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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-09-17 · 38 (17.9.1926) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
38 (17.9.1926)
Date
1926-09-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Märtyrer eines solchen Rechts gewesen. Man kann verstehen, daß es tief dafür fühlt. Obige Worte sollen zu verstehen geben, daß, wenn bas Judentum sich selbst treu bleibt und auf dem von den Propheten und besonders von dem größten von allen, dem „Zweiten Jesaja", geöffneten Wege fortschreitek, es nicht verfehlen kann, wirksam an den beiden höchsten Zielen der wahren Zivilisation zu arbeiten: dem sozialen und dem internationalen Recht, mit anderen Worten an der Versöhnung der Klassen und der Versöhnung der Nationen. Volksversöhnung und Völkerversöhnung: Professor Ludwig Guidde: Die meisten Inden werden das mehr oder minder deutliche Bewußtsein haben, daß sie. anders als die meiste-»! Menschen ihrer Umgebung, gleichzeitig zwei nationalen Kulturen angehören, jener des Volkes, inmitten dessen sie leben und mit dem sie durch Erziehung und Schl^salsgemeinschaft untrMnbar verbunden sind, und jener des Judentums, das über die ^ondesgrenzen hinaus eine Gemeinschaft darstellt. Auch wenn der einzelne Jude die konfessionelle,Gebundenheit innerlich oder auch äußerlich gelöst hat, wird — stelle ich mir vor — das Gefühl oer nationalen Gebundenheit bleiben, schon dadurch, daß die Tragödie des nationalen Schicksals sich immer wieder seinem Bewußtsein ansdringen mutz. Das doppelte Nationalbewutztsein des Juden erinnert an das des Schweizers, der mit dem vollen Bewutztseiner einer - deutschen, französischen oder italienischen Kulturgemeinschaft das starke schweizerische Nationalgefühl vereinigt. Und doch ist diese Zwiespältigkeit nationalen Empfindens beim Juden eine ganz andere als beim Schweizer; denn sie führt durch den Internationalismus des Judentums direkt ins Internationale. Darum sind die Juden die vor anderen berufenen Träger des Gedankens der Völkerverständigung und der Bölkerversöhnung. Sie spielen tatsächlich auch in der pazifistischen Bewegung eine große Rolle, nicht weil sie den Wert des Nationalen weniger zu schätzen wüßten als ihre vermeintlich reinrassigen arischen Volksgenossen, sondern weil ihre Doppelexisteuz sie über die Beschränktheit im Nationalen hinausführt. Nach meinen persönlichen Erfahrungen ist es mir ein Bedürfnis, erneut zu bezeugen, wieviel die Friedensbewegung — wenigstens in Deutschland — dem selbstlosen opferwilligen Idealismus jüdischer Mitkämpfer verdankt. Die Juden müssen in sich — wie jeder für sich persönlich — die Verschmelzung oder doch den Ausgleich nicht nur zweier nationaler Kulturen tdas wäre wohl nicht so schwer), sondern zweier Gesinnungen vollziehen. Manche,! scheint das in voller Harmlosigkeit wie eine Selbstverständlichkeit zu glücken. Bei anderen wird es ein nie ganz endender, unter Kämpfen und 'Schmerzen sich vollziehender Prozeß sein. Da eben sie auch die Opfer jeder Bolksverhetzung sind, macht neben innerer Nötigung auch äußere Not sie zu geborenen 'Kämpfern nicht nur für Völker-, sondern auch für Bolksversöhuung. Wer von ihnen ein wenig weiter denkt, muß zum Anwalt dieser Bolksversöhnuna nicht nur auf dem Gebiet des nationalen Zusammenlebens, sondern auch auf anderen sozialen Gebieten werden. Die Gehässigkeiten des Älassenkampfes und die des Rassenkampfes wachsen auf dem gleichen Boden unö entstammen der gleichen Wurzel. LandgerichtMrebtorDr. LudwiaStern-Llultaarl: Denn Liese Fragestellung besage» soll: was kann das Judentum zur BvIkSversühnung und Bükkerversöhnung tun — und anderkann Ich die Fragestellung nicht euffassen — so gibt es Lavauf meines Erachtens nur eine runde Antwort und diese lautet: nichts. Bolksversöhuung angesichts des Umistandes, daß Las deutsche Volk gespalten ist, wie kaum je im Lauf seiner wechfelvollen Geschichte, daß sich die Seide» Hälften, in die es zerfällt, zum Bürgerkrieg gerüstet in unversöhnlichem Hatz gegenüberstehen, daß von Monarchie zur Republik, von schwrrz-weiß-rot zu schwarz-rot-goLd, vom Reichsbanner zu vaterländischen Verbänden, von Feme zu Tscheka keine Brücke führt, daß alle Bersöhnungs- und Einigungsversuche an der Gewalt der Tatsachen, an den Weltanschauungsgegensätzen, um welche es sich hier handelt, hoffnungslos sche!tern müssen! Völkerversöhnung solanae der Frieden von Versailles in Kraft ist, solange fremde Truppen auf deutschem Boden stehen, solange der letzte Pfennig von hartherzigen Gläubigern aus dem deutschen Volke herausgepreßt und ohne daß ihm bis auf den heutigen Tag gesagt worden wäre, wie hoch sich denn nun eigentlich seine Schuld im ganzen beläuft. solange alle berechtigten Verwahrungen mit höhnischem Achselzucken znrückgewiesen werden! Und da soll nun das Judentum die Rolle öe§ Mittlers übernehmen, ausgerechnet dasselbe Judentum, welches überall auf Haß und Verachtung stößt, welchem gegenüber alle logischen und moralischen Begriffe unausgesetzt auf den Kopf gestellt und in ihr Gegenteil verkehrt enden? Ich halte diesen Gedanken für utopisch, und da ich unt demselben keine bestimmte Vorstellung zu verbinden vermag, so bin ich zu meinem Bedauern nicht in der Lage, über seine Ausführung ins einzelne gehende Vorschläge zu machen. F j Die jüdische Gegenwart Entdeckung einer tausendjährigen Thora-Handschrift. Nach einem soeben aus Leningrad eingetroftenen Telegramm hat der bekannte jüdische Gelehrte Pros. Lurie in Buchara in einem bisher vermauert gewesenen Winkel der dortigen uralten Synagoge eine etwa 1000 vVafjrc alte Bibelhandschrift, sowie andere sehr wertvolle Dokumente ausgefunden. Die Leningrader Akademie entsandte ihr Mitglied Professor Kokorvzew nach Buchara zwecks Prüfung der Funde. Pariser Brief. Ein Besuch beim Klub der jüdischen Jugend. — Zur Ermordung Petljuras. — Das Buch Professor Jzoulcts vor dem „Club du Faubourg". Paris, den 2. September 1926. Kürzlich statteten wir dem Pariser „Club de la Jeunesse Juive" (Klub der jüdischen. Jugend), welcher sein Sitzungslokal im Cafs „Au Canon" auf dem Bastilleplatze ausgeschlagen hat. einen Besuch ab. Der Präsident Albert Rubin, ein sorgsältia gekleideter junger Mann, empfing uns mit einigen verbindlichen Worten und „übergab" uns dann dem BereinSsekretär Nathan Schinkiewicz, welcher uns in entgegenkommendster Weise alle gewünschten Informationen erteilte. Der Club besteht seit zwei Jahren und zählt heute etwa 300 Mitglieder beider Geschlechts. Der Unterhaltungszweck steht gewiß nicht an letzter Stelle, aber „Hu'uo noble but mmlie votre plaisir". fo lautet feine Devise: ein edles Ziel reinige euer Vergnügen. Philanthropisches Streben ist ihm daher nicht fremd: er unterstützt die Armen, auch Klubkameraden, welche seiner Hilfe bedürfe», a. B. die Eingerückten. Das Geld für die Unterstützungen fließt ihm aus den MitgliedSbeiträgen. freiwilligen Spenden Gab den Ergebnissen von theatralischen und musikalischen Vorstellungen zu, welche nicht selten gegeben werden. So veranstaltete er *. B. Anfang Juli d. I. eine große artistische Soiree zugunsten der Militärdienst leisiendeu Kameraden, welche einen schönen musikalischen Teil enthielt: ferner wurden zwei Einakter in sehr gefälliger Weise gespielt. Eine bedeutende Rolle im Programm des Klubs spielen auch die Leibesübungen. Er ermutigt den Sport, veranstaltet Ausflüge, hält im 12. Arrondiffemeut. in der Rue de la Durance Nr. 5, eine modern ausgestattete Turnhalle und ein schönes Stadion in La Courneuve, unweit von Paris, und läßt von den Sportberichterstattern großer Pariser Blätter Borträge halten. Aber Borträge sportlicher Art sind nicht die euizigen; cs werden auch geistige Fragen behandelt. So hielt z. B. der bekannte jüdische Publizist lnichtjüdischer Abstammung) Aimö Palliare einen kontradiktorischen Vortrag gegen den Pater Sanson, welcher in der Pariser Notre-Dame-Kirche unter ungeheurem Zulauf eine Konferenz abgehalten hatte, in welcher er sich mit dem jüdischen und christlichen Glauben auscinandersetzte und den letztern natürlich moralisch höher stellte. Einen interessanten Bortraa über Kindererziehung hielt auch der jüdische General Weiller. Das, der Klub auch dem Tanzvergnügen huldigt, ist ja bei der heutigen tanzwütigen Strömung nicht weiter zu verwundern. Wir wurden durch den entgegenkommenden Empfang aufs angenehmste berührt und nahmen die freundliche Einladung, bald wiederzukommen, mit Vergnügen an. Bekanntlich wurde hier der ukrainische Hetman Petljura, ein Bannerträger deS Antisemitismus und Pogromstifter, vor einigen Monaten von dem russischen Juden Schwarzbarth auf der Straße erschossen. Die Pariser „Humanite" schreibt hierzu: „Der Untersuchungsrichter Peyre. welchem die Affäre Schwarzbarth übergeben wurde, hat hervorragende ukrainische und russische Persönlichkeiten vernommen, welche in die von Petljura angestiftetc Bewegung verwickelt waren und Gelegenheit hatten, die Ereignisse, welche sich von 1918 bis 1921 in der Ukraine abspielten, kennenzulernen. Herr Prokopowitsch. welcher vom 26. Mai bis zum 15. Oktober 1920 unter der Diktatur Petljuras Ministerpräsident der ukrainischen Republik mar, hat zugegeben, daß Pogrome stattgefunden hatten, und fügte hinzu, datz die Schlächtereien von Banden begangen worden sind, über welche der Diktator keine Gewalt hatte. Aber ein anderer Zeuge, Herr Goldstein, ein bekannter Advokat aus Petersburg, welcher sich im Jahre 1918 nach Kiew geflüchtet hatte, bezeugte, daß er. als er vom Ministcrpräsidiuln beauftragt morden war. eine Untersuchung über die Pogrome vorzunehmen, welche während der Machtergreifung durch Petljura vom 0. Dezember 1918 bis r>. Fcbruar 1919 iit der Ukraine stattgefunden hatten, scftstellcu konnte, daß während dieser Periode von zwei Monaten 50 000 Juden unter der Berantwortlichkcit Pctljnras hinge schlachtet worden waren. Schließlich gab Herr Koval. Professor in Praa lukrainischer Nationalität), dem Untersuchungsrichter bekannt, daß er persönlich vom General Petljura in den letzten Monaten seiner Regierung beauftragt worden sei, in Berlin und Paris mit jüdischen Persönlichkeiten Verhandlungen anzuknüpfen, um eine Propaganda für den Schutz der jüdischen Bevölkerung der Ukraine zu schaffen. Schwarzbarth, der Mörder Petljuras. welchen der Advokat Torres sowie Advokat Trne verteidigen, cntgegnete sofort. daß eine solche Mission, selbst, wenn sie aufrichtia gewesen wäre, reichlich spät gekommen sei und durch einen politischen Umschwung, welcher Sorgen finanzieller Natur entsprang, kommandiert morden sei. Die jüdischen Persönlichkeiten, mit welchen Koval verhandelt haben will, werden demnächst vom Untersuchungsrichter vernommen werden. Man wußte bereits, daß Petljura für zahlreiche Verbrechen in der Ukraine verantwortlich war: nunmehr ist erwiesen. daß er systematisch das Maffacre organisierte." — aufnimmt. Wir stellen uns Gott als Richter vor. unser innerster Adel sagt uns dies, wir können nicht glauben, daß Pflichterfüllung, Opfer, heroisches Tun nicht gewürdigt werden sollte vor seinem Thron. Und dann, wenn wir den Gedanken, alles n u r auf unser Verdienst zu stellen, in seiner ganzen Schrecklichkeit ersaßt haben, werden wir doch gewahr, daß noch etwas anderes in uns lebt: die Hoffnung und die Zuversicht auf die Liebe Gottes, die uns nicht verlassen wird, und die milde mit uns sein wird gemäß dem Wort, das zu Jona gesprochen wurde: „Mich sollte nicht jammern Ninive, die aroßc Stadt . . .'?" Das Wort Schlemihl. Die heutige landläufige Bedeutung dieses Wortes ist uns allen mehr oder minder gut bekannt. Wir verstehen unter einem Schlemihl einen ungeschickten und unglücklichen Menschen. dem nichts in der Welt gelrngt. „Ein Schlemihl bricht sich den Finger in der Westentasche ab. er fällt auf den Rücken und bricht sich das Nasenbein, er kommt immer zur Unzeit". lAus Chamissos Briefen.) Seinen jüdischen Ursprung verleugnet das Wort keineswegs, datz es eigentlich ein Name ist. willen wir größtenteils nur durch Chamissos Roman „Peter Schlemihls wundersame Geschichte". Durch dieses Werk har Cbamisso dem Worte Schlemihl. das vor^ her nur in der jüdischen Sprache gebraucht wurde, auch Eingang in die allgemeine deutsche Sprache verschafft. In Adalbert von Chamissos Buch verkauft Peter Schlemihl seinen Schatten, w'vö dadurch ab"-! u**i> unglücklich, und sucht sein ganzes Leben lang nach diesem verlorenen Glücke, dem Schatten. Die Verwandtschaft dieses Schlemihl mit seinem jüdischen Vetter, dem Unglücksraben, dessen unselige Tölpclhastigfeil ihn. der im Grunde schuldlos, in Mühen irnd Unglück stürzt, ist unverkennbar. In der Tat hat Chamisso für seinen Peter den „Familiennamen" von dem jüdischen Schlemihl entlehnt, dessen Name ja ein Symbol geworden, worüber er uns einiges in seinen Briefen erzählt. Noch genaueres über die Geschichte des Wortes Schlemihl erfahren wir ans Heinrich Heines „Hebräische Melodien". Da er manche Nacht über den Ursprung dieses Wortes nachgedacht lso sagt er im 1 Kapitel), und er ihm doch so unbekannt geblieben wie des heiligen NUes Quellen, wandte Heine sich an Chamisio, und suchte Auskunft bei dem „Dekane der Säilemible". Daß Chamisso ihn aber nicht befriedigen konnte und an den Kriminalrat Hitzig, der ehemals Jtzig hieh, ver-' wies, ist von Heine als Hinweis dafür angewandt worden, daß Chamisso den „Schlemihl" aus dem Judentum entlehnt habe. Ferner hat Chamisso eine Sage zur Grundlage genommen, Heine aber wollte ihre Quellen erforschen. Bon Hitzig will Heine folgendermaßen die Geschichte Schlemihls erfahren haben: In der Bibel ist zu lesen, Als zur Zeit der Wüstenwanderung Israel sich oft erlustigt Mit den Töchtern Kanaans Da geschah es, datz der Pinhas Sähe wie der edle Simri * Buhlschaft trieb mit einem Weibsbild Aus dem Stamm der Kananiter. Und alsbald ergriff er zornig Seinen Svecr und hat den Snnv> Auf der Stelle totgestochen — Also heißt es in der Bibel. Also heißt es tatsächlich in der Bibel und ist zu finden im Numeri XXV, Kapitel 6. Heine fährt dann fort: Aber mündlich überliefert Hat im Volke sich die Sage, Datz es nicht der Simri war. Den des Pinhas Speer getroffen. Sondern, datz der Blinüerzürnte. Statt des Sünders, unversehens Einen ganz Unschuld'gen traf, Den Schlemihl ben Zuri Schadday. — Dieser nun. Schlemihl I., Ist der Ahnherr des Geschlechtes Derer von Schlemihl. Wir stammen Bon Schlemihl ben Zuri Schadday. Von dieser Sage also stammt das Wort Schlemihl und seine Bedeutung her, die wir schriftlich niedergelegt im Talmud finden. Im Talmud, wo die Vertauschung der beiden Personen nicht bekannt ist, ist Schlemihl der Pechvogel, der etwas, was jedem anderen hingeht, teuer zu bezahlen hat. Die Bolkssage erhöht noch sein Unglück, indem er für den Fehler eines anderen büßen mutz. Dieser Schlemihl I. ist auch der Ahnherr des Peter Schlemihl gewesen. Mit der einfachen Deutung von Chamissos „Peter Schlcmihl" sind eine Reihe von Gelehrten nicht zufrieden gewesen. Sie vermuteten eine tiefere symbolische Bedeutung dahinter, und unternahmen Dentungsverfuche in der verschiedensten Richtung. So glaubte eine Gruvpe der Interpreten in Chamissos Biographie die Grmiblage für sein Werk annehmen zu müssen. Schlemihls Schattenlosigkeit sei der Ausdruck für Chamissos Vaterlandslosigkeit: gleich Chamissö wandert Schlemihl Peter ruhelos umher, in der Hoffnung, sein verlorenes Glück, die Bodenständigkeit, wiederzusinden. Zuerst aufgestellt wurde diese Meinung von Hüser, 1847, in seinem Programm „Wie Chamisso ein Deutscher wurde" und hat seither viele Anhänger gefunden. Eine andere Gruppe legt den Schlagschatten als die Achtung und das Vertrauen der Menschen aus. Der Schattenverlust soll also das Anshören derselben bedeuten. Auch Auslegungen ähnlicher Art sind hierbei vorgenommen worden. Berühmtheit, Talent sind dem Menschen zum Glücke notwendig: das ist der Schatten, den er wirft, und fehlt dieser plötzlich, so wird der Mensch unglücklich. Diese Ansicht glauben viele hier bestätigt zu finden, während wieder andere Peters Lebenslauf für die Verkörperung der Meinung halten: der Mensch, der nicht nach der Schablone der übrigen geschaffen ist, erregt Mißtrauen und Mißachtung. Eine dritte Art der Interpretation hat Scherer in seiner „Geschichte der deutschen Literatur" fixiert. Seine geistreiche Auslegung lautet: Der Schatten ist, genau gejagt, in Chamissos Intention die Fähigkeit, zu scheinen, oder in der von Walzel geprägten besseren Formulierung: Der Schattenverlust bedeute, die Unfähigkeit zu scheinen. Chamissos „Peter Schlemihls wundersame Geschichte" hat Schule gemacht. Jenseits der Grenzen Deutschlands wurde der schattenlose Peter von allen Deutschen verlangt, und bald wurden Uebersetzungen in fremden Sprachen veröffentlicht. Eine wahre Schlemihlmode begann hereinzubrechen, die sogar soweit ging, daß man Mobelamven, die keinen Schatten hatten. Lampen ä la Schlemihl benannte. In Königsberg wurde einem neuangelegten Garten, der viel besucht würde, obwohl er noch keinen Schatten spendete, der Name „Schlemihls Garten" beigelegt. Mit „Peter Schlemihl" fand das Wort Schlemihl Eingang in die literarische Welt und Sprache und konnte nun auch in der Umgangssprache gebraucht werden, ohne für „Jargon" zu gelten. Vor Chamisso kam das Wort Schlemihl außer in der schon erwähnten Bolkssage und im Talmud auch in der Bibel vor. hat aber hier nicht die „Schlemihl"bedeutung. Lediglich als Namen eines Feldherrn begegnen wir diesem Wort in der Form Schelumiel an mehreren Stellen. Die sprachliche Bedeutung des Wortes aufzudecken, sind mehrere Wege eingeschlagen worben. Eine Gruppe von Philologen nimmt an, datz das Wort Schlemihl, entstanden aus dem biblischen Schelumiel: mein Friede ist Gott, bedeutet. Dieser Ansicht ist wohl auch Chamisso gewesen, da er einmal erklärt haben soll: Mein Schlemihl hat doch seinem Namen Ehre gemacht, so friedlich mitten irr dem Krieg zu debütieren. — Unzweifelhafter ist sein Ausspruch: Schlemihl oder besser Schlemiel ist ein hebräischer Name und bedeutet Gottlieb, Theophil oder aime cke Oieu. Diese Uebersetzung des Namens ist nicht ganz einwandfrei, da nach Ansicht der meisten Gelehrten der Stamm des Wortes Schlemihl verwandt ist mit scholaum-Friede: die Uebersetzung des Namens Schlemihl in einen deutschen müßte also ungefähr Gottfried ergeben. Eine andere Auffassung bringt das Wort Schlemihl mit Schlemassel zusammen. Schlemassel soll nach einer Deutung aus dem deutschen schlimm und dem hebräischen massel- Glück entstanden sein. Es soll also schlimmes, schlechtes Glück, Unglück bedeuten, entsprechend dem französischen malheur. Nach anderer Deutung ist es die Kürzung von schclo lemaisel und heißt: daß. nicht zum Glück, möge es nicht zum Glück gereichen, ist also ein Fluch. L)em Worte Schlemihl begegnen wir in der OeffentlrchkeM noch einmal um die Wende des vorigen Jahrhunderts. ts ist der Name eines von Juden herausgegeveuen jüdischen litzblattes. das bis etwa zum Kriege erschien. Seitdem sorgt die intime und Familiensprache dafür, baß der „Schlemihl" unserer Nachwelt erhalten bleibt. Rahel Lipschütz.

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