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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-09-24 · 39 (24.9.1926) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
39 (24.9.1926)
Date
1926-09-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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auch in fremden Ländern und Synagogen. und ebenso, wenn Glaubensgenossen vbn anderwärts zu uns kommen, findet sich -er Jude bald in jedem Siddur zurecht, so datz er der Andacht folgen kann, mögen die Melodien der Gesänge auch andere sein. Die jüdisch-festtägliche Stimmung ist allenthalben die gleiche; verschieden ist lediglich Form und Dauer der Andacht. Unterschiedlich 4Tt das äußere Bild der Andächtigen in den Synagogen und Betstätten gemäß der zur Anwendung gelangenden Gebetordnung. In Berlin befindet sich in den Synagogen der Separatgemeinde „Adatz Jisroel" und einigen Privatsynagogen in Nebereinstimmung mit der früheren .Tradition das Almemor. an welcher Stelle „geleint" wird, in der Mitte des Gotteshauses ungeordnet; in allen anderen Synagogen ist die uns bekannte Anordnung des Synagogenrairmes und des Oraun hakodesch zur Anwendung gebracht. Schon rein äußerlich unterscheidet sich die Schar der Andächtigen in den Synagogen ohne Orgel von der in denjenigen mit Orgel. In den erstbezeichneten, in denen die Gesänge von Männerchören ausgeführt werden, sehen sich die Besucher großenteils aus würdigen Greisen, Männern in gereisterem Alter und älteren Frauen zusammen, die noch am Althergebrachten hängen, mit der Anpassung an das Neue, dessen Berechtigung und Notwendigkeit auch auf religiösem Gebiet nicht zu bestreiten ist. nicht mitgehen wollen: die Männer am Jomkivvur in den weißen Kitteln und mit weißem Käppchen, nur wenige Zylinderhüte dazwischen, die Tallissim voll ausgebreitet den Körper umgebend oder auch ganz das Haupt bedeckend. In den Orgelsynagogen, in denen gemischte Chöre vom Wohllaut der Orgel unterstützt werden, ist dem Zeitgeschmack in der äußeren Anordnung der Andacht, zeitlich durch kürzere Dauer des Gottesdienstes Rechnung getragen. In diesen Synagogen fällt die ruhigere Haltung der Besucher auf. die ohne Frage auf die erzieherische Einwirkung der musikalischen Gewalt der Orgel zurückzuführen ist. Wir »sehen hier mehr Männer und Frauen in mittlerem und jugendlichem Lebensalter; bei den Frauen ist besondere Obacht auf die Sorgfalt der äußeren Erscheinung gelegt (was den Herren Rabbinern Gelegenheit gibt, von der Kanzel gegen Uebertreibung und Luxus zu vermahnen); bei den Männern herrscht neben dem silberbetreßten Käppchen am Jomkippur vielfach der Zylinderhut vor: der Tallis wird meist zusammengefaltet getragen. — Die Andachten und die Zusammensetzung der Besucherschaft in den Vereins-Synagogen nähert sich mehr dem Verbundenheitsgefühl der Kehillo. wo jeder jeden kennt. Am Roschhaschono und Jomkippur findet aber auch in den größeren Gemeinde- Synagogen mancher „seine" Nachbarn, wenn er auch das ganze Jahr über vielleicht nicht im Tempel mar: deshalb »legen die meisten aus diesem Anhänglichkeitsgefühl heraus Wert auf die Beibehaltung „ihres" Platzes. Ist schon am Roschhaschono der Gottesdienst in den Berliner Synagogen »von zwingender Gewalt der Andacht durch die Fülle der an diesen Tagen den Weg zum Gotteshaus findenden, sonst leider vielfach religiös-neutralen Glaubensgenossen, so hat die Erhabenheit der Gottesdienste am Kolnidre-Abend und am Jomkippur-Tage in den bis auf den letzten Platz und darüber hinaus überfüllten Gotteshäusern schwerlich ihresgleichen. Die Gottesdienste na^i streng orthodoxem Ritus beginnen an diesen Tagen der vielen Festtags-Einschalkungen in den Gebeten wegen schon zu früher Morgenstunde. Die große Zahl der Besucher erscheint iedoch erst 'zur Predigt und gewöhnlich sind die Betstätten bis 10 Uhr Vormittags leer. — In den Außenbezirken -er Stadt und in den Vororten tritt der Jontif äußerlich weniger in Erscheinung. weil in diesen Stadtvierteln nicht allzu viele Unserer Glaubensgenossen wohnen. Die Vorschriften über die Selichoth. Piutim usw. werden in den Synagogen, in denen nach überliefertem Ritus ge- Wtrt wird, strena beachtet. Zwischen Roschhaschono und iJömkippur steht man häuficr dielangen Jomkipvur-Lichte Äygewickelt über die Straße tragen, ebenso an den Tagen ides Sukkausfestes die Lulowim, dies am meisten in den Stadtge-genden der inneren Stadt, wo diese Vorschriften von den Strenggläubigen, und den Zugervanderten streng beachtet werden, aber auch deswegen, weil in diesen Straßen mehr „jüdische" Geschäfte sind als anderwärts. Das Snkkausfest ist mehr der häuslichen Feier aemidmet; die Kinder werden zur Laubhütte geführt, die Bedeutung der Symbole des Festes wird ihnen erläutert. Alt und Jung preist den Ewigen mit den altehrwürdiaen Gebeten des Festes. Auf jedem Synagogengrundstück ist zum Snkkausfest eine Sukka aufgestellt, in der nach jedem Gottesdienst in feierlicher Weise .gebenscht" und „Mauze" verteilt wird. Es gibt in Berlin auch eine Anzahl Glaubensgenossen. die in ihrer Wohnung mit eigenem Sef.er Minjan veranstalten und auf eigenem Arund und Boden eine Sukka errichten. — Die Andacht «n Hoschano rabbo. dem „kleinen Jomkippur", wird auch in den Berliner Synagoge« mit besonder-er Feierlichkeit verrichtet, wobei daS „Schanes-klopfen" nach alter Nebung trotz des Verbotes der Synagogen-Dorstände doch nicht unterbleibt. Noch einmal finden die Gläubigen den Weg zum Gotteshause zur Seelengedächtnisfeier am Schlnßfest. Schemini azeres. Die Pietät und das Andenken an die lieben Dahingeschiedenen sind gottlob bei unseren Stammesangehörigen noch immer so gefestigt, daß es wohl einen jeden an diesen Tagen des Gedenkens zur Teilnahme an der Andacht drängt. An Simchas tora. dem freudigen Beschluß des Festmonats, veranstalten die Synagogenvereine, die Wohlfahrts-Kommissionen und manche landsmannschaftlichen Vereine fi** sellige und Kinderfeste. — So schlingt sich ein Band von der Neumondsverkündung des Monats Ellul und dem ersten Schofarton bis zum letzten Ausklang an Simchas tora durch den Bortrag des sogenannten „Jahreskaddisch am Schluffe des Muffafgebetes durch den Vorbeter, bei dem nach üblichem Gebrauch die hauptsächlichsten Negunim sämtlicher Jbmtäüwim aneinandergereiht werden. In diesen altbekannten und für uns doch ewig neuen herzerhebenden Melodien klingt der Fcstesmonat aus. Wir treten ein in die festeslose Winterzeit, die nur durch Chanukka und Purim unterbrochen wird, bis mit dem Wiedererwachen der Natur .das Peffachfest zu neuer Gottesverehrung ruft. Die Gefahren -es politischen Zionismus. Das revisionistische Programm. Bon Ernst D a v i s - Jerusalem. (Korrespondenten des „Berliner Tageblattes".) An die Redaktion der „Jüdisch-liberalen Zeitung" Berlin SV. Wilhelmstr. 147. . Sehr geehrte Herren! Durch einen Zufall kommt mir soeben >die Nummer 33 Ihrer Zeitung vom 13. August zu Gesicht, in der sich ein Bericht Ihres Palästina-Korrespondente^R. F. befindet. Darin werden mir wie meinem Freunde Dr. v. Weisl Aeußernngen in den Mund gelegt, die weder er noch ich gemacht haben. Ihr Korrespondent schreibt: „Bei der am 20. Juli in Jerusalem stattgehabten stark besuchten Volksversammlung äußerte sich Dr. v. Weisl im Lause seiner Rede: .Der Bankrotteur Weizmann. der wohl ein routinierter Schnorrer ist. jedoch kein Politiker usw. . „Sein Nachredner Herr Ernst Davis ... bat in seinen Ausführungen die Worte Dr. v. Weisl vollinhaltlich unterschrieben, indem er mit den Worten schloß: .Für einen solchen Führer ist ein Platz in der zionistischen Organisation nicht vorhanden'!" Beide Behauptungen sind vollinhaltlich falsch. Dr. v. Weisl hat selbstverständlich derartige Ausführungen nicht gemacht, und ich habe mich ihnen schon aus diesem Grunde nicht anschließen können. Nichtig ist. daß Dr. v. Weisl öarlegte, Professor Weizmann habe wohl mit Erfolg Gelder für Palästina zu mobilisieren gewußt, aber nicht die von der Opposition für nötig erachteten politischen Bedingungen zu schaffen verstanden. In keiner Weise lag es jedoch in seiner Absicht. Dr. Wcizmanns Tätigkeit oder gar seiner Person die Achtung zu versagen, die jeder Mensch, unabhängig von allen politischen Kontroversen, davor haben muß. Dr. v. Weisl ist mir leider zur Zeit unerreichbar, da er sich im Auslande befindet. Ich kann ihn daher nicht darum bitten, den betreffenden Passus seiner Rede selbst zu zitieren. Dagegen bin ich in der Lage, seine schriftlich fixierten Ansichten über Professor Weizmann und seine Arbeit als Beleg für die absolute Unrichtigkeit der Behauptungen Ihres Korrespondenten anzuführen. Dr. v. Weisl schrieb unter dem Titel „Die Front der Revisionisten" in Nummer 30 der Prager „Selbstwehr" vom 23. Juli u. a.: „(Der Unterschied zwischen der) Politik Weizmanns. deren höhen, idealen Flug wir erkennen usw. . . ." (Sperrung'^on^mir). „(Das) Geld, d a s e r in ungewöhnlichen Mühen und in großer, be,wunderungswürdiger Weise sammelt. . . Sie werden ans diesen Zitaten unschwer ersehen, daß Dr. v. Weisl die gehaltige Arbeit Weizmanns bei allen grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten genau umgekehrt einschätzt, als aus dem Bericht Ihres Korrespondenten hervorgeht. Und dieser Wertung schließe ich mich in -der Tat „vollinhaltlich" an. Ich selbst endete meine Rede mit Worten, die nicht die gerinste Aehnlichkeit mit den von Ihrem Berichterstatter zitierten haben. Ich erklärte: „Man kann sagen, wir wissen nicht, ob die Revisionisten -es besser machen werden, wenn sie die Leitung übernehmen. Aber wir wissen, daß die bisherige Exekutive nicht die nötigen Erfolge hatte. Deswegen scheint es mir richtig. datz man den Revisionisten die Gelegenheit aibt, ihre Methoden anzuwenden. Versprechen kann das niemand, denn niemand kann in die Zukunft sehen und wissen, was für unberechenbare Faktoren auftreten können, aber wir glauben, daß unser Weg der richtige ist." Es ist mir völlig unverständlich, wie man aus diesen Worten irgend etwas entnehmen kann, das mit dem Sinn der mir von Ihrem Korrespondenten zugeschobenen Ausführungen irgendeine Aehnlichkeit hat. Mir ist das um so weniger verständlich, als ich auch in den Berichten der hiesigen Presse, selbst in dem extrem oppositionellen „Doar- Hayom" keine Zeile fand, die mir irgend etwas derartiges insinuierte. Da mir daran liegt, daß über die Art meiner politischen und meines politischen Kampfes keinerlei Mißverständnisse aufkommen. bitte ich Sie. die Freundlichket zu haben, diese Ausführungen zum Zwecke der Berichtigung des Ihnen sicher selbst unangenehmen Irrtums in Ihrem Blatte abzudrucken. Zu besonderem Dank wäre ich Ihnen verpflichtet, wenn Sie mir außerdem gestatten würden, in Kürze die Stellung meiner engeren politischen Gesinnungsgenossen zu dem Palästinaproblem zu erklären. Tenn aus den Artikeln Ihres Blattes könnte der sicher unbeabsichtigte Eindruck entstehen, wir oder irgendeine Oppositionsgruppe in Palästina teilten die darin vertretenen Anschauungen. Dagegen sind in Wirk? lichkeit folgendes unsere Ansichten: 1. Wir glauben, daß England an dem Entstehen eines starken Judenstaates in Palästina als Gegengewicht gegen das Arabertum und insbesondere einen künftigen arabischen Nationalismus ein Interesse hat. das gerade jetzt gewachsen ist, wo seine Stellung auf dem Westufer des Snezkangls nach dem Siege der Zaghlulisten einen starken und kostspieligen Kräfteair fwand erfordert. Wir glauben, daß die Wiedererrichtung des jüdischen Staates nur möglich ist, wenn die Juden ganz klar und unzweideutig den politischen Interessen Englands Rechnung tragen, die es mit dem Ausbau des Judenstaates verfolgt. Wir sind nämlich der Ansicht, daß alles auf der Welt bezahlt werden muß. daß nichts umsonst zu haben ist,, auch nicht Englands Hilfe bei der Errich-. tüng des Judenstaates. 2. Wir glauben, daß Englands ursprünglich sehr fre nützliche und tatkräftige Mitarbeit an der Realisierung der Idee Herzls aus zwei Gründen fast ausgehört hat: 1. a. Weil die gegenwärtige Leitung der Zionistischen Organisation ans einer sehr hohen und idealen Ansfassung von ihren Aufgaben und denen der jüdischen Politik überhaupt den werdenden Judenstaat nicht mit den Interessen des englischen Imperiums»verkniipfen wollte, sondern bei jeder Gelegenheit erklärte, die Inden in Palästina müßten sich aus ethischen Gründen von den imperialistischen Jnter» effen der europäischen Mächte fernhalten. Henrielle Herz und Friede. Schleiermacher Bon A. S t r u k a t. Es war der geistreiche Prinz Louis Ferdinand von Preußen, der einst die schöne Henriette Herz bei der Hand nahm und sie der berühmten Schriftstellerin Frau von Staöl mit den Worten vorstellte: „Betrachten Sie diese Frau, sie ist nie geliebt worden, wie sie es verdiente." In der Tat war Henriette Herz eine der bedeutendsten Frauen ihrer Zeit. Bon jüdischer Abkunft, ist sie oft mit der Königin Esther verglichen worden. Ein Portrait, von dem Künstler Anton Grass gemalt, zeigt uns das regelmäßig schön, aber kräftig geschnittene Oval und eine ganz geradlinige Na^e, große, dunkle. leuchtende Augen und einen kleinen roten, über weißen Zähnen lächelnden Mund in dem Gesicht von Henriette Herz, das außerdem noch von einer Fülle schwarzer Locken verschönt wird. Ihre Gestalt war auch im hohen Alter über die gewöhnliche weibliche Größe hinausgehend, dabei schlank und doch füllereich. Sie hielt sich bis zuck achtzigsten Jahre noch kerzengerade und liebte es, statt der damaligen üblichen Hauben alter Frauen, einen stolzen Turban zu tragen, was ihr manchen Spott einbrachte. Geboren ist sie 1764 als Tochter des jödisch2n Arztes Doktor de Lemos: er war portugiesischer Herkunft, und von ihm hatte die Tocher offenbar die eigenartige Schönheit geerbt. In den Aufzeichnungen, die sie ans ihrer Jugend hinterlassen hat. spricht sic ein gewisses naives Erstaunen über ihre eigene Schönheit und die Wirkung derselben aus, ohne irgendeine Art von Eitelkeit oder Selbstüberhebung dabei an den Tag zu legen. Sie war schon als Kind so schön, daß die Inden in Berlin sie sehr oft bei Festlichkeiten von ihren Eltern sich erbaten. So hat sie auch mehrmals hohen Personen Gedichte überreichen müssen, besonders als sechsjähriges Kind der Prinzessin Amelie. Schwester Friedrichs | des Großen, deren schielende Angen bei großer Freundlich-! keit einen ängstigenden Eindruck ans das scharsbcobachtendc Kind machten. Die Prinzessinnen des königlichen Hauses liebten es damals sehr, jüdische Feste mitanzusehen; so war auch Prinzessin Amelie bei einem Lanbhüttenfest erschienen und ihre Schwester, die Königin Ulrike von Schweden, bei einer jüdischen Hochzeit, wo das schöne Judenkind Henriette vorgestellt wurde. Die Eitelkeit des kleinen Mädchcnherzeus wurde durch solche Schaustellungen natürlich sehr geweckt, und die sonst braven Eltern kannten keine Vorsicht in diesem gefährlichen Punkte der Erziehung: sie gestatteten es sogar, daß das neunjährig-Mädchen in einem öffentlichen Konzerte Klavier spielte — damals etwas nicht Alltägliches - wo man cs mit Beifall überschüttete, nicht, weil es gut spielte, sondern weil es schön aussah. Auch kam es vor. daß die Kleine mit einem! alten französischen Tanzmeister ans großen Bällen Tänze anfführte und so sehr die allgemeine Bewunderung erregte, datz die Zuschauer auf Stühle und Tische stiegen, um sie besser sehen zu können. Wie tief der Eindruck dieser schmeichelhaften Erlebnisse war. geht daraus hervor, daß die Greisin sich ihrer noch sehr wohl zu erinnern wußte und gern davon erzähle. Auch erregte das frühreife Kind in der Schule und auch auf der Straße die Bewunderung der männlichen Jugend Berlins in einer Weise, die dann doch die arglosen Eltern zu größerer Vorsicht antricb. Die Kleine wurde nicht mehr zur Schule geschickt, sondern erhielt Unterricht zum Teil von ihrem Vater. Diesen schilderte sie gern und oft als eine der merkwürdigsten Figuren Berlins; er trug nämlich stets einen Samtrock mit goldenen Tressen besetzt, seidene Strümpfe. Schnallenschuhe, einen dreieckigen Hut über einer Allongcperrücke und echte Spitzen an den Handgelenken und auf der Brust. Die hohe, edelgeformte Gestalt, die feierliche Haltung. die er seiner Würde als Arzt angemessen fand, und das schöne, regelmäßige Gesicht mit dem milden Ausdruck machten sich in diesem altmodischen, aber malerischen Kostüm ganz vortrefflich. Wenn der Diener mit der hellen Stocklaterne durch die damals noch sehr schlecht beleuchteten Straßen von Berlin vor ihm herging, blieben alle Leute auf seinem Wege stehen, sahen ihm erstaunt nach, lachten aber niemals. Noch schöner fand ihn die zärtliche Tochter zu Hause, wo er einen rotseidenen Schlafrvck und eine turbanartige Mütze trug. Er besaß einen vornehmen, feinen Anstand, der nie ein heftiges Wort über seine Lippen kommen ließ. Im Charakter und in seinem ganzen Leben stand er fleckenlos da. Was seine Tochter aubetrisft, so bildete er sie fast zur Gelehrten. Sie lernte Latein. Französisch. Englisch und Hebräisch, letzteres wohl nur mit mücksicht auf den Religionsunterricht, welcher damals bei den orthodoxen Juden nur in hebräischer Sprache erteilt wurde. Mit der Mutter stimmte das Kind weniger zusammen. Sie war eine heftige, launenhafte und kränkliche Frau, die Mann und Kinder quälte: bis ins späte Alter hin hat ihr die Tochter aber Rücksicht | und Liebe bewiesen.! Die kleine Henriette erhielt schon mit zwölf Jahren zwei Heiratsanträgc; der erste kam von einem abenteuerüden Inden, der wahrscheinlich die erblühende Schönheit des Kindes zn bösen Zwecken benutzen wollte. Nachdem er den Eltern von großen Neichtümern vorgeprahlt hatte, namentlich von Mohren und wilden Tieren, die er in fernen Weltteilen besitzen sollte. Verschwand er plötzlich, stahl aber noch vorher dem Pater seiner kleinen Anserwählten eine goldene Schnupftabaksdose. Einige Monate später hielt ein sehr geachteter Arzt, der Hosrat Markus Herz um Henriette an. Ohne sie lange zu befragen, gaben die Eltern, die noch viele Kinder zu versorgen hatten, ihre Einwilligung, und die Kleine war ebenfalls stolz und zufrieden, schon so früh Braut zu sein. Der Bräutigam wartete noch beinahe drei Jahre mit der Hochl zeit, und Henriette erzählte immer, daß der Brautstand sehr langweilig gewesen wäre. Jeden Abend mußte ste am Spieltisch sitzen und zusehen, wie ihr Verlobter mit den Eltern Karten spielte. Er beachtete sie kaum und nannte sie nur „das Kind". Fünfzehn Jahre war er älter, aber ihrem prüfenden Blick schien cs. als wäre der Unterschied größer. Dazu hatte er eine hohe Schulter und war klein und häßlich. Doch war sie ihm stets eine liebevolle und treue Gattin gewesen, wenn sie auch zuweilen klagte, daß ihrer Ehe die Romantik der Liebe gefehlt hätte; auch war sie tief traurig, daß ihre Ehe kinderlos blieb. Durch freundschaftlichen.Verkehr mit edlen Menschen und durch Beschäftigung mit Kunst und Literatur suchte sie darüber hinwcazukornmen. Das Haus des Hvfrats Herz wurde nun bald der Sammelplatz der besten Berliner Gesellschaft. Nicht nur Künstler und Schriftsteller wie Schadow, Rcichhardt, Zelter, Moritz. Engel. Graf Christian Bcrnstorff. Gcntz, v. Brinckmann, Dohm, Leuchscnring, die Humboldts, die beiden Schlegel, auch politische und theologische Namen bildeten ihren Kreis. Der preußische Minister Graf Dohna-Schlobitten und Schleiermacher müssen hier besonders genannt werden, weil sie am meisten Einfluß auf Henriettes Leben ausgeübt haben. Der Graf und Minister war der leidenschaftlichste Verehrer und der protestantische Theologe der treueste Freund der schönen Jüdin. Herz selbst verließ sich so sehr aus das starke Pflichtgefühl und das reine Gemüt seiner Frau, daß er alle ihr dargebrachtcn Huldigungen lächelnd gewähren ließ. Der heitere Kreis talentvoller ltnö vornehmer junger Männer. der sich mit eben solchen Frauen in seinem Hanse znsammenfand, brachte ihm selbst viel Freude. Cs wurde vorgelesen, philosophiert, gedichtet, gesungen und manchmal auch getanzt. Ja. in ihren Erinncrungsblättern erzählt Henriette, daß Alexander von Humbold sie im Menuettanz unterrichtet habe, wofür sie ihm Stunden im Hebräischen erteilte. In dieser Sprache schrieb er ihr seine Briefe von feinem Gute Tegel, das er „Schloß Langeweile" nannte, weil er sich io lebhaft nach den Kreisen des jüdischen Salons sehnte. Tie beiden Humboldts waren übrigens damals kann: zwanzigjährige Jünglinae: ihre fast kindliche Zufriedenheit mit der höchst einfachen Geselligkeit der Berliner Schöngeister ist damit hinreichend erklärt. Im Hause des Hosrats Herz ging es für die damalige Zeit recht elegant her, denn seine reiche Praxis gewährte ihm genügende Mittel dazu. Leider war er viel zu freigebig, und als er im besten Mannesalter starb, hinterließ er seine junge Frau säst mittellos. Nur eine kleine Pension und einiges Kapital besaß sie. um sich, ihre alte Mutter und eine unverheiratete Schwester zu ernähren. Um ihre kleinen Einkünfte zu vermehren, behielt sie den Pslegebesohlcnen ihres verstorbenen Mannes. Ludwig Baruch im Hause. Er wurde später als Ludwig Börne eine deutsche Berühmtheit. Damals war er noch ein kleines Geisteölicht und galt für einen eitlen, egoistischen Faulenzer. Studiums halber hielt er sich in Berlin auf. tat aber nichts und blieb oft tagelang in seinem Zimmer eingeschlossen. Zu allem Ueberfluß entdeckte er Henriette seine Liebe und machte dann einen Selbstmordversuch, indem er sich mit Arsenik vergiften wollte. Den Bernunftgründen der Frau Herz zeigte er sich unzugänglich, machte vielmehr einen zweiten Selbstmordversuch, an welchem ihn die kluge Frau hinderte, ebenso wie

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