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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-09-24 · 39 (24.9.1926) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
39 (24.9.1926)
Date
1926-09-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Falsches SMikitölsgeW Wir erhalten folgende Erklärung: Der in Nr. 34 und 35 -er „Jüdisch-liberalen Zeitung" veröffentlichte Angriff des Herrn Lazarus Goldschmidt gegen das vor sieben Jahren erschienene Buch „Haskalah" von Dr. Josef Meisl gibt den Unterzeichneten Anlaß zu folgender Erklärung: Im Interesse der Reinheit der literarischen Sitten erheben wir gegen den Ton dieser Kritik mit aller Entschiedenheit Einspruch. Wenn auch eine strenge sachliche Kritik nur erwünscht sein kann, so verstößt es doch gegen die Würde der Wissenschaft, wenn Jrrtiimer eines Autors in dieser «Weise, zur Herabsetzung seiner ganzen-Gelehrtenarbeit benutzt werden. Moses Auerbach. E. Baneth*), I. Bergmann. S. Bernfeld. S. Dubnow. I. Ellbogen. I. Lestschinsky. Fritz Kahn, D. Koigen. I. Schnccrsohn. M. Soloweitschik. H. Torczyner. Gotthold Weil. M. Wiener. M. Wischnitzer, I. Wohlgemuth. * * Durch diese Erklärung wird das Interesse der Oeffentkichkeit erneut auf den Fall Meisl gelenkt, dessen Erörterung hier bereits abgeschlossen war. Dadurch ist Herr Lazarus Goldschmidt gezwungen, nochmals das Wort zu ergreifen, um endgültig das Märchen zu zerstreuen, daß b>:i Meisl einzelne „Jrrtiimer" und eine „Gelehrtenarbeit" vorliegey. Im Interesse der Reinheit der jüdischen Wissenschaft ist hier ein Mahnruf veröffentlicht worden und damit doch wohl auch im Interesse der Reinheit der literarischen Sitten. Was war hier gesagt worden? Die jüdische Wissenschaft wird heute häufig.von Pseudogelehrten diskreditiert. Als Beispiel war das Haskalahbuch von Dr. Josef Meisl angeführt worden. Lazarus Goldschmidt hat festgcstellt: 1. Dr. Josef Meisl hat als eigenes Geistesprodukt ausgegeben. was er aus anderen Büchern abgeschrieben hat. 2. Dr. Josef Meisl zitiert, um dies zu verdecken. Quellenbücher an Stellen, zu denen sie nicht gehören. 3. Dr. Josef Meisl hat sein Buch unter Benutzung eines Zettelkastens zusammengeschrieben. obwohl er behauptet, langjährige Quellenstudien getrieben zu haben. 4. Dr. Josef Meisl beherrscht nicht das rabbinische Hebräisch. um die Quellen lesen zu können. Es finden sich in seinem Buch darum zahllose Mißverständnisse, die ihn zu einer völlig falschen und unsinnigen Darstellung der Geschichte der Ostjndcn führen. Sein Buch ist darum wertlos. 6, Dr. Josef Meisl bespricht wiederholt Gegenstände an mehreren Stellen des Buches mit fast den gleichen Worten, was die Systemlosigkeit seines Buches erweist. 6. Dr. Josef Meisl unterläuft dabei einige Male auch das Mißgeschick, daß er über den gleichen Gegenstand und den gleichen Autor an verschiedenen Stellen des Buches einander widersprechende Werturteile abgibt. Und nun wird für Tr. Meisl gesammelt. „Im Interesse der Reinheit der literarischen Sitten." Die soll der verletzt haben, der gegen die Diskreditierung der jüdischen Wissenschaft einen Mahnruf erhob? Nicht der Dieb sondern der Schutzmann ist also schuldig, der es wagt, den Dieb bei der Festnahme so scharf anzupacken, datz dieser einige blaue Wecken davonträgt. So muß deutlicher gesprochen werden. Lazarus Goldschmidt weist darum in dieser Nummer an Hand zahlreicher Stellen nach, „daß das ganze Haskalahbuch aus Täuschung und Irreführung des Publikums beruht, die nicht nur auf die Gelehrsamkeit, vielmehr auch auf die literarische Ehrenhaftigkeit des Verfassers ein grelles Licht werfen." Dieser Nachweis liehe sich durch das ganze Haskalahbuch führen, und leicht sind Hunderte von Beispielen anzugeben. Dieser Nachweis ließe sich aber auch für Meisl's neueres Werk, die „Geschichte der Juden in Polen und Rußland", erbringen. Das würde jedoch den Raum einer Zeitung überschreiten. Aber auch diesen Beweis zu führen, können uns die Ereignisse nötigen. Wenn sich nun 16 Männer, unter ihnen solche mit einem Namen voll Klang, schützend vor Dr. Meisl stellen, so kann man dies nur als Ausfluß eines falschen Solidaritätsgefühls ansehen. Eine Minorität, verfolgt und verachtet, wird selbstverständlich geschlossen nach außen aufzutreten haben. Um den Angriffen von außen aber wirksam begegnen zu können, ist es ihre Pflicht, das Unrecht nicht zu decken, sondern aus ihrer Mitte zu bannen. Es will uns daher scheinen, daß die 16 Erklärer der Sache. Herrn Dr. Meisl und sich selbst einen schlechten Dienst erwiesen haben. Diese Angelegenheit iss keine Parteisache. Wir können und wollen deshalb nicht glauben, daß in irgendeiner Partei nach den Feststellungen, die heute hier von Herrn Lazarus Goldschmidt getroffen werden, sich auch fernerhin noch Beschützer des Herrn Tr. Meisl finden werden. Es muß endlich damit Schluß gemacht werden, daß in jüdischen Fragen Erklärungen abgegeben werden, die etwas ganz anderes besagen sollen, als was sie zu besagen scheinen. Und es muß einmal ausgesprochen werden, daß der Inhalt einer Kritik, nicht ihre Form maßgebend ist. Wie denken denn die Unterzeichneten über den Inhalt der Goldschmidt'schen Aufsätze? Lazarus Goldschmidt führt Beispiele dafür an. Und um den irrigen Eindruck, der durch die Erklärnna entstehen kann, zu zerstören, sei hier eine Aeußcrung des prominentesten Unterzeichners wiedcrgegeben: „Meiueu Sie, daß irgendein Fachmann sich über die Historiographie des Herrn Meist in Täuschung befindet? . Nur Herr Justizrat Makowcr hat in seiner Ahnungslosigkeit ihm die Bearbeitung des alten Berliner Gemeindcbnches übertragen." Wir hoffen erneut, daß in diesen Spalten der Fall Dr. Josef Meist seine Erledigung gefunden hat. Erklärungen werden an den Tatsachen nichts ändern. Und die Tatsachen erforderten den Kampf für die Reinheit des jüdischen Lebens. * * * Erwiderung. Ach wie traurig, wie traurig steht es wohl mit einem, wenn für ihn die Liste kreist! Nun ist es dem dankbaren Herrn Simon Dubnow nach etwa viermöchentlichem. heißem Bemühen endlich gelungen. 16 Männer in Israel, worunter einige in der jüdischen Wissenschaft bekannte, zu überreden, ihre Unterschrift für den so arg mitgenommenen Herrn Meill zu geben. Zwar haben Fachgelehrte und Prominente mit feinerer Nase und ernsterer Auffassung der Sache abgelehnt: aber dies tut nichts. Um dir Zahl sechzehn vollzumachen. denn nur mit 16 Figuren wird zum Schachtampse gezogen mußte man sich notgedrungen auch mit Namen begnügen. von denen die Fachwissenschaft nie Kunde erhalten und deren Träger von der in Rede stehenden Materie nicht ~ *T £ett* Prof. Baneth hat inzwischen seine Unterschrift unter der Erklärung zurückgezogen. Die Red. mehr missen, als Herr Meisl selbst. Der König, die Königin, auch Springer, Läufer und Türme wissen wohl Bescheid: aber manchem schlichten Bäuerlein will es kaum in den Sinn, daß Unwissenheit so verwegen. Arroganz so unverfroren. Und so unterschrieben sie all-e — aus „Rachmoneß". Wie schön sagt doch der Talmud von uns Juden: wir sind Rachm o n i m, Kinder von Rachrnonim. Gestern noch unterhielt ich mich hierüber mit einem Dozenten an der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums", dessen Name sich unter den hier Unterzeichneten beflndet. Er bestätigte mir. datz die Veröffentlichung meines Aufsatzes vollständig gerechtfertigt und für die Reinhaltung der Wissenschaft erforderlich, und datz, wie er. auch alle anderen lediglich aus Mitleid unterschrieben haben: allerdings tadelte er meine zweite Erklärung, da man einen Toten nicht noch toter zu machen brauche. Dies war jedoch nicht meine Schuld: Herr Meisl selbst hat sie durch seine famose Erklärung provoziert und so den „Fall Meisl" geschaffen. Ohne Auimosität. ohne überhaupt nur ihn treffen zu wollen, trat ich in den Augiasstall: mein Aufsatz war sachlich, weder wollte ich Herrn Meisl kränken noch parteipolitisch wirken. Seine Wissenschaftlichkeit wurde zwar gehörig gezaust, keineswegs aber seine Ehrenhaftigkeit angegriffen. Schon der Umstand, datz ich all die Lobhudeleien und glänzenden Kritiken, soweit Herr Meisl sie gesammelt, ohne Auslassung und ohne Kommentar wörtlich zitiert, beweist zur Genüge, datz nur Sachliches und nicht Persönliches erstrebt worden war. Die Art und Weise aber, wie seitens der Parteigänger und Freunde des Herrn Meisl gekämpft wird, die absurden Lügen, die über angebliche Motive für die Veröffentlichung meines Aufsatzes unter das Publikum getragen wurden, um die Wirkling zu schwächen, und endlich der abermalige Versuch der Vertuschung und Verschiebung, als ob es sich um .Hrrtümer eines Autors bei seiner Gelehrtenarbeit" handelte, während in Wirklichkeit nachgcwiesen wurde, datz er für eine derartige Arbeit gänzlich unfähig, nicht einmal rabbinisches Hebräisch, die Sprache der angeblich von ihm benutzten Quellen, lesen könne, daß das ganze Werk ein erbärmlicher Zettelschmarren sei, und daß der Verfasser selbst eine aus etwa zwanzig Zeilen bestehende Uebersetzung aus dem Hebräischen als „kompletten Widersinn" bezeichnet, veranlassen mich nun, über ihn vollends den Stab zu brechen. Ist es etwa nötig, zur Langweile des Leiers neue Beweise zu bringen, daß des Haskalahbuches Verfasser Titel der angeblich von ihm benutzten hebräischen Quellen nicht zu lesen vermag? Daß er beispielsweise iS. 179) „Jalduth wewachruth“ (statt ubachruth) schreibt? Liest ein Pennäler Malkuth Schaul (statt Melukhath)? Sollte „Ait Zawua" (alles ans derselben Seite) die im Vorwort genannte für die preußischen Bibliotheken geltende Transkription sein? Brauche ich darauf hinznwcisen. daß zu einem derartigen Werk die Benutzung russischer Quellen unerläßlich, daß er diese benutzt zu haben vorgibt. während er anscheinend kaum das russische Alphabet kennt? Nur dadurch sind die bei ihm vorkommenden, in Wirklichkeit gar nicht existierenden Namen zu erklären. Die Ortschaft Kopec (Koretz) ist iS. 70) nur dadurch entstanden weil das russische R dem lateinischen P ähnlich. An eine Verwechselung zwischen dem lateinischen dl und dem russischen P. die einander gleichen, mußte der Schriftsteller L i n e tz k e glauben, der bei ihm ans L i p e z k i (S. 188) hören muß. So auch im Register, also kein Druckfehler. Welcher Verwechselung der „Glusker Maggid" (S. 174) seine Entstehung zu verdanken hat. ist mir unerklärlich. Söll ich etwa auf seine „kolossalen Kenntnisse" der Haskalahlitergtür Hinweisen, die B e n - S e ew zum Mathematiker iS. 34). Zederbäüm znm Herausgeber des Hamagid (S. 184) oder Gordon zum Redakteur des Hamagid-Lejisrael lS. 167) machen? Dies alles dürfte dem Leser meines ersten Aufsatzes genügend bekannt sein-, und wenn ich jetzt die Feder ergreife, so bezwecke ich nur den Nachweis, daß das ganze Haskalahbuch auf Täuschung -und I r r e f ü h r u n g d e s Publikums beruht. die nicht nur ans die Gelehrsamkeit, vielmehr auch auf die schriftstellerische Ehrenhaftigkeit des Verfassers ein grelles Licht werfen. Was den meisten Lesern und Kritikern dieser .gründlichen, historischen Arbeit" besonders imponierte, sind die „Vertrautheit mit dem Material und die gründlichen, umfassenden Quellenstudien", von denen die Noten zeugen. Herr Meisl selber betont tn seiner Erklärung: „das Material ist in 590 Noten verzeichnet". Tatsächlich enthalten die Noten etwa 5600 Nachweise, d. h. Nennungen von Autoren und Buchcrtiteln aus allen Gebieten der einschlägigen Literatur. In Wahrheit sind neun Zehntel der Nachweise entweder fingiertoder zur Sache nicht gehörig, auch die übrigen Quellen kaum gelesen! Schon die erste Note ldie übrigens nur Renommisterei und den Text nicht belegt) enthält eine Täuschung des Publikums, wie ich dies einem Herrn, der die obige Erklärung mitunterschrieben, gezeigt. Bei einer Nachprüfung stellte ich fest, daß fast durchweg in den Quellen nichts von dem zu finden ist. wovon im Text die Rede. Oft wird die Nachprüfung gänzlich unmöglich gemacht. indem bei größeren, viele Hunderte Seiten umfassenden Werken keine Seitenzahl angegeben wird. Tageszeitungen werden nach Jahrgängen zitiert und nicht einmal Datum oder Nummer genannt. Die Note 37-,' verweist beispielsweise auf eine Seitenzahl, ohne irgendeinen Buchtitel zu nennen. Hier eine Stichprobe. Auf Seite 5 ist zu lesen: „War doch der Verfasser jenes berühmten, apologetischen Wertes „Befestigung des Glaubens" (Chisuk emunah), das tu viel: europäische Sprachen übersetzt uud von Voltaire als die trefflichste Waffe der Freidenker gegen das Ehristentum bezeichnet wnrde. der Jude Na chm an aus Bclczyc". Die adäauatc ttebcrtragnng dieses Satzes für den Nichttenncr dürste wie folgt lauten: Der Franzose Shakespeare schrieb die bekannte Operette Faust, die in viele europäische Sprachen übersetzt rvurdc. Ein solcher Satz in einer deutschen Literaturgeschichte würde wohl dem Verfasser das Handwerk legen, in einer jüdischen „Geschichte der Ausklärungsliteratur" ist dies „Irrtum eines Autors in seiner Gclehrtenarbeit". Für den Kenner der Meisl'schen Methode ist dieser Unsinn leicht zu erklären: dem „gelehrten Historiker" sind die Zettel „Beizer Rabbi". „Voltaire". „Apologetik". „Chisnk cmuuah". „Nachman aus Bratzlaw" durcheinander-geraten. 3!irt wenige Leser dieses Blattes benötigen der Belehrung, datz das Buck Ghisuk emunah vorwiegend polemisch, und nicht apologetisch ist. daß Her Verfasser I s a k b e n Abraham T r o k i hieß, datz dieser gar kein rabbinischex Jude, sondern Karäer war. und daß endlich der „Jude Nachman" wohl kein anderer ist. als der bekannte chassidische Rabbi Nachman aus Bratzlaw. dem Herr Meisl Luftveränderung angeordnet. Dieses Buch ist sehr bekannt, wiederholt ins Deutsche übertragen worden, und man braucht nicht gerade Literarhistoriker zu sein, um es zu kennen, wie es auch nicht nötig ist, mit Voltaire zu prahlen, den man nicht gelesen. Aber nicht die sattsam bekannte Unwissenheit will ich liier vor Augen führen, sondern die ungeheure Kühnheit bei der Täuschung des Publikums. Zum angeführten Satz befindet sich auf L. 204 als Quellen^ angabe die gelehrt erscheinende Note 10: ,,J(eveu) M(ezulah)' p. 76; T(euaa) B(ejisrael) II S. 81 Note; S. Buber, Ansche schem, Krakau 1895 8. 507/309; Zunz, Literaturgeschichte, S. 433/95, 42; B(ikure) I(ttim) 1830 p. 43; A. Geiger, Isaak Troki etc., Breslau 1853; Brückner, Röznowiercy polczy, Warschau 1905, S. 239 ff.; Grabowski, Literatura ariansku w Polsce 1560—1660, S. 107/108.“ Die Note, die sich nur auf diesen Satz beziehen kann, der vorangehende hat eine andere „gelehrte" Note, zeugt von immenser Belesenheit: sie sieht im Original schrecklich gelehrt aus. da die Büchertitel mit hebräischen Buchstaben und gekürzt geschrieben. Es wird auf eine entlegene Literatur in hebräischer, deutscher und polnischer Sprache verwiesen, und begreiflich, datz die „gründlichen umfassenden Quellenstudien" bewundert werden. Nun zur Analyse. Das Buch Jeven Mezulah (Ausgabe Warschau 1872. die der Verfasser zitiert) hat nur 32 Bl., also keine S. 76. Das Werk Teuda beiisrael hat überhaupt keinen 2. Band. Bubers Ansche schem umfaßt nur 250 Seiten. Seite 307/309 existiert nicht. Zunz-ens Literaturgeschichte behandelt ausschließlich Liturgie: mit einer Verwechselung rechnend, durchforschte ich auch dessen „Zur Geschichte und Literatur", aber auch darin ist hierüber nichts zu finden. 6akure (ha)Ittim 1830 p. 43 enthält nichts als eine sprachwissenschaftliche Abhandlung von Jeiteles. Die folgenden Bücher stellen mir nichU zu Gebote, aber der Leser kann mir schon glauben, daß in diesen derartiges nicht vorkommt. Mögen doch die 16 Schachfiguren, anstatt Erklärungen zu schreiben, den Sinn dieser „gelehrten" Note erklären! Oft hingegen wird kompletter Widersinn aufgetischt, ohne «daß eine Note die Quelle irgendwie nachweist, so daß der Leser vor einem unlösbaren Rätsel steht. So heißt es auf S. 182, Lilienblum habe „eine poetische Zusammenstellung der 613 Glaubensartikel .Hearoih vetikunim' geschrieben. hcrausgegeben von der Gesellschaft Mekize Nirdamim, wegen welcher die Orthodoxie ihm grollte." M. L. Lilienblum war einer der ketzerischsten und verkctzertsten Schriftsteller seiner Zeit, und heute noch erinnere ich mich der Prügel, die mir auf der Jeschiba wegen des Lesens seiner Schriften zuteil wurden: einer Verwirrung im Mei» selschen Zettelkasten hat er es zu verdanken, daß dieser ihn auf S. 159 zum „tief in der Religion wurzelnden Inden" macht. Trotzdem dürsten, beim Zeus, 613 Glaubensartikel auch für einen noch so tief in der Religion wurzelnen Juden viel zu viel sein. Herr Meisl aber und seine Parteigänger haben leichtes Spiel: der gute Bursche, der Druckfehlerteufel, der schon manchem elenden Schmierer aus der Patsche geholfen, muß herhalten. Liest man heute in der „Mudicketown-Gazette", Mister Smith sei ein Erzgauner, so berichtigt morgen der windelweich verprügelte Redakteur. die gestrige Notiz fei ein Druckfehler, cs sollte heißen: Mister Smith ist ein Ehrenmann. Da Lilicnblum ein solches oder ähnliches Buch überhaupt nicht geschrieben, so laßt sich ä la Schmock so oder so berichtigen: dies sollte „618 Gesetze" heißen, aber ebensogut „13 Glaubensartikel". Einern Literarhistoriker, der neue Dichternamen erfindet, neue Städtenamen aus dem Aermcl schüttelt, fällt cs nicht schwer, auch einem Autor nngetränmte Werke anzudichten: wie. aber kann ein Kenner des Hebräischen ein derartiges Buch mit dem Titel Illearoth vetikunim (Anmerkungen nnd Berichtigungen) vereinbaren, herausgcgcben von , der Gesellschaft Mekize Nirdamim. die nur alte Handschriften publiziert!? Hier schweigt des Sängers Höflichkeit, keine Note verrät die Quelle. Und auch hierbei ist cs der Zettelkasten, den die Schuld trifft. Die Schrift Hearoth vetikunim enthält Anmerkungen und Berichtigungen zu zwei von der Gesellschaft Mekize Nirdamim hergusgcgeöencn alten Handschriften und hat auf der Rückseite des Titels ein kleines Gedicht von H e r r li ch t s s o h n , später Lilien blum, zur Verherrlichung der genannten Gesellschaft. Da gerieten die Zettel durcheinander, und das Unheil ist gescheWr! Ist es nicht eine Schande, verdient es nicht als Pro Mution der Wissenschaft bezeichnet zu werden, wenn ernsthafte und gebildete Männer eine Schmiererei, die der Verfasser selber als „kompletten Widersinn" bezeichnet, und dies gM auch von den hier mitgeteilten Proben, die er nur durch „Jugend" nnd „Sturm und Drang" zu entschuldigen versucht, als „Jrrtiimer eines Autors bei seiner Gelehrtena r b c i t" bezeichnen und dadurch dem Laien Sand in die Augen streuen wollen? Und was soll weiter die siebenjährige Verjährung bedeuten? Es war nicht meine Absicht, eine Kritik über ein neu erschienenes Buch an schreiben, sondern über die Diskredition der jüdischen Wissenschaft, wozu mir, Meist Haskalah, als sie in meine Hand geriet, die Veranlassung gab. Sie alle haben nachweislich in Privatgesprächen erklärt, daß sie nur aus Mitleid unterschrieben, aber weiß dies der nicht eingeweihte Leser? Verdient der Verfasser eines Buches, das nur aus Täuschung und Irreführung besteht, des Mitleids und der Vertuschung? Ist es nicht vielmehr Gebot des Anstands und der Reinhaltung, derartige Schriftsteller zu entlarve^. Aufgabe des Kenners» Schriften dieser Art an den Pranger zu stellen? Wenn jemand der Wahrheit zuwider durch die jüdischen Zeitungen verbreiten läßt, er sei als Professor an die Universität Berlin berufen worden, wie dies einer der oben Unterzeichneten getan, so ist dies eine niemand schädigende Befriedigung der Eitelkeit, die man allerdings in manchen Kreisen als Eharlataneric bezeichnen würde. Aber einen aus Unsinn und Täuschung zusammen geschmierten Zettelkram als wissenschaftliche Arbeit, die „in großen Zügen über einen Teil unserer Geschichte zutreffend informieren soll" publizieren, womöglich mit Subvention öffentlicher Mittel, und wenn man entlarvt wird, Unterschriften sammeln und aus Mitleid erhalten, — dies darf nicht geschehen! „Gott schütze mich vor meinen Freunden, vor meinen Feinden werde ich mich selber schützen." Die Freunde des Herrn Meisl haben ihm übel mitgespielt. Als diese mich nach Erscheinen des ersten Aussatzes bestürmten, riet ich ihnen, jede Ermidernng zu unterlassen, mit dem Hinweis darans. es bleibe Herrn Meist überlassen. Bekannten und Frcnnden zn sagen, er wolle auf einen derartigen Ton nicht antworten, und er würde vielleicht Gläubige gesunden haben. Auch vor Erscheinen dieser Sammelliste warnte ich seine Freunde, nnd hätten sie auf mich gehört, — mir würde diese Erwiderung erspart geblieben sein. Nun an Herrn Meisl und die Nachmoncßmänner. Kann jemand Nachweisen, daß auch nur eine einzige der von mir vorgchaltenen. auf Unwissenheit und Täuschung (nicht Irrtum!) beruhenden Ausstellungen unrichtig, wissenschaftlich unhaltbar sei. so bin ich zur Erklärung bereit, daß a l! m eine A n s f ü ß r n n g e n bare Verleumdung seien; Erklärungen aber und Proteste bestätigen nur Ne Wahrheit der behaupteten Tatsachen. Ich benutze die Gelegenheit zu folgender Erklärung. Zu den Lügen, die zur Verunglimpfung meiner Person verbreitet werden, gehört die Behauptung, die vor 30 Jahren erschienene erste Lieferung meiner Talmudansgabe und -Übersetzung sei wegen von Hoffmann nachgewiesener Fehler vernichtet und die jetzt in Umlauf befindliche neu gedruckt worden. Ties ist eine glatteLüge. Weder ist sie vernichtet noch je neu gedruckt worden. Selbst bei der zweiten Auflage des ersten Bandes sind die Platten der ersten Auflage einschließlich - er ersten Lieferung verwendet worden, und die dritte Auflage ist sogar in Offsetdruck erschienen. Lazarus Goldschmidt.

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