Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 38 (17.9.1926)
- Date
- 1926-09-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Oer tote Jude. (Forts.) Von Doris Wittner. Nachdruck verboten. — Copyright by Grethleio & Co., G. m. b. H., Leipzig. „Sire, ich bitte alleruntertänigst, die Bescheidenheit meiner Frau, die ihr selbstverständlich wohl ansteht (ein perfides Lächeln Sonninos ließ dabei die Frage offen, ob besagte Bescheidenheit Judith gebühre oder sie nur gut kleide), ist nicht eben so buchstäblich zu nehmen. Ihre Lebensansprüche sind hoch, höher, als sie wahrscheinlich selbst weiß, und auch ich glaube, nur nach einem flüchtigen Eindruck von Eurer Majestät ehrsamen Residenzstadt Kassel, daß die persönlichen Bedürfnisse einer Amsterdamer Patriziertochter in einem hiesigen privaten Logierhause schwer zu befriedigen sein dürften. Außerdem aber teile ich ebenfalls Eurer Majestät huldvolle Ansicht, daß meine weitverzweigten Finanzprojekte und geschäftlichen Obliegenheiten im Interesse Eurer Majestät nur dann sorgsame Beachtung finden könnten, wenn die unmittelbare Nähe meines Souverains mir jederzeit gestattet, ihm Einblick in die Affairen des Landes zu gewähren oder auch seine erhabene Billigung und Genehmigung selbst unverzüglich einzuholen. Insbesondere aus diesem zweiten, wichtigeren Grunde glaube ich die Meinung meiner Gattin nicht unwidersprochen lassen zu dürfen." Eine höfisch zeremonielle Verbeugung des neuen Hoffaktors hatte dessen Rede beendet, indessen Judith noch immer wie erstarrt dastand und nur eine leichte Schamröte ihr während der Worte ihres Gatten in die Wangen gestiegen war. Sie war sich bewußt, daß» in diesem Augenblick die Aufmerksamkeit des gesamten Hofstaates angespannt auf ihr und ihrem Manne ruhte. Aber mehr als das: sie wußte auch, daß der König selbst dieses merkwürdige, vor dem Angesicht d^r Majestät sich bekämpfende Ehepaar 'keinen Moment aus den Augen gelassen hatte. „Obwohl ich gerne die Wünsche Madames nach dem Buchstaben berücksichtigt hätte, freue ich mich dennoch, daß in diesem Falle unsere Meinungen — will sagen, die meinen und die Ihren, Herr Finanzrat — Zusammengehen. Für die räumliche Nähe, die Sie, Herr Hoffaktor, als im Interesse Ihres Berufes geboten erachten, wird Sorge getragen werden, und in der der begreiflichen Huldigung, die Sie den etwaigen Lebensansprüchen Ihrer Gemahlin, selbst da, wo sie selbst sie leugnet, darbringen, hoffe ich. mich nicht von Ihnen beschämen zu lassen. Ich habe also die Ehre, Madame et Monsieur Sonnino als Hausgenossen begrüßen zu dürfen." Ein weiterer Widerstand war unmöglich, darum nur erneute Verneigungen seitens des Ehepaares. Und es war vielleicht gut, daß Judith das Auge nicht mehr aufgeschlagen hatte, auf daß sie nicht wahrnahm, welch abgrundtiefe Verachtung den Blick befrachtete, womit König Jeröme seinen neuesten Hof- und Staatsbeamten — unter der Maske besonderer Gnade — maß. Judith ben Sonnino wurde trotz ihres Einwandes, daß sie von Hause aus eine alte Freundin und Lebensgefährtin mitgebracht habe, eine junge, elegante Gesellschaftsdame — Mademoiselle de Balincours — zuerteilt, die sie alsbald in die Bräuche des Hofes einführen sollte. Die Dame Würde -sich am nächsten Vormittag zu gegebener Stunde bei Madame Sonnino eig$qfisi4eQ haben. Auch sonst verfügte der König, daß dem finanzrätlichen Ehepaar reichliche Dienerschaft zur Verfügung gestellt würde. Judith hob das schwerlastende Lid nicht mehr, denn sie las durch den schützenden Vorhang über ihren dunklen Augensternen hindurch das Urteil der Welt, insbesondere dieser Welt, die sich nährte von höfischer Medisance, von Mißgunst, Ehrsucht und Neid auf jeden geringsten „Segen von oben . Sie hatte nicht umsonst in der Zwischenzeit an den Höfen von Wien und Paris, von Neapel und Mailand Gastrollen gegeben; sie kannte den Ruf, der der schimmernden Königsgestalt Jörömes voraneilte in alle vier Winde, und sie wußte darum, daß das in dieser Stunde über sie und ihren Mann fallende Urteil nicht anders lauten konnte als: Er: ein schlauer Fuchs und skrupelloser Streber, sie: die neue „Maitresse en titre". Das neue napoleonische Regime bildete den natürlichen Mittelpunkt all der Frauen, die durch Schönheit, Reichtum, Rang, Ansehen, hohe Geburt oder sonstige sinnfällige Vorzüge dazu berufen schienen, eine Stellung in der großen Welt einzunehmen. In eben jener großen Welt, um die Judiths Mädchenträume in kindlicher Vermessenheit gekreist hatten. Ihrem heißen Sehnen war schneller Erfüllung geworden, als sie jemals hätte ahnen können. Aber — um welchen Preis! — Des neuen Franzosenkaisers Grundsatz, das Faubourg St. Germain, den legitimistischen Feudaladel Frankreichs, mit der neu geschaffenen Aristokratie des Verdienstes zu verschmelzen, berief nicht nur in die Tuilerien, sondern auch in alle Schlösser der bonapartistischen Geschwister, desgleichen nach Malmaisons, St. Clouds und das Elysee den hochmütigen Prunk des ehemaligen Frankreichs gleichzeitig mit dem unerhörten Glanz der neuen Aera. Und all dieser Prunk und Glanz wurde vertreten, zur Schau getragen, zu tausendfältiger Ucppigkeit emporgetrieben durch — Frauen. Frauen, jung, schön, begehrenswert und begehrlich, ehrgeizig, eitel, gefallsüchtig, berechnend, reich an Tücke, erfahren im Weibeswerk der Intrigue, mit jedem Willen zur Macht ausgerüstet, zurückschreckend vor keinem Mittel, wenn nur des Zieles gewärtig. Der Kaiser wünschte, daß die weltliche Glorie des neuen Kaiserreichs und der ihm angegliederten Königshöfe alle anderen, übrig gebliebenen Monarchien Europas überstrahle. Und er heischte von den Frauen, denen er Titel, Würden, Ehren und Vermögen schenkte, daß sie seinen Willen in Tat umsetzten. Und nie hatten Frauen mit solcher Inbrunst zu gehorchen gewußt. Dem Kaiser in Paris aber eiferten seine über ganz Europa verstreuten gekrönten Geschwister nach. Und unter ihnen vielleicht mit der natürlichsten Begabung, die grandseigneurale Gebärden schon mit einer erstaunlichen Natürlichkeit übte und den Gedanken an ein Emporkömmlingstum kaum mehr aufzucken ließ. König Jeröme von Westfalen, das „enfant gäte" und „enfänt tcrrible" des bonapartistischen Hauses zugleich. Der Hof zu Kassel war darum nur ein getreues Konterleit des Hofesvon Paris, und in dem cytherischen Reigen, der daselbst geschlungen ward, mußte eine jede der tonangebenden Frauen eine Feindin Judith ben Sonninos werden, da der letzte Preis, um den das Wettrennen all dieser Amazonen des Parketts ging, die Gunst des Königs hieß. Die Gunst Jörömes als König, aber auch als —> Mann. Livrierte Pagen, vielflammige Leuchter zur Hand, geleiteten das Ehepaar Sonnino in seine — räumlich in der Tat der königlichen Wohnung eng benachbarten — Appartements. An den letzten Türen verabschiedeten sie sich mit höflichen Bücklingen und nur Duenna Philomea, Judiths Jugendgefährtin, sowie Gasparone, ein vertrauter Diener David Danlelos, der von seinem Herrn hochgeschätzt war, wohl weil es keinen noch so lichtscheuen Dienst gab, den dieser ehemalige Landsmann Sonninos geweigert hätte, und dessen spitzbübische Gaunerphysiognomie Judith hinwider von Anbeginn ihrer Ehe verhaßt gewesen, nahmen die neuen Schloßbewohner in Empfang. Duenna Philomea, die Judith ben Sonnino immer noch halb als Zögling, halb als Kind betrachtete, beeilte sich, der jungen Herrin die Pracht und den Luxus des neuen Heims zu weisen. Aber Judifji ging wie schlafwandelnd durch die Räume, ohne Interesse für die persönlichste Aufmerksamkeit, womit sie — offenbar auf Befehl des Königs — ausgestattet worden, und nur, als ihr Fuß die Schwelle des Schlafgemachs überschritt und sie wahrnahm, daß dieses Gemach wohl kein eheliches Schlafzimmer darstellte, sondern vielmehr nur das intime Heim einer Frau umschloß, entrang sich ein erleichternder Seufzer ihrer Brust, und mit ausbrechendem Jubel wandte sie sich an ihre getreue Philomea und gab ihrer Freude darüber unverhüllten Ausdruck, daß gerade dieses Zimmer ihr ureigenstes Besitztum, eine letzte Zuflucht vor Welt und Menschen zu bedeuten schien. Da sie sich mit keines Gedankens Anflug damit beschäftigt hatte, was unterdessen David Danielo wohl unternommen haben dürfte, hatte sie auch nicht wahrgenommen, daß er lauernd in ihrer Spur geblieben war und nunmehr mit unverhohlener Schadenfreude von der glückhaften Ueberraschung seiner Gattin Kenntnis nahm. „Sieh an, wie delikat von Seiner Majestät! Er hat uns getrennte Schlafzimmer angewiesen, just so, wie es wirklichen großen Herrschaften ziemt und (hier nahmen Sonninos eigentlich schöne Züge wieder jene hämische Fratzcnhaftigkeit an, die Judith seit ihrer Flucht mit ihm j 'kannte) was den hohen Herrn sicher besonders beglücken wird, er scheint ja in das Herzblatt deiner Wünsche getroffen zu haben." Judith würdigte ihren Gatten gar keiner Antwort, sondern wies statt dessen stumm mit dem Zeigefinger nach der Tür. Eine unmißverständliche Gebärde, der Sonnino zwar Folge gab, aber ohne den geringsten Anschein der Kränkung, vielmehr unter umständlicher Verabschiedung von seiner unzugänglichen Gattin, vor der er sich höhnisch tief neigte, und deren widerstrebende Hände er noch zu einem letzten Kuß an seine Lippen, zog. Und erst als Judith glaubte, daß seine ihr verhaßt gewordene Gestalt j den Raum schon vollends verlassen habe, traf sie aus! seinem Köcher der letzte giftige Pfeil: j „Und noch eines, Judith. Sollte Seine Majestät gei legentlich nächtlicherweile meines Rates bedürfen und I sich in der Türe irren — man kann von Königen nicht so j intime räumliche Kenntnisse ihrer Schlösser verlangen, — i so bin ich sicher, daß du ihm den rechten Weg zu mir weisen wirst, wiewohl duT selbst noch Nicht did Gnade j gehabt hast, mein eigenes Schlafzimmer in Augenschein zu nehmen. Gleichviel, ich vertraue dir und deinem nächtlichen Orientierungstalent, das ich selbst ja in huldvolleren Tagen zu erproben Gelegenheit hatte. Darum Gott und dem Genius loci dieses Schlosses bekohlest!" Judith war in Verachtung dessen, der zu ihr sprach, so undurchdringlich gehüllt, daß selbst seine letzte Infamie ihre Haut nicht mehr berührte. Und nur eine tote, scheinbar vor Jahrhunderten erstorbene Stimme antwortete gleichsam automatisch aus ihr: „Monsieur, wenn nicht der nächste Augenblick Sic bereits jenseits meiner Schwelle findet, so lasse ich allerdings die Lakaien des Königs rufen und Sie mit Hunden von diesem Boden hetzen, auf daß Ihnen das Wiederkommen ein für allemal vergeht. Ich hoffe, wir haben uns verstanden." Ob der geschmeidige Venezianer die letzten Worte ihrer schimpflichen Rede noch vernommen, mußte dahingestellt bleiben. Jedenfalls war die Tür zu ihren Gemächern lautlos zugefallen und sie befand sich allein mit ihrer getreuen Philomea, geschüttelt vom Ekel und gleich einem Kinde sich in Schlaf weinend aus Furcht vor dem, was die nächste Zukunft bringen würde. Diese nächste Zukunft barg zuvörderst weltgeschichtliche Ereignisse in ihrem Schoß, die das Weltall erheben machten. Wieder und wieder hatte der Tod die hohe Messe zelebriert. Auf den Schlachtfeldern von Aspern und Eßling, die dem Schlachten von Wagram vorangegangen, waren Hekatomben Menschenbluts dargebracht worden. Binnen wenigen Stunden war des Knöchernen gleichmachende Sichel über vierzig-, fünfzigtausend lebende Leiber dahingefegt und hatte sie des Heimatgrußes ihres großen Vaters, des Staubes, versichert. Auf den niederösterreichischen und ungarischen Ebnen, im Tirolischen und Bayerischen, in Vorarlberg, der Steiermark, im Polnischen, Böhmischen, Italienischen, auf den verschiedensprachigsten Gebieten schlug man sich in Eines Namen und um Eines willen. Und als dieser Eine in einer gewittergeladenen Nacht, da der Flammenmund und die Donnersprache des Himmels mit den Feuerschlünden und Kanonenstimmen von mehreren hundert Geschützen um grausen Wettstreit rangen, siebzigtausend Mann unter den Unbilden der rasenden Elemente und der feindlichen Kugeln zum Uebergang über den meeresbreiten Donaustrom zwang; fanden sich unter einer rotglühenden Morgendämmerung, die sich zu färben schien von dem Widerschein der in Feuersbrünsten lohenden Erde, auf der Ebene von Wagram Portugiesen, Italiener, Polen, Sachsen, Bayern, Rheinländer, Badener, Dalmatiner, Spanier zusammen, alle bereit, zu toten und getötet zu werden für den Einen, dessen Ziel sie nicht kannten, dessen Politik ihnen fremd war, und für den sie sich doch in die Spitzen der Bajonette stürzten unter dem Ruf: „Es lebe der Kaiser!" Viele von denen, die da in Reih und Glied traten, um des Lebens (oder des Todes?) zu lachen, umarmten sich zuvor in den jähen Ueberraschungen einer unerwarteten Wiedersehensfreude. Als sie sich das letztemal begrüßt hatten, war es — bei Austerlitz gewesen, Unterdessen hatten sie wohl, die einen im Osten« die anderen im Westen, die einen gegen den Norden, die anderen gegen den Süden gekochten, hatten es um sich herum sterben und verderben sehen und waren nun fürbaß erstaunt, Kameraden zu treffen, die des Krieges eisenzahniger Kiefer noch nicht dröhnend zermalmt hatte. Aber mitsammen jauchzten sie der Sonne von Wagram entgegen, wie sie der Sonne von Austerlitz entgegengejauchzt hatten. Und Er, der drei Nächte hindurch den Sattel seines Pferdes nicht verlassen hatte, vernahm den Kehrlaut seiner Lebensmelodei. Noch einmal, immer noch einmal: Sein! — Sein! — Der Sieg war sein! Erfurt hatte die Welt gelehrt, daß es einen König der Könige gab. Dort, wo. der gekrönte Soldat sie aufgerufen hatte, kurzerhand, im vTon eines unwilligen Präzeptors, der die Anwesenheit seiner trefflich gedrillten Schulbuben feststellen will: „König von Sachsen! (— hier!), König von Bayern! (— hier!), König von Württemberg! (— hier!)"; dort, wo Talma die Heroen des Altertums mimte und die Kaiser der Gegenwart sich zum Kuß über die Hand des neuen Herrn beugten; dort war es, wo der Wille, wohnen zu bleiben unter Ihresgleichen, die doch Seinesgleichen nicht waren, letzte Wurzeln faßt« in seiner Seele. Der Kaiser der Franzosen hatte die Scheidungsklage gegen die vom Papst gekrönte Kaiserin Josephine ein-, gereicht. Der Zar hatte Schwestern. Der Kaiser von Oesterreich hatte Töchter. Und es brach arger Notschweiß aus unter den europäischen Diplomaten. Die Talieyrand und Schwarzenberg und Metternich und Kurakin und Caulaincourt und Labords schwirrten wie aufgescheuchte Vögel aus leeren Nestern auf und nahmen Kurs gen Norden und gen Südosten. Aber es wehten widrige Winde, und sie verloren oftmals die Richtung. Im Königreich Westfalen trachtete man, dem Herrn der Welt nachzueifern, so gut es ging. Zwar war dem König Jeröme weniger an dem stachligen Lorbeer des Kriegsruhms gelegen als an dem Pomp und Prunk feudaler Verschwendung und an den süßen Freuden geheimer Minne. Das Staatsbudget Westfalens war, da häufig noch die unbequemen Kriegskontributionen des großen Bruders dazu kamen, nur von einem virtuosen Finanzkünstler, einem Prestidigitateur seines Faches im Gleichgewicht zu erhalten. Ueberdies durfte man nicht vergessen, bedurfte die Privatschatulle König Jerömes für seine Amouren und sonstigen kostspieligen Liebhabereien immer neuer und reichlicherer Zuwendungen, Gleichviel, woher sie flössen, sie flössen ein und König Jeröme pries sich glücklich, in dem Venezianer David Danielo ben Sonnino einen Höffaktor und Finanzagenten von ungewöhnlichen Graden gefunden zu haben. Und der Venezianer trug den Kopf hoch, immer noch höher, je deutlicher Volkswut und die Flüche der Ausgepreßten und Ausgesogenen sein Ohr und seine Seele trafen. Es gab wohl keinen Mann im Königreiche Westfalen, der verhaßter gewesen wäre als der jüdischvenezianische Finanzagent Sonnino. Aber nicht allein in Westfalen belauerte und bedrohte ihn ständig der ohnmächtige Zorn von Ackerbauern, Bürgern und Gewfefbti1 treibenden, Er tat auch zuweilen geheimnisvolle Reisen ins Rh e in 1 a n d . insbesondere nach den heiligen Städten Köln und Trier und Worms und Mains, vön denen er immer mit schweren Säckeln feinen Goldes heimkehrte. Aber auch in diesen Städten, obzwar sie dem Napoleon hörigen Rheinbund unterstanden, grüßten den „Herrn Nimmersatt", wie sein Spitzname allgemach lautete, der Haß von Christ und Jude. Insbesondere bekannt und verrufen war er in der Stadt der hundert Kirchen, in dem gebenedeiten Köln, alldieweil er von dort häufige Fahrten über die Grenzen tat nach Holland und Belgien oder auch nur hinüber nach der reichen und lebenslustigen, aber von alters her judenfeindlichen Stadt Straßburg, und seine Kreaturen dann jedesmal hochbeladene Wagen eingeschmuggelter Güter — unmeßbarer, Reichtümer — mit sich führten, für die er Freibriefe, „Laissezpasser" und Sonderausweise von hohen und höchsten Stellen beizubringen vermochte. Wenngleich er äußerlich die wider ihn gerichtete Stimmung zu mißachten schien, konnte er doch das immer stärker anschwellende Murren des Volkes nicht mehr überhören, und es befanden sich darum in seinem Geleite allzeit bis an die Zähne gewappnete Mannen, die ihren Herrn wohl gegen jeden Angriff zu schützen wissen würden. (Auch wenn er selbst nicht immer ein Panzerhemd über der bloßen Haut und den scharfen venezianischen Dolch im Gürtel getragen hätte.) Und Judith ben Sonnino? „Labelle Juiv e", wie man sie am westfälischen Hofe ehestens getauft hatte? Judith ben Sonnino war eigentlich nie unfreundlich, nie rauh, nie hochfahrend, gleich ihrem hoffärtigen Gatten. Sie war nicht ungeduldig oder ablehnend. Nur hatte ihre Art, zuzuhören, Mitgeteiltes aufzunehmen oder auch einer Bitte Gewähr zu leisten, allmählich etwas so beklemmend & Unpersönliches, Fernes und Fremdes bekommen, daß der, der erzählte oder bat, des Empfindens nicht frei werden konnte, zwischen ihm, dem Redenden selbst, und jener, zu der er rede — dehne sich des Weltmeers Unendlichkeit. Judith konnte lächeln und schenken. Aber wer ihr Lächeln und ihre Gabe empfing, erfror unversehens unter der erkühlenden Gnade. (Fortsetzung folgt.) Kalendarium für die Zeit vom 18. 9. d. 25.9.1926. September 1926 Tischri 8687 Sonnabend 18 Sonntag 19 Montag 20 Dienstag 21 Mittwoch 22 Donnerstag 23 Freitag 24 Sonnabend 25 10. Jom Kippur Ausgang: 6,58 Uhr 11. 12. 13. 14. Erew Sukkoth 15. 1. Tag Sukkoth 16. 2. Tag Sukkoth 17. Sabbat Chol. Ham. Hastarah: Ezechiel, Kap. 38,18 bis 23,39 SaVLat-Ausgang: 6,42 Uhr