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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-09-17 · 38 (17.9.1926) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
38 (17.9.1926)
Date
1926-09-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Lurch Gestaltung des Versöhnungsgedankenein eminentes Kulturwerk leiste«, und wird stets volksuud völkeroersöhnend wirken. Damit dient sie zugleich einem uralten indischen Gedanken, der schon bei den Propheten seinen leuchtenden Ausdruck gefunden hat. Die jüdischen Künstler müssen deShalL auch auf das lebhafteste die Verpflichtung fühlen, im Sinne dieses Friedensidealzu wirten und der Verhetzung und Verketzerung entgegen zu arbeiten, die sich leider heute auf allen Gebieten breit und das Leben so unharmonisch macht. Dr. Hugo Zwillenberq: Die Bedeutung des Versöhnungstages liegt in der Läuterung der Seele zum inneren Frieden. Möchte doch das Judentum sich auf diesen Eivigkeitsgedanken besinnen und an die Stelle des inneren Kampfes den Geist der Versühnung treten lassen! Dann werden diejenigen, die das Judentum höhnen und schmähen, erkennen daß Frieden in den eigenen Reihen, der in dem Gemeinschaftssinn seinen vollendetsten Ausdruck findet, die 'Grundlage für die Volks- und Völker- 'i.iersöbnung bildet. Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil-Berlin: Der Sinn der religiösen Idee unseres Kulturpreises, und ganz besondcrs des Judentums ist im Gegensatz zu den Gew a l t th e o r i e u vergangener Epochen aus die friedliche, a u f Nächstenliebe gegründete Arbeit gerichtet. Diese Pflicht der Nächstenliebe wird von dem einzelnen im engen Kreise der Familie und Freunde erfüllt. Politisch wird sie zu einem sittliche n P o st u l a t. das sich an die Staaten und die Allgemeinheit wendet. Dem einzelnen Bekenner dieses Glaubens wird durch das Gebot friedlicher Arbeit nicht die Lebenstüchtigkeit für -den mleutbchrlichen Kampf der widerstreitenden Interessen genommen. Auch dem Staat kann die Geltendmachung seiner Lebensnotwendigkeiten nicht verwehrt werden. lind leider ist unsere Zeit von der Erstellung des messianischen Ideals, bei dem die Austragung von Gegensätzen durch Gewaltmittel als ein Akt überwundener Barbarei gilt, noch weit entfernt. Aber schon ans dein Wege zu dem Humanitären Ideal des Judentums bleibt für den Staat und die einzelnen vieles zu tun, ehe das weit gesteckte Ziel erreicht ist. Dieser religiös-ethische Gehalt des Judentums deckt sich in seiner Anschauung von der Zusammengehörigkeit der einzelnen Volksschichten und der Verbundenheit der einzelnen Staaten durchaus mit dem politischen Interesse, das die in fast der gesamten Ä'ultnrwelt lebende Indenheit als Minderheit hat. Nicht in fruchtloser Oppositionsstettnug, sondern als zur Mitarbeit bei den Ausgaben der Staaten bereiten Volksteil sehen mir die Inden in allen den Staaten, in denen die Verleihung der staatsbürgerlichen Rechte ihnen mit dem Recht auch die Pflicht der Ueüernahme staatsbürgerlicher Aufgaben aufgebürdet hat. Eine uniforme politische Haltung dabei können die Juden der verschiedenen Länder, und können die verschiedenen Inden in den einzelnen Ländern nicht cinnehmen. Dazu sind Grundanschauung und Temperament. Charakter und Lebenserfahrung zu. verschieden. Aber dem Wertgehalt des religiösen Judentums kann nur der in staatlichen Aufgaben tätige Jude gerecht werden, dem als höchstes Ziel für das eigene Staatswcsen die Bereinigung aller Bevülkerungsschichten zu einer größtmöglichen Zahl von gemeinsamen Ausgaben vorschwebt, und der im Leben der Völker ihren Zusammenschluß zur Verhinderung des kriegerischen Austrags von Interessengegensätzen fördert. Die Bindung nach möglichst vielen ideellen und materiellen Richtungen hin zum Zwecke der Hervorbringung der höchstmöglichen Leistung in friedlicher Arbeit ist das jüdische Ideal der Vülrerversöhnuna. So ist Judentum, Volks Versühnung uno B ölkerversöhn ung ein harmonischer Drei klang, bei dem, wie im wahren Akkord, die einzelnen Töne zwar in verschiedener Höhe schwingen, aber schon in ihrer Verschiedenheit die Elemente des Zusammenklingens in sich tragen. Nur durch den Z u - sammenschlutz wird der gewaltige Akkord hervorgebracht, zu dem der einzelne Ton auch bei aller seiner Stärke nicht werben kann. Ernst Lissauer: Der Gedanke liegt nahe, und er wird oft ausgesprochen, daß die Juden als solche in besonderem Maße befähigt und berufen seien, an der Versöhnung der Völker, an der Befriedung Europas und der Erde überhaupt mitzuwirken. Diese Einstellung scheint nicht möglich, wenn man sich — ohne sein Judentum nach schlechtem Brauch voranfgegangener Generationen zu verbergen oder abzuschwören — durchaus als Teil des Voltes fühlt, in dessen Boden und Atmosphäre man unausrodvar wurzelt. Die Versöhnung der Völker ist heute die Aufgabe jedes Men schen, er sei, wer er sei, sofern er nicht die Sintflut aus Blut, EiI und Gas verschlafen hat. Zumal für Europa, das winzig eingepreßt liegt zwischen der wachen Macht Amerikas und der erwachend dumpfen Gewalt Asiens und — in zweiter Linie — Afrikas, ist Ausgleich und Zusammenschluß schlechthin eine Notwendigkeit, eine bei Strafe des Todes und Untergangs zu lösende Ausgabe. . Schwieriger steht cs um die Frage der Volksversöhnung. Die politischen Gegensätze innerhalb des deutschen Volkes sind grauenhaft kratz und grell, und der deutsche Jude wird von diesen Feindschaften gleichsam in der Potenz betroffen: wo immer er stehen mag, sein Judentum steigert die Feindschaft der Gegner. Und selbst das redlichste und sachlichste Bemühen kann die Vorurteile radikal rassenmäßig eingestellter Fanatiker nicht beseitigen. Wir Juden müssen Mittel und Wege finden, um die abwehrenden Schriften nr die Kreise zu leiten, zu denen sie sprechen sollen, und wir mtissen mit besonderer Sorgfalt und Schärfe auf die Korruptions- und anderen Verfallserscheinungen im Bereich des Judentums achten, eben um der exponierten Stellung willen, die ihm nun einmal durch weltgeschichtliche Schickung eignet. Wenn ich ein Wort von mir selber sagen darf: als deutscher Schriftsteller wende ich mich in Dichtungen nnd Schriften an die G e s am t h e i t der Nation, mid als deutscher Schriftsteller jüdischen Stammes, indem ich beide Elemente in völliger Unbefangenheit getrost sich auswirken lasse, versuche ich durch Tatsache und Beispiel eben die Verbindung und Versöhnung des deutschen und des jüdischen Elements darzutnn, darzuleben. Wie gering meine Kraft, wie bescheiden das Ergebnis sei, dies scheint mir unverriicklich und unentrinnbar Ziel und Aufgabe.' Professor Theodore Reinach-Paris: Mau macht sich immer ein wenig lächerlich, wenn man sich selbst zitiert, aber die Umstände erfordern es manchmal. So z. B. ist es mir nicht möglich, auf die Aufforderung der „Jüdisch-liberalen Zeitung" mit klareren Worten zu antworten, als indem ich einige Zeilen des Büchleins wieüergebe, das ich im Jahrü 1884 salß» vor 42 Jahren) unter Lem ein wenig gesuchten Titel: „Geschichte der Israeliten" veröffentlichte sgraacke naortalis aevi spatium) und das Glück hatte, vier Auslage» zu benötigen. Auf Sette 88« desselben, nachdem ich die Ansicht widerlegt hatte, daß die zerstreut lebenden Juden kein patriotisches Gefühl besäßen, sagte ich folgendes: „Der jüdische Patriotismus hat. trotzdem er noch neu ist, so verebtes Zeugnis abgelegt, daß kein Zweifel an seiner Aufrichtigkeit bestehen kann. Gewiß, er beruht nicht auf einem blinön, ererbten Instinkt, er hat seinen Ursprung in vernunftmäßiger Inspiration und Ueberlegung, er rührt von der Begeisterung eines dankbaren Herzens her. Ist er deshalb weniger rein, weniger wert? Man könnte wohl behaupten, er ist deshalb vielleicht reiner und edler. Denn schon sein Ursprung besagt, daß er natürlicherweise frei ist von all den sogenannten „nationalen" Vorurteilen, und frei von allem mit der Muttermilch eingdsogenem Haß. Diese verderben gar zu oft den Patriotismus und' verwandeln ihn in der Seele des redlichsten Menschen in einen albernen, hochmütigen Chauvinismus. Gerade weil so viel Juden Freunde. Verwandte, Famimienertnnerungen in mehr als einem Teile der Welt haben, ist mit ihrer Anhänglichkeit an den Hcimatsboöen weniger Ungerechtigkeit, weniger Ab sprechendes verbunden. Wie jene Heldin des antiken Theaters kann der Jude sagen: Mein Herz lebt, um zu lieben, nicht um zu hassen. Er würdigt, er liebt sein Vaterland, ohne aus Vorurteil die anderen zu verleumden. Besonders lehnt er es nicht ab, sich über sie zu unterrichten. Wenn er sie selbst kennt, unternimmt er es zuweilen, seine Mitbürger über sie zu belehren. Er dient alsdann als ... Bindeglied, als Dolmetscher unter den Zivilisationen, die sich oft hassen, weil sie einander nicht kennen. In einem Zeitalter, wo so viel Elemente dazu beitragen, die. Völker zu teilen, ist es da so schlecht, wenn unter ihnen einige sind, die Annäherung, wenn nicht Verbindung wollen?" Ich habe an diesem Abschnitt nicht ein Wort zu ändern. Er hat mir natürlich einen Hagel von Schimpfreden seitens der Drnmont und Unter-Drumont aller Art eingebracht. Aber einige Jahre später war ich glücklich, die hauptsächlichsten Gedanken meines Buches in einem Buche des genialen Israel Zang« will, des erst jetzt Bewunderten, wiederzufiuden — einfaches Zusammentreffen. „Der Jude", so schrieb er irgendwo, „hat mit allen Völkern gelebt, und er hat durch seine Fähigkeit, am Leben aller teilzunehmen, indirekt bewiesen, daß sie alle Brüder sind." Das internationale Recht, die einzige starke Grundlage des internationalen Frieders, ist nur ein Sonderrecht. oder, wenn man so sagen will, eine Rcchtserweiterung. Das Recht in den Beziehungen der Bürger desselben Landes untereinander ist auch eines der beliebten Themen des Judentums: mau kann sagen, daß es nicht allein das Grundprinzip der Moral, sondern auch des Prophetenglanüens ist. Diese halten die Gerechtigkeit für das hauptsächliche Gottesatttibut', für die Hauptaufgabe des Gläuüigeitz^üie höher einznschätzen und wichtiger ist als das Gebet und das Opfer. Und dieses Recht — sich habe es an anderer Stelle gejagt: „Das prophetische Jndenkrm und was die Merkchen von heute erhoffen."» ist nicht ein trockenes, strenges Gesetz, das gemeiniglich mit dem NamenP-harisäertnm bezeichnet wird, sondern ein Recht, das ganz von Erbarmen durchtränkt ist, das an erster Stelle die Verteidigung der Armen und Liebe zu den Hilflosen setzt. Das Judentum ist während seiner laugen Geschichte nicht allein der Apostel, sondern der Hastara Jona. Rabbiner Tr. Ig n az aybau m. Bingen a. Rh. In den Nachmittagsstunden des Dersöhnungstages wird uns ittefer Prophetenabschuitt nörgele,cri. Ten Charakter des Versöhn ungstagcs bestimmt der Gcrjchtsgedanke. „Raufch-haschonoh wird cs eingeschrieben. und am Iaumkippur wird cs besiegelt." Das ist der den Tag beherrschende Gedanke. düster und ernst überschattet er alles mit der Nr engen Forderung: Tn stellst vor deinem Richter! In dieses heilige, aber schreckliche, das Gewissen aufwühlende 'Tuntel. das der Liturgie dieses Tages eigen ist. dringt mit der Botschaft des Propheten Jona ein Lichtstrahl, der nicht nur durch den Gegensatz, sondern durch sein wirklich rührend Helles Lichi auf die äußerste Angcspannihcit beruhigend, tröstend, verheißungsvoll einspricht: „Mich sollte nicht jammern Ninive, die große Stadt, in welcher sin» mehr als l2000(1 Menschen, die noch nicht rechts und links zu unterscheiden wissen, und io vieles Vieh?" Mitten in dieses unerbittliche Entweder-Oder des Bestehcukönnens oder des Verworfenwerdeus das Erbarmen, das grundlose Erbarmen, das kein Mehr oder Weniger üeS Verdienstes kennt, sogar das Vieh gnädig mit cinschlicßt, das Erbarmen, das restlos alles umfaßt. Dem Judentum wurde immer vorgeworfen, daß der Gerichtsgedankc mit seiner Strenge in die Religion etwas Finsteres, Atcmbcklemmendcs bringe. Anstatt diesen rigorosen Ing voll anzuerkennen, der doch notwendig vorhanden sein muß. wenn die sittliche, den Menschen nie sreigebcndc Forderung mit dem Gottesbegriff verbunden ist. zeigte man, was auch gar nicht übersehen werden kann, daß sich mit dem Gerichtsgedauken der Liebesgedanke eng verbindet. Was aber viel wichtiger ist, ist das. daß her Liebesgedanke am richtigen 'Orte steht, daß er gleichsam nicht zu früh kommt und die Religion zu einem vcranworlmigsloscn Optimismus nmgestaltet. Dieses schnelle Verzeihen eines Mcnschentnpus, der ^das Einte in seiner Erhabenheit gar nicht selicn kann, das Schlechte also-gar nicht verurteilen kann, dieses schnelle Verzeihen ist von der echten Liebe sehr weit. Nnd andererseits ist das strenge Verurteilen, das aus der verletzten Seele des für das Gute Begeisterten stammt, weit entfernt vom Haß. da es in aller Strenge nichts anderes ist denn gekränkte Liebe. Das Verzeihen har nur dann Wert, wenn es durch das Entsetzen über den Verstoß hindurchgegangen ist. Wer sich dieses Entsetzen ersparen will, wird nie missen, was an nbcrgnellcnder Liebe im Verzeihen steckt. Nichts ist falscher, als in diesem müden Ausspruch: alles verstehen heißt alles verzeihen, moralisches Pathos zu suchen. Dieses anarchische Alles-verstehen-könncn ist kein Verzeihen. Es bedeutet vielmehr dem. für den es bestimmt ist, eine Beleidigung, weil es ihm das Schlechte als selbstverständlich zutraut. Das Schlechte selbst darf auf keinen Fall entschuldigt werden, dadurch kommt erst die aktive Liebcstat der Verzeihung zur Geltung, die das Schlechte absondert von dem, der es tat. Dieses Verzeihen ist eckte Siebe und kein müdes die Augen-Zudrücken. weil es die Kraft hat. den Menschen in seinem höherxn Sein anzuerkenne.n, obwohl das Schlechte seines Tuns, das nicht entschuldigt wird, die Anerkennung schwer macht. Erst die Verzeihung, die zu diesem höheren Sein nordringt, ist non Wert, sic allein stammt aus der Liebe. Ter geistige Akt also, der im Verzeihen liegt, zeigt Liebe, und Verantwortlich-machen tatsächlich in sich vereinigt. Gott ist die Liebe. Diese Botschaft wurö^ von der christlichen Apologetik dem Judentum entgegengehaltev. als ob die jüdische Religion sic nickt in unzähligen Dokumenten selbst enthielte. Dieses Mißverständnis, wenn es ein ehrliches war, und das wird in vielen Fällen doch der Fall gewesen sein, kommt ohne Zweifel daher, daß die Siebes- Üotschast im Alten Testament für den, der vom Neuen Testament kommt, sicher andere Züge trägt. Der jüdische Liebesgedanke verdrängt nicht, wie dies bei Paulus, der der neutestamcntalischen Religion ihr Gepräge gegeben hat, der Fall ist: den Rechtsertigungsgedanken. Gott ist dein Richter. Dies schwebt dem jüdischen Frommen in nicht zu überhvrbarer Weise ständig vor und gibt seinem Leben einen strengen Zug. Immer bewegt er sich zwischen Segen und Fluch. Man fühlt, daß diese Welt etwas Großes an sich hat, das ihr genommen würde, folgte sie dem Ruse. «S sich leicht zu machen. Daß Gott die Liebe ist. daß Gottes Sonne gnädig scheint über Sünder und Gerechte, ist die dabei immer festgehaltene Wahrheit, die aber doch nicht zur Nivellierung der Unterschiede gut und schlecht, erhaben und gewöhnlich, edel und gemein führen darf. Dieser „liebe Gott", der alles gut sein läßt, nichts fordert und nichts verurteilt, ist die Geburt einer Zeit, die von Gott sehr weit weg ist. ES scheint, von der jüdischen Frömmigkeit aus gesehen. Gotteslästerung. in Gott die das menschliche Tun in Anspannung haltenden, entweder freisprechenden oder verurteilenden, sittlichen Maßstäbc auSgclöscht zu denken. All< Anstrengungen heroischen Tuns, all die Leistungen und Entsagungen, die in treuer Gefolgschaft auf ein großes Ziel hin aufgebracht werden, all die Bemühungen, das persönliche Leben der sittlichen Forderung gemäß zu gestalten, all dies sollte gleichgültig und unwichtig sein? Wenn das Religion heißen darf, so ist es jene, die Nietzsche konstruiert hat fund die cs in dieser Form geschichtlich nie gegeben hat), die Religion der Sklaven, in der die Schwäche zum Verdienst, der Mangel an Aktivität zur Demut, die Gleichgültigkeit dem Gemeinen gegenüber zur Milde umgelogen wivd. Wird durch die Vorstellung, daß Gottes Liebe uns alle und unö immer umfängt, ob wir sie verdienen oder nicht, die Aktivität abgetötet, das Streben nach dem Hohen dadurch vergiftet, daß der Würde, die in diesem Streben liegt, der Wert aberkannt wird, so ist mit dieser Verirrung in die Religion eine Friedhofsstille eingebürgert, die auf Gesunde «it frischem, warmem Blut beklemmend wirkt. Dar Judentum läßt solche FriedbofLstille nicht Einzug halten in seine Religion. es lullt die Gläubigen nicht «in. sondern rüttelt sie streng aus. »erlangt nnd fordert mit dem ständigen Hinweis auf den Berg, da man segnet, und de« Berg, da man flucht, treibt sie von Tat zu Tat. und eS entstcht dieser Ernst, in dem Menschen kämpfen nnd Opfer bringen, es fick schwer machen und Entsagungen tragen, ein Ernst, der Wert hat. und anerkannt werden muß. denn Gott ist gerecht. Aber gerade an dem Tage, an dem nach dem Festkalender der jüdischen Tradition das menschliche Schicksal abgewogen wird und die betende Gemeinde die demütige Haltung solcher emnimmt. die das Urteil des Richters erwarten, an dem Tage ist es die Botschaft der uneingeschränktesten Liebe, die ihr verkündet wird: „Mich sollte nicht jammern Ninive, die große Stadt, in welcher sind mehr als 1:20000 Menschen, die noch nicht rechts und links zu unterscheiden misten, mrd so vieles Vieh?" Das ist dje Liebe. Nicht solche, die nach Verdienst fragt, sondern die verschwenderisch ausguellende Liebe, die keine Würdigen und keine Verworfenen kennt, die niemanden und nichts, keine Menschen und kein Tier ausschlietzen will, die Liebe, die groß ist wie Gott. Ist bas nicht ein Widerspruch? Lehrt das Judentum, Gott richtet, und das tut es, dann ist die Liebesboischaft ein Widerspruch zu der Lehre vom göttlichen Richter. Denn die echte Liebe richtet nie. so wie die echte Gerechtigkeit sich nicht bestechen lasten kann. Wenn das Judentum alio beides lehrt, das Gericht und die Liebe, so ist es ein Widerspruch .für die Vernunft, die entweder den Gedanken der absoluten Gerechtigkeit zu Ende denkt, dann alle Liebe von ihr ausschließen muß, oder mit dem Gedanken der absoluten Liebe die Unterschiede des Verdienstes nicht mehr bestehen lassen kann. Der Schrei des nach einer umfassenden Moral ausschauenden Denkers Nietzsche: wo ist die Gerechtigkeit, die Liebe und die Liebe, die Gerechtigkeit ist? kommt aus der Verzweiflung der menschlichen Vernunft, die nur eines, entweder die Gerechtigkeit oder die Liebe uneingeschränkt sich vorstellen kann. Die jüdische Religion, weil sie beides, sowohl die Gerechtigkeit als auch die Liebe sich als die vereinigten Eigenschaften Gottes vorstellt und beide daher als unbedingte Ziele für das menschliche Handeln hinstellt, folgt hier den unwegdeutbaren Angaben des religiösen Erlcbnistes, obwohl sic mit dieser Doppeltheit die geschlossene Einheit, die die Vernunft -des Menschen fordert, durchbricht. Nietzsche stürmte über die hier der Vernunft gesetzte Grenze hinaus und stammelte die Worte „Christus mit der Nosenkrone" und ,ck>er gekreuzigte Dionysos". Er wollte die Idee der Liebe, die nichts fordert und nur selig schenkt, und die der Gerechtigkeit, die die Würde strenge trennt von dem Gemeinen, zusammen d e n k e». Das aber ist unmöglich. Das Judentum bescheidet sich zu zeigen, daß die Frömmigkeit beide Ideen in ihrer Absolutheit in Gott angesetzt, sie aber in einen Begriff zusammenzufassen, versucht es nicht. Jona ist also nach menschlichem Verstände im Recht, wenn er verdroffen ist, die Botschaft der strengen Gerechtigkeit Gottezu bringen, da er weiß, wie sehr diele Botschaft in aller Wahrheit unvollkommen ist. Als gläubige Juden müssen wir unser Handeln ständig unter den nach gut und schlecht richtenden Gesichtspunkt stellen, dürfen aber doch nicht verzweifeln ob der Aussichtslosigkeit. Endgültiges zu erreichen, und müssen unsere Hoffnung auf die Liebe GotteS richten, der «ns in aller Unvollkommenheit gnädig

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