Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 40 (1.10.1926)
- Date
- 1926-10-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I mm ®ahr«, ftic seine Darstellung so lebendig machen. Luch Lte Gewandtheit des Journalisten ist wohl jüdisches Erbgut» und die IesHiwaS unserer Väter, deren Landau tu -Äl» reichen Plaudereien gedacht hat. sind ihr eigentlicher Ur. formte. Und Landau ist einer der bedeutendsten Journa- Wen - sein Bild ist auS der Geschichte des Aufstiegder berliner Presse nicht wegzudenken. , Immer emsig, immer Serstretch die Form seines Lebensumgangs und die Form seiner Aufsätze, die ihm. dem charmanten Plauderer, mühelos rn die Feder fließen. Unter seiner Leitung hatte der »Berliner Börsencourier". dessen Chefredakteur er jahrzehntelang war. das beste Feuilleton. Die „Jüdisch-liberale Zeitung aber ist Isidor Landau zu besonderem Dank verpflichtet. Obgleich er auch nach seinem Ausscheiden aus dem „Börsencourier" als Leiter der Berliner Fremüenverkehrsstelle und der Zeitschrift „Die Welt auf Reisen" als gesuchter Berkehrsfachmann, stark über-. lastet war. hat er unserem Wunsch nach Mitarbeit stets ent, sprochen. Immer hilfsbereit, hat er uns mit seinem wertvollen Rat nie im Stich gelassen. Unschätzbare Dienste hat er uns in den schweren Jnflationsjahren geleistet. Unsere Leser werden sich noch mit Vergnügen seiner geistvollen Ausführungen erinnern, non denen „Die Juden in der deutschen Literatur", „Ulrich Frank zum Gedächtnis". „Durch die Taufe zum — Judentum", „Ferdinand Lassalle" nur ganz wenige Beispiele darstellen. In den Erzählungen, die er bei uns veröffentlicht hat, hat er liebenswürdige Schilderungen deS jüdischen Lebens gegeben. Und wie dieser Mann schildern kann! Das kann nur der ermessen, der ihn einmal, am Vortragspult gesehen hat. In allgemeinen Versammlungen oder an jüdischen Abenden, etwa im „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" oder im „Jüdisch-liberalen Jugendverein". Wie sein Witz da funkelte! Ost als scharfer Kritiker einherschreitend, aber immer mit dem versöhnlichen Ausklang. und nie gehässig und verletzend: echt jüdischer Witz. So haben wir Isidor Landau kennengelerrit, als Schriftsteller und im Privatleben. So sehen ibn alle seine Kollegen, von denen keiner ihm feind ist. und alle Berliner, die die Entwicklung der Presse der Reichshauptstadt aufmerksam verfolgt haben. Ihre Wünsche vereinigen sich mit denen der Redaktion dieser Zeitung dahin, -aß dem schöpferischen und sonnigen Lebensmittag Isidor Landaus ein ebenso glücklicher Lebensabend an der Seite seiner verehrten Gattin folgen möge. Dr. Botho Laserstei«. Belgisches Judentum und liberales Judentum. Von Rabbiner David B e r m a n . Brüssel. Gibr es in Belgien ein liberales Judentum'? Gewiß, mit Ausnahme unserer Glaubensgenossen aus dem östlichen Europa, wozu nahezu die Gesamtheit der jüdischen Bevölkerung von Antwerpen und ein gut Teil per Brüsseler Juden schärt, sind alle, die sich iroch zum Judentum bekennen, liberale Juden, aber auf ihre Art und Weise. Das heißt, ihrem Liberalismus liegt keine Ueberzeugung zugrunde, sie haben dabei keine anderen Richtlinien, wie Gleichgültigkeit und Sichgeheulassen: sie nehmen mit dem Judentum alle Freiheiten vor. die ihnen gefallen, und zwar, indem sie sich auf das konservative Judentum und aus die Ueberliefernna berufen. Aus Gründen der Tradition geben sie sich nicht mehr die Mühe, mit „Karvana" zu beten, sie ziehen es vor. einen Offizianten hebräisch, das sie nicht verstehen, vorbeten zu hören, sich die Mühe zu nehmen, in verstandener Sprache rl.re Gedanken und Gefühle auszusprechen — sie fürchten dawohl. Verbindlichkeiten etnzugehen. Aus Gründen der Tradition lesen sie auch die Bibel nicht, denn diese Tradition erlaubt ihnen, sich mit dem Vorlesen des jüdischen Textes aus der Thora zu begnügen, ohne auch nur zum Zuhören zu nötigen. Aus Gründen'der Tradition bringen sic an jedem Morgevgottesüienst die l'■< Thora Auslegungen des Rabbi Jsmael in Erinnerung, zu denen sie aber keine Zuflucht i nehmen, wenn sie selbst einmal eine Vibelstelle übersetzen.« solle», und desgleichen alles andere. - GS gibt wohl hier und La Vereinzelte, die einen Kultus halben möchte», Ler unserer wirklichen, gegenwärtigen Lebensweise entspricht, aber das sind einige Alleinstehende, unter Lenen eS keinen gibt, der glaubensstark genug ist und genügend Begeisterung für die Sache hat. um Gleichgesinnte mn sich zu gruppieren und gemeinsam mit ihnen zu handeln. Man muß auch sagen, daß die Organisation des Kultus in Belgien zentralisiert ist. und daß nichts ohne die Einwilligung des Zentral-Konfistorimns und des Grotz-Rabbiners von Belgien erreicht werden könnte. Damit aber diese den liberalen Forderungen Rechnung trügen, was sie schon hinsichtlich der Ansprüche der Orthodoxen taten, müßten sie einem sehr festen und entschiedenen Willen begegnen. Und woher wird dieser kommen? Dem Liberalismus ist nicht die Orthodoxie hinderlich, deren Vertreter nahezu einzig und allein die Inden des östlichen Europas und einige Holländer sind, sondern es ist die Gleichgültigkeit der großen Masse der westlichen Juden. Es gibt keine öffentliche, jüdische Meinung über die Religionsfragen, und da Religion in Belgien nicht obligatorisch ist. obgleich sie mit Staatsgeldern unterstützt wird, so geben sich die Leute gar nicht die Mühe, sich damit zu beschäftigen. Es gibt auch eine Klasse von Glaubensgenossen, die die Nützlichkeit der Religion theoretisch anerkannt haben. Diese ähnelt der katholischen Aristokratie, wo man die Religion zur Selbstverbesserung für nötig hält und sich ihr äußerlich unterwirft, wie man sich den weltlichen Schicklichkeiten unterwirft. Aus diesem Grunde halten es die Mitglieder dieser Kategorie für schicklich, am ersten Ostertage. am ersten Rofchhaschano und Jomkippur in der Synagoge zu erscheinen. Unter ihnen gibt es sogar einige, die sich damit begnügen, ein für allemal im Jahre nur der Totenfeier beizumohneu. Da nach ihrer Auffassung die Reliigion grundsätzlich aus Regeln und Versicherungen besteht, die mit der Vernunft nichts zu tun haben, so gibt es für sie auch keinen Grund, das Bestehende ändern zu wollen und das. was immer gewesen war, anzufechien. Sie vergeffen dabei, daß solche Gebräuche wie die Totenfeier, auf die sie am meisten Wert «legen, oder die Einweihung der Kinder, von liberalen Rabbinern, wie Carmoly und Astrne eingeführtc Aenberungen sind. Aber für sie beginnt die Tradition mit dem Tage, wo sie die jüdischen Gebräuche zum erstenmal ausgeübt sahen. In ihren Augen heißt liberal — weniger fromm und «orthodox sein, und da. nach ihrer Ansicht, cs ja Rabbiner und «Offizianten gibt, um speziell fromm zu sein, so müssen diese «pflichtgemäß orthodox sein. Die andern können sich damit begnügen, liberal zu sein. Ueberall sind die Menschen oberflächlich und werden sie von äußerlichen Timen beeinflußt und zum Narren gemacht. Eine andere Kategorie sagt, man kösinc den wahren Juden nur in den russischen und holländischen Ghettos antreffen, und seitdem sie bei den Westjuden weder deren Physiognomie > noch deren Gesten mehr sehen, meinen sie. es gäbe kein j Judentum mehr. Nach ihrer Meinung macht die äußere; Seite das Wesen des Judentums aus und nicht die Grundsätze und Ideen, und darum halten sie sich an den Zionismus, und darum sagen sie: das organisierte liberale Judentum fei etn Hindernis für den Zionismus und es führe zur Assimilation. Wahrlich, die so sprechen, sind viel mehr assimiliert als alle andern. Sie haben vom Inden nur die Behauptung, es zu sein, leben aber mit denselben Sorgen, denselben Vorurteilen. denselben Ueberzeugnngen und denselben Ideen, «wie ihre nichtjüdischeu Nachbarn. Was sie noch an Ghetto- Gewohnheiten oder an jüdischem Bolksgefüül besitzen, ist Sache einer oder zweier Generationen. Das sichtbare Ergebnis dieser Situation ist. daß die Jugend sich mehr und mehr vom Judentum und von jüdischen entfernt. Die Eltern meinen, die Tatsache, als Jude geboren «zu fein, bewahre in ihren Kindern auch ihre indischen Eigenschaften. Sic vertrauen der Rasse, d. h. dem ungeistigen Fleisch, das sie nicht mehr vergeistigen wollen. Aber sie ziehen nicht in Betracht, daß. wenn sie selbst auch, trotz Ablegung ihres jüdischen Glaubens, noch ein wench jüdische i Empfindung in sich Lewatzrterr. «eil st« so-usagen nicht auS ihrer Haut können, es mit ihren Kindern etwaanderes sst. Die ganze Welt der Eindrücke und Sensationen, die die Eltern in sich anfnahme». existiert für ihre Kinder nicht. Eine andere Form wird sie prägen, nämlich -amoderne Westleben, das aus sich allein ihnen nichts vom Juden geben wird. Schließlich gibt es wohl Personen, die dem liberale» Judentum Sympathie entgegen bringen, aber diese finden es bequemer, die Dinge so ja lasten, wie sie sind. Ein konservatives Judentum, mit Namen: das Joch der Thora, das Ol Thora, lastet nicht schwer auf einem. Je nach Wunsch nimmt man cS auf oder läßt eS liegen, und gewöhnlich ge-« schieht Las letztere am häufigste«. Im Gegenteil: der Liberalismus schreckt ab. da er neue Aufgaben «»kündigt, wäre das auch nur ein häufigerer Besuch deS Gottesdienstes und die Notwendigkeit, die Grundsätze und Pflichten der Religion ernsthafter zu nehmen. In einer Gemeinde, wo ich früher das RaMneramt bekleidete, war dies auch der Grund, daß man der freisinnigen Umgestaltung der Gemeinde entgegentrat. Der Liberalismus stellt größere Ansprüche an die Leute, da er Aufrichtigkeit. Ernst und Bemühung verlangt. Es steht in Belgien noch ein Umstand der Einrichtung eines liberalen Judentums entgegen, nämlich daß — in einer Gemeinde wie Antwerpen — das Ostjudentum die Herrschaft an sich «eristen und selbst die, die eS nicht mögen, dem Zionismus zugeführt hat. Die Hauptgemeinde in Brüsiel, die schon genug Mühe hat. mit der tatsächlichen Zahl ihrer Mitglieder auszukommen, schreckt vor allem zurück, was wie Teilung aussieht, ganz abgesehen davon, daß die Zentralbehörde bei -er Gleichförmigkeit ihre Rechnung findet. Indessen hat es auch Zeiten gegeben, wo die Brüsteler Gemeinde von großen liberalen Rabbinern geleitet wurde. Aber die Anordnung Carmolys. die den Gottesdienst verkürzte und alle Pintim radikal strich, ist schließlich in Vergessenheit geraten. Einige Gebräuche, wie die Einweihung der Kinder und die Formel-Aenderung des Kol Nidre sind jetzt vom Oberrabbiner Astrue «ingeführt. Das ungewisse Leben. Eine einzige Sache scheint sich notwendigerweise durchsetzen zu sollen, das ist der Freitagabend-Gottesdienst zu einer festgesetzten Stunde das ganze Jahr hindurch tscchs Uhr), was indessen von einem konservativen Rabbiner angeordnet wurde, dem Großrabbiner Armand Bloch, dessen Verlust beklagt wird. Alle Bemühungen des Liberalismus werden von den beständig zustrvmenden Ghetto-Kindern zunichte gemacht. In Erwartung der abtrünnigen Jugend. Die Eltern glauben, ihre Schuldigkeit getan zu haben, wenn sie ihren Kindern sagen, sie sollten der Religion folgen. Aber sie erklären ihren Kindern die Religion nicht, oder sie erklären sie ihnen ans schlechte Weise. Die Kinder sollen eine Tradition fortführen, die alles um sie herum bekämpft. Und während das Leben tote Blätter hinwegfegt, ist es uus versagt, unsere Erde umzugraben, um neuen Samen zu pflanzen.' Kalendarium für die Zeit vom 2.ia.d.s.io.is26. Oktober 1926 1_Tilchri 8687 1 Sonnabend 2 24. Neumondweihe Wochenabfchnitt: B'refchith Haftarah: Jesaia 42,8—25,43,1—10 Sabbat-AuSgang: 0,25 Uhr Sonntag 3 25. Montag 4 26. Dienstag 5 27. Mittwoch 6 28. Donnerstag 7 26. 1. Tag Rofch Ehodesch Eheschwa« 5887 Freitag 8 30. Sonnabend 9 1. 2. Tag Rofch Choöesch ' Wochenabfchnitt: Noach Haftarah: Jesaia Kap. 66 Sabbat-Ausgang: 6,09 Uhr Vary mit der Aufklärung der Angelegenheit betraut. Barn konferierte lange mit Herrn von Ouody. und machte sich dann an das vierjährige Söhnchen des jüdischen Temveldicners namens Scharf heran, aus dessen kindlichem Geplapper er bald die „Ueberzeugung" gewann, daß niemand anders, als die Juden, die arme Esther zu rituellen Zwecken abgeschlachtet hatten. Er erfuhr aber auch, daß der kleine Scharf einen älteren Bruder namens Moritz hatte, dex bereits 13 Jahre zählte und damals in Ungarn schon eidesmündig war. — Dem sauberen Herrn Barn kam es nun darauf an. ein eidliches Geständnis dieses Knaben zu erholten. und er ließ ihn verhaften, in Ketten nach der Kreisstadt schassen. — Natürlich konnte der Junge, trotzdem er blutig geprügelt wurde, nichts gestehen, weil er einfach nichts wußte, auch andere Folterungen schlimmster Art. von denen Kostcntzieiiung noch die harmloseste war. führten zu keinem Ziel. — Da versuchte cs Barn aus andere süx ibn glücklichere Art und Weise. — Er versprach dem Kinde, dem der Hunger in den Eingeweiden wühlre, daß es nicht mehr geschlagen würde, gut zu essen erhielte und daß der Staat für seine Zukunft Sorge tragen würde, wenn es ein Geständnis machen wollte, — daß cs aber öct weiterem Leugnen — lebendig begraben würde. — Dieses „vornehme" Mittel hals. — Der Knabe gab zu. daß mehr als ein Dutzend Juden, darunter auch sein eigener Vater, die kleine Esther in der Synagoge abgeschlachtet hatten, er selbst habe den ganzen Vorgang durch das Schlüsselloch des Tempels von Anfang bis zu Ende mitangesehcn. Barv triumphierte. er ließ die namentlich angegebenen „Mörder" verhaften nnd hatte cs verstanden, den armseligen Moritz Scharf derart zu hiwnvtisieren. daß dieser seine grauenhafte, vollständig aus den Fingern gezogene Anschuldigung auch in der Gerichtsverhandlung aufrecht hielt. — Tic Sache stand für die beschuldigten Juden bereits reckt bedenklich, als der Verteidiger den Antrag stellte, eine Lokalbesichtignna in Tifza Esszlar vorzuuehmen. ein Antrag, den selbst der Vertreter der Airklagc unterstützte. — Das^ Gericht gab ihm statt und Moritz Scharf wurde vor das Schlüsselloch der Tcmpeltür postiert und «rusgefordert. alles zu berichten. was er int Innern der Synagoge sehen würde. — Weder er. noch die Herren vom Gericht konnten aber^durch das Schlüsselloch auch nur einen einzigen Blick tu das Synagogenittncrc werfen, und sämtliche Angeklagten, die länger als ein Jahr in Untersuchung schmachteten, wurden treigesprachen. — Trotz des Freispruchs wurde der Tisza Eszlarer „Ritualmord" in propagandistifch-antssemitischer Weise ausgeschlachtet. er gab den Auftakt zu zahlreichen, blutigen Pogromen. die erst mit militärischer Hilfe unterdrückt werden konnten. Ein ähnlicher Fall ereignete sich kurze Zeit später in Deutschland, und zwar in «dem Torfe Skurcz bei Preußisch- Stargard. — Der 11jährige Onophrius Eybulla war beim Gastwirt Cappa beschäftigt und verdiente sich auch etwas nebenher mit dem Verkaufe von Ziegenfellen. An einem Januarmorgen, des Jahres 1884 wurde dieser Cybulla auf einer Wiese ermordet ausgcfunden. - Tie Leichenschau ergab eine verdächtige Blutleere des Leichnams, dem durch einen starken Schnitt m>t einem scharfen Schlächtcrmesser der Hals durchgetrennt war. Die Oberschenkel und Kleider fehlten, die Schenkel waren in überaus kunstgerechterweise, wie es nur einem Chirurgen oder einem Fleischer zuzutrauen war. aus den Hüftgelenken gelöst worden. Da die Sachverständigen sich gegen einen Lustmord oder gar Raubmord entschieden anssprachen, mußte natürlich ein „Ritualmord" in Frage kommen, und da nach der Lage der Dinge, die Tat selbst nicht an der eigentlichen Tatstelle verübt morden war. konnte niemand anders als Täter in Frage kommen, als der jüdische Schlächter Blumenheim in Sknrez. — Zu seinem Glück konnte der Schlächter jedoch den Nachweis führen, daß er in der fraglichen Zeit nickt in Skurcz mar. und bald fand ssch auch ein Zeuge, der den jüdischen Handelsmann Jofephsvhn nach der Mordtat mit einem Sack gesehen haben wollte. — Daraufhin wurden Josepbsohn und noch zwei Inden namens Boß «Vater und Sohni verhaftet. —Doch als ein Berliner Kriminalkommissar mit anerkennungswerter Geschicklichkeit die weiteren Ermittlungen in die Hand nahm, fiel der Zeuge nur und erklärte, er habe sich geirrt, nicht Josephsohn sei der Mann gewesen, den er gesehen hatte, sondern der christliche Flcischermeister Behrendt, man habe ihn ersucht. Josephsohn zu beschuldigen, er würde viel Geld bekommen. usw. Behrendt war einer der Hauptschreier in der Sturezer Ritualmord lüge, er hatte sich aber selbst durch Bemerkungen dringend verdächtig gemacht, außerdem über seinen Aufenthalt am Mordtage sich in Widersprüche verwickelt. AuS diesem Grunde wurden die drei Juden in Freiheit gefetzt nnd Behrendt des Mordes angeklagt. Er mußte sich im April 1885 vor einem Tanziger Geschworenengericht verantworten. — Die Beweisaufnahme ergab bald die völlige Schuldlosigkeit der knapp ein Dutzend Familien zählenden iüdifchen Gemeinde. — Wer sie reichte auch nicht hin. den Behrendt, der als ein gewalttätiger Trinker bezeichnet wurde, derart zu belasten, daß «eine Verurteilung erfolgen - konnte. Nach dem «Uten juristischen Grundsatz „in dubio pro reo" mußte Behrendt frcigesprvchen werden. Tenn mit der Möglichkeit, daß ein dritter als Täter in Frage kommen konnte, hatte das Gericht immerhin zu rechnen. — Tie rätselhafte Tat harrt heute, nach mehr als M Jahren, noch der Aufklärung. — Ein recht ähnlich gelagerter -Fall, wie der eben geschilderte. betrifft den sogenannten Raubmord von Lauten. — Lauten, ein kleines Ltädtchev in der Rheinprvninz. unweit der holländischen Grenze, war bis dato cingenklich nur den Rätselratern bekannt, ivcil es den seltenen Vorzug hatte, mit dem Buchstaben L geschrieben zu werden. In den August- und Septembertagen des Jahres 189i stand es im Mittelpunkt sensationeller Begebenheiten. In den Straßen der Kleinstadt war Rin Judenkrawall ausgebrochcn. wie ihn Deutschland in den letzten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhundert nicht mehr erlebt hatte. Die Wohnungen und Läden der Juden wurden mit Steinen bombardiert und verwüstet. die jüdischen Einwohner, die bisher mit ihren christlichen Mitbürgern in vollster Harmonie gelebt hatten, auf offener Straße gehetzt und schwer mißhandelt. Folgendes hatte sich ereignet: „Am Peter-- und Paulstag fand man abends in einer dem Herrn Küppers gehörenden Scheune die Leiche des fünfjährigen katholischen Knaben Johann Hegmann. Die Kehle des unglücklichen Kindes war bis auf den Halswirbel glatt durchschnitten. Auch hier war I es ein ehemaliger Metzgermeister. Jun-kcrmanu hieß der I Ehrenmann, der bald im Brustton der Ueberzeugung erklärte, cs handele sich um den „typischen Ritualmord". Ties bewiese schon der kunstgerechte Schlächtcrschnitt. Als einzig möglicher Täter käme der „Schochet" Buschhoff der jüdischen Gemeinde in Frage. Wie in anderen ähnlichen Fällen, so meldeten sich auch hier bald Zeugen, die wichtige, belastende Aussagen machen konnten. Ein nahezu 70jähriger TrunkeMold und ein Junge von noch nicht zehn Jahren szwci geradezu ideale Zeugen!?) wollten gesehen haben, daß der ermordete Hegmann in den Buschhoffschen Laden hincingezogen worden sei. und daß die Tochter Bnschhoffs einen schweren, in ein Tuch eingewickelten Gegenstand, in die Küppersche Scheune getragen habe. Auch Buschhoff selbst, hatte ssch nach Aussagen anderer Zeugen dadurch verdächtig geuracht, daß er beim Bekanntwerüen der Mordtat lebhaft erschrocken sei und sich strikte geweigert habe, die Scheune mit der Leiche zu betreten. Daß ihm als Angehöriger des jüdischen Priesterstammes der Zutritt in einen Raum, in dem sich Tote befinden, nicht gestattet sei. war natürlich »ur eine vom SchuMewußtsein diktierte Ausrede. Die Hetzereien des Junkermann und Konsorten hatten aus die sonst harmlos fröhlichen Rheinländer eine derartige Wirkung, daß Eigentum imd Leben der Juden in schwerste Gefahren kam. und militärische Hilfe in Anspruch genommen werden mußte, um in Xanten wieder notdürftia Ordnung und Ruhe zu schaffen. Die jüdische Gemeinde bat um die Gestellung eines Berliner Kriminalkommissars auf ihre Kosten, und der abkommandierte Kriminalkommissar Wolf beschäftigte sich mehrere Wochen mit dem Fall, um schließlich > Buschhoff mit Frau und Tochter zu verhaften. Die Gerichtsj behörde entließ sie zwar bald, verhaftete Buschhoff aber An- I fang 189.' von neuem, und zwar auf Grund eines Gutachtens des damaligen Kreisphysikus in Mors, der die Möglichkeit einräumte, daß der Mord wohl mit einem Schlächtermesser Bnschhoffs ausgeführt werden konnte. Buschhoff mußte sich anfangs Juli in einer mehrtägigen Gerichtsverhandlung wegen Mondes vor dem Schwurgericht in Cleve verantworten. In dem hochinteressanten Prozeß kamen eine Anzahl Gutachter, darunter katholische Geistliche, zu Wort, die sämtlich den Ritualmord für Schwindel erklärten. Außerordentlich geschickt arbeitete die Verteidigung, sie hatte aber insofern keinen allzu schweren Stand, als ses muß dies zur Ehre der deutschen Richter gesagt werden) das Gericht von der Schuld deö Angeklagten Buschhoff so wenig überzeugt war. daß nach Schluß der Beweisaufnahme der Staatsanivalt selbst einen Antrag auf Nichtschuldia stellte. Die Sympathien der breiten Massen standen ebenfalls-es mutz ehrlich festgestellt werden. — auf Seiten des grundlos verdächtigten Dkannes. und als die Geschworenen ihr Verdikt auf Lttchtschuldig abgaben, brach im Gerichtssaal ein Beifallssturm los. wie man ihn dort wohl noch nie gehört hatte. Der eigentliche Täter ist auch im Lantener Falle nie ermittelt worden, und seine Tat forderte, wenn auch indirekt, noch ein zweites Opfer. Buschhoff konnte und wollte nach Lauten nicht mehr zurückkeyre«. Lessen Pöbel «ein Besitztum sinnlos zerstört hatte. Er zog. durch mildtätige Sammlungen unterstützt, nach Köln, kränkelte dahin und starb wenige Jahre nach Abschluß des Prozesses. t