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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-10-01 · 40 (1.10.1926) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
40 (1.10.1926)
Date
1926-10-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Von solcher Hoffnung Kat sich gewiß auch der Präparaudenlehrer B. Hirnheimer in H öchberg bei der Abfassung seines unter obigem Titel gedruckt vorliegenden Referates* *) leiten lassen. Der Verfasser setzt dem hebräischen Unterricht daS Ziel, die Kinder zu befähigen, sich in den hebräischen Text h i n - e inzufühlen*) und auS ihm heraus unmittelbar seine Gedanken zu erkennen, und führt, sich auf wissenschaftliche Literatur stützend, etwa folgendes aus: Der ArbettSunterricht darf vom Kinde nichts verlangen, was nicht seiner n a t ü r l i ch e n Entwicklung entspricht; er mutz ihm ein Material zur Arbeit vorlegen, mit dem es arbeiten kann und gerne arbeitet, und mutz es an eine Form des Arbeitens gewöhnen, die dem Stoffe natürlich angepatzt ist, so daß der Erwachsene sie später gerne weiter anwendet. Auch im hebräischen Unterricht mutz möglich sein, was man beim Erlernen der Muttersprache beobachten kann: dah j „ö!'" d) die beiden Momente fehlen, die den Sprachunterj ricyt den Schülern oft so verhaßt machen: das Lernen von Vokabeln durch mechanisches Wiederholen und das bewutzte Anwenden von grammatischen Regeln. Auch die Art, wie sich die Weiterentwicklung des Verständnisses der Schriftsprache vollzieht, mutz der Methode des Hebräischen die Wege weisen. Da treten beim Lesen und Hören von Sprachganzen, eingekapselt zwischen bekannten Wörtern, die mühelos die zugehörige Vorstellung reproduzieren, neue unbekannte Wörter auf. Zum Teil liegen diese so sehr innerhalb der ausgelösten V. o r st e l l u u g s r e i h e, d a tz sie ohne weiteres dem Sprachschatz ein verleibt werden, zun, Teil bedürfen sie einer Erklärung durch bereits bekannte Wörter und werden dann assimiliert. Es genügt, daß das Wort ein oder einige Male im Zusammenhang verstanden worden ist, um dauernd behalten zu werden. Die Erlernung einer Fremdsprache ist nicht auf den Umweg über die Muttersprache angewiesen. Ja, die Zuhilfenahme derselben bedeutet einen gewaltigen Energieverlust, da durch sie viele unerwünschte Assoziationen anstreten, die erst wieder zurückgedrängt werden müssen, ein Vorgang, der di« Wirksamkeit de- Gedächtnisses erschwert. Der einzuptägende Wortschatz ist gar nicht so groß, wie eS den Anschein hat. Auf Grund von Untersuchungen, die in bezug auf die deutsche Sprache vorgenommen wurden, kann man sagen: wer etwa 320 der am meisten auftretenden Wörter einer Sprache beherrscht, kann etwa 72 Prozent aller in dieser Sprache vorkommenden Wörter. Demgemäß müssen im Hebräischen in einem Vorkurs erst die vielleicht 400 hochwertigsten Wörter durch direkten Gebrauch ein geprägt werden. Dann folgt mit Hilfe des erworbenen Wortschatzes das Hineinleben tn die Sprache. Das geistlose Memorieren von Vokabeln ist eine überflüssige Kraft Verschwendung. Nur wenn das Wort wieder und wieder in nicht zn langen Zeitabständen anftritt, bleibt eS dem Wortschatz erhalten. Ebenso ist der grammatische Betrieb beim Sprachunterricht, wie er vielfach gehandhabt wird, ganz verfehlt. Er zwingt dauernd zum bewußten Denken über die Sprache, statt zum Denken in der Sprache. III. Auf Grund dieser im wesentlichen mit des Berfaffers eigenen Worten kurz skizzierten Erwägungen kommt er zu folgenden Forderungen für den modernen hebräischen Unterricht: 1. Zurückdränaung der Muttersprache. So wenig wie möglich übersetzen. *) Herausgeaebeu vom Israelitischen Lehrerverein für Bayern und erhältlich gegen Einsendung von 50 Pf. vom Hauptlehrer M. Rosenfeld in München, Bntterwelcherstr. 4. *) Diese und die folgenden Stellen sind auch im Referat hervorgehoben. 2. Kein mechanisches Memoriere» von Vokabeln. Erwerbung eines Wortschatzes auf direktem Weg in der Unterstufe, daran anschließend fortschreitendes Eindringen in die hebräische Sprache. 8. Stets Arbeiten im sinnvolle» Zusammenhang. Entweder ein lebensvollezusammenhängendes Gespräch oder eine sinnvolle interessante Erzählung müssen den Stoff des Unterrichtbilden. 4. Grammatische Regeln dürfen nuf ans Grund wirklich vorgekommener Beispiele von den Schülern selbst gesucht und gefunden werden. Fm UnterrtchtSbuch soll keine grammatische Regel stehen. 6. Kein Neberseyen von Den tschin Hebräisch. Sodann zeichnet Hirnheimer — teils nur in Umrissen und Andeutungen, teils ausführlich — einen Aufbau des hebräischen Unterrichts, wie er ihm vorschwebt, beginnend mit direkten Sprach- und Sprechübungen, dem Erlernen der Schrift durch Betasten von Sandpapierbuchstaben, AuSmalen irmrissener und Nachmalen vorgezeigter Buchstaben, fortschreitend zn Bilderbüchern und illustrierten Lehrbüchern, die in erster Reihe kindertümlichc, womöglich lustige Prosanerzählungen, erst später, auf der Mittelstufe, und dann in immer zunehmendem Maße Originalstellen aus dem Pentateuch inld dem Gebetbuch enthalten sollen, aufsteigend zu diese,, Büchern selbst, zu Teilen auS den Propheten, den Selichos und Pijjutim und gipfelnd in der Einführung in die Mischna und den Talmud. Zwischendurch treten Bilder mit Beschreibungen auf und wird eine hebräische Novelle oder ein hebräisches Gedicht gelesen. Schriftliche Arbeiten in Form von Niederschriften, Inhaltsangaben, Nacherzählungen, Beantwortungen, zumal als freiwillige Leistungen, sind ausgiebig zu pflegen. IV. Hirnheimers Vorschläge und Forderungen sind nicht völlig neu. Ein gut Teil davon ist bereits in Schulbüchern des Ostens, in Polen und Rußland, ausgeführt, aber in ihrer Zusammenfassung und Begründung bieten seine Darlegungen dein deutschen jüdischen Lehrer starke Anregung. Sie bringen ihm manches Beachtcns- und Beherzigenswerte zum Bewußtsein. Jedoch stellen sich auch Bedenken ein. Hirnheimer will die Selbsttätigkeit der Kinder im höchsten Grade herausfordern und in Anspruch nehmen, was ganz gewiß freudig zn begrüßen ist. Wir glauben aber, daß er einerseits dem Prinzip zuliebe Hebungen empfiehlt, die nicht nötig sind, und andererseits den Kindern Fähigkeiten und Leistungen zumutet, die mindestens weit über den Durchschnitt hinausgehen und die wir nicht erwarten dürfen, selbst wenn uns viel mehr Zeit und ganz anders ausgerüstete Lehrer zur Verfügung ständen. Hirnheimer zielt zwar nicht, wie er sagt, darauf ab, zum Hebrätsch-Sprechen zn erziehen, aber seine Vorschläge und Empfehlungen laufen stracks darauf hinaus oder gestatten wenigstens diesen Eindruck. Es ist sehr fraglich, ob das Erlernen einer Fremdsprache in anderssprachiger Umgebung, hier des Hebräischen in Deutschland, überhaupt in Vergleich gestellt werden kann mit der Erlernung der Muttersprache. Ist dies nicht der Fall, dann ist Hirnheimers Abneigung gegen alle grammatischen Hebungen erst recht zu weitgehend. Sie ließe sich verstehen als Reaktion aus allzu stark betonten grammatischen Unterricht. Aber zu allermeist wird ja int hebräischen Unterricht immer noch viel zu wenig Grammatik getrieben. Ist diese selbst in der Muttersprache nicht zu entbehren, wie will man dann zu einem richtigen Verständnis der klassischen hebräischen Literatur und — worauf Hirnheimer bei seiner Methode doch achten mutz — zn einem korrekten Ausdruck im Hebräischen, dieser grammatischen Sprache par exeeUence gelangen, wenn nicht ihre Gesetze und Formen in immer neuen Wendungen und Verbindungen zu deutlicher Klarheit und bewußter Beherrschung gebracht werden'? Auch Grammatik, hebräische Grammatik, läßt sich in einer Weise unterrichten, die wenigstens den größten Teil der Schüler lebhaft zu interessieren und.zu eifriger Arbeit und Mitarbeit anzuspornen vermag. Für welches Fach und für welche Methode darf aber auf gleich starkes Interesse aller Schüler gerechnet werden? , . Auch sein Vorschlag, die Bedeutung neuer unbekannter Wörter direkt an de» Rand de- Buches zu schreiben, durfte — weil der Bequemlichkeit und dem Unfleitz Vorschub leistend und Unsicherheit bewirkend — kaum akzeptiert werde« können. Znsttmmen kann man dem schon wiederholt und auch nun von ihm ausgesprochenen Gedanken, daß der Lehrjtosi der ersten Jahre eine Berlobendigung, eine Anpassung an das kindliche Fassungsvermögen und an den kindlichen JnteressenkreiS erfahren müsse. Mögen also die Gebete zunächst zugunsten profaner Geschichtchen wirklich etwas zurücktreten. Aber wir wollen nicht aus den Augen verlieren, weswegen wir überhaupt Hebräisch lehren und darum Maß halten in dem. was ckbsetts liegt. Alle Erzählungen, die geboten werden, müssen nur aus dem Wortschatz aufaebaut sein, der für die baldige Verwendung im Gebet und Pentateuch in Betracht kommt. Die Forderung der Ausstattung der ersten hebräischen Lehrbücher mit Bildern möchten wir angelegentlich befürworten, wir meinen aber Illustrationen, die geeignet sind, den hebräischen Religionsunterricht zu stützen und zu fördern, also: Veranschaulichungen von Dingen, Personen, Vorgängen und Ereignissen aus dem jüdischen Kultus, dem jüdischen Familienleben, der biblischen Welt nnd der jüdischen Geschichte. Verwaltungen und Organisationen, Künstler, Verleger und Pädagogen sollten sich zusammentun, um solche Schulbücher für einen leicht erschwinglichen Preis unfern Schulkindern in die Hände zu legen. Nicht in ihrem Ausmaß, wohl aber in ihrem Kern ist eine andere Forderung zu unterstützen. In der hebräischen Stunde kann ganz gut weit mehr Hebräisch an die Änrder heran — und aus ihnen herausgebracht werden, als es geschieht. Das Hebräische braucht nicht bloß durch das Buch nnd das Äuge, sondern kann auch durch den Mund und das Ohr vermittelt werden, und es kann auch die Hand herangezogen werden. Und so könnte allgemeiner und in größerem Umfange geschehen, was bereits vereinzelt geübt nnd versucht wird: an den Text hebräische Unterredungen, hebräische Fragen, die hebräische Antworten heischen, vereinfachte Wiedergaben, analoge Erzählungen und Niederschriften anznknüpseu. * Wenn, wie schon eingangs gesagt, das Arbeitsprinzip sich auf verschiedene Weise auswirken kann und auch bisher nicht völlig unbekannt und unberücksichtigt war, und wenn es auch keine allein verbindliche Form gibt, so kann doch ans Hirnheimers dankenswertem Referat manche Befruchtung für die hebräische Unterrichtsmethode gewonnen werden. Es wäre sehr erfreulich, wenn auch die „Laien" diese kurze Schrift lesen und den „Fachleuten" ihre Ansicht kundgeben wollten, handelt es sich doch nicht um eine Privatangelegenheit der Lehrenden, sondern, da es um den Unterricht im Hebräischen geht, um eine eminent wichtige Angelegenheit der ganzen Gemeinschaft. M. A b x. a ham - Berlin, I. Landaus 75. Geburtstag. Am 20. September hat Chefredakteur Isidor Landau das! 75. Lebensjahr vollendet. Liest man die jngendfrischen Aufsätze und Feuilletons, die er noch heute schreibt, so kann man kaum glauben, daß unser Landau schon das biblische Alter überschritten hat. ' > Er wurde am 20. September 1851 tut ungarischen Züqhaz geboren — also in jenem Lande, ans dem so viele glanzende Journalisten hervorgegangen. das die Heimat der Meister des Feuilletons und der Novelle ist. Hier hat er seine Jugend verbracht und jene tiefen jüdischen Eindrücke empfangen, die alle seine Arbeiten wiederspiegeln. diese Innigkeit des Gemüts, zugleich aber auch den Witz und die Kalenderbetrachtungen zum neue« Jahr. Wer nur ein wenig einen jüdischen Kalender zu lesen versteht. weiß, daß ein jedes Jahr des jüdischen Kalenders seinen bestimmten Charakter hat. den er gleich auf der ersten Seite verzeichnet findet. Dieses charakteristische Signum eines jüdischen Jahres besteht aus drei hebräischen Buchstaben, deren erster den Wochentag des Neujahrsfestes bczcichnet. deren zweiter angibt, ob das Jahr «in regelmäßiges von 364 oder ein mangelhaftes von 358 oder ein überzähliges von 366 Tagen ist. und deren dritter schließlich uns den Wochentag des kommenden Passah kundgibt. Vierzehn solcher Jahrescharakteristiken gibt es im jüdischen Kalender und von diesen vierzehn ist die des Jahres 5067 gerade diejenige, die sich nur höchst selten ereignet. He chet Ales ist der Charakter dieses Jahres. He |5) bedeutet: Neujahr ist am Donnerstag, chct ist Abkürzung des Wortes chosser (mangelhaft). das Jahr hat 363 Tage, was dadurch erreicht wird, daß Marche-schwan und Aislev beide je 29 Tage haben: alcf f 1) bedeutet: Das kommende Passahfcst fällt auf einen Sonntag. Diese Jahresform kann nur in einem Schaltjahr sich ereignen, und auch dann ist sie nur möglich, wenn der Molad, d. h. die wirkliche Conjunctivn des Mondes, in der Zeit zwischen Dienstagmittag 12 Uhr und Mittwoch früh 8 Uhr 11 Min. 16% Sek. ein tritt. Diese beiden Grenzen liegen ziemlich nahe beieinander. jede Verschiebung des NeiuiwndScintrittes nur um die kleinste Zeiteinheit, die in der jüdischen Kalendcrrechnung VA Sek. beträgt, über diese Grenzen hinaus, würde den Ncujahrstag verschieben und damit den Jahres charaktcr ändern. In dem neuen Jahr i stder Molad Tifchrei Dienstag. 7. September, mittags 12 Uhr 42 Min. 20 Sek., also ziemlich nahe der angegebenen Grenze. Wäre nun der Molad Tifchrei etwa 45 Min. früher eingetrcten. io würde das Jahr mit Dienstag begonnen haben, und würde als ein -regelmäßiges Schaltjahr von 351 Tagen uns begegnen. Einen solchen Jahrescharakter wie 5087 hatten in den letzten 150 Jahren folgende Jahre: 5550 ( 1789/90). 5592 (1831)2), 5610 (1*55/6), 5643 (1882 3), 6670 (1909/10). Zum erste»! Male wird diese Iahresvrdnung wiederkchren im Jahre 5714 (1953/4), alsdann in den Jahre» 5741 (1980 1), 5765 (200415), 5768 12007/8). Im Charakter eines jüdischen Jahres ist die Zahl der Tage eines Jahres angedeutet, nnd die »st wieder von dem Wochentag abhängig, auf den das nächste Neujahrsfest fällt. Da der Neujahrstag nur an einem Montag, Dienstag, Donnerstag und Sabbat gefeiert werden kann, so bedarf der jüdische Kalender dieser Beweglichkeit der Jahresdaner zum Ausgleich. Darum sei gleich darauf hingewiesen, daß eine ganz besondere Eigentümlichkeit, die nur höchst selten eintritt, am Schlüsse des Jahres 5687 stattfinden wird. Obwohl der Nenmond des Tifchrei 5688. Montag. 26. September, vormittags 10 Uhr 15 Min. :VA Lek. sich ereignen wird, wird das Neujahrsfest doch erst am Dienstag, 37. September gefeiert, werden, mährend sonst die Verlegung der Feier des Neujahrstages auf den nächsten geeigneten Tag erst eintritt, wenn der Nenmond des Monats Tifchrei nach 12 Uhr mittags stattsindet. Dieser Ausnahmesatt der Verlegung, der als grundlegende Bestimmung der jüdischen .Kalenderrechnung wohl vorgesehen ist und in ganz klaren Rechnungen, die auf- LULcigen, LU weit führen würde, seinen Grnnd hat, tritt höchst selten ein. Zum letzten Male ereignete er sich am Neujahrstage 6519 (1758) und wird wieder am Neujahrstage 5766 (2006) sich bemerkbar machen. Schließlich sei als letzte Eigentümlichkeit des Jahrescharakters von 5687 erwähnt, daß die Zahl seiner Sabbate der Zahl der Thoraabschnitte etwa entspricht, so daß an keinem Sabbat eine Doppelsidra vorgelesen wird, eine Eigentümlichkeit. die auch nur diesetn Jahrescharakter zukmnmt. Rabbiner Dr. H e i I b r o n n - Nürnberg. Drei interessante Ritualmorde vor Gericht Von Otto Schwerin. War der Gedanke nicht so gescheit Man war' versucht, ihn herzlich dumm zu nennen! Goethe. In manchen Geschichtsbüchern wird die Behauptung ausgestellt. daß die Juden erstmals des Ritualmordes unter der Regierung Philipps des Zweiten von Frankreich (1180—1223) beschuldigt wurden. Die Frage, ob derartige Anschubdigungen nicht schon viel früher erhoben wurden, kann hier wohl unerörtert bleiben. Tatsache ist. daß nicht nur die Juden als R-eligiousgemcinschaft unter derartigen, in ihren Folgen gefährlichen Beschuldigungen durch die Jahrhunderte hindurch zu leiden hatten. Ten blutigen Ehristenverfolgungen zur Rvmcrzcit gingen zumeist ähnliche Anklagen voran. — und die Menschheit ist beinahe 2000 Jahre später noch nicht viel klüger geworden, das Märchen vom Ritualmord der Juden findet — ivic die letzten Vorkommnisse in Breslau beweisen. — auch heute noch im aufgeklärten Deutschland, — seine gläubige!» Anhänger. — Keine Beschuldigung lst absurd genug, um nicht von zahlreichen Fanatikern geglaubt zu werden, wenn sie sich — — gegen die Inden richtet. — Wenn während der -Osterzeit ein junger Mensch ocrschwindct, oder irgend wo ermordet ansgcfundcn wird, tauchen balkl von antisemitischer Leite die Schauermärchen des Ritnltlnwrdes auf. i»nd gerade die schärfsten Hetzer sind cs, die von der Unsinnigkcit ihrer Behauptungen selbst durchaus überzeugt sind. — Aber das lut nichts, das Ritualmärchen ist. wie eine Anzahl Berhandluptzen der letzten Jahrzehnte in Dentschland. Ungarn. Rußland, ergaben, für jene Provokateure allein das Mittel zum Zweck gewesen, und noch keine einzige Gcrichtsverhandlurta hak natürlich auch nur den Schein eines Beweises für die gedankenlosen Behauptungen erbringen können. — Im Hinblick auf die Breslauer Vorkommnisse — ans jene Bluttat, die aus politischen Gründen, von antisemitischer Seite wieder den Inden in die Schtrhc geschoben werden soll. — ist eine Erinnerung an ähnliche Begebenheiten der letzten Jahrzehnte, vielleicht nicht ohne Interesse, um so mehr, als die äußeren Umstände der Breslauer Bluttat ähneln, als selbstverständlich alle Angeklagten sreigesp rochen werben mußten, nnd was besonders interessant scheint, die Urheber der Verdächtigungen in den zwei betziberichteten Fällen, christliche Fleischer gewesen sind, die anscheinend ihre bssondercn Gründe hatten, die J-uden-schaft für die Mordtaten verantwortlich zu machen. — Im Prozeß Behrendt (Mord Czybulla) war cs ein Fleischer und Viehhändler, der selbst des Mordes verdächtig war, schließlich verhaftet und vor Gericht gestellt wurde, und schon aus diesem Grunde Veranlassung haben »nochte. einen Sündenbock für eine Tat zu suchen, die fHw selbst zitr Last gelegt wurde. — Auch in dem bekannten Vorfall ht Xanten, den mix nachstehend etwas ausführlicher berichten, war es ein ehemaliger Metzger namens Juukermann. ddr zuerst mit größter Entschiedenheit »eine Ueberzenguna kundgab» niemand anders als die Juden seien für die Mordtat an dem kleinen Johann Hegmann verantwortlich, nnd tatsächlich mußten sich die Behörden zuerst der vox poouli nnterordnen und verhafteten jüdische Einwohner wegen Mordverdacht. — Daß es gerade christliche Fleischer und Viehhändler sind, die in ländlichen Genreinden vorkvmmcndensaüs zuerst das Ritualmärchen ausschreien, wundert den Eingeweihten kaum. Christliche Fleischer und Viehhändler haben wehr als jeder andere Berus mit den Inden zu tun. — und — — ein wichtiges Charakteristikum: unter der Konkurrenz der Juden am meisten zn leiden. — Sie genießen bei einer ianatisierten und dummglärrbgen Bevölkerung auch als „Fgchlettte" ein gewisses Ansehen, wenn sie bald die Behauptung ansstellev. die Ermordung eines Opfers »ei „kunstgerecht", wie sie nur von einem Schlächter ausgeführt werden könnte, vorgcnommen worden. — Die Folge derartiger Hetzereien sind dann bald Judenverfolgungen und Pogrome, selbst in Gegenden, in denen von einem Antisemitismus bisher nicht gesprochen werden konnte, und wenn» sich später auch vor Gericht die Unschuld des verdächtigten Opfers herausstellt, so ist der angerichtetc Schaden natürlich nicht mehr zu reparieren. — Wenn wir nachstehend drei interessante Ritnalmordprozessc zur Veröffentlichung herausgreifen. so sehen wir von den M o nst rep roz essen gegen die Inden Winter und Beilis ab. weil der Konitzer Gymnafiastenmord und. vor allem der Kiewer Ritualmord, erst wenige Jahre zurückliegen, und daher noch in aller Gedächtnis sein dürften. — .. Weniger bekannt ist die sensationelle Ritualütordasfärc, die nch im Jahre 1882 in Tisza Eszlar (Ungarn) zu getragen hat. uird deren Verlaus so richttg beweist. welch verwerflicher Mittel sich fanatische Antisemiten bedienen. — Zn seiner „Sendung Scmacls" hat Zweig nachstehende Vorfälle dichterisch behandelt, er hielt sich ziemlich genau an die wahren Tatsachen, läßt allerdings ans dramaturgischen Grunde«, den Reichstagsaibgeordnetcn Onodn den wirklichen Mörder sein, eine Fiktion, die den Tatsachen nicht entspricht» denn der eigentliche Mörder ist nie ermittelt worden. — Im Frühjahr des Jahres 1882, tun die Zeit des Pasiahsestes verlUngarn) eilt junges, noch nicht lajahrrges katholisches Dienstmädchen. namens Esther Solnmosi. — Der Gutsherr des Dorfes, der antisemitische Abgeordnete von Onvdy, verstand es in rassinierter Weise die Bauern gegen die ziemlich starke jüdische Bevölkerung aufzuputschen. stellte auch, in geschickter Berechnung auf die Bormerkheit der Bauern, den Aberglauben in seinen Dienst, und tattächllch wollten bald eine Anzahl Anwohner in der Nahe des Tempels einen „blutigen Schatten" gesehen haben der der verschwundenen Esther, ähnelte. — Vom Krcisgericht der nächsten Stadt wurde, der blutjunge Referendar Jojek

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