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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-10-08 · 41 (8.10.1926) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
41 (8.10.1926)
Date
1926-10-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Im übrigen entbehrt die ganze Geschichte Rabats und seiner schönen Krau Abigatl nicht einehumoristischen Beigeschmackes. Sie ist eine richtige Tragikomödie. Starker Humor prägt sich auin der Szene, in der Elijahu Len BaakSpriestern die Nichtigkeit ihres Götzendienstes vor Augen führt: . . Und sie lbie VaalSvriester) nahmen den Stier, den man ihnen gab, und bereiteten ihn und riefen den Namen Baals an vom Morgen bi- Mittag, sprechend: O Baal, erhöre uns! — Aber da war keine Stimme und keine Antwort. Und sie hinkten um den Altar, den man gemacht. Und es geschah um Mittag, da spottete ihrer Eliiahu und sprach: Rufet mit lauter Stimme, denn er ist ja Gott. Er könnte in Nachdenken versunken sein, er könnte ausgetreten sein, er könnte auf der Reise sein, vielleicht schläft er. so wird er aufwachen! Und sie riefen mit lauter Stimme und machten sich Einschnitte nach ihrer Weise mit Messern und Pfriemen, bis Blut von ihnen herabflotz. Und es war. als der Mittag vorüber war. da rasten sie bis zur Zeit, in -er das Speiseopfer gebracht wird. Aber eS war da keine Antwort, keine Stimme, kein Merkzeichen. (Buch d. Könige. Kap. 13. B. 26—20.) Immer wieder richtet sich der Spott gegen Götzendienst, gegen Götzendiener, immer wieder wird die Machtlosigkeit der Götzen humorvoll gegeißelt: „Wem wollt ihr Gott vergleichen und welch' Gebild ihm gleichstellen?" fragt der Prophet Jesajah. „Das Bild — ein > Künstler goß es, ein Goldschmied überzog es mit Gold, schmiedete es an mit silbernen Kettchen. Wer ärmer an j Habe. wählt Holz. das nicht morsch wird, sucht einen weisen , Künstler, ein Bild zu fertigen, das nicht nmfalle." (Jesaja. j Kap. 40, B. 18—20.) j Gleich darauf (Kap. 41. B. 5—7) sagt der Prophet: | „. . . Länder schauen und schaudern, die Erde erzittert. Sie! nahen und kommen, einer hilft dem andern, zum Nächsten ' spricht jeder: „Sei stark!" — Der Künstler ermutigt den Gold-! schmied, der Hammerglätter den Amboßschläger. er spricht von der Lötung: Gut ist sie. Heftet's mit Nägeln. damit er (öer Götze) nicht wanke." Drastischer läßt sich die Angst vor kommender Gefahr kaum schildern. Dieses gegenseitige Ermutigen der Künstler und Handwerker, die an dem Götterbild arbeiten, wirkt in der Tat erheiternd. Nur fest aulötcn, damit der Gott in der Stunde der Gefahr nicht umfalle . . . Und noch einmal erhebt Jesaja lKap. 44, B. 9—20) zur Götzendienerei das Wort: . . Die Götzenbildner, alle sind sie nichtig, ihre Köstlichen. sie helfen nichts, und ihre Zeugen sind sie selbst inämlich die Götzen): sie sehen nichts, sie erkennen nichts, | daß zu schänden sie werden. Wer bildete ie ein Götzenbild, j goß einen Gott, das; es je nützte? Siehe, alle seine Genossen i werden zuschanden, denn die Künstler selbst sind ja nur Menschen .... Der behaut Eisen mit dem Schlägel, arbeitet mit der Kohlenglut, bildet es mit seinem starken Arm. es mit Hämmern bearbeitend. . . . Der behant Holz, spannt die Schnur, zeichnet cs mit dem Stifte, zeichnet es mit dem Zirkel, glättet es mit Hobeln, fertigt es nach Mannesgestalt, nach Maunesschönbeit. ein Hans zu bewohnen. Er fällt sich Zedern, nahm Steineiche und Eiche, traf die Wahl unter den Bäumen, des Waldes Esche hatte er gepflanzt und der liegen hatte sie grvßgezogen. Das Holz dient dem Menschen zum Brennen, er nimmt davon und wärmt sich, auch heizt er und bäckt Brot, auch macht er einen Gott und bückt sich, bereitet ein Götzenbild daraus laus dem Holze) und wirst sich davor nieder. Die Hälfte davon lvou dem Holze) verbrannte er zu Feuer, durch diese Hälfte brät er Braten, verzehrt er Fleisch, sättigt sich, wärmt sich auch »rnd spricht: Ach, ich werde warm ich spüre Feuer. Aber den Ucbcrrcst macht er sich zum Gott, zn seinem Götzenbilde. wirft sich nieder und spricht: Ach. rette mich, denn du bist mein Gott! Sie erkennen es nicht, sie sehen es nicht ein. denn sie sind so überzeugt, das; ihre Angen nicht sehen, ihr Herz nicht zu erkennen vermag. Nicht beherzigt er. nicht Erkenntnis noch Einsicht hat er. zu sprechen: Die Hälfte verbrannte ich im Feuer, auf seiner Glut bnck ich Brot und briet mein Fleisch, um mich zu sättigen, ich aß, und ans dem Rest ldeS Holzes) will ich ein Greuel machen, vor einem Holzklotz will ich mich niederwcrfcn? Er hascht nach Asche, sein betörtes Herz führt ihn irre, er rettet nicht seine Seele indem er spricht: Ist nicht Trug in meiner Rechten?" Und noch einmal erklingt die Mal,nun» lKap. 46, B. 6—8): . . Sic schütten aus dem Beutel Gold und wägen Silber ans der Wage, sie mieten einen Goldschmied, Heimat. Rück näher. Lieber, laß uns niedersitzen Ban deiner Heimat sollst du mir erzählen, Indes ich innig fasse deine Hand. Bom Dörfchen sprich mir, fern im Frankenland. ' Wv fröhlich dir am Baum in junger Sonne Des .Heimaterdreichs deine Kraft erblüht. Ach, wurzellos, vor jedem Wind getrieben, Wuchs in der Brust mein heimatloses Lieben. Siel:, zwischen uns steht taufendjähr ges Weinen, Verlorner Jammer des gehaßten Volks; Und wo du zugreifst uud das Glück umfaßt: Muß ich erst nmschaun auf die Leidenslaß. Ein ansgeschenchtes Heer voll fremden Bügeln, Die jeder Gasserchnbe frech verjagt: Die Heimatlosen wir vom Stamln der Juden - An fremden Tischen, die zum Spott und litfccu Thekla S k o r r a. Dichtung ist Wahrheit. Daß die Intuition des Dichters zuweilen der liiftorifchen Wahrheit näher kommt als der Spürsinn der Historiker, das; seine Augen oft klarer und weiter schauen als die Brille des Gelehrten, das beweist von neuem der überaus interessante Fall „Reubeni." Max Brvds tiefdnrchdachter, farbenprächtiger Rcnaifsanceroman. der die Gestalt ReuvcniS, des „Fürst der Juden" aus der verschleierten Legende in helle, dichterische Wirklichkeit versetzt, hat eine seltsame Bestätigung sfast möchte man sagen: Beglaubigung) erfahren. In Zentralarabien nämlich ist ein unabhängig lebender Bedninenstamm Haibar festgestellt worden, der 60000 Angehörige zählt und der, bei all seiner kriegerischen Natur, die jüdischen Ritualgebote eiuhält und auch sonst jüdischen Gebräuchen huldigt, — also tatsächlich ein Stamm unabhängiger, kriegerischer Juden. Bon ihm ward Reubeni. sein Stammesheld, ausgesanüt, um für die Sache der Jude» zu werbe»: von ihm erzählt er den, ach, so schnell zweifelnden Glaubensgenossen: und von ihm kommt uns heute diese Kunde. Sie wird unS vielerlei zu denken geben und Brods tragische Romansigur in neuem Licht erscheinen lassen: lebendiger und glaubhafter nocb, und ganz griviß nicht minder liebenswert. daß er einen Gott daraus mache. Sic werfen sich nieder und beugen sich. Sie tragen ihn auf der Schulter, belasten sich damit, sie stellen ihn an seinen Platz, dort steht ex — von seinem Orte weicht er nicht. Auch schreit man zu ihgl. aber eine Antwort gibt er nicht, hilft niemals aus der Not. Bedenket daS. ermannt euch! Zu Herzen nehmt'- Abtrünnige!" Der Humor in der Bibel ist nicht sanft und Vetter, er ist scharf und oft bitter. Er ist. wie eingangs erwähnt, spärlich vertreten. Wer aber im Buch der Bücher zu lesen versteht dem entgeht es nicht, daß auch in ihm zuweilen ein Schimmer von Humor anfblitzt. Allerdings ist es der spezifische Hümor "der Bibel. Der Humor des Predigers. Bon Dr. I. M. Me rich. Die überlegene Weisheit, die sich im Buche „Kohelet" und in den „Sprüchen" findet, zeigt auch zuweilen das Lächeln der Ironie und des ironischen Humors. Ziichts Menschliches ist dem Prediger fremd, und zuweilen stellt er sich auf den Standpunkt des gütigen Wortes: laut comprenckre c'est tont parckouaer., das man der Madame de Stael zusckircibt. das aber viel älter ist. Mit klugen Augen und klarem Denken betrachtet der Prediger die Welt — er wundert sich über nichts, aber er lächelt spöttisch' wenn er sagt: „Es ist ein Nebel, das ich iah unter der Sonne, ein Irrtum ist es, der von den Machthabern ansgcht: die Torheit wird auf große Höhen gestellt, und Reiche sitzen in Niedrigkeit. Knechte sehe ich auf Rossen, und Fürsten wie Knechte zu Fuß gehen." Man spricht io gerne von der guten alten Zeit — am* l)rtt" sich geändert? „Nichts Neues unter der Sonne!" ruft der Prediger Gehen nicht die Fürsten im Reiche der Geister — denn sie meint der Prediger —. gehen nicht die Reichen an Wissen und Können zu Fuß. wandeln sie nicht in den Niederungen des Lebens, geplagt von Kummer und Sorgen. während die Torheit ans der Höhe ist und auf stolzen Pferden oder im Auto paradiert'? Ein Fehler der Machthabenden — deute würde man Regierungen sagen. Aber am Ende gebt es auch denen, die aus Irrtum oder aus Böswilligkeit Unterdrückung begehen oder sic geschehen lassen nicht gut: „Wenn du Unterdrückung eines Armen und des Gerichts und des Rechts, Beraubung in einem Lande siehst — erschrick nicht gleich über die Sache: denn ein Hoher wacht über die Sache und ein Höherer über sie." Wer denkt da nicht an manche modernen Gerichtsverhandlungen? Aber man soll sich über alle Dinge nicht zu viel den Kopf zerbrechen -- viel Wissen wacht Kopfweh: „Denn durch viel Weisheit wird viel Kummer, und wer Wissen mehrt, mehrt Schmerz" Der Humor dieses Ausspruches tritt klarer zutage durch eine andere Mahnung des Predigers: „Die Worte der Weisen sind ivie Stacheln und wle eingeschlagene Pflöcke, die gegeben werden von den Männer der Versammlung, gegeben von einem Hirten." Wer denkt da nicht an die vielen Versammluimen. in denen Phrasen geredet und Phrasen dem Volke „wie Stacheln und Pflöcke eingeschlagen" werden? Darum mahnt der Prediger weiter: „Besser als dieses, mein Sohn, belehre dich selbst! Viele Bücher ansertigen, das nähme kein Ende und vieles Predigen müht nur den Leih ab." Vergebens sieht sich der Prediger nach Weisheit und nach Weisen um. „Run wandt' ich mich, mein Herz zu erkennen, zu erkunden und zu suchen Weisheit und Erfahrung und zu erkennen die Bosheit der Torheit und die Torheit der Verblendung. Ta fand ich denn, daß bitterer als der Tod das Weib, dessen Herz Fallstricke und Netze sind und ihre Hände Fesseln. W" gut ist vor Gott, der wird vor ihr gerettet, aber der Sünder wird von ihr gefangen. Sieh', das fand ich," spricht der Prediger, „eines znm andern, um Erfahrung zu erwerben. Was aber meine Seele noch suchte, und ich fand es nicht: einen iwahren Mann) unter tausend, aber ein twahresi W^b unter allen diesen fand ich nicht. Nur das, siehe, habe ich gefunden: daß Gott die Menschen gerade gemacht hat. sie aber suchten stets viele Verirrungen." Ja, die Frauen! König Salomo, der Prediger, von dem man erzählt' er habe lausend Frauen besessen, muß sie wohl gekannt Hetzen. „Beständige Dachtraufe am Regentage ist ein zänkisches Weib — wer sie znrückhalten will, hält eher den Wind und seine Rechte hält Ocl fest." Was nütz' aber alle Philosophie? „Siehe, was ich gesehen habe das ist. daß es gut, daß es schön ist, zu essen und zu trinken und Gutes zn sehen für alle seine Mühe, die er sich müht unter der Sonne der Zahl seiner Lebenslage. die Gott ihm gegeben — denn das ist sein Ziel." Gut leben, effe» uud trinken — aber allemit Matz und Grenzen. den «Sprüchen" findet sich ein drastisches Bild dessen, der de- Guten zuviel getan hat: «Wem Weh? Wem Herzeleid? Wem Kummer? Wem Wunden ohne Ursache? Wem trübe Augen? Denen, die spät beim Wein liegen, die kommen, den gewürzten Wokr zu versuchen. Sieh nicht den Wein an, wie rot er ist. wie er im Becher Perlen wirft, wie er so sanft htnuntergleitetl Am Ende sticht er schlangenaletch. beitzt wie die Natter. Dein« Augen sehen Sonderbares. und Verkehrtes spricht dein Herz. Dir ist. als ob du auf offenem Meere schliefst, wie jemandem, der am Steuerruder schläft. Sie schlugen mich — ich merkte es nicht. Sie taten mir wob — ich spürte es nicht. Wann werde ich erwachen? Fort! Ich such' ihn wieder auf!" Das Schwanken des Betrunkenen, seine Unempfindlichkert gegen Prügel, seine Benommenheit und endlich, nach dem Erwachen, das Eilen zu neuem Trunk — das Bild ist drastisch. * Nicht minder drastisch ist die Schilderung des jungen Mannes, der in >das Netz einer Priesterin der käuflichen Liebe fällt. . . Unter den Jünglingen erkannte ich einen sinnlose« Knaben, der ans der Straße nach ihrer Ecke ging, den Weg .zu ihrem Hause schritt, in der Dämmerung, am Abend des Tages, in der Tiefe der Nackt und der Finsternis. Siehe, ein Weib kommt ihm entgegen, angetan wie eine Buhlerin, und verstellten Herzens. Schwärmend und unbändig war sie, nicht ruhten in ihrem Hause ihre Füße. Bald auf der Straße, bald auf den Plätzen und neben jeder Ecke lauert sie. Da erfaßt sie ihn und küßt ihn. und mit frechem Antlitz redet sie ihn an: .Friedensopfer lagen mir ob. heute zahlte ich mein Gelübde. Darum ging ick hinaus, dir entgegen, dich zu suchen, und ich fand dich. Mit Decken deckt' ich mein Bett, mit Tüchern von ägyptischem Linnen: beträufelt habe ich mein Lager mit Myrrhe, Aloe und Zimmt. Komm! Latz in Liebe uns berauschen bis zum Morgen, uns ergötzen an Liebkosungen. Denn nicht im -Hause ist der Mann, zog weit des Wegs dahin, nahm in seine Hand den Geldbeutel, zum Lage des Vollmondes kommt er erst nach Hause.'" Und sie ist natürlich jetzt ohne Geld. „Sie verführte ihn durch ihrer Worte Glätte", so heißt es weiter. ,/durch ihrer Lippen Glätte riß sie ihn fort. Plötzlich folgte er ihr, wie ein Stier zur Schlachtbank springt, ein Hirsch ins Fangnetz gerät." Der Humor des Predigers ist sehr ironisch, aber darum nicht weniger wirksam . . . Der Humor im jüdischen Sprichwort. Bon Dr. S. Elbe. Sprichwörter sind die Weisheit eines Volkes. Aus ihnen ergeben sich wertvolle Anhaltspunkte für die Weltanschauung. der sich mehr oder weniger geschlossene nationale oder kulturelle Menschheitsgruppen Hinneigen. Man kann aber aus den Sprichwörtersammlungen fcststellen, daß im Grunde genommen die ganze Menschheit wirklich untereinander recht nahe verwandt sein muß. denn viele Sprichwörter finden sich mit gleichem oder doch sehr ähnlichem Sinn bei Völkerschaften. bei denen eine solche Verwandtschaft nicht vermutet, sogar zuweilen recht eifrig bestritten wird. Auch das humorvolle Sprichwort ist in vielen Exemplaren international und interkonfessionell. Wenn trotzdem der jüdische Humor im Sprichwort und der Humor im jüdischen Sprichwort wirklich stärker zum Ausdruck kommt, so ist das einigermaßen verwunderlich: denn die Juden haben im Grunde seit Jahrtausenden sehr wenig Grund zu einer lachenden Philosophie gehabt. Man müßte eher denken, haß ihre Svruchweisheit getränkt ist von schwerstem und düsterstem Pessimismus, daß der Geist einer verzweifelnde« Lobensverneinung viel häufiger und viel stärker zum Ausdruck kommen mutz, als der einer fröhlichen und hoffenden Lebensbejahung. Das jüdische Sprichwort ist aber in der überwiegende« Mehrzahl fröhlich. Mit einem Hopser lustigen Spottes setzt es sich über die Miseren des Lebens hinweg — das Sprichwort wird nicht selten zum Trostspruch, es scheint direkt dafür gemacht, den Gebeugten aufzurichten, den Trauernden a» trösten, den Traurigsten wieder aufzuheitern. Für alle Lebenslagen gibt es ein Sprüche!: für Leben und Sterben, für Geburt und Hochzeit, für Familienleben, für religiöse und weltliche Dinge, für Synagoge und Schule, für Kontor und Laden. Für Junge und Alte. Gesunde und Kranke. Arme und Reiche. Der Dybuk. Znm Berliner Habima-Gastspiel. vuer hestZ't, was dem deutschen Theater als Dringendstes fehl): ein Ensemble Der Kollektivgeist einer Schavspielertruppe jeickt mit 'Recht Triumphe. Lebende, sprechende Gemolde entstehen von einer Eindringlichkeit, von einer Ausdrncksjähigteil, die ganz gewiß zu den seltensten Kostbarkeiten des Theatern gehören. Der Tanz der Braut mit den Armen und Bettlern, mit den Vertrnppeltcn und Geschlagenen, ist ein Meisterwerk der EHuppentilnst. Wenn am langen, weißbedeckten Tisch der Wnnderrabi den Ehassidim vom heiligen > Baatschcm erzählt, welch Bild religiöser Ellstaie. Doch nicht nur im 'Bildlichen zeigt sich das Können. Ebenso stark kommt es beim Sprachen zur Wirkung. Wenn die Tälmudjünger in dem Nigen.dcs hebräischen «Gebetes sprechen und singen, dann erleben wir <ine Leistling, wie wir sie bisher noch bei keinem Bühnenchof fanden Und dennoch: Diesem Theater fehlt, was wir trotz allem auf dem deutschen Theater desitzcn: der Schauspieler. Atter Leistüttoen sind gut. der Nebensächlichst,' ist sich seiner Mission bewußt, das Zusgimnenspiel ist prächtig. Aber dieses Spiel der Gemeinschasr läßt, wie es scheint, die schauspielerische Persönlichkeit nicht zur vollen Entsaltmra gelangen. Wie der Statist vom Wollen der Truppe hcranfgczvaen wird, sinkt das §chanspieierg e n i c in die Masse hinab. Beredtes Schweige», nachdenkliches Sinnen des Einzelnen wird auch da, wo es nicht zn entbehren ist, durch ekstatiscdc Gebärden ertötet. Der Inhalt wird Nebensache. das Wort unwichtig, die Form wesentlich. Was hier gespielt werden soll, ist letzten Endes nicht „Der Dybuk", sondern ..Habima."! Ehanau, öer Talmndjüngcr, und Lea. die einzige Tochter d.'s reichen Sender aus Brynica, sind von ihren Vätern schon vor der Geburt füreinander bestimmt. Nun sind beide erwachsen. Da erfüllt Sender nicht das seinem bereits verstorbenen Jugendfreund gegebene Versprechen: er sucht für sein Kind den Bräutigam aus einer reichen vornehmen Familie. Ehanau stirbt darüber. Seine Seele aber fährt am Hochzeitstage seiner Geliebten als ein Dvbnt in den Leib Leas. Und als vom Wunderrabbi durch Beschwörung j der Geister der Dybuk aus dem Leib des Mädchens vertrieben wird, haucht sie ihr Leben aus. Eingekleidet in kabbalistische und chassidistische Theorien ist dies der Vorgang in Anski's „Dybuk". Und wie die Theorien, so ist auch der Vorgang selbst dem modernen Westjuden wesensfremd. Er kennt nicht die Welt der Geister, er glaubt nicht an die körperliche Wanderung der Seele. Doch in Glaubensfragen ist nicht zu streiten. Uni» auch für den Westjüden. der die Welt de- Chassidismus kaum zu begreifen vermag, ist ihre Kenntnis nicht ohne Reiz. In drei Sprachen hat Berlin nunmehr den Dybuk zu sehen Gelegenheit gehabt. In jiddischer Sprache, der Sprach: des Autors, gab es eine jiddische Wandertruppe. In deutscher Sprache wurde unter Verthold Viertel im Kleinen Theater das Stück wiederholt. Und nun gab's die Habima hebräisch, sscphardisch.) Jst's jüdischer dadurch? Beim Schauspieler und noch mehr bei einer schauspielerischen Gruppe offenbart sich die nationale Seele. Und die ist hier, trotz der hebräischen Sprache und trotz -es jüdisch-nationalen Wollens. russisch, russisch, russisch. Die Regie des genialen, zu früh verstorbenen Wachtangoss ist's. die Bühnenbilder siud's und die schönsten Szenen der 'Habima lassen uns an russisches Theater denken. Man erzählt sich, daß sich das Hebräische Theater Habima in Berlin wegen geäußerter Bedenken als Moskauer Theater Habima bezeichnet. Der Name ist sicher nicht weniger zutreffend. Wie klein ist die Schar derer, die das Hebräische aenügend beherrschen, um dem Spiel der Moskauer folgen zu können? Selbst an ihrem ersten Berliner Abend sind's sicher nur Einzelne gewesen. Und dennoch lohnt es für jeden, die prächtige Gesamtleistung der Habima zu sehen. Walter Loewcnsteiu. Ghetto. Bertin. Theater t» der Alvsterstratzc. Heijermans ist Tendenzdichter. Deshalb mutz in erster Linie die Tendenz seiner Werke gewertet werden. Und die ist in diesem Drama verfehlt. Gewiß ist die Starrheit und das Unverständnis einer oft nicht einmal gläubigen Orthodoxie unsympathisch. Aber wer nur das Aeußere sieht, muß notgedrungen an den Problemen vorbeireden. Gab es nicht auch in der Judcngasse Persönlichkeiten? Waren ihre Bewohner nur verwerfliche Geschöpfe? Hatten nicht gerade sie oft Seele. Glauben. Opferwillen? Raffael strebt aus dem Ghetto heraus. Er liebt eine Christin und will mit ihr gemeinsam den gemeinsamen Gott, den Gott der Menschheit, suchen. Uud um dieses Zukunftsglücks willen zeichnet Heijer- »nans schwarz in schwarz. Seine Ghettofiguren sind Schwindler und Betrüger Meineidige und Kuppler. Und da wir wissen, wie wett wahres Judentum von diesem Zerrbild entfernt ist, wirkt Raffael auf uns nicht als Reformator, sondern als Schwätzer, Nichtstuer. Abtrünniger. Das Problem der Mischehe ist zn ernst, die Seele des Juden im Ghetto zu heilig, um in dieser Form auf die Bühne gebracht zu werden. Das Theater in der Klosterstratze. das nach seiner örtlichen Lag« eine genau umriffene Aufgabe zu erfüllen bat, hätte nichts versäumt, wenn es dieses Stück aus dem Amsterdamer Jubenviertel nicht der Vergessenheit entriffe» hätte. Daß die Aufführung dem Werke noch nicht einmal gerecht wurde, verschlimmerte daS Uebel. Walter Loemenstein.

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