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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-09-17 · 38 (17.9.1926) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
38 (17.9.1926)
Date
1926-09-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Mit Beiträgen von Rabbiner Dr. Max Dienemann / Professor Hermann Kantorowiez Profeffor Max Liebermann / Ernst Liffauer / Profeffor Ludwig Guidde / Walter von Molo / Profeffor Theodore Reinach / Landgerichtsdirektor Ludwig Stern / Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil / Dr. Hugo Zwillenberg. In diese« Tagen ist Deutschland unter allgemeinem Ausatmen der Welt Mitglied des Völkerbundes geworden. Zu gleicher Zeit hat auf der Dresdener Tagung der deutschen Industrie der Großindustrielle Silverberg zu sozialer Versöhnlichkeit aufgerufen. Versöhnung zwischen den Völkern ist das Merkmal des ersten Ereignisses. Im Zeichen der Volksversöhnung steht das zweite. Beide Gedanken sind wohl, nächst dem von der MnHeit Gottes, die hehrste Ueberlieferung des Judentums. Sie finden seit Jahrtausenden im Iaum Kippur iilWM ergreifenden Ausdruck. Wjr glaubten daher, der Bedeutung dieses Tages am b^ten dadurch gerecht zu werden, daß wir uns an führende Männer des Geistes, der Kunst und der Wirtschaft mit der Bitte wandten, uns ihre Gedanken über das Thema Judentum, Volksversöhnung, Völkerversöhnung kuudzugeben. Wir haben die Freude, im folgenden eine Reihe bedeutungsvoller Antworten zu veröffentlichen. * * Rabbiner Dr. Max Dienemann-Gfsenbach: Es bedarf im Judentum ja nicht erst des Bersöhuungstages, um die Idee der Volksversöhnung und der Völkerversöhnung reifen zu lassen, sie ist ein so selbstverständlicher Bestandteil der messianischen Idee, daß sie mit ihr das Denken des Juden prägt und erfüllt. Aber am Versöhnungstage tritt sie mit besonderem Nachdruck noch hervor. Nicht daß sie etwa in eigens dazu geformten Worten als wichtige Forderung hingestellt wurde, dazu ist sie zu selbstverständlich, aber es gehören zur Gefühlswelt des Bersöhnnngstages so manche im Gottesdienst erklingende Worte, die in ihren Voraussetzungen und Auswirkungen den Gedanken der Volks- und Völkerversöhnung immer wieder aufs neue in die Seelen der Gläubigen einpflanzen. Der Gottesdienst des Abends beginnt mit dem feierlich vorgetragenen Bibelsatz: „Vergeben wird der ganzen Gemeinde Israel und dem Fremdling, der in ihrer Mitte wohnt, denn bei allem Volk war es nur Versehen". Zweierlei gibt dieser Satz: er erzählt, daß in den Zeiten, in Lenen Israel seinen eigenen Bolksstaat hatte, sogar der Fremde, der im Lande wohnt, in die allgemeine Versöhnung einbezogen war. Und wenn nun, so müssen wir den Gedanken weiterspinneu. selbst der Fremde in die Versöhnung eingeschlossen war, wie selbstverständlich muß cs da sein, daß ein Band der Versöhnlichkeit alle die einschlietzen muß, die durch eigenen Willen, durch Geschick und durch gemeinsames Erleben zu einer Schicksalsgemeinschaft zu sammengefügt sind! Daß kein Unterschied sein darf zwischen den Gliedern eines Volkes in Wertung und Ansehen! Und ein Zweites: „denn bei allem Volk war es nur Versehen/nur Irrtum", sagt das Bibelwort, mit dem der Versöhnungstag eingeleitet wird. Welch ein unausdenkbares Glück wäre es doch, wenn die rn diesem Satz sich ausprägende Gesinnung überall vorhanden * wäre, nämlich bei dem Arideren vorauszusetzen, daß sein Tun. sein Deinen, wenn es uns mißfällt, Irrtum ist und nicht BosnnlllgkeiL. Unser Unglück heut, im Staatsleben und im: tn* nerjüMWett Leben ruht darin, »atz ieder voraus etzt. der Andersdenkende sei ein Mensch böswilliger, schlechter Gesinnung, plane die Zerstörung des Ganzen und wolle sie. Es wäre der sicherste Schritt zur Volksversöhnung, trüge ein jeder etwas von dem Geiste in sich, der ans dem Worte „bei allen war es nur Irrtum" widerstrahlt, ginge ein jeder von k ' .n Bewußtsein aus, daß der Andersgerichtete, der Mensch der anderen Partei von der gleichen heißen Liebe zum Ganzen, von dem gleichen Willen zur Erhaltung und zum Aufbau beseelt ist. Versöhnungstag und Volksversöhnung, sie gehören untrennbar zusammen. Ein Leitsatz des Tages ist: Der Versöhnungstag bringt nur Verzeihung für die Sünde, die der Mensch vor Gott begangen hat, die, die er gegen den Mitmenschen begangen hat. findet erst dann Verzeihung, wenn er ihn versöhnt hat. Es gibt keine Versöhnung mit Gott, ehe man nicht mit dem Nächsten sich ausgesöhnt hat, es hat keinen Zweck, von einer abstrakten Idee der Versöhnung zu reden, von der Versöhnung der Gegensätze theoretisch schöne 'Worte zu machen, von der Einheit, die notwendig ist, damit das Ganze gedeihe zu sprechen, so lange nicht Mensch mit Mensch sich innerlich verbunden hat. solange man mit Bewußtsein Gegensätze der Klasse und des Blutes herausarbeitet und verewigt. Kraft und Größe des Volksganzen wird n^cht auf dem Wege errungen, daß man den einen herabsetzt in Ansehen und Geltung, dem anderen das Recht verkümmert, sondern nur dadurch, daß man jeden heranzieht und allen mit dem gleichen Recht und der gleichen Möglichkeit des Dienstes die gleiche Verantwortlichkeit und gleiche Würde zumißt. Versöhnnngstag und Völkerversöhnung: In fünf große Gebetsgruppen gliedert sich der Gottesdienst des Versöhnungstages, in einer jeden erklingen die Worte des heißen Gebetes: , „möchten doch alle Menschen einen Bund bilden, deinen Willen zu tun mit ganzem Herzen". Kann es eine stärkere Betonung der Hoffnung auf Völkerversöhnung geben? Sie überragt alle pazifistischen Bestrebungen der Gegenwart, denn sie geht nicht wie diese zumeist von dem Gedanken der Nützlichkeit aus, daß es für die Völker nützlicher und einträglicher sei. sich nicht zu bekriegen: Nützlichkeit kann nicht erwärmen und begeistern. Nützlichkeit ist wandelbar. Unsere Versöhnungstagsbetomrng der Völkerversöhnung aber geht aus von dem einzig Ewigen und Festen, dem Glauben, daß zu dem einen Gott die eine Menschheit gehört, die einig ist in dem Willen, das Leben als eine von Gott gesetzte, zu Gott hinführende, an Gott sich richtende Aufgabe zu betrachten. Das ist die einzige mögliche Begründung der Völkerversöhnung, sie ist unabhängig von allem Wechsel und Wandel der Politik und Wirtschaft, sic wurzelt in Gott, sie lebt in der Ewigkeit. Waller von Molo: Vom nötigen Versöhnunqsfesl. Ich bin als Katholik geboren (unsere Familie ist seit je katholisch gewesen). im Laufe meines Lebens und Arbeitens fand ich zu Luther und damit zum Protestantismus, und dann führten mich meine Arbeiten zum Studium des Alten Testamentes, zum Kern des Judentumes, des Katholizismusses und des Protestantischen. Damit ist schon gesagt, was ich sagen muß: Unser Ethos ist das Ethos des Menschen an sich vorn Nomadenzustand bis heute. Christus war ein jüdischer Reformator und Jude, Luther war ein katholischer Reformator und „Katholik" — der Gottesdienst aller drei Konfessionen hat eine sehr sichtbare gemeinsame Wurzel von der Stiftshütte her bis heute —- wer Kultur hat, verträgt sich, und das ist nicht nur in Deutschland so. Professor Hermann Karttorowicz-Freiburg: Den religiösen Sinn des Versöhnungsfestes zu beleuchten sei Berufeneren überlassen: wir halten uns nur an die politisch-soziale Beziehung, die in der Tat „Judentum — Volksversöhnung — Völkerversöhnung" eng verknüpft. Zn diesem Zwecke müssen wir zunächst die grundlegende Scheidung des Judentums in Ost- und Westjudentnm vornehmen, natürlich ohne die moralische Einheit zu verkennen, zu der Religion oder Abstammungsbewußtsein die ganze Judenheit verknüpfen. Aber hier wollen wir vom Westjudentum sprechen, also denjenigen Inden, die keine andere Muttersprache sprechen als die der Böller, zu denen sie gehören, und auch im übrigen deren staatliches, politisches und kulturelles Schicksal geteilt haben und weiter teilen wollen. Die Westjuden, z. B. die deutschen, dänischen, holländischen Juden bilden innerhalb ihrer Völker einen Stamm, also eine geschichtlich-kulturelle und mundartliche Einheit, und zwar einen „Grenzstamm", dessen Angehörige auch in anderen Staaten Vorkommen, wie z. B. die Friesen. Zu fragen, ob jemand ein Jude, oder aber ein Deutscher, ein Däne, ein Holländer sei, ist ebenso unsinnig, als die gleiche Frage an einen Friesen zu richten: er ist natürlich immer beides, und neben seinem Judentum zugleich Deutscher. Däne oder Holländer, wie der Friese zugleich Deutscher, Däne oder Holländer ist. („Grenzstammtheorie".) Unser deutsches Volk, das infolge seines Kardinalfehlers, der Unduldsamkeit, so tief nach allen Richtungen hin gespalten ist, in dem sich auch die Stämme so gehässig bekämpfen wie sonst nirgends in Europa, wird zu einer V o l k s v e r s ö h n n n g nur gelangen, wenn es auch dem deutsch-jüdischen Stamme mit Duldsamkeit begegnet, statt mit Haß: denn man kann nicht die Seele gegen einen Teil der Volksgenossen mit Hatz und gegen andere Teile mit Liebe erfüllen: der Haß verändert die gesamte Struktur der Seele, und wer den Juden haßt, wird auch alle anderen Konkurrenten oder Gegner oder überhaupt Andersartige hassen. Neben dieser passiven Bedeutung der Bolksversöhnung für das Jndeutnm steht aber die aktive: auch innerhalb des delltsch-jüüischen Stammes bekämPfen sich die einzelnen Richtungen, z.B. Zionisten und Nichtzionisten, mit abstoßender Gehässigkeit. Möge das Versöhnungsfest, das ja ein Tag der ^elbsteinkehr ist, in jedem Inden den Entschluß wecken, hier beispielgebend voranzugehen. Nur Völker, die durch betätigte innere Duldsamkeit zur'Volksversöhnung gelangt sind, werden auch das große Werk der B ö l k e r v e r s ö h n u n g vollbringen können. Auch hier fällt den „Grenzstämmen", und ganz besonders dem über die wichtigsten Völker verbreiteten Grenzstamm des Westjudentums, eine beispielgebende Aufgabe zu. Genau wie der deutsche, der dänische, der holländische Friese und ebenso der deutsche, der französische, der schweizerische, der österreichische Alemanne treu zu ihrem Volkstum stehen und doch dabei das gemeinsame Stammesbewnßtsein Hochhalten, so mögen es auch die Westjuöen in aller Welt tun. Es gilt zu zeigen, daß nationale und internationale Gesinnung sich nicht aufheben, sondern voraussetzen. Professor Max Liebermann: Niemals war die Mahnung zur Versöhnlichkeit notwendiger als in diesen Tagen. Auf allen Gebieten menschlichen Lebens, in der Politik, in 'der Wissenschaft, in der Kunst, nicht - zu vergessen auch auf religiösem Gebiet mutz der Ausgleich der Gegensätze in Angriff genommen werden. Der Kunst fällt hierbei eine besondere Aufgabe zu. Sie. Sie die edlen Regungen -es Menschen wecken soll, kann t

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