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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-09-17 · 38 (17.9.1926) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
38 (17.9.1926)
Date
1926-09-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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MWWW W «WU WMWWWW itßffttt GLhalten mit den speztftsche» Tharakter«» ihrer *?BOi ergentümltche VerÄuduug vv» Idee rmd Wirkdie den TnpuS eines bestimmten religiöfen Lebens MD. eben B e r b l r h 11« 0 zweier Momente, nicht ein olvtzcr Abdruck der Lehre, sondern von dieser mehr oder neniaer merklich verschieden ist. Weiß sie eindorrtig und knrr bestimmtem (tzlauben. bestimmtem Ethos. Ausdruck zu soben, so findet sich hier ein buntes Vielerlei von Motiven, wachsend im ftwf der tfcil, Widersprüche und Unstimmig' reiten dazu, die um so zahlreicher werden, je weiter in Raum und Zeit die Wirkung der Religion sich erstreckt. Abt-L doch damit zugleich auch eben die Fülle alles Lebendkgen! Und so offenbart sich das Wesen einer Religion ,m Tnpus ihrer Lebensform, wenn nicht am reinsten und klarsten, so doch vielleicht am innigsten, nnd starker und lebendiger hier, als im reinen eindeutigen Dogma ihrer "eure. . t Grundtendenz der jlldischen Lehre ist. wie mir »memi, vor allem anderen deutlich gezeichnet: im Bilde >iatol,s. der seinem Polte den Namen, im Bilde Moses. d« ktnfsir PoUe. die Gesetze gibr. Wie Mose am Sinai zu Gott emporstci.gt, die heiligen Tafeln des Gebots herabzuholen, "7.w!e^ ijolvb mit dem Engel um den Legen Gottes ringt: ,.161 lasse dich nicht, es sei. du segnest mich denn!" — so ist ^ncn des jüdischen Glaubens: In zäher. unablässiger BlMuitttug. inr Höiitiif um Gotc. im ftanwf für Gottes ,nächst Legen und Glück des Menschen. Kämpferisch: kn», . Lich'durchdrinaen" ist sein Gebet.'- Härte und Stolz stn.o seine .'seichen. .Die^Ledr.' des C h r i st e n t u m ö ist demgegenüber ein ouennaitlkcher Gegensatz. Demut ist ihre doch sie Tugend. Uno das Wo.rt Gott es n't nicht vom Himmel e rzwungen, nicht durch menschliche Kräfte allf die Erde herabgebracht, wndc rn g e sch c nk t allen denen, die hören wollen, von Gott 'elbst in das Leben der irdischen Welt getragen. Und dos Bild Fein, nicht anders, ist Güte nnd ein demütiges Hingogebensern. Sanftmut und Milde. Das Ethos des Judentums ist ein Hinauf zu Gott, ein Kamps um den göttlichen Segen. Das Ethos des Christentums ist ein Glaube an den Niedersiieg Gottes zum Menscher:. ein hoffendes Knien vor der Gnade des himm. lischen ^>oters. So ist die Stimmung der jüdischen Lehre ein freudiger Stolz, die Stimmung des Ehristentums ein hängendes Hossev. Wir »miiei! nicht genau, wie diesem Gegensatz der Lehren die Verschiedenheit im Lebenstnpuö ihrer ersten Träger entsprach, Aber es ist zu vermuten, daß das religiöse Leben des biblischen Inden. wie der ersten Christen jeden- '.ans rn allen wesentlichen Stücken der Struktur ihrer Glaubens schren, wenn nicht gleich, so doch analog gestaltet mar. Aber mm — im Laus der Entwicklung wandelt sich das Leben des Menschen, Und es ergibt sich das Eigentümnche rtlig'vsi'r Lebensformen, die sich mehr nnd mehr von der Stimmung ihrer Lehre zu entfernen scheinen. Das Lehen des Inden ist im Lauf der Geschichte zu cineur Leben der Diaspora. :,u einem Leben des Ghettos geworden. Der freie, zu herrschen Gewohnte hat das Leiden cmahren. Das Leben des Ehristentums bat die Völker des heidmiajcn Europa in sich ausgenommen. Die Lehre, die zuerst den Armen und Unterdrückten galt, hat über die Länder eine» Erdteils gesiegt. Nnd io geschieht es. dag die Stimmung des religiösen >ebcps Ii>e.r uiic dort im tieinen sich wandelt, ja zunächst geradezu in ihr Gegenteil umzuschlagen scheint. Dem Judentum erwächst die Gestalt des Propheten Elias zu einem neuen Zentrum seines Lebens., Elias, so geht die Legende, wird kommen — einst am Ende der Tage — den Messias anziEagen — die Erfüllung der Zeiten. Ein wehmütig melancholisches Hoffen wird wach im indischen Leben.. Das Warten, die Sehnsucht — und ein Müdesein vom langen Harren — das Glück und die Leiden des Sehnen.de» wachsen in seiner Mitte. - Dem Ehristentnm aber ersteht das Bild -cs Deutschen: Martin Luther — die Gestalt des Protestanten, des Kämpfers, der mit stolzer Kraft, mit starker und harter Faust seinen Gott sich selbst ertrotzen will und alle kirchlichen Mittler der Gnade beiseite drängt. Kraft und Härte, die keusche Schlichtheit des Nordens und ihre feste innige irrende am eigenen Mühen treten ein in den Umkreis der christlichen Welt. Der Zwiespalt zwischen dem Ethos der alten Lehre und der so neu erwachsenen Stimmung ihrer menschlichen Träger ist nicht zu verkennen , . . Ein religiöses Tbeaterspiel aus jüngster Zeit bringt einen kurzen Dialog, der. wie mir scheint, in ausgezeichneter Weise von diesem heimlichen Gegensatz zwilchen Mensch nnd Lehre iw protestantischen Leben Zeugnis gibt. Da- Keine Bauernmädchen spricht: «. .. © wär' ich dazuaekommev! Er hält' ein anderer Ende genommen! Sie hätten ihn nicht kriegt, den Heiland, den lieben. Ich hätte schreckbar für ihn gestritten." — „Das hätte der Heiland nicht gelitten." — — „Man hätt'r ihm tu« sollen wider Willen. . . . Wär doch für ihn mein Blut geflossen. Wenn ich ans der Erde lieg' und wich nimmer rühr: Dann weih ich eben doch, wofür. Eben für ihn gestorben war' ich." — — „Gr wollt aber sein Blut — vergießen für dich." — — „Ja! Doch ich wär' ihm zuvo »gekommen. Anders hätt' ich's nicht angenommen."') Und wie hier der Wille zum „schreckbar Streiten" für Gott gegen die Gnadenstimmung der christlichen Lehre spricht, so zeigt für das Wesen des jüdischen Lebens eine Stelle des Petzachbuches den gleichen Gegensatz von Altem und Neuem in umgekehrter Richtung. Der Ritus schreibt vor. die Türen des Hauses zu össnen. Und es folgt nach der OrkkNung des Buches: in die Nacht deS Peßach hinausgeschrteen, mitten in die feindlich fremden Völker ringsum. daS stolze Gebet eines ganz im Bewußtsein seiner Mission und Erwähltheit lebenden Menschen — trotzig und hart: „Schütte aus deinen Grimm über die Völker, die dich nicht onbeten. und deinen Zorn über die Länder, die deinen Namen verleugnen! . . Aber im Lauf der Geschichte — wie auch immer die Worte geblieben sind — hat der Ritus eine eigentümliche Wandlung erfahren. Bevor die Türen des Hauses geöffnet werden, hat der Hausherr den dritten Becher Wein geschenkt, nnd einen Becher mehr, als Gäste am Tische sind — für den heimlich erwarteten Gast der Pchachnacht. für den Propheten Elias, der da kommen soll als der Bote des Messias. Und das erste Wort bei offener Tür ist der Gruß für Elias: ein Ruf der Sehnsucht und ein Segensspruch. Die Bitte um die Vernichtung der Leugner Gottes folgt nach, unvermittelt, aber so auch fast bedeutungslos geworden. Und doch: die Grundtendenz des Alten. Ursprünglichen, die Eigenart der Glaubenslehre ist nicht erstorben. Und im Tnpus des jüdischen, wie im Tnpus des protestan, tischen Lebens bleibt sie nicht ohne Wirksamkeit. Aber sie ist seltsam verbunden und vermischt mit der neuen Stimmung ihres menschlichen Trägers, War die Haltung der Indischen Lehre in den Gestalten Jakobs nnd Moses gezeichnet, so tritt nun für den Lebenstnpus des Judentums das Bild deS Elias hinzu. War die Lehre des Christentums im Bilde Jesu verkörpert, so tritt nun für den Tnpus des protestantischen Lebens die Gestalt Luthers hinzu . . . Der Lebenstypus des Protestantismus, das ist das kleine Mädchen des deutschen Dorfes. Das ist: ein blondes und herbes Kind, scheu und zart, und doch froh und stark, trotzköpfig ein wenig und aufgelegt, für der? lieben Herrn „schreckbar zu streiten", und eben damit im innersten Grunde voll mutiger Lust am Leben und voll von leuchtender Heiterkeit. - Tie Stimmung des protestantischen Lebens ist die Stimmung kindlichen Seins. ..Ein Gefühl, ist in mir wie in einem Kind, das neugierig. halb und halb auch scheu, auf einen Stuhl klettert und die Bibel herunterholl vom Schrank, wenn die Eltern zum Gottesdienst gegangen sind, des Sonntags vormittags . . Halb neugierig und halb schon/ halb mutig, mutwillig nnd streitbar und froh und schelmisch fast und halb demütig und ehrfurchtsvoll und andächtig fromm und ein wenig bange in Hoffen und Warten vor dem Wunder. das da immer geschehen kann — so eint sich hier Milde und Demut und Hingegebenheit mit trotziger Lust am Leben zu einem frohen, innig festen, kindlichem Vertrauen... Der Tyvns des jüdischen Lebens, das ist der Schüler deS B e t h - H a m i d r a s ch. Heber die Folianten der taurudischen Schriften gebückt, steht er im Dämmerlicht des „Lehrhauses" — alte Leuchter auf den Tischen — bleich und müde, ein banges Fragen an alle Dinge, eine heimliche Sehnsucht im Herzen. Aber im Auge leuchtet der Stolz und die Freude, einer zu sein aus Ercz Jisroel. einer von denen, die auserwählt sind unter den Scharen der Völker. Und mit der bangen Müdigkeit des ewig Wartenden verbindet sich die Lust des Lernenden, die zähe Kraft des Wisiendeu zu einem immer zwiespältigen Hoffen: ans Bangigkeit und Stolz gemischt. Aber wenn auch so die Grundstimmung der jüdischen Lehre, wie die Grundstimmung des christlichen Dogmas im Typus des jüdischen, wie iw Typus des protestantischen Lebens nicht auf-ehvben erscheint, so scheint sie doch jedenfalls auf ein Geringstes reduziert. Und zwischen dem Bilde der Männer Jakob und Mose und dem Schüler des Beth Hamtdrasch, -wischen dem Bilde Jesu und dem Kinde des deutsche» Dorfe» scheint kaum eine allgemeinere und tiefere Beziehung zu bestehen. Aber vielleicht scheint dies auch nur! ES ist gewiß kein Zufall und nicht ei» gleichgültiges Worr, wenn es von Jesu heißt: „Lasset die Kindletn zu mir kommen!" Und eS ist gewiß auch kein Zufall, wenn die Gestalt deS Mose vor allem anderen als Gestalt deS großen Lehrers gezeichnet ist. Und so darf e» wohl ohne Zweifel sein, daß in den gezeichneten Typen religiösen Lebens der Charakter ihrer Lehre nicht nur als m i t bestimmendes Moment enthalten ist. daß vielmehr, wie sehr es zunächst auch anders scheinen mag. zwischen Leben und Lehre eine t i e f st c Verwandtschaft besteht. Allerdings — so war bereits gesagt — das Leben ist reicher als das Dogma. Und wenn dieses eindeutig in bestimmte Richtung weist, klar und deutlich Ausdruck eines Gedankens und einer Stimmung, io bedarf das Leben der Ergänzung, der Vielfalt, sa des Gegensatzes. Und erst im Hin und Wider der Gefühle erzeugt sich jene Spannung und Beweglichkeit, die jedes Leben zeichnet — und damit erst auch jenes eigentümlichste Symbol der Religion: ü e r T y p u s i h r e s M e n s ch e n , der mächtiger nnd' rührender als alle ihre Dogmen von ihrem tiefsten Wesen, Zeugnis gibt. *) Das hebräische Wort für „beten" hispällel besagt, wie, ich dem Hinweis eines Freundes entnehme, ein Sich-wirken,! ein Jn-sich-gehen, ein Sich-burchdringen. ’l Mar Mell: Das Apostelspiel. sGraz 1026.) ') L: Eine Karfreitags-Erinnerung. („Memeler Dampfboot". 1828.) Antworten G. Sch.. Hannover. Wenige Tage vor Deutschlands Eintritt in den Bvlkevbuud. wenige Tage vor den ernsten Festen, die dem Gedanken der Rrüderlichkeit und Menschen^ Versöhnung dienen, schreiben Sie im „Schild", der Zeitschrift des Rcichsbnnbes jüdischer Frontsoldaten dies: „Wir wissen alle, daß er ider Krieg) unausrottbar n't." Ganz große 'Geister — die jüdischen Propheten Je-saia nnd Micha waren nickt die ersten und sind kaum die schlechtesten darunter — sind anderer Uelberzengung. Niemand aber wußte bisher, daß der neutrale Frontbund antipnznisnschc Politik macht. E. S.. Hamburg. Sie schreiben uns mit wünschenswerter Deutlichkeit: „Das .„Israelitische Familienblatt" und das „Hamburger Familienblatt" bringt in Nr. N unter der Bezeichnung „Erlaubt ist. was oesällt" eine Erklärung, was Anstand ist inr die „Indisch-liberale Zeitung" in Berlin. In der gleichen Nummer dieses Blattes druckt sowohl das „Israel. Familienblatt" als auch das..Hamburger Familienblatt" wortwörtlich, ohne die Ouellc, zu nennen. Ausführungen der „Deutschen Israelitischen ab. welche dieselbe bcr-'its am 1*1 August brachte. Anstatt, wie es der Anstand erfordert, den ja scheinbar das ..Hamburger 'Israelitische Fawilicnblait" gepachtet bat. die Quelle: „Deut,'che Israelitische Leitung" zu benennen, spricht das Familienblatt schanibast nur von „anständiger jüdischer Seite"." Wie soll Ben Akiba gesagt haben'? Dies lagt die. „Jüdische Wochenzeitung für: Cassel. Hessen und Waldeck' vo>m 18 August die' itife» thi anderer Leier .zusendet: „Sie haben'recht. Das .„Israelitische Familienblat-t" hätte absolut keinen Grund, sich darüber anszuhalten. daß wir eini-ge Notizen von dort entnommen^ haben. Das Hamburger Blatt entnimmt regelmäßig unsere sämtlichen Lokaluotizen, cimchließlich der Druckfehler. In der heutigen Nummer bringt es sogar fertig, einen Driginalartike! „Beschwerden Hoosscher Fuden gegen Rabbiner Kugelmann , den wir in unserer Nummer vom 28. Mai veröffentlicht haben, zum Albdruck zu bringen, ohne nur^anzndeuten. daß derselbe unserem Blatte entnommen ist." Sie wundern sich? Aber dieser Hamburger Heiratsanzeige^ bat sich eben zum Grundsatz gemacht: Erlaubt ist. waS gcsäUt! äÄirde über Geschmacklosigkeit kreischen, sollte einer christlichen Zeitung 'beisallen. Berlins Wahrzeichen, den Bären, mit einem Kreuz zu schmücken, lind kann darum nichts eiliger tun. als seine Kuverts mit dcm Berliner Bären z». versehen und ihm zum Gespött der Postbeamten einen Mögen Dovld in die Pfoten zu geben. wie Dr. Tarrach, Fanowski. Winawer. Rubinstein,. Bernstein. Tärtakower und viele andere. Die zuletzt ge^ nannten stammen aus Bolen, desgleichen das in letzter Zeit vielgenannte jugendliche Schachgenic Rzeszemski, Zu allen Zeiten und überall gehörten Juden zu den ersten unä besten „? HW' ""- '»mi. so d,1 ß mm sich tatsächlich gewöhnt bai. das Schachspiel als ein typisch „südliches Spiel", das Schachbrett als die Wahlstatt, die Arena des iüdis-cken Geistes und Verstandes anrufehen. Nnd merkwürdig. und das ist eine Lehre, die uns das Schachspiel für's Leben, und gerade für die heutige Zeit, geben kann: Zllle diese jüdischen Schachhelden waren geniale Angreifer und sind es noch, soweit sie heute im rosigen Lichte atmen. Sie zeigen, -atz die Kraft, die mit Selbstvertrauen. Umsicht und ■*. Mut angreist. schlietzlich triumphiert. Kein Nachgeben. kein Sichbeschränken auf eine ängstliche Verteidigung führen zum Siege, sondern eine kluge. Ausnutzung der Schwächen des Gegners und der wuchtige, starke Angriff mit allen Mitteln, die zu Gebote stehen. Wie es aber beim Schachivicl notwendig ist. die Theorie zu kennen lrnd d,c Lehren, welche die bisherigen Erfahrungen gegeben haben, io mutz auch der Jude draußen im Lebenskämpfe, will er mit Ehren bestehen, die Geschichte seines Voltes kennen, -eine Literatur und die Lehren seiner Religion, damit er all die gehässigen Verleumdungen sofort widerlegen, alle Anfeindungen und Angriffe zurückweisen, ja selber zum Angriff übergehen kann. Diesem Zwecke dienen die Vereine f ü r j ü d i s ck e Geschichte u n b Literatur die, deshalb mehr gefördert werden sollen und an deren geselligen Abenden auch dem edlen Schach, dem „jüdischen Spiel", eine Stätte cingcräumt werden soll. Die Pflege der jüdischen Geschichte und Literatur und die Pflege des Schachspiels, sind gleichsam Blüten, die einem un-ü ''äeur'-'-'^en B.-.nw ent>""pücn sind. „Am Raum der Menschheit - reiht sich Blüt' an Blüte", heißt >:S in einem bekannten Dichtermorte, und wenn diese edelsten der Blüten in der Judcnheit sorgsam gehegt und der Reise zugeiührt werden, werden sic sicher die schönsten Früchte tragen. Das Iudenbad M ^riedberq in Hessen. Aus einer Reise berührte ich das vberhesiische Städtchen Friedberg, das am östlichen Abhang des Taunus liegt und in d?e anschließende Ebene der fruchtbaren Wetterau hineinragt. Dieses Städtchen, das in ber Hohenstaufenzeit gegründet wurde und früher einmal freie Reichsstadt war. birgt in seinen Mauern eine Reihe historischer Denkmäler, wie z. B. die Aieichsburg, die heute Schulunterrichtszwecken dient, die L i e b f r a n e n k i r ch e, den Burggraben u. a. m Aber auch die verhältnismäßig stattliche jüdische Gemeinde von zirka 500 Seelen, die durch ihren Lehrer, H. Ehrmann nach den gemeindlichen Urkunden in das Jahr 1241 nachgewiefen ist, besitzt in dem „Judenbad" einen Zeugen jüdischer Sitte nnd Geschichte aus deutscher Vergangenheit, das zu den berühmten Kunstbaudenkmälern deS Kreises zählt und vom „Verein für Geschichte zur Erforschung der Altertümer und Denkmäler der Stadt" b esonders beschrieben und dargestellt ist.*) Es dürfte daher über das Lokale hinaus von allgemeinem jüdischen Interesse sein, wenn hierüber von einer Besichtigung das Folgende berichtet und damit der Sinn für jüdische Heimatkunst und -pflege geweckt wird. In der Judengasse, in der Nähe der Synagoge, erblickt der Besucher ein rotes Sandsteinhau» mit gotischem Spitzbogen, auf dem ein Schild „Historisches Bad" prangt. Dieses Haus hat der Architekt Hubert Kratz, der Erneuerer der Liebfrauenkirche, 1803 errichtet, als ihn die hessische Regierung beauftragte, das langsam dcm Verfall anheimgegebene „Jugendbad" auszupumpen und die schadhaften Stellen auszubessern. Heber die Oefsnung des Brunnengewölbes, die von einer achteckigen Doppellage von Sandsteinen umsäumt wird, führte der Architekt eine Ueberdeckuug durch Glas und Eisen aus. und der ursprüngliche Zugang zur Tiefe, ein kleines niedriges Gewölbe, wurde von ihm durch einen größeren Keller erweitert. Am Ende dieses Kellers, 3 Meter unter der Straße ist eine alte Eingangspforte, die einst durch ein eisernes Gitter verschlossen werden konnte. Hinter dem Eingang öffnet sich ein kleiner Einbau, wie dies bei ähnlichen Baudenkmälern der Fall ist, der jetzt aber zugemauert ist. Von oben erblickt man in einer Tiefe von zirka 24 Meter das Grundwasser. Man muß schon die beiden ersten Treppengänge hinuntersteigen, um sich bas ursprüngliche Bauwerk vorstellen zu können. Fünf Treppen zu je 11 Stufen führen über eingesvarte Nischen unter einschenkeligen Bogen in die Tiefe. Die nach der Wasserseite hin stehenden Gäulen sind, jedenfalls, um den Durchgang nicht zu eng werden zu losten, etwas weiter hinausgestellt. *) Bei Dreher „Friedberg L H. in Wort und BUS? Ein eisernes Geländer n> vierfacher Ansfübrnlür zieht sich | von Säule zu Säule bis ins Wasser. An den Steinen der j Treppcnwände und der Bogen, finden sich die gleiciien Stemmetzzeichen und Ornamente wie in der Liebsrauenkirche, so | daß die Bermutuna naheliegt, dah dieselben Steinmetzer | auch das „Judenbad" erbaut haben. Aber nicht nur allein diese äußeren Zeichen, sondern aus der ganzen Bauart der Bogen und der Verzierungen an den sreistehevdeii Säulen beweisen die historischen Kunstkenner, daß die Erbauer der Kirche auch das Bad errichtet haben. Die letzte, sechste Treppe ist heute meist mit Wasser bedeckt, das gewöhnlich einige Meter hochsteht. Es läßt sich jedoch erkennen, daß nach weiteren acht Stufen eine große viereckige Steinplatte ins Innere varspringt, die ursprünglich mit einem Gitter umschlossen war. Von ihr führen nochmals Linsen zum Grund in ein von Quadersteinen gebildetes Viereck. . Als das Wasser ausgepumpt war, zeigte ein Quaderstein in hebräischen Buchstaben den Namen Isaak Koblenz und darunter nochmals den Vornamen des Mannes^ Das bald einströmende Grundwasser hirtdette wohl den Steinmetzen» auch den üblichen Namen des Vaters des Erbauers hinzuzufügen. (Das Stadt. Museum zeigt einen Gipsabdruck der S t e i n m e tz z e i ch e n, der in lateinischen Lettern verzeichneten Jahreszahl und die S t i f t e r i n s ch r i f t.) Nach dieser kurzen äußeren Darstellung kämen wir zur Geschichte des „Judenbades" lMikwoh), wie im Mittelalter in einer jeden jüdischen Gemeinde eines vorhanden war und das an Flüssen und Bächen liegen mußte, oder, wie hier, bis zum Grundmasser hinavaeführt war. Steht durch die Inschrift der Jahreszahl M(T'LiX (1260) in einer der oberen Nischen das Entstehungsjahr des Tauchbades fest, so deutet der erwähnte Name im Quaderstein: Isaak Koblenz, ganz ebenso wie zwei im Besitz der Gemeinde befindliche Gebetbücher, die aus dem 18. Jahrhundert stammen, darauf hin, daß der Erbauer ein rheinischer Jude gewesen ist. Vor ungefähr 120 Jahren wurde das Bad seiner Bestimmung entzogen und an den damaligen Gemeindediener abgetreten. Die Gemeinde hat es in der richtigen Erkenntnis, daß eS sich um ein altehrwürdiges, kulturhistorisches Baudenkmal handelt, von den Erben zurückerworben. Jeder, den der Weg in das fünf Minuten von dem weltbekannten Kurort Bad Nauheim gelegene Frieöberg führt, sollte nicht verabsäumen, diesen jahrhunbertalteu Zeugen jüdischer Geschichte auf deutschem Boden zu besichtigen. Hermann L e v i. i

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