Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 39 (24.9.1926)
- Date
- 1926-09-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Der tote Jude. (Forts.) Von Doris Wittner. Nachdruck verboten. — Copyright by Grethlein ft Con G. m. b. H., Leipzig. Es war eben das: sie war eine Abseitige geworden, die an den Menschen vorüberlebte« vorüberlächelte, vorüber* sprach. Ihre Füße blieben staubfrei. Soviel Schmutz man ihr auch auf den Weg werfen mochte, denn sie traten die Wegspur der Straße nicht. Und nichts verbittert den Menschen mehr, als wenn eines sich, sondern will von Schweiß und Mühsal, Lüsten und Lasten der Herde und Horde. Judith ben Sonnino aber hatte sich allmählich denen gesellt, die nie mehr fragen, was nützlich oder angenehm macht, und die nur tun, was Wesensgebot sie heißt. Den sonnigen« werkeltagsfrohen Parisern, sowie der ganzen bunten Menschenpalette, die sich am Hofe eines jeden Napoleoniden sammelte, graute darum ein wenig vor der schönen, aber herben, verstattenden Frau, die so hartnäckig zu schweigen tmd so kunstlos ihre Nächsten zu übersehen verstand. Und wenn sie in ihrem von edelsten Orlowtrabern bespannten Wagen, einem großmütigen Gepchenk des Königs Jeröme, durch die Straßen von Kassel fuhr oder in der Morgenfrühe durch die herrlichen Gärten, die die Wasserkünste von Versailles auf das Vollendetste nachahmten, ritt, so zog wohl der eine oder andere dem allzeit liebenswürdigen König ergebene Bürgersmann den Hut vor der, die, dem Volksmund zufolge, am höchsten in der Gunst des Königs stand, aber er verharrte nicht in fröhlicher Erwartung eines gütigen Gegengrußes, womöglich eines hingewbrfenen Scherzwortes, wie es die früheren Favoritinnen seines Herrschers vielleicht getan hatten, um si&h populär zu machen und durch Volkstümlichkeit hinwieder auf den Herrscher zu wirken. Niemals jedoch wagten im niederen Volk sich Verleumdung und Schmähsucht, Fürwitz oder müßige Neugier an die, der Gunst und Mißgunst gleichermaßen gleichgültig erschien. Es bestanden nur keine Zusammenhänge zwischen dem Volk und der blassen, stillen Freundin seines Königs. Denn das war Judith ben Sonnino geworden, trotz aller inneren Gefrorenheit und äußerem Widerstreben. Sie batte sich in den ersten Zeiten ihres Kasseler Aufenthaltes so grenzenlos vereinsamt gefühlt; wie eine Tote war sie unter Lebenden einhergeschritten. Kein Gruß, kein leisestes Zeichen einer Verbindung flog ihr zu aus der Heimat, wo der stolze, bis ins Mark getroffene Vater seine eigene Schmach unter verdoppelter Geschäftigkeit verbarg; kein Gruß auch nur aus den ihr versippten und befreundeten Häusern in den rheinischen Judengemeinden. Einmal hatte sie, als die singende Stille um sie sie zu übermannen trachtete, einen Brief begonnen an ihre Base und Jugendfreundin Cora Perl Sontheimer aus Worms. Aber nach den ersten drei Worten hatte sie das Papier, als enthalte es giftige Stoffe, zerfetzt und ins Feuer geworfen. Sie wußte — vom Hörensagen —, daß Cora Perl unterdessen einem angesehenen jüdischen Manne, Samuel Sinzheimer aus Frankfurt am Main, die Hand zum Ehebunde gereicht hatte, und daß der Gott ihrer Väter diese Ehe gesegnet hatte, indem er Mardochai Israel Sontheimer schon zwiefach hatte Großvaterfreuden erleben lassen. So gutartig das niedere Volk der schönen, stillen, traurigen, Jüdin, die einer aus fernem Boden in diese fremde ISrde verpflanzten Tropenblüte glich, begegnen mochte, stfigiftgetränkt, scheel und mißgünstig war jeder Blick und jedes wort, das sie auf höfischem Parkett traf. Und keine Verleumdung wäre niedrig oder aberwitzig genug gewesen, als daß nicht die ihr zugewiesene Gesellschafterin, Mademoiselle de Balincours, sie ihr mit heißem, schier ungezügeltem Vergnügen übermittelt hätte. Auch alle die schmutzigen Mären, die in Stadt und Land und jenseits der Grenze über das Gewerbe und die Tätigkeit David Danielos im Schwange waren, wurden ihr eigens, eifrig und ohne die leiseste Milderung zugetragen. Und hier war das Schlimmste, daß es nichts Schlimmes gab, was nicht noch schlimmeren Glauben — das Echo der Wahrheit — in Judiths Seele gefunden hätte. So war die stolze, verwöhnte Patrizierin allgemach vollends nur auf ihre unwandelbare Dienerin Philomea angewiesen. Aber — Philomea war und blieb doch eben nur eine Dienerin, deren eingeborener Respekt vor der Herrin' jede Vertraulichkeit außer einer betreuenden Sorgsamkeit ausschloß. Und also hätte Jöröme vielleicht gar nicht die schimmernde Lichtgestalt zu sein brauchen, als die er Judith zuvörderst erschienen war, um dennoch den Weg zu ihrem eisgepanzerten Herzen zu finden. Der König war nicht nur liebenswürdig, ein Charmeur und „homme ä femmes" von hohen Graden, sondern er war mehr als das, er war gütig und hatte einen geübten Blick für alles, was leidet. Er hatte ja die wilden, rauhen, menschenerhärtenden Kämpfe seines großen Bruders nicht durchmachen müssen; er hatte nicht erst zum Menschenverächter zu werden brauchen, um die Menschen zu gängeln nach seinem Willen oder seiner besseren Einsicht; sondern er war — ein Sonnenkind — mitten in die Sonne gesetzt worden und verstand darum nicht, daß und wie Menschen dauernd im Schatten zu leben vermögen. Daß aber die schönste Frau seines Hofes niemals lächelte, das nahm er dennoch wahr und dem mußte Abhilfe geschaffen werden, so wahr er Jöröme, König von Westfalen, hieß. Langsam und vorsichtig, mit nahezu weiblicher Intuition, tastete er sich zu der verschütteten Seele Judiths vor. Erst ein liebenswürdiges, scheinbar oberflächliches, dann ein gutes, schon tiefer lotendes und zu guter Letzt ein gütiges, den Grund der Seele bloßlegendes Wort wiesen ihm Weg und Ziel. Und dann war es so weit. Judith rang und kämpfte mit sich, bis sie tief untertauchte in Selbstverachtung. Sie, deren fraulicher Instinkt nicht gesprochen, als ein Sonnino sich ihrefi Magdtum nahte, und die sich David Danielo an den Hals geworfen (niemand konnte unbarmherziger gegen Judith ben Sonnino wüten, denn sie selbst), s i e sollte den Mut haben, vor dem Worte „Königsliebchen" zurückzuschrecken? Für die Fiktion einer Ehrbarkeit, die ihr doch um das Linsengericht weltlichen Ehrgeizes und einer bestechenden Mannererscheinung feil gewesen, sollte sie — sie allein fürder in Einsamkeit und Verlassenheit trauern und frieren? Im Gegenteil: Denen, die es wagen sollten, sie zu verachten, und die doch insgesamt nicht besser waren als sie (Mademoiselle de Balincours sorgte dafür, daß ihre Herrin unterrichtet war über die mannigfachen Bestrebungen, des Königs intimste Gunst zu erringen) ins Gesicht gelacht oder den Rücke?» gekehrt! Wie immer die Gelegenheit es erfordern mochte! Wie lebte man denn in den Berliner jüdischen Zirkeln, von denen aus sie ebenfalls der große Bannstrahl getroffen! Je .freier, desto besser. — Schämte sich vielleicht Dorothea Veit ihrer offenkundigen lästerlichen Verbindung mit Schlegel? Oder die schöne Henriette Herz ihres „Seelenbundes" mit dem großen christlichen Theologen Schleiermacher? Oder Kabel Lewin, pardon Robert, die ihre Freunde und Verlobten nahezu so häufig wechselte wie die Bücher, die sie las? Und nur sie, gerade sie sollte ausgeschlossen sein von allen Freuden dieser Welt, weil sie in unerfahrener Jugend einen Fehltritt begangen und weil keine hilfreiche Hand dagewesen war, die sie aus dem Labyrinth ihrer Irrungen und Wirrungen hätte herausführen können! Der ehemalige Hochmut der Patrizierin und das aufglühende Blut ihrer maurischen Ahnen warfen sie — eine reife und köstliche Frucht — dem verständnisvollen und feinschmeckerischen Fürsten in die Arme. Mochte es von . nun ab um sie herum tuscheln und zischen wie von vielhundert Nattern, mochte man in Amsterdam, in Worms, in Frankfurt am Main, in Berlin und in Wien den Stab über sie brechen! Was wußte jemand, wie ihr Leben bis dahin erfüllt gewesen von Selbstzerfleischung, von Not und Pein und von jener mordenden Einsamkeit, die den Menschen in den Abgrund der Verzweiflung treibt oder — in das sündige Paradies verbotener Freuden. Aber just, während die erotische Idylle zu Kassel sich anspann, hatte der moslcovitische Adler den korsischen Leuen gereizt. Der schnellte zum Sprunge. Und drohte mit den mächtigen Tatzen. Des Streites Ursache mochte eine Doktorfrage für Diplomaten abgeben. Die Gegner selbst lachten des win- Habe« Gie schon Spende für das liberale Judentum anläßlich -er hohen Feiertage durch Zahlkarte übersandt? Postscheckkonto -er Bereinigung sür das liberale Judentum e. Berlin NB 7, Nr. 187009. zigen Oldenburg, das ihnen als Zankapfel diente. Sie selber wußten, daß es um Anderes, Höheres ging, um Sein oder Nichtsein eines von ihnen. Ob der Graf Lauriston, Frankreichs Bevollmächtigter, von den russischen Behörden unziemlich behandelt worden, ob der Graf Kurakin, der in unhöflicher Weise seine Pässe verlangt hatte, was galt es letzten Grundes denen, als deren Marionetten die Lauriston und Kurakin auf der Bühne des politischen Theaters einherstelzten? Europa klirrte von Eisen. Der weiße Zar hatte seine heiligen Schwadronen gesammelt und hielt den Weichselstrom mit seinen barbarischen Truppenmächten besetzt. Und der Cäsar des Westens beantwortete die stumme Herausforderung, indem er sechsmalhunderttausend Mann unter die Waffen rief. Der Romanow und der Bonaparte, die zu Tilsit und Erfurt den Bruderkuß getauscht, saßen, gewappnet mit dem Panzerkleid eines wehrhaften Willens, auf ihren Thronen, und aus ihrer beider Augen züngelte die Flamme tödlichen Hasses. Ihre Lippen aber wechselten durch den Mund der Kabinette noch verbindliche Noten. Der Souverän von Frankreich beschloß, eine Heerschau von Königen abzuhalten. Auf dem Fürstenkonzil zu Dresden wollte er die Welt, seine Bundesgenossen und den in den Hintergründen der russischen Steppen lauernden Feind mit dem Feuer seiner Machtentfaltung blenden. Der Kaiserin Marie Louise, der Nachfolgerin der verlassenen una geschiedenen Kaiserin Josephine, widerfuhr die unerwartete Freude, ihre erlauchten Eltern Wiedersehen zu sollen. Kaiser Franz von Oesterreich wagte es nicht, dem in Form einer Einladung gekleideten Befehl seines Schwiegersohnes, sich in Dresden einzufinden, die Folgschaft zu verweigern. Maria Ludovika, Toskanas dünkelhafte Tochter, hätte zwar den Mut ihres Hasses gegen den ihr aufgedrungenen Eidam besessen, aber die Neugier und der Neid auf die prunkende Existenz Marie Louises setzten ihr stiefmütterliches Blut so grimmig in Bewegung, daß selbst diese hartnäckige Widersacherin vor dem Angesicht des Gebietenden zu erschein nen beschloß. In den Staaten des Rheinbundes wurden die Landessöhne ausgehoben, um zur großen Armee des Franzosenkaisers zu stoßen. Die Könige napoleonischen Geblüts, die über die europäische Welt verstreut waren, die Joseph (Spanien), Louis (Holland), ja selbst Jer^m« (Westfalen), Joachim Murat (Neapel) riefen ihre Heere unter die Fahnen, um sich mit denen ihres Bruders und Herrn zu vereinigen. Und dann rollte die große Völkerwelle über Europa dahin. Der Kontinent dröhnte unter den Tritten der ungeheuren Massenheere. Eine Phantasie des Größenwahns Hatte dazu gehört, dem Kriegsgott solche Völker zu werben. Phantasie des Größenwahns, sie auf ein Zeichen, in Eines Namen, für ein Ziel zu binden. Binden zu wollen. David Danielo ben Sonnino, der Hoffaktor des Königs von Westfalen, hatte alle Hände voll zu tun, um die Riesensummen, die der Krieg sogar von dem winzigen Westfalen beanspruchte, aus dem eigenen Land, sowie den aufbegehrenden, immer haßerfüllteren Rheinprovinzen hervorzusaugen und daneben seinen erlauchten Souverän keine Einschränkung der Lebensführung fühlen zu lassen. Der Reisewagen Sonninos war ständig unterwegs, Furcht und Schrecken einjagend, wo er sich zeigte. Der „Lovelace“ auf dem Thron zu Westfalen aber hatte gerade jetzt gesteigerte Finanzbedürfnisse, weil es galt, den einzigen Wunsch und Willen seiner blassen, traurigen Herzdame zu erfüllen. Judith ben Sonnino hatte begehrt, Venedig, die Heimat eines Sonnino, kennenzulernen. Und also galt es, mit ihr mitten durch die aufgewühlten, brüllenden Kriegsgebiete die gefahrvolle Reise dorthin zu wagen. Das kostete Geld, immer noch mehr Geld. David Danielo bewilligte es, aber er grinste faunisch dazu. Drittes Kapitel. Das Rheinland stand in hellen»Flammen. Rom, durch die von dem korsischen Usurpator erlittene Schmach der erzwungenen Kaiserkrönung aufs tiefste gedemütigt, wußte den Grimm der' katholischen Bevölkerung diesseits und jenseits des Rheins über die neuen Kriegslasten, die der fremde Zwingherr heischte, geschickt anzufachen und zu schüren. , Unbekümmert um eben diesen'neu einsetzenden gewaltigsten Krieg, der Europens Erde vernichten sollte« unbekümmert selbst um den kaiserlichen Zorn seines er-, habenen Bruders trat König Jerome von Westfalen seine Minnefahrt mit der stillen, traurigen Jüdin gen Venedig an. Der vertriebenen Kurfürst von Hessen-Kassel unterhielt hundertäugige Spione in seinem ehemaligen Lande und suchte seine Landeskinder, deren Liebe ihm niemals gehört hafte, nunmehr mit einem Schein von Recht aicki zuwiegeln. Und hie und da gelang es auch wirklich, einen Brandherd zu entzünden und Empörung in wohlgesinnte Herzen zu schleudern, ob der Tatsache, daß mitten im Kriegsfurioso ein französischer König es wagte, mit einer jüdischen Buhlerin (denn so bezeichnet« der europäische Volksmund Judith ben Sonnino allgemach) eine Lustreise zu unternehmen. Und am gefährlichsten flackerten jene Brandherde dorten empor, wo der Hoffaktor von Hessen-Kassel sich zeigte, um hoch und niedrig, arm und reich das letzte Scherflein zu erpressen: sei es für die Kriegspläne des großen Kaisers, sei es für die Liebesfreuden seines eigenen Landesherrn. Der Reisewagen David Danielos stand nicht mehr nur zu jeder Stunde bereit, sondern er war statt dessen ununterbrochen unterwegs, verfolgt von tausend und abertausend mehr oder minder lauten und lauteren Flüchen. David Danielo ben Sonnino und sein treuer Diener Gasparone lachten zwar dieser Flüche, wenn sie sich in Samt und Seide dem zähneknirschenden Pöbel zeigten, aber wenn sie alleine, Aug in Auge, in der Kalesche einander gegenübersaßen, machten sie ernste und bedenkliche Gesichter. Es schien nicht, als ob dem erlauchten Herrn Finanzrat oder dem Schelmen Gasparone so eigentlich wohl zumute wäre. Der geflügelte Löwe spannte seine goldenen Schwingen in die von Silberfäden durchäderte Luft. Und seine güldene Pranke erhob sich mit Schutzgebärde über die schläfrige Lagune und den von ihr umkosten Marmortraum. Der Marzocco schnob Unwillen au« seinen metallenen Nüstern. Es war, als atme er Feindesnahen. Des toten Apostels von den Jahrtausenden zermürbtes Gebein aber würde nichts vermögen gegen den, der in höchst eigener Person ebenso wie seinen gekrönten Geschwistern sie gelegentlich den „Bucintoro", der erlauchten Republik fürstliches Staatserbe, zu festlichem Empfange rüsteten. Aus dem Arsenal, der modeijdurchfeuchteten Waffenkammer der herrschgewaltigen Stadt, hatten sie sie geholt, die Prachtbarke toter Fürsten und erstorbenen Glanzes. Und mit der schleppenden Gravität, die den Edelsassen der silberumgürteten Stadt eignete, zogen Venedigs Nobili dem Bruder des fremden Machthabers entgegen. An die Bordwände schwarzer Gondeln schlugen mit trägem Murmeln die schwarzen Wasser. Und über sie hin glitt der brokatrauschende, edelsteinflimmernde Märchenprunk des Orients. Die Meervermählte hatte ihr Brautgeschmeide angelegt. Und Venetias Königliche Kauffahrtei hatte Aufgeboten die Wunder ndiens und des Türkenlandes, erraubt und erbeutet, erhandelt und erschachert in tausend unredlichen Kriegszügen oder »in dem, von der Handelsflagge der stolzen und tückischen Republik geschützten, Piratentum, dessen Erlösnisse aÄ Rialto ausgefeilscht wurden. Hochfahrend waren die Hochfahrenden behandelt worden von dem, dessen Lieblingsbeschäftigung es war, Staatsgebilde zu tilgen und neue zu formen nach Seiner Laune, Seiner souveränen Eingebung. Aber Handelshandwerk lehrt Weltart und ölt den starrsten Sinn. Die Granden der Republik wußten, daß jener, dem sie den Gruß des heiligen Marcus entboten hatten, sie Krämer gescholten und Verachtung in das durchlauchtigste Antlitz ihres Dogen gespien hatte. Um so untertäniger würden die Neigungen ihrer Rücken und Häupter vor dem Bruder ihres Beleidigers ausfallea. Daß ihre Stirnen zum Gruß schon beinahe den Boden berührten, daran mochte wohl ihr Verkehr mit den Gebräuchen des Ostens schuld tragen. Manche Sitte des Morgenlandes hatte eine zweite Heimat gefunden ifu Winkelwetk von Venedigs Gassen. Die tausend Glockenzungen von Venedig schickten ihren Erzgesang über das marmorne Spitzengewand der zum Einzug der hohen Gäste geschmückten Stadt. Und die Kanonen des fremden Königs beantworteten mit ernstem Gruß den gebotenen Willkommen. (Fortsetzung folgt.) BÜCHERSCHAU ji Jakob Klatzkin, Misrhnath risebonim, Berlin, Eschkol, Ö6$8 (hebräisch, 228 8.), mit 9 Porträtbildern. Während das oben angezeigle Buch des Verfassers für den deutschen Juden ebenso wichtig ist wie für den hebräisch sprechenden, ist dieses nur von einem Kuriositätswert für uns. Es enthält eine Auswahl von Aphorismen und kurzen Stücken der griechischen Philosophen — in drei Teilen: die Vor-Sokratiker, die Sokratiker und die Nach- Sokratiker —» mit Ausschluß des Sokrates selbst und des Plato und Aristoteles —, in hebräischen Uebersetzungen und mit kurzen Bemerkungen über das Leben der Philosophen. Irgendwelchen Wert für das Studium eines deutschen Juden hat das Buch demnach nicht: Die Worte der Griechen lesen wir besser griechisch oder deutsch; ihre Ansichten und Daten ihres Lebens lesen wir besser in einer wirklichen Geschichte der griechischen Philosophie. — Der hebräisch Sprechende findet eine verdienstvolle Zusammenstellung der wichtigsten Aussprüche der griechischen Philosophen, die ein gutes illustrierendes Hilfsmittel zum Studium der Geschichte abgibt — mehr natürlich nicht Die einfach geschmackvolle Ausstattung durch Joseph Budko macht es zum Geschenkwerk geeignet. Die Porträts nach griechischen Vorbildern sind allerdings teilweise nicht gelungen. Zahlreich scheinen auch die Druckfehler zu sein, bei den z. T. seltsamen Namen-Transskriptionen nicht verwunderlich (Segol für griechisches Eta, Sajin für Zeta! Atöna für Athen usw.). Auch die Uebersetzung läßt den vom klassischen Hebräisch Kommenden manchmal den Kopf schütteln. Im allgemeinen aber trifft sie den sprichworthaften Charakter der alten Sprüche gut, soviel ich verstehe. Und es ist auch für unsereinen reizvoll, diesen in modern-hebräischem Gewände zu begegnen. Um der Einprägsamkeit der Uebersetzung willen verdient das Buch, daß es viele Freunde findet unter denen, die hebräisch zu denken gewohnt sind. Wird eine Auswahl von Plato und Aristoteles folgen? Fuchs, Chemnitz.