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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-10-01 · 40 (1.10.1926) · page 4

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
40 (1.10.1926)
Date
1926-10-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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fl BÜCHERSCHAU T Leiter auf dem Regenbogen „im Kamp! um den Zionismus“. Vor ungefähr 20 Jahren erschien ein Roman von Georg Engel: „Der Reiter auf dem Regenbogen“. Der so bezeichnele Titelheld plant, die verarmte Fischerbevölkerung (seine Landsleute) von der Ostseeküste-an die tropischen Gestade eines südlichen Meeres zu führen und ihnen durch den dortigen Fischreichtum zu günstigeren und glücklicheren Lebensbedingungen zu verhelfen. Aber bevor er noch seinen Plan praktisch in Angriff nehmen kann, erkrankt er schwer, sieht aber in seinen Todesphantasien seine Volksgenossen schon den Fischreichtum einfangen und hört ihre jubelnden Dankesrufe. An diese Figur darf man wohl durch den Inhalt der Broschüre „I m Kampf um den Zionismus“ nach einem Vortrag von Kurt Blumenfeld, herausgegeben von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, erinnert werden. Freilich, Kurt Blumenfeld ist gesund und munter und soll cs bis zu 120 Jahren bleiben. Es ist auch vollzogene Tatsache, daß der Zionismus einen kleinen Bruchteil des „jüdischen Volkes“ in Palästina angesiedelt und einem verhältnismäßig geringen Teil dieser Volksmenge zu einem menschenwürdigeren Dasein verhelfen, wie es die frühere Heimat bot. Aber — wenn man das kleine Heftchen durchliest, das gerade jetzt verschickt wird, wo die Wahrheit über die Zustände in Palästina immer mehr durchsickert, muß man den Eindruck gewinnen, als ob Kurt Blumenleid, der Generalsekretär der „Z. V. f. D.“, auf dem Rößlein Phantasie über einen am Himmelszelt sich spannenden Regenbogen munter dähintrabt und von dessen höchster Höhe die irdischen Dinge mit kurzsichtigem Menschenauge betrachtet. Wir wollen hier nicht wiederholen, was wir gegen den Zionismus schon so oft in diesem Blatte und auch Herrn Kurt Blumenfeld mündlich gelegentlich seines Vortrages in Breslau gesagt haben, sondern nur an einigen besonders prägnanten Stellen der Broschüre zeigen, wie phantastisch sich die Wirklichkeit im Kopfe des Verfassers spiegelt. — Kurt Blumenfeld spricht da gleich am Anfang von „der Gegnerschaft“ der Mächte des cntjuclctcn Judentums gegen den Zion i s m u s“. Er scheint völlig zu vergessen, daß diese „Entjudung“ im Grunde genommen Weiter nichts war wie die allgemeine Lösung vom religiösen Empfinden, die durch die materialistische Richtung während der letzten drei Jahrzehnte des verflossenen Jahrhunderts stattfand und seit Beginn dieses Jahrhunderts bei uns wie bei den anderen Religionen wieder aufgehört hat. Und weiter vergißt er, daß ein sehr großer Teil gerade der Zionisten sich dem religiösen Standpunkt gegenüber völlig ablehnend verhält und einen solchen höchstens als Mittel zu einem völkischen Zweck zuläßt. Sollte Kurt Bhimenfeld aber mit ..Eiitjudung“ das Abstreifen gewisser für das Weiterbestehen des Judentums völlig belangloser Aeußerlichkeiten meinen, so müssen wir das natürlich ablehnen. — Nach Kurt Blumenfelds Auffassung „blieb während des Krieges nur eine jüdische Macht aufrecht -7 die Zionistische Organisation“. Inwiefern sich diese als „Macht“ erwiesen, während die sogenannten „Zionisten“ für ihre Vaterländer heldenmütig kämpften und starben, zeigt der Verfasser nicht. Auch über die Tatsache schweigt er sich aus, daß durch die englische Mandats. Hoheit der palästinensische Bürger doch gewissermaßen englischer Untertan wird. Ebenso über die asiatische Politik, die nach einer etwaigen Loslösung vom englischen Imperium der Judenstaat (?) und seine vormals europäischen Bewohner einzuschlagen gezwungen sein würden. Er übersieht völlig, daß der Gegensatz zwischen Arabern und Juden nicht nur ein wirtschaftlicher, sondern auch ein solcher zwischen europäischer und asiatischer Denkweise und Kultur ist. Daß England zum großen Entsetzen der Aktivisten im Zionismus nicht daran denkt, Palästina zu einer, jüdisch-politischen Selbständigkeit zu verhelfen, erwähnt er überhaupt nicht. „Der geistige Inhalt des Judentums, der Extrakt aus der Ethik der Propheten und den wertvollsten Wahrheiten ocs jüdischen Schrifttums ist ihm ein blutleeres Gebilde, wenn es kein jüdisches Leben mehr gibt, das alle jüdischen menschlichen Gebiete umschließ t.“ Daß sich das Judentum jeden Tag und jede Stunde überall unter Juden und Nichtjuden zu betätigen Gelegenheit genug hat, daß es diese Gelegenheit seit ungefähr 100 Jahren genügend wahrgenommen, dafür scheint er keinerlei Empfinden zu haben. Seine Ansichten über den „Antisemitismus“ sind geradezu grotesk. Auf Seite 13 spricht er von den „naturgegebenen Gegensätzen“, also seiner Auffassung nach auch solchen in politischer Beziehung (wie wir. d. h. die Assimilanten, sie bestreiten), und auf Seite 15 fordert er trotz dieser Gegensätze für seine Anhänger völlige staatsbürgerliche Gleichberechtigung. Wer diese offenbare Ungerechtigkeit nicht als gerecht ansieht, ist in seinen Augen ein „Schwacher und Feiger“. Das viel näher liegende, viel weniger riskante, die ethische Wirkungskraft des Judentums viel mehr stärkende Projekt der Judensiedelungen in der Krim, das schon seit der kurzen Zeit seiner Ausführung so große Erfolge gebracht, wird von ihm mit einigen schwarzseherischen Worten abgetan. Daß der Generalsekretär der „Z V. f. D.“ für die sich in Palästina ergebenden wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten, die unerfüllten sozialen Hoffnungen der dortigen jüdischen Arbeiterschaft usw. nur einige belanglose Bemerkungen hat. ist taktisch erklärlich, weil ein näheres Eingehen auf diese Materie in einer Werbeschrift übel angebracht wäre. Aber diese Taktik eben muß den eingangs geschilderten Eindruck der Unwirklichkeit erwecken. Doch was berechtigt Kurt Blumenfeld.zu der Behauptung, daß „Palästina das Kollektiverlebnis des jüdischen Volkes sei, daß nur dort das Judentum geistig erneuert werden könne“? Hat sich dort auch nuj irgendwo irgendwelche geistige Erneuerung oder Einigung vollzogen? War bei der pomphaften Eröffnung der jüdischen Universität in Jerusalem deren unbedingt erstes und wichtigstes Fach, die Religionswissenschaft, schon vorhanden? Dafür gibt es aber dort nicht weniger als drei verschiedene „Schechitahs“! Das ist das Ergebnis in religiöser Beziehung! Nicht einmal die Orthodoxie hat sich auf dem geheiligten Boden von Erez Jisroel auch nur in diesem einen Punkte einigen können. Von den wirtschaftlichen Erfolgen wollen wir hier nur in kurzem sagen, daß alles dort Geschaffene auf europäischen bzw. amerikanischen Faktoren beruht. Daß nichts dort entstanden, was nicht schon Judengeist und Judenhände in gleichem Umfang im Galuth hervorgebracht haben, ohne den Einfluß des in der geistigen Erinnerung auch für uns heiligen Boden Palästinas. — Noch einige Worte zu den Lyrismen und Zitaten, die Kurt Blumenfeld anwendel. „Mirjams Schlaflied“ von Richard Beer-Hofmann rührt auch an unser jüdisches Herz. „Blut von Gewesenen — zu Kommenden rolll’s!“ Aber dia „Kommenden“ waren, sind und werden immer anders sein wie die „Gewesenen“. Das ist ewiges Gesetz der Entwicklung, und wir wollen vorwärts zu den „Kommenden“, nicht zurück zu den „Gewesenen“ — im Gegensatz zum Zionismus. Und wenn Kurt Blumcnfeld den Ausspruch eines liberalen Führers erwähnt: „Der jüdische Mensch ist nicht 50, nicht 100, nicht 200 Jahre, er ist 2000 J ahre, alt!“, nun dieser Ausspruch sagt mit vollem Bewußtsein 2000 Jahre. Das heißt; nicht seit 3500 Jahren, also seit dem Auszug aus Aegypten, sondern erst seit 2000, nach Beginn des Galuth mit der Zerstreuung Israels unter die Völker und der völligen Abstreifung des Nationalen, begann der jüdische Mensch und seine Mission. Und nun gar der Satz: „Mir fehlt nichts, ich lebe ja inmitten meines Volkes!“ (Seite 20). Die deutsche Judenheit hat nach ihm gehandelt, hat sich zu ihrem Vaterland bekannt, als dieses in Not und Bedrängnis und lieber solche auf sich genommen, aber den zionistischen (1919 noch gültigen) Grundsatz der Geltung für eine nationale Minderheit abgelehnt. Alles in allem: die Werbeschrift des ,.Z. V. f. D.“ wendet sich an die von der Wirklichkeit abzulenkende Phantasie, nicht an Herz und Verstand des deutschen Juden. Sie ist im großen und ganzen nicht unvornehm geschrieben, nur eine Stelle bedeutet einen Rückfall in die (oft sehr üble) zionistische Kampfesweise- Auf Seite 8 sagt Kurt Blumenfeld, daß „der Antizionismus verurteilt sei, eine Thersit es rolle zu spielen“. Wir hätten dazu hier Gelegenheit gehabt, denn die Versendung dieser Broschüre zu einer Zeit, wo die Dinge in Palästina so im argen liegen, wo Tausende von Chaluzim (ob mit Recht oder Unrecht) mit enttäuschten Hoffnungen „inmitten ihres Volkes leben“, hat eine große Aehnlichkcit mit den Berichten der Nachrichtenabteilung im Kriege in der Zeit der großen Niederlagen. Wir lehnen aber diese Auffassung ah und geben die Schuld dem „Reiter auf dem Regenboge n“. Hoffentlich wird er von der Höhe seines luftigen Phantasiegebildes sanft und allmählich wieder auf den Boden der Wirklichkeit hinabgelangen, ohne durch stürmische politische Ereignisse oder bedeutende Verschlimmerung der wirtschaftlichen Lage in Palästina abzustürzen. Denn das letztere würden wir als einen großen Schaden für die gesamte, also auch für die deutsche Judenheit ansehen. J. Wolfssohn, Breslau. Mitglieder, zahlt Eure Leiträge! Hn das Der Verein selbständiger Handwerker jüdischen Glanbens, e.V., Berlin hat in seiner Organisation alle Berufe vereinigt und ist jederzeit in der Lage, leistungsfähige Handwerksmeister nachzuweisen. Geschäftsstelle: Louis Wolff Amt Königstadt 2490 wor Berlin NO 18 — Gr. Frankfurter Straße 80/81. Amt Königstadt 2490 r jüdischen oooooooo^oooooooooooooooooooooo Malerarbeiten jeöer fixt führt aus 6 Robert Gutheim % ßtrlm tt>50, Culmbacher Straße 7 X Lützow 6260 § — Kostenanschläge gratis. - oqooq^ooooooooooo<x>ooo<xxxxxx>o<> Theater am Nollendorfplatz Gastspiel des Moskauer Künstleitheaters „Habima" Eröffnungsvorstellung: Freitag 1 .Oktober?'Mr „Dutoulc” Dramatische Legende von An-Ski Regie: E. Wachtangoff Ab Sonnabend 2. Oktober: Tfigiich 8 Uhr louis Wofifif Tapezierermeister und Dekorateur NO 18, Gr. 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Fasson v. 30 M., Entstauben, Dümpten, Bandbügeln 2 K„ Reparieren, Reinigen, Entstauben, Dümpten' Bandbügeln T.3.75IL, Wendea,Knnststopfen billigst Fr Ueter. Filiale: Mag udastr.ld Te l. Mercur 8177. Bei direkter Bestellung bei der „Jüdisch-liberalen Zeitung“, Berlin SW 46, Wilhelrastr. 147, können nachstehende Bücher zum angegebenen Vorzugspreis Vorzugspreis: bezogen werden: Vorzugspreis: LEHMANN Sptüche der Väter, 3Teile, statt Mk. 21. — Mk.15.— Rabbi Josclmann, 2 Teile, statt Mk. 12. - Mk. 9,— GEDENKBUCH Semitic studies in memory ol i t.irL- Mk. s- Dr. Alex Kohut, geb., statt Mk. GEDENKBUCH zur Erinnerung an Prot David Kaufmann, mit wissenschaitl. Beilagen bedeut. Gelehrter statt Mk. 12. - Mk. 9.- ^■;W^tiw*if?«w*iif.Mrt>>tei»iiRi»*i<w>M>«wm»iw»AMiiniiMteiii*daum n»np .. „i, i»tn HII iln > ||l l|!i|RiIJH,lwP,Mn'pnim!i MIMMMMIMMMWWIMWMMWV Der Betrag ist unter Angabe des Zweckes auf das Postscheck-Konto der Vereinigung für das liberale Judentum E. 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