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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-10-08 · 41 (8.10.1926) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
41 (8.10.1926)
Date
1926-10-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Judentum und Humor. Bon Tr. B. Schidlof. . Juden und grauen — diese Zusammenstellnug ist schon wiederholt gemacht worden. Fast immer von Leuten, die beide nicht kannten. Je weniger sie von den Frauen'und von den Juden wirkten desto dickleibigere Bücher schrieben sie über beide. Wciningcr — kaum den Jünglingsjahren entwachsen, als er bereits den Freitod wählte - bat in seinem „Geschlecht und Charakter" besonders ausführlich und besonders absprcchcnd über Juden und Weiber neschricben. Weshalb sollte er nicht? Das Judentum war ihm io fremd, daß er cs am Tage seiner Promotion verlieh, mit Frauen soll er auch nicht viel .zu tun gehabt haben. Man sagt von den Frauen und von den Juden, das; sie keinen Humor haben. In einer großen Tageszeitung wurde einmal die Frage: „Warum besitzen die Frauen keinen Humor?" aufgeworfen und in einer Reihe von Inschriften erörtert. Männer und Frauen äußerten sich teils zilsurnmend, teils abwchrend. Tollte man es für möglich halten? Tie überwiegende Mehrheit erklärte und suchte zu beweisen, die Frauen hätten absolut keinen Humor. Auch den Juden sagt man das nach. Thomas Earlyle, der grobe englische Historiker, äußerte sich einmal, daß die Juden im Verlaufe ihrer ganzen Geichichtc keine Spur von Humor gezeigt hätte«, und Ernest Renan, der nicht minder bedeutende französische Theologe und Sprachwissenschaftler, schreibt i» seiner „Geschichte der semitischen Sprachen": „Ten semitischen Völkern mangelt vollständig die Neugierde und die Fähigkeit zu lachen." Da gibt es wirklich nichts zum Lachen: das sind sehr ernste Urteile. Also auch die Inden haben keinen Humor. Stimmt das wirklich? Earlyle mag nicht ganz Unrecht haben. In der jüdischen Geschichte findet sich auch verdammt wenig Humoristisches, dafür sehr viel Tragisches. Aber ist die Geschickte irgendeines anderen Volkes, ist die Geschichte überhaupt etwas Heiteres? Ist sie nicht eine ununterbrochene Kette von Gewalttaten, von Unterdrückungen, von Grausamkeiten, von Blut und Tränen, von Tücke und Mord? Bon Krieg und Verschwörung, von Tyrannei und Revolution? Wo soll da der Humor Herkommen? Dennoch: die nnv''rmüstliche Lebenskraft eines Volkes, ebenso wie eines Einzelmcnschen ist sein Humor. Wo kein Humor, da ist keine Widerstandsfähigkeit. Humorlose Menschen brechen unter schweren und andauernden Schickialsschlägen zusammen, und das Gleiche ist mit humorlosen Völkern der Fall. Vielleicht wären die Eingeborenen Amerikas nicht so leicht eine Beute der Weißen geworden, hätten die Indianer mehr Humor besessen. Tie Neger, die eine lustige Ader haben, erhalten sich und sind im Begriffe, ihre Gleichberechtigung mit den Weißen auch in Amerika zu erkämpfen. Gar nicht uninteressant. Hätten die Inden keinen Humor, sie existierten längst nicht mehr. Wie Renan daher zu seiner Behauptung kommen konnte, ist nicht verständlich. Aber vielleicht hat er die Inden nicht zu den „semitischen Völkern" gerechnet. Ter jüdische Humor ist nicht nur vorhanden, er ist so stark vorhanden, das; er die Literaturen aller fortgeschrittenen Völker befruchtet. Schriftsteller vieler Nationen verschmähen es nicht, ihre Werke mit einer Prise jüdischen Witzes zu würzen. Und die Literaten jüdischer Abstammung? In den Glanzzeiten der nnttclaltcrlichen jüdischen Literatur fehlte auch die humorvolle Dichtung nicht. Von Salvmon Jbn Gabirol. dem unsterblichen Dichter des „Kether Malchus". von Abraham Jbn Esra, von Jehnda Halcvi sind humorvolle Dichtungen erhalten, ebenso von Moses Jbn Esra und Jehnda bcn Schelomo Alcharisi. Wie witzig sind die Gedichte Immanuel di Romas iJmmanuck ben Schelomo Ziphronis).' Er war ein intimer Freund Dantes, des Schöpfers der „Göttlichen Komödie", dem er nach desicn Tode einen tiescmpfnndenen poetischen Nachruf dichtete. Immanuel dl Roma besaß viel Witz, und in seinem Werke „Machbcroth" läßt er ihn lustige Sprünge machen. Ter Stil, in dem Immanuel schrieb, lehnte sich an den seiner italienischen Zeitgenossen an. und seine Novellen, obwohl sie nicht schlupfria sind, haben etwas vom Geiste Boccaccios. Zn fast gleicher Zeit lebte auch Kalonvmos ben Kalonymos, auch Maestro Kalo genannt, ein französischer Jude, dessen Wissen und Geist den König Robert von Neapel veranlaßt;:, ihn nach Rom zu schicken, um dort hebräische Bücher ins Lateinische zu übersetzen. In Rom wurde er bald in die beste Gesellschaft ausgenommen und ivar nicht nur wegen seiner Gelehrsamkeit, sondern auch wegen seines Humors ein beliebter Gast. Damit ist die Zahl der mittelalterlichen jüdischen Humoristen lange nicht erschöpft. Daß es in der neueren Zeit an ihnen nicht fehlt, ist jedem einigermaßen Literaturkundigen geläufig. Wer Börne und m erster Linie Heine etwa Humor äbsprechen wollte, würde selbst Lachen erregen. In Parenthese soll übrigens noch eines ostjüdischen Humoristen gedacht werden — Isaak Erters — der hebräisch schrieb und dessen Werke unter dem Titel „Hazop-e l'bejs Jissroöl" erschienen sind. Es handelt sich bei Erter allerdings weniger um Humor als um Satire. Erter war l)r. meä.. und sein Witz richtete sich häufig gegen Berufskollegen und nicht minder gegen die Art von Patienten, die beim Arzt von der großen Aufmachung. von großen Titeln, elegantem Wagen mehr erwarten als von Kenntnissen und gewissenhafter Behandlung. Auch Heine mar mehr Satiriker als Humorist. Sein Witz ist scharf und beißend — er schont nichts und niemand, auch nicht sich selber. Und da Earlyle die Juden humorlos nennt, io ist es auch begreiflich, daß er für Heine nur wenige und ziemlich wegwerfende Worte findet. Die vielnmstrittene Persönlichkeit Heines zum Gegenstand einer erneuten Diskussion zu machen, ist hier nicht der Platz. Aber zweifellos ist es jüdischer Humor, der ihn auözeichnet. und zweifellos hat dieser südischc Humor Heines nicht geringen Einfluß auf das zeitgenössische und auch manches spätere Schrifttum gehabt. Wer Heine wirklich kennt, der weiß auch den Humor dieses Dichters .zu würdigen. Witz, oft sehr boshastcr Witz, wenn man will, zeichnete M. G. Saphir ans. eine Gestalt in der Literatur der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, die im Humor dieser Zeit in dentschsprechenden Landen eine bestimmte und sehr gangbare Marke bedeutete. Tausende Witze wurden als „Witze von Saphir" kolportiert, werden es auch heute noch, ohne daß Saphir wirklich immer der Urheber gewesen ist. Aber es galt geradezu als ausgemacht, daß ein jeder guter Witz von Saphir sein mußte. Man weiß also nicht immer, ob alles authentisch ist, was man über ihn und von ihm erzählt. aber das allein ist schon ein Beweis von der überreich sprudelnden Quelle von Saphirs Humor, die der Heiterkeit von Generationen erfrischende Nahrung zu geben vermochte. Ueberfliegt man die humoristische Literatur des jetzigen Jahrhundert, so wird man ans sehr viel jüdisches stoßen: von den „Brettern, die die Welt bedeuten" bis zur stummen Leinwand lacht uns jüdischer Humor entgegen. Die Lustspicle von Qscar Jm'tinus. Blumenthal und Kadelburg — um nur zwei Beispiele zu geben — wieviel Tausenden, ja Millionen Menschen haben sie heitere Stunden bereitet? Wäre das möglich gewesen ohne sehr starke Dosen von Humor, von echtem Humor, der mit einem Auge weint, mit einem Auge lacht? Bon Chaplin wirb es bestimmt behauptet, von Jackie Coogan wird cs stark vermutet, daß sie jüdischen Stammes seien. Also auch jüdischer Humor. Der „Wiener Humor", der in Norddeutschland so sehr beliebt ist. er ist vom jüdischen Humor ebenso stark beeinflußt wie der echte „Berliner Humor." Man darf cs ruhig sagen, daß neben dem Nichtjuden Ludwig Glasbrcnner es zwei Juden waren die den deutschen und den richtigen „Berliner Humor" repräsentiert haben: Ludwig Kalisch. von dem selbst Meyers Lexikon sagt, er habe „ans dem Gebiete der humoristischen Ballade und Romanze Mustergültiges geleistet" viel mehr noch David Kalisch, der Begründer des später gern ein wenig antisemitelnden politischen Witzblattes „Kladderadatsch" Die typischen Gestalten des Blattes: „Zwükauör". „Karlchen Mießnick", „Müller und Schulze" sind Kalischs Erfindung. Was David Kalisch für die echt Berlinische Posse, das echt Berlinische Kuplct, also überhaupt sür den Berliner Witz und Humor bedeutete, ist sedcm Theaterkundigen und jedem älteren Berliner wohl bekannt. Die Bossen von Kalisch — es feien nur „Der Aktienbudikcr". „Berlin, wie es weint und lacht". „Einer von unsere Leut". „Der Goldonkel" erwähnt —- beherrschten viele Jahre die Berliner und die Provinzbühne. David Kalisch war Vertreter des echten Berliner Witzes seine Sprache wurde vom ganzen Volke verstanden, mitempfunden und fand Resonanz in aller Herzen und Gemüter. Der Humor des Juden David Kalisch. Der jüdische Humor ist später durch die Herrnfeldiaden und deren sich immer mehr verschlechternde Nachfolger bei anständig denkenden Christen und Inden in leider allzuoft berechtigten Mißkredit geraten. Aus Humor und witziger Satire sind rohe, geschmacklose und meist zotige Anrempclunaen geworden. Seit der jüdische Humor sich antijüdisch gibt, hört er auf, Humor zu sein. „Ter Humor ist leine Gabe des Geistes, sondern eine Gabe des Herzens." Das sagte in seiner Rede Gedenkrede ans Jean Paul der Jude Löb Barnch, bekannt als Ludwig Börne. ' . „That i8 mv frue humour" heißt es bei S-hakespcare in den „Lustigen Weibern von Windsor." Und das ist der wahre Humor davon . . . Der Humor in der Bibel. Von Dr. B. Werner. Humor in der Bibel? Wie kann man cs wagen, dieses tiefernste Buch, dieses Buch der göttlichen Offeubarung, der Religion und des Glaubens mit Humor in Verbindung zu bringen? Nur Menschen, denen das Wesen deS Humors gänzlich fremd geworden oder gar immer fremd gewesen ist, werden diese halb erstaunte, halb entrüstete Frage stellen. Wer aber begreift, daß der Humor nicht nur eine köstliche, sondern auch eine göttliche Gabe ist. der wird sich im Gegenteil wundern, daß die Bibel nicht noch mehr von diesem wunder, baren geistigen Stoffe enthält. . Das liegt aber nicht daran, weil etwa dem Humor kein Platz in der Heiligen Schrift gebühren würde, sondern darin, daß die Geschehnisse und anderen Inhalte dieies Menschenerzichungs-Bnchcs wenig Anlaß und wenig Raum zu einer humoristischen Färbung vdcr Betrachtungsweise bieten, Die Menschen- und Völkerschicksale. die in den biblischen Erzählungen behandelt und geschildert werden, sind durchwegs ernste, ja düstere, nicht selten schreckliche. Sunde iind Strafgericht kennzeichnen die Ereignisse, weder menschliche Verworfenheit noch Gottes Zorn geben Anlaß zu einer heiteren, zu einer humoristischen Anffassnng oder Bemerkung. Dennoch: des HumorS fröhliche Lebenskrait macht sich auch in der Bibel bemerkbar, wenn dieser Humor auch den etwas beißenden Beigeschmack der Ironie und des Sarkasmus besitzt. Selbst Moses, der strenge, tiefernste Lehrer und Führer seines Volkes, Moses fand Worte, die eine drohende Warnung in das Gewand einer spöttischen Ironie kleideten. . ,, , Der erste Teil der Bibel, die eigentlichen tuns Bücher Moses, enthalten allerdings sehr wenig Humor: nur ganz wenige Stellen sind es, die einen Schimmer davon zeigen. Zweifellos humoristisch ansznsasscn ist die Stelle^ da die Engel Abraham verkünden, er werde noch einen Sohn bekommen. _ Die Stelle (1. Mos., Kap. 18. V. 9—12) lautet:, „Da sprachen sie zu ihm: Wo ist Sarah, dein Weib? Er sprach: Sie ist im Zelte. Da sprach er tder Engel): Wiederkommen werde ich zu dir im Laufe der Zeit und siche: Einen Sohn wird Sarah, dein Weib haben. Und Sarah hörte es in der Türe des Zeltes, die hinter ihm. Aber Abraham und Sarah waren alt, in die Jahre gekommen, eö hatte ausgehört zu sein der Sarah die Weise der Weiber. Da lachte Sarah, in ihrem Innern sprechend: Nachdem ich gealtert, würde mir noch sinnliche Lust? Und mein Mann ist doch alt!" Der Humor dieser Szene wird noch deutlicher, wenn man in Betracht zieht, daß nach der biblischen Ileberlieferung Abraham hundert und Sarah neunzig Jahre alt waren, als die wunderbare Prophezeiung geschah. Als indes die Erfülluug des Wunders wahrscheinlich schien, da fürchtete sich Sarah ob ihres Lachens und sie leugnete es ab. Im allgemeinen ist aber in den Zeiten, über die in den fünf Büchern Mosis berichtet wird, den Menschen wohl das Lachen vergangen. Wir finden keine humoristischen Szenen mehr. Der Spott, mit dem Moses an zwei Stellen das Volk bedenkt, hat etwas sehr bitteres. Moses befiehlt im Namen Gottes dem Volke, den Sabbat und das Sabbatjahr innezuhalten und droht strenge Strafe au sür die Uebertretnng dieser Gebote: Wenn es die Sabbatrnhe arn siebenten Tage und im siebenten Jahre nicht halten werden, wenn sich das Volk den humanen Gesetzen des Sabbatjahres entziehen würde . . dann wird das Land abtragen feine Ruliejahre alle Zeit der Verwüstung, da ihr im Lande eurer Feinde. Dann ruhet das Land und trägt ab seine Rnbejahre. Alle Zeit der Verwüstung ruhet es, was cs nicht geruht in den Ruhejahren. da ihr darin gewohnt!" (3. B. Mos.. Kap 26, V. 34, 85.) Ironisch sagt der Führer: Wenn ihr dein Lande und euren Brüdern nicht den Labbat gönnt, io werdet ihr in Feindesland arbeiten müssen und euer durch die Feinde verwüsteter Boden wird ruhen und alle von euch verabsäumten Sabbate nachholen . . . 11 ud durch ein feines Wortspiel zeigt Moses einmal dem Volke die Strafe, die ihm durch Götzendienerec bevvrstünde: „Sie erzürnten mich durch eine Ungvttheit tw'lau cl). ich werde sie kränken durch ein Unvolk iw'lau um)!" — Sie dienten Göttern, die keine Götter sind, sie werden in Gewalt von Menschen kommen, die keine Menschen sind! l5. Auch Most. Kap. 32. V. 21.) Einen sicher etwas humoristischen Beigeschmack hat noch die Erzählung der Kundschafter, die Moses in das Land Kanaan gesandt hatte. ,.Das Land, das wir durchzogen, es zn erkunden, es ist ein Land, das seine Bewohner aufzehrt. Alles Volk das wir darin gesehen haben, es sind Leute von ungeheurer Länge. Wir sahen dort Riesen, die Söhne Enaks von den Riesen, und wir waren in unseren Augen Heuschrecken und also waren auch wir in ihren Augen."' Humor steckt auch in der Schilderung des Kampfes Simsans aegen die Philister. Tie Geschichte ist sogar sonst wenig Bibelkundigen bekannt: . . Und er fand einen frischen Kinnbacken eineö Esels und streckte aus seine Hand und nahm ihn und schlug damit tausend Mann. Und Simson svrach: Mit dem Kinnbacken eines Ekels einen Hausen, zwei Haufen, mit dem Kinnbacken eines EielS schlug ich tausend Mann." (Buch der Richter. Kap. 15, B. 15. 16.) Der Humor dieser Erzählnna wird noch erhöht durch daS Wortspiel mit bbamaur. das Esel und auch Hansen (vgll 2. Mas.. Kav. 8, V. 10) bedeutet. Wortspiele gibt es übrigens ösier. So sagt Abigail zu David: . . Nicht achte mein Herr aus jenen nichtswürdigeu Mann, auf Rabat, denn so wie sein Name, so ist er: Nabal (Tölvel) ist sein Name und Tölpelhaftigkeit ist in ihm* (1. B. Sam.. Kap. 25. B. 3.)

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