohire Bollständiglcit sei Hier auf einiges hingcwiesen: Ist es denkbar, daß beim christlichen Gottesdieust jeder kommt und geht, wann es ihm beliebt'? Wie ist es bei unS dagegen! Ist es denkbar, daß in den Kirchen während der Andacht geschwatzt wird? Wie ist es bei uns dagegen? Hat einer von uns schon einmal vor Finer Kirche einen Christen mit einer brennerrden Zigarre oder dgl. beobachtet?, Wie sieht es vor den Synagogen und in den Borhöfeu dieser Gebäude an unseren Festtagen aus? Unsere Gebetstradition hat die Funktion des „Vorbeters" geschasferr. Wozu die üble Gewohnheit so vieler^ dem „chasen" vvrznschreien? Erhöht dies die Weihe und Würde der Andacht, die Eindringlichkeit des Gebetes? Sind es Privatwüniche, die der einzelne zu „seinem" Gott emporschrett?^ Bringt ihn sein nur so lauteres Rufen seinem Gotte näher?, Tiefes Gefühl und Inbrunst wird durch solche ungezogenen Aeußerlichkeiten nicht dokumentiert! Unsere Gebete sind meist Buten für die Gesamtheit der Bekennerschaft: wozu also das laute Schreien des einzelnen? — Kann man diese Wahrnehmung in den Orgelsynagogen machen? Hier ist das Publikum durch die gedrängtere Kürze der Andacht schon mehr zur Ruhe und Aufmerksamkeit erzogen: — vielmehr in den Synagogen mit überliefertem Rituö, wo man bei den ineisten Besc'rchern eine ziemlich genaue Kenntnis des Inhalts der Gebete voraussetzen solÄe. Denn wozu gehen die Besucher sonst in diese Synagogen (hierher gehört auch das laicke Krckisieren der Leistungen des Rabbiners und Borbeters während der Andacht!). — Vor Schluß der Andacht verlassen viele „Glärrbige" das Golceshairs. den Borbeter seinem weiteren Gebete überlassend. Bedarf es eines prägnanteren Beweises für das U.nnütze und Vergebliche des gewaltsamen Beibehaltens der langen Dauer der Andacht, bei der die meisten innerlich unbeteiligt dasitzen und vor Schluß davonlausen'? Sicherlich ist es besser, weniger mit mehr Andacht und V e r - ständnis zu beten, als die Gebete in der überlieferten Form zir bloßem „Lippenwerk" herabzrpvürdigen! Wird ein liebet durch häufiges Sagen innerhalb eines Gottesdienstes bedeutsamer, wo wir heutzutage keine Beziehung mehr zu den Opferzeiten des altisraelitischen Kultus haben? Die Achtung vor dem heiligen Raume und die Rücksichtnahme auf das Andachtsbedürfnis der anderen sollte jedem Besucher des Gotteshauses selbstverständliche Pflicht sein. Wer der Gebetordnnng ans irgendeinem Grunde nicht zu folgen vermag, störe wenigstens seine Platznachbarn nicht durch Gespräche über profane Dinge! Beim Einheben der Thora heißt es im Gebet: „wer sie sdie Lehre) ersaßt, wird gesegnet." Wie wenige erfassen das »virklich, was sie in drei- bis vierstündiger Andacht beten, wenn sie überhaupt solange ausharren? Mögen diese Zeilen zu einer Besserung der bezeichneten Ncbelstände tzcitragcn! Arthur Lichtenfeld, Berlin. Geschäfiliches. Steffi Sandor gastiert iu Berlin. Der beliebte und berühmte ungarische Operetleustar Steffi Sandor vom Budapester Royal Orpheum kommt zum ersten Mal nach Deutschland. Als der ausgesprochene Liebling Budapests hat sie unzählige Operettenschlager populär gesungen. Ihre brillante Stimme, ihr rassiges Tempera- »nent, ihre hervorragende Tanztechnik und ihr überfprudclnder Humor haben ihr rasch einen großen Namen in der ungarischen Theaterwelt geschaffen. Der Direktion deS E. P. lfrüher Zielka) ist eS gelungen, die große Künstlerin für ein Gastspiel ab 1. Oktober zu verpflichten. Es ist baS erste Mal. daß Steffi Sandor im Auslande gastiert.

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