Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 40 (1.10.1926)
- Date
- 1926-10-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IWchMerakZeilMg Organ der Bereinigung für das liberale Judentum e. B. Bezngspreis durch die GeschLstsftelle »/< jährlich M. 2.5V Einzelnummer 0.20. Del freier Zusendung i. Inland 0.25?üt die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mtlglteds-eitrage enthalten. :: u :: Verantwortl. Redakteur: Bruno Doyda. vle „Iüvisch-lidoraio 3eltimg“ erscheint jeden Srettag. Ledaktton u. SeschLttssleUe: verlin SW, WUHelmftr. 147. Sernrut: Vafvnyelde 3358, 3359 postschsMNonto: Berlin NIV7 Nr.lS7vo» (Vereinigung für da» liberal» Judentum Nachdruck famtllcher Original-Beitrag» nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonpareillezeile 0.45 Goldmark, die ReklamezeUe 3.00 Goldmark, bei :: :: :: Wiederholungen Rabatt. :: :: u Anzeigenannahme: «Jüdisch-liberaleZeitung" Inseratenabteilung: Berlin ED 48. Dilhelnchrahe 147 (Hafenheide: 3358—50). sowie sämtl. Annoncen-EPped. Nr. 40 Berlin,.!. Oktober 1926 6. Jahrgang Gesetzesfreude. Eimchath-Tora. Von Rabb. Dr. Fuchs, Chemnitz. 0 An jedem Simchath-Tora bedauere ich den Verfall Lieses Festtages. Cr teilt sein Schicksal mit seinem größeren Bruder, dem Wochensest. Auch die Gründe dafür sind bei beiden gleichartig; es sind äußerliche und innerliche. Fällt das Wochenfest mit Pfingsten zusammen, so verreist man; wenn aber nicht, so hat es nichts Sinnfälliges, um dessentwillen man die Synagoge besuchen sollte! Die Verlesung des Zehnworts'? Pah! Nur wo und wenn Mäüchenkonfirmation ist, feiert der Westjude das Wochenfest. — Noch schlimmer steht es mit Simchath-Tora. 'Nach Neujahr und Versöhnüngstag ist schon Sukkoty stark im Hintertreffen. Der letzte Feiertag aber, nach der zweiten Seelcnfeier, ist den meisten vollends zuwider: „Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen." Die Umzüge mit der Tora sind zwar „sinnfällig", aber — wer Ausreden sucht, findet sie! ' Aber die Idee?! Das ist der.Grund, warum ich heute davon schreibe! Man sollte meinen, der Liberalismus, der richtige, brr vom alten Schlag, dem im Mittelpunkt des Judentums der prophetisch-universalistische Kern steht; der Müßte Wochensest und Torafreude am allermeisten feiern. Denn Tora wie Zehnwort sind ja gerade das, was Juden wie Christen gemeinschaftlich ist. In meiner Heimat Braunschweig ist auch der Versuch gemacht worden. Am Simchath-Tora gab es noch einmal Predigt, große Keduscha, besonders schöne Gesänge usw. Aber am Ende mißglückte es ebenso wie so viele andere Reformen aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts (Abschaffung des zweiten Feiertages, deutsche Gebetsprache, sephardische Aussprache usw.): die Besucher blieben aus. Ich frage nicht: weshalb, sondern sage kurz: der Versuch verdient trotzdem, wiederholt zu werden! Zur BeKündung folgendes (das sich auf Simchath-Tora beschränkt)! Freude an der Tora, meine ich, gehört mit zum Wichtigsten, was der Liberalismus erstreben mühte. Der Chassidismus, in vieler Hinsicht die östliche Form des Liberalismus, hat das getan. Er negierte zwar gleich uns die orthodoxe Bedeutung des Wortes Tora — Talmudstudium; ja sogar in der Bedeutung Tora - mitgeteilte Religion schätzte er sie gering, indem er die spontane .Herzensfrömmigkeit für ungleich wichtiger hielt. Aber trotzdem hat er am Simchath-Tora den Tanz mit der Tora cingeführt, und auch die Spaziergänge seiner Jünger am Nachmittag des Festes galten der „Tora in der Natur"'. In uns ist das religiöse Entflammtsein, das Hithlahabuth, die Inbrunst, nicht sc stark und unmittelbar. Aber wenn es sich irgendwo entzünden sollte, so müßte es an dem Worte Tora geschehen können! Das ist freilich nicht möglich, solange man unter Tora in der Hauptsache die fünf Bücher Moses versteht und noch dazu die Lehren der Peutateuch-Kritik über ihre allmähliche Entstehung, ihre Widersprüche, Tcxtfehler und sonstigen allzu menschlichen Unvollkommenheiteil in den Vordergrund stellt. Sie sind auch nach meiner Ueberzeugung an sich zuzugeben: Aber es gibt doch auch Stunden, in denen uns Tora etwas ganz anderes bedeutet, nämlich den Inbegriff der gesamten jüdischen Religion mit allen ihren Gnaden und Beseligungen, das große Mysterimn, das nicht im Himmel noch jenseits des Ozeans ist, sondern im heißglühenden Menschenherzen, jene Tora, die eine der drei Säulen der Welt ist neben Gottesdienst und Menschenliebe, und die den Urplan der Weltschöpfung mrd das Ziel der Menschengeschichte in sich trägt. Alle Religion, sofern sie nichts vom Menschen Gewolltes, sondern Gottgegebenes ist, nichts Selbstgeschaffenes, sondern von außen und oben Stammendes, alles was Vkenschen als Selbstoffenüarung des Weltgeistes in ihrem Innern spüren oder auch bloß ahnen, alles was wir als heiligen Schatz in uns tragen, ohne zu wissen, von wannen es kommt und braust, einerlei ob es als begriffliche moralische Gesinnung oder als sich selbst gesetzgebender Charakter oder als wertvolles Gefühl empfunden wird, — das alles heißt uns doch Tora! Und weil es auf die Lehren der fünf Bücher Moses zurückgeht, so sehen wir es wohl mit Recht in der Torarolle symbolisiert, die ja selbst durch alle Jahrhunderte jüdischer Geschichte Anfang und Ausgangspunkt der religiösen Bildung gewesen ist. Es ist wahr, wir kennen noch einen anderen Ausgangspunkt der Religion, die menschliche Persönlichkeit selbst. Aus ihr stammt die andere Hälfte, der Aufschwung der Seele zu Gott, die Demut und Sehnsucht, die Sttndenverzweiflung und Andacht, die Ehrfurcht und die Liebe. Aber wie das Genie nicht weiß, wo in ihm der Fleiß und das „strebend sich bemühen" aufhört und die Gnade von oben anfängt, ebensowenig der Fromme. Propheten und Mystiker stimmen jedenfalls mit den Religionspsychologen und den naiven Frommen aller Zeiten darin überein, daß die wahrhafte Religion ein inniges kaum zu analysierendes Gemisch ist von „Weg aufwärts" und „Weg abwärts". Wie der Blitz im vielfach hin- und herzuckenden Austausch der Kraft von Himmel und Erde aufleuchtet, so auch die Höhepunkte aller Religion: „Hinauf! Hinauf strebt's. Es schweben die Wolken abwärts, die Wolken neigen sich der sehnenden Liebe": dieser Goethesche Ganymed ist der religiöse Mensch. Ein solches von oben Kommendes aber ist eben die Tora, die Offenbarung, die Belehrung von Gott. Ihr strebt entgegen Daath Adonai, die Erkenntnis, die Liebe,, der ewige Durst nach Gott. Religion ist der Blitz, die Synthese von Tora und Daath Adonai, Danach aber ist offensichtlich Simchath-Tora die notwendige Ergänzung zu den „erhabenen Festen": Neujahr und Versöhnungstag sind Tage der Sehnsucht, des „Hinauf" von der Erde zu Gott, Persönlichkeitsseste. Sie kommen aber eben deshalb nicht ganz zum Ziel. Denn auch Jomkippur bringt zwar der Seele „Verzeihung", Befreiung von den lastenden Ketten des Sündenbewußtseinö,' aber das bleibt doch im Negativen stecken. Der positive neue Charakter und seine Färbung durch eine Qualität der Frömmigkeit fehlt noch. Das muß aus einer anderen Quelle kommen, eben von oben, aus der Tora. Iomkippur verlangt gebieterisch Ergänzung durch ein Fest des „aus der Höhe sich ergießenden Geistes", au dem sich die Vermählung vou Himmel und Erde, von Ewigem und Menschlichem vollzieht, wo die Durchleuchtung des Alltags mit dem Himmclslicht erfolgt, wo die reine Seele ihr neues Gevrägc, das radierte Papier seine Schrift, der neue Wille seinen neuen Inhalt empfängt. Das ist das Fest der Tora, die Vollendung des Begonnenen und am Verföhnnugsfeft unvollendet Gebliebenen! Wer weiß, ob die Mißachtung dieses Simchath- Tora-Gedankens nicht in innigem Zusammenhang mit der faktischen Wirkungslosigkeit der erhabenen Tage steht! Das bloße Solachti des Iomkippur, das gewaltige Hinneni des Roschhaschono genügt scheinbar nicht: „Was in schwankender Erscheinung schwebt, befestiget mit dauernden Gedanken!" Es geht nicht ohne Tora! Die Kritik hat sie in den letzten Jahrzehnten scheint's doch zu sehr in den Hintergrund gedrängt. Der menschliche Geist hat doch wohl nicht die göttliche Kraft, ganz frei ohne Halt und ohne Richtung wie au Schmetterling über dem Abgrund zu schweben! Auch verbindet sich mit dem Begriff Tora außerdem die Erinnerung au das traditionell Jüdische, das wir als Ferment für die wogenden Gefublc allgemeiner Frömmigkeit in unseren Tagen wieder stärker ersehnen. Darum meine ich: Die Aufforderung: Zurück zu Simchath-Tora, zur Freude an der Tora, wäre gerade aus der Stimmung unserer Zeit heraus gesprochen. Sie soll nicht bedeuten: zurück zu allen Einzelheiten des Talmudismus (den ich aus verschiedenen Gründen für endgültig überwunden halte), auch nicht: zurück zu unwissenschaftlicher Verehrung des Luches als einer durch übernatürliche Wunder zustaRdegekommene'n Schrift. Aber als ein demütiges Bekenntnis, daß der Mensch seine Religion nicht allein schassen kann, und als ein Zurück zu den Wurzeln der Religiosität, die unseren Ahnen durch die Gnade der Geschichte als ewige Wahrheit offenbar geworden ist, wäre das Torafeft ein besonders schöner und starker Ausdruck dessen, was unser Geschlecht glaubt und verlangt. Es müßte, um diesem Sinn zu genüge», allerdings nicht nur den ziemlich nebensächlichen Gedanken pflegen, daß die Tora zu Ende gelesen und wieder neu von vorn begonnen wird, sondern die Erinnerung an das Ereignis in den Vordergrund rücken, das am selben Datum stattgefunden hat und eins der denkwürdigsten Ereignisse unsrer Geschichte ist: Hie Bunöesschließung unter Efra und Ncheima im Jahre 444 v. u. Z., die die Tora endgültig in Israel einführte. Simchath Tora müßte der Geburtstag des Judentums wie Schowuoth der des Monotheismus werden! Die Erzählung davon in Nehemia 8—10 müßte (auszugsweise) vorgelesen werden, und Esra, der eigentliche Begründer des nachisraelitischen Judentums, müßte in der Predigt gewürdigt werden. Das Aufhöreu der Prophetie, der Sieg des Huches" in der Religion und die Begründung der Schriftgelehrsamkeit durch diese „große Versammlung", samt den Prinzipien derselben im Anfang der Sprüche der Väter, das alles sind weittragende Gedanken, die diesem Tage eine neue und außerordentliche Wichtigkeit geben würden, die sich bald auch im Gottesdienst manifestieren würde. Sic finden ihre Zusammenfassung in dem oben ausgeführten Gedanken von der Ergänzung und Verfestigung des willigen Geistes durch überlieferte konkrete Religionsnormen: Das ist Tora! Und das ist der eigentliche Sinn der Tat Esras! Freude au solchem Jüdisch- Autoritativem in der Religion tut uns wahrlich not! Hebräischer Sprachunterricht im Sinne des Arbeitsprinzips. I. Vvn Zeit zu Zeit wird auf den verschiedensten Gebieten eine Idee oder Form auf den Thron gehoben und ihr gehuldigt, bis eine noch neuere, mit noch größerem Nimbus nmivvbene, sie in den Schatten stellt und schließlich ganz verdrängt, wobei die Massensuggestion eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Gegenwärtig ist im Reiche des Unterrichts das beherrschende Ideal oder wenn man will: Idol der „Arbcitsunterricht". ES ist nicht zu verkennen, daß auch mit diesem Begriff, wie mit jedem, der zum Schlagwort geworden ist, Mißbrauch getrieben wird. Weder stellt er etwas unerhört Neues, noch das Allheilmittel dar. Es ist nicht so, als ob aller bisherige Unterricht den Hauptgedanken des Arbeitsgrundsatzes: den Schüler zur mittätigen Gewinnung der für ihn notwendigen Kenntnisse und Kräfte zu bringen, gar nicht gekannt, nicht beachtet, nicht gepflegt hätte. Auch iverden diejenigen sich getäuscht sehen, die von der Selbstlätigkeit der Schüler alles Heil erwarten. Lernen, im guten Sinne lernen, nämlich: verständiges Jnsichaufnehmeu, nicht geistloses Hineinschlucken, straffe Führung und Leitung durch den Lehrer, allerdings nicht überängstliches oder despotisches Gängeln, wird wieder als unerläßlich herbeigesebnt und hcrbeigerufen werden. Andererseits ist nicht zu befürchten, daß das „Arbeitsprinzip" im Unterricht sich so schnell und gründlich abwirtschasten wird wie gewisse Theorien und Methoden, die zu ihrer Zeit als allein seligmachend galten, weil das Arbeitsprinzip an und für sich ein natürliches, gesundes, immer gültiges ist, weil in ihm ein gesunder Kern steckt, der reich an Triebsähigkeit und Entfaltungsmöglichkeit ist. Nur muß auch ihm gegenüber eine gewisse Vorsicht geübt werden und muß man sich auch in seiner Anwendung vor Uebertreibnng hüten. Auch der jüdische Religiollsunterricht, speziell der Unterricht im Hebräischen, ringt gegenwärtig rmt dem Problem des Arbeitsprinzips. Er will hinter den Prvsansüchern nicht zurückstehen und er will, was an sich wünschenswert und dringend notwendig ist, durch Beachtung der modernen und modernsten erziehlichen und nnterrichttichen Anschauungen, Bestrebungen und Methoden seine eigenen Leistungen steigern. Wir verhehlen uns leinen Angenblick, daß zur Erzielung eines wesentlich günstigeren Resultats im hebräischen Unterricht als des allgemein erreichten noch ganz andere Bedingungen vorhanden sein und erfüllt werden müßten als eine Modernisierung und Vervollkommnung der Unterrichtsmethode. Wir rechnen vor allem dazu: tief ivurzelnde Ueberzeugung des Elternhauses, der Gemeindeverwaltungen, der Lehrenden und auch des zu erziehenden Geschlechts von der Notwendigkeit gründlicher Kenntnis der Bibel im Urtext als der nnverfälschbaren Hauptguelle unserer Religion, ferner des Grundstocks unserer hebräischen Gebete: daraus folgende gewissenhafte, eifrige, ja hingebungsvolle Teilnahme aller Schüler am hebräischen Unterricht und ein Maß an Unterrichtszeit, das der Bedeutung des Gegenstandes, dem Umfang des Stoffes und der Schwierigkeit sowohl der Form wie des Inhalts entspricht. Die Lehrer des Hebräischen können diese Bedingungen nicht unmittelbar schassen: sie können sich nur bemi-.)cn, die Unterrichtsweisc und die Unterrichtsmittel so zu gestalten, daß die Schüler mit Freudigkeit und Gewinn dem Unterricht folgen, und sie können nur hoffen, daß dadurch mit jene Interessiertheit der Eltern erzeugt und gestärkt wird, die zur Opferwilligkeit in materieller und. ideeller Hinsicht geneigt macht. " —